Marsch durch die Institutionen

Frauen im geistlichen Amt: Auf Kanzeln sind sie selbstverständlich – in Leitungsfunktionen allerdings weniger

Vor 60 Jahren in Deutschland noch undenkbar: Frauen auf der Kanzel sind in den evangelischen Landeskirchen inzwischen Normalität. Und auch Freikirchen ­öffnen sich mehr und mehr für Pastorinnen. (Foto: epd-bild/Norbert Neetz)

Vor 60 Jahren in Deutschland noch undenkbar: Frauen auf der Kanzel sind in den evangelischen Landeskirchen inzwischen Normalität. Und auch Freikirchen ­öffnen sich mehr und mehr für Pastorinnen. (Foto: epd-bild/Norbert Neetz)


Vor wenigen Wochen hat der Bund Freier evangelischer Gemeinden beschlossen, dass in der protestantischen Freikirche Pastorinnen tätig werden können. Anlass zu einer Bilanz.

Es war eines der großen Themen, die der Protestantismus im 20. Jahrhundert kannte: die Einführung der Frauenordination. 1991 hatte die letzte Landeskirche der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die kleine Evangelisch-Lutherische Landeskirche von Schaumburg-Lippe, den Weg für Pfarrerinnen/Pastorinnen frei gemacht. Mittlerweile sind laut der 2009 erschienenen EKD-Broschüre »Zahlen und Fakten zum kirchlichen Leben« 7196 der 22636 evangelischen Theologen im aktiven Dienst der 22 Landeskirchen weiblich: Die Frauenquote beträgt derzeit also 31,8 Prozent.

Erst kürzlich bat der bayerische Landesbischof Johannes Friedrich die Frauen seiner Kirche um Entschuldigung: Die Landeskirche habe ihnen über lange Zeit verwehrt, »das gleichberechtigte Zeugnis von Jesus Christus ausrichten zu dürfen«, sagte der Theologe, der auch leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) ist, Ende September bei einem Gottesdienst aus Anlass des 75-jährigen Jubiläums des bayerischen Theologinnenkonvents in Nürnberg. Die Kirche habe Schuld auf sich geladen, »indem sie Männern und Frauen in der Nachfolge Jesu nicht den gleichen Wert und die gleichen Möglichkeiten geräumt hat, wie es der Glaube an Jesus Christus geboten hätte«.

In Führungsämtern ist das freilich immer noch der Fall: Nach den Rücktritten von Margot Käßmann und Maria Jepsen ist die mitteldeutsche Bischöfin Ilse Junkermann derzeit die einzige leitende Geistliche in der EKD. Und auch auf der Ebene der Regionalbischöfe und Generalsuperintendenten sind Frauen unterrepräsentiert, sieht man einmal von der Potsdamer Generalsuperintendentin Heilgard Asmus, der Münchener Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler und der hannöverschen Landessuperintendentin Ingrid Spieckermann ab.

Die Gründe dafür sind vielfältig – vor allem aber liegt es daran, dass die mit der Kandidatenfindung beauftragten synodalen Gremien keine Frauen aufstellen. So wie bei der nächsten anstehenden Bischofswahl, jener in Hannover, wo sich mit dem Berliner Generalsuperintendenten Ralf Meister und dem hessen-nassauischen Diakonieexperten Wolfgang Gern, zwei Herren um die Nachfolge von Margot Käßmann bewerben.

Ähnlich ist die Situation in den Freikirchen: Mittlerweile ordinieren fast alle in Deutschland aktiven Freikirchen Frauen zu Pastorinnen. Und ihre Frauenquoten gleichen sich immer mehr jenen der Landeskirchen an – mit einer bemerkenswerten Ausnahme: In der von William Booth gegründeten und seiner Tochter Evangeline fortgeführten Heilsarmee sind die Frauen in der Mehrheit. 57 Prozent aller in Deutschland stationierter Heilsarmee-Offiziere (gleichbedeutend mit Pastoren) sind Frauen und 43 Prozent Männer, bestätigte ein Sprecher des Nationalen Hauptquartiers im vergangenen Jahr.

Und es sind die Methodisten, die mit Rosemarie Wenner die neben Ilse Junkermann zweite evangelische Bischöfin in Deutschland haben, während es bei den Baptisten mit der Theologin Regina Claas mittlerweile eine Generalsekretärin gibt (die den Baptistenbund nach innen und außen vertritt).

Selbst die Kirchen, die lange mit ­einer Entscheidung für die Frauenordination zögerten, denken mittlerweile um: Im September beschloss der Bund Freier evangelischer Gemeinden auf seinem Bundestag es ­seinen Gemeinden freizustellen, ob sie Pastorinnen ordinieren oder nicht. Anders ist die Lage noch in der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), die derzeit so wie ­russlanddeutsche Brüdergemeinden keine Frauen ordiniert. Doch auch in der SELK gibt es mittlerweile eine ­lebendige Diskussion über die Einführung der Frauenordination, deren Befürworter in ihrer Kirche freilich noch keine Mehrheit haben.

Benjamin Lassiwe

Frauenordination in Deutschland

Kirchen, in denen Frauen Pastorin/Pfarrerin sein können:
  • Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) mit 22 Mitgliedskirchen, ca. 25 Millionen Mitglieder
  • Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden/Baptisten (BEFG), ca. 84000 Mitglieder
  • Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden, ca. 50000 Mitglieder
  • Evangelisch-methodistische Kirche (EmK), ca. 57000 Mitglieder
  • Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP), ca. 44100 Mitglieder
  • Bund Freier evangelischer Gemeinden (FeG), ca. 37000 Mitglieder
  • Alt-Katholische Kirche, ca. 15000 Mitglieder
  • Evangelische Brüderunität/Herrnhuter Brüdergemeine, ca. 6200 Mitglieder
  • Die Heilsarmee, ca. 4000 Mitglieder
Kirchen, in denen Frauen nicht Pastorin/Pfarrerin sein können:
  • Römisch-katholische Kirche, ca. 25,2 Millionen Mitglieder
  • Orthodoxe Kirchen, ca. 1,3 Millionen Mitglieder
  • Brüdergemeinden, ca. 45000 Mitglieder (geschätzt)
  • Russlanddeutsche Gemeinden, ca. 30000 bis 40000 Mitglieder (geschätzt)
  • Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche (SELK), ca. 35600 Mitglieder
  • Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten, ca. 35400 Mitglieder

(GKZ)

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