»Wir hoffen, dass die Vernunft siegt«

Russland: Offiziell stehen die Lutheraner der ELKRAS zur Frauenordination – doch unumstritten ist sie nicht
 
In ihrer Heimat gelten sie als Exoten. Oder als Avantgarde. Die zwölf Pastorinnen der ­russischen Lutheraner trafen sich im Erfurter Augustinerkloster zu ihrer ersten ­Theologinnenkonferenz.
 
Bis diesen Mittwoch waren die zwölf Pastorinnen der Evangelisch-Lutherischen  Kirche in Russland und anderen Staaten (ELKRAS) in Erfurt erstmals zu einer gemeinsamen Tagung zusammen. (Foto: GAW)

Bis diesen Mittwoch waren die zwölf Pastorinnen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland und anderen Staaten (ELKRAS) in Erfurt erstmals zu einer gemeinsamen Tagung zusammen. (Foto: GAW)

Auf Einladung des Gustav-Adolf-Werkes in Leipzig waren sie vom 25. September bis 7. Oktober gekommen: Ein Dutzend Pastorinnen, die mit insgesamt 104 Pastoren und Predigern Dienst tun. Ihr Arbeitgeber heißt offiziell »Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland, der Ukraine, in Kasachstan und Mittelasien«. Eingebürgert hat sich indes die Bezeichnung ELKRAS. Sie steht für »Evangelisch-Lutherische Kirche in Russland und anderen Staaten«.

1999 beschloss die aus den Wurzeln deutschstämmiger Lutheraner hervorgegangene ELKRAS eine Kirchenordnung, in der es heißt: »In der Evangelisch-Lutherischen Kirche können grundsätzlich alle Ämter und Dienste Männern und Frauen übertragen werden.« Als erste Pfarrerin wurde Inessa Thierbach ordiniert, heute Pröpstin im Ural-Gebiet. Doch nicht nur bei Orthodoxen oder Katholiken, auch in der eigenen Kirche sind die Frauen im Talar nach wie vor umstritten.

»Frauen als Pastorinnen müssen sehr viel Mut haben«, fasst es Olga Temirbulatowa, Pfarrerin der Gemeinde in Samara an der Wolga, zusammen. Oft spürten sie, dass sie nur »aus der Not heraus« akzeptiert würden. Die Kirche mit derzeit rund 120000 Mitgliedern, von denen allerdings nur etwa 20000 Kirchensteuern zahlen, finde zum Beispiel kaum Männer, die sich für wenig Geld etwa in eine sibirische Gemeinde schicken ließen. Denn diese verfügten meist noch nicht einmal über eigene Gebäude, geschweige denn über eine Pfarrwohnung.

Viele, vor allem der älteren männlichen Kollegen, entstammen zudem der Tradition der »Brüdergemeinden«. In den Zeiten der Verfolgung fanden sich in den kommunistischen Straf- und Arbeitslagern die Laien-«Brüder« zusammen, beteten gemeinsam und legten die Bibel aus. So überlebte der lutherische Glaube. Die Kehrseite: In den Brüderkreisen herrscht vielfach eine schlichte Theologie mit wortwörtlichem Bibelverständnis und der entsprechenden Ablehnung von Frau­en in kirchlichen Leitungsämtern. Manche der Frauen fühlt sich von baptistischen oder sogar orthodoxen Geistlichen eher akzeptiert, als von den eigenen Kollegen.

»Wir spüren, dass der Beschluss zur Ordination von Frauen auch ­kippen kann«, sagt eine Pfarrerin aus Tadschikistan. Das Beispiel der lettischen Lutheraner, die erst vor wenigen Jahren die dort eingeführte Berufung von Frauen in geistliche Ämter stoppte, wirke auf manche Vertreter in der Synode sehr verlockend. »Wir hoffen, dass in unseren Männern die Vernunft siegt, weil sonst an vielen Stellen die geistliche und diakonische Arbeit gefährdet ist«, sagt unter lauter Zustimmung eine Pastorin aus Sibirien.

Der Kampf gegen Traditionen ist auch auf einer anderen Ebene nötig. Denn in »Russland und anderen Staaten« gibt es immer weniger Russlanddeutsche. Eine Öffnung der Kirche für die jeweils einheimische Bevölkerung ist nötig. Und gewollt: »Wir sind keine deutsche Gemeinde! Das müssen wir auch unseren eigenen Leuten immer wieder sagen«, betont etwa Maria Goloshschapova aus dem Kaliningrader Gebiet. »Wir predigen auch nur noch russisch, aber wir singen und beten oft in Deutsch«, hält Olga Temirbulatowa dagegen. »Denn das sind unsere Wurzeln, zu denen wir stehen müssen.« »Was sind unsere Wurzeln?«, fragt sofort eine Kollegin zurück.

»Glaube oder Sprache?« Russlands Lutheranerinnen jedenfalls bleiben in der Diskussion nicht bei der Selbstbespiegelung stehen.

Harald Krille

Bookmark and Share
mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de ist ein Angebot der Kirchenzeitungen GLAUBE UND HEIMAT (Weimar/Magdeburg) und DER SONNTAG (Leipzig)

Für diesen Artikel ist der Bereich für Lesermeinungen geschlossen.