Einer muss sich plagen

2. Oktober 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Martin Luther, der große Sprachmeister – ein Vorbild für heutige Prediger. Ein Gemälde von Willem Linnig d. J. (1842–1890).

Martin Luther, der große Sprachmeister – ein Vorbild für heutige Prediger. Ein Gemälde von Willem Linnig d. J. (1842–1890).

Ein Vortrag von Wolf Schneider über Luthers Deutsch.

Er ist der große alte Mann der journalistischen Sprachlehre, ein glühender Verfechter der klaren und einfachen Worte. Durchaus naheliegend, dass man ihn eingeladen hat zum Kongressthema »Luthers Deutsch und unser Beitrag«. Der Auftakt zum 1. Mitteldeutschen Kirchentagskongress in der Lutherdekade 2017 darf als gelungen bezeichnet werden. Gut 80 Zuhörer lauschten in Halle am 24. September den Sprachanalysen von Wolf Schneider. In der Aussprache manchmal fast introvertiert leise, in der Sache aber laut und fordernd, nimmt es der Journalist mit Predigten von teils prominenten Bischöfen und weniger bekannten Predigern auf.

Die Urheber bleiben anonym, doch das Urteil des »bekennenden Atheisten« fällt drastisch aus: »Ich habe in zehn von 13 Predigten nichts gefunden, wovon ich mir vorstellen könnte, dass es irgendeinen Kirchgänger interessiert, amüsiert oder engagiert hätte. Das heißt, die durchschnittliche deutsche Predigt bleibt hinter Luther zurück.« Warum ist das so? Luther hatte es leichter, sein Studium fand in Latein statt, eine akademische deutsche Sprache gab es noch nicht. »Wer heute Theologie studiert erlernt eine Sprache, die er freundlicherweise in der Kirche niemals mehr verwenden sollte. Eine Sprache mit Abstraktionen und ­vielsilbigen Wörtern, die im normalen Wortschatz nicht vorkommen.« Und Schneider tritt mit der Analyse der 13 Predigten den Beweis an.

Da hat er in »Familienstrukturen« eine »Verhältnisbestimmung« im »Eucharestieverständnis« mit hoher »Versöhnungsbedürftigkeit«, offenbar in »Diskrepanz« zur »Apostolizität«, gefunden. Ein kleiner Katalog sprachlicher Grausamkeiten kommt da zustande, für den der bei Schneider häufig zu ­hörende Lehrsatz gilt: »Einer muss sich plagen – der Leser oder der Schreiber!« Und an anderer Stelle erklärt Schneider: »Luther hat richtig hart gearbeitet.«

Schneider analysiert nicht nur. In 25 Sachbüchern hat er bisher aufgezeigt, wie es besser geht. Überzeugend die Erklärung, dass Sprache für die Ohren gedacht ist, nicht zum Lesen. Das leise Lesen ist eine neuzeitliche Erfindung. »Wir lesen immer mit den Ohren!« Noch um 1500 haben Mönche grundsätzlich laut gelesen, in Universitäten wurde von den Professoren laut vorgelesen – »Vorlesung« heißt es bis heute. Jede Predigt muss ­zuerst die Ohren erreichen.

Schneider geht von einem natürlichen Instinkt für Sprache aus. Und er wirbt ­unermüdlich dafür, diesen zu entdecken, sich an Vorbildern wie Luther, Heine, Kafka, Freud und Böll zu orientieren. Den meisten Deutschlehrern, aber auch Sprachakrobaten wie Thomas Mann und Günter Grass sagt er den Kampf an um eine verständliche Sprache. 16 Jahre leitete Wolf Schneider die Hamburger Journalistenschule, war Verlagsleiter beim Stern, Chefredakteur der Welt und Mo-
derator der NDR-Talk-Show. Noch heute schreibt der 85-Jährige für GEO und die Süddeutsche Zeitung.

Was rät der engagierte Honorarprofessor heutigen Predigern? Wird verständ­liches Deutsch den Schwund in den Kirchen aufhalten, gar umkehren? »Eine Predigt von einiger Substanz kann mit ­guter Sprache etwas gewinnen und mit schlechter Sprache alles verlieren.« Unruhe und einzelne Proteste kommen auf, als Schneider eine vermeintlich gerechte Sprache verdammt, die an Berufsbezeichnungen und Anreden ein -innen anhängt. »Tribut an Alice Schwarzer« nennt er das und genießt die kleine Provokation. Die sachliche Erklärung folgt: Das grammatische Geschlecht hat mit dem biologischen Geschlecht nichts zu tun.

»Die Schlange, das Pferd, der Tiger – drei verschiedene grammatische Geschlechter, die immer beide biologischen Geschlechter einschließen.« Und was sagt Luther dazu? Um das Wort Frau aus dem Hebräischen zu übersetzen, erfindet der alte Sprachmeister flugs die »Männin«. Diese Tatsache hat Wolf Schneider nicht präsentiert. Das Tintenfass warf ­Luther ja vielleicht nur nach dem Fehler-Teufel!

Frieder Weigmann

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