»Denk ich an Deutschland in der Nacht«: Gewinne und Verluste

1. Oktober 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Rückblick und Bestandsaufnahme: Lutz Vogel, Diethard Leder und Maria Hundert (von links) beim Redaktionsgespräch zu 20 Jahre deutsche Einheit. Als  ehemaligen »Held der Arbeit« wollte sich allerdings keiner bezeichnen lassen – im Gegenteil, alle legten Wert auf die Feststellung, in der DDR nie eine höhere Auszeichnung erhalten zu haben …	Foto: Maik Schuck

Rückblick und Bestandsaufnahme: Lutz Vogel, Diethard Leder und Maria Hundert (von links) beim Redaktionsgespräch zu 20 Jahre deutsche Einheit. Als ehemaligen »Held der Arbeit« wollte sich allerdings keiner bezeichnen lassen – im Gegenteil, alle legten Wert auf die Feststellung, in der DDR nie eine höhere Auszeichnung erhalten zu haben … Foto: Maik Schuck

Streitgespräch: 20 Jahre deutsche Einheit – was ist aus den Träumen und Erwartungen geworden? – Drei unterschiedliche Wahrnehmungen.

Die Redaktion der Kirchenzeitung bat drei Menschen aus unterschiedlichen beruflichen und gesellschaftlichen Bereichen zum Gespräch in die Redaktion. Wo stehen wir 20 Jahre nach der ­Wieder­vereinigung Deutschlands?

Beginnen wir mit einem kleinen Rückblick. Wo und wie haben Sie den 3. Oktober 1990 erlebt?
Leder:
Am 3. Oktober 1990 waren wir mit der Familie meines Schwagers an der ehemaligen Grenze im Harz. Dort haben wir auf den alten Grenzbefestigungsanlagen eine Flasche Sekt geöffnet und angestoßen. Es war ein sehr sonniger und lustiger Tag. Das ist eine schöne Erinnerung.
Hundert: Also ich muss sagen, die Erinnerungen sind sehr verblasst. Über ’89 könnte ich eher was erzählen. Aber am 3. Oktober 1990? Im Jahr vorher kam ich ja gar nicht zur Ruhe. Ein Jahr später hatte sich das ganze Leben wieder beruhigt. Man war zufrieden, man war froh, man hoffte, dass es nach diesen aufregenden Zeiten nun endlich losgeht.
Vogel: Ich bin durch Weimar gelaufen und erinnere mich an viele Deutschlandfahnen und Touristen. Es war eine merkwürdige Stimmung. »Festlich« wäre vielleicht zu viel. Aber es war das erste Mal, dass ich mich an ­einem »staatlichen« Feiertag freiwillig in die Stadt bewegt habe. Und ich war angenehm heiter gestimmt.

Mit dem Ende der DDR und der Einheit Deutschlands verbanden sich viele Erwartungen und Träume. Was ist daraus geworden?
Hundert:
Wenn ich Videos anschaue von damals, dann fällt mir auf, wie ungeheuer naiv wir uns verhalten haben, auch ich selbst. Ich empfinde das direkt beschämend, mit welchen Illusionen wir damals dagestanden haben.
Vogel: Ich habe den Fall der Mauer und die danach folgende Zeit als die ganz große Befreiung und Beglückung meines Lebens erfahren. Natürlich hatten wir auch viele Illusionen. Aber es gibt bis heute einen realen Gewinn an Freiheit, an Reisemöglichkeit und veränderten Lebensbedingungen. Blicken wir nach 20 Jahren doch Mal zurück auf ganz elementare Dinge: Wie haben wir damals gewohnt? Wie sah die Umwelt aus? Wie sahen die Städte aus? Wie war das mit der Gesundheitsversorgung? Bei allen Mängeln die man heute findet: Ich sehe einen enormen Gewinn.
Leder: Sicherlich hatten wir manche Vorstellungen, die nicht real waren. Aber ich würde das nicht als Illusion bezeichnen. Wir haben manches einfach nicht gewusst. Ich bin im Gegenteil überrascht von dem, was aus ­meinem bescheidenen Projektierungsbüro vom Frühjahr 1990 geworden ist. Ich hätte davon nicht träumen können, was ich heute mit meinen Mit­arbeitern alles bewegen kann. Die Realität ist eigentlich viel größer, als die Träume von damals.
Vogel: Genau deshalb bin ich manchmal so erschüttert, wenn ich Leserbriefe in den Tageszeitungen verfolge. Da habe ich manchmal den Eindruck, die sind alle von frustrierten 75-jährigen PDS-Mitgliedern. Da ist nichts von Beglückung zu spüren …

Frau Hundert, Ihr Leben ist nach der Wiedervereinigung nicht ganz so beglückend verlaufen?
Hundert:
Für mich war es zunächst einmal wichtig, endlich Bürgerrechte zu haben. Wichtig war für mich diese Gleichbehandlung und als nächstes Bildungserwerb. Meine Kinder sollten studieren dürfen. Mein Widerstand im neuen System begann, als ich merkte, dass die Musikschulen immer weniger Geld bekamen. Da habe ich gedacht, das kann doch nicht sein! Wir bauen hier die Altstadtwunder wieder auf und für die Kinder und die sozialen Probleme ist kein Geld da! Und wenn Sie sagen, dass die Leserbriefe Sie so erschüttern, dann muss ich sagen, dass mich ganz andere Dinge erschüttern. Zum Beispiel, dass sich die Kinderarmut in Deutschland zwischen 2001 und 2006 verdreieinhalbfacht hat.
Vogel: Da muss man aber auch mal drüber reden, was unter Kinderarmut verstanden wird …
Hundert: Ach was! Leute, die nicht davon betroffen sind, zweifeln immer daran. Eine Freundin von mir ist Lehrerin in einer Mittelschule in einem sozial schwachen Gebiet in Meißen. Die hat einem CDU-Abgeordneten mal gesagt, dass eine ganze Menge von Kindern mittags in der Schule das erste Essen überhaupt bekommt. Und da hat dieser Abgeordnete gesagt, das könne nicht sein! Aber er hat sich dann selbst davon überzeugt.
Vogel: Nach den Maßstäben heutiger Beurteilung wären Sie als Kind wahrscheinlich auch als »arm« deklariert worden. Aber haben Sie sich als arm empfunden?
Hundert: Wir wurden aber nicht deswegen diskriminiert! Jetzt wird man als Armer diskriminiert!
Leder: Ja? Von wem denn?
Hundert: Das können nur die fragen, die selbst nicht arm sind.
Leder: Also das kann ich nicht so stehen lassen. Ich bin ab und zu in einem problematischen Wohngebiet in Erfurt. Da gibt es den sozial-diakonischen Verein »Jesus-Projekt«, den ich persönlich unterstütze. Da kommen Kinder, wie Sie sie geschildert haben, hin und werden betreut. Was mir da entgegenspringt ist nicht zuerst das Problem, dass die wegen Armut nichts zu Essen bekommen. Vielmehr, dass sie keinen zu Hause haben, der sich mit Liebe um sie kümmert. Und da frage ich mich: Was machen denn die Väter? Das kann man doch nicht zuerst dem Staat oder dem Sozialsystem anlasten. Da muss ich sagen: Ihr Väter, übernehmt mal eure Verantwortung und sitzt nicht nur da und trinkt euer Bier! Spielt doch mal mit euren Kindern!
Hundert: Wir müssen auf die Wurzeln dieser Situation schauen: Es liegt doch daran, dass die Eltern keine Perspektive mehr haben. Menschen, die arbeitslos werden, verändern sich. Sie fallen und fallen. Da kann man zehn Mal sagen: strukturiere deinen Tag.
Da kämpft man, bekommt aber keine Arbeit. Dann wird vielleicht plötzlich noch das Geld gestrichen, wie ich es selbst erlebt habe. Diese Ängste, die man da hat, die hat man zu DDR-Zeiten gar nicht gekannt. Und das zehrt am Selbstwertgefühl.
Leder: Da sehe ich auch eine ganz konkrete Herausforderung für uns als Christen: Wie können wir Menschen helfen, zu einem neuen Selbstbewusstsein zu kommen? Wenn jeder seinen Selbstwert nur darüber definiert, was er leistet und was er sich leisten kann, dann ist das eine furchtbare Gesellschaft. Aber wenn wir Menschen glaubhaft vermitteln können: Du bist wertvoll, weil du ein Geschöpf Gottes bist, dann ändern sich Menschen, weil sie sich geliebt fühlen. Wenn wir immer nur sagen, es muss mehr Geld in das System, dann ändert sich nichts.
Vogel: Es gibt in Deutschland auch keine Tradition des freiwilligen sozialen Abstiegs. Ich habe einen Freund in Holland, der hatte eine Chefposition in einem Großkonzern. Und der sagte mir mit Mitte 50 plötzlich: »Du, ich bin jetzt Stellvertreter geworden.« Ich frage wieso?: »Na ja, Kinder sind aus dem Haus, wir brauchen nicht mehr so viel Geld und jetzt habe ich dafür mehr Zeit.« Das wäre in Deutschland ja undenkbar. Diese alleinige Wertschätzung des Menschen durch seine Tätigkeit, die ist bei uns so verinnerlicht, dass es dann auch zu psychischen Problemen führt.

Wir haben uns Freiheit gewünscht. Jetzt haben wir die Freiheit, aber wir erleben offensichtlich auch eine ganze Menge negativer Entwicklungen …
Hundert: Mir kommt es so vor, als ob wir in den letzen Jahren immer mehr mit einer neue Ideologie konfrontiert sind. Am Anfang war von Sozialer Marktwirtschaft die Rede, aber inzwischen wird nur noch von Marktwirtschaft geredet. Und dann lese ich solche Überschriften in der Zeitung wie: »Elblandkliniken steigern Gewinn«. Und das stört niemanden! Wie kann man davon reden, dass man mit dem Leid und der Krankheit Gewinn macht?
Vogel: Das ist doch klar, das ist ein Geschäftsbetrieb als GmbH, das sind nicht die Samariter.
Frau Hundert: Lassen Sie mich doch auch mal so lange reden, wie Sie vorhin reden durften. Also, es gibt Sätze, da kann einem das Gruseln kommen. Wir haben eine ­Öko­nomisierung des gesamtes Lebens. Selbst in der Kirche hat dieser Trend Einzug gehalten. Jeder Zeitabschnitt in der Geschichte hat eine bestimmte Denkweise. Und bei uns ist die Denkweise Ökonomie. Vom Ehebett bis zum Tode.
Leder: Das ist die Frage an jeden Einzelnen. Was macht mein Leben aus? Richte ich es nur nach materiellen Gesichtspunkten aus, dann ist es meine Sache, aber es ist nicht die Gesellschaft. Und wenn der Eindruck erzeugt wird, 1989 haben wir geträumt, aber dann ging es letztlich nur bergab, dann erinnere ich mal: Ich habe 1990 begonnen, ein evangelisches Krankenhaus in der Region zu sanieren. Da gab es eine Heizungsanlage mit Rohbraunkohle, die war ein finsteres Loch. Da gab es eine Toilette auf der ganzen Station. Der OP-Saal hatte keine Klimaanlage, da wurde das Fenster aufgemacht, wenn es nicht mehr auszuhalten war. Und all so was. Und heute haben wir da ein Niveau, das ist super. Und egal aus welcher Schicht man kommt – man wird bestens behandelt.
Hundert: Ja, Sie haben ja sehr recht, dass es äußerlich wunderbar funktioniert.
Leder: Nicht nur äußerlich, auch inhaltlich.
Hundert: Ja, wenn es nur so wäre. Aber ich weiß zum Beispiel die Erfahrung von mehreren Altenpflegerinnen in verschiedenen Einrichtungen. Und die haben Burn-out-Syndrom. Und um das zu untermauern ein Zitat aus dem Bericht des sächsischen Diakonie-Direktors Christian Schönfeld vor der Frühjahrssynode: »Wir nehmen eine Diskrepanz wahr zwischen einem ständig wachsenden Bedarf an sozialen Dienstleistungen und einer sinkenden Bereitschaft zur Finanzierung dieser Leistungen.« Und so geht es weiter – insgesamt fünf Diskrepanzpunkte. Immer wieder Diskrepanzen.
Vogel: Wenn es heute eine Klage über diese Gesellschaft gibt, in die ich einstimmen würde, dann genau diese: dass nur Lobbyisten mit Verweis auf Gesetze nach mehr Geld schreien. Alle. Die Landwirtschaft will mehr Subventionen. Im sozialen Bereiche explodieren die Kosten. Wo soll denn das alles herkommen? Denken Sie an die DDR – hier ist ein ganzer Staat bankrott gegangen an diesem unwirtschaftlichen Denken. Wir sind am Ende gewesen. Die Umwelt war versaut, die Städte sind zusammengefallen, die Menschen waren geistig und geistlich verkümmert. Und jetzt? Sobald einer bei negativen Entwicklungen mal irgendetwas verändern will, schreien sofort alle: »Jawohl, muss sein, aber bitte nicht bei mir. Ich brauche noch mehr.« Das ist eine ­Lähmung, in der ich eine ganz große Gefahr für unsere Gesellschaft sehe.

Ein kurzes Statement zum Abschluss: 20 Jahre Einheit – sind wir trotz aller Probleme dankbar dafür?
Leder:
Uneingeschränkt: Ja!
Vogel: Ebenso Ja!
Hundert: (nach langem Zögern) Ja, aber ich hätte mir die neue Gesellschaft ohne Suppenküchen gewünscht.

vogelLutz Vogel, Jahrgang 1949, wohnt in Weimar.
Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Der promovierte Germanist war von 1992 bis 2001 Kulturstadtdirektor in Weimar, von 2001 bis 2008 Erster Bürgermeister und Kulturbeigeordneter in Dresden, von 2006 bis 2008 auch amtierender Oberbürgermeister.

lederDiethard Leder, Jahrgang 1951, wohnt in Erfurt-Stotternheim.
Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.
­Leder machte sich schon Anfang 1990 mit einem Projektierungsbüro für Haustechnik selbstständig. Das Büro hat heute 25 Mitarbeiter, eine Niederlassung in Köln und ist international aktiv.

hundertMaria Hundert, Jahrgang 1954, wohnt in Klipphausen nordwestlich von Dresden, ist verheiratet und hat drei Kinder.
Sie wuchs in einem Pfarrhaus mit neun Kindern auf, durfte nicht studieren und ­arbeitete als Arzthelferin.
Seit 1990 sind sie und ihr Mann immer wieder von Arbeitslosigkeit betroffen.

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Reaktionen unserer Leser

1 Lesermeinung zu “»Denk ich an Deutschland in der Nacht«: Gewinne und Verluste”
  1. Claudia Z. sagt:

    Bei uns im Kindergarten halten die Kinder von der Bärchengruppe jeden Montag eine Gesprächsrunde ab. Die Kinder werfen sich einen Ball zu und dann erzählt das Kind mit dem Ball eine kleine Geschichte. Und alle anderen Kinder hören gespannt zu.
    Warum möchte denn hier keiner eine Lesermeinung abgeben? Sind denn alle mit ihrem Leben zufrieden? Auch dann darf hier geschrieben werden!
    Achtung! Ich werf jetzt einen Ball!!!!