Goldrausch in den Karpaten

31. Oktober 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Rumänien: Kirchen und Umweltverbände laufen seit Jahren Sturm gegen ein gigantisches Bergbauprojekt
 

Die Region von Rosia Montana zwischen Hermannstadt und Klausenburg ist eine der schönsten Karpatengegenden Rumäniens. Doch ­gerade hier soll Europas größter ­Tagebau entstehen. 

Geisterstadt vor dem Goldrausch: Viele Häuser im Ort Rosia Montana sind vom Bergbau­unternehmen bereits aufgekauft, um freie Hand zum Abriss zu haben. (Foto: Jürgen Henkel)

Geisterstadt vor dem Goldrausch: Viele Häuser im Ort Rosia Montana sind vom Bergbau­unternehmen bereits aufgekauft, um freie Hand zum Abriss zu haben. (Foto: Jürgen Henkel)

Seit Monaten herrschen in der Region bürgerkriegsähnliche Zustände. Die Betreibergesellschaft Rosia Montana Gold Corporation (RMGC), die aus der kanadischen Firma »Gabriel Resources« und der staatlichen rumänischen Firma »Minvest S.A.« gebildet wird, kämpft mit allen Mitteln darum, in einem gigantischen Tagebau Gold abbauen zu können.

Es geht um viel Gold und Geld: Unter der Erde werden die größten Goldvorräte Europas vermutet.

Der Goldabbau hat in Roşia Montană Tradition. Dort sind begehbare Minen noch von den alten Römern erhalten, ein kulturgeschichtlich einmaliges Zeugnis. Geplant ist jetzt der größte Goldtagebau in Europa, dem auch diese 2000 Jahre alten Minen weichen sollen.

Während die Betreiber die Wirtschaftlichkeit des auf 20 Jahre angelegten Projekts betonen und äußerst umstrittene Umweltverträglichkeitsstudien präsentieren, stößt das Vorhaben seit Jahren auf ­nationale und internationale Kritik: Vertreter der Kirchen, der Rumänischen Akademie der Wissenschaften sowie von Umwelt- und Naturschutzverbänden aus dem In- und Ausland laufen Sturm.

Systematisch werden Kritiker eingeschüchtert

Doch Gegner werden systematisch eingeschüchtert. Eine Tagung der Evangelischen Akademie Siebenbürgen (EAS) konnte 2007 in einer der Kirchen, die abgerissen werden soll, nach massiven Drohungen nur unter Polizeischutz stattfinden. Die Bürgerinitiative Alburnus maior kämpft mit Unterstützung der dort ansässigen Schweizer Journalistin Stephanie Roth gegen das Projekt und berät Bauern, die nicht an die millionenschweren Investoren verkaufen wollen.

Gediegenes Gold aus dem Gebiet von Rosia Montana - großtechnisch soll es durch giftige Zyanidverbindungen aus dem Gestein herausgelöst werden. (Foto: Wikipedia)

Gediegenes Gold aus dem Gebiet von Rosia Montana - großtechnisch soll es durch giftige Zyanidverbindungen aus dem Gestein herausgelöst werden. (Foto: Wikipedia)

Die EU hält sich bisher elegant zurück, obwohl nach einer Dokumen­tation von Greenpeace dort gleich ­gegen mehrere EU-Richtlinien verstoßen wird, sollte das Projekt in der ­geplanten Form durchgeführt werden. Die Zyanidschlacke soll in einem ­benachbarten Tal gelagert werden. Diesen Giftspeicher soll ein 185 Meter hoher Damm sichern – eine Horrorvorstellung für Umweltschützer vor ­allem nach der Katastrophe von Kolontár in Ungarn.

Einer der Hauptkritikpunkte ist, dass zur Ausfällung des Goldes aus dem abgebauten Gestein die Zyanidlaugung angewandt werden soll: Hochgiftiges Zyanid soll das Gold aus dem Gestein lösen.

Diese Methode ist äußerst umstritten und führte bei einem ähnlichen Projekt in Rumänien im Januar 2000 bereits zu einer Umweltkatastrophe, die international für Schlagzeilen sorgte: In Baia Mare gelangten damals die giftigen Abwässer in die Flüsse Theiß und Donau. Sie hinterließen Hunderte Tonnen toter Fische und verseuchten über Grenzen hinweg das Trinkwasser von rund zwei Millionen Menschen in Ungarn.

Ganze Dörfer, mehrere Kirchen, mehrere Friedhöfe, vier Berge, einmalige Kulturdenkmäler und die Naturlandschaft sollen für das Goldabbauprojekt dem Erdboden gleichgemacht werden. Der erwartete wirtschaftliche Nutzen steht nach Auffassung von Kritikern in keinem Verhältnis zum langfristig erwarteten Schaden und dem Gefahrenpotenzial. Zudem gibt es in dem Investitionskonzept keine ausreichenden finanziellen Rückstellungen zur Abdeckung möglicher Umweltschäden.

Um das Projekt durch vollendete ­Tatsachen zu forcieren, hat die RMGC in den letzten Jahren rund 900 Haushalte umsiedeln lassen und etwa 40 Prozent des benötigten Gebietes käuflich erworben. Manche Bewohner verkaufen gerne ihre Häuser gegen ­einen Preis, der ein Vielfaches des realen Marktwertes beträgt. Wer nicht verkaufen will, wird schikaniert. Das Rathaus und der Bürgermeister werden von der Firma kontrolliert.

Gemenge aus Korruption und mafiotischen Strukturen

Wie konsequent und zuverlässig in Ost- und Südosteuropa die Einhaltung von Umweltauflagen gefordert und überwacht wird, ist aktuell an dem Beispiel von Kolontár in Ungarn zu besichtigen. Die postsozialistische »Spezialwirtschaft« aus Korruption und mafiotische Verbindungen zwischen Politik, Wirtschaft und Behörden vor Ort bieten keine Garantie für umweltverträgliche Planungen und Durchführung solcher Großprojekte.

Südosteuropa-Experten verstehen den Hinweis von Ungarns Premier Viktor Orbán genau, der in Kolontár erklärte, zwei Wochen vor der Katastrophe habe eine Prüfung ergeben, dass dort »alles OK sei«. Kenner wissen, wie solche »Prüfungen« vor allem bei Großprojekten in Osteuropa ablaufen, während Kleinunternehmer in den Transformationsstaaten zu Gunsten politisch gut vernetzter Multis mit Auflagen, Normen und Betriebsprüfungen regelrecht schikaniert werden.

Zum Beispiel die Lebensmittelin­dustrie: Bauern und Selbstvermarkter werden mit Hygiene- und Verwaltungsauflagen überfordert und sollen selbst auf Bauernmärkten Registrierkassen aufstellen – mit dem Ziel, ­Bauern und Selbstvermarkter vom Markt zu drängen zugunsten der großen Ketten und Discounter wie Metro.

Beim Projekt in Rosia Montana droht nach Ansicht von Kritikern eine ähnliche Katastrophe wie jüngst in Ungarn. Die Umweltschützer hoffen, dass die Katastrophe von Ungarn auch in Rumänien zur endgültigen Ablehnung des Projekts führt, gegen das sie seit Jahren kämpfen.

Jürgen Henkel

Angesagt: Die Deutungshoheit über Wörter

30. Oktober 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Anmerkungen zur Sprache


 

Christoph Kuhn lebt als Schriftsteller in Halle.

Christoph Kuhn lebt als Schriftsteller in Halle.

An den Herbst 1989 erinnernd wird oft gesagt, dass die DDR, das ganze kommunistische Imperium, auch an Lügen zugrunde ging. Gefälschte Daten, geschönte Statistik – wir waren Halb- und Unwahrheiten gewöhnt.

Erhellend ist auch das Blättern im Fremdwörterbuch und im Lexikon von A bis Z aus den Jahren 1980, 1982.

Als 1968 sowjetische Soldaten nach Prag marschierten, war das keine Okkupation, »(unrechtmäßige) Besetzung fremden Gebietes durch eine (imperialistische) Macht«, laut Fremdwörterbuch. Denn Imperialismus ist »höchstes Entwicklungsstadium des Kapitalismus«. Russen und Chinesen bezichtigten sich bei den Kämpfen am Ussuri Ende der 70er Jahre gegenseitig der Aggression, die es per Definition (»imperialistischer Eroberungskrieg«) gar nicht gab.

War unsere friedliche Oktoberrevo­lution ein Volksaufstand oder ein Umsturz? Beide Wörter fehlen im Lexikon; und Revolution wird so erklärt: »grund­legende qualitative Veränderung der ­Gesellschaft, tritt in der Ausbeutergesellschaft gesetzmäßig auf«. (Später geht es nur um »sozialistische Revolution«.) Das Wörterbuch spricht noch von der »Übernahme der Macht durch die progressive Klasse«. Das Wort »progressiv« war ideologisch umstritten: Die herrschenden Funktionäre hielten sich selber für progressiv und wurden von älteren Systemkritikern gern auch mit diesem ­Begriff ­geschmäht. Jedoch jüngere Nonkonformisten, die westlichen Ideen ­anhingen und progressive Rockmusik hörten, beanspruchten den wahren Progressismus.

»System« nennt das Fremdwörterbuch, »ein in sich gegliedertes, geordnetes Ganzes«. Demnach kommt »Systemkritik« in keinem der beiden Nachschlagewerke vor, und »Nonkonformismus« ist laut Lexikon die »selbst gewählte Bezeichnung für die Haltung bürgerlicher Intellektueller, die in kritischer Oppo­sition zu ihrer kapitalistischen Umwelt stehen«. Opposition gilt nur als Widerstand von »Parteien und Gruppen im bürgerlichen Parlament«. Auch das Gegenteil, der Opportunismus, hat natürlich in der DDR keine Grundlage, sondern ist »in der Arbeiterbewegung Verzicht auf das Endziel, die ­Errichtung des Sozialismus und Kommunismus«.

Wer waren also die Aufständischen vom 17. Juni ’53 und die demonstrierenden Revolutionäre im Herbst ’89? Dissidenten? Das Lexikon verzichtet sicherheitshalber auf den Begriff und das ­Wörterbuch übersetzt Dissident: »Andersgläubiger, Angehöriger einer nicht anerkannten Religionsgemeinschaft oder Konfessionsloser in Ländern mit Staatskirche.« Ein verstecktes Eingeständnis des Lektorats, der Sozialismus sei eine Art Religion, wenigstens eine ­Ersatzreligion gewesen.

Solche Bedeutungsverschleierungen gehörten zur allseitigen Indoktrination. Doch auch von diesem Wort wollen beide Bücher nichts wissen. Weil – so schließt man mit Christian Morgenstern messerscharf – »nicht sein kann, was nicht sein darf«.

Christoph Kuhn

Literaturempfehlungen
Kuhn, Christoph: Königsweihe. Erzählungen und Gedichte mit Zeichnungen von Andreas Hegewald, Typostudio Schumacher Gebler GmbH Dresden,
68 S., ISBN 978-3-941209-03-9, 10,90 Euro

Kuhn, Christoph: Am Leben. Roman, Wartburg Verlag,
151 S., ISBN 978-3-86160-402-0, 16,00 Euro

Bezug über den Buchhandel oder den ­Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung:
­Telefon (03643) 246161

Gemeindesein, das ist Love-Parade

29. Oktober 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Gedanken zum Reformationstag: Aus der Kirche der Ordnungen die Kirche der Emotionen machen
 

Halloween: der Erfolg des Festes der Gruselkürbisse zeigt auch die Defizite der Kirche auf. (Foto: epd-bild)

Halloween: der Erfolg des Festes der Gruselkürbisse zeigt auch die Defizite der Kirche auf. (Foto: epd-bild)

Halloween macht Kindern Spaß. Klingelstreiche, Süßigkeiten erbetteln, sich verkleiden, welche Kindheit kommt ohne all das aus? Viele Christenleute beargwöhnen den Hokuspokus am Reformationstag. ­Aus­gehöhlt werde der Festtag des Thesengedenkens, wie ein alter Kürbis, in dessen Mitte nur noch ein müdes ­Teelichtlein flackert.

Die Nordelbische Kirche bietet als Kontrazeptivum Lutherbonbons an. Süßes oder Saures, ätsch, wir haben den älteren Feiertag.

Mehr haben die reformatorischen Kirchen nicht zu bieten?

Der spielerische Umgang mit dem Tod durch Totentanzdarstellungen ist eine alte christliche Tradition. Das Abwehren böser Geister durch fratzenhafte Pseudogestalten ist an jedem mittelalterlichen Dom zu finden. Laternen, aus Runkelrüben geschnitzt zum Bannen der unheimlichen Dunkelheit, sind seit Jahrhunderten Teil des evangelischen Martinisingens. Halloween vermischt das alles und hat Erfolg.

Wieso? Sind es nur die ­besseren Marketingstrategien der Halloween-Aktionisten?

Für die sich auf die Reformation berufenden Kirchen ist der Erfolg von Halloween ein wichtiger Indikator für eigene Defizite. In Luthers Zeit kreiste das Denken der Menschen um die Vergänglichkeit des eigenen Lebens und um das Ende der Welt. Apoka­lyptische Szenarien, eschatologische Hoffnungen nahmen nicht nur die theologische Zunft in Beschlag. Sichtbarer Ausdruck für die Suche nach metaphysischer Behaustheit war der boomende Ablasshandel. Schon damals schlugen geschickte Seelenkrämer Kapital aus dem Kitzel um die jenseitigen Dinge. Luther hat mit ­seinen Thesen die entscheidenden ­Fragen gestellt und dem Zauber ein Ende bereitet.

Tod, wo ist dein Stachel? Mit Jesus Christus ist die Macht des Todes zerbrochen, nur durch ihn, Solus Christus.

Diese Erkenntnis hat die Reformationszeit infiziert. Glaube und Leidenschaft waren unauflöslich verbunden. Höhepunkt war das Weihnachtsfest 1521. Karlstadt und Justus Jonas feiern mit der Gemeinde in Wittenberg das Mahl des Herrn in beiderlei Gestalt. Ohne liturgische Gewänder, in deutscher Sprache. Der erste evangelische Gottesdienst. Der Auferstandene ist unsichtbar mitten unter den Feiernden und stärkt sie, auch gegen die Macht des Todes. Ohne Ablasszahlung. Luther sitzt zu dieser Zeit auf der Wartburg fest. Ihn treibt die Angst um, die von ihm begonnene Bewegung drifte in Fanatismus und Anarchie ab. Im Frühjahr kehrt er nach Wittenberg zurück und bremst die Reformation ab. Eine Revolution will er nicht. Nur langsam darf das Werk voranschreiten, auch die Schwachen im Glauben sind mitzunehmen.

Die Bremse ist bis heute angezogen. Evangelische Kirche, da fehlt so oft, die Kirchentage ausgenommen, die Leidenschaft, das Emotionale.

So wichtig es in Luthers Zeit war, die Schwarmgeister einzufangen und die Ordnungen der Kirche aufzurichten, so dringlich ist es heute, aus der Kirche der Ordnungen die Kirche der Emotionen zu machen. Möglich ist das, weil die christliche Tradition ein reiches Reservoir an sinnlichen Elementen kennt, die in neuen Formen emotional anrühren.

Thomasmessen stehen hierfür exemplarisch ebenso wie das Musical »Die Zehn Gebote«, das bei »Ruhr 2010« für Furore sorgt. Gemeindesein, das ist Love-Parade und vorweggenommenes Reich Gottes in einem. Die Tiefensymbolik des christlichen Glaubens, die biblischen Geschichten von Tod und neuem Leben, sie bieten ein Obdach für die Seele. 1521 in Wittenberg leuchten die Augen und zittern die Herzen, während 2000 Menschen den Kelch des Heils teilen.

Zuletzt 1989 sind die Kirchen flächendeckend die Heimat der Emotionen und Ort des Aufbruchs aus gesellschaftlicher Lethargie. Mit ihrem Mix aus spirituellen, sozialen und seelsorgerlichen Potenzen ist die Kirche nicht ohne Grund trotz zweier totalitärer Regime im 20. Jahrhundert mit antikirchlichem Impetus nach wie vor der mit Abstand stärkste Verein in ­vielen Dörfern und allen Städten. In existenziellen Fragen nach Tod und Lebenssinn bietet der christliche Glaube viele Anstöße und, für den mit Glauben Beschenkten, Antworten.

Und was hat dagegen Halloween zu bieten?

Dieser moderne Ablasshandel? Zahle mir so und so viel Euro und du kannst dich mit einem Teufels­kostüm verkleiden. Ein bisschen Spaß muss sein. Aber am 1. November ist der Spuk vorbei. Was aber wenn die Welt voll wirklicher Teufel wär? Und wollt uns gar verschlingen? Halloween hat darauf keine Antworten. Und ein paar Lutherbonbons helfen auch nicht weiter.

Süßes oder Saures?

Der Fürst dieser Welt,
wir sau’r er sich stellt,
tut er uns doch nicht;
das macht, er ist gericht’:
ein Wörtlein kann ihn fällen.

Felix Leibrock

Wir Christen sind zwar fröhlich, wir zeigen’s nur nicht so

29. Oktober 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Reformationsgedenken: Mit Gottes Wort, Luthers Lehr’ und Kirchenclowns – Plädoyer für mehr Humor und Lachen in der Kirche
 
Humor und Lachen gehören weithin nicht zu den Markenzeichen der Christenheit. ­Dabei stände ihr das »Lachen der Erlösten« gut zu Gesicht.
 

Clown-1»Das Bein, das sich zum Tanze dreht, das wird im Himmel abgesägt!« – Nein, Lebensfreude, Humor oder gar Lachen hatten schon immer einen schweren Stand in der Kirche. Besonders in der der Reformation, die auch gern als »Kirche des Wortes« bezeichnet wird. Und des Ernstes, möchte man angesichts solcher Sprüche hinzufügen.

Auf den ersten Blick scheint die Bibel den Gegnern von Fröhlichkeit und Lachen Recht zu geben. Sucht man etwa anhand einer Konkordanz die Bibelstellen zum Thema Lachen heraus, so stellt man fest, dass es erstens gar nicht so viele sind, in denen das Wort explizit vorkommt. Zum anderen steht das Lachen oft in einem beklemmenden Zusammenhang: Als die altgewordene Sara ob der Ankündigung ihrer Schwangerschaft lacht, (1. Mose 21) wird dies als Ausdruck von Unglaube gewertet. Im Psalm 37 lacht Gott das Lachen des Siegers über den Gottlosen, frei nach dem Motto »wer zuletzt lacht, lacht am besten«. Nach dem Buch des Predigers (Kapitel 7, Vers 3) ist Trauern sowieso besser als Lachen. Und von Jesus wird kein Lachen berichtet, wohl aber, dass er weinte. Dass es durchaus humorvolle Bibelabschnitte gibt, man denke nur an manche Gleichnisreden von Jesus – etwa von Kamel und Nadelöhr – wird leicht übersehen.

Was Wunder, wenn schon in der frühen Christenheit Humor und Lachen keinen hohen Stellenwert hatten, als weltlich und sündig galten, und Theologen gegen das Lachen wetterten. Ein Paradebeispiel ist Johannes von Antiochia (349–407), ob seiner eindringlichen Predigten mit dem Beinamen Chrysostomos, zu deutsch Goldmund, versehen. Weil der Christ doch mit seinem Herrn gekreuzigt sei, dürfe er niemals lachen, sondern solle lieber weinen, predigte der Lehrer der Ostkirche. Eine Rigorosität, die laut der Legende wiederum für – allerdings unfreiwilliges – Lachen sorgte: »Wir wollen Tränen sehen!«, riefen prompt einige seiner Zuhörer. Was freilich auch dem Goldmund nicht gelang …

Allerdings ist in der Bibel ebenso von einem befreiten und befreienden Lachen zu lesen. Etwa im Psalm 126, wo vom ­Lachen der Erlösten, der aus der Gefangenschaft Befreiten die Rede ist. Die Erkenntnis Martin Luthers, dass der Mensch aus Gnade gerettet ist, recht ­verstanden, könnte also der Mund der Christen voll Jubel und Lachens sein. So jedenfalls sah es wohl auch der Wittenberger Reformator selbst. »Wo Glaube ist, da ist auch Lachen«, schreibt er seinen Nachfolgern ins Stammbuch. Denn: »Wenn Gott keinen Spaß verstünde, so möchte ich nicht im Himmel sein«, so seine Überzeugung. Und in seiner volksnah-derben Ausdrucksweise scheut er sich auch nicht, den Predigern folgenden Merkspruch mit auf den Weg zu geben: »Aus einem verzagten Arsch kommt nie ein fröhlicher Furz.«

In Luthers Reden und Schriften ist ­allerdings, insbesondere in der Auseinandersetzung mit wirklichen oder vermeintlichen Feinden, auch eine Note zu finden, die nichts mit Humor im eigentlichen Sinne zu tun hat. Gemeint ist die Ironie und der zuweilen beißende Spott. Sie sind geradezu das Gegenteil von echtem Humor. Denn Humor ist in der Lage, beiseite zu treten, um über sich selbst und die eigene Ernsthaftigkeit lachen zu können.

Der jüdische Schriftsteller Amos Oz glaubt deshalb sogar, im Humor ein »starkes Heilmittel« gegen den Fanatismus gefunden zu haben. »Ich habe niemals in meinem Leben einen Fanatiker mit Sinn für Humor gesehen, noch habe ich jemals gesehen, dass ein humorvoller Mensch zum Fanatiker geworden wäre, außer der- oder diejenige hätte ihren Sinn für Humor verloren. Fanatiker sind oft sehr sarkastisch, und einige von ihnen haben einen sehr scharfsinnigen Sarkasmus, aber keinen Humor. Humor beinhaltet die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen«, schreibt der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels in seinem Büchlein »Wie man Fanatiker ­kuriert«.

Genau um diesen Humor, um dieses Lachen über sich selbst, geht es auch den Kirchenclowns. Rund 30 dieser speziellen Kleinkünstler aus evangelischer wie katholischer Kirche versammelten sich am vergangen Wochenende zu ersten Mal zum Erfahrungsaustausch in Halle. »Clowns sind keine Kasper«, betonte dabei der frühere Magdeburger Bischof Axel Noack. Denn ein ­Kasper brauche das Gegenüber, auf ­dessen Kosten er Späße macht. Die Figur des Clowns dagegen nehme die Perspektive dessen ein, der selbst etwas ­erleidet, dem Missgeschicke passieren und der dennoch wieder aufsteht und ­tätig wird.

»Lachen tötet die Furcht und befreit. Es gehört unlösbar zu unserem christlichen Glauben und ist ein Ausdruck der Freude am Leben und auf das, was uns danach erwartet«, sagte der katholische Magdeburger Bischof Gernhard Feige in seiner Predigt zum ökumenischen Gottesdienst beim Hallenser Clowntreffen.

Als Clown in einer Kirche oder außerhalb überzeugend aufzutreten, setzt Begabung und ein gehöriges Maß an Professionalität voraus. Humor und Lachen auch in der Kirche Raum zu geben bedarf es dagegen oft nur einer veränderten Haltung. Und einer Besinnung auf die fundamentalen Erkenntnisse des Wittenberger Doktors, an die uns der Reformationstag erinnert.

Harald Krille

Auf Sichtweite – aber ohne Steinwurf

23. Oktober 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Hisbollah-Anhänger feiern den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad bei seinem Besuch an der libanesisch-israelischen Grenze mit einem Meer von gelben Hisbollah-Fahnen und iranischen Flaggen.  Foto: picture alliance/dpa/Nabil Mounzer

Hisbollah-Anhänger feiern den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad bei seinem Besuch an der libanesisch-israelischen Grenze mit einem Meer von gelben Hisbollah-Fahnen und iranischen Flaggen. Foto: picture alliance/dpa/Nabil Mounzer


Hintergrund: Ahmadinedschad im Libanon – oder das Ringen um die Führungsrolle in der islamischen Welt.

Geheimnisumwittert und vor allem spannungsgeladen war der Staatsbesuch des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad in der vergangenen Woche im Land der Zedern.

Von Johannes Gerloff (Jerusalem)

Das könnte einen Krieg auslösen«, unkte ein Beiruter Nah­ostexperte im Vorfeld. Dabei ging es gar nicht in erster Linie um den ewigen Zankapfel Israel. Wie schon bei der Affäre um die türkische Gaza-Hilfsflottille im Mai dieses Jahres stehen regionale Überlegungen und die Anstrengungen orientalischer Möchtegern-Großmächte, ihren Einflussbereich auszubauen, im Vordergrund.

Das Machtvakuum in der arabischen Welt ist mit Händen zu greifen. Syriens Baschar el-Assad ist es nie wirklich gelungen, die großen Stiefel seines Vaters auszufüllen. Der 82-jährige Ägypter Hosni Mubarak kämpft um seine Gesundheit, sucht einen Nachfolger und bemüht sich, die Hydra Muslimbruderschaft im eigenen Lande in Schach zu halten. Der Irak ist nach dem Sturz Saddam Husseins in sich zusammengebrochen. Vor diesem Hintergrund buhlen Ankara und Teheran um die Achtung der islamischen Welt. Der schiitische Halbmond, von Indien über Pakistan, den Iran und Syrien bis in den Südlibanon fordert die ihm seit Jahrhunderten verweigerte Ehre.

Und dann ist da seit Jahren ein ­innerlibanesischer Machtkampf, den der verlängerte Arm des Iran, die radikal-schiitische Hisbollah längst zu ­ihren Gunsten entscheiden konnte. Die einst so mächtigen christlichen Milizen des Zedernstaates sind verschwunden. Die Palästinenser, die einmal die einzige nichtjüdische Demokratie im Nahen Osten erfolgreich ausgehöhlt und zum Einsturz gebracht haben, sind erfolgreich neutralisiert. Warlords, wie der Druse Walid Dschumblat, haben keine militärischen Druckmittel mehr zur Hand.

Die libanesische Armee ist so schiitisch durchsetzt, dass sie der Hisbollah auf dem Weg zum Triumph keine Steine in den Weg legen wird, selbst wenn sie das wollte. Schon vor Jahren galten Genehmigungen ziviler Behörden, der Armee und des militärischen Geheimdienstes nichts im Vergleich zu einem Kopfnicken der allgegenwärtigen und fast allmächtigen Hisbollah. Die Befürchtung der USA, »die Hisbollah könnte die libanesische Souveränität untergraben«, hinkt der Realität um Jahre hinterher.

Besonders demütigend für libanesische Christen und muslimische Sun­niten gleichermaßen ist das Schick-
sal eines internationalen Tribunals, das den tödlichen Anschlag auf den ­libanesischen Regierungschef Rafik Hariri untersuchen soll. Der Sohn des schwerreichen Geschäftsmannes, Saad Hariri, der heute als Premier­minister des Libanon auf dem Platz seines Vaters sitzt, sieht sich unverhohlenen Drohungen ausgesetzt. Möglicherweise steckt die Hisbollah hinter dem Mord. Jetzt muss der junge Hariri mit den Hassern seines Vaters kooperieren.

»Wie ein Kommandeur, der seine Truppen inspiziert«
2006 hatte die israelische Luftwaffe die Hisbollah-Hochburg Dahia im ­Süden der libanesischen Hauptstadt Beirut in Schutt und Asche gelegt. Jetzt ließ sich der iranische Patron eben dort von Tausenden Hisbollah-Anhängern feiern. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah meldete sich in einer Videobotschaft aus seinem Versteck zu Wort. Einen Tag später hielt Ahmadinedschad eine Rede im südlibanesischen Bint e-Dschbeil, bei dem bis heute noch nicht unabhängig geklärt ist, ob der Schaden, den der Iran großzügig reparieren ließ, eine Folge israelischer Zerstörungswut oder von Explosionen unterirdischer Waffen­lager war, deren Ursprungsland wohl ebenfalls der Iran ist. »Die Zionisten werden verschwinden«, sagte der Iraner seinen Anhängern in Sichtweite des jüdischen Staates und überraschte mit dieser Prophetie weder Freund noch Feind. Bemerkenswert war die auffallende Abwesenheit libanesischer Flaggen bei diesen Massenversammlungen. Lediglich Hisbollah- und iranische Fahnen wurden geschwenkt.

Das offizielle Israel bemühte sich um Schweigen. Unüberhörbar war allerdings die Aussage, der Iran habe jetzt eine gemeinsame Grenze mit Israel. »Der iranische Präsident besucht den Libanon wie ein Kommandeur, der seine Truppen inspiziert«, meinte Yigal Palmor, Sprecher des israelischen Außenministeriums. Mindestens 40000 vom Iran gelieferte Raketen in Hisbollah-Händen bedrohen ­Israel – so schätzen israelische Sicherheitsexperten. Offiziell baten die Israelis die libanesische Regierung durch diplomatische Kanäle darum, jede Provokation zu unterlassen.

Ursprünglich wollte Ahmadinedschad bis an den israelischen Grenzzaun kommen, um einen Stein auf die israelischen Soldaten zu werfen. So jedenfalls wusste das die Gerüchteküche des Morgenlandes. Tatsache bleibt, dass mittlerweile jeder den Herrschaftsanspruch des Iran verstanden haben müsste. »Es gibt nur noch zwei Supermächte weltweit«, hatte Mahmud Ahmadinedschad schon vor Monaten erklärt: »die USA und den Iran.«

Das »Belvederer Modell«

23. Oktober 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Geschichte des Weimarer Musikgymnasiums.

Die Geschichte des heutigen Musikgymnasiums Schloss Belvedere beginnt im Gründungsjahr der DDR und in Eisleben. Das Land Sachsen-Anhalt etablierte im Mansfeldischen eine Musikfachschule. Eine Außenstelle wurde in Sangerhausen eingerichtet. Den Namen und den Sitz wird die Schule des Öfteren wechseln. 1952 erfolgte die Übersiedlung nach Weimar. Denn die staatlichen Stellen waren der Meinung, dass eine Musikschule im Umfeld einer Musikhochschule am besten aufgehoben sei. So kam Weimar zu jener Einrichtung, die heute Vorbildcharakter hat für die Ausbildung des musikalischen Nachwuchses. Doch bis es so weit war, war es ein sehr langer Weg.

Die Geschichte des Musikgymnasiums Schloss Belvedere beschreibt Reinhard Schau, der bis zur Emeritierung Leiter der Opernschule an der Weimarer Hochschule für Musik war, mit nicht zu überbietender Gründlichkeit auf 300 Seiten und in einem erzählerisch mitreißenden Ton.

Dass die Musikschule in den ersten Jahren ihres Bestehens trotz eklatanten Platz- und Lehrermangels qualitativ hochwertigen Unterricht bot, lag zweifelsohne an der Umsicht und den Leitungsqualitäten von Hans Della Guardia (1918–1996), einem aus Köln gebürtigen Künstler-Pädagogen alter Schule. 1954 wurde er als Direktor entlassen und in gleicher Funktion an eine Fachschule nach Bernburg versetzt, ging aber 1955 zurück in seine alte Heimat Köln. Die Nachfolger Della Guardias haben, wie Schau anschaulich zeigen kann, mehr Gewicht auf ideologische Linienführung, u. a. mit morgendlichen Appellen, denn auf eine gediegene musikalische Ausbildung gelegt, was hintere Platzierungen bei Wettbewerben bewiesen. Ein Parteisoldat wie Siegfried Möckel, der Direktor und Parteisekretär der Schule war, vergiftete die Atmosphäre nachhaltig. Seiner Machtanmaßung und seiner Initialen »S. M.« wegen wurde er hinter vorgehaltener Hand nur »Seine Majestät« genannt. So konnte das textlose Musizieren von Weihnachtsliedern bei ihm zu cholerischen Anfällen führen. Unter neuer Leitung wurden Anfang der 80er Jahre auch die musikalischen Leistungen besser, erreichten die »Belver« bei DDR-Leistungsvergleichen immer öfter vordere Plätze.

MusikNach der Wende und der deutschen Einheit mussten zwar keine ideologischen Querelen mehr ausgetragen, wohl aber Selbstbehauptungskämpfe geführt werden. Die Vernachlässigung zu DDR-Zeiten hatte zu unhaltbaren Zuständen in den Schul- und Internatsräumen geführt; eine Sanierung und Erweiterung des Belvederer Schulkomplexes war unaufschiebbar. Das vorhandene Häuser-Ensemble wurde modernisiert und ein neues, in seiner Formensprache zum Belvederer Barock kontrastreiches Unterrichtsgebäude errichtet. Das Musikgymnasium ist heute nicht nur architektonisch eine Vorzeige-Einrichtung, sondern auch eine vielfach prämierte pädagogische Insel, die, in ­enger Kooperation mit der Musikhochschule Franz Liszt, Nachwuchskünstler ausbildet, die weltweit überzeugen können.

Das Erfolgsrezept dieser Spezialschule gründet auf drei Säulen: der Allgemeinbildung am Gymnasium, der musika­lischen Spezialausbildung am Hochbegabtenzentrum und der sozialen Gemeinschaftsbildung im Internat. Und ­dieses »Belvederer Modell« macht Schule. Kurzum: Die Chronik des Musikgymnasiums Belvedere, die Reinhard Schau hier vorlegt, ist, auch und gerade für die Zeit nach 1990, pädagogisch und musikalisch eine singuläre Erfolgs­geschichte.

Kai Agthe

Schau, Reinhard: Das Musikgymnasium Schloss Belvedere in Weimar – Geschichte und Gegenwart, Böhlau Verlag, 317 S., ISBN 978-3-412-20556-0, 22,90 Euro

Abenteuerreise durch die Bibel

23. Oktober 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Mithilfe des Zeitreisewürfels gelangen Cora und Habib an die abenteuerlichsten Orte der Bibel. Foto: KI.KA/Cross Media/Beta/Trickcompany 2010

Mithilfe des Zeitreisewürfels gelangen Cora und Habib an die abenteuerlichsten Orte der Bibel. Foto: KI.KA/Cross Media/Beta/Trickcompany 2010


Am 1. November geht eine christliche Zeichentrickserie auf Sendung.

Professor Petersen ist ein viel ­beschäftigter Mann, berühmter Bibel-Experte und Spezialist für christliche Kunstwerke. Seit dem Tod seiner Frau ist er alleinerziehender Vater. Seine Tochter Cora ist ein modernes Mädchen, selbstbewusst, herzlich und manchmal auch etwas bockig. Eines Tages ist ihr Vater plötzlich verschwunden. Hreel, der Agent des Bösen entführte ihn mit dem Ziel, die ­Bibelgeschichten zu zerstören und so das Christentum auszulöschen. Doch Cora setzt alles daran, ihren Vater zu finden und die Bibel zu retten.

Dabei hilft ihr ein magischer Zeitreisewürfel. Cora muss die ihr von ihrem Vater hinterlassenen Bibel-Codes eingeben und schon gelangt sie in Sekundenschnelle an den Ort der biblischen ­Ereignisse. Ihre erste Reise führt das Mädchen rund 2000 Jahre zurück in die Vergangenheit auf den Markt in ­Jerusalem. Hier lernt sie Habib, einen 13-jährigen Jungen kennen, der von zu Hause weggelaufen ist. Auf den ­ersten Blick ist er für Cora ein kleiner Macho, doch er ist auch liebenswert und aufgeweckt. Im Heiligen Land kennt er sich bestens aus. Schnell werden die beiden Freunde und bestehen gemeinsam viele Abenteuer.

Cora und Habib sind die Hauptfiguren von »Chi Rho – das Geheimnis«, einer zunächst 13-teiligen christlichen Zeichentrickserie, die auf 26 Folgen erweitert werden soll. Ab 1. November ist die Serie montags bis freitags um 17.35 Uhr, im Kinderkanal (KI.KA) von ARD und ZDF zu sehen. Sie will Kinder auf eine spannende Abenteuerreise durch das Alte und Neue Testament einladen und Lust wecken, sich mit der Bibel zu beschäftigen. Der Name der Zeichentrickserie Chi Rho steht für das Christusmonogramm.

»Wir wollen ›Chi Rho‹ als Markenzeichen für Kinder etablieren und ­Inhalte des christlichen Glaubens ­vermitteln«, sagt Roland Rosenstock. Der Professor für Religions- und ­Medienpädagogik an der Universität Greifswald hat die Entstehung der Trickfilmserie begleitet und das Team bei KI.KA beraten.

Aus medienpädagogischer Sicht sei es wichtig, dass Kinder die Bibelgeschichten aus ihrer Perspektive betrachten können und in das Geschehen mit einbezogen sind, erläutert Rosenstock. In »Chi Rho« geschehe dies durch Rahmenhandlungen.

Mithilfe des magischen Zeitreisewürfels gelangen die Kinder an die abenteuerlichsten Orte der Bibel. Am Anfang finden sie sich im Garten Eden wieder, wo sie Adam und Eva begegnen und ihnen bei der Vertreibung aus dem Paradies beistehen. Kaum haben sie diese Aufgabe bewältigt, stürzt sie der Zeitreisewürfel in das nächste biblische Abenteuer: Kurz vor dem Ertrinken werden sie von Noah und seinen Söhnen gerettet, denen sie wiederum helfen, die Tiere auf die Arche zu treiben. Dann sind sie mit Jona im Bauch des Wals gefangen oder ihnen wird hoch oben auf dem Turm zu Babel schwindlig.

Die Zeichentrickserie – gedacht für Jungen und Mädchen im Grundschulalter – orientiere sich eng an bibelwissenschaftlichen und theologischen Erkenntnissen. Alle Zeichnungen der biblischen Figuren und Orte beruhten auf historischen und archäologischen Fakten, erklärt Rosenstock.

Wenn die Animationsserie am 1. November auf Sendung geht, hat sie eine lange Entstehungsgeschichte hinter sich. Von der Idee, die biblischen Geschichten in einer Kinder-Zeichentrickserie umzusetzen bis zur Premiere im Fernsehen sind mehr als fünf Jahre vergangen. Bei der Entwicklung von »Chi Rho« arbeiteten KI.KA sowie die Evangelische und Katholische Kirche in Deutschland eng zusammen. Von den Produktionskosten, die sich auf 7,5 Millionen Euro belaufen, übernehmen die beiden Kirchen 20 Prozent.

Sabine Kuschel

Begleitprogramm

Begleitend zur Serie gibt es »Chi Rho« auch als Bühnenprogramm für Feste in Kirchengemeinden, Kindergärten und Schulen. Im Internet werden Spiele angeboten.

Zum Sendestart der Kindertrickserie erscheint im Gütersloher Verlagshaus auch die »CHI RHO«-Buchreihe. Autoren sind Roland Rosenstock und die Literatur- und Theaterwissenschaftlerin Christine Senkbeil. Die Bücher sind für Erstleser (und ­deren Eltern) konzipiert. Die erste Staffel umfasst vier Abenteuer:

Entführt – Wo ist Professor Petersen?,
ISBN 978-3-579-06724-7;

Verschluckt – Jona im Bauch des Wals,
ISBN 978-3-579-06726-1;

Ausgeträumt – Streit unter Brüdern,
ISBN 978-3-579-06728-5;

Gestürzt – Himmelssturm in Babel,
ISBN 978-3-579-06729-2.

Jeder Band: 62 Seiten, 9,99 Euro.

www.chirho.kika.de
www.chirho.tv

Die Gemeinschaft aller Heiligen

22. Oktober 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Märtyrer des 20. Jahrhunderts: An der Westwand der Londoner Westminster Abbey, der traditionellen Krönungskirche der englischen Könige bzw. Königinnen befinden sich unter anderen die Statuen von Janani Luwum, Elisabeth von Hessen-Darmstadt, Martin Luther King, Óscar Romero und Dietrich Bonhoeffer. Foto: Montrealais

Märtyrer des 20. Jahrhunderts: An der Westwand der Londoner Westminster Abbey, der traditionellen Krönungskirche der englischen Könige bzw. Königinnen befinden sich unter anderen die Statuen von Janani Luwum, Elisabeth von Hessen-Darmstadt, Martin Luther King, Óscar Romero und Dietrich Bonhoeffer. Foto: Montrealais


Die Kirche lebt von der Kraft der Zeugen: Märtyrer des 20. Jahrhunderts.

Die Kirche lebt kraft ihrer Zeugen. Jeder Christ könnte von Menschen erzählen, die seinen Glauben geprägt haben. Nie wäre man sonst der, der man ist. Das gilt auch für die Kirche heute. Wer sind ihre Zeugen, und wie wird von ihnen gesprochen? Sind wir uns ihrer Kraft bewusst? Wie gut, dass dem Reformationstag Allerheiligen folgt, beide gleichermaßen evangelische Gedenktage.

Die Kraft der Zeugen: Davon schrieb bereits Paulus, einer der ersten von ihnen. Er musste es wissen: Erinnerte er sich nach seiner Bekehrung nicht noch oft an den heiligen Stephanus? Der hatte, als man ihn steinigte, den auferstandenen Jesus gesehen – an der Seite Gottes – und zu ihm gerufen: »Herr Jesus, nimm meinen Geist auf!« Als Paulus später in Ephesus selbst in äußerste Todes­gefahr geraten war und davon den Brüdern in Korinth schrieb, teilt er ihnen etwas zuinnerst Bewegendes mit: Während wir unserer Zerbrechlichkeit ausgesetzt sind, Angst, Verfolgung, Unterdrückung leiden, spüren wir eine wunderbare Kraft; während wir das Sterben Jesu an unserem Leib aushalten müssen, sind wir erfüllt von einem Schatz: dem »Leben Jesu an unserem Leibe«. Ja, wir sehen unverhüllt in das Angesicht des auferstandenen Christus; es ist in uns aufgeleuchtet wie das Licht über der Welt (2. Korinther 4,6-9)! Hier und sonst nur in ganz seltenen, kostbaren Augenblicken spricht die Bibel vom Angesicht Christi … (Matthäus 17,2).

In unserem Gebet ist es wiederum Er, der uns anblickt. Das zurückliegende 20. Jahrhundert, durchzogen von grauenvollen Verfolgungen, ist zu einem Jahrhundert von Menschen mit solchen Glaubenserfahrungen geworden. In ihnen leuchtet ein Schatz auf, der eine andere Dimension von Kirche zeigt als ihre weithin empfundene Kraftlosigkeit.

Andrea Riccardi, Gründer der ökumenischen Gemeinschaft Sant’Egidio in Rom, schreibt nach eingehenden Forschungen: »Das zwanzigste Jahrhundert konnte weder durch seine große Gewalttätigkeit noch durch seinen Stolz die Erinnerung an Ostern, an das Mitleid und an den Glauben der Auferstehung auslöschen … Es ist das große Testament des zwanzigsten Jahrhunderts … Es ist das Testament des Evangeliums.«

Wie kann es sein, dass wir uns um die Zukunft der Kirche Sorgen machen, wenn in ihr solche Kräfte wirken? Noch stehen wir ganz am Anfang, sie wiederzuentdecken, denken an Dietrich Bonhoeffer, Oscar Romero, Pawel Florenskij, Martin Luther King, Frère Roger … Sie alle sind, kurz gesagt, Zeugen des Lebens aus der Auferstehung Christi. Wie anders könnte heute von Gott gesprochen werden, da in unserer Gesellschaft die Bedeutung von Glaube und Gottesdienst grundsätzlich bestritten wird? In dem Maße, wie die Kirche von Leiden und Leidenschaft des Glaubens erzählt, wie sie sich besinnt auf ihre tiefste Verankerung in Kreuzigung und Auferstehung, kann sie wieder Fuß fassen. Alexander Men, 1990 bei Moskau erschlagen, war sogar der Überzeugung: »Die Geschichte des Christentums fängt gerade erst an.«

Die genannten Namen drücken noch ein Zweites aus: Hier handelt es sich um eine zutiefst ökumenische Erfahrung der einen ungeteilten Kirche. Roberto Angeli, ein italienischer Priester, schrieb im KZ Dachau: »Ich war mitten unter katholischen Priestern, protestantischen Pastoren und orthodoxen Popen, sie waren aller Dinge beraubt, von Hunger und Kälte ausgezehrt, von Läusen und Ängsten geplagt, ohne Würde außer der unsichtbaren Würde des priesterlichen Amtes; so lernten wir das Wesen des Lebens und des Glaubens kennen.« Und ein Häftling im sowjetischen Solowjetskij-Lager bittet: »Wer von uns eines Tages das Glück haben wird, in die Welt zurückzukehren, der muss bezeugen, was wir jetzt hier sehen, die Wiedergeburt des reinen, authentischen Glaubens der ersten Christen, die Vereinigung der Kirchen.«

Was bedeutet es eigentlich, in diesen sehr verschiedenen Konfessionen angehörenden Christen die ungeteilte Gemeinschaft aller Heiligen zu erkennen? Und wie kann es angehen, diese »lautere Stimme als die der Urheber von Spaltungen« (Johannes Paul II.) um eines konfessionellen Profils willen zu überhören? Die auf die Reformation zurückgehenden Kirchen haben hier ­unübersehbar eine Aufgabe. Sie ist uns gegeben als geistliches Testament kraft der allen Christen gemeinsamen Zeugen, die mit der Hingabe ihres ­Lebens bezeugt haben: Der für uns alle gelitten hat, ist mitten unter uns!

Reinhard Simon, ist promovierter Theologe und Pfarrer in Genthin.

Konservativ sein heißt, die richtigen Fragen zu stellen

22. Oktober 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Diskussion: Wer Gutes bewahren will, ist ein Konservativer – doch wie kann das in Gesellschaft und Politik praktisch aussehen?

Nicht erst seit dem Buch des früheren hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch geht die Diskussion um den Inhalt dieses Begriffes »konservativ« durch die Gesellschaft.

In der Regel bezieht sich das ­conservare, das Bewahren auf ­traditionelle Wertsysteme und ­Lebensformen. Diese sind im mitteleuropäischen Kontext ursprünglich christlich und/oder national geprägt. Damit verknüpft ist meist eine Betonung der Eigenverantwortlichkeit und insbesondere die Betonung des Rechts auf Privateigentum. Darüber hinaus spielen die Sekundärtugenden eine starke Rolle, wie etwa Ordnung, Fleiß, Höflichkeit etc. In der Haltung zum Staat gibt es zwei Strömungen: Zum einen die eher »republikanische«, die auf eine homogene Kultur und Werteordnung orientiert ist, und eine eher »liberale«, die vor allem die Rechte des Individuums im Blick hat, und deshalb gegenüber staatlich verordneter Vergemeinschaftung skeptisch ist.

»Einwecken« ist ein ­probates ­Mittel zur Konservierung von  Obst und  Gemüse. Zur Bewahrung gesellschaft- licher und ­politischer Werte ist es  allerdings ­weniger ­geeignet … Foto: picture- alliance/bsip/ Kovaleff

»Einwecken« ist ein ­probates ­Mittel zur Konservierung von Obst und Gemüse. Zur Bewahrung gesellschaft- licher und ­politischer Werte ist es allerdings ­weniger ­geeignet … Foto: picture- alliance/bsip/ Kovaleff

Im Gegensatz zu früheren Erscheinungsformen ist der Konservatismus heute unhintergehbar an eine universale Rechtsordnung gebunden. Die Orientierung an den Menschenrechten und am liberalen Rechtsstaat sind Begrenzungen für traditionale Gemeinschaftswerte oder eine nationale Verengung des Wertekanons. Die Würde aller Menschen zu bewahren, ist damit unhintergehbare Grundorientierung des politischen Konservatismus, der sich damit nicht einfach auf nationale Positionen zurückziehen kann – und wo er es versucht, ­gerät dies wenig überzeugend.

Wichtig ist die zugegebenermaßen nicht ganz neue Einsicht, dass der Konservatismus die Werte, die er propagiert, durch die Wirtschaftspolitik, die er macht, strukturell untergräbt. Die Betonung des individuellen Besitzes und der selbstverantworteten Lebensführung geht meist einher mit ­einem marktliberalen Wirtschaftsverständnis. Die enorme Dynamik des modernen Kapitalismus in den letzten 150 Jahren untergräbt die traditionellen Lebensformen, die vom Konser­vatismus bewahrt werden wollen. Um es an einem Beispiel deutlich zu machen: In der Regel haben Konservative eine positive Bewertung der Familie als zentraler gesellschaftlicher Institution; zugleich unterstützen sie eine Wirtschaftspolitik, die über Flexibi­lisierung der Arbeitszeiten etc. das ­Familienleben erschweren.

Das Ringen um konservatives Profil steht deshalb gegenwärtig vor enormen Herausforderungen, da die traditionellen Werteordnungen und Lebensformen auch im christlichen und bürgerlichen Milieu nicht mehr unhinterfragt gelten und verlässlich tradiert werden. Sie unterliegen einem zunehmenden Wandel, der durch die ökonomisch und technologisch bedingte strukturelle Umwandlung der Gesellschaft verursacht wird. Weder das klassische Familienbild noch die traditionelle Geschlechterordnung sind heute noch vorherrschend. Auch die viel zitierte »deutsche Kultur« ist mehr eine mytholo­gische Größe, wenn sie nicht gleich mit Oktoberfest und Musikantenstadel in eins gesetzt wird.

Wenn keine positive Definition der konservativen Werte mehr möglich ist steht der politische Konservatismus in der Gefahr, einem populären Ressentiment gegen alles Fremde zu erliegen und dies mit konservativen Positionen zu verwechseln. Wenn ein vermeintlicher Patriotismus in Fremdenfeindlichkeit umschlägt, wenn liberale Rechtsstaatlichkeit einem dumpfen regionalen Patriotismus und einem diffusen Gleichheits- und Harmoniebedürfnis weicht, das gelegentlich noch kritische Untertöne gegen die parlamentarische Demokratie erklingen lässt, vom Ruf nach dem »starken Mann« oder inzwischen auch der »starken Frau« ganz zu schweigen, dann befindet man sich längst nicht mehr auf dem Terrain des konservativen Diskurses, sondern hat die Linie zur Ideologie der Neuen Rechten beziehungsweise zum Rechtspopulismus längst überschritten.

Die Hauptgefahr für den Konservatismus im Osten Deutschlands besteht meines Erachtens derzeit darin, dass oftmals die intellektuelle Kapazität – man könnte auch sagen »Bildung« – fehlt, um diese Differenz überhaupt analytisch verstehen zu können.

Vielleicht müsste ein im liberalen Rechtsstaat beheimateter Konservatismus im Moment gar nicht auf alles schon die richtigen Antworten haben, sondern es würde genügen, wenn er auf angemessenem Niveau die richtigen Fragen stellte: Wie können angesichts des gesellschaftlichen Wandels verlässliche Bindungen und verantwortungsvolle Beziehungen entstehen und unterstützt werden (egal in welcher Lebensform die Menschen ­leben)? Ist es vielleicht nicht sinnvoller die Chancengleichheit durch frühe Förderung zu erhöhen, statt Ergebnisgleichheit durch immense staatliche Bürokratien und Transfers erzielen zu wollen? Was könnte es heute heißen, die Eigenverantwortung zu stärken, ohne gleich den Sozialstaat prinzipiell infrage zu stellen? Wie kann die Schöpfung bewahrt werden, hier bei uns und weltweit, und zugleich ein angemessener Lebensstil für alle ermöglicht werden?

Egal wie man diese Fragen im Einzelnen beantwortet, die grundlegende Kategorie, um alle diese »konserva­tiven« Fragen zu bearbeiten ist: umfassende Bildung. Durch Bildung die eigene und eigenverantwortliche Lebensgestaltung im umfassenden Sin­ne zu ermöglichen, wäre der absolute Primat für eine Politik, die sich konservativ zu sein beansprucht.

Dr. Michael Haspel, ist Pfarrer und Direktor der Evangelischen Akademie Thüringen in Neudietendorf.

Frauen der Reformationszeit: Katharina von Bora – Luthers »Herr Käthe«

15. Oktober 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Energisch schreitet sie – in Bronze gegossen – im Hof des Lutherhauses zu Wittenberg daher, Katharina von Bora, Luthers »Herr Käthe«. Kaum zu glauben, dass sie kurz zuvor noch eine stille, zurückgezogene Nonne war. Doch hier im Schwarzen Kloster, an Luthers Seite, füllte sie ihren mutig erkämpften Platz in der Welt souverän aus.

Statue von Katharina von Bora vor dem Lutherhaus in ­Wittenberg. (Foto: epd-bild)

Statue von Katharina von Bora vor dem Lutherhaus in ­Wittenberg. (Foto: epd-bild)

Katharina von Bora wurde am 29. Januar 1499 geboren. Ihre Eltern kamen aus mitteldeutschen Adelsfamilien, waren aber kaum vermögend, sodass die Familie später ihr Gut aufgeben musste; ein Verlust, der gern bemüht wird, um das Streben der Lutherin nach Grundbesitz zu erklären.

1505 kam sie in das Benediktiner-Kloster nach Brehna. 1508/09 wurde sie dem Kloster Marienthron zu Nimb­schen übergeben. Im Kloster lernte Katharina Lesen, Schreiben, Singen, etwas Latein, Hauswirtschaft u. a. Dinge. 1515 leistete sie das Gelübde als Braut Christi und trug nun die weiße Kutte mit dem schwarzen Schleier der Zisterzienserinnen. Dann aber kam Martin Luther und verkündete Dinge, die sie nie zu denken gewagt hätte. Ostern 1523 floh sie mit elf weiteren Nonnen aus dem Kloster und nahm ihr Schicksal in die eigene Hand.

Wäre es nach ihr gegangen, hätte sie den Nürnberger Patriziersohn Hieronymus Baumgartner geheiratet, ihre erste Liebe. Doch die Ehe kam nicht zustande. Die stolze und eigenwillige Adlige war schwer unter die Haube zu bringen. Als sie den von Luther vorgeschlagenen ­Kaspar Glatz ablehnte, weil sie »keine Lust und Neigung zu ihm« habe, schimpfte Luther: »Welcher Teufel will sie denn haben!« Doch sie erwählte gerade ihn, er erbarmte sich der »übrig gebliebenen« Nonne und musste bekennen: »Käthe ist das Beste, was mir Gott schenken konnte!«

Glaubt man den Tischreden, so entsprach Käthe ganz und gar nicht dem Frauenbild des Reformators, wird ihm doch nachgesagt, er hätte etwas gegen kluge und wortgewandte Frauen: »Es ist kein Rock, der einer Frau oder Jungfrau so übel ansteht, als wenn sie klug sein will.« Katharina aber war klug, wortgewandt und resolut, selbst wenn sie ihrem Mann in Gesellschaft den nötigen Respekt zollte. In ihrem Hause aber war sie die Herrin, in ihrer Ehe war sie die Stärkere. Sie richtete ihren oft depressiven Mann wieder auf und pflegte ihn aufopferungsvoll, wenn er krank war. Zudem ruhte die ganze Last des Haushalts auf ihren Schultern, für den Luther so gar keinen Sinn hatte.

Die Familie lebte im Schwarzen Kloster, das Kurfürst Johann der Beständige Luther 1532 schenkte. Katharina hatte die Umgestaltung des Klosters zum Wohnhaus geleitet, einen Gemüse- und Obstgarten angelegt, Ställe bauen lassen. Sie war Gärtnerin, Bäuerin und Wirtschafterin, Bierbrauerin und Imkerin, bewirtschaftete Pachtland vor den Toren Wittenbergs und den Familienbesitz der Boras, Gut Zülsdorf, das ihr Luther 1540 geschenkt hatte. Einfach war das Leben für Katharina nicht. Die tägliche Arbeit wurde nur durch die Geburten ihrer Kinder unterbrochen, bei denen ihr Gatte mit ihr litt und überaus besorgt um sie war, auch wenn er unwissend noch 1522 verkündet hatte, schwangere Frauen sollten »ihre höchste Kraft und Macht daran stecken, dass das Kind ­genese, ob sie gleich darüber sterben.« Katharina brachte sechs Kinder zur Welt, die Stammmutter der Lutheriden.

Neben ihrer eigenen Familie hatte sie für zahlreiche Verwandte, darunter Kinder von ­Luthers verstorbenen Geschwistern, zu sorgen. Dazu kamen Studenten, Gäste, Durchreisende, Kranke und Waisen, die stets herzlich willkommen waren. Oft mangelte es bei Luthers an Bargeld. An diesem Zustand änderte sich zeitlebens kaum ­etwas, obgleich Luther nicht schlecht verdiente und Käthe hervorragend wirtschaftete.

Aus der anfänglichen Vernunftehe zwischen Luther und seiner Käthe wurde über die Zeit eine innige Liebesbeziehung, wie u. a. Anreden wie »mein Liebchen«, »meine herzliebe Käthe« oder der Gruß »dein Herzliebchen« bekunden. Mit seinem Letzten Willen aber brachte Luther seine Frau in große Schwierigkeiten. In seiner Abneigung gegen Juristen hatte er sein Testament selbst erstellt und ­Katharina zum Vormund ihrer Kinder und zur Alleinverwaltung des Besitzes ­bestimmt. Doch das Testament wurde nicht anerkannt; nach sächsischem Recht wurde der Witwe und ihren Kindern ein Vormund bestimmt. Katharina wäre jedoch nicht Katharina, hätte sie sich gefügt. In zähen Verhandlungen erreichte sie schließlich die Anerkennung des ­Testaments.

Nach Luthers Tod wurde es still um sie. Als 1552 in Wittenberg die Pest ausbrach, floh Katharina nach Torgau, wo sie am 20. Dezember starb. In der Torgauer Stadtkirche, der Grabstätte des kursächsischen Hofes, ist sie begraben.

Als flüchtige und mittellose Nonne reiste sie in Wittenberg ein. Am Ende war sie die Frau mit dem größten Grundbesitz in der Stadt. Sie war die einzige Gelehrtenfrau Wittenbergs, die von Cranach ­gemalt wurde, sie war eine ganz außer­gewöhnliche Frau – und ist doch im ­Gedächtnis der Nachwelt vor allem die »Lutherin«, die Frau an Luthers Seite.

Sylvia Weigelt

Die Autorin ist Historikerin mit Schwerpunkt für europäisches Mittelalter.

Dem Glauben Gehör schenken

14. Oktober 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Vorgestellt: Der Gebärdenchor »SignSongs« des Berufsbildungswerkes für Hör- und Sprachgeschädigte Leipzig.
 
»SignSongs« ist ein Freizeitangebot für Auszubildende des Berufsbildungswerkes für Hör- und Sprachgeschädigte Leipzig. Auch ehemalige wie Rommy Rümmler sind dabei.
 

Rommy Rümmler »singt« das Lied mit den Händen. (Quelle: BBW)

Rommy Rümmler »singt« das Lied mit den Händen. (Quelle: BBW)

Laut dröhnt die Musik. »Gib mir’n kleines bisschen Sicherheit«, singt Stefanie Kloß von »Silbermond«. Es klingt gut, und es sieht gut aus. Denn Rommy Rümmler und die anderen des Chores »SignSongs« des Berufsbildungswerkes (BBW) für Hör- und Sprachgeschädigte Leipzig »singen« das Lied mit den Händen; genauer gesagt, sie stellen es in einer Choreografie in Gebärdensprache dar.

Ihre Stimmen benutzen sie nicht, die Lippen formen die Worte lautlos zur Gebärde. Die laute Musik dient ihnen als Orientierung. Die ungewöhnliche Interpretation ist auch für Hörende eine verblüffende Erfahrung, denn man hat mehr vom Lied. Es ist ein akustisches Erlebnis und ein optisches. Und etwas Seltenes, denn in Deutschland gibt es nur etwa zehn Gebärdenchöre.

Gegründet wurde der Chor im Jahre 1997. Er war damals das, was er heute noch ist – ein Freizeitangebot für Auszubildende des BBW, auch ehemalige wie Rommy Rümmler sind dabei. Was macht den Spaß am Chor aus? Für die 28-Jährige ist es das ­Zusammensein mit den anderen: »Wir treffen uns jede Woche zur Probe, ­unternehmen auch viel zusammen.«

Für Rommy ist es nicht nur Hobby, sondern auch Familie. Erst kürzlich ist sie mit ein paar anderen bei einer Hochzeit eines Chormitgliedes aufgetreten: »Das hat richtig Spaß gemacht.« Die Leipzigerin hat am BBW Mediengestalterin gelernt, schult aber gerade zur Heilerziehungspflegerin um, weil »sie mehr mit Menschen machen möchte und nicht nur vor dem Computer sitzen«.

Während ihrer Zeit am BBW hat Rommy Rümmler zum Glauben gefunden. Aus einem atheistischen Elternhaus stammend hatte sie keinen Bezug zu Gott. Dass der Träger des BBW die Diakonie ist, war für die Schülerin »unwichtig«, wie sie sagt. Doch dann sah sie einen Aushang: Thomas Günzel, der Religionslehrer und Seelsorger der Schule, lud zur Rüstzeit nach Italien ein. Rommy Rümmler las nur Italien und war gleich Feuer und Flamme. Dass auch mal aus der Bibel gelesen wird, war ihr klar. Machte ja nichts.

Erst im Jahr darauf, als es wieder zur Rüstzeit nach Italien ging, kam für die Atheistin Rommy Rümmler der Wendepunkt: »Ich weiß noch genau das Datum, es war der 17. August 2006.« Theologe Thomas Günzel hatte eine Andacht zum Thema Aberglaube gehalten und Rommy fragte sich und ihn: »Ist mein Aberglaube, meine Beschäftigung mit der schwarzen Magie, der Grund dafür, dass ich nicht an Gott glauben kann?«

Es folgten viele Gespräche und schließlich ihre Entscheidung, sich taufen zu lassen. Sie bestand auf einer Ganzkörpertaufe, auch für Thomas Günzel war das ungewöhnlich. Rommy Rümmler wusste damals, dass ihre Verwandten, Bekannte und Freunde kamen, ihre Mutter wollte eigentlich nicht: »Aber letztendlich ist Mama doch noch über ­ihren Schatten gesprungen, und war bei der Taufzeremonie dabei. Das hat mich berührt. Sie hat mir deutlich ­gezeigt, dass sie noch da ist, und ich sie nicht verloren habe.«

Bis heute ist es für Rommy Rümmler nicht leicht, als Einzige in ihrer ­Familie den Glauben zu leben. Aber man akzeptiert und toleriert sich ­gegenseitig.

Im BBW sind Christen in der Minderheit. Der studierte Theologe Thomas Günzel erzählt: »Einige gehen sehr offen damit um, andere eher versteckt.« Manchem hilft der Glaube, mit seinem Handicap als Schwerhöriger oder Gehörloser besser umzugehen: »Aber es ist wie so oft im Leben. Wer gut klarkommt, sucht weniger Rat und Hilfe. Wer aber mit seinem Schicksal hadert, der sucht Trost im Glauben.« Rommy Rümmler gehört nicht zu den Zweiflern.

Die junge Frau macht ­einen lebenslustigen, fröhlichen Eindruck trotz ihrer Behinderung, mit der sie offen umgeht. Sie kann gut von den Lippen absehen und besitzt ein Resthörvermögen, mithilfe ihrer Hörgeräte ist ihr so eine gute Kommunikation mit Hörenden möglich.

Als Thomas Günzel seine Stelle vor zwölf Jahren antrat, kamen nur 16 Jugendliche in den Religionsunterricht, inzwischen sind es 105. Darauf ist der Seelsorger stolz. Thomas Günzel hat das Konzept umgestellt. Der Unterricht findet nicht mehr eine Stunde pro Woche statt, sondern es gibt fünf ganztägige Projekttage im Jahr. So geht er mit seinen Schützlingen beim Thema Juden, Israel und Palästina in die Leipziger Synagoge, beim Thema Liebe, Sex und Geburt in ein Geburtshaus: »Unsere Dolmetscherin übersetzt die Erklärungen der Hebamme in Gebärdensprache. Da wird oft deutlich, warum gerade für Jungs das ­Gebärden und das Fragen manchmal schwierig ist.« Auch er selbst als Hörender habe viel gelernt durch die ­Gebärdensprache, die er inzwischen nach zwölf Jahren am BBW ganz gut beherrscht: »Anfangs habe ich das Gebärden als Zurschaustellen meiner Gefühle und Empfindungen empfunden. Aber Freunde und Bekannte ­meinen, ich hätte viel gewonnen und könne mich jetzt durch Mimik und Gestik viel besser ausdrücken.«

Auch beim Chor, in dem Rommy Rümmler Mitglied ist, ist das Besondere die Gebärdensprache. »Der Chor tritt meist vor gemischtem Publikum auf, also vor Hörenden und Nicht-­Hörenden. Das macht auch den Reiz aus«, erklärt Sandy Kober, eine von drei Gebärdensprachdolmetscherinnen im Berufsbildungswerk, die den Chor leiten. So erfahren die schwer oder gar nicht Hörenden im Publikum, was zum Beispiel Michael Jackson da eigentlich singt. Denn die Texte werden quasi zweimal übersetzt, vom Englischen ins Deutsche und dann in Gebärdensprache.

Heidrun Böger

Unermüdlicher Einsatz für Indianer

13. Oktober 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Kayapó-Indianerin und Bischof Erwin Kräutler bei einer Kundgebung. (Foto: epd-bild)

Eine Kayapó-Indianerin und Bischof Erwin Kräutler bei einer Kundgebung. (Foto: epd-bild)

Bischof Erwin Kräutler wurde mit dem »Alternativen Nobelpreis« ausgezeichnet.
 

Er ist ein unermüdlicher Verteidiger der Ureinwohner im Amazonasgebiet. Erwin Kräutler (71), katholischer Bischof von Xingu, gehört zu den aktiven Befreiungstheologen, die mit Wort und Tat die politische Kultur Brasiliens seit den 60er Jahren entscheidend mitgeprägt haben. Die Right-Livelihood-Stiftung in Stockholm sprach ihm als einem von vier Preisträgern den »Alternativen Nobelpreis« zu.

1939 im österreichischen Bundesland Vorarlberg geboren, folgte Kräutler 1965 seinem Onkel als Missionar nach Brasilien. Dort leitet er seit 1981 die Amazonas-Diözese Xingu. Als Vorsitzender des katholischen Indianermissionsrates CIMI steht er auf der Seite der Armen in Amazonien.

»Der Preis ist eine große Ehre für Dom Erwin«, sagte der CIMI-Vize-Vorsitzende Roberto Liebgott. In den vergangenen Jahren konzentrierte Kräutler seine Anstrengungen auf den Kampf gegen das Staudammprojekt Belo Monte am Xingu-Fluss, das große Regenwaldgebiete zerstören und Tausende Menschen vertreiben würde. »Belo Monstro«, pflegt Kräutler zu sagen: »Es ist ein pharaonisches größenwahnsinniges Todesprojekt.« Derzeit fühlt er sich durch die brasi­lianische Bischofskonferenz gestärkt. Aber er kennt auch andere Gefühle.

»Ich spüre Ohnmacht angesichts so vieler Ungerechtigkeit«, bekennt er in seinem Buch »Mein Leben ist wie der Amazonas«. Darin zeigt er sich »empört über all die Ausbeutung und Plünderung der Menschen und ihrer Mit-Welt«.

Der Begriff »Mit-Welt« ist zentral in Kräutlers Verständnis von Befreiungstheologie, die stark von der indianischen Weltsicht geprägt ist. Anders als in der Logik einer westlichen, vom rationalen Fortschrittsglauben beflügelten Entwicklungsideologie sieht er Mensch und Natur als Einheit.

Auch deswegen hat sich Kräutler zu einem wortmächtigen Gegenspieler von Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva im Amazonasgebiet entwickelt. »Im Fall Belo Monte erinnert die Arroganz der Regierungsplaner an die Zeiten der Militärdiktatur«, meint Kräutler, der in seinem Wohnort ­Altamira bereits Gastgeber mehrerer Großtreffen gegen das ökologisch und volkswirtschaftlich umstrittene Megaprojekt war.

In seiner Wahlheimat hat sich der Bischof durch sein unerschrockenes Auftreten viele Feinde gemacht. ­»Einflussreiche regionale Politiker, Großgrundbesitzer, Landspekulanten, Energieunternehmen, Holzhändler und Geschäftsleute« betrachteten ihn als Gefahr für ihre Interessen, heißt es auf seiner Website.

Kräutler, der 1987 bei einem Attentat schwer verletzt wurde, steht seit Oktober 2006 unter Polizeischutz. Zwei Jahre später setzten Unbekannte umgerechnet 367.000 Euro auf seinen Kopf aus.

»Die Auszeichnung kommt im richtigen Moment«, freut sich Kräutlers Mitstreiter Liebgott. Der »Alternative Nobelpreis« werde bestimmt die Protestbewegungen der indianischen Völker am Xingu und anderswo beflügeln.

Gerhard Dilger (epd)
 

Der »Alternative Nobelpreis«

Der »Alternative Nobelpreis« ist eine der höchsten Auszeichnungen für die ­Gestaltung einer besseren Welt. Mit der Auszeichnung werden Menschen ­geehrt, die praktikable Lösungen zu dringenden Problemen unserer Zeit ­finden und umsetzen. Der Preis wird an Personen, Organisationen und ­Repräsentanten sozialer Bewegungen vergeben, die sich mit praktischen ­Lösungen für menschwürdige Lebensweisen einsetzen. Die meisten Preisträger werden ausgezeichnet für Verdienste in den Bereichen Umwelt, Frieden, Abrüstung, Menschenrechte, Entwicklung, Kultur, Spiritualität, Bildung, ­Gesundheit, Energie und Ressourcenschonung.

1980 stiftete der Philatelist, Journalist und zeitweiliges Mitglied des Europäischen Parlaments Jakob von Uexküll den Preis. Zuvor hatte der Vorstand der Nobelstiftung seinen Vorschlag abgelehnt, einen Nobelpreis für Ökologie und Entwicklung zu vergeben, für den Uexküll die finanziellen Mittel bereitstellen wollte.

Gott verspricht Gnade und Vergebung

9. Oktober 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Die Flut als Strafinstrument Gottes: Darstellung der Sinntflut von Michelangelo Buonarroti in der sichtinischen Kapelle im Vatikan. Foto: Archiv

Die Flut als Strafinstrument Gottes: Darstellung der Sinntflut von Michelangelo Buonarroti in der sichtinischen Kapelle im Vatikan. Foto: Archiv


In der Bibel finden sich viele verschiedene Aussagen über Fluten

Aktuelle Berichte von Flutkatastrophen bestimmen derzeit die Nachrichten. Auch in biblischen Zeiten litten Menschen unter Fluten. Mit Himmel, Erde und Wasser begann Gott sein Schöpfungswerk. Eine Urflut bedeckte die Erde. Wie Gott seitdem das Wasser und die Fluten lenkt, beschreibt der Psalmist: »Er hält die Wasser des Meeres zusammen wie in einem Schlauch und sammelt in Kammern die Fluten.« (Psalm 33, 7)

Aus diesen Wasserkammern schickt Gott den Menschen Fluten zum Segen wie zum Gericht. Dass Gott der Herr über Wasser und Fluten ist, betont das Alte Testament auch als Abgrenzung gegen die religiösen Vorstellungen anderer Religionen, die dem Wasser selbst göttliche Kraft beimessen oder es als Geburtsstätte der Götter verstehen.

»Der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.« (1. Mose 1,2)

An mehreren Stellen der Bibel benutzt Gott die Flut als Strafinstrument. Die größte ist die Sintflut. Weil das Trachten der Menschheit von Grund auf böse war, fasste Gott den Entschluss, fast alles Leben auf der Erde durch eine Flut auszulöschen. Nur Noah, ein gottesfürchtiger Mann, darf überleben, mit ihm seine Familie und je ein Paar jeder Tiergattung. Um die erforderlichen Wassermassen in Gang zu setzen, ließ Gott es 150 Tage lang regnen und ließ zudem »alle Brunnen der großen Tiefe« aufbrechen. So lange, bis alles vertilgt wurde, »was auf dem Erdboden war«. Leben war nur auf der Arche Noah. Nach der Sintflut versprach Gott zwar, nie wieder so grausam zu sein. Das hielt ihn aber nicht davon ab, feindlichen Völkern mit der Flut zu drohen.

»Denn so spricht Gott der Herr: Ich will eine große Flut über dich kommen lassen, dass hohe Wogen dich bedecken.« (Hesekiel 26,19)

Es ist paradox: Gott ist letztverantwortlich für Fluten, aber er schützt Menschen auch vor ihnen. Wer Gott vertraut, den »schirmt« er vor den ­Fluten. In falscher Sicherheit jedoch wähnen sich die Feinde Israels, die meinen, »mit dem Totenreich einen Vertrag gemacht zu haben: Wenn die brausende Flut daherfährt, wird sie uns nicht treffen.« (Jesaja 28,15b) Ihnen kündigt Gott an, dass Fluten ihre Schutzbauten wegschwemmen, während Zion bewahrt bleibt: »Wenn die Flut herannaht, wird sie euch zermalmen.« (Jesaja 28,18)

Habakuk lässt die Möglichkeit offen, dass Gott selbst auch zornig auf die Flut sein kann: »Warst du zornig, Herr, auf die Flut? Entbrannte dein Grimm wider die Wasser und dein Zorn wider das Meer?« (Habakuk 3,8)

Mit einem ergreifenden Segen verabschiedet sich Stammvater Jakob von seinen zwölf Söhnen. Josef, seinem Lieblingssohn, verheißt er auch den »Segen von der Flut«. Was bedeuten kann, dass die Fluten ihm so wohl gesonnen sind, dass er sich nicht vor ihnen fürchten muss.

»Von deines Vaters Gott werde dir geholfen, und von dem Allmächtigen seist du gesegnet mit Segen oben vom Himmel herab, mit Segen von der Flut, die drunten liegt, mit Segen der Brüste und des Mutterleibes.« (1. Mose 49,25)

Der Psalmist (Psalm 69) benennt seine Ängste in aller Offenheit, auch die vor dem Ertrinken. »Ich versinke in tiefem Schlamm«, schreibt er, »ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen.« In dieser Todesangst bittet er Gott um Errettung – darum, dass ihn »die Tiefe nicht verschlinge«. Der Psalmist beendet sein Gebet mit der Zuversicht, dass Gott den Armen und Elenden – also auch ihm – beistehe.

»Normale«, berechenbare Fluten waren wichtig für die Fruchtbarkeit der Felder. Regelmäßig überschwemmte der Nil die Uferregionen und schuf damit Grundlage für Wachstum. Diese Art von Flut ist wie ein Segen für das Land, denn sie zerstört nicht, sondern tränkt die Erde. Gleichwohl können auch die Nilhochwasser bisweilen vernichtende Kräfte wecken, weiß der Prophet Jeremia: »Ägypten stieg empor wie der Nil, und seine Wasser wälzten sich daher wie Ströme.« (Jeremia 46,8)

Biblische Verfasser bedienen sich gerne des Begriffes der Flut als Sinnbild. Wie eine Flut werde ein Heer heranbrausen, mahnt etwa der Prophet Daniel. Auch die weisen Lehrer der Bibel benutzen das Wort, zum Beispiel Jesus Sirach: »Die Erkenntnis eines weisen Mannes wächst wie eine Flut, und sein Rat ist wie eine lebendige Quelle.« (Sirach 21,16)

Katastrophale Fluten sind archäologisch belegt und haben sich tief in das Gedächtnis der Menschheit gefressen. In vielen Mythen spielen Sintfluten eine Rolle, auch in der Bibel. Die Erklärung dafür hält sich bis heute hartnäckig: Gott wolle mit einer Flut die Menschen für ihre Sünden bestrafen. Wer so argumentiert übersieht die Barmherzigkeit Gottes, der den Menschen nicht mit gefährlichen Fluten droht, sondern ihnen Gnade und Vergebung zusagt.

Uwe Birnstein

Buchtipp: Birnstein, Uwe: Das Beste aus der Bibel,
Echter Verlag, 224 S., ISBN 978-3-429-03211-1, 12,00 Euro

»Wir hoffen, dass die Vernunft siegt«

8. Oktober 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Russland: Offiziell stehen die Lutheraner der ELKRAS zur Frauenordination – doch unumstritten ist sie nicht
 
In ihrer Heimat gelten sie als Exoten. Oder als Avantgarde. Die zwölf Pastorinnen der ­russischen Lutheraner trafen sich im Erfurter Augustinerkloster zu ihrer ersten ­Theologinnenkonferenz.
 
Bis diesen Mittwoch waren die zwölf Pastorinnen der Evangelisch-Lutherischen  Kirche in Russland und anderen Staaten (ELKRAS) in Erfurt erstmals zu einer gemeinsamen Tagung zusammen. (Foto: GAW)

Bis diesen Mittwoch waren die zwölf Pastorinnen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland und anderen Staaten (ELKRAS) in Erfurt erstmals zu einer gemeinsamen Tagung zusammen. (Foto: GAW)

Auf Einladung des Gustav-Adolf-Werkes in Leipzig waren sie vom 25. September bis 7. Oktober gekommen: Ein Dutzend Pastorinnen, die mit insgesamt 104 Pastoren und Predigern Dienst tun. Ihr Arbeitgeber heißt offiziell »Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland, der Ukraine, in Kasachstan und Mittelasien«. Eingebürgert hat sich indes die Bezeichnung ELKRAS. Sie steht für »Evangelisch-Lutherische Kirche in Russland und anderen Staaten«.

1999 beschloss die aus den Wurzeln deutschstämmiger Lutheraner hervorgegangene ELKRAS eine Kirchenordnung, in der es heißt: »In der Evangelisch-Lutherischen Kirche können grundsätzlich alle Ämter und Dienste Männern und Frauen übertragen werden.« Als erste Pfarrerin wurde Inessa Thierbach ordiniert, heute Pröpstin im Ural-Gebiet. Doch nicht nur bei Orthodoxen oder Katholiken, auch in der eigenen Kirche sind die Frauen im Talar nach wie vor umstritten.

»Frauen als Pastorinnen müssen sehr viel Mut haben«, fasst es Olga Temirbulatowa, Pfarrerin der Gemeinde in Samara an der Wolga, zusammen. Oft spürten sie, dass sie nur »aus der Not heraus« akzeptiert würden. Die Kirche mit derzeit rund 120000 Mitgliedern, von denen allerdings nur etwa 20000 Kirchensteuern zahlen, finde zum Beispiel kaum Männer, die sich für wenig Geld etwa in eine sibirische Gemeinde schicken ließen. Denn diese verfügten meist noch nicht einmal über eigene Gebäude, geschweige denn über eine Pfarrwohnung.

Viele, vor allem der älteren männlichen Kollegen, entstammen zudem der Tradition der »Brüdergemeinden«. In den Zeiten der Verfolgung fanden sich in den kommunistischen Straf- und Arbeitslagern die Laien-«Brüder« zusammen, beteten gemeinsam und legten die Bibel aus. So überlebte der lutherische Glaube. Die Kehrseite: In den Brüderkreisen herrscht vielfach eine schlichte Theologie mit wortwörtlichem Bibelverständnis und der entsprechenden Ablehnung von Frau­en in kirchlichen Leitungsämtern. Manche der Frauen fühlt sich von baptistischen oder sogar orthodoxen Geistlichen eher akzeptiert, als von den eigenen Kollegen.

»Wir spüren, dass der Beschluss zur Ordination von Frauen auch ­kippen kann«, sagt eine Pfarrerin aus Tadschikistan. Das Beispiel der lettischen Lutheraner, die erst vor wenigen Jahren die dort eingeführte Berufung von Frauen in geistliche Ämter stoppte, wirke auf manche Vertreter in der Synode sehr verlockend. »Wir hoffen, dass in unseren Männern die Vernunft siegt, weil sonst an vielen Stellen die geistliche und diakonische Arbeit gefährdet ist«, sagt unter lauter Zustimmung eine Pastorin aus Sibirien.

Der Kampf gegen Traditionen ist auch auf einer anderen Ebene nötig. Denn in »Russland und anderen Staaten« gibt es immer weniger Russlanddeutsche. Eine Öffnung der Kirche für die jeweils einheimische Bevölkerung ist nötig. Und gewollt: »Wir sind keine deutsche Gemeinde! Das müssen wir auch unseren eigenen Leuten immer wieder sagen«, betont etwa Maria Goloshschapova aus dem Kaliningrader Gebiet. »Wir predigen auch nur noch russisch, aber wir singen und beten oft in Deutsch«, hält Olga Temirbulatowa dagegen. »Denn das sind unsere Wurzeln, zu denen wir stehen müssen.« »Was sind unsere Wurzeln?«, fragt sofort eine Kollegin zurück.

»Glaube oder Sprache?« Russlands Lutheranerinnen jedenfalls bleiben in der Diskussion nicht bei der Selbstbespiegelung stehen.

Harald Krille

Bilder und Geschichten von der Kraft des Glaubens

8. Oktober 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Ausstellung: Vom Kopftuchverbot und Kruzifixstreit – spannende Auseinandersetzung mit religiösen Fragen

Welche Rolle können, sollen und dürfen Religion in Gesellschaften spielen? Diesen und vielen anderen Fragen widmet sich die Ausstellung des Deutschen Hygiene-Museums in Dresden.

Ausstellungsplakat»Kraftwerk Religion« – der Titel der Sonderausstellung des Deutschen Hygiene-Museums impliziert, dass von Religion im positiven wie im negativen Sinn Energie und Dynamik ausgehen können. Die am Sonnabend eröffnete Schau zeigt, welche positive Kraft Gläubige aus ihrer Religion beziehen und stellt diese als Garantin für Werte dar. Zugleich kann Religion Energien freisetzen, die eine Gefahr für die globale Sicherheit darstellen. Beispiele dafür sind religiös motivierte Terroranschläge und Suizid­attentate.

Für die Ausstellungsmacher steht fest: Religion ist längst kein Randphänomen mehr, sondern ragt in die Gesellschaft. Seit den Debatten um Kruzifixe an öffentlichen Schulen und um das Kopftuch muslimischer Frauen ist nicht zu übersehen, dass Religion zuweilen poli­tische Dimension erreicht. Dieser Tatsache trägt die Ausstellung Rechnung. Sie wendet sich dabei den Weltreligionen Judentum, Christentum, Islam und Bud­dhismus gleichermaßen zu und blendet auch Strömungen innerhalb der Religionsgemeinschaften nicht aus. Dabei wird deutlich, dass die religiösen Gemeinschaften keine einheitlichen Gebilde sind. In ihnen existieren unterschiedliche, gegensätzliche Meinungen und nicht selten prallen diese heftig aufeinander.

Bei uns vor allem als Dekoration auf Ladentischen bekannt, gelten die in China massenweise hergestellten winkenden Katzen in Japan als religiöse Glücksbringer fürs geschäftliche: die »Maneki Neko« sollen das Geld in die Ladenkassen winken ... (Foto: Hygiene-Museum)

Bei uns vor allem als Dekoration auf Ladentischen bekannt, gelten die in China massenweise hergestellten winkenden Katzen in Japan als religiöse Glücksbringer fürs geschäftliche: die »Maneki Neko« sollen das Geld in die Ladenkassen winken ... (Foto: Hygiene-Museum)

Macht Religion die Welt friedlicher? Dürfen Christen Verhütungsmittel benutzen? Müssen sie den Kriegsdienst verweigern?

Wer sich dem Phänomen Religion nähern will, sieht sich einer Fülle von Fragen gegenüber, die wiederum in sich komplex, vielschichtig und widersprüchlich sind. Die Bandbreite der Themen, die die Ausstellung aufnimmt, ist groß. Sie setzt dabei vorwiegend auf die modernen Medien. 4,5 minutenlange Videos erklären schlüssig Reformation, Säkularisierung und Kreuzzüge. Es ist die Stärke dieser Präsentation, dass Gläubige und Nichtgläubige selbst zu Wort kommen und ihre unterschiedlichen Positionen darstellen. Die zahlreichen Interviews vermitteln einen lebendigen Eindruck von dem, was die Religionsgemeinschaften intern beschäftigt und wie sie von außen wahrgenommen werden. Zu sehen sind bekannte Gesichter, Margot Käßmann, die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Politiker, zum Beispiel Andrea Nahles, Generalsekretärin der SPD, und Thomas de Maizière, Bundesminister des Innern im Kabinett Merkel.

Der erste Ausstellungsraum ist mit grau-braunen Filzelementen ausgestaltet, darüber bilden transparente Stoffe, auf die Zitate projiziert werden, einen Himmel. Die erste Abteilung stellt aktuelle Debatten und Konflikte zur Diskussion. Hier wird erörtert, welche Rolle Religionen in der Gesellschaft spielen können, sollen und dürfen. Es geht um Religionsunterricht und Schulpflicht, um Gotteslästerung und Abtreibung. Beim Schächten von Tieren etwa erhebt sich die Frage wieweit der Schutz von Freiheitsrechten gehen darf und wann Religionsfreiheit aufhört?

Widerstand und Verfolgung sowie Mission sind ebenfalls Themen, denen die Ausstellung Raum schenkt.

Ausstellungsplakat_grossDie zweite Abteilung widmet sich Fragen wie der Zugehörigkeit und dem Zusammenhalt der Religionsgemeinschaften. Hier ist ersichtlich, dass die Religionen teilweise gar nicht so unterschiedlich sind wie sie oft wahrgenommen werden. So besiegelt fast immer ein Initiationsritus die Zugehörigkeit zur jeweiligen Glaubensgemeinschaft. Im Christentum ist es die Taufe, im Judentum und Islam die Beschneidung. Zu den Exponaten gehören die Taufschale Friedrich Nietzsches und ein prächtiges weißes Gewand. Dieses trägt der Junge, der nach islamischem Brauch beschnitten wird.

Die biblische Geschichte von der Opferung Isaaks spielt nicht nur im Judentum und Christentum eine Rolle, sondern auch im Islam. Die Rätselhaftigkeit dieser Geschichte hat Reli­gionsgelehrte, Gläubige und Künstler zu allen Zeiten beschäftigt. Einige ­Varianten der Deutung stellt die Ausstellung vor.

»Sind Frauen in ihrer Religionsgemeinschaft gleichberechtigt?« »Welche aktuellen Fragen beschäftigen Ihre Gemeinde?« Der zweite Raum lenkt die Aufmerksamkeit auf Normen und Rituale, die die jeweilige Reli­gionsgemeinschaft prägen und die Frage, wie sie ihre Glaubensinhalte und Traditionen erlernen und weitergeben. Ordensschwestern und muslimische Frauen schildern, was ihnen ihr Ordenskleid beziehungsweise das Kopftuch bedeutet. Die Tradition des Pilgerns und die der Hilfsorganisationen wird dargestellt. Der Umgang mit Tod und Sterben und die Haltung der Religionen dazu ist ebenfalls Thema.

»Was ist der Sinn des Lebens?« »Wie sind Sie zum Glauben gekommen?« »Haben Sie schon mal ein Wunder erlebt?« »Woher wissen Sie, dass Gott existiert?« Um die existenziellen Fragen geht es im dritten und letzten Ausstellungsraum. Auch hier ist es spannend, die persönlichen Positionen von Menschen kennenzulernen. Sie sprechen über ihre Zweifel, Ängste und Hoffnungen, von Engeln und dem Bösen ist die Rede – und von dem Glück, das einigen Menschen aus ihrem Glauben erwächst.

Der letzte Ausstellungsraum ist geprägt von zwei großen medialen Elementen. Auf eine Wandfläche werden »letzte Fragen« nach dem Woher und Wohin des Menschen projiziert. Auf der Rückseite dieser Fläche und mit dieser korrespondierend ist eine Filmcollage zu sehen. Sie zeigt wie Menschen an verschiedenen Orten der Welt, in Israel, Indien, Deutschland beten. Die Bilder wecken Ehrfurcht und Respekt vor der geheimnisvollen Fähigkeit des Menschen, glauben zu können. Ein eindrücklicher Film, in dem etwas aufleuchtet vom Trost und der Kraft der Religionen.

Sabine Kuschel

Die Ausstellung ist bis 5. Juni 2011 dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Marsch durch die Institutionen

8. Oktober 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Frauen im geistlichen Amt: Auf Kanzeln sind sie selbstverständlich – in Leitungsfunktionen allerdings weniger

Vor 60 Jahren in Deutschland noch undenkbar: Frauen auf der Kanzel sind in den evangelischen Landeskirchen inzwischen Normalität. Und auch Freikirchen ­öffnen sich mehr und mehr für Pastorinnen. (Foto: epd-bild/Norbert Neetz)

Vor 60 Jahren in Deutschland noch undenkbar: Frauen auf der Kanzel sind in den evangelischen Landeskirchen inzwischen Normalität. Und auch Freikirchen ­öffnen sich mehr und mehr für Pastorinnen. (Foto: epd-bild/Norbert Neetz)


Vor wenigen Wochen hat der Bund Freier evangelischer Gemeinden beschlossen, dass in der protestantischen Freikirche Pastorinnen tätig werden können. Anlass zu einer Bilanz.

Es war eines der großen Themen, die der Protestantismus im 20. Jahrhundert kannte: die Einführung der Frauenordination. 1991 hatte die letzte Landeskirche der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die kleine Evangelisch-Lutherische Landeskirche von Schaumburg-Lippe, den Weg für Pfarrerinnen/Pastorinnen frei gemacht. Mittlerweile sind laut der 2009 erschienenen EKD-Broschüre »Zahlen und Fakten zum kirchlichen Leben« 7196 der 22636 evangelischen Theologen im aktiven Dienst der 22 Landeskirchen weiblich: Die Frauenquote beträgt derzeit also 31,8 Prozent.

Erst kürzlich bat der bayerische Landesbischof Johannes Friedrich die Frauen seiner Kirche um Entschuldigung: Die Landeskirche habe ihnen über lange Zeit verwehrt, »das gleichberechtigte Zeugnis von Jesus Christus ausrichten zu dürfen«, sagte der Theologe, der auch leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) ist, Ende September bei einem Gottesdienst aus Anlass des 75-jährigen Jubiläums des bayerischen Theologinnenkonvents in Nürnberg. Die Kirche habe Schuld auf sich geladen, »indem sie Männern und Frauen in der Nachfolge Jesu nicht den gleichen Wert und die gleichen Möglichkeiten geräumt hat, wie es der Glaube an Jesus Christus geboten hätte«.

In Führungsämtern ist das freilich immer noch der Fall: Nach den Rücktritten von Margot Käßmann und Maria Jepsen ist die mitteldeutsche Bischöfin Ilse Junkermann derzeit die einzige leitende Geistliche in der EKD. Und auch auf der Ebene der Regionalbischöfe und Generalsuperintendenten sind Frauen unterrepräsentiert, sieht man einmal von der Potsdamer Generalsuperintendentin Heilgard Asmus, der Münchener Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler und der hannöverschen Landessuperintendentin Ingrid Spieckermann ab.

Die Gründe dafür sind vielfältig – vor allem aber liegt es daran, dass die mit der Kandidatenfindung beauftragten synodalen Gremien keine Frauen aufstellen. So wie bei der nächsten anstehenden Bischofswahl, jener in Hannover, wo sich mit dem Berliner Generalsuperintendenten Ralf Meister und dem hessen-nassauischen Diakonieexperten Wolfgang Gern, zwei Herren um die Nachfolge von Margot Käßmann bewerben.

Ähnlich ist die Situation in den Freikirchen: Mittlerweile ordinieren fast alle in Deutschland aktiven Freikirchen Frauen zu Pastorinnen. Und ihre Frauenquoten gleichen sich immer mehr jenen der Landeskirchen an – mit einer bemerkenswerten Ausnahme: In der von William Booth gegründeten und seiner Tochter Evangeline fortgeführten Heilsarmee sind die Frauen in der Mehrheit. 57 Prozent aller in Deutschland stationierter Heilsarmee-Offiziere (gleichbedeutend mit Pastoren) sind Frauen und 43 Prozent Männer, bestätigte ein Sprecher des Nationalen Hauptquartiers im vergangenen Jahr.

Und es sind die Methodisten, die mit Rosemarie Wenner die neben Ilse Junkermann zweite evangelische Bischöfin in Deutschland haben, während es bei den Baptisten mit der Theologin Regina Claas mittlerweile eine Generalsekretärin gibt (die den Baptistenbund nach innen und außen vertritt).

Selbst die Kirchen, die lange mit ­einer Entscheidung für die Frauenordination zögerten, denken mittlerweile um: Im September beschloss der Bund Freier evangelischer Gemeinden auf seinem Bundestag es ­seinen Gemeinden freizustellen, ob sie Pastorinnen ordinieren oder nicht. Anders ist die Lage noch in der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), die derzeit so wie ­russlanddeutsche Brüdergemeinden keine Frauen ordiniert. Doch auch in der SELK gibt es mittlerweile eine ­lebendige Diskussion über die Einführung der Frauenordination, deren Befürworter in ihrer Kirche freilich noch keine Mehrheit haben.

Benjamin Lassiwe

Frauenordination in Deutschland

Kirchen, in denen Frauen Pastorin/Pfarrerin sein können:
  • Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) mit 22 Mitgliedskirchen, ca. 25 Millionen Mitglieder
  • Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden/Baptisten (BEFG), ca. 84000 Mitglieder
  • Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden, ca. 50000 Mitglieder
  • Evangelisch-methodistische Kirche (EmK), ca. 57000 Mitglieder
  • Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP), ca. 44100 Mitglieder
  • Bund Freier evangelischer Gemeinden (FeG), ca. 37000 Mitglieder
  • Alt-Katholische Kirche, ca. 15000 Mitglieder
  • Evangelische Brüderunität/Herrnhuter Brüdergemeine, ca. 6200 Mitglieder
  • Die Heilsarmee, ca. 4000 Mitglieder
Kirchen, in denen Frauen nicht Pastorin/Pfarrerin sein können:
  • Römisch-katholische Kirche, ca. 25,2 Millionen Mitglieder
  • Orthodoxe Kirchen, ca. 1,3 Millionen Mitglieder
  • Brüdergemeinden, ca. 45000 Mitglieder (geschätzt)
  • Russlanddeutsche Gemeinden, ca. 30000 bis 40000 Mitglieder (geschätzt)
  • Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche (SELK), ca. 35600 Mitglieder
  • Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten, ca. 35400 Mitglieder

(GKZ)

Trotz Abbruch und Umbruch: Kirche im Aufbruch

2. Oktober 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Christoph Klein, 35. evangelischer Bischof seit der Reformation in Siebenbürgen,  geht am 30. September in den Ruhestand. Die Auswanderung der Sieben- bürger Sachsen aus Rumänien hat die Kirche auf einen Bruchteil ihrer früheren Größe schrumpfen lassen. Foto: Jürgen Henkel

Christoph Klein, 35. evangelischer Bischof seit der Reformation in Siebenbürgen, geht am 30. September in den Ruhestand. Die Auswanderung der Sieben- bürger Sachsen aus Rumänien hat die Kirche auf einen Bruchteil ihrer früheren Größe schrumpfen lassen. Foto: Jürgen Henkel

Seit 1990 stand Christoph Klein (72) an der Spitze der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Rumänien. In diese Zeit fiel der größte Umbruch in der Geschichte der deutschen Minderheit. Jürgen Henkel sprach mit ihm.

Herr Bischof, hatten Sie 1990 noch die Hoffnung, dass die Volksgruppe der Siebenbürger Sachsen intakt erhalten bleibt?
Klein:
Als ich am 24. Juni 1990 in mein Amt eingeführt wurde, war schon die Hälfte unserer Glaubensgenossen ausgewandert. Es gab einen hektischen Aufbruch in Richtung Deutschland; da sind Leute teilweise in Panik weggeeilt und haben mitunter Haus und Hof und ihren Besitz liegen lassen oder verschleudert, in der Furcht, es könnten sich die Grenzen wieder schließen. Der Zusammenbruch der alten, volkskirchlichen Strukturen war bereits erkennbar. Ich habe damals schon gesagt, dass unsere Zahl in zehn Jahren wohl auf rund 15000 ­sinken wird. So ist es dann auch gekommen.

Es wurde immer wieder Kritik laut, dass Pfarrer als erste oder ziemlich früh ausgewandert sind. Warum sind so viele Pfarrer ausgewandert?
Klein:
Zur Zeit der Wende hatten wir noch 140 Pfarrer im Land. Deren Zahl ist im Jahr 1990 etwa auf die Hälfte gesunken. Manche sahen sich gezwungen auszuwandern, um ihre Familien zu retten. Ich erinnere mich an Szenen, wo unter Tränen gesagt wurde: Wenn ich nicht gehe, ist meine Ehe verloren. Der Anfang war ja schon 1978 durch das Ausreiseabkommen zwischen Ceau¸sescu und der Bundesregierung gemacht worden. Bei manchen war es vor der Wende aber auch der Druck von außen. Sie erlebten Verfolgung oder Anwerbungsversuche durch den Geheimdienst Securitate. 1990 haben sich dann die Schleusen ganz geöffnet.

Nun ist die Kirche kleiner geworden und zählt nur noch rund 14000 Seelen. Doch wird sie weniger beachtet als früher?
Klein:
Es ist interessant festzustellen, dass die Schwesterkirchen in Rumänien zwar unseren Schrumpfungsprozess genau beobachtet haben, dass sie uns aber mit demselben Respekt behandeln wie vorher. Sie anerkennen, dass wir dieselben Aufgaben wahrnehmen, ja in mancher Hinsicht eine Vorreiterrolle einnehmen. Zum Beispiel in der Diakonie, im Religionsunterricht, aber auch in der Jugend- und Frauenarbeit.

Es gibt in der Orthodoxen Kirche heute starke antiökumenische Tendenzen. Wie hat sich die Ökumene in Rumänien nach 1990 entwickelt?
Klein:
Die ökumenischen Beziehungen sind nach 1990 zurückgegangen. Alle Kirchen Rumäniens waren zu stark mit sich selbst beschäftigt. Sie mussten nach 45 Jahren Kommunismus und Diktatur vieles mühevoll wieder aufbauen. Aber die ökumenische Offenheit und auch die Bereitschaft zu Begegnungen sind geblieben. Sehr wichtig ist, dass der orthodoxe Patriarch Daniel jüngst in Aussicht gestellt hat, dass wir nun konkret an die Gründung eines Ökumenischen Rates der historischen Kirchen in Rumänien ­herangehen können. Wir wollten das 2007 schon in Gang bringen. Dann starb der damalige Patriarch Teoctist, der ein überzeugter Ökumeniker war. Sein Tod hat diesen Schritt damals verhindert.

Wie wollen Sie es schaffen, als so kleine Kirche Ihr immenses Kulturgut zu bewahren? Es gibt ja allein rund 300 Kirchenburgen.
Klein:
Wir haben zunächst einmal die größten und wichtigsten kirchlichen Baudenkmäler ins Auge gefasst, darunter die großen Stadtpfarrkirchen, und hatten das Glück, dass sich eine Reihe von Stiftungen aber auch deutsche Landeskirchen verschiedener Projekte angenommen haben. Jetzt kommen EU-Projekte hinzu. Wir haben eben ein EU-Projekt über 4,5 Millionen Euro für die Restaurierung von 18 Kirchenburgen bewilligt bekommen. Auch der rumänische Staat steigt jetzt stärker ein, nachdem er bisher diesbezüglich nicht sehr viel getan hat. Zunehmend sorgen auch die Heimatortgemeinschaften der Ausgewanderten sich um ihre ehemaligen Kirchen, Pfarrhöfe und Friedhöfe.

Was war der Höhepunkt in Ihrer Amtszeit?
Klein:
Ein Höhepunkt war das Jahr 2007 mit Hermannstadt als Europäischer Kulturhauptstadt und Austragungsort der Dritten Europäischen Ökumenischen Versammlung. Es gab 1990 Berechnungen, dass die Seelenzahl unserer Kirche ab 2007 auf Null sinken wird. Und dann hat sich gerade in diesem Jahr so viel erfüllt, was wir nicht einmal zu hoffen wagten.

Sie haben in Ihrer Amtszeit den wohl größten Umbruch in der Geschichte Ihrer Kirche erlebt. Was ist Ihre Prognose für die Zukunft?
Klein:
Meine Prognose ist, dass sich unsere Kirche auch in den nächsten 20 Jahren als wichtiger Teil des geistlichen Lebens in Rumänien erweisen wird, dass sie weiterhin einen entscheidenden Beitrag leistet, besonders mit ihrem diakonischen Dienst, im theologischen Gespräch, den demokratischen Strukturen ihrer Kirchenordnung. Mein Wunsch ist, dass sich unsere Kirche öffnet, aber so, dass sie ihr Profil dabei nicht verliert. Dazu gehört auch die deutsche Sprache als allgemein anerkanntes und respektiertes Proprium unserer Kirche, und ebenso das abendländische Erbe, das sich durch Reformation und Aufklärung hindurch bewahrt hat.

www.evang.ro

Einer muss sich plagen

2. Oktober 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Martin Luther, der große Sprachmeister – ein Vorbild für heutige Prediger. Ein Gemälde von Willem Linnig d. J. (1842–1890).

Martin Luther, der große Sprachmeister – ein Vorbild für heutige Prediger. Ein Gemälde von Willem Linnig d. J. (1842–1890).

Ein Vortrag von Wolf Schneider über Luthers Deutsch.

Er ist der große alte Mann der journalistischen Sprachlehre, ein glühender Verfechter der klaren und einfachen Worte. Durchaus naheliegend, dass man ihn eingeladen hat zum Kongressthema »Luthers Deutsch und unser Beitrag«. Der Auftakt zum 1. Mitteldeutschen Kirchentagskongress in der Lutherdekade 2017 darf als gelungen bezeichnet werden. Gut 80 Zuhörer lauschten in Halle am 24. September den Sprachanalysen von Wolf Schneider. In der Aussprache manchmal fast introvertiert leise, in der Sache aber laut und fordernd, nimmt es der Journalist mit Predigten von teils prominenten Bischöfen und weniger bekannten Predigern auf.

Die Urheber bleiben anonym, doch das Urteil des »bekennenden Atheisten« fällt drastisch aus: »Ich habe in zehn von 13 Predigten nichts gefunden, wovon ich mir vorstellen könnte, dass es irgendeinen Kirchgänger interessiert, amüsiert oder engagiert hätte. Das heißt, die durchschnittliche deutsche Predigt bleibt hinter Luther zurück.« Warum ist das so? Luther hatte es leichter, sein Studium fand in Latein statt, eine akademische deutsche Sprache gab es noch nicht. »Wer heute Theologie studiert erlernt eine Sprache, die er freundlicherweise in der Kirche niemals mehr verwenden sollte. Eine Sprache mit Abstraktionen und ­vielsilbigen Wörtern, die im normalen Wortschatz nicht vorkommen.« Und Schneider tritt mit der Analyse der 13 Predigten den Beweis an.

Da hat er in »Familienstrukturen« eine »Verhältnisbestimmung« im »Eucharestieverständnis« mit hoher »Versöhnungsbedürftigkeit«, offenbar in »Diskrepanz« zur »Apostolizität«, gefunden. Ein kleiner Katalog sprachlicher Grausamkeiten kommt da zustande, für den der bei Schneider häufig zu ­hörende Lehrsatz gilt: »Einer muss sich plagen – der Leser oder der Schreiber!« Und an anderer Stelle erklärt Schneider: »Luther hat richtig hart gearbeitet.«

Schneider analysiert nicht nur. In 25 Sachbüchern hat er bisher aufgezeigt, wie es besser geht. Überzeugend die Erklärung, dass Sprache für die Ohren gedacht ist, nicht zum Lesen. Das leise Lesen ist eine neuzeitliche Erfindung. »Wir lesen immer mit den Ohren!« Noch um 1500 haben Mönche grundsätzlich laut gelesen, in Universitäten wurde von den Professoren laut vorgelesen – »Vorlesung« heißt es bis heute. Jede Predigt muss ­zuerst die Ohren erreichen.

Schneider geht von einem natürlichen Instinkt für Sprache aus. Und er wirbt ­unermüdlich dafür, diesen zu entdecken, sich an Vorbildern wie Luther, Heine, Kafka, Freud und Böll zu orientieren. Den meisten Deutschlehrern, aber auch Sprachakrobaten wie Thomas Mann und Günter Grass sagt er den Kampf an um eine verständliche Sprache. 16 Jahre leitete Wolf Schneider die Hamburger Journalistenschule, war Verlagsleiter beim Stern, Chefredakteur der Welt und Mo-
derator der NDR-Talk-Show. Noch heute schreibt der 85-Jährige für GEO und die Süddeutsche Zeitung.

Was rät der engagierte Honorarprofessor heutigen Predigern? Wird verständ­liches Deutsch den Schwund in den Kirchen aufhalten, gar umkehren? »Eine Predigt von einiger Substanz kann mit ­guter Sprache etwas gewinnen und mit schlechter Sprache alles verlieren.« Unruhe und einzelne Proteste kommen auf, als Schneider eine vermeintlich gerechte Sprache verdammt, die an Berufsbezeichnungen und Anreden ein -innen anhängt. »Tribut an Alice Schwarzer« nennt er das und genießt die kleine Provokation. Die sachliche Erklärung folgt: Das grammatische Geschlecht hat mit dem biologischen Geschlecht nichts zu tun.

»Die Schlange, das Pferd, der Tiger – drei verschiedene grammatische Geschlechter, die immer beide biologischen Geschlechter einschließen.« Und was sagt Luther dazu? Um das Wort Frau aus dem Hebräischen zu übersetzen, erfindet der alte Sprachmeister flugs die »Männin«. Diese Tatsache hat Wolf Schneider nicht präsentiert. Das Tintenfass warf ­Luther ja vielleicht nur nach dem Fehler-Teufel!

Frieder Weigmann

»Denk ich an Deutschland in der Nacht«: Gewinne und Verluste

1. Oktober 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Rückblick und Bestandsaufnahme: Lutz Vogel, Diethard Leder und Maria Hundert (von links) beim Redaktionsgespräch zu 20 Jahre deutsche Einheit. Als  ehemaligen »Held der Arbeit« wollte sich allerdings keiner bezeichnen lassen – im Gegenteil, alle legten Wert auf die Feststellung, in der DDR nie eine höhere Auszeichnung erhalten zu haben …	Foto: Maik Schuck

Rückblick und Bestandsaufnahme: Lutz Vogel, Diethard Leder und Maria Hundert (von links) beim Redaktionsgespräch zu 20 Jahre deutsche Einheit. Als ehemaligen »Held der Arbeit« wollte sich allerdings keiner bezeichnen lassen – im Gegenteil, alle legten Wert auf die Feststellung, in der DDR nie eine höhere Auszeichnung erhalten zu haben … Foto: Maik Schuck

Streitgespräch: 20 Jahre deutsche Einheit – was ist aus den Träumen und Erwartungen geworden? – Drei unterschiedliche Wahrnehmungen.

Die Redaktion der Kirchenzeitung bat drei Menschen aus unterschiedlichen beruflichen und gesellschaftlichen Bereichen zum Gespräch in die Redaktion. Wo stehen wir 20 Jahre nach der ­Wieder­vereinigung Deutschlands?

Beginnen wir mit einem kleinen Rückblick. Wo und wie haben Sie den 3. Oktober 1990 erlebt?
Leder:
Am 3. Oktober 1990 waren wir mit der Familie meines Schwagers an der ehemaligen Grenze im Harz. Dort haben wir auf den alten Grenzbefestigungsanlagen eine Flasche Sekt geöffnet und angestoßen. Es war ein sehr sonniger und lustiger Tag. Das ist eine schöne Erinnerung.
Hundert: Also ich muss sagen, die Erinnerungen sind sehr verblasst. Über ’89 könnte ich eher was erzählen. Aber am 3. Oktober 1990? Im Jahr vorher kam ich ja gar nicht zur Ruhe. Ein Jahr später hatte sich das ganze Leben wieder beruhigt. Man war zufrieden, man war froh, man hoffte, dass es nach diesen aufregenden Zeiten nun endlich losgeht.
Vogel: Ich bin durch Weimar gelaufen und erinnere mich an viele Deutschlandfahnen und Touristen. Es war eine merkwürdige Stimmung. »Festlich« wäre vielleicht zu viel. Aber es war das erste Mal, dass ich mich an ­einem »staatlichen« Feiertag freiwillig in die Stadt bewegt habe. Und ich war angenehm heiter gestimmt.

Mit dem Ende der DDR und der Einheit Deutschlands verbanden sich viele Erwartungen und Träume. Was ist daraus geworden?
Hundert:
Wenn ich Videos anschaue von damals, dann fällt mir auf, wie ungeheuer naiv wir uns verhalten haben, auch ich selbst. Ich empfinde das direkt beschämend, mit welchen Illusionen wir damals dagestanden haben.
Vogel: Ich habe den Fall der Mauer und die danach folgende Zeit als die ganz große Befreiung und Beglückung meines Lebens erfahren. Natürlich hatten wir auch viele Illusionen. Aber es gibt bis heute einen realen Gewinn an Freiheit, an Reisemöglichkeit und veränderten Lebensbedingungen. Blicken wir nach 20 Jahren doch Mal zurück auf ganz elementare Dinge: Wie haben wir damals gewohnt? Wie sah die Umwelt aus? Wie sahen die Städte aus? Wie war das mit der Gesundheitsversorgung? Bei allen Mängeln die man heute findet: Ich sehe einen enormen Gewinn.
Leder: Sicherlich hatten wir manche Vorstellungen, die nicht real waren. Aber ich würde das nicht als Illusion bezeichnen. Wir haben manches einfach nicht gewusst. Ich bin im Gegenteil überrascht von dem, was aus ­meinem bescheidenen Projektierungsbüro vom Frühjahr 1990 geworden ist. Ich hätte davon nicht träumen können, was ich heute mit meinen Mit­arbeitern alles bewegen kann. Die Realität ist eigentlich viel größer, als die Träume von damals.
Vogel: Genau deshalb bin ich manchmal so erschüttert, wenn ich Leserbriefe in den Tageszeitungen verfolge. Da habe ich manchmal den Eindruck, die sind alle von frustrierten 75-jährigen PDS-Mitgliedern. Da ist nichts von Beglückung zu spüren …

Frau Hundert, Ihr Leben ist nach der Wiedervereinigung nicht ganz so beglückend verlaufen?
Hundert:
Für mich war es zunächst einmal wichtig, endlich Bürgerrechte zu haben. Wichtig war für mich diese Gleichbehandlung und als nächstes Bildungserwerb. Meine Kinder sollten studieren dürfen. Mein Widerstand im neuen System begann, als ich merkte, dass die Musikschulen immer weniger Geld bekamen. Da habe ich gedacht, das kann doch nicht sein! Wir bauen hier die Altstadtwunder wieder auf und für die Kinder und die sozialen Probleme ist kein Geld da! Und wenn Sie sagen, dass die Leserbriefe Sie so erschüttern, dann muss ich sagen, dass mich ganz andere Dinge erschüttern. Zum Beispiel, dass sich die Kinderarmut in Deutschland zwischen 2001 und 2006 verdreieinhalbfacht hat.
Vogel: Da muss man aber auch mal drüber reden, was unter Kinderarmut verstanden wird …
Hundert: Ach was! Leute, die nicht davon betroffen sind, zweifeln immer daran. Eine Freundin von mir ist Lehrerin in einer Mittelschule in einem sozial schwachen Gebiet in Meißen. Die hat einem CDU-Abgeordneten mal gesagt, dass eine ganze Menge von Kindern mittags in der Schule das erste Essen überhaupt bekommt. Und da hat dieser Abgeordnete gesagt, das könne nicht sein! Aber er hat sich dann selbst davon überzeugt.
Vogel: Nach den Maßstäben heutiger Beurteilung wären Sie als Kind wahrscheinlich auch als »arm« deklariert worden. Aber haben Sie sich als arm empfunden?
Hundert: Wir wurden aber nicht deswegen diskriminiert! Jetzt wird man als Armer diskriminiert!
Leder: Ja? Von wem denn?
Hundert: Das können nur die fragen, die selbst nicht arm sind.
Leder: Also das kann ich nicht so stehen lassen. Ich bin ab und zu in einem problematischen Wohngebiet in Erfurt. Da gibt es den sozial-diakonischen Verein »Jesus-Projekt«, den ich persönlich unterstütze. Da kommen Kinder, wie Sie sie geschildert haben, hin und werden betreut. Was mir da entgegenspringt ist nicht zuerst das Problem, dass die wegen Armut nichts zu Essen bekommen. Vielmehr, dass sie keinen zu Hause haben, der sich mit Liebe um sie kümmert. Und da frage ich mich: Was machen denn die Väter? Das kann man doch nicht zuerst dem Staat oder dem Sozialsystem anlasten. Da muss ich sagen: Ihr Väter, übernehmt mal eure Verantwortung und sitzt nicht nur da und trinkt euer Bier! Spielt doch mal mit euren Kindern!
Hundert: Wir müssen auf die Wurzeln dieser Situation schauen: Es liegt doch daran, dass die Eltern keine Perspektive mehr haben. Menschen, die arbeitslos werden, verändern sich. Sie fallen und fallen. Da kann man zehn Mal sagen: strukturiere deinen Tag.
Da kämpft man, bekommt aber keine Arbeit. Dann wird vielleicht plötzlich noch das Geld gestrichen, wie ich es selbst erlebt habe. Diese Ängste, die man da hat, die hat man zu DDR-Zeiten gar nicht gekannt. Und das zehrt am Selbstwertgefühl.
Leder: Da sehe ich auch eine ganz konkrete Herausforderung für uns als Christen: Wie können wir Menschen helfen, zu einem neuen Selbstbewusstsein zu kommen? Wenn jeder seinen Selbstwert nur darüber definiert, was er leistet und was er sich leisten kann, dann ist das eine furchtbare Gesellschaft. Aber wenn wir Menschen glaubhaft vermitteln können: Du bist wertvoll, weil du ein Geschöpf Gottes bist, dann ändern sich Menschen, weil sie sich geliebt fühlen. Wenn wir immer nur sagen, es muss mehr Geld in das System, dann ändert sich nichts.
Vogel: Es gibt in Deutschland auch keine Tradition des freiwilligen sozialen Abstiegs. Ich habe einen Freund in Holland, der hatte eine Chefposition in einem Großkonzern. Und der sagte mir mit Mitte 50 plötzlich: »Du, ich bin jetzt Stellvertreter geworden.« Ich frage wieso?: »Na ja, Kinder sind aus dem Haus, wir brauchen nicht mehr so viel Geld und jetzt habe ich dafür mehr Zeit.« Das wäre in Deutschland ja undenkbar. Diese alleinige Wertschätzung des Menschen durch seine Tätigkeit, die ist bei uns so verinnerlicht, dass es dann auch zu psychischen Problemen führt.

Wir haben uns Freiheit gewünscht. Jetzt haben wir die Freiheit, aber wir erleben offensichtlich auch eine ganze Menge negativer Entwicklungen …
Hundert: Mir kommt es so vor, als ob wir in den letzen Jahren immer mehr mit einer neue Ideologie konfrontiert sind. Am Anfang war von Sozialer Marktwirtschaft die Rede, aber inzwischen wird nur noch von Marktwirtschaft geredet. Und dann lese ich solche Überschriften in der Zeitung wie: »Elblandkliniken steigern Gewinn«. Und das stört niemanden! Wie kann man davon reden, dass man mit dem Leid und der Krankheit Gewinn macht?
Vogel: Das ist doch klar, das ist ein Geschäftsbetrieb als GmbH, das sind nicht die Samariter.
Frau Hundert: Lassen Sie mich doch auch mal so lange reden, wie Sie vorhin reden durften. Also, es gibt Sätze, da kann einem das Gruseln kommen. Wir haben eine ­Öko­nomisierung des gesamtes Lebens. Selbst in der Kirche hat dieser Trend Einzug gehalten. Jeder Zeitabschnitt in der Geschichte hat eine bestimmte Denkweise. Und bei uns ist die Denkweise Ökonomie. Vom Ehebett bis zum Tode.
Leder: Das ist die Frage an jeden Einzelnen. Was macht mein Leben aus? Richte ich es nur nach materiellen Gesichtspunkten aus, dann ist es meine Sache, aber es ist nicht die Gesellschaft. Und wenn der Eindruck erzeugt wird, 1989 haben wir geträumt, aber dann ging es letztlich nur bergab, dann erinnere ich mal: Ich habe 1990 begonnen, ein evangelisches Krankenhaus in der Region zu sanieren. Da gab es eine Heizungsanlage mit Rohbraunkohle, die war ein finsteres Loch. Da gab es eine Toilette auf der ganzen Station. Der OP-Saal hatte keine Klimaanlage, da wurde das Fenster aufgemacht, wenn es nicht mehr auszuhalten war. Und all so was. Und heute haben wir da ein Niveau, das ist super. Und egal aus welcher Schicht man kommt – man wird bestens behandelt.
Hundert: Ja, Sie haben ja sehr recht, dass es äußerlich wunderbar funktioniert.
Leder: Nicht nur äußerlich, auch inhaltlich.
Hundert: Ja, wenn es nur so wäre. Aber ich weiß zum Beispiel die Erfahrung von mehreren Altenpflegerinnen in verschiedenen Einrichtungen. Und die haben Burn-out-Syndrom. Und um das zu untermauern ein Zitat aus dem Bericht des sächsischen Diakonie-Direktors Christian Schönfeld vor der Frühjahrssynode: »Wir nehmen eine Diskrepanz wahr zwischen einem ständig wachsenden Bedarf an sozialen Dienstleistungen und einer sinkenden Bereitschaft zur Finanzierung dieser Leistungen.« Und so geht es weiter – insgesamt fünf Diskrepanzpunkte. Immer wieder Diskrepanzen.
Vogel: Wenn es heute eine Klage über diese Gesellschaft gibt, in die ich einstimmen würde, dann genau diese: dass nur Lobbyisten mit Verweis auf Gesetze nach mehr Geld schreien. Alle. Die Landwirtschaft will mehr Subventionen. Im sozialen Bereiche explodieren die Kosten. Wo soll denn das alles herkommen? Denken Sie an die DDR – hier ist ein ganzer Staat bankrott gegangen an diesem unwirtschaftlichen Denken. Wir sind am Ende gewesen. Die Umwelt war versaut, die Städte sind zusammengefallen, die Menschen waren geistig und geistlich verkümmert. Und jetzt? Sobald einer bei negativen Entwicklungen mal irgendetwas verändern will, schreien sofort alle: »Jawohl, muss sein, aber bitte nicht bei mir. Ich brauche noch mehr.« Das ist eine ­Lähmung, in der ich eine ganz große Gefahr für unsere Gesellschaft sehe.

Ein kurzes Statement zum Abschluss: 20 Jahre Einheit – sind wir trotz aller Probleme dankbar dafür?
Leder:
Uneingeschränkt: Ja!
Vogel: Ebenso Ja!
Hundert: (nach langem Zögern) Ja, aber ich hätte mir die neue Gesellschaft ohne Suppenküchen gewünscht.

vogelLutz Vogel, Jahrgang 1949, wohnt in Weimar.
Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Der promovierte Germanist war von 1992 bis 2001 Kulturstadtdirektor in Weimar, von 2001 bis 2008 Erster Bürgermeister und Kulturbeigeordneter in Dresden, von 2006 bis 2008 auch amtierender Oberbürgermeister.

lederDiethard Leder, Jahrgang 1951, wohnt in Erfurt-Stotternheim.
Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.
­Leder machte sich schon Anfang 1990 mit einem Projektierungsbüro für Haustechnik selbstständig. Das Büro hat heute 25 Mitarbeiter, eine Niederlassung in Köln und ist international aktiv.

hundertMaria Hundert, Jahrgang 1954, wohnt in Klipphausen nordwestlich von Dresden, ist verheiratet und hat drei Kinder.
Sie wuchs in einem Pfarrhaus mit neun Kindern auf, durfte nicht studieren und ­arbeitete als Arzthelferin.
Seit 1990 sind sie und ihr Mann immer wieder von Arbeitslosigkeit betroffen.