Selig sind, die anders handeln

Hoffnung für eine veränderbare Welt im Hier und Jetzt

Margot Käßmann zu den Seligpreisungen

(Fortsetzung von Eine Vision in Worte gefasst)

Margot Käßmann ist Pfarrerin der hannoverschen Landeskirche und ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Margot Käßmann ist Pfarrerin der hannoverschen Landeskirche und ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden: All zu viele finden sich ab. Wen interessiert in den reichen Industrienationen, dass fast eine Milliarde Menschen hungern. Das Elend der zwangsprostituierten Kinder? Die geschlagenen Frauen? Die gefolterten Menschenrechtsaktivisten?

Einen Hunger nach Gerechtigkeit für sie brauchen wir, damit sich etwas ändert. Einen Hunger, der etwas wagt, um satt zu werden. Eine Sehnsucht nach Gerechtigkeit, die es wagt, die Stimme zu erheben für die stumm Gemachten dieser Erde.

Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen: Bei der Geschichte vom barmherzigen Samariter stöhnen viele – alles bekannt. Aber wie sehr brauchen wir alle Barmherzigkeit! Wir sind doch keine Glamourwesen, die alles perfekt hinbekommen, so sehr manche Lebensfassade das auch vermitteln will. Barmherzig mit Fehlern und Verfehlungen der anderen, mit Schuld, die Menschen im Leben auf sich laden. Solche Barmherzigkeit zu erfahren macht frei, selbst barmherzig zu sein.

Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen. Was ist eigentlich das Gegenteil eines reinen Herzens? Verschlagen sein? Berechnend? Zynisch? Ein reines Herz ist wohl ein naives, das alles zum Besten kehren will. Es berechnet nicht, was das Beste wäre, sondern lebt frei und liebt unbefangen, vertraut ohne Vorbehalte. Ein Segen für die, denen ein solches Herz geschenkt ist, sie sind Gott nahe.

Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen: Was für eine Zumutung in der Welt der Waffenlobbyisten. Deutschland exportiert wieder vermehrt Waffen, auch in Krisengebiete. In kriegerische Auseinandersetzungen ist die Bundeswehr verwickelt. Wenn mir dann der Bundeswehrbeauftragte der Bundesregierung sagt, ich solle mich doch mit den Taliban in ein Zelt setzen und bei Kerzenlicht beten, dann denke ich, das ist sicher weitreichender, als Tanklastzüge zu bombardieren. Mir fehlt weiterhin Fantasie für den Frieden in unserem Land.

Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich: Erinnern will ich an die Gefolterten im Iran, in den Gefängnissen dort, die für Freiheit und Gerechtigkeit eingetreten sind. Frauen wurden brutal vergewaltigt, weil sie für ihre Rechte eintraten. Und Deutschland will kaum einen der Flüchtlinge aufnehmen, die in der Türkei auf Visum und Ausreise so dringend warten. Selig sind sie, weil sie Mut haben! Selig sind sie, die ­Geschundenen und Gefolterten und Vergewaltigten und Verängstigten dieser Erde! Was für ein Kontrastprogramm zu all der Macht, Gewalt, zu all dem Auftrumpfen der Gewehre und der Furchteinflößung.

Selig sind, die anders handeln. Widerständig, mit einer unbändigen Hoffnung treten sie an gegen alles ­Unrecht, das die Erde beherrscht. Alle sind dabei offenbar gemeint, nicht nur die Gläubigen, die Rechtschaffenen, die Angehörigen einer bestimmten Klasse oder Religion. Eine inklusive Hoffnungsgemeinschaft, die Grenzen überwindet – das macht die Seligpreisungen so anstößig und so bewegend. Sie werden Christinnen und Christen immer wieder aufrütteln, sich nicht anzupassen, auch wenn das für eine Kirche manches Mal angemessen scheint. Die Kirchen tun gut daran, diese Gedanken des Jesus von Nazareth wachzuhalten, auch als selbstkritischen Faktor, wenn sie allzu ruhig werden angesichts der Lage der Welt. Die Seligpreisungen sind nicht eine Vertröstung auf eine bessere Welt, sondern eine Aufforderung zur Einmischung in unserer Zeit und Welt. Ihr Kraftpotenzial hat sich durch die Jahrhunderte immer wieder erwiesen.

Margot Käßmann

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Reaktionen unserer Leser

2 Lesermeinungen zu “Selig sind, die anders handeln”
  1. Hunger ist SOG-Wirkung. Wenn unser Hunger = Sog nach Gerechtigkeit sich entfalten soll, dann wäre es höchst sinnvoll, wir würden ihn nicht durch eine ErZIEHung, die in WIRKlichkeit ErDRÜCKung ist, da sie nur immer den Druck steigert, ständig kleinhalten. Als Ich-kann-Schule-Lehrer beschäftige ich mich seit 35 Jahren mit der Kraft des Glaubens. Das Glauben hat auch SOG-Kraft. Wenn unser Glaube stark werden soll, dann müssen wir aufhören, unsere Kräfte dafür zu vergeuden, ihn in vorbereitete Schablonen zu drücken. Wenn der Hunger nach Gerechtigkeit eine starke Tugend werden soll, dann müssen wir uns selbst dafür begeistern, denn der Geist macht stark. Und erzeugt SOG-Wirkung.
    Es macht keinen Sinn, sich für das Gute zu quälen. Stärken sollen wir uns für das Gute und die Stärkung annehmen, die für uns bereitsteht. Wir sind alle mit Geist begabt, der uns zeigt, dass es etwas anderes ist, die göttlichen Kräfte gegen das Unrecht oder für das Wachstum des Rechten zu nutzen.
    Selig die, die sich nicht bloß einmischen sondern die Kräfte für das Gute stärken und sie Kraft des Geistes lenken!
    Franz Josef Neffe

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