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Alphabetisierung: Guatemalas Frauen lernen Lesen und Schreiben – mehr Bildung bedeutet weniger Ausbeutung

Guatemala gilt als das lateinamerikanische Land mit der höchsten Analphabetenrate. Besonders Frauen haben oft nie eine Schule ­besucht. Doch der Wille zum Lernen ist groß.

Lernen mit hoher Motivation: Viele der Frauen, die an dem Bildungsprogramm von IGER teilnehmen, haben längst ­eigene Kinder oder sind sogar schon Großmütter. (Foto: Andreas Boueke)

Lernen mit hoher Motivation: Viele der Frauen, die an dem Bildungsprogramm von IGER teilnehmen, haben längst ­eigene Kinder oder sind sogar schon Großmütter. (Foto: Andreas Boueke)



Die meisten Länder des Lateinamerikas sind seit Ende des vergangenen Jahrhunderts auf einem guten Weg, den Analphabe­tismus in absehbarer Zeit weitgehend zu überwinden. Zuletzt haben Venezuela, Bolivien, Nicaragua und Ecuador von der UNESCO die Medaille »Analphabetismus-freies Gebiet« erhalten. Das bedeutet, dass mindestens 96 Prozent der Bevölkerung schreiben und lesen können. Aber in Guatemala gibt es nicht einmal vertrauenswürdige Statistiken über die Zahl der Analphabeten. Nur rund die Hälfte der Kinder schließt das sechste Schuljahr und damit die Grundschule ab. Zugleich ist in keinem anderen Land Lateinamerikas das Vermögen der Gesellschaft so ungleich verteilt wie in Guatemala.

Mangelnde Bildung erleichtert Manipulation

Die Bildungsreferentin von UNICEF, Ana Maria Sanchez, sieht darin eine der Hauptursachen für das niedrige Bildungsniveau der Bevölkerungsmehrheit: »Viele Kinder sind zu arm, um in die Schule gehen zu können. Sie wohnen weit entfernt von der nächsten Schule. Oder sie müssen während der Erntezeit an die Küste ziehen, um dort auf den Plantagen zu arbeiten.« Auch der Staat verfüge nicht über ausreichend Mittel, weil es ihm nicht gelinge, genügend Steuern einzusammeln. »Die Reichen und die großen Firmen haben wenig Interesse daran, das zu ändern. Eine ungebildete Bevölkerung lässt sich leichter manipulieren. Je weniger Informationen die Leute haben, desto besser kann man sie ausbeuten«, so das bittere Fazit.

Die meisten Analphabeten in Guatemala sind Mayas. Eine Organisation, die sich um ihre Alphabetisierung bemüht, ist das guatemaltekische Institut für radiofone Bildung, IGER. Dessen Angebot funktioniert über Radiosendungen, die den Lernenden täglich die Unterrichtsinhalte vermitteln. Nur samstags kommen Lerngruppen zusammen. Das Konzept wurde von dem deutschen Pädagogen Franz Tattenbach entwickelt. Heute wird es von rund 40.000 Erwachsenen genutzt.

Seit dem Tod von Franz Tattenbach im Jahr 1992 wird das Institut von dem spanischen Priester José Maria Andrés geleitet. »Bildung ist der Schlüssel zur Entwicklung«, sagt er. Und fügt hinzu: »Meiner Erfahrung nach bringen gerade diejenigen Menschen, die besonders unter Armut und Ausbeutung leiden, eine außergewöhnliche Kraft auf, um Zugang zu Bildung zu bekommen.«

Seit den Lebzeiten des Gründers Franz Tattenbach hat die Beteiligung deutscher Pädagogen an der Erwachsenenbildung von IGER Tradition. Die pensionierte Grundschullehrerin Renate Hacke hat schon mehrere Jahre als Bildungsreferentin in Guatemala verbracht: »Eigentlich muss der Staat für Bildung sorgen. Aber wo der Staat nicht greift, finde ich es in Ordnung, wenn private Institutionen oder die Kirche Unterstützung leisten.«

Eine Lerngruppe trifft sich in einem Grundschulgebäude der Ortschaft Candelaria im Hochland Guatemalas. Die junge Sekretärin Claudia Boch aus Deutschland ist eine der Freiwilligen, die ihre Zeit opfern, um für eine Lerngruppe zur Verfügung zu stehen: »Die meisten Frauen in meiner Klasse hatten früher nicht die Möglichkeit, eine Schule zu besuchen. Oder sie ­haben nur das erste Schuljahr abgeschlossen und mussten dann Geld verdienen.«

Ein kleiner Ball fliegt durch das Klassenzimmer. Die Frauen werfen ihn einander zu, solange Claudia Boch mit einem Stab auf einen Pult schlägt. Wer den Ball in dem Moment in der Hand hält, in dem die Lehrerin mit dem Schlagen aufhört, muss nach vorne treten und an der Tafel Laute ­lesen. In dem Klassenraum sitzen ­ausschließlich Frauen, obwohl Männer auch zugelassen sind. Aber die meisten Männer hatten während ihrer Jugend mehr Gelegenheit, zur Schule zu gehen. Noch heute gibt es in Guatemala viele Eltern, die ihre Söhne zur Schule schicken, ihre Töchter aber nicht. Maria Tacatic Toj ist Mutter von zehn Kindern. Sie ist vor Kurzem 43 Jahre alt geworden. Aber erst jetzt hat sie begonnen, lesen und schreiben zu lernen: »Früher hat man uns immer gesagt, die Schule sei nur für die Jungen. Die Mädchen bräuchten das nicht. Deshalb habe ich nichts gelernt. Ich weiß nichts. Ich kann nicht einmal eine Zahl schreiben.«

Motivation: »Ich möchte meinem Land dienen«

Auch der deutsche Gesamtschullehrer Wolfgang Hacke unterstützt die Alphabetisierungskampagnen. Früher hat er Religion und Deutsch unterrichtet. Seit seiner Pensionierung koordiniert er das Bildungsprogramm von IGER im Nordosten von Guatemala: »Ich habe meine Schüler gefragt: ›Warum geht ihr überhaupt zur Schule?‹ In Deutschland haben sie mir geantwortet: ›Weil ich anständig Geld verdienen will.‹ Die Antworten hier sind anders: ›Ich möchte meinem Land dienen und der Gemeinde, in der ich geboren bin, meine Kenntnisse zur Verfügung stellen.‹«

Eine solche auf die Gemeinschaft bezogene Motivation findet sich in Guatemala nicht nur unter den jungen Schülern und Schülerinnen, sondern vor allem auch unter denen, die erst im Erwachsenenalter Lesen und Schreiben lernen. Die 47-jährige Rosalinda Xocojay müht sich noch mit dem ABC ab. Doch: »Wenn ich einmal gut lesen kann, werde ich es anderen Leuten beibringen, damit sie auch lesen lernen.«

Andreas Boueke

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