Erntebilanz über das Lebensglück

30. September 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Unser Leben ist geprägt vom »Zuviel«, dabei wäre weniger mehr.

Foto: epd-bild

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Alljährlich wiederholt sich ein spätsommerliches Ritual: Agrarexperten treten vor die Presse, um Bilanz über die eingefahrene Ernte zu ziehen: bei uns, im nationalen Bewertungsrahmen, auf EU-Ebene und auch international. Von den Ergebnissen werden dann die Auswirkungen auf die globalen Agrarmärkte abgeschätzt: die Preiserlöse für die Bauern, die Handelsspannen für die Agrar- und Ernährungswirtschaft, die Verbraucherpreise für uns Konsumenten.
Vielleicht sollte unsere Gesellschaft auch einmal ihre Erntebilanz ziehen und die Auswirkungen auf unser ­Leben überprüfen. Nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht. Nein, eine Glücksbilanz über die Zufriedenheit in Familie, Beruf und ­Ehrenamt. Schnell würde sich ­herausstellen, dass finanzieller Erfolg und materieller Wohlstand als vermeintliche Erntefrüchte eines Lebensjahres ­innerlich kein Glück verschaffen.

Darin liegt die Problematik unseres Systems unendlichen Wirtschaftswachstums zur Wohlstandsvermehrung. In Zeiten von Knappheit an Gütern, wie nach dem Zweiten Weltkrieg oder in den Entwicklungsländern heute, werden Versorgungsmängel durch rasches Wachstum dank technischen Fortschritts behoben. Der Wohlstand wächst. Oftmals auf Kosten der Umwelt und sozialer Gerechtigkeit. Wenn in kürzester Zeit möglichst viel produziert wird, ob Lebensmittel oder Konsumgüter, sind Wasser- und Klimaschutz, der Umgang mit Boden und Tieren – und nicht zuletzt das Wohl der Menschen, ob Bauern oder Arbeiter, nicht von Belang. »Externa­lisierung sozialer und ökologischer Kosten«, nennt das die Volkswirtschaftslehre.

Solange die Ressourcen im Überfluss vorhanden sind und das Wissen um Ausbeutung, Kinderarbeit und Lohndumping wenig verbreitet ist, rollt die Wachstumsmaschinerie mit ihrer eigenen Logik: immer mehr, schneller, höher, weiter, größer. Wenn ein bestimmter Bedarf an Essen, Trinken, Wohnen, Kleidung und Mobilität gesättigt ist, setzen kommerzielle Bedürfnisweckung und materielle Glücksversprechen ein. Wir kaufen Dinge, die wir nicht brauchen mit Geld, das wir nicht haben, um Leute zu beeindrucken, die wir nicht mögen. Das schafft kein Glück, nicht einmal Zufriedenheit, sondern höchstens oberflächliche Befriedigung und Abwechslung. Es wird sogar zum Problem für die Umwelt, die Boden- und Wasserqualität, das Klima, den Tierschutz – und auch für uns Menschen.

Das System der Wachstumslogik kennt weder Maß noch Ziel. Ein begrenzendes und innerlich befreiendes »Es ist genug!« wird aus diesem System nicht erwachsen. Oder, wie der Träger des Wirtschaftsnobelpreises Paul Samuelson sagt: »Der Markt hat kein Herz, der Markt hat kein Gehirn.« Der Markt kümmert sich weder um Gerechtigkeit oder Zufriedenheit, sondern er ist in sich ungerecht, destruktiv und krisenanfällig. Der ­vermeintliche individuelle Zuwachs an Glücksempfinden durch Ansammlung von Reichtum und Gütern erreicht eine Grenze, wenn es reicht. Er verliert an Bedeutung und kehrt sich ins Gegenteil, weil der dafür gezahlte Preis auf Kosten der Umwelt und der Lebensqualität geht. Mit Lebensqualität sind mitmenschliche Beziehungen, Sicherheit, Geborgenheit, Heimatbindung und Vertrauen gemeint.

Es braucht eine Begrenzung des »too much« auf ein gesundes Augenmaß: beim Essen (Stichwort: XXL-Mahlzeiten), beim Trinken (Stichwort: Flatrate-Trinken), bei der Unterhaltung (Stichwort: TV-hopping), bei der Tierhaltung (Stichwort: industrielle Massentierhaltung), bei den Abfindungen (Stichwort: Managergehälter) und bei der Information (Stichwort: Mailflut). Unser Leben ist geprägt von Grenzüberschreitungen, vom »Zuviel«. Eine Balance muss gefunden werden, in der die Werte der Wirtschaft und Politik mit Lebenswerten unserer Gesellschaft wieder zueinander finden.

So gesehen kann Erntedank auch Anlass zum Besinnen und zur eigenen Lebensbilanz über Zufriedenheit sein. Gelegenheit, darüber nachzudenken, ob unser »modern way of life« in die richtige Richtung führt – nicht im Interesse einer Wachstumslogik, sondern menschlichen Lebensglücks.

Clemens Dirscherl

Der Autor ist Geschäftsführer des Evangelischen Bauernwerks in Waldenburg – Hohebuch und Ratsbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für Landwirtschaft, Ernährung und ländliche Räume. Der promovierte Sozialökonom ist Mitglied im Nachhaltigkeitsbeirat der deutschen Ernährungswirtschaft und Vorsitzender der Projektgruppe »Nachhaltiger Konsum« des Landes Baden-Württemberg.

Mit Kuhzunge und Uhuohr gegen den Klimawandel

25. September 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Tolle Knollen: Agrar-Ingenieur Raúl Inostroza hat in der Region um das ­peruanische Andenstädtchen Vilcashuamán viele alte Kartoffelsorten wieder heimisch gemacht. Foto: epd-bild/Christof Krackhardt

Tolle Knollen: Agrar-Ingenieur Raúl Inostroza hat in der Region um das ­peruanische Andenstädtchen Vilcashuamán viele alte Kartoffelsorten wieder heimisch gemacht. Foto: epd-bild/Christof Krackhardt


Perus Bauern lesen keine Zeitungen mit Berichten über den Klimawandel. Aber sie spüren ihn. Ein Agrar-Ingenieur sucht nach Lösungen.

Entlehnungen aus dem Tierreich sollen ihr Aussehen beschreiben: die rote, längliche Kuhzunge, das bläuliche Stierhorn, das verschrumpelte Ohr des Uhus. Sie alle sind Kartoffelsorten, die Raúl Inostroza in der Region um das peruanische Andenstädtchen Vilcashuamán wieder heimisch gemacht hat. Besonders angetan hat es dem Agrar-Ingenieur die Sorte Allqu Puñuy – »wie der Hund schläft« in der Indianer-Sprache Quechua.

Triumphierend hält Inostroza die sonderbar gekrümmte Kartoffel in die Höhe, die er soeben aus dem Acker gegraben hat. »Das wird eine der Ressourcen sein, um dem Klimawandel zu begegnen«, sagt der 50-Jährige. »Diese Sorte ist resistent gegen Dürre und außerdem nahrhaft.« Die dünne Luft auf 3500 Metern Höhe scheint Inostroza nichts anzuhaben. Unermüdlich stapft er mit dem verschmitzten Lächeln eines Schuljungen über den Acker und präsentiert weitere Sorten. Die Kartoffeln ­sehen so exotisch aus wie ihre Namen klingen, auch der violett-weiß gefleckte Falkenkopf ist dabei.

107 ursprüngliche Sorten vor dem Aussterben bewahrt

107 ursprüngliche Kartoffelsorten hat Inostroza vom Aussterben gerettet. Es sind alles Sorten, die schon die Inkas, die zwischen dem 13. und dem 16. Jahrhundert die Andengegend ­bevölkerten, kannten, die aber fast vergessen waren. Wieder aufgespürt hat sie Inostroza während seiner ­jahrelangen Arbeit in abgelegenen Dörfern, als Ausbilder der vom evangelischen Hilfswerk »Brot für die Welt« unterstützten Bauernorganisation Chirapaq. Dort realisierte Inostroza auch, dass der Klimawandel längst Realität geworden ist: »Es sind die Bauern, die das besorgt feststellen«, erläutert er. »Sie lesen nicht Zeitungen oder Fachartikel, aber sie spüren den Klimawandel sehr konkret: Seit etwa vier Jahren sind die Wetteränderungen heftiger, stärker und häufiger, extremen Dürreperioden folgen extreme Regenfälle.«

Für die Bauern in Vilcashuamán ist dies bedrohlich. Die Region gehört zu den ärmsten Perus. Über ein Drittel der Familien lebt in extremer Armut. Sechs von zehn Kindern sind mangelernährt. Dabei war Vilcashuamán einst reich. Der legendäre Inkaherrscher Pachacutec, der Sohn der Sonne, baute hier im 15. Jahrhundert seine ersten Tempel und Pyramiden. Grundlage des Reichtums waren seine Landwirtschaftsreformen, die die Inkas zum Imperium Südamerikas aufsteigen ließen – bis die spanischen Eroberer kamen.

Altes Inkawissen wieder für Bauern nutzbar machen
»Der Staat fördert nur Monokulturen mit Spitzentechnologie, für den Export«, klagt Inostroza. Außen vor bleibe die Mehrheit der Kleinbauern, die mit Betrieben zwischen einem und drei Hektar mehr schlecht als recht lebe. Chirapaq fordert stattdessen die Rückbesinnung auf die Kultur der Inkas. Inostroza: »Wir müssen künftig noch mehr arbeiten, wie es die Inkas taten: verschiedene Sorten zu verschiedenen Zeitpunkten aussäen, an verschiedenen Orten.«

Mehrere Hundert Familien konnte Chirapaq bereits für Biolandwirtschaft nach Inka-Vorbild gewinnen. Sie pflanzen nicht nur die alten Kartoffelsorten an, sondern auch Saubohnen, Knollenbaselle und Andenhirse, alles Nutzpflanzen der Inkas. »Mit Biodiversität begegnen wir Klimawandel und Armut«, fasst Inostroza die Strategie zusammen.

Nicht überall haben die traditionsbewussten Ökopioniere Erfolg. Die Region war jahrelang Schauplatz eines blutigen Krieges zwischen der Guerrilla des Leuchtenden Pfads und der peruanischen Armee. Nach dessen Ende im Jahr 1993 blieben Tausende von Witwen und Waisen zurück – und ein tief sitzendes Misstrauen. »Viele haben Angst, als Pionier in Erscheinung zu treten«, sagt Inostroza, der sich selbst jahrelang vor Guerrilla und Armee verstecken musste.

Doch der Ingenieur lässt sich nicht beirren. Unermüdlich stapft er weiter über den Acker, bis er die Kartoffel findet, um die sich so viele Sagen ranken: Yana Llumchuy Waqachiq – »die Schwarze, die die Schwiegertochter zum Weinen bringt«.

Der Name der Knolle rührt daher, dass nur diejenigen jungen Frauen, die die stark gefurchte Knolle sauber schälen können, als Braut infrage kommen. Die Frauen, die den Schwiegertochtertest bestehen, revanchieren sich auf ihre eigene Art, wie in den Bauernfamilien in Vilcashuamán zu erfahren ist. Sie setzen ihren Männern mit Vorliebe diejenigen Knollenfrüchte vor, die schon Pachacutec seinen Soldaten gab, nämlich die Oca (knolliger Sauerklee) und die Mashua (knollige Kapuzinerkresse). Sie mindern die Fleischeslust und stärken die Schaffenskraft. (epd)

Matthias Knecht

Rückzugsort vor den Parolen

24. September 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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»Der arme Poet«, gemalt von Carl Spitzweg, Foto: wikipedia

»Der arme Poet«, gemalt von Carl Spitzweg, Foto: wikipedia


Warum der vor 125 Jahren verstorbene Maler Carl Spitzweg in der DDR so beliebt war.

Die gute alte Zeit. Besungen, bedichtet, beschworen. Einer hat sie gemalt: Carl Spitzweg (1808–1885).

Während die Eisenbahn im 19. Jahr­hundert das Leben zu beschleunigen beginnt, Karl Marx die kapitalistische Gesellschaftsordnung ins Visier nimmt und Revolutionen in halb Europa die politischen Verhältnisse grundlegend ändern, zeichnet er Bilder mit Titeln wie »Der Bücherwurm«, »Der abgefangene Liebesbrief« oder »Der Kaktusfreund«. Spitzweg ist der Antifaust, wenn er mit fotografischem Zugriff den Augenblick ins Bild bannt: »Verweile doch! Du bist so schön!« Da ist kein grenzenloser Tatendrang zu spüren, keine Wissbegierde nach dem, was die Welt zusammenhält. Bei Spitzweg steht die Zeit still. Ist die kleinbürgerliche Biedermeierwelt deshalb die gute alte, weil sie sich all dem Vorwärtsdrängenden und Umstürzlerischen verweigert? Ist Spitzweg ein Mann, der aus dem ­Jahrhundert fiel?

Ursprünglich zum Apotheker ausgebildet, hat Spitzweg geniale Farben geschaffen, vor allem sein legendäres Blau. Manche Bilder sind voller Hintersinn. Sein von der Prager Synagoge inspiriertes Bild von Juden, die die Heilige Schrift studieren, ist ohne jegliche Ressentiments und anrührend. Doch in seiner eigenen Zeit fand sein Werk wenig Beachtung. Er hat keine Kunstakademie besucht und bildete sich, dank einer reichen Erbschaft, ­autodidaktisch zum Maler aus.

Die große Spitzweg-Renaissance setzt erst nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Nach all dem Kriegsgetöse, Reichsparteitagsgebrüll und dem durch millionenfaches Sterben ­ver­ursachten Leid in den Familien war die Sehnsucht nach einer guten alten Zeit groß. Spitzwegs Bilder boten die Flucht ins Private an, den Rückzug in die eigenen vier Wände, das häusliche Glück, das viele erst wiederfinden mussten. »Der arme Poet«, sein wohl bekanntestes Bild, steht paradigmatisch für diese Sehnsucht. Die Dichterstube wirkt behaglich und gemütlich, zwei urdeutsche und unübersetzbare Wörter. Nur ein Floh plagt den Poeten. Andere Bilder Spitzwegs künden von Wehmut und Weltschmerz und sind nah an der deutschen Romantik, ­einem ebenfalls sehr deutschen Phänomen. Mit der Flucht ins traute Zuhause korrespondierte, vor allem im Spätwerk, das Wandern in der Natur, der Auszug in die Idylle fernab des städtischen Treibens.

Durch unzählige Reproduktionen hat es Spitzweg in Millionen deutscher Haushalte in West und Ost geschafft. Dass ihn die DDR-Oberen durch Druckgenehmigungen sogar befördert haben, erstaunt zunächst. Die fundamentale Kritik des Christentums durch den Philosophen Ludwig Feuerbach, die vorindustriellen Aufstände der schlesischen Weber, der politische Vormärz, alle diese, für das sozialistische Selbstverständnis der DDR so wichtigen Ereignisse sind an Spitzwegs Bildern spurlos vorübergegangen. Von Marx und Engels ganz zu schweigen. Stattdessen kleinbürger­liche stillstehende Zeit. Es sieht wie ein Burgfriede aus, wie ein Ventil, das man den Deutschen in der DDR gewährte.

Der Spitzweg an der Wohnzimmerwand fand sein Pendant im Kleingarten. Rückzugsort vor all den politischen Parolen, Stasi-Überwachungen und Schikanen auf den Behörden. Kein Huldigen an den Fortschritt. Statt Ausreise Einkehr. Idylle und Natur. Hier bin ich Mensch, hier kann ich sein. Ich züchte Kakteen, lese oder ­beobachte Schmetterlinge. Und am Sonntag geht die Familie spazieren. Alles Motive von Spitzwegs Bildern. Die gute alte Zeit. Es gab sie. Auch in der DDR. Am 23. September vor 125 Jahren ist Carl Spitzweg in München gestorben.

Felix Leibrock ist Pfarrer, Buchautor und nebenamtlicher Studienleiter der Evangelischen Akademie in der Lutherstadt ­Wittenberg.

Gott – der große Ursprung aller Welten

24. September 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Theologe Jörg Zink zum wichtigsten Gebet der Christenheit – dem Vaterunser (Schluss)

Was soll man beten?«, fragten die Jünger Jesu. Und er gab ihnen das große und einfache Gebet, das wir Vaterunser nennen. In einer dreiteiligen Beitragsserie beschäftigt sich Jörg Zink mit diesem Gebet und den einzelnen Bitten.

Erlöse uns von dem Bösen«, sagen wir. Damit ist gemeint: Alles, ­unsere ganze Menschenwelt, ist in den Pranken des Bösen. Gewalt und Bosheit herrschen unbegrenzt, und wenige nur setzen ihnen wirklich ­etwas entgegen. Die Gefahr ist, dass wir glauben: Das Böse oder der Böse – das Wort lässt offen, ob das Böse eine ­anonyme oder eine personenähnliche Macht ist – hat die letzte Macht.

Wir bitten Gott also dringend: Löse die Gewalt, mit der das Böse oder der Böse – gleichviel – uns im Griff hat. Denn wir möchten, nein, wir müssen glauben dürfen, dass du bist, dass du die Macht hast, dass du uns in unserem Elend zugewandt bist, dass wir uns auf dich verlassen können und dass du uns einer Zukunft entgegenführst, in der es ein Aufatmen für uns gibt, in der es möglich ist, ohne Angst zu leben.

»Dein ist das Reich.« So beginnt der Abschluss des Vaterunsers. Das ist keine Bitte mehr. Es ist eine Feststellung. Damit sagen wir: Du bist letztlich der Herr. Du bestimmst, was geschieht. Auch mit uns. Auch mit dieser ganzen Erde. Du bist der große Ursprung der Welt und aller Welten, die es je gab und je geben wird. Du bist das Ziel, auf das alles zuläuft. Du bist der, der auch den kurzen Augenblick, in dem wir Menschen unsere Tage verbringen, in der Hand hat, der ihn bestimmt und gestaltet, und dir vertrauen wir heute, immer, den folgenden Tag an. »Dein ist die Kraft«, ­sagen wir. Aus ihr kommt die ganze Entwicklung dieser Welt seit dem Urknall.

Mit deiner Kraft wirst du die Welt an ihrem Ende auffangen und erneuern in unendlichen neuen Anfängen. Denn es ist keine Kraft in der Welt, in der du nicht wirkst; kein Gesetz kommt anderswoher als aus deinen Gedanken. Kein Ding nehmen wir in Gebrauch, das sein Wesen nicht hätte aus deiner Kraft. Und wir selbst bringen unsere Kraft ein in das Spiel aller Kräfte, die aus dir sind, denn wir ­wissen: Auch die kleine Kraft, mit der wir unser Werk tun, ist von dir.

»Dein ist die Herrlichkeit«, so schließen wir. »Herrlichkeit« ist ein nicht ganz deutliches Wort. Was der Jude von damals damit meinte, drückte er in dem hebräischen Wort »kabod« aus. Es bedeutete: das Gewicht, das Gott für diese Welt darstellt, die Heiligkeit, die schöpferische Kraft, die erschreckende Souveränität, die ihm eignet. Die unendliche Wesentlichkeit gegenüber aller Scheinbarkeit. Das unendliche Maß an Realität, demgegenüber das, was wir Realität nennen, sich schon fast ins Nichtreale verliert. Zugleich aber ist diese Wirklichkeit die Quelle dessen, was auf dieser Erde wirklich ist.

Wir sagen also: Was es an Größe gibt in dieser Welt, ist groß, weil du es bist. Alles Staunenswerte, das wir Menschen schaffen, hat seine Herrlichkeit von dir. Alle Schönheit ist ­Abglanz deiner Schönheit. Das Beste an unseren Gedanken, das Beste, das uns gelingt, ist Anteil an deiner ­Herrlichkeit. Und all das gilt »in Ewigkeit«.

Wenn wir also wollen, können wir das Vaterunser noch einmal lesen, mit Versuchen einer deutlicheren Übersetzung, die seinen Sinn da und dort vielleicht ein wenig besser zeigt: Unser Vater, Gott, der du uns aus deiner Verborgenheit heraus ansprichst, du sollst uns heilig sein. Verwandle die Welt in dein Reich. Setze deinen Willen durch, dort, wo wir ihn wahrnehmen, und dort, wo er uns verborgen ist. Das Brot, das für uns in deinem Reich bereitliegt, gib uns heute. Löse uns aus der Verstrickung in unsere Verfehlungen, wie wir diejenigen aus ihrer Verstrickung lösen, die an uns schuldig werden. Lass uns nicht in die Gefahr geraten, deine Hand loszulassen, sondern mache uns frei von der Macht des Bösen. Denn du bist der Kommende, du hast die Macht. Du bist der Heilige, jetzt und in Ewigkeit.

Der Autor Jörg Zink (87) ist evangelischer Pfarrer und Buchautor aus Württemberg und war viele Jahre Sprecher des Worts zum Sonntag.

Hartz IV: Neue Rechnung oder neuer Anstrich?

24. September 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Reform des Arbeitsmarktes nannte sich das Projekt, dass die Bundesregierung unter SPD-Führung 2002 auf den Weg brachte. Heraus kam unter anderem das ­umstrittene Hartz IV. Über Namen und Inhalt wird derzeit wieder heiß diskutiert.

Schöngefärbt: Eine gute halbe Woche lang bot die angedachte Namens- änderung von Hartz IV zu Basisgeld Anlass für Spott und Hohn. Foto: picture-alliance/Hanna Witte

Schöngefärbt: Eine gute halbe Woche lang bot die angedachte Namens- änderung von Hartz IV zu Basisgeld Anlass für Spott und Hohn. Foto: picture-alliance/Hanna Witte

Wem nützt ein neuer Name für das wohl einzige deutsche Gesetz, das ausschließlich über seine umgangssprachliche Bezeichnung bekannt ist? Im Duden ist es längst zum Eigennamen mit sächlichem Artikel geweiht: »das« Hartz (Arbeitsmarktprogramm).

Als umfassende Sozialreform wurde das 2005 eingeführte »Gesetz zur Grundsicherung für Arbeitsuchende« bezeichnet. Dahinter versteckt sich die Zusammenlegung der alten Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe. Mit vollblumigen Worten hatten Politiker seinerzeit verkündet, mit Hartz IV eine bessere Betreuung der hilfebedürftigen Menschen zu erreichen. Dabei wurde unterstellt, dass die alte Arbeitslosenhilfe und die damalige Sozialhilfe ähnliche Gesetze seien und den gleichen Personenkreis betreuen. Schon hier ist der erste Pferdefuß versteckt. Die Arbeitslosenhilfe orientierte sich am vorherigen Lohneinkommen, die Sozialhilfe nicht. Mit der Zusammenlegung dieser beiden Gesetze wurden alle Betroffenen gleichermaßen zu staatlichen Transferleistungsbeziehern. Der monatliche Zahlbetrag stützt sich auf den Eckregelsatz und wird auf der Grundlage der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) statistisch erhoben.

Der Eckregelsatz ist dabei nicht nur für Hartz-IV-Leistungen wichtig, sondern hat viel größere Auswirkungen. Er bestimmt weiterhin zum Beispiel auch die Höhe der Grundsicherung im Alter, die Barbeträge (Taschengeld) für Menschen, die in stationären Einrichtungen leben und definiert die Höhe der Grund- und Kinderfreibeträge im Einkommenssteuergesetz, also das steuerlich zu schonende ­Existenzminimum aller Bürger. Der Eckregelsatz definiert den nach dem Sozialhilferecht notwendigen Mindestbedarf.

Wer legt fest, was ein Mensch in Deutschland zum Leben braucht? Diese normative Aufgabe kommt der Politik zu. Zur Bestimmung des Eckregelsatzes wird das Verbrauchsverhalten der beiden untersten Einkommensgruppen betrachtet. Der Gesetzgeber entscheidet, welche Ausgaben davon regelsatzrelevant sind und ­welche nicht. Die letzte statistische Auswertung fand 2003 statt. Schon damals war der Eckregelsatz zu niedrig, um ein menschenwürdiges Leben zu gewährleisten. In der Regelsatzverordnung hat der Gesetzgeber Abschläge für einzelne Ausgaben von über 30 Prozent vorgenommen. Diese Vorgaben waren häufig sachfremd und kaum nachvollziehbar.

Oberkirchenrat Eberhard Grüneberg ist Vorstandsvorsitzender des ­Diakonischen Werkes Evangelischer Kirchen in Mitteldeutschland.

Oberkirchenrat Eberhard Grüneberg ist Vorstandsvorsitzender des ­Diakonischen Werkes Evangelischer Kirchen in Mitteldeutschland.

Neben diesen prozentualen Abschlägen wurde auch auf eine eigenständige Berechnung für Kinder verzichtet. Vielmehr wurden die Kinder anteilig auf den Eckregelsatz eines ­Erwachsenen gerechnet. Aber Kinder sind nicht einfach kleine Erwachsene, Kinder haben andere Bedürfnisse. Sie brauchen Schulranzen, Geld für Klassenfahrten und wechseln häufiger die Schuhe. Hinzu kommt, dass die statistische Bezugsgruppe stark gekennzeichnet war von allein lebenden älteren Menschen. Deshalb fordert die Diakonie auch eine andere Bezugsgruppe für die Berechnung der Eckregelsätze. Ebenso die angemessene Berücksichtigung notwendiger Bildungskosten für Kinder in einkommensarmen Haushalten.

Insbesondere auf die Abschläge weist das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil vom Februar 2010 hin. Es fordert eine Neuberechnung der Eckregelsätze in einem transparenten Verfahren. Wem nützt da die Diskussion um die Einführung einer Chipkarte für Kinder? Das ist ebenso ein Nebenschauplatz wie die Suche nach einem neuen Namen, einem neuen Etikett für Hartz IV. Nicht der Name muss ersetzt werden, sondern die Form der Berechnung!

In den nächsten Tagen wird die Bundesregierung erklären, wie der Eckregelsatz ab Januar 2011 zu gestalten ist. Hier sind alle aufgefordert, auch Kirche und Diakonie, sich aktiv in die notwendige Diskussion einzubringen. Auch diakonische Forderungen an den Eckregelsatz müssen transparent sein, damit sie für Betroffene und Entscheider nachvollziehbar sind. Mit ­einem verständlichen Zahlenspiegel werden wir unsere Forderungen bekräftigen und damit in der bevorstehenden politischen Diskussion für die Belange von fast elf Millionen Menschen in unserem Land eintreten, die heute in Armut oder an der Risikoschwelle zur Armut leben.

Eberhard Grüneberg

Familie für kurze Zeit

18. September 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Kinder in familiärer Not: In Bereitschaftspflegefamilien finden Kinder vorübergehend ein Zuhause

In Bereitschaftspflegefamilien kommen Kinder ­unter, die das Jugendamt kurzfristig von ihren Eltern trennen muss. Sie bleiben dort, bis sich ihre Situation geklärt hat. Familie Turban in Leipzig hat sich für familiäre Bereitschaftspflege entschieden.

Von Maxie Thielemann

Familie Turban, v. re. Vater Hans-Joachim, Mutter Freya, Sohn Aaron und Tochter Tabea. (Foto: Uwe Winkler)

Familie Turban, v. re. Vater Hans-Joachim, Mutter Freya, Sohn Aaron und Tochter Tabea. (Foto: Uwe Winkler)

Mit müden Augen guckt der kleine Sascha (Name von der Redaktion geändert) aus seinem Kinderbettchen. Freya Turban lächelt ihn an, flüstert »Schlaf mal schön weiter« und schließt vorsichtig die Schlafzimmertür. Seit knapp sieben Monaten wohnt der eineinhalbjährige Junge bei ihr und ihrer Familie in Leipzig. Hier hat er Geborgenheit, die es in seinem eigenen Zuhause nicht gab.

Das Jugendamt musste Sascha von seinen leiblichen Eltern trennen. Bis entschieden ist, ob er zu ihnen zurückdarf, Adoptiveltern bekommt oder ins Heim geht, bleibt er bei Familie Turban. Sie gehört seit viereinhalb Jahren zur familiären Bereitschaftspflege von Jugendamt und Diakonie in Leipzig.

Immer dann, wenn das Jugendamt minderjährige Kinder kurzfristig in Obhut nimmt, um sie vor Gefahren in der eigenen Familie zu schützen, sind Bereitschafspflegefamilien gefragt. Anders als bei der Dauerpflege nehmen sie ein Kind übergangsweise, oft nur für wenige Wochen oder Monate, bei sich auf.

»Wenn wir gerade kein Kind hier haben, sind wir in Rufbereitschaft«, erzählt Freya Turban. »Dann wird uns oft ganz kurzfristig gesagt, dass beim Allgemeinen Sozialen Dienst des Jugendamtes ein neues Pflegekind auf uns wartet.« Bisher ­waren sieben verschiedene Mädchen und Jungen bei den Turbans zu Gast. Ein Mädchen blieb sogar ein ganzes Jahr. Und noch immer hängen alle ihre Fotos an der Küchenwand.

Freya und Hans-Joachim Turban haben zunächst ihre eigenen fünf ­Kinder großgezogen, bevor sie sich für die familiäre Bereitschaftspflege entschieden haben. Die zwei Jüngsten, die noch zu Hause wohnen, waren damit einverstanden. Ihre Mutter ist nun rund um die Uhr auch für Pflegekinder da, ermöglicht ihnen einen geregelten Tagesablauf, spielt mit ihnen, bringt sie zum Arzt. Dafür erhält die 49-Jährige eine Aufwandsentschädigung und finanzielle Unterstützung für die materiellen Kosten.

»Die Kinder gehören bei uns richtig dazu«, sagt sie. »Sie kommen überall mit hin. ­Unsere Verwandten und Bekannten machen genau wie wir keinen Unterschied zu unseren eigenen Kindern.«

Ihre 18-jährige Tochter findet das gut: »Zu meinen Freunden sage ich auch: das ist mein kleines Geschwisterchen.« Sie halten auch dann noch Kontakt zu den Pflegekindern, wenn diese längst zu ihren leiblichen Eltern zurückgekehrt sind oder Adoptiveltern gefunden haben.

Katrin Hoffmann vom Leipziger Jugendamt hat großen Respekt vor den Familien, die sich diese Aufgabe zutrauen, denn: »Es ist ein hartes Brot, wenn man von jetzt auf gleich ein Kind zu sich nimmt, das man nicht kennt. Das kostet sehr viel Kraft.«

Das gemeinsame Ziel bleibe immer, dass die Pflegekinder zu ihren leiblichen Eltern zurückgehen können. Dafür treffen sich die Turbans ­regelmäßig mit den leiblichen Eltern. Auch wenn sie die oft traurigen Geschichten der kleinen Gäste kennt, empfindet Freya Turban keine Wut: »Ich sehe die Eltern auch ein ganzes Stück als Opfer. Die machen das ja nicht, um ihrem Kind zu schaden. Die kommen ja auch aus einer Geschichte.«

Die Bereitschaftspflegefamilien sind nicht auf sich allein gestellt. In Leipzig kümmert sich die Diakonie als Freier Träger um die Pflegeeltern, unterstützt sie mit einem Notruftelefon und Weiterbildungen. Regelmäßig können sich die Pflegefamilien untereinander austauschen und auch mal eine Pause einlegen. Die oft traumatisierten Pflegekinder sollen sich in den Übergangsfamilien sicherfühlen. Marion Wiegand von der Diakonie schaut sich interessierte Familien deshalb genau an: »Wir lernen sie in einem Einführungskurs kennen und bekommen dort einen ersten Eindruck. Wir gehen auch zu ihnen nach Hause, sprechen über ihre Motivation, über ihre Lebensgeschichte und das, was ihnen in der Erziehung wichtig ist.«

Noch bevor Freya Turban den kleinen Sascha zum Mittagsschlaf ins Bett gelegt hat, kam ein Anruf vom Jugendamt. Der kleine Junge soll nun woanders untergebracht werden. Für die Pflegefamilie ein kleiner Schock. »Wir dürfen ja erleben, wie die Kinder bei uns heil werden, wie sie sich entwickeln, wie sie die ganze Geschichte, die sie zu Hause erlebt haben, überwinden und ganz normale Kinder werden«, sagt die Pflegemutter bedrückt. »Und dann wird man damit konfrontiert, dass sie wieder gehen, und hat keinen Einfluss darauf, wohin.« Doch die Turbans haben einen Vorteil. Sie halten auch in Krisen zusammen. Familien wie sie werden dringend gesucht, damit Kinder in ­familiärer Not zumindest vorübergehend ein Zuhause finden.

Die großen Gefährdungen des Lebens

17. September 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Der Theologe Jörg Zink zum wichtigsten Gebet der Christenheit:

dem Vaterunser

(Teil 2)

»Was soll man beten?«, fragten die Jünger Jesu. Und er gab ihnen das große und einfache Gebet, das wir Vaterunser nennen. In einer Beitragsserie beschäftigt sich Jörg Zink mit diesem Gebet und den einzelnen Bitten.
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Der Autor Jörg Zink (87) ist evangelischer Pfarrer und Buchautor aus Württemberg und war viele Jahre Sprecher des Worts zum Sonntag. (Foto: epd-bild)

Der Autor Jörg Zink (87) ist evangelischer Pfarrer und Buchautor aus Württemberg und war viele Jahre Sprecher des Worts zum Sonntag. (Foto: epd-bild)

Wir beten: »Dein Reich komme.« Wir suchen Frieden und Gerechtigkeit. Wir können es nicht hinnehmen, dass die Menschen an Kriegen zugrunde gehen oder am Hunger – oder dass unsere moderne Lebensweise die Schöpfung zerstört. Wir wissen zugleich, dass der Unfriede auch von uns selbst ausgeht und das Unrecht seinen Ursprung auch in uns selbst hat. Darum kann niemand Gottes Reich schaffen außer Gott selbst. Und wir bitten Gott, er möge seine Welt vor der Tatkraft und den zerstöre­rischen Einfällen des Menschen bewahren.

Wir sagen: »Dein Wille soll geschehen.« Das erscheint überflüssig, denn er geschieht ohnehin täglich und überall in der ganzen geschaffenen Welt. Es sind nur wir Menschen, denen die Freiheit gegeben ist, ihn zu hindern, und bei uns wird er immer nur geschehen, wo wir ihm Raum geben. Wir bitten also dringend: Setze endlich deinen Willen durch und nimm uns selbst zu Werkzeugen deines Willens! Und wenn dein Wille sich gegen unsere Wünsche richtet, gegen unsere Hoffnungen, wenn uns die Krankheit bestimmt, Armut, Leiden oder Tod und wir uns vor deinem Willen fürchten, dann hilf uns, ihn anzunehmen. Denn wo könnten wir Erfüllung finden oder einen Sinn sehen in unserem Leben, wenn nicht darin, dass unser eigener Wille mit deinem Willen ins Einvernehmen gelangt?

Wir sagen: »Unser tägliches Brot gib uns heute.« Das Brot also, das uns täglich nötig ist, und so viel dieser Tag verlangt. Aber mir scheint, diese Bitte meint eigentlich noch etwas anderes. Das Wort, das im griechischen Text für »täglich« steht, könnte auch heißen »künftig«. Gib uns also unser »künftiges Brot«. Jesus sprach von dem künftigen Festmahl, das wir feiern ­werden bei dem großen Umbruch aller Dinge. Jesus könnte also gemeint haben: Diese Speise im kommenden Reich, dieses künftige Brot gib uns schon heute! Es ist Zeit. Der Hunger unserer Seele ist groß und dauert schon allzu lang. Diese Zeit des Hungers nach Erlösung dehnt sich. Kürze sie ab! Gib uns dieses künftige Brot heute!

»Und vergib uns unsere Schuld«, sagen wir. Was ist Schuld? Sie ist Eigensucht, Lieblosigkeit, Verstummen, Gleichgültigkeit.

Wir sagen: Unsere Schuld trennt uns von dir, Gott, wie auch von den Menschen um uns her und auch von uns selbst. Wir leiden darunter, dass wir anderen Unrecht zufügen und die Folgen unseres Tuns nicht auslöschen können. So bitten wir um Vergebung, das heißt: um einen neuen Anfang. Denn wir können nicht frei und glücklich leben, solange wir unser Versagen und Versäumen mit uns herumtragen. Dass es uns damit ernst ist, zeigen wir damit, dass wir anderen nicht anrechnen, was sie gegen uns denken, reden oder tun.

Wenn wir freilich dein Vergeben so eng an unser eigenes Vergeben binden, dann setzen wir damit ein für uns selbst gefährliches Maß. Wir möchten deshalb gerne bitten: Vergib uns auch, wo wir selbst nicht vergeben können! Vergib uns mehr als wir selbst vergeben. Aber das Gebet hat keine Ermäßigung bereit. Es lautet hart und klar: Vergib uns unsere Schuld nach demselben Maß, in dem wir denen vergeben, die an uns schuldig werden.

Wir sagen: Bewahre uns davor, in die »Versuchung« zu geraten. Damit ist aber etwas anderes gemeint als was uns dabei sofort einfallen mag. Uns fällt etwa ein verheirateter Mann ein, der eine attraktive Frau sieht, oder der Zigarettenautomat an der Ecke. Mit solchen Gefährdungen, so scheint ­Jesus überzeugt zu sein, können wir auch selbst mit einiger Disziplin fertig werden.

Versuchung bedeutet in der Zeit und in dem Land, in dem Jesus lebte, auch etwas anderes. Es wollte sagen: Wenn die großen Katastrophen der Endzeit und des Weltuntergangs über uns hereinbrechen, wenn die ganze Erde versinkt und verdirbt, wenn wir abstürzen in einen Abgrund des Schreckens, dann halte uns fest. Denn dann ist unser Glaube gefährdet. Dann geraten wir in die Gefahr, dass wir dir absagen, dir fluchen. Führe uns nicht in diese Gefahr! Lass, wenn das alles geschieht, unsere Hand nicht los!

Wir sagen also, wenn wir das Wort »Versuchung« gebrauchen: Es geschieht in dieser Welt so unendlich viel, dessen Sinn wir nicht verstehen. Bewahre uns davor zu sagen: Es ist alles sinnlos. Es wird so unendlich viel und täglich gelogen, gefälscht, getäuscht. Bewahre uns davor zu sagen: Es gibt keine Wahrheit. Es gibt so viel Leid und Elend überall. Bewahre uns davor zu sagen: Es ist kein Gott, der es wahrnimmt. Lass uns also nicht in die Gefahr geraten, in die einzige wirklich tödliche Versuchung, deine Hand loszulassen, Vater im Himmel!

Glaubensmut im Königreich

17. September 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Marokko: Zwischen Anerkennung und Gefängnis – einheimische Christen machen aus ihrem Glauben kein Geheimnis

Das nordafrikanische ­Marokko ist ein beliebtes ­Urlaubsland. Der Islam ist Staatsreligion. Doch im Untergrund gibt es eine kleine Gemeinde zum ­Christentum konvertierter Einheimischer.

Von Romy Schneider

Ob Frischfleisch, Obst oder Haushaltwaren – auf einem arabischen Souk, wie hier in der Altstadt im marokkanischen Fes, gibt es alles. (Fotos: Romy Schneider)

Ob Frischfleisch, Obst oder Haushaltwaren – auf einem arabischen Souk, wie hier in der Altstadt im marokkanischen Fes, gibt es alles. (Fotos: Romy Schneider)

Ziegenköpfe, Rinderhufe und Fliegen. Viele Fliegen. Der Metzger legt das Messer beiseite, greift zum Wedel und verscheucht die schwarzgrünen Plagegeister von den Fleischstücken auf der Ladentheke. Immer wieder aufs Neue. Das Leben in dem städtischen Souk ­irgendwo in Marokko ist geschäftig und doch nicht hektisch. Der Souk ist das Leben, heißt es.

In den traditionellen orientalischen Handwerks- und Geschäftsvierteln, die typisch sind für arabische Städte, scheint jeder jeden zu kennen. In dem Labyrinth aus verwinkelten Gassen, kleinen Läden und Werkstätten türmen Händler Waren auf: Oliven, Gewürze, Teppiche, Stoffe. Arbeiter klopfen in den Handwerkergassen Beulen aus dem Blech. Und mehrmals am Tag ruft der Muezzin in diese Welt hinein zum islamischen Gebet.

Auch Abdel hat hier sein kleines Geschäft. Es ist sicherer für ihn, wenn sein richtiger Name nicht in der Zeitung steht. In seinen Laden verirren sich kaum Kunden. Dennoch nimmt er Tag für Tag die Lederstücke und setzt sich an seine Nähmaschine. Für einen Marokkaner in dem islamischen Königreich betreibt Abdel ein außergewöhnliches Gewerbe. Er stellt Schutzhüllen für Bibeln her. In die Innenseiten der Einbände klemmt er ­einen Zettel, sein Markenzeichen: »Hergestellt in Marokko von einem Berber-Christen«.

Die Berber sind die Urbevölkerung Nordafrikas. Abdel gehört zu den schätzungsweise 1000 einheimischen Christen, die es in Marokko gibt. Über christliche Fernseh- und Radioprogramme, die via Satellit auch in Marokko empfangbar sind, kamen in den vergangenen Jahren viele Marokkaner zum Glauben an Jesus Christus. Wie andere versteckt auch Abdel seinen Glauben nicht. Am Fenster seines Ladens klebt das Fisch-Symbol, das urchristliche Erkennungszeichen.

Glaubensübertritte: ohne Strafe, aber unerwünscht

Moschee-Eingang in Fes: Offiziell sind 99 Prozent der Marokkaner Moslems.

Moschee-Eingang in Fes: Offiziell sind 99 Prozent der Marokkaner Moslems.

»Die benachbarten Ladenbesitzer wissen, dass ich Christ bin«, erzählt er. Genauso wie die Behörden. Als Laienpastor kümmert er sich um 16 weitere Konvertiten. Regelmäßig besuchen ihn Polizisten und wollen wissen, warum er den Islam verlassen hat. Ob Ausländer ihm dafür Geld geboten haben. Und so weiter. »Für uns marokkanische Christen gehören Verhöre, Bespitzelungen und durchaus auch Gefängnis zum Alltag. Wir kennen es nicht anders«, sagt er.

Eine Kirche, wie die etwa 23.000 ausländischen, meist katholischen Christen in Marokko, darf Abdel nicht besuchen. Zwar steht Konversion für einen Muslim nicht unter Strafe, doch ehemalige Muslime erfahren in Marokko viel Druck. Offiziell anerkannt sind sie nicht. Denn ein Marokkaner ist traditionell ein Muslim. Und missionieren ist verboten. Daher könnte eine Predigt von einem missliebigen Zuhörer als Versuch gedeutet werden, seinen Glauben »zu erschüttern«. Die nicht sichtbare marokkanische Gemeinde Jesu feiert darum in privaten Wohnzimmern ihre Gottesdienste. Und das möglichst leise.

Seit etlichen Monaten geht die Regierung auch hart gegen ausländische Christen vor. 128 von ihnen wurden ausgewiesen. Beobachter der Vorgänge sprechen von einer regelrechten »Säuberungskampagne«. Der stereotype Vorwurf: Sie sollen Muslime mit falschen Versprechen oder Anreizen bestochen haben, Christen zu werden. Bewiesen haben die Behörden das bisher nicht. Viele vermuten hinter den Maßnahmen die Angst der Regierung vor islamischen Fundamentalisten. Denn würde der König Konvertiten offiziell als Christen anerkennen, liefen Islamisten Sturm gegen die Regierung.

König Mohammed VI. gilt als »Herrscher der Gläubigen«. Er muss daher den Platz des Beschützers des Islam einnehmen. Ein Glaubenswechsel ist im Koran für einen Muslim nicht vorgesehen. Was die marokkanische Gemeinde Jesu dringend braucht, ist Gebet. Denn der Druck könnte weiter zunehmen.

»Vor dem Gefängnis habe ich keine Angst«

Auch Karim, ein Mittvierziger, rechnet jeden Tag damit, verhaftet zu werden. Bei einem der üblichen Verhöre habe ihm ein Polizist gesagt: »Jetzt sind die Ausländer dran, danach machen wir mit euch weiter.« Doch das Gottvertrauen des ehemaligen Muslims ist unerschütterlich. Unermüdlich spricht Karim mit Landsleuten über das Evangelium. Was ihn dazu ermutigt? Er schlägt die Bibel auf: »Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.« (Philipper 1,21) Dies sei ein Spiegelbild seines Lebens.

Zwei Mal wurde Karim schon verhaftet. »Vor dem Gefängnis habe ich keine Angst. Auch dort gibt es Menschen, die vom Evangelium noch nichts gehört haben.«

Die Autorin ist Pressereferentin des Hilfswerkes für verfolgte Christen Open Doors Deutschland e.V. und besuchte vor kurzem Marokko.

Der Philosoph des Mitleids

16. September 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Philosophie: Arthur Schopenhauer war abgründig pessimistisch – und sang doch das Hohelied der Nächstenliebe


MitleidDie Fähigkeit zum Mitleiden und zur Nächstenliebe ­gehören zum Grundkonsens jeder christlicher Ethik. Der am 21. September vor 150 Jahren verstorbene ­Arthur Schopenhauer stellte erstmals das Mitgefühl ins Zentrum aller Überlegungen.

Das christliche Gebot von der Nächstenliebe, das selbst den Feind mit einschließt, liefert zweifelsfrei immer noch den denkbar größten Beitrag zur Humanisierung unserer Gesellschaft. Zumindest in theoretischer Hinsicht. Doch selbst nach einer Jahrhunderte langen geistig-kulturellen Debatte ist ein Durchbruch in der Frage, wie sich denn ­Empathie zuverlässiger verankern ließe, kaum in Sicht.

Bedeutende Fortschritte ergaben sich in jüngster Zeit allenfalls bei der Aufklärung der biologischen Grundlagen unseres Mitempfindens. So haben Hirnforscher spezielle Nervenzellen – sogenannte Spiegelneurone – entdeckt. Diese bilden gewissermaßen den sozialen Klebstoff allen menschlichen Zusammenlebens. Dank jener Spiegelzellen können wir uns mental in den emotionalen oder körperlichen Zustand anderer Menschen hineinversetzen.

Doch gibt es nicht nur eine »Zellkolonie des Mitleids«, sondern auch eine »Philosophie des Mitleids«. Arthur Schopenhauer – geboren am 22. Februar 1788 in Danzig, gestorben am 21. September 1860 in Frankfurt am Main – war der erste deutsche Denker, der das menschliche Mitgefühl in das Zentrum seines moralischen Denkens gestellt hat.

Schopenhauer sah im Mitleid die »wirkliche Basis aller freien Gerechtigkeit und aller echten Menschenliebe«. Mehr noch, er weitet das »Prinzip ­Mitleid« auf alles Lebendige aus. Schopenhauer gehört somit zu den wenigen Denkern, die die Tiere in ihrer Ethik nicht ausgeschlossen haben: »Mitleid mit den Tieren hängt mit der Güte des Charakters so genau zusammen, daß man zuversichtlich behaupten darf, wer gegen Tiere grausam ist, könne kein guter Mensch sein.«

Doch wie kommt ausgerechnet ein Denker, dessen reiches philosophisches Schaffen sich über weite Strecken als das Werk eines zynischen Frauenverächters, ungeselligen Menschenhassers und gottlosen Pessimisten liest, ausgerechnet zu einer Ethik des Mitleids?

Schopenhauers Denken ist wesentlich von der Erkenntnis Immanuel Kants geleitet, dass Wahrheit und Wirklichkeit lediglich menschliche Konstrukte sind. Schopenhauers Hauptwerk trägt denn auch den programmatischen Titel »Die Welt als Wille und Vorstellung«. Und sein Hauptgedanke lautet folgerichtig: »Die Welt ist meine Vorstellung« – jenseits meines Bewusstseins gibt es kei­ne Wirklichkeit. Egal was ich erlebe, wie präzis auch immer ich die mich umgebende Welt wahrnehme, mein ganzes Dasein ist nur gegenwärtig, insofern ich eine bewusste Vorstellung davon habe: »Jeder steckt in seinem Bewusstsein, wie in seiner Haut, und lebt unmittelbar nur in derselben: daher ist ihm von außen nicht sehr zu helfen.«

Arthur Schopenhauer (1788 bis 1860)

Arthur Schopenhauer (1788 bis 1860)

Schopenhauers Philosophie ist durch und durch vom Pessimismus durchtränkt. Die Welt und damit auch der Mensch wird getrieben von einem blinden, vernunftlosen Willen. Wir sind nicht etwa die Krone der Schöpfung eines anteilnehmenden, »lieben« Gottes, sondern das bedauernswerte Erzeugnis eines grundlosen Willens beziehungsweise Triebes. Kein Geschenk, sondern ein Missgeschick.

Ja, die Welt ist durch und durch schlecht: »Wäre sie aber noch ein ­wenig schlechter, so könnte sie schon nicht mehr bestehen.« Für Schopenhauer könnte es jedenfalls überhaupt keine schlechtere Welt als die unsrige geben: »Denn alles Streben entspringt aus Mangel, aus Unzufriedenheit mit seinem Zustande, ist also Leiden, solange es nicht befriedigt ist. Keine Befriedigung aber ist dauernd, vielmehr ist sie stets nur der Anfangspunkt eines neuen Strebens. Das Streben sehen wir überall vielfach gehemmt, überall kämpfend. Solange also immer als Leiden: kein letztes Ziel des Strebens, also kein Maß und Ziel des Leidens.«

Wir durchwandern also ein irdisches Jammertal und leiden an der Welt und an uns selbst. Der einzige Grund, unseren Egoismus zu überwinden und uneigennützig zu handeln, ist pures Mitleid. Und dieses Mitleid ist wiederum nichts anderes als die Erkenntnis des Eigenen im Anderen. Erst wenn wir bemerken, dass auch der Andere ein Getriebener und ein Leidender ist, fühlen wir uns mit ihm verbunden. Moral ist Identifikation mit dem Leid anderer Lebewesen. Schopenhauers Mitleidsethik gipfelt in den Imperativ: »Verletze niemanden, vielmehr hilf ­allen, soweit du kannst.«

Diesem denkbar schönsten Prinzip aller Moral möchten wohl alle Menschen guten Willens gern folgen – dem abgründigen Pessimismus Schopenhauers hingegen besser nicht. Dem freien Christenmenschen jedenfalls erschließen sich gleich drei Quellen – Glaube, Liebe und Hoffnung – aus ­denen sich unentwegt auch Lebensfreude schöpfen lässt.

Reinhard Lassek

Hintergrund

Mitleid stand nicht immer hoch im Kurs

Für den christlichen Glauben ist Mitleid die Voraussetzung zur Barmherzigkeit und damit ein wesentlicher Bestandteil und Impuls tätiger Nächstenliebe. So fragt schon der Kirchenvater Augustinus von Hippo (354 bis 430): »Was aber ist Mitleid anderes als das Mitempfinden fremden Elends in unserem Herzen, durch das wir ­jedenfalls angetrieben werden zu ­helfen, soweit wir können?«

In der Geschichte wurde Mitleid freilich immer wieder auch als anstößig, als Ausdruck von Schwäche oder gar als hinderlich für die Entfaltung des Stärkeren gesehen. So lehnte der niederländische Philosoph Baruch Spinoza (1632 bis 1677) das Mitleid »bei einem Menschen, der nach der Leitung der Vernunft lebt«, als »an sich schlecht und unnütz« ab. Denn das dem Mitleid folgende Gute, das vor allem darin bestehe, den bemitleideten Menschen nach Kräften von seinem Elend zu befreien, müsse schon »nach dem bloßen Gebot der Vernunft« vollbracht werden.

Auch der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche (1844 bis 1900) lehnte das Mitleid ab und bezeichnete es als ein »Bedürfnis der Unglücklichen«, die mit der Weckung dieses Gefühles selbst in der eigenen Schwäche noch Macht über andere ausüben, indem sie ihnen weh tun.

Folgerichtig gehörte im Härte und Überlegenheit verherrlichenden Nationalsozialismus die Fähigkeit zum Mitleid nicht zu den besonders geförderten Tugenden. Und wenn, dann sollte es gemäß der sozialdarwinistischen Vorstellungen nur der eigenen Rasse, dem eigenen Volk zugute kommen. »Mitleid wollen wir grundsätzlich nur mit dem deutschen Volke ­haben, sonst mit niemandem auf der Welt«, erklärte 1941 etwa Hans Frank, Generalgouverneur im besetzten Polen, während einer Regierungssitzung.

Selbst in kirchlichen Kreisen hinterließ das Gift der Nazi-Ideologie seine Spuren. So hieß es in den Richtlinien der sogenannten Deutschen Christen (DC): »Wir sehen in der recht verstandenen Inneren Mission das ­lebendige Tat-Christentum, das aber nach unseren Auffassungen nicht im bloßen Mitleid, sondern in Gehorsam gegen Gottes Willen und im Dank ­gegen Christi Kreuzestod wurzelt. ­Bloßes Mitleid ist ›Wohltätigkeit‹ und wird zur Überheblichkeit, gepaart mit schlechtem Gewissen, und verweichlicht ein Volk. Wir wissen etwas von der christlichen Pflicht und Liebe den Hilflosen gegenüber, wir fordern aber auch den Schutz des Volkes vor den Untüchtigen und Minderwertigen. Die Innere Mission darf keinesfalls zur Entartung unseres Volkes beitragen.«

Logische Konsequenz solchen Denkens war das rücksichtslose und in letzter Konsequenz tödliche Vorgehen gegen die zum »Volksfeind« gestempelten Juden, gegen die Angehörigen fremder und unterjochter Völker und ebenso gegen behinderte Angehörige des eigenen Volkes in den Pflegeheimen.

Harald Krille

»Das Land ist hell und weit«

16. September 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Jenaer Theologieprofessor Klaus-Peter Hertzsch feiert seinen 80. Geburtstag

Eine bemerkenswerte ­Begegnung mit Klaus-Peter Hertzsch ermöglicht das vor kurzem entstandene Porträt des Jubilars, das der ­Mediziner Dr. Klaus Ruffert gemalt hat.

Klaus-Peter Hertzsch, Ölbild von Klaus Ruffert (Repro: Gottwalt Klinger)

Klaus-Peter Hertzsch, Ölbild von Klaus Ruffert (Repro: Gottwalt Klinger)

Das von Klaus Ruffert geschaffene Ölbild lädt zu freundlichem Erinnern ein. Zum Erinnern beispielsweise an jene Apriltage vor nunmehr fünf Jahrzehnten, als wir, eine bunte Schar frischgebackener Kandidaten der Medizin, mit unserem neuen, damals noch blutjungen Studentenpfarrer gen Eisenach aufbrachen, um miteinander einmal unbefangen über Gott und die Welt reden zu können, und das in äußerst kritischer Zeit. Begegnungen, die für unsere eigenen Lebensentwürfe prägend blieben. Hatten wir als Studenten doch einen Pastor erleben dürfen, dem die Verlässlichkeit des gesprochenen Wortes alles bedeutete.

In Rufferts Ölbild dagegen begegnen wir nun einem emeritierten Theologen, wachen Sinnes wie stets, dem Betrachter entgegenkommend, im Prediger-Habit, eine feinsinnige Hommage an Emil Noldes »Pastor S.« womöglich. Ein Bild, das von der Weite lebt. Der Himmel offen. Kräftiges Grün bis zum Horizont reichend, schroff durchschnitten vom grellen Gelb des Nordlichts, ein Wetterleuchten gar, der norwegischen Herkunft seiner Mutter nachempfunden. Bewahrung der Schöpfung auch.

Grün aber auch als Lieblingsfarbe des Knaben selbst, da es bei mehreren halbwüchsigen Brüdern geraten schien, kindlichen Besitz durch blaue, rote, gelbe oder eben grüne Signale unverwechselbar zu markieren.

Und das Wichtigste: Die Farbe Grün als Zeichen der Hoffnung und als Zeichen des Aufbruchs.

Um die Hoffnungsbilder der Bibel geht es Klaus-Peter Hertzsch, dem Predigt Freude ist, stets aufs Neue.

»Alle Predigt verliert ihren Grund, wenn sie gut ist, aber hoffnungslos«, liest man bei ihm.

»Seine Predigten sind gewaltfreie Zumutungen«, schreibt Fulbert Steffensky dazu. Nicht das Argument sei die Sprache der Hoffnung, sondern die Erzählung.

Hertzschs Predigten sind verlässlich knapp bemessen. Kürzen lassen sie sich nicht. Seine Sprache ist einladend melodisch, reich an Bildern, seine Worte sind verständlich, voller Gewicht.

Darum ist ihm für »die schönen Gottesdienste des Herrn« Liturgie in ihrer überliefert schlichten Form immer wichtig geblieben.

Mit unserem Studentenpfarrer haben wir in den sechziger Jahren über den Wandel im Bild des evangelischen Pfarrhauses debattiert. Seine damals so brisanten Kabaretttexte, denen der tagespolitische Schalk zwischen den Zeilen saß, klingen noch immer im Ohr nach. Seine Predigten vor allem sind uns bis heute wichtig geblieben. Die Biblischen Balladen aber, die zuerst nur für seine Patenkinder gedacht waren, kennen inzwischen unsere Enkel schon.

Gottwalt Klinger

Biografie

Klaus-Peter Hertzsch wurde am 23. September 1930 in Jena geboren. Nach dem Theologiestudium war er von 1957 bis 1959 Gemeindepfarrer, von 1959 bis 1966 Studentenpfarrer, danach Leiter der Geschäftsstelle der Evangelischen Studentengemeinden der DDR in Berlin. Von 1968 bis zur Emeritierung 1995 war er Professor für Praktische Theologie an der Jenaer Universität.

Bekannt ist Hertzsch auch als Dichter und Buchautor. Sein 1989 für eine ­Hochzeit geschriebener Liedtext »Vertraut den neuen Wegen« findet sich im Evangelischen Gesangbuch.

Publikationen

  • Alle Jahre neu. Weihnachtsmeditationen. Wartburg Verlag, 132 S., ISBN 978-3-86160-165-4, 19,90 Euro
  • Chancen des Alters. Sieben Thesen, Radius ­Verlag, 120 S., ISBN 978-3-87173-109-9, 12,00 Euro
  • Der ganze Fisch war voll Gesang. Biblische Balladen zum Vorlesen, Radius Verlag, 80 S., ISBN 978-3-87173-031-3, 9,00 Euro
  • Lass uns vorwärts in die Weite sehen. Texte zu meiner Biografie, Radius Verlag, 200 S., ISBN 978-3-87173-298-0, 14,00 Euro
  • Sag meinen Kindern, dass sie ­weiterziehn. Erinnerungen, Radius Verlag, 280 S., ISBN 978-3-87173-309-3, 14,00 Euro
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Luthers erste Liebe: Ave von Schönfeld

11. September 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Frauen der Reformationszeit: Vor Katharina von Bora warf der Doktor sein Auge auf eine andere ehemalige Nonne

Als in der Nacht vom 6. zum 7. April 1523 zwölf Nonnen aus dem ­Zisterzienserkloster Nimbschen flohen, war Luther daran unmittelbar beteiligt: Erst seine Agitation gegen das Klosterdasein hatte die Nonnen ermutigt, ihr Leben selbst zu bestimmen. Luther organisierte auf ihre Bitte hin auch die Flucht durch den Torgauer Händler Leonhard Koppe.

Als persönlicher Glücksfall aber ­erwies sich für ihn, dass Katharina von Bora unter den Flüchtigen war. Dabei interessierte sich Luther zunächst für eine ganz andere der Nonnen, wie er 1537 bekannte: »Wenn ich vor vierzehn Jahren hätte heiraten wollen, hätte ich Ave von Schönfeld … genommen.«

»Unschuldig zum Nonnendasein verführte Weibsbilder« waren nach Luther nicht nur seine Frau Katharina, sondern auch die anderen mit ihr geflohenen Nonnen, darunter Ave von Schönfeld. Von ihr ist kein historisches Porträt ­über­liefert. Die dargestellten »Nonnen beim Kirchgang« stammen von Arnold Böcklin (1827 bis 1901). (Repro: akg-images)

»Unschuldig zum Nonnendasein verführte Weibsbilder« waren nach Luther nicht nur seine Frau Katharina, sondern auch die anderen mit ihr geflohenen Nonnen, darunter Ave von Schönfeld. Von ihr ist kein historisches Porträt ­über­liefert. Die dargestellten »Nonnen beim Kirchgang« stammen von Arnold Böcklin (1827 bis 1901). (Repro: akg-images)

Ave von Schönfeld stammte aus ­altem sächsischen Adel. Ihr Vater Georg, mit Luther bekannt, saß auf den Gütern Löbnitz und Kleinwölkau bei Delitzsch. Mit ihrer Schwester Margarete war Ave 1515 in das Kloster Nimbschen eingetreten. Beide waren unter den flüchtigen Frauen, die am 7. April 1523 in Wittenberg ankamen. Ein Augenzeuge berichtet, der Wagen sei voll mit Nonnen gewesen, die sich ebenso nach einem Freier wie nach der Freiheit gesehnt hätten.

»Arm, elend und verlassen …«, so beschreibt Nikolaus von Amsdorf, Professor der Theologie in Wittenberg, die Flüchtlinge, die aber ganz geduldig und fröhlich gewesen seien. Luther hoffte, sie durch Heirat zu versorgen. »Sie sind schön, fein und alle vom Adel, unter welchen ich keine fünfzigjährige finde. … Willst du aber eine jüngere, sollst du die Wahl unter den schönsten haben«, schrieb Amsdorf an Georg Spalatin. Doch der wollte da noch keine Frau.

Auch Luther tat sich schwer mit der Ehe. Am 1. November 1523 erwiderte er auf Gerüchte, er werde demnächst heiraten: »Nicht dass ich mein Fleisch und Geschlecht nicht spüre – ich bin weder Holz noch Stein – aber mein Sinn steht der Ehe fern, da ich täglich den Tod und die verdiente Strafe für einen Ketzer erwarte.« Dieser Einstellung opferte er schließlich sein Interesse für Ave von Schönfeld. Nach ­einem Jahr vergeblichen Wartens heiratete sie 1524 den Mediziner Basilius Axt. Mit ihm hatte sie drei Söhne und eine Tochter.

Luther aber erklärte im April 1525 gegenüber Spalatin: »Ich habe drei Frauen zugleich gehabt und so sehr geliebt, dass ich zwei verloren habe … Die dritte, die ich kaum zur linken Hand halte, soll mir vielleicht bald entrissen werden.« In der ersten Frau wird Ave Alemann aus Magdeburg vermutet, die zweite könnte die von Luther favorisierte Ave Schönfeld gewesen sein, die dritte Katharina von Bora, die er zwei Monate später heiratete.

Obgleich Luther diese Ehe als »herrlich geglückt« sah, verlor er Ave von Schönfeld nicht aus den Augen. Zunächst verschaffte er ihrem Mann, der als Gehilfe in Cranachs Apotheke arbeitete, eine Stelle als Arztapotheker in Torgau. Nach kurzer Zeit in Gotha wurde er 1531 Leibarzt Herzog Albrechts I. von Brandenburg-Ansbach in Königsberg, vermutlich wieder auf Vermittlung Luthers.

Noch einmal setzte sich Luther im Jahre 1540 für Ave von Schönfeld ein, als ihr Bruder Ernst ihr das elterliche Erbe verweigerte, weil sie als ehemalige Nonne nach päpstlichem Recht nicht erbberechtigt sei. Luther schrieb am 26. Mai 1540 an Kurfürst Johann Friedrich, er möge sich beim zuständigen Landesherrn Heinrich von Sachsen dafür verwenden, dass der Frau des Dr. Basilius Axt ihr Erbe nicht vorenthalten werde. Heinrich solle dem Papst widersprechen und damit »unschuldig zum Nonnendasein verführte Weibsbilder« rächen. Alles andere sei eine Schande für das Evangelium.

»Sie war eine der ersten Nonnen (die aus dem Kloster floh) und ist nun eine ehrliche verheiratete Frau, so dass ich denke, Ernst von Schönfeld ist nicht wert, Bruder einer solchen Schwester zu sein, mit der er sich vor der Welt weiß Gott mit Vernunft nicht schämen muss«, so Luther.

Der Erbstreit blieb offen, Ave starb 1541. Luther blieb weiter in Kontakt mit ihrem Bruder. Dass der ihn nicht so gut bewirtete, wie andere (Luther am 28. Juli 1544 an Käthe), verwundert bei dem Einsatz für dessen Schwester Ave nicht.

Sylvia Weigelt


Unsere Autorin ist Historikerin mit Schwerpunkt europäisches Mittelalter.

»weltwärts«: Von der Pleiße nach Quindao

10. September 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Wenn diese Zeilen in der Kirchenzeitung gedruckt vorliegen, ist die junge Leipzigerin Mechthild Sasse wahrscheinlich bereits am anderen Ende der Welt. Und sie wird nicht mehr Mechthild gerufen, sondern ZhenZhu(孙珍珠), was im Chinesischen so viel wie »Perle« heißt.

Mechthild Sasse

Mechthild Sasse

Mechthild Sasse, die zierliche Abitu­rientin aus der Leipziger Thomasschule, ist mit dem Verein »Jugend im Ausland« und dem Programm »weltwärts« der Bundesregierung für ein Jahr nach Quindao im Osten Chinas gegangen.

Die Hafenstadt ist manchem noch als ehemalige deutsche Kolonie Tsingtau bekannt.

Doch Mechthild, alias ZhenZhu, geht nicht aus touristischen Gründen in das Reich der Mitte. Auf Grund ­ihrer guten Sprachkenntnisse soll sie gemeinsam mit vier weiteren Freiwilligen an der dortigen Universität Deutsch und Englisch unterrichten. Daneben will »Jugend im Ausland« gemeinsam mit einer chinesischen Partnerorganisation ein soziales Projekt aufbauen. Dabei geht es um Altkleiderspenden für arme Bergbauern in benachteiligten Regionen im Süden Chinas.

Den Gedanken der christlichen Nächstenliebe bekam Mechthild Sasse quasi schon mit der Muttermilch vermittelt. Sind doch ihre Eltern seit Jahrzehnten in einer Leipziger Kirchengemeinde engagiert – der Vater im Kirchenvorstand, die Mutter 13 Jahre als Katechetin.

Das Interesse für China weckte eine chinesische Studentin in Leipzig. Wie ein Schwamm sog die damals achtjährige malbegeisterte Mechthild auf, was die Studentin ihr über chinesische Kunst und Kultur berichtete. Mit Freunden begann sie Chinesisch zu lernen. Ei­ne Reise des Schulorchesters nach China gab der Begeisterung weiteren Auftrieb. Fast selbstverständlich, dass sie nach der zehnten Klasse ein Auslandsjahr bei Gasteltern in China verbrachte.

Ihre eigenen Eltern beneiden sie und ihre drei Geschwister je fast ein wenig um die Möglichkeiten, von denen sie selbst in DDR-Zeiten nie zu träumen wagten. Und sie unterstützen ihre Tochter nach Kräften. Dennoch muss ein Teil der Kosten des Einsatzes durch Spenden abgedeckt werden.

Wer die junge Leipzigerin, die danach ein Studium der Sinologie und Koreanistik beginnen will, dabei unterstützen möchte, kann sich per E-Mail ­direkt an sie wenden: zhongguoren@gmx.net.

Natürlich betreibt Mechthild Sasse auch einen eigenen Blog im Internet. Alle anderen aber werden in den nächsten Monaten gelegentlich von ihr lesen können – hier in der Kirchenzeitung wird sie unter der Rubrik Blickwechsel von ihren Eindrücken berichten.

Harald Krille

Ein schmerzhafter Prozess

10. September 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Versöhnung: In Tschechien ist die Aufarbeitung der eigenen Verbrechen nach dem Krieg weiter als es scheint

von Steffen Neumann, Prag

Wer in Tschechien nach deutschen Soldatengräbern sucht, findet oft auch tote deutsche Zivilisten: Opfer der gewaltsamen Racheakte nach Kriegsende. Doch ­immer mehr Tschechen sind bereit, sich der Geschichte zu stellen.


Keine 21 Jahre jung war Karl Kinn, als er wenige Wochen vor Ende des Zweiten Weltkrieges als Angehöriger der Wehrmacht auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik fiel. Doch noch fast 65 Jahre mussten vergehen, bevor er gemeinsam mit fast 5600 weiteren deutschen Toten auf der Kriegsgräberstätte im westböhmischen Cheb (Eger) endlich eine würdige letzte Ruhestätte erhielt. Die insgesamt elfte und zugleich drittgrößte deutsche Kriegsgräberstätte in Tschechien wird an diesem Sonnabend, 11. September, feierlich eröffnet.

Die Suche nach Toten ist nur über Umwege möglich

Begegnung über Gräbern: Fast 5600 deutsche Tote aus Kriegs- und Nachkriegszeit haben in den vergangenen Jahren auf der neuen Kriegsgräberstätte im tschechischen Cheb (Eger) ihre letzte Ruhe gefunden. An diesem Sonnabend, 11. September, wird sie eingeweiht. (Foto: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.)

Begegnung über Gräbern: Fast 5600 deutsche Tote aus Kriegs- und Nachkriegszeit haben in den vergangenen Jahren auf der neuen Kriegsgräberstätte im tschechischen Cheb (Eger) ihre letzte Ruhe gefunden. An diesem Sonnabend, 11. September, wird sie eingeweiht. (Foto: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.)

Der Volksbund der deutschen Kriegsgräberfürsorge (VDK) hat die Toten in den letzten Jahren gesucht, geborgen und teilweise identifiziert. Mit Karl Kinn sind immerhin rund 2000 namentlich bekannt, unter ihnen auch 473 Zivilisten. Auch bei den nicht identifizierten Toten schätzt VDK-Sprecher Fritz Kirchmeier ihren Anteil auf rund ein Viertel. Eine beachtliche Menge dafür, dass der VDK gar nicht nach ihnen suchen darf.

Die tschechisch-deutschen Beziehungen sind zwar nach fast einhelliger Meinung von Politikern heute auf dem besten Stand ihrer Geschichte, doch offensichtlich immer noch kompliziert genug. Denn Tschechien ist der einzige Staat, mit dem Deutschland bis heute kein Kriegsgräberabkommen unterhält. Erfassung, Schutz und Pflege der Gräber wird stattdessen über den Umweg des Artikels 30 im 1992 geschlossenen Deutsch-Tschechoslowakischen Nachbarschaftsvertrag geregelt.

Auf dieser ­Basis darf sich der VDK jedoch nur um gefallene Wehrmachtsoldaten kümmern. Finden sich in ihren Gräbern auch Zivilisten, werden allerdings auch sie exhumiert. Das ist der Grund, warum in Cheb auch zivile Opfer begraben sind, die bei der Vertreibung der Deutschen umgekommen sind. Sie fanden sich in Gräbern von Internierungslagern, in denen der VDK nach Wehrmachtssoldaten suchte. Ob sie indes eines gewaltsamen Todes ­gestorben sind oder auf natürliche Weise, aber bedingt durch die Vertreibung, lässt sich laut VDK-Sprecher Kirchmeier nicht mehr feststellen.

Mit polizeilicher Gewissheit lässt sich dies von den Toten sagen, die vor einem Jahr um das nordböhmische Postoloprty (Postelberg) gefunden wurden. 1945 ereignete sich in dem früheren Postelberg das größte Massaker der europä­ischen Nachkriegsgeschichte bis Srebrenica. Erst vor zwei Jahren hatte die Polizei Ermittlungen aufgenommen und die Ereignisse aufgeklärt. Dass sich eine staatliche Behörde um die Aufklärung bemühte, war ein Novum in der Tschechischen Republik.

Vor wenigen Wochen wiederholte sich das Szenario in Dobronin (Dobrenz), wo Deutsche nach dem Krieg sehr wahrscheinlich Opfer eines grausamen Verbrechens wurden. Anzeige bei der Polizei erstattete ein Journalist.

Die Überraschung hielt sich in Grenzen, denn diese Verbrechen sind zumindest in der älteren Generation bekannt. Neu ist, wie damit umgegangen wird. Nur wenige Tage, nachdem die Polizei mit den Ausgrabungen begann, hatten Einwohner aus der näheren Umgebung ein großes Holzkreuz an dem Ort aufgestellt. Und es ist zu erwarten, dass dies nicht das letzte Massengrab war. »Das ist ein langsamer Prozess hin zur Normalität«, wertet Ondrej Matejka das Geschehen. Matejka ist Geschäftsführer von »Antikomplex«, einem Verein, der diese Entwicklung in den letzten Jahren ­aktiv befördert hat.

Knackpunkt bis heute: die Benesch-Dekrete

Bisher hieß es beim Thema Vertreibung immer, dass Tschechien sich mit der Aufarbeitung seiner jüngeren Geschichte schwertue. Dieser Eindruck entsteht, da das offizielle Prag eine klare Distanzierung von den Benesch-Dekreten bisher vermissen lässt. Diese Dekrete seien schon »totes Recht« und man wolle lieber nach vorn schauen. Doch hinter diesen ­Verlautbarungen ist der Prozess der Aufarbeitung schon längst im Gange und kann sich durchaus sehen lassen. Fakt ist, dass die meisten Impulse zur Aufarbeitung Nichtregierungsorganisationen wie »Antikomplex« beziehungsweise dem Engagement von Privatpersonen zu verdanken sind, die jedoch später vom Staat großzügig unterstützt wurden.

So ist das auch im Fall des geplanten Museums der Deutschen, dessen Konzeption in diesen Tagen vorgestellt wurde und das im kommenden Jahr in Ústí nad Labem (ehemals Aussig) eröffnet werden soll. Ausgedacht von engagierten Bürgern, wird es inzwischen vom Kulturministerium gefördert. Mit dem Museum will sich Tschechien zur eigenen 600-jährigen Tradition bekennen, die von den deutschen Landsleuten geprägt wur­de. Aber sich auch ihrer Vertreibung nach 1945 stellen. Für »Antikomplex«-Geschäftsführer Matejka liegt die ­Aufarbeitung deshalb auch folgerichtig im ureigenen Interesse der Tschechen selbst.

Dieser schmerzhafte Prozess kön­ne laut Matejka Teil einer Reflexion über die eigene Identität werden, der so bisher noch nicht stattgefunden hat. Neben den umstrittenen Benesch-Dekreten müsste sich Prag auch von dem Gesetz Nummer 115 distanzieren, das in der Nachkriegszeit verübte Verbrechen von Strafverfolgung ausschließt. Eine Verfolgung der Täter könnte für Tschechien eine ähnlich wichtige Funktion haben, wie für Nachkriegsdeutschland der Auschwitz-Prozess, schließt Matejka. Vielleicht erfahren dann auch noch all jene Toten, nach denen der Volksbund für Kriegsgräberfürsorge nicht suchen darf, eine würdige Bestattung.

Steffen Neumann, Prag

Mit Gott reden, schweigen und horchen

10. September 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Der Theologe Jörg Zink zum wichtigsten Gebet der Christenheit:

dem Vaterunser

(Teil 1)

»Was soll man beten?«, fragten die Jünger Jesu. Und er gab ihnen das große und einfache Gebet, das wir Vaterunser nennen. In einer Beitragsserie beschäftigt sich Jörg Zink mit diesem Gebet und den einzelnen Bitten.

Der Autor Jörg Zink (87) ist evangelischer Pfarrer und Buchautor aus Württemberg und war viele Jahre Sprecher des Worts zum Sonntag. (Foto: epd-bild)

Der Autor Jörg Zink (87) ist evangelischer Pfarrer und Buchautor aus Württemberg und war viele Jahre Sprecher des Worts zum Sonntag. (Foto: epd-bild)

Wenn Jesus vom Gebet spricht, dann fallen uns etliche Anweisungen auf, die sich um das äußere Bild eines betenden Menschen bewegen:

»Und wenn ihr betet, so sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden. … Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist … Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen.« (Matthäus 6,5-8)

Seit Urzeiten haben die Menschen über Gott nachgedacht, den großen, den gefährlichen, den schaffenden, den liebenden, den finsteren, den bedrohlichen, den herrschenden, den richtenden Gott.

Bei Jesus wird alles sehr einfach.

Er verweist alle dunklen Aspekte Gottes in den Hintergrund und lässt das eine Bild hervortreten und allein gelten: Gott ist dein Vater. Du bist sein Kind. Seine Tochter. Sein Sohn. Verlass dich auf ihn. Du brauchst keinen anderen Schutz, keine andere Versorgung und vor allem keine Waffe, um dich zu ­sichern. Was immer dir widerfährt, lass alle Autoritäten, die sich dir auf dieser Erde anbieten, beiseite und vertraue allein ihm. Und glaube nicht, dass du, um ihm nahe zu sein, irgendwelche menschlichen Hilfen brauchst, Stellvertreter oder Gurus oder Heilige.

Wenn du aber in der Nähe Gottes leben willst, dann suche das Gespräch mit ihm. Rede in der Stille mit ihm und horche, was dir an Antwort gegeben wird. Geh in deine Kammer, schließ die Tür und finde deinen Vater in der Verschwiegenheit. Schließe die Tür deiner Seele und warte auf ihn, sprich einfache Worte des Vertrauens oder schweige.

Jesus gab seinen Jüngern das große, einfache Gebet, das wir das Vaterunser nennen.

Wir sagen also: Du, Vater, bist uns nahe, und doch begreifen wir dich nicht. Denn du bist für uns im »Himmel«. Wir nennen dich Gott und wissen dich über uns wie die Wolken, um uns her wie die Luft, unter uns wie die Erde und in uns wie uns selbst. Wir könnten ebenso gut sagen: »Unsere Mutter«, denn wir reden immer nur in Bildern. Auch »Vater« ist ein Bild, das wir uns machen, um besser zu verstehen, was wir meinen. Er oder sie ist weder männlich noch weiblich.

Es ist Gott.

Aber nun ist bei uns mit dem Bild von Gott, dem »Vater«, etwas Schwerwiegendes geschehen. Für ­Jesus lag in dem Ausdruck »Abba«, den er verwendete, etwas ungemein Zärtliches.

In der hinter uns liegenden bürgerlichen Kultur war der Vater sehr häufig der über der Familie schwebende ­Tyrann, den die Kinder ehrten und fürchteten und dem die Mutter demütig diente. Heute zeichnet sich ein Wandel ab, der darin besteht, dass die Väter zugleich oft auch »Mütter« sind, mit dem Kind ebenso eng verbunden wie sie, sodass vielleicht die religiöse Bedeutung des Bildes von Gott, dem Vater, wieder begriffen werden kann oder könnte.

»Dein Name werde geheiligt.« »Dein Name« steht für »Du«. Mit dem »Namen« umschrieb der Jude den Gott, den er nicht nennen durfte, weil er heilig war, unnennbar, unserer Menschenrede entzogen.

Wenn der »Name« heilig war, geschützt, dann sagte man: Gott ist anders.

Wir können also nicht leichthin von Gott reden, beliebig, unehrfürchtig, schnoddrig, salopp oder auch so, als wäre mit dem, was wir Gott nennen, Gott begriffen. Denn wir Menschen nennen vieles heilig, das es nicht ist: ein Vaterland, eine Liebe, die Rechtsordnung, Kirchengebäude, Tage oder Jahre, aber den, der allein unantastbar sein sollte, machen wir gerne zu einem ohnmächtigen »lieben Gott«.

Wenn wir sagen: Dein Name werde geheiligt, dann bitten wir Gott: Gib unseren Worten über dich Gewicht in unseren Gewissen. Gib Klarheit in unsere Gedanken. Mache dich spürbar wie die Luft, schaubar wie die Farben der Dinge, hörbar wie die Stimme eines Menschen.
Aber lass uns dabei nie den ungeheuren Abstand vergessen zwischen dir und uns.

Mit Mose durch die Wüste

3. September 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Theater: In Dresden wurde Marlene Röders »Zebraland« als Theaterstück uraufgeführt


In Dresden wird gezeigt, wie die großen Themen von Schuld und Vergebung auch für Jugendliche höchst ­ansprechend auf die Bühne ­gebracht werden können.

In der Sackgasse ihrer Verstrickungen: Das junge Ensemble des Dresdner tjg nimmt die Zuschauer überzeugend in die Welt gegensätzlicher Empfindungen mit. (Foto: Klaus Gigga/tjg)

In der Sackgasse ihrer Verstrickungen: Das junge Ensemble des Dresdner tjg nimmt die Zuschauer überzeugend in die Welt gegensätzlicher Empfindungen mit. (Foto: Klaus Gigga/tjg)


»Wir sind Spieler«, so das Motto der neuen Saison des Dresdner theaters junge generation, kurz tjg. »Wir sind Spieler«, das heißt auch, wir sind Menschen auf der Suche nach den Regeln für unsere Spiele, bei ­denen es Verlierer gibt, unfaires Verhalten, Regelverletzungen und schlimmstenfalls irreparables, schuld­haftes Versagen.

Von Letzterem handelt das mit dem Evangelischen Buchpreis in diesem Jahr ausgezeichnete Jugendbuch der jungen Gießener Autorin Marlene ­Röder. Ihr gelinge es »hervorragend«, »die Themen Schuld, Verantwortung, Freundschaft und Befreiung mit biblischen Themen in Verbindung zu bringen«, sodass die »Geschichte des Exodus, der Zehn Gebote und Babylons in der Erlebniswelt von Jugendlichen zur Sprache gebracht« wird und dabei »ein Buch über die befreiende Kraft der Freundschaft und der Musik entstanden« sei, so die Begründung.

Was hier ein wenig theoretisch klingt wird in der gut einstündigen Aufführung der Mitglieder des Theaterjugendclubs am tjg höchst sensibel, fantasievoll, vor allem glaubhaft in ein Theatererlebnis verwandelt, das am Ende stürmisch gefeiert wird. Spannend wie in einem Krimi verstricken sich vier junge Leute immer stärker in lähmende und zermürbende Situationen aus Misstrauen, Verrat, Eifersucht und Aggression, die sie selbst durch schuldhaftes Verhalten herbeigeführt haben. Nicht irgendeine Schuld, einen Mord haben die vier jungen ­Menschen zu verantworten. Auf der Heimfahrt von einem Konzert haben sie eine Mitschülerin überfahren und sind abgehauen.

Und wie in einem Krimi gibt es einen Mitwisser. Er nennt sich Mose und schickt Erpresserbriefe, die von den Jugendlichen existenzielle Opfer fordern, was letztlich aber aus der tödlichen Sackgasse ihrer Verstrickungen führt und auf jenen Weg bringt, auf dem sie finden könnten, wonach sie sich sehnen: »die friedliche Lichtung«, auf der es wieder hell wird. Es bleibt der Fantasie der Zuschauer überlassen, ob sie zusammen mit den wunderbaren Dresdner jungen Lebensspielern ihr »Zebraland« finden – nicht schwarz oder weiß, sondern schwarz und weiß.

Katja Heiser hat die Theaterfassung geschaffen und führt auch Regie. Sie führt die acht Spielerinnen und Spieler auf kleinstem Raum in die Weite gegensätzlicher Empfindungen oder in beklemmende, angstvolle Situationen am Rande von Abgründen. Durch geschickte Stilisierung und choreografische Ansätze, Musikalisierungen und den Verzicht auf so gut wie jede Art von Naturalismen gibt sie dem Spiel Begrenzungen, innerhalb derer sie den Darstellerinnen und Darstellern die Freiheiten ermöglicht, sich dem eigenen Empfinden für fremde Zuschauer nachvollziehbar zu stellen.

So wird auch der Wechsel der Schauplätze und Perspektiven nicht zum Problem. Die Verbindung unterschiedlicher Handlungsstränge wirkt am Ende wie jenes Netz, in dem sich die Protagonisten zum einen verhängnisvoll verfangen haben, das sie zum anderen aber auch vor dem völligen Absturz bewahrt und dessen Knotenpunkte zu Wendepunkten werden können. Der entscheidende Wendepunkt in diesem Stück um Schuld und Vergebung ist jener, an dem die Schuldigen aufhören sich als Opfer zu sehen.

Am Ende ist ein Theaterabend gelungen, der höchst moralische Fragen stellt und dennoch an keiner Stelle moralisiert. Es geht ums Ganze, es geht wahrhaft ernst zur Sache, aber weder der Humor noch die Details ­jugendlicher Spielfreude kommen zu kurz. Und so hat ganz nebenbei das Theater mal wieder die Nase ganz weit vorn, wenn es darum geht, zu zeigen wie ernsthaft Jugendliche spielend bei der Sache sein können, wenn man sie nur ernst nimmt, was für die Bühne und den Zuschauerraum gilt.

Theaterland ist Zebraland. Ein Besuch lohnt, ganz bestimmt auch für die Konfirmandengruppe.

Boris Michael Gruhl

Fortschritt mit Buchstaben

3. September 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Alphabetisierung: Guatemalas Frauen lernen Lesen und Schreiben – mehr Bildung bedeutet weniger Ausbeutung

Guatemala gilt als das lateinamerikanische Land mit der höchsten Analphabetenrate. Besonders Frauen haben oft nie eine Schule ­besucht. Doch der Wille zum Lernen ist groß.

Lernen mit hoher Motivation: Viele der Frauen, die an dem Bildungsprogramm von IGER teilnehmen, haben längst ­eigene Kinder oder sind sogar schon Großmütter. (Foto: Andreas Boueke)

Lernen mit hoher Motivation: Viele der Frauen, die an dem Bildungsprogramm von IGER teilnehmen, haben längst ­eigene Kinder oder sind sogar schon Großmütter. (Foto: Andreas Boueke)



Die meisten Länder des Lateinamerikas sind seit Ende des vergangenen Jahrhunderts auf einem guten Weg, den Analphabe­tismus in absehbarer Zeit weitgehend zu überwinden. Zuletzt haben Venezuela, Bolivien, Nicaragua und Ecuador von der UNESCO die Medaille »Analphabetismus-freies Gebiet« erhalten. Das bedeutet, dass mindestens 96 Prozent der Bevölkerung schreiben und lesen können. Aber in Guatemala gibt es nicht einmal vertrauenswürdige Statistiken über die Zahl der Analphabeten. Nur rund die Hälfte der Kinder schließt das sechste Schuljahr und damit die Grundschule ab. Zugleich ist in keinem anderen Land Lateinamerikas das Vermögen der Gesellschaft so ungleich verteilt wie in Guatemala.

Mangelnde Bildung erleichtert Manipulation

Die Bildungsreferentin von UNICEF, Ana Maria Sanchez, sieht darin eine der Hauptursachen für das niedrige Bildungsniveau der Bevölkerungsmehrheit: »Viele Kinder sind zu arm, um in die Schule gehen zu können. Sie wohnen weit entfernt von der nächsten Schule. Oder sie müssen während der Erntezeit an die Küste ziehen, um dort auf den Plantagen zu arbeiten.« Auch der Staat verfüge nicht über ausreichend Mittel, weil es ihm nicht gelinge, genügend Steuern einzusammeln. »Die Reichen und die großen Firmen haben wenig Interesse daran, das zu ändern. Eine ungebildete Bevölkerung lässt sich leichter manipulieren. Je weniger Informationen die Leute haben, desto besser kann man sie ausbeuten«, so das bittere Fazit.

Die meisten Analphabeten in Guatemala sind Mayas. Eine Organisation, die sich um ihre Alphabetisierung bemüht, ist das guatemaltekische Institut für radiofone Bildung, IGER. Dessen Angebot funktioniert über Radiosendungen, die den Lernenden täglich die Unterrichtsinhalte vermitteln. Nur samstags kommen Lerngruppen zusammen. Das Konzept wurde von dem deutschen Pädagogen Franz Tattenbach entwickelt. Heute wird es von rund 40.000 Erwachsenen genutzt.

Seit dem Tod von Franz Tattenbach im Jahr 1992 wird das Institut von dem spanischen Priester José Maria Andrés geleitet. »Bildung ist der Schlüssel zur Entwicklung«, sagt er. Und fügt hinzu: »Meiner Erfahrung nach bringen gerade diejenigen Menschen, die besonders unter Armut und Ausbeutung leiden, eine außergewöhnliche Kraft auf, um Zugang zu Bildung zu bekommen.«

Seit den Lebzeiten des Gründers Franz Tattenbach hat die Beteiligung deutscher Pädagogen an der Erwachsenenbildung von IGER Tradition. Die pensionierte Grundschullehrerin Renate Hacke hat schon mehrere Jahre als Bildungsreferentin in Guatemala verbracht: »Eigentlich muss der Staat für Bildung sorgen. Aber wo der Staat nicht greift, finde ich es in Ordnung, wenn private Institutionen oder die Kirche Unterstützung leisten.«

Eine Lerngruppe trifft sich in einem Grundschulgebäude der Ortschaft Candelaria im Hochland Guatemalas. Die junge Sekretärin Claudia Boch aus Deutschland ist eine der Freiwilligen, die ihre Zeit opfern, um für eine Lerngruppe zur Verfügung zu stehen: »Die meisten Frauen in meiner Klasse hatten früher nicht die Möglichkeit, eine Schule zu besuchen. Oder sie ­haben nur das erste Schuljahr abgeschlossen und mussten dann Geld verdienen.«

Ein kleiner Ball fliegt durch das Klassenzimmer. Die Frauen werfen ihn einander zu, solange Claudia Boch mit einem Stab auf einen Pult schlägt. Wer den Ball in dem Moment in der Hand hält, in dem die Lehrerin mit dem Schlagen aufhört, muss nach vorne treten und an der Tafel Laute ­lesen. In dem Klassenraum sitzen ­ausschließlich Frauen, obwohl Männer auch zugelassen sind. Aber die meisten Männer hatten während ihrer Jugend mehr Gelegenheit, zur Schule zu gehen. Noch heute gibt es in Guatemala viele Eltern, die ihre Söhne zur Schule schicken, ihre Töchter aber nicht. Maria Tacatic Toj ist Mutter von zehn Kindern. Sie ist vor Kurzem 43 Jahre alt geworden. Aber erst jetzt hat sie begonnen, lesen und schreiben zu lernen: »Früher hat man uns immer gesagt, die Schule sei nur für die Jungen. Die Mädchen bräuchten das nicht. Deshalb habe ich nichts gelernt. Ich weiß nichts. Ich kann nicht einmal eine Zahl schreiben.«

Motivation: »Ich möchte meinem Land dienen«

Auch der deutsche Gesamtschullehrer Wolfgang Hacke unterstützt die Alphabetisierungskampagnen. Früher hat er Religion und Deutsch unterrichtet. Seit seiner Pensionierung koordiniert er das Bildungsprogramm von IGER im Nordosten von Guatemala: »Ich habe meine Schüler gefragt: ›Warum geht ihr überhaupt zur Schule?‹ In Deutschland haben sie mir geantwortet: ›Weil ich anständig Geld verdienen will.‹ Die Antworten hier sind anders: ›Ich möchte meinem Land dienen und der Gemeinde, in der ich geboren bin, meine Kenntnisse zur Verfügung stellen.‹«

Eine solche auf die Gemeinschaft bezogene Motivation findet sich in Guatemala nicht nur unter den jungen Schülern und Schülerinnen, sondern vor allem auch unter denen, die erst im Erwachsenenalter Lesen und Schreiben lernen. Die 47-jährige Rosalinda Xocojay müht sich noch mit dem ABC ab. Doch: »Wenn ich einmal gut lesen kann, werde ich es anderen Leuten beibringen, damit sie auch lesen lernen.«

Andreas Boueke

Selig sind, die anders handeln

Hoffnung für eine veränderbare Welt im Hier und Jetzt

Margot Käßmann zu den Seligpreisungen

(Fortsetzung von Eine Vision in Worte gefasst)

Margot Käßmann ist Pfarrerin der hannoverschen Landeskirche und ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Margot Käßmann ist Pfarrerin der hannoverschen Landeskirche und ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden: All zu viele finden sich ab. Wen interessiert in den reichen Industrienationen, dass fast eine Milliarde Menschen hungern. Das Elend der zwangsprostituierten Kinder? Die geschlagenen Frauen? Die gefolterten Menschenrechtsaktivisten?

Einen Hunger nach Gerechtigkeit für sie brauchen wir, damit sich etwas ändert. Einen Hunger, der etwas wagt, um satt zu werden. Eine Sehnsucht nach Gerechtigkeit, die es wagt, die Stimme zu erheben für die stumm Gemachten dieser Erde.

Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen: Bei der Geschichte vom barmherzigen Samariter stöhnen viele – alles bekannt. Aber wie sehr brauchen wir alle Barmherzigkeit! Wir sind doch keine Glamourwesen, die alles perfekt hinbekommen, so sehr manche Lebensfassade das auch vermitteln will. Barmherzig mit Fehlern und Verfehlungen der anderen, mit Schuld, die Menschen im Leben auf sich laden. Solche Barmherzigkeit zu erfahren macht frei, selbst barmherzig zu sein.

Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen. Was ist eigentlich das Gegenteil eines reinen Herzens? Verschlagen sein? Berechnend? Zynisch? Ein reines Herz ist wohl ein naives, das alles zum Besten kehren will. Es berechnet nicht, was das Beste wäre, sondern lebt frei und liebt unbefangen, vertraut ohne Vorbehalte. Ein Segen für die, denen ein solches Herz geschenkt ist, sie sind Gott nahe.

Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen: Was für eine Zumutung in der Welt der Waffenlobbyisten. Deutschland exportiert wieder vermehrt Waffen, auch in Krisengebiete. In kriegerische Auseinandersetzungen ist die Bundeswehr verwickelt. Wenn mir dann der Bundeswehrbeauftragte der Bundesregierung sagt, ich solle mich doch mit den Taliban in ein Zelt setzen und bei Kerzenlicht beten, dann denke ich, das ist sicher weitreichender, als Tanklastzüge zu bombardieren. Mir fehlt weiterhin Fantasie für den Frieden in unserem Land.

Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich: Erinnern will ich an die Gefolterten im Iran, in den Gefängnissen dort, die für Freiheit und Gerechtigkeit eingetreten sind. Frauen wurden brutal vergewaltigt, weil sie für ihre Rechte eintraten. Und Deutschland will kaum einen der Flüchtlinge aufnehmen, die in der Türkei auf Visum und Ausreise so dringend warten. Selig sind sie, weil sie Mut haben! Selig sind sie, die ­Geschundenen und Gefolterten und Vergewaltigten und Verängstigten dieser Erde! Was für ein Kontrastprogramm zu all der Macht, Gewalt, zu all dem Auftrumpfen der Gewehre und der Furchteinflößung.

Selig sind, die anders handeln. Widerständig, mit einer unbändigen Hoffnung treten sie an gegen alles ­Unrecht, das die Erde beherrscht. Alle sind dabei offenbar gemeint, nicht nur die Gläubigen, die Rechtschaffenen, die Angehörigen einer bestimmten Klasse oder Religion. Eine inklusive Hoffnungsgemeinschaft, die Grenzen überwindet – das macht die Seligpreisungen so anstößig und so bewegend. Sie werden Christinnen und Christen immer wieder aufrütteln, sich nicht anzupassen, auch wenn das für eine Kirche manches Mal angemessen scheint. Die Kirchen tun gut daran, diese Gedanken des Jesus von Nazareth wachzuhalten, auch als selbstkritischen Faktor, wenn sie allzu ruhig werden angesichts der Lage der Welt. Die Seligpreisungen sind nicht eine Vertröstung auf eine bessere Welt, sondern eine Aufforderung zur Einmischung in unserer Zeit und Welt. Ihr Kraftpotenzial hat sich durch die Jahrhunderte immer wieder erwiesen.

Margot Käßmann

»Theologisch sprachfähig werden«

3. September 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Konditormeisterin oder Gärtner, Hausfrau  oder Arzt:  Die Teilnehmer  des kirchlichen  Fernunterrichts kommen aus den verschiedensten Berufen.  Im Bild die  diesjährigen  Absolventen. (Foto: KFU)

Konditormeisterin oder Gärtner, Hausfrau oder Arzt: Die Teilnehmer des kirchlichen Fernunterrichts kommen aus den verschiedensten Berufen. Im Bild die diesjährigen Absolventen. (Foto: KFU)


Seit 50 Jahren gibt es ihn in Mitteldeutschland. Trotzdem ist der Kirchliche Fernunterricht (KFU) vielen unbekannt.

Eigentlich ist es fast wie ein richtiges Theologie-Studium. Da sind Vorlesungen und Seminare zu besuchen, meistens am Wochenende oder gleich eine ganze Woche lang. Da sind dicke Bücher durchzuarbeiten, und Hausarbeiten und Predigten zu verfassen. Der KFU verlangt den Teilnehmern einiges ab – alles neben Beruf, Familie, Alltag. Denn die Teilnehmer sind im richtigen Leben Konditormeisterin oder Gärtner, Hausfrau oder Arzt. Zweieinhalb Jahre lang pauken sie in den Kursen, die es seit genau 50 Jahren gibt.

Begonnen hatte alles 1960 als Reaktion auf die Kirchenpolitik der DDR. Zwei ­Tendenzen stellte die Kirchenleitung der Kirchenprovinz Sachsen damals fest. Zum einen schränkte das Regime das Theologie-Studium immer mehr ein. Zum anderen schwand mit den Jahren auch das religiöse Grundwissen in den Gemeinden. Beidem wollte die Kirchenleitung entgegenwirken, als sie Pfarrer Ernst Hofmeister von der Männerarbeit den Auftrag gab den KFU aufzubauen.

Hofmeister verfolgte mit dem Fernunterricht von Beginn an ein doppeltes Ziel. Erstens sollten Menschen für den ­ehrenamtlichen Verkündigungsdienst als Prädikanten ausgebildet werden, die selbstständig Gottesdienste halten und auch ihre Predigten selbst schreiben.

Zweitens sollten die Kursteilnehmer ein solides Wissen aus Glaube und Kirche ­vermittelt bekommen. Oder, wie es die heutige Rektorin des Fernunterrichts, Magdalene Frettlöh, erläutert: die 25- bis 70-Jährigen sollen »theologisch sprachfähig werden« und damit Antworten finden auf Fragen nach der Bibel, nach Tod und Auferstehung, nach Brot und Wein. Das und vieles mehr vermittelt der Kirchliche Fernunterricht seither in den Fächern Altes und Neues Testament, Kirchengeschichte, Systematische und Praktische Theologie.

Ab 1970 beteiligten sich nach und nach alle Landeskirchen der DDR am Fernunterricht, außerdem die Evangelische Kirche der Union. Weil Bildungsarbeit der Kirche zu DDR-Zeiten vom Staat misstrauisch beobachtet wurde, interessierte sich natürlich auch die Staatssicherheit für den KFU, wie Dogmatik-Dozent Michael Beintker rückblickend feststellt.

Heute wird der Fernunterricht rechtlich getragen von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), finanziert auch von den Landeskirchen in Anhalt, Sachsen und Berlin/Brandenburg/Oberlausitz. Aus diesen Kirchen kommen auch die meisten der zurzeit rund 120 Teilnehmer an den vier Studienorten Neudietendorf bei Erfurt, Röhrsdorf bei Chemnitz, Meißen oder Niederndodeleben bei Magdeburg. Rektorin Frettlöh verfolgt das Ziel, auch die anderen EKD-Kirchen und eine Universität mit einzubinden, um die Basis zu verbreitern und die Zukunft zu sichern.

Zwar sind die Teilnehmerzahlen in den Wende-Jahren kurzzeitig ziemlich geschrumpft. Inzwischen ist der Fernunterricht aber lebendig wie selten zuvor – und seit 1991 auch offen für Teilnehmer aus den westdeutschen EKD-Kirchen. Schließlich setzen fast alle Landeskirchen immer mehr auf die Mitarbeit von Ehrenamt­lichen bei der Verkündigung.

Und während sich der Fernunterricht zu DDR-Zeiten zusammen mit einer Zusatzausbildung teilweise als weiterer Weg ins Pfarramt entwickelte, sieht Frettlöh heute einen klaren Unterschied. »Prädikanten sind keine Notnägel, wenn Stellen gestrichen werden«, findet sie deutliche Worte. Sie sollen deshalb auch nicht Pfarrer imitieren, sondern ihren eigenen Stil einbringen: »Weil sie in anderen Lebenswelten zu Hause sind, wird die Konditormeisterin anders über das Gleichnis vom Sauerteig predigen oder der Arzt anders über eine Heilungsgeschichte.«

Markus Wetterauer

Das 50-jährige Bestehen des KFU wird am 4. und 5. September in Neudietendorf gefeiert.