Siegel als Beruhigungspille

27. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Fairer Handel: Das Nischendasein hat er längst verlassen – doch nicht alles was glänzt ist auch pures Gold

Foto: transfair.org

Fair und Bio ist in Deutschland zur Massenerscheinung geworden. In den Weltläden ist man darüber nicht nur ­erfreut. Denn die Standards sinken.

ausgaben_fair-gehandeltFairer Handel bewegt sich auf ­Erfolgskurs. Vergangenes Jahr haben die Bundesbürger für fair gehandelte Produkte rund 322 Millionen Euro ausgegeben, ermittelte das Forum Fairer Handel. So viel wie nie zuvor. In den vergangenen fünf Jahren ist diese Summe rasant ­gestiegen – auf mehr als das Dreifache.

Solvejg Spirling im Eine-Welt-Laden in Jena spürt den Aufwärtstrend. »Trotz der allgemeinen Wirtschafts- und Finanzkrise haben wir keinen Einbruch gehabt«, sagt sie. »Die Leute geben für fair gehandelte Produkte immer mehr Geld aus.« ­Außer ihren treuesten Kunden – den Rentnern – kämen häufiger als bisher Käufer aus der Mittelschicht, die sehr anspruchsvoll seien und viel Wert auf Qualität legten. »Es sind diejenigen, die bewusster einkaufen gehen«, meint Solvejg Spirling. Auffällig sei: »Sie sind genauer informiert, fragen intensiver und gezielter. Da muss ich als Verkäuferin mich viel detaillierter als noch vor Jahren bei Kaffee, Tee und Schokolade auskennen.«

Immer mehr Siegel, doch die Standards sinken

Ein Sprecher des Forums Fairer Handel führt diesen Positivtrend auf die hohe Glaubwürdigkeit des fairen Handels zurück. Darauf deuteten auch jüngste Befragungen von Konsumenten hin. Für zwei Drittel von ihnen sei die »richtige Verwendung des Geldes« ein sehr wichtiger Grund, sich für fair gehandelte Produkte zu entscheiden. Ebenso wichtig wie der Ausschluss ausbeuterischer Kinderarbeit bei der Produktion.

»Mit den Begriffen Fair und Bio kann heute fast jeder etwas anfangen«, sagt Claudia Greifenhahn, Geschäftsführerin des Ladencafés »aha«, zu dem drei Weltläden in Dresden ­gehören. In dieser Hinsicht hätten die Kampagnen und die jahrelange Arbeit viel bewirkt. Im Osten Deutschlands seit 1990, im Westen etwas länger. Dort waren die ersten Weltläden vor 40 Jahren gegründet worden – aus dem »Dritte-Welt-Handel« heraus, ­einer Aktion der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend und des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ).

Und doch: So recht freuen, dass Fair und Bio aus dem Nischendasein heraus und zur Massenerscheinung geworden sind, kann sich Claudia Greifenhahn nicht. Am wenigsten über die Siegel. Die seien ursprünglich entwickelt worden, um den Käufern schnell und unkompliziert faire und ökologische Produktionsbedingungen anzuzeigen. Doch dann passierte das, was Claudia Greifenhahn am Beispiel von Textilien erklärt: Für Naturtextilien gab es erst ein Siegel des Internationalen Verbandes der Textilwirtschaft (IVN), in den Abstufungen »better« und »best«. »Die ­Anforderungen waren sehr streng.« Dann stieg die Nachfrage. »Um der ­gerecht zu werden, wurde GOTS eingeführt, Global Organic Textile Standards, ein neues Öko-Siegel, allerdings mit lascheren Kriterien. Die haben größere Kompromisse gemacht.«

Was aber der Käufer in der Regel nicht wisse. »Der greift zu diesen ­Produkten im sicheren Gefühl, etwas Gutes zu tun. Das Siegel zeigt ihm ja, dass er nicht mehr nachfragen muss.« Derweil schmückten immer mehr ­Firmen ihre Produkte mit solchen ­Siegeln – Firmen, denen am positiven Werbeeffekt zur Umsatzsteigerung mehr gelegen sei als am Schutz der Umwelt.

Auch BDKJ-Bundesvorsitzender Dirk Tänzler fordert, sicherzustellen, dass Konzerne das Fair-Trade-Siegel nicht als »Feigenblatt für menschenverachtende Unternehmenspolitik missbrauchen«.

Auch regionale Produkte sind »öko« und »fair«

Claudia Greifenhahn sieht dafür wenig Chancen. Sie ist der Ansicht: »Den Käufern werden damit nur die Augen verkleistert. Diese Siegel sind der ­falsche Weg.« Als Beruhigungspille könnten sie die Aufklärung im Weltladen jedenfalls nicht ersetzen. Für die Dresdner Geschäfte haben sie und ihre Mitarbeiter eine eigene Kennzeichnung entwickelt: ein Schild in Rot steht für »fair«, gelb für »ökologisch und fair«, grün für »Öko-Standard« und blau für »konventionell«.

Zudem setzen sie nicht mehr nur auf Waren aus Entwicklungsländern und auf neues Denken bei den Bewertungskriterien. »Wir haben Produkte kleiner Firmen im Erzgebirge im Angebot, die etwa Schmuck aus Recyclingmaterial oder Leinenkleider herstellen und dafür arbeitslose Näherinnen beschäftigen. Die haben kein Siegel. Wir aber bewerten dieses in der Region Produzierte als öko und fair. Auch, weil wir uns mit eigenen Augen davon überzeugen können.«

Tomas Gärtner

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