»Lady Superintendent« – 100. Todestag von Florence Nightingale

13. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Florence Nightingale gilt als Pionierin der modernen Krankenpflege und Sozialreform. In der einst männlich dominierten Zeit, als für junge Damen ihrer Herkunft Arbeit als Sünde galt, und in einer guten Partie der einzige Lebensinhalt bestand, emanzipierte sie sich gegen alle Vorbehalte ihrer Familie und der Gesellschaft.

Florence Nightingale gilt als Pionierin der modernen Krankenpflege. (Quelle: Academic dictionaries and encyclopedias)

Florence Nightingale gilt als Pionierin der modernen Krankenpflege. (Quelle: Academic dictionaries and encyclopedias)

Für diese Frau beschränkte sich die Religion nicht auf die Andacht. »Es wird keinen Himmel geben, wenn wir ihn nicht machen. Und es ist eine sehr kümmerliche Theodizee, die uns lehrt, dass wir uns nicht für diese Welt bereiten sollen, sondern für eine andere. Müssen wir Gott nicht schon hier besitzen, wenn wir ihn im Jenseits besitzen wollen?« Sie realisierte ihr Christentum bis zu ihrem Tod vor 100 Jahren in tätiger Nächstenliebe. Damit avancierte sie zu einer Vorbildgestalt der Caritas und der Emanzipation der Frau.

Florence Nightingale wurde am 15. Mai 1820 geboren. Ihre Eltern besaßen zahlreiche Güter in Südengland, die der Familie ein standesgemäßes Leben in Reichtum und viele Reisen quer durch Europa ermöglichten. Tochter Flo, wie sie gerufen wurde, erhielt Privatunterricht, beherrschte bald außer ihrer Muttersprache Griechisch, Latein, Französisch sowie Deutsch. Sie interessierte sich besonders für Geschichte sowie Philosophie und mauserte sich zu ­einer umschwärmten Schönheit. In ihrer Heimatregion und auf Reisen in Frankreich, Italien und der Schweiz avancierte sie oft zur Ballkönigin. ­Gelehrte schätzten ihre Kenntnisse. Reiche Snobs machten ihr Heirats­anträge. Aber sie fühlte sich wie in einem goldenen Käfig und schrieb in ihr ­Tagebuch: »Ich verlange heftig nach einer regelmäßigen Beschäftigung, nach etwas Vernünftigem, das des Tuns wert ist, statt meine Zeit mit Nichtigkeiten zu vertrödeln.« Als 25-Jährige verkündete sie, dass sie sich der Krankenpflege widmen wolle. Ihre Familie war über diese Entscheidung sehr verärgert und besorgt. Doch die junge Frau setzte sich durch.

Flo weilte während eines Ägypten-Aufenthaltes in Alexandria bei den Vinzentinerinnen, arbeitete im Fiedner-Hospital in Kaiserswerth, das heute zu Düsseldorf gehört und hospitierte europaweit in verschiedenen Hospitälern. Sie las Schriften der christlichen Mystiker, Sozialisten sowie Freidenker. 1853 übernahm sie ­gegen den Widerstand ihrer Familie die Leitung des heimischen Harley-Street-Hospitals.

1854 brach der Krimkrieg aus. Die katastrophalen Zustände in den Feldlazaretten bewogen den verantwortlichen Minister Sidney Herbert, Flo als verantwortliche »Lady Superintendent« mit einer Schar Schwestern ins Kriegsgebiet zu schicken. In den Lazaretten herrschte Schmutz, Mangel an allem und eine inhumane Kommiss-Bürokratie mit großen männlichen Vorbehalten gegen die weibliche Einmischung.

Florence Nightingale setzte sich mit Beharrlichkeit durch. Sie verbesserte die Hygiene, betreute die Verletzten, besorgte Entlausungsmittel, Nachtgeschirre, Medikamente, Stiefel sowie Zitronensaft und erlebte wie Krieggewinnler in der Heimat ein ­Vermögen mit ihren Lieferungen verdienten.

Nach dem Kriegsende 1856 fasste sie ihre Erkenntnisse in einer Denkschrift zusammen, die in den Folgejahren zur Grundlage einer umfas­senden Sozialreform gedieh, die dank ihrer fortdauernden Wirksamkeit in England realisiert wurde. 1860 erschien zudem ihr dreibändiges gesellschaftskritisches Werk »Anregungen für Wahrheitssucher«.

Nightingale gehörte königlichen Kommissionen an, entwarf Gutachten, überstand eine Vielzahl eigener Infektionen und wurde fast nebenbei auch zur Mutter der Genfer Konvention. Sie gründete eine Schwestern-Schule, die bald auf allen Kontinenten Tochter-Einrichtungen besaß, wurde von ihren Patienten als Heilige verehrt und bekam 1907 als erste Frau in England den »Order of Merit«, Englands höchste Auszeichnung. Eine späte Ehre für die beispielhafte Frau, die 90-jährig am 13. August 1910 erblindete und in geistiger Umnachtung in London starb.
Martin Stolzenau

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