»Wow, mein Großer, du bist was Besonderes«

6. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Familie

Eltern sollten ihren Kindern helfen, sich auf der Welt daheim zu fühlen. 	Foto: epd-bild

Eltern sollten ihren Kindern helfen, sich auf der Welt daheim zu fühlen. Foto: epd-bild


Erziehung: Kinder brauchen Eltern, die sie vorbehaltlos lieben, dann stellt sich Gehorsam von selbst ein

Der Pädagoge Wolfgang Bergmann hat etwas gegen Prinzipien und gegen ­Disziplin. Er findet: Was Kinder brauchen, sind coole, gelassene Eltern.

Von Marie Lampert

Das Gegenteil von richtig ist falsch. Und von richtig lieb ­haben – falsch lieb haben. Falsch lieb haben ist zum Beispiel, »wenn ich die ganze Zeit darauf achte, dass mein dreijähriges Kind im Alphabet mindestens so weit ist wie sein bester Freund«. Bergmann setzt hinterher: »Dann ist Hopfen und Malz verloren. Da werden die Eltern in der Pubertät merken, dass sie was falsch gemacht haben.«

Wolfgang Bergmann hat sich der Arbeit mit hyperaktiven und auffälligen Kindern verschrieben. In Hannover unterhält er ein Institut für Kinderpsychologie und Lerntherapie. In Büchern und Zeitschriften, auf Podien und in Talkrunden entfaltet er sein Credo vom chaotischen Geist und vom liebenden Blick.

Während Pädagoginnen-Kollegen durch Talkshows und Buchhandlungen reisen, um der Disziplin Gehör zu verschaffen, und der strapazierten Elternschaft mitteilen, Kinder bräuchten Grenzen, verkündet Bergmann das Gegenteil. Bevor sie eine Grenze brauchen, brauchen sie die Liebe ihrer Eltern, die vorbehaltlose. Sein Appell: »Guckt nicht auf den Mathetest, sondern einfach, wie er dasitzt auf seinem kleinen Hintern. Freut euch an seiner Nase oder an dem verschwitzten Gesicht.«

Kinder kommen als kleine, unfertige Wesen zur Welt. Und manche sind ziemlich zappelig. Bergmann ist sicher: Alle wollen sie Bindung und Vertrauen. Sie wollen angeschaut werden mit einem Blick, der sagt: Wow, mein Großer, du bist was Besonderes. So guckt dann also der Herr Bergmann, wenn die Hypies – hyperaktive Kinder – bei ihm vorgestellt werden. Dann kommt’s drauf an: »Wenn die Kinder diesen Blick aufgenommen haben, dann prüfen sie einen: Ist das eigentlich ein cooler Typ?« Bergmann ist ein cooler Typ. Er trägt eine struppige Frisur, die Stimme knarzt ein bisschen, er ist sehr direkt und autoritär. »Bei den Kindern gibt es ein tiefes Bedürfnis nach Ordnung. Und da diese Ordnung nicht in ihrem Selbst verinnerlicht ist, brauchen sie diese Ordnung von außen. In dem Sinn: Ich führe dich in diese Ordnung hinein. Und du widersprichst mir nicht! Das ist Kinderlogik. Damit haben die kein Problem.«

Hektik und Leistungsdruck machen es Eltern schwer, eine gelassene Haltung zu entwickeln. Sie wollen, dass es ihrem Kind gut geht, sie wollen aber auch, dass es gut ist. Gut im Sinn von Leistung. »Elternliebe und Elternnarzissmus sind zwar zwei Sachen, aber ständig ineinander verwickelt. Ist mein Kleiner auch erfolgreich? Wirkt er auch gut? Der Geist des Kontrollierens, der Leistung und des falschen Narzissmus macht den Kindern Angst und die Eltern unsicher.«

Bergmann findet, Eltern sollten ihren Kindern helfen, sich auf der Welt daheim zu fühlen, bevor sie sie mit Leistungsansprüchen konfrontieren. Eltern sollen ermöglichen, dass Kinder ihren Geist und die Sprache entfalten, sie sollen Raum geben, damit innere Visionen und Fantasien wachsen können – und die Ängste bannen. Dazu, sagt Bergmann, seien Eltern ja eigens erfunden worden: um ihre Kinder mit der Welt zu versöhnen.

Gehorsam, das ist seine Erfahrung, stellt sich von selbst ein, wenn der Unterbau stimmt, also die Bindung. Gehorsam heißt, ich höre, sagt Bergmann. Ich spanne meine Sinne an, auf einen Menschen hin, der bedeutsam ist. Mama und Papa sind das von vornherein. Kinder haben eine enor­me Bereitschaft, zu hören. »Und so geht der Gehorsam, über den ich rede, unmittelbar aus der frühkindlichen Bindung, dem Geist, der Biologie der Liebe hervor und findet eine Ordnung in der Welt, im Baukastenspielen mit Papa, im Kuscheln mit Mama.« Wobei Rollen nicht festgeschrieben sind: »Ich konnte zum Beispiel wunderbar Puppen spielen mit meinem Kind.«

Zur Ordnung gehört die Unordnung. Und deshalb hat neben der Versöhnung auch der »chaotische Geist« seinen Platz in Bergmanns Vorstellung von gelungener Erziehung. Der chaotische Geist wird ganz besonders wichtig, wenn es um das Sich-Behaupten geht. Um Fußball oder Raufereien. »Furchtbar, diese Tüttel-Friedenspädagogik. Da geht eine Scheibe kaputt und man bespricht alles im Sitzkreis. Man redet über Prinzipien, statt sich zu freuen, weil nur die kleine Scheibe kaputt ist, nicht die große. Scheiben gehen kaputt beim Fußballspielen, dazu sind sie da!«
Und damit wären wir beim nächsten Thema. Jungs – und was sie brauchen: »Die Jungen dürfen heute mit ihrer Männlichkeit nicht vertraut werden. Das bringt die ganz durcheinander. Wenn zwei Jungs in einer Rauferei klären wollen, wer der Bestimmer ist, geht gleich die Erzieherin dazwischen. Im Kindergarten meiner Tochter wurde immer morgens gesagt, wer heute der Bestimmer ist. Das geht aber nicht per Erklärung. Das muss entschieden werden. Und da muss man raufen und eins auf die Nase kriegen und mal weinen und sich wieder versöhnen. Diese ganze authentische Kultur geht vor lauter Prinzipien verloren. Damit geht die große Entwicklungsfreiheit verloren, die Kinder brauchen. Die Harmonieseligkeit hindert Jungs daran, ihre Körperlichkeit zu erleben. Und Grenzen tatsächlich zu erfahren.«

Mit freundlicher Genehmigung aus »echt«. Das Magazin Ihrer evangelischen Kirche

Literatur: Bergmann, Wolfgang: Geheimnisvoll wie der Himmel sind Kinder. Was Eltern von Jesus lernen können, Kösel-Verlag, 160 S., ISBN 978-3-466-36836-5, 14,95 Euro

Bergmann, Wolfgang: Warum unsere Kinder ein Glück sind. So gelingt Erziehung heute, Beltz Verlag, 175 S., ISBN 978-3-407-85879-5, 14,95 Euro

Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­Telefon (03643) 246161

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Reaktionen unserer Leser

1 Lesermeinung zu “»Wow, mein Großer, du bist was Besonderes«”
  1. Ja, ich liebe es auch als Ich-kann-Schule-Lehrer, mich auf den Boden zu setzen, damit ich zu einem verzagten Menschen aufschauen kann: “Ui, bist Du groß!” Von unten hinauf das ist eine Lebensqualität, in der man all das bewirken kann, was von oben herab nicht geht. Eine Geste von unten (lat. “sub”) hinauf, das ist Sug-gestion. Die römischen Legionäre suggerierten ihren Ochsen das Heu und die fraßen ihnen dafür aus der Hand.
    Die “sug-gestio” ist ein wichtiges Lebenswerkzeug in der Ich-kann-Schule. Mit ihr bedarf es keines DRUCKs. Druck kann ohnedies Probleme nur komprimieren. Verstandene sug-gestio ist SOG-gestion. Sog löst, richtet auf, macht wachsen, kann die Kräfte punktgenau lenken. Was Wolfgang Bergmann da berichtet, ist nicht nur wahr, es ist ein großer Genuss, den wir alle uns entgehen lassen. Entgehen lassen, weil wir immer noch für das Einfügen in Schablonen unsere Kräfte vergeuden statt dem Leben die Chance zu lassen, mit unseren Kräften über die toten Schablonen hinauszuwachsen. Das was wir schon lange nicht mehr glauben, weil wir nur noch perfekt vorbereitete Schablonen erleben, ist möglich. Unsere guten Kräfte wollen sich für uns verwirklichen, und wir sollten aufhören, es ihnen zu vermasseln. Ich grüße freundlich.
    Franz Josef Neffe