Siegel als Beruhigungspille

27. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Fairer Handel: Das Nischendasein hat er längst verlassen – doch nicht alles was glänzt ist auch pures Gold

Foto: transfair.org

Fair und Bio ist in Deutschland zur Massenerscheinung geworden. In den Weltläden ist man darüber nicht nur ­erfreut. Denn die Standards sinken.

ausgaben_fair-gehandeltFairer Handel bewegt sich auf ­Erfolgskurs. Vergangenes Jahr haben die Bundesbürger für fair gehandelte Produkte rund 322 Millionen Euro ausgegeben, ermittelte das Forum Fairer Handel. So viel wie nie zuvor. In den vergangenen fünf Jahren ist diese Summe rasant ­gestiegen – auf mehr als das Dreifache.

Solvejg Spirling im Eine-Welt-Laden in Jena spürt den Aufwärtstrend. »Trotz der allgemeinen Wirtschafts- und Finanzkrise haben wir keinen Einbruch gehabt«, sagt sie. »Die Leute geben für fair gehandelte Produkte immer mehr Geld aus.« ­Außer ihren treuesten Kunden – den Rentnern – kämen häufiger als bisher Käufer aus der Mittelschicht, die sehr anspruchsvoll seien und viel Wert auf Qualität legten. »Es sind diejenigen, die bewusster einkaufen gehen«, meint Solvejg Spirling. Auffällig sei: »Sie sind genauer informiert, fragen intensiver und gezielter. Da muss ich als Verkäuferin mich viel detaillierter als noch vor Jahren bei Kaffee, Tee und Schokolade auskennen.«

Immer mehr Siegel, doch die Standards sinken

Ein Sprecher des Forums Fairer Handel führt diesen Positivtrend auf die hohe Glaubwürdigkeit des fairen Handels zurück. Darauf deuteten auch jüngste Befragungen von Konsumenten hin. Für zwei Drittel von ihnen sei die »richtige Verwendung des Geldes« ein sehr wichtiger Grund, sich für fair gehandelte Produkte zu entscheiden. Ebenso wichtig wie der Ausschluss ausbeuterischer Kinderarbeit bei der Produktion.

»Mit den Begriffen Fair und Bio kann heute fast jeder etwas anfangen«, sagt Claudia Greifenhahn, Geschäftsführerin des Ladencafés »aha«, zu dem drei Weltläden in Dresden ­gehören. In dieser Hinsicht hätten die Kampagnen und die jahrelange Arbeit viel bewirkt. Im Osten Deutschlands seit 1990, im Westen etwas länger. Dort waren die ersten Weltläden vor 40 Jahren gegründet worden – aus dem »Dritte-Welt-Handel« heraus, ­einer Aktion der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend und des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ).

Und doch: So recht freuen, dass Fair und Bio aus dem Nischendasein heraus und zur Massenerscheinung geworden sind, kann sich Claudia Greifenhahn nicht. Am wenigsten über die Siegel. Die seien ursprünglich entwickelt worden, um den Käufern schnell und unkompliziert faire und ökologische Produktionsbedingungen anzuzeigen. Doch dann passierte das, was Claudia Greifenhahn am Beispiel von Textilien erklärt: Für Naturtextilien gab es erst ein Siegel des Internationalen Verbandes der Textilwirtschaft (IVN), in den Abstufungen »better« und »best«. »Die ­Anforderungen waren sehr streng.« Dann stieg die Nachfrage. »Um der ­gerecht zu werden, wurde GOTS eingeführt, Global Organic Textile Standards, ein neues Öko-Siegel, allerdings mit lascheren Kriterien. Die haben größere Kompromisse gemacht.«

Was aber der Käufer in der Regel nicht wisse. »Der greift zu diesen ­Produkten im sicheren Gefühl, etwas Gutes zu tun. Das Siegel zeigt ihm ja, dass er nicht mehr nachfragen muss.« Derweil schmückten immer mehr ­Firmen ihre Produkte mit solchen ­Siegeln – Firmen, denen am positiven Werbeeffekt zur Umsatzsteigerung mehr gelegen sei als am Schutz der Umwelt.

Auch BDKJ-Bundesvorsitzender Dirk Tänzler fordert, sicherzustellen, dass Konzerne das Fair-Trade-Siegel nicht als »Feigenblatt für menschenverachtende Unternehmenspolitik missbrauchen«.

Auch regionale Produkte sind »öko« und »fair«

Claudia Greifenhahn sieht dafür wenig Chancen. Sie ist der Ansicht: »Den Käufern werden damit nur die Augen verkleistert. Diese Siegel sind der ­falsche Weg.« Als Beruhigungspille könnten sie die Aufklärung im Weltladen jedenfalls nicht ersetzen. Für die Dresdner Geschäfte haben sie und ihre Mitarbeiter eine eigene Kennzeichnung entwickelt: ein Schild in Rot steht für »fair«, gelb für »ökologisch und fair«, grün für »Öko-Standard« und blau für »konventionell«.

Zudem setzen sie nicht mehr nur auf Waren aus Entwicklungsländern und auf neues Denken bei den Bewertungskriterien. »Wir haben Produkte kleiner Firmen im Erzgebirge im Angebot, die etwa Schmuck aus Recyclingmaterial oder Leinenkleider herstellen und dafür arbeitslose Näherinnen beschäftigen. Die haben kein Siegel. Wir aber bewerten dieses in der Region Produzierte als öko und fair. Auch, weil wir uns mit eigenen Augen davon überzeugen können.«

Tomas Gärtner

Von der Sehnsucht nach dem Paradies

27. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Der erzgebirgische Holzgestalter Dieter Groh wurde 80

Vor wenigen Tagen, am 20. August, ist er bei guter Gesundheit 80 Jahre alt geworden: der Holzgestalter Dieter Groh. Geboren 1930 im westerzgebirgischen Burkersdorf, hat er sich als gelernter Möbeltischler seit 1965 auf dem väterlichen Grundstück seinen Kindheitstraum erfüllen dürfen, den Traum von den eigenen Weihnachtsfiguren.

Aufgewachsen in einer über Generationen von tiefer Frömmigkeit geprägten Familie, war es die farbenfrohe Welt der traditionellen Leuchterfiguren, die ihn frühzeitig gefangen nahm und nie mehr loslassen sollte. Obwohl er bald schon als gefragter Holzrestaurator galt, wurde für Dieter Groh erst das eigene Nachempfinden von Althergebrachtem in Verantwortung gegenüber den historisch gewachsenen Formen zum eigentlichen beruflichen Erlebnis. So widmet er sich seitdem ganz bewusst den aus dem 19. Jahrhundert überkommenen Techniken und drechselt, schnitzt, modelliert mit Brotteig und bemalt ­alles nach wie vor von Hand.

Dieter Groh, Holzgestalter aus Burkersdorf im Westerzgebirge, in seiner geliebten Werkstatt. (Foto: Gottwald Klinger)

Dieter Groh, Holzgestalter aus Burkersdorf im Westerzgebirge, in seiner geliebten Werkstatt. (Foto: Gottwald Klinger)

Wer sein Haus betritt, ist überrascht von der Fülle dessen, was in all den Jahren in seiner Werkstatt entstanden ist: traditionelle Leuchter­figuren, sparsam mit Ornamenten verziert, in ihrer Farbigkeit an barocke Dorfkirchen erinnernd, Bergleute, ­Engel, deren Vorbilder im Freiberger und Schneeberger Raum zu finden sind, Spielzeug, Fröbelscher Gedankenwelt entlehnt, Leuchterspinnen, Bevensen-Leuchter, einer norddeutschen Heiligabendsitte nachempfunden und Schwebeengel, denen Dieter Grohs besondere Liebe gilt.

Mehr als zwei Jahrzehnte wirkte Dieter Groh an der Schneeberger »Fachschule für Angewandte Kunst«. War es doch sein Wunsch, all den Generationen von Studenten etwas vom Geheimnis der »Formen aus der Tradition des Erzgebirges«, wie es im Vorlesungskatalog hieß, nahezubringen.

Längst schon haben seine Arbeiten Erwähnung gefunden in den Bibliografien zur sächsischen Volkskunst oder lassen sich in deren Museen ­betrachten. Ausstellungen im In- und Ausland haben seinen Namen bekannt gemacht. Sein Wahlspruch »Lege Deine Hände an die Arbeit und Dein Herz in Gott«, von der Shakergemeinde, einer aus dem Quäkertum entstandenen amerikanischen Freikirche überliefert, begleitet ihn bis heute.

Von all seinen Miniaturen sei ihm die Geschichte von Adam und Eva und vom Apfel, einem in Seiffener Manier geschaffenen Paradiesgarten, besonders ans Herz gewachsen. Von seiner »Sehnsucht nach dem Paradies« ist in der Figurenwelt des Dieter Groh manches zu entdecken. Man muss nur mit dem Herzen hinschauen.

Gottwald Klinger

Eine Vision in Worte gefasst

26. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Hoffnung für eine veränderbare Welt im Hier und Jetzt

– Margot Käßmann zu den Seligpreisungen (Teil 1) –

Seligpreisungen_1Es gibt Texte, die die Menschheit über Jahrhunderte begleiten und bewegen. Die Seligpreisungen aus Matthäus 5 (und Lukas 6) haben ein solches Potenzial erwiesen. Sie stellen die Welt, wie wir sie vorfinden, auf den Kopf, sie überschreiten Grenzen, sind also revolutionär im besten Sinne. Jesus zeichnet mit ihnen eine Kontrastgesellschaft. Eine Vision ist in Worte gefasst, die Menschen hat aufstehen lassen, wo immer ihre Rechte gebrochen, wo sie gefoltert, erniedrigt, vernachlässigt wurden.

Nein, eine Vertröstung auf das Jenseits, Opium des Volkes, sind die Seligpreisungen nicht. Sie sind Hoffnung für eine veränderbare, verbesserliche Welt im Hier und Jetzt, in dieser Welt. Sie speist sich dabei aus der Hoffnung auf Gottes Zukunft, die über unsere Zeit und Welt hinausgeht. O ja, belächelt wurden jene Worte immer ­wieder, wie alle Träumer und Weltverbesserer belächelt werden.

Altbundeskanzler Helmut Schmidt hat einmal gesagt, mit den Seligpreisungen könne man keine Politik machen. Aber vielleicht wäre gerade das ein überzeugender Ansatz, weil es dann nicht um eine Politik des puren Pragmatismus, des ökonomischen Rechnens und des Machterhaltes ginge, sondern um eine Politik, die noch Visionen kennt, die sieht, was die Bibel sagt: Gerechtigkeit im Land misst sich immer daran, wie es den Schwächsten in der Gesellschaft geht.

Exegetisch gesehen sind die Seligpreisungen besonders interessant, weil sie offenbar auf originale Rede Jesu zurückgreifen. Trotz unterschiedlicher Akzente bei Matthäus und Lukas sind Bibelforschende überzeugt, dass beide Evangelisten aus derselben Quelle schöpften, in der mündlich überlieferte Worte Jesu sehr bald nach seinem Tod zusammengefügt wurden. Beide Evangelienschreiber haben diese einzeln überlieferten Worte dann auf je eigene Weise in ihr Evangelium eingefügt. So können wir sagen, dass wir heute mit den Seligpreisungen am Beginn der Bergpredigt Worte vorfinden, die den originalen Aussagen des Jesus von Nazareth sehr nah sind. Und bis heute übermitteln sie etwas von der Faszination, die von ihm ausging, wenn er redete. Er malt eine Welt, die anders sein könnte, die Welt, wie Gott sie sich erhoffte bei der Schöpfung, die »sehr gut war«. Aber seine Bilder sind für die vorfindliche Welt der Durchsetzungskraft und Stärke, der militärischen Mächte und Gewalten eine Provokation, damals wie heute. Er selbst starb am Ende für diese Provokation.

Seligpreisungen_2Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich: Du lieber Himmel, die geistlich Armen, die werden bei uns zur Therapie geschickt! Wir haben Förderschulen für sie oder Behinderteneinrichtungen. Wir sind eine Leistungsgesellschaft, wir brauchen Eliten. Da können wir nicht auf jeden warten, alle mit durchziehen. Als wir in Fulda wohnten, war nebenan eine Schule für geistig Behinderte. Jeden Morgen konnte ich von der Küche aus sehen, wie sie zur Schule gingen. Fröhliche Kinder. Anders, ja. Aber wer wollte sagen, ob sie weniger glücklich sind als die »Gesunden«? Wer definiert Behinderung?

Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden: Es ist schwer, Trauer und Leid zu ertragen. Viele Menschen zweifeln an Gott, wenn sie mit Leid konfrontiert sind. Aber Leiderfahrungen vertiefen auch das Leben. Gerade, wenn wir Leid erleben, sind wir näher an der eigenen Existenz, an den Fragen, die wirklich zählen. Getröstet werden – das ist eine wunderbare Erfahrung für alle, die Schmerz und Kummer tragen müssen. Und es ist eine Hoffnung auf ­Gottes Zukunft, in der alle Tränen abgetrocknet sein werden.

Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen: Sanftmütig ist keine sinnvolle Eigenschaft in der Leistungsgesellschaft. Durchsetzungskraft und Ehrgeiz, Ellenbogen und Cleverness zählen. Wer sanftmütig ist, wird kaum aufsteigen in einer Firma. Und politisch wäre er im Abseits. Aber wie wäre es, wenn wir auf die Sanftmütigkeit einiger zählen könnten in Konflikten und Krisen? Wenn einer nachgeben würde, und »Fünfe gerade sein« lässt? Liebenswerter, leichter, weniger angstbesetzt wären Beziehungen sicher.

An die Xukuru Indianer denke ich dabei. Ich habe sie im Norden Brasiliens einmal besucht auf Land, das sie besetzt hatten. Ihr größter Stolz war ein Säugling – das erste Xukurukind, das auf Xukuruland geboren wurde nach zwei Jahrhunderten Vertreibung. Aber sie durften das Erdreich nicht ­besitzen, die Waffengewalt des Großgrundbesitzers hat sie schnell wieder vertrieben …


Margot Käßmann ist Pfarrerin der hannoverschen Landeskirche und ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Teil 2

Anmerkung: Die Seligpreisungen stehen im Zentrum der sogenannten Bergpredigt Jesu – im Text Ausschnitte einer Darstellung des dänischen Malers Carl Heinrich Bloch (1834 bis 1890). Repro: wikipedia

»… und die alten Lieder singen«

26. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Debatte: Kirchenferne Genossen blasen zum Angriff – in der SPD wollen Laizisten einen Arbeitskreis gründen

»Wann wir schreiten Seit’ an Seit’ und die alten Lieder singen …«, beginnt ein bekanntes Sozialistenlied. Die Forderungen der Laizistinnen und Laizisten in der SPD erinnern fatal an alte Kampfgesänge.

Die Sozialdemokratie und ihre Feinde: Krieg, Kapitalismus, Junkertum und ­Kirche – die Karikatur erschien im Jahr 1900 auf der Titelseite der sozialdemokratischen Satirezeitschrift »Der Wahre Jakob«. (Repro: akg-images)

Die Sozialdemokratie und ihre Feinde: Krieg, Kapitalismus, Junkertum und ­Kirche – die Karikatur erschien im Jahr 1900 auf der Titelseite der sozialdemokratischen Satirezeitschrift »Der Wahre Jakob«. (Repro: akg-images)

In CDU und CSU hat sich vor Kurzem aus Sorge um das katholisch-konservative Profil der Partei ein »Arbeitskreis Engagierter Katholiken« gegründet. In die SPD kommt ebenfalls Bewegung – allerdings genau in die entgegengesetzte Richtung. Im Herbst soll ein Arbeitskreis »Laizistinnen und Laizisten in der SPD« ins Leben gerufen werden. Nach Auskunft des Initiators, Nils Opitz-Leifheit, gibt es schon 300 Interessenten. Bei einer Gründungsversammlung im Juni in Nürnberg wurden bereits Grundsätze beschlossen.

Die Gruppe versteht sich nicht als kirchenfeindlich. »Religiöse Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, die für einen weltanschaulich neutralen Staat sind, sind uns … herzlich willkommen«, heißt es auf der Homepage. Kernforderung ist die komplette Trennung von Kirche und Staat. Er stehe dem Engagement von Christen in seiner Partei nicht ablehnend ­gegenüber, sagt Opitz-Leifheit, Fraktionsreferent im baden-württembergischen Landtag. Die SPD sei aber zu wenig kirchenkritisch und verliere bei Kirchenfernen nach seiner Erfahrung an Zuspruch, meint der 46-Jährige, der aus der katholischen Kirche ausgetreten ist.

Die neue Gruppe hat die Unterstützung mehrerer Bundestagsabgeordneter, darunter sind Carsten Schneider aus Erfurt, der frühere Staatsminister Rolf Schwanitz (Sachsen) und die rheinland-pfälzische Abgeordnete Doris Barnett. Auch der thüringische Wirtschaftsminister Matthias Machnig und die ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete und Vorstandssprecherin der KfW-Bankengruppe, Ingrid Matthäus-Maier, haben sich angeschlossen.

Die »Laizisten in der SPD« sehen sich in der Tradition des Humanismus, der Aufklärung und der Arbeiterbewegung. In ihren Anfängen war die Arbeiterbewegung zunächst antiklerikal eingestellt. Kirchen wurden von der frühen, marxistisch geprägten ­Sozialdemokratie als Verbündete der herrschenden Klasse in Staat und ­Gesellschaft eingestuft. Freidenkertum war eine der sozialdemokra­tischen Wurzeln. In SPD-Parteiprogrammen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts machte die Forderung »Re­ligion ist Privatsache« dies deutlich. Umgekehrt gab es von kirchlicher Seite eine klare Distanzierung zur Sozialdemokratie.

In der Weimarer Republik versuchte die SPD vergeblich, ihre Forderungen nach Trennung von Staat und Kirche durchzusetzen. Nach 1945 sorgten vor allem die Beitritte aus der Gesamtdeutschen Partei – darunter Gustav Heinemann, Johannes Rau, Diether Posser, Erhard Eppler und Jürgen Schmude – für ein starkes protestantisches Profil der SPD.

Einen Bruch mit der Tradition des Marxismus markiert das Godesberger Programm von 1958, in dem sich die SPD von überkommenen Dogmen verabschiedete. Demokratischer Sozialismus sei gleichermaßen in »christlicher Ethik, im Humanismus und in der klassischen Philosophie verwurzelt«. Dem Sozialismus gehe es nicht um Glaubenswahrheiten, weder Partei noch Staat hätten darüber zu entscheiden. Den Kirchen versichert das SPD-Programm »öffentlich-rechtlichen Schutz«. Erst in der Folgezeit kam es zu Kontakten zwischen SPD und katholischer Kirche.

Die »Laizisten in der SPD« erheben weitgehende Forderungen. Sie wollen sich für einen weltanschaulich neutralen Staat einsetzen, in der die beiden großen Kirchen keine Privi­legien genießen. Kreuze in Klassenzimmern oder Amtsstuben werden ebenso abgelehnt wie Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach oder die Einsegnung von öffentlichen Gebäuden.

Der Sprecher der »Christinnen und Christen in der SPD«, Wolfgang Thierse, sieht darin eine »dramatische Einengung der SPD«. Die Partei sei weltanschaulich plural. »Ich kann meine Partei nur davor warnen, eine Partei der Kirchenfeinde werden zu wollen«, betont der Vizepräsident des Bundestags. Das Verhältnis zu den Kirchen nennt Thierse freundschaftlich und konstruktiv. In vielen sozialen Fragen gebe es eine große Übereinstimmung. »Warum sollten wir das verleugnen oder eine künstliche Distanz schaffen?«

Rainer Clos und Jutta Wagemann
(epd)

.

Ist eine stärkere Trennung von Staat und Kirche nötig?

Carsten Schneider (Erfurt) ist Mitglied des Deutschen ­Bundestages und haushaltspolitischer Sprecher  der SPD-Bundestagsfraktion.

Carsten Schneider (Erfurt) ist Mitglied des Deutschen ­Bundestages und haushaltspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion.


Pro: Carsten Schneider

Ich fange an mit dem, was wir nicht wollen. Erstens: Wir wollen aus der SPD keine »Partei der Kirchenfeinde« machen, wie Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse befürchtet, und wir wollen auch keine kirchenfeindliche Gesellschaft. Zweitens: Es geht nicht in erster Linie ums Geld. Es ist nicht die »Jagd auf die Kirchenmäuse« (Der Spiegel vom 26. Juli 2010), die mich motiviert, obwohl ich Haushaltspolitiker bin.

Nein: Mir geht es ums Prinzip.

Das Prinzip, für das ich eintrete, ist das des weltanschaulich neutralen Staates, das Prinzip einer klaren Trennung von Staat und Kirche. Es ist
das Prinzip des Grundgesetzes. Das Grundgesetz garantiert die Glaubensfreiheit und die ungestörte Religionsausübung. Das Grundgesetz stellt aber auch klar, dass es keine Staatskirche gibt. Für mich sind dies zwei Seiten einer ungeheuer wertvollen Medaille.

Was allgemeine Prinzipien im konkreten Einzelfall bedeuten, ist oft eine schwierige Frage. Die Verständigung über die richtige Antwort ist auch abhängig von der Zeit, in der wir leben. Gesetzgebung und Gerichts­urteile zu Ehe und Familie oder zur Homosexualität zeigen: Was vor 20 Jahren akzeptabel erschien, ist heute untragbar, weil es der Lebenswirklichkeit und dem Gerechtigkeitsempfinden der Menschen nicht mehr entspricht.

Mir geht es mit den vielen Rechten und Vorrechten der Kirchen genauso: Ich halte sie für unangemessen und überholt. Ich verstehe die historischen Hintergründe, ich weiß um die bestehenden Verträge, aber ich bleibe dabei: Vieles davon passt nicht mehr in unsere Zeit und unser Land.

Warum sollen die Bürger meines Heimatlandes Thüringen, von denen 92 Prozent keine Katholiken sind, eine katholisch-theologische Fakultät an der Universität Erfurt finanzieren und damit die Priesterausbildung subventionieren? Warum zahlen ­konfessionslose oder muslimische Steuerzahler die Gehälter evangelischer Bischöfe oder die Renovierung katholischer Kirchen? Wegen Grundstücksgeschäften, die vor 200 Jahren abgeschlossen wurden? Da muss es ordnungspolitisch bessere Lösungen geben.

Von der strikten Trennung zwischen Staat und Kirche könnten die Kirchen meines Erachtens sogar profitieren – sie gewönnen wohl nicht an Geld, aber an Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit.

Carsten Schneider

.

Ist eine stärkere Trennung von Staat und Kirche nötig?

Petra Grimm-Benne ist Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Landtagsfraktion  Sachsen-Anhalt  und Mitglied der EKM-Synode

Petra Grimm-Benne ist Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Landtagsfraktion Sachsen-Anhalt und Mitglied der EKM-Synode


Kontra: Petra Grimm-Benne

Die Trennung von Staat und Kirche ist eines der Grundprinzipien unseres Staates. Sie fußt auf der Freiheit des Glaubens, des Gewissens und des ­religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses nach Art. 4 des Grundgesetzes. Dieses Grundprinzip bildet somit eine der Säulen unserer pluralistischen Demokratie, die auf dem Funktionieren unseres Staats- und Gemeinwesens unabhängig von religiösen Ansichten und Weltanschauungen beruht.

Es ist für alle Christinnen und Christen ganz selbstverständlich Teil unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung und damit Teil ihrer Lebenswirklichkeit. Die Trennung von Staat und Kirche wird also erlebt und gelebt.

Die Kritik – an der übrigens seit Jahrzehnten geübten Praxis – der Staat verletze seine weltanschauliche und religiöse Neutralitätspflicht, ist gänzlich unberechtigt. Die Stellung der Kirchen und ihre damit verbundenen Rechte spiegeln ihre tiefe Verankerung in der Gesellschaft wieder.

Fast 60 Prozent der Bundesbürger sind christlich-konfessionell gebunden. Die Stellung der Kirche stellt also keine Privilegierung einer Religion dar, sondern orientiert sich an den Bedürfnissen ­einer Mehrheit der Menschen.

Zudem besteht die Neutralitätspflicht des Staates in Fragen der Religion und der Weltanschauungen aus zwei Elementen. Zum einen darf der Staat keinen seiner Bürgerinnen und Bürger zu einem Glaubensbekenntnis gleich welcher Art zwingen. Dieser Pflicht kommt der Staat nach. Niemand muss gegen seinen Willen ein solches Bekenntnis ablegen.

Zum anderen ist es die Pflicht des Staates, dafür zu sorgen, dass jeder seinem Glauben nachgehen kann. Insofern ist sehr wohl richtig, an den Schulen Reli­gionsunterricht zu halten, wenn niemand zur Teilnahme gezwungen wird. Und es ist sehr wohl richtig, jedem die Möglichkeit zu eröffnen, eine Eidesformel mit Gottesbezug zu leisten.

Eine Diskussion, wie sie im Moment geführt wird, birgt eine Gefahr: Unter dem Deckmantel einer vermeintlich völligen Freiheit wird vielen Menschen in einigen Bereichen die Möglichkeit genommen, ihren Glauben ganz selbstverständlich zu leben.

Freiheit ist auch die Freiheit des (Anders)Gläubigen. Das sage ich als gläubige Christin UND überzeugte Sozialdemokratin.

Petra Grimm-Benne

Googles Blick in Nachbars Garten

20. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Während das Online-Kartendienst Street View in Deutschland umstritten ist, sind die Google-Autos mit Kamera in Europa auf Registriertour unterwegs.

Von Tanja Tricarico

Ein schrilles Piepsen reicht aus und der Fahrgast ist registriert. Name, Alter, Adresse, Reiseziel. 460000 Mal am Tag erfasst das Brüsseler Verkehrsunternehmen STIB die Reiserouten seiner Fahrgäste. Die Chips auf der Monatskarte funktionieren per Funk, der Inhaber kann jederzeit geortet werden. Und gesichtet. Seitdem die belgische Regierung im November 2009 ein verschärftes Gesetz zur Videoüberwachung verabschiedet hat, hat STIB die Zahl der ­Kameras deutlich erhöht.

Fahrzeuge für Google Street View mit Spezialkamera stehen in Bereitschaft auf einem Parkplatz in Wien, Österreich. (Foto: epd-bild)

Fahrzeuge für Google Street View mit Spezialkamera stehen in Bereitschaft auf einem Parkplatz in Wien, Österreich. (Foto: epd-bild)

Wer Anonymität sucht, ist in Brüssel fehl am Platz. Was für die Pendler in öffentlichen Verkehrsmitteln gilt, findet längst auch am Grande Place, in den Königsgärten oder am Atomium statt. Für den Online-Kartendienst Street View macht Google seit 2009 Fotoaufnahmen von Sehenswürdigkeiten, von Restaurants, von Geschäften oder Parks und schickt sie durchs digitale Netz. Zu sehen sind auch ­Spaziergänger oder EU-Beamte in der Mittagspause.

Der unabhängige Ausschuss für den Schutz des Privatlebens (ASP) ist eine der wenigen belgischen Initia­tiven, die den laxen Umgang mit der Privatsphäre anprangern. »Es vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht unsere personenbezogenen Daten offenlegen oder sie geprüft, ausgewählt und gespeichert werden«, sagt der Präsident des Ausschusses, Willem Debeuckelaere. Der Ausschuss beobachtet genau, was auf den dreidimensionalen Stadtplänen von Brüssel, Antwerpen oder Lüttich zu sehen ist und wie weit Google den Blick in die belgischen Wohnzimmer der Welt preisgibt.

Paris gehörte zu den ersten europäischen Hauptstädten, in denen die dunklen Google-Autos mit Kamera auf dem Dach unterwegs waren. In einem Pilotprojekt wurden 2008 Bilder vom Eiffelturm und Champs-Elysées geschossen und ins Netz gestellt. Rom und London folgten kurz darauf.

Auch Spanien, die Niederlande, Italien, Ungarn oder Portugal haben kein Problem mit Googles Blick in Nachbars Garten. »Wer nichts zu ­verbergen hat, muss auch nichts fürchten«, heißt es aus dem Büro des spanischen Datenschutzbeauftragten. »Wer sich über Webcams der ganzen Welt zeigt und auf Facebook seinen Gemütszustand veröffentlicht, sollte keine Angst vor Street View haben«, teilt das französische Büro mit.
Doch von Einigkeit unter den europäischen Datenschützern kann keine Rede sein. Nur zwölf von 27 EU-Ländern haben Googles Kartendienst ­erlaubt. Den größten Widerstand gibt es in Österreich, Griechenland und Deutschland.

Ob Street View zugelassen wird, bleibt jedem Staat selbst überlassen. Doch die Weitergabe der Bilder oder deren Verknüpfung mit persönlichen Angaben betrifft den Datenschutz und damit EU-Recht.

Problematisch wird es vor allem, wenn einzelne Menschen zu erkennen sind. »Wir haben hohe Anforderungen an den Datenschutz«, sagt EU-Justizkommissarin Viviane Reding. »Ich erwarte, dass Google sich an die Spielregeln hält.«

Googles Fotodienst ist nur ein Beispiel für Europas Weg zum gläsernen Kontinent. Der Datenschutzexperte und Grünen-Abgeordnete im Europäischen Parlament, Jan Philipp Albrecht, hat keinen Zweifel daran, dass die Weitergabe von Daten EU-weit ­erleichtert wird. »Der Kampf gegen Terroristen, gegen Verbrechen und Flüchtlingsströme gehört zu den dringendsten Angelegenheiten im EU-Kommissariat für Justiz und Inneres«, sagt Albrecht. Fingerabdrücke, Reiseprofile oder persönliche Daten von Schwerverbrechern oder Asylbewerbern sind bereits europaweit zugänglich.

»Der Datenschutz bleibt auf der Strecke«, sagt Grünen-Parlamentarier Albrecht. Die aktuelle EU-Richtlinie zum Datenschutz stammt aus dem Jahre 1995. Das Ringen um eine neue gemeinsame Vorgabe wird für die Staaten zur Zerreißprobe. Im Herbst will das EU-Parlament die Verhandlungen wieder aufnehmen. »Der Schutz des Privatlebens und die ­größtmögliche Sicherheit für die Bevölkerung sind kein Widerspruch«, sagt der oberste Datenschutzbeauftragte der EU, Peter Hustinx. »Beides ist vereinbar.«

Bis ein Kompromiss gefunden wird, sammelt die STIB in Brüssel weiterhin Routen und Fahrzeiten ihrer Fahrgäste. Die Bevölkerung nimmt es gelassen. Die Belgische Liga für Menschenrechte hat die Funk-Monatskarte der STIB für den Orwell Award nominiert und sie damit »zum Besten vom Schlimmsten im Bereich der neuen Technologien« gekürt. (epd)

Luther, Zwerge und jede Menge Streit

20. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Luther zum »Begreifen«: Seit vergangenem Sonnabend bevölkern rund 800 verkleinerte Nachbildungen des Lutherdenkmals den Wittenberger Marktplatz.  Bis zum 12. September sollen dazu jeweils werktags ab 17.45 Uhr und sonntags ab 12 Uhr Texte des Reformators gelesen werden. (Foto: Achim Kuhn)

Luther zum »Begreifen«: Seit vergangenem Sonnabend bevölkern rund 800 verkleinerte Nachbildungen des Lutherdenkmals den Wittenberger Marktplatz. Bis zum 12. September sollen dazu jeweils werktags ab 17.45 Uhr und sonntags ab 12 Uhr Texte des Reformators gelesen werden. (Foto: Achim Kuhn)



In Wittenberg regt bis September eine spektakuläre Kunstaktion zur Auseinandersetzung mit dem Reformator an

Martin Luther ist etwa einen Meter groß und ganz aus Plastik. Rund 800 rot, grün oder blau gefärbte Luther-Zwerge des Nürnberger Aktionskünstlers Ottmar Hörl stehen derzeit auf dem Marktplatz der Lutherstadt Wittenberg, ganz ordentlich in Reih und Glied. Alle sind sie dem normalerweise auf dem Marktplatz stehenden, im 19. Jahrhundert von ­Johann Gottfried Schadow errichteten Lutherdenkmal nachempfunden, das noch bis zum 12. September restauriert wird.

»Martin Luther hat sich selbst nie auf einen Sockel gestellt«, sagte Hörl bei der Übergabe des Kunstwerks am vergangenen Sonntag. »Luther hat sich immer ganz kleingemacht.« Aus Sicht der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), deren Bevollmächtigter in Wittenberg, Prälat Stephan Dorgerloh, die Initiative zu der Kunstaktion ergriffen hatte, sollen die Lutherfiguren zur Auseinandersetzung mit dem Reformator anregen. »Ist Luther ein Heiliger, gehört er auf einen Sockel oder mitten ins Leben?«, fragte Dorgerloh bei der Eröffnung der Kunstaktion. »Ich glaube, Luther stünde heute mittendrin, und würde versuchen, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.«

Friedrich Schorlemmer sieht das anders. Der ehemalige Direktor der Evangelischen Akademie Wittenberg und frühere DDR-Bürgerrechtler bezeichnete das Kunstwerk als »theologisches und ästhetisches Schindluder«, das mit Luther getrieben werde. »Martin Luther ist doch nicht serienmäßig zu haben«, wetterte der Theologe, der schon Monate vor Beginn der Kunstaktion scharfe Kritik daran äußerte. Mehr noch, es sei ein »geschmackloser Ablasshandel mit Plastefiguren«, wenn die Lutherzwerge nach Ende der Aktion an Interessierte in der ganzen Welt verkauft werden.

Stephan Dorgerloh allerdings hält dagegen: »Von Feuerland bis Lappland entsteht dann ein Netz aus Botschaftern für Wittenberg«, beschreibt der Prälat die Vision. Schon heute fände sich eine Lutherfigur in Thailand, und eine weitere im Arbeitszimmer des finnischen Erzbischofs.

Und der Oberbürgermeister Wittenbergs, Eckhard Naumann (SPD), erinnerte daran, dass Martin Luther eine »universelle Persönlichkeit« gewesen sei. Luther zufolge sei jeder Mensch für sich selbst verantwortlich. »Deswegen kann auch jeder, der sich eine kleine Lutherfigur kauft, selbst entscheiden, was er damit macht.«

Benjamin Lassiwe

Wir lernen, wenn wir schlafen

20. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Wissenschaft: Moderne bildgebende Verfahren machen es möglich, der Spur der Träume zu folgen

Während wir träumen, ist ­unser Hirn höchst aktiv und kreativ, mehr als wenn wir wach sind. Träume sind von existenzieller Bedeutung. Ohne traumreichen Schlaf gibt es wahrscheinlich überhaupt keine dauerhaften Lernerfolge.

Von Reinhard Lassek

Goethes wundervoller Gedan­ke, »der Mensch träumt nur, damit er nicht aufhöre zu sehen«, erlebt derzeit eine neurobiolo­gische Renaissance. Entgegen früheren Annahmen sind Träume alles ­andere als eine neuronale Müllabfuhr. Sie dienen in der Tat wichtigeren Dingen als der Verdauung von »Tages­resten«. Während wir träumen, ist ­unser Hirn zumeist sogar viel aktiver und auch kreativer als in den Wachphasen. Und egal, ob wir uns nun an unsere Träume erinnern oder nicht: Ohne Träume können wir nicht existieren.

Im Schlaflabor können Mediziner exakt nachweisen, dass jemand träumt. Doch niemand kann sich in die Intimsphäre unserer Träume einloggen.

Im Schlaflabor können Mediziner exakt nachweisen, dass jemand träumt. Doch niemand kann sich in die Intimsphäre unserer Träume einloggen.

Träume gelten unter Hirnforschern keineswegs als die Hauptstörenfriede gesunden Schlafs. Sie sind vielmehr die hohe Schule unseres Erinnerungsvermögens. Denn während wir schlafen und träumen, arbeitet unser Hirn – es übt zuvor gelernte Inhalte ein. Auf lange Sicht bleiben daher auch nur notorische Träumer geistig leistungsfähig und gesund. Schlaf ist also weitaus mehr als ein Stand-by-Modus ­unseres zentralen Nervensystems.

Dank der sogenannten bildgebenden Verfahren wie etwa der Posi­tronen-Emissions-Tomografie ist es heutzutage möglich, den Spuren unserer Traumaktivitäten – nicht jedoch etwa der Trauminhalte – bis in die kleinsten und entlegendsten Hirnwindungen zu folgen. Denn jede Aktivität unseres Hirns ist mit irgendeiner Form von Energiestoffwechsel bzw. elektrochemischen Prozessen verbunden. Mit Vorgängen also, die sich auf den Millimeter und die Millisekunde genau messen lassen.

Entgegen früheren Vorstellungen ist unsere Hirnrinde alles andere als ein straff organisiertes System. Jene graue Rindensubstanz, auf die wir so stolz sind, gleicht eher einem undurchdringlichen Dschungel: Die ­Fasern von rund 15 Milliarden Nervenzellen verknüpfen sich zu einem gigantischen Verbindungsnetz von rund 500000 Kilometern Länge. Denn Nervenzellen neigen dazu, sich permanent mit ihren Nachbarzellen in alle Richtungen zu vernetzen. Und ­jeder Gedanke und jede körperliche Aktivität verändert augenblicklich das Verknüpfungsmuster.

Das Ergebnis dieser Netzflickerei lässt geradezu vor Erfurcht erschaudern: Denn die Zahl der mutmaßlichen neuronalen Verknüpfungsmöglichkeiten des menschlichen Hirns übersteigt mutmaßlich die Anzahl der Atome des ganzen Universums. Unser Hirn ist die komplexeste Struktur, mit der sich Wissenschaft überhaupt beschäftigen kann.

Sowohl im Wach- als auch im Traumzustand herrscht in sämtlichen Feldern unserer Großhirnrinde ein gleichmäßiges »Hintergrundrauschen«. Dieses beständige Getöse rührt daher, dass unsere Nervenzellen untereinander im permanenten Funkkontakt stehen.

Ohne einen Taktgeber – eine Art Dirigenten – käme niemals Ordnung in diese wabernde Vielfalt. Während des Schlafs jedoch bricht zunächst jede Koordination zusammen. Das Ensemble der Neuronen wird führungslos und jeder neuronale Schaltkreis macht, was er will. Es sei denn, wir träumen. Sogleich nimmt jener Dirigent seine Tätigkeit wieder auf, um die zum Teil heftigen Neuronenaktivitäten des träumenden Hirns in ganz ähnlicher Weise zu synchro­nisieren wie im Wachzustand. Nur der traumlose Schlaf gewährt somit unserem Hirn einige Momente zügelloser Taktlosigkeit.

Nicht durch Schlafentzug, sondern allein durch Traumentzug kommt es zu ernsthaften psychischen Störungen wie Verfolgungswahn, Apathie und Halluzinationen. Die Züricher Schlafforscherin Irene Tobler fasste diesen bemerkenswerten Umstand in die ­Regel: Der Körper braucht nur Ruhe, das Hirn jedoch den Schlaf. Gemeint ist, dass außer dem Hirn alle unsere Organe auf energiesparende Regenerationsphasen angewiesen sind. Das Hirn jedoch nutzt gerade den Schlaf, um seine vornehmste Pflicht zu erfüllen: es lernt. Denn unser Hirn, so der Hirnforscher Manfred Spitzer, kann so ziemlich alles. Nur eines kann es nicht: nicht lernen. Ein gutes Ruhekissen schafft also ideale Voraussetzungen für das nächtliche Gedächtnistraining. Ohne traumreichen Schlaf gibt es wahrscheinlich überhaupt keine dauerhaften Lernerfolge.

In einer »geruhsamen« Nacht durchläuft unser Hirn drei- bis fünfmal einen Zyklus verschiedener Schlafphasen. Doch geträumt wird vor allem während des sogenannten REM-Schlafs. Dieser Schlaf zeichnet sich durch schnelle Augenbewegungen unter geschlossenen Lidern aus – daher die Abkürzung REM für Rapid-Eye-Movements. Während der REM-Phase wird das Hirn besonders stark durchblutet und auch seine elektrische Aktivität ist erhöht. Offenbar spielen sich während dieser auffällig traumreichen Schlafperioden eben jene Prozesse der Eiweißsynthese ab, die dafür sorgen, dass Inhalte des Kurzzeitgedächtnisses in das Langzeitgedächtnis übernommen werden.

Ein träumendes Hirn kann nahezu beliebig auf alle Gedächtnisinhalte zurückgreifen. Und es kann diese ­dabei offenbar freier kombinieren, als es uns im Wachzustand je vergönnt ist. Ein glücklicher Umstand, den der Dichter Friedrich Hölderlin in die schönen Worte fasste: »Ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt.«

Dass sich die Wissenschaft nunmehr zum Beherrscher unserer geheimsten Träume aufschwingen könnte, steht indes nicht zu befürchten. Davor schützt allein schon die Komplexität unseres wichtigsten und auch menschlichsten aller Organe. Unser Hirn ist schließlich kein Computer – keine Denkmaschine. Seiner hohen Dynamik und Flexibilität wegen gleicht es eher einem komplexen Ökosystem. Die Allmachtsfantasien einiger marktschreierischer Hirnforscher brauchen uns daher auch nicht zu beunruhigen. Über kurz oder lang wird sich niemand in die Intimsphäre unserer Träume einloggen können.

Berührt – an Körper und Geist

20. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Salbungsgottesdienst der evangelischen Kirchgemeinde Pirna, Gemeindezentrum Pirna Copitz.  (Foto: epd-bild)

Salbungsgottesdienst der evangelischen Kirchgemeinde Pirna, Gemeindezentrum Pirna Copitz. (Foto: epd-bild)


Im Salbungsgottesdienst wird die Kirche körperlich – und ist der Glaube für einmal nicht aufs Denken fixiert

Das Öl riecht nach Orange. Die Heilerin zeichnet mir mit dem Öl ein Kreuz auf die Stirn, und während ihre warme Hand mit sanftem Druck auf meinem Kopf liegt, sagt sie: »Du kannst Gott niemals verlieren. Nicht durch Krankheit, nicht durch Tod.« Dann streicht sie mit der Hand sanft über meinen linken Arm und sagt, Gott stelle mir jetzt einen Engel zur Seite, damit mein Leben zur Erfüllung komme.

Es ist Sonntagabend, ich nehme an einem Salbungs- und Heilungsgottesdienst in Basel teil. Gestaltet wird er vom Pfarrer und sechs Heilerinnen, die in der Kirche regelmäßig ihre Dienste anbieten. Rund 30 Personen sind gekommen, um sich salben zu lassen: zur Unterstützung bei der ­Heilung einer Krankheit oder einfach als »Zuspruch Gottes«. Eingehüllt vom Duft des Orangeöls stelle ich fest: Die Berührung der Heilerin ist überraschend angenehm – obwohl ziemlich intim: Am Kopf berührt mich meist nur mein Liebster.

Ich gehe zurück an meinen Platz, und mir wird bewusst: Soeben wurde ich zum ersten Mal in einem Gottesdienst berührt. Das eine oder andere Mal habe ich zwar beim Friedensgruß meinem Banknachbarn verlegen die Hand gedrückt. Doch das war dann ­jeweils schon alles. Im Gottesdienst
ist der Körper unbedeutend für die Begegnung mit Gott.

Ich selbst empfinde das entschieden anders, und ich weiß, dass es ­vielen anderen auch so geht. Selbstverständlich kann man sich auch über körperliche Erfahrungen für Gott öffnen – sei es mit Tanz oder Körper­arbeit, sei es in achtsam gelebter Sexualität mit dem Partner. »Der Körper ist ein Tempel des Heiligen Geistes«, heißt es im Korintherbrief. Die Kirche hat hingegen den Körper lange abgewertet und sich auf den Verstand fixiert. Damit krankt sie an derselben Einseitigkeit wie die ganze abendländische Kultur, die meint, die Dinge seien am besten mit dem Denken zu verstehen. Es gab aber immer Menschen, die wussten, dass der Verstand nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit erfasst. Und nur einen ­superwinzigen Teil des allumfassenden Göttlichen.

Auch der Salbungsgottesdienst zeigt, wie schwer es der Kirche fällt, Kopf und Körper zu verbinden. Zu Beginn des Gottesdienstes hält nämlich der Pfarrer eine abstrakte Predigt über Weisheitsforschung – erst ganz am Schluss kommt die Salbung. Danach kann man still sitzen bleiben oder sich frei in der Kirche bewegen und von den Heilerinnen die Hände auflegen lassen. Die Orgel spielt leise, eine Atmosphäre der Verbundenheit füllt den Raum. Ich fühle mich friedlich und aufgehoben. Die Berührung hat mir das Empfinden vermittelt: dass ich in Gott geborgen bin, von ihm berührt.

Sabine Schüpbach

»I like Germany – es ist gut hier zu sein«

15. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Bischof  Giegere Wenge aus Papua- Neuguinea liegt die ­Ausbildung  der Jugend sehr am Herzen. (Foto: Armin Kühne)

Bischof Giegere Wenge aus Papua- Neuguinea liegt die ­Ausbildung der Jugend sehr am Herzen. (Foto: Armin Kühne)

»I like Germany – es ist gut hier zu sein«, sagt Giegere Wenge. Der neue Bischof von Papua-Neuguinea ist zum Antrittsbesuch nach Leipzig zum Lutherischen Missionswerk gekommen – am 7. März hatte ihn die ­Synode seiner Landeskirche zum Bischof gewählt. Und er ist beeindruckt davon, dass er vieles, was er über die Geschichte Deutschlands und die Reformation wusste, nun mit eigenen Augen sehen kann.

Neuguinea verstehe sich als christliches Land, erzählt er. Als es 1975 seine Unabhängigkeit erklärte, wurde das in der Verfassung festgeschrieben. 1,3 Millionen der 6,5 Millionen Einwohner sind Lutheraner. Ende des 19. Jahrhunderts sind die ersten Missionare ins Land gekommen – zunächst aus dem bayerischen Neuendettelsau, später aus Leipzig. »Sie ­haben bis in die 1960er Jahre die pastorale Arbeit in unserer Kirche geleistet«, so der Bischof. Erst danach habe die Kirche auch Einheimische ausgebildet. Heute tun 1000 Pfarrer in dem drittgrößten Inselstaat der Welt Dienst.

Gut ausgebildete Mitarbeiter sind dem Bischof wichtig. Und dafür zählt er auf die Unterstützung seiner Partner in Deutschland. Drei Deutsche sind zurzeit als Ausbilder und Lehrer in Papua-Neuguinea: die Pfarrer Rolf Strobelt und Uwe Hummel als Dozenten am Theologischen Seminar Ogelbeng in Mount Hagen und Robert ­Vogel, um die Computer der Kirche zu betreuen und die Mitarbeiter dafür zu schulen.

Überhaupt ist die Fürsorge für seine Mitarbeiter ein großes Anliegen des Bischofs. »Sie bekommen wenig Geld und können sich deshalb nicht hundertprozentig ihren Aufgaben widmen«, erzählt er. Denn die Pfarrer werden von ihren Gemeinden bezahlt und die haben selbst wenig. Dazu kommt, dass sich die Menschen in ­Papua-Neuguinea von dem ernähren, was auf dem eigenen Land wächst. »Aber die Pfarrer werden ausgesendet und verlassen ihre Heimat.«

Dass seine Kirche wirtschaftlich auf eigenen Füßen stehen muss, ist dem Bischof bewusst. Hilfe von den deutschen Partnern erwartet er vor allem bei einzelnen Projekten wie der Aktion »Licht ins dunkle Tal«, bei der 3000 Solarlampen mit Hilfe von Spenden aus Deutschland in die entlegenen Dörfer des Hochlands gebracht und dort montiert wurden. Neuestes Projekt ist die Anschaffung von Musikinstrumenten für die Jugendarbeit. Dafür ist das Jugenddankopfer der Evangelischen Jugend Sachsens von 2009 bestimmt. Überhaupt liegt die Jugendarbeit dem Bischof sehr am Herzen. Die Kirche lege sehr viel Wert darauf, dass Jugendliche nicht nur eine gute Ausbildung erhielten, sondern auch eine christliche Erziehung, sagt er. Dabei unterstütze die Regierung die Schulen in kirchlicher Trägerschaft.

Dass die Frauen in seinem Land noch unter strukturellen Ungerechtigkeiten leiden, ist dem Bischof besonders bewusst. Es sei eine sehr von Männern dominierte Gesellschaft. »Dass muss geändert werden«, so ­Bischof Wenge. Immerhin könnten Frauen unterdessen auch eine theologische Ausbildung absolvieren. Ins Pfarramt ordiniert werden sie jedoch noch nicht. »Das muss Schritt für Schritt passieren.« Überstürztes Handeln nützte den Frauen nichts.

Christine Reuther

Spott und Satire

13. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

spott

Satirische Flugschriften aus der ­Reformationszeit sind auf der ­Wartburg bei Eisenach zu sehen. Die Sonderausstellung mit Spott und Satire vereint unter dem Motto »Beyssig sein ist nutz und not« mehr als 50 besonders eindrückliche Druckgrafiken.

Die zweite Ausstellung der Wartburg in der Lutherdekade zum 500-­jährigen Reformationsjubiläum 2017 gelte »dem höchst erfolgreichen propagandistischen Wirken Luthers und dem Widerhall seiner Gegner«, hieß es. Die neue Technologie des Buchdrucks verhalf den Flugschriften der Reformation zu schneller und weiter Verbreitung. Dabei sparte keine der beteiligten Seiten in den damaligen Auseinandersetzungen mit Spott und Satire. Das Foto zeigt eine Flugschrift mit dem Titel »Der Teufel mit der Sackpfeife«, entstanden um 1535. Andere Darstellungen bezeichnen Martin Luther als »wildes Eberschwein«, das den Weingarten der Kirche zerstört habe.

Die Kabinettausstellung kann innerhalb des Museumsrundgangs bis 31. Oktober täglich von 8.30 Uhr bis 17 Uhr besichtigt werden.
Foto: epd-bild

»Lady Superintendent« – 100. Todestag von Florence Nightingale

13. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Florence Nightingale gilt als Pionierin der modernen Krankenpflege und Sozialreform. In der einst männlich dominierten Zeit, als für junge Damen ihrer Herkunft Arbeit als Sünde galt, und in einer guten Partie der einzige Lebensinhalt bestand, emanzipierte sie sich gegen alle Vorbehalte ihrer Familie und der Gesellschaft.

Florence Nightingale gilt als Pionierin der modernen Krankenpflege. (Quelle: Academic dictionaries and encyclopedias)

Florence Nightingale gilt als Pionierin der modernen Krankenpflege. (Quelle: Academic dictionaries and encyclopedias)

Für diese Frau beschränkte sich die Religion nicht auf die Andacht. »Es wird keinen Himmel geben, wenn wir ihn nicht machen. Und es ist eine sehr kümmerliche Theodizee, die uns lehrt, dass wir uns nicht für diese Welt bereiten sollen, sondern für eine andere. Müssen wir Gott nicht schon hier besitzen, wenn wir ihn im Jenseits besitzen wollen?« Sie realisierte ihr Christentum bis zu ihrem Tod vor 100 Jahren in tätiger Nächstenliebe. Damit avancierte sie zu einer Vorbildgestalt der Caritas und der Emanzipation der Frau.

Florence Nightingale wurde am 15. Mai 1820 geboren. Ihre Eltern besaßen zahlreiche Güter in Südengland, die der Familie ein standesgemäßes Leben in Reichtum und viele Reisen quer durch Europa ermöglichten. Tochter Flo, wie sie gerufen wurde, erhielt Privatunterricht, beherrschte bald außer ihrer Muttersprache Griechisch, Latein, Französisch sowie Deutsch. Sie interessierte sich besonders für Geschichte sowie Philosophie und mauserte sich zu ­einer umschwärmten Schönheit. In ihrer Heimatregion und auf Reisen in Frankreich, Italien und der Schweiz avancierte sie oft zur Ballkönigin. ­Gelehrte schätzten ihre Kenntnisse. Reiche Snobs machten ihr Heirats­anträge. Aber sie fühlte sich wie in einem goldenen Käfig und schrieb in ihr ­Tagebuch: »Ich verlange heftig nach einer regelmäßigen Beschäftigung, nach etwas Vernünftigem, das des Tuns wert ist, statt meine Zeit mit Nichtigkeiten zu vertrödeln.« Als 25-Jährige verkündete sie, dass sie sich der Krankenpflege widmen wolle. Ihre Familie war über diese Entscheidung sehr verärgert und besorgt. Doch die junge Frau setzte sich durch.

Flo weilte während eines Ägypten-Aufenthaltes in Alexandria bei den Vinzentinerinnen, arbeitete im Fiedner-Hospital in Kaiserswerth, das heute zu Düsseldorf gehört und hospitierte europaweit in verschiedenen Hospitälern. Sie las Schriften der christlichen Mystiker, Sozialisten sowie Freidenker. 1853 übernahm sie ­gegen den Widerstand ihrer Familie die Leitung des heimischen Harley-Street-Hospitals.

1854 brach der Krimkrieg aus. Die katastrophalen Zustände in den Feldlazaretten bewogen den verantwortlichen Minister Sidney Herbert, Flo als verantwortliche »Lady Superintendent« mit einer Schar Schwestern ins Kriegsgebiet zu schicken. In den Lazaretten herrschte Schmutz, Mangel an allem und eine inhumane Kommiss-Bürokratie mit großen männlichen Vorbehalten gegen die weibliche Einmischung.

Florence Nightingale setzte sich mit Beharrlichkeit durch. Sie verbesserte die Hygiene, betreute die Verletzten, besorgte Entlausungsmittel, Nachtgeschirre, Medikamente, Stiefel sowie Zitronensaft und erlebte wie Krieggewinnler in der Heimat ein ­Vermögen mit ihren Lieferungen verdienten.

Nach dem Kriegsende 1856 fasste sie ihre Erkenntnisse in einer Denkschrift zusammen, die in den Folgejahren zur Grundlage einer umfas­senden Sozialreform gedieh, die dank ihrer fortdauernden Wirksamkeit in England realisiert wurde. 1860 erschien zudem ihr dreibändiges gesellschaftskritisches Werk »Anregungen für Wahrheitssucher«.

Nightingale gehörte königlichen Kommissionen an, entwarf Gutachten, überstand eine Vielzahl eigener Infektionen und wurde fast nebenbei auch zur Mutter der Genfer Konvention. Sie gründete eine Schwestern-Schule, die bald auf allen Kontinenten Tochter-Einrichtungen besaß, wurde von ihren Patienten als Heilige verehrt und bekam 1907 als erste Frau in England den »Order of Merit«, Englands höchste Auszeichnung. Eine späte Ehre für die beispielhafte Frau, die 90-jährig am 13. August 1910 erblindete und in geistiger Umnachtung in London starb.
Martin Stolzenau

»Lassen Sie sich schieben von Gott«

13. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Porträt: Pastorin Ruth Zacharias, Leiterin des Taubblindendienstes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

Sie hat zwei Berufungen, ihre erste ist die Seelsorge für Taubblinde, ihre zweite der Blindengarten. Am 12. August wurde Ruth Zacharias 70  Jahre alt.

Von Tomas Gärtner

Der Balkon vor ihrem Arbeitszimmer ist ein Reich der Düfte. Fenchel, Edelwicken, Zitronenthymian, Myrte, Salbei, Liebstöckel wachsen in Töpfen und Kästen. Ruth Zacharias tastet nach dem Rand eines Blumenkastens, schüttet Wasser aus einer Gießkanne hinein. Sie bewegt die Hände in den Blättern, hält sie vor die Nase. »Man atmet gleich tiefer«, sagt sie. Für sie sei das die beste Art, sich in den Pausen von ihrer Arbeit zu erholen, sagt sie.

Mit zehn Jahren ist Ruth  Zacharias erblindet. (Foto: Steffen Giersch)

Mit zehn Jahren ist Ruth Zacharias erblindet. (Foto: Steffen Giersch)

Mit zehn Jahren ist Ruth Zacharias erblindet. Am 12. August ist die evangelische Pastorin, die den Taubblindendienst der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) leitet, 70 Jahre alt geworden. Vor dem Haus auf dem Gelände des »Storchennests«, der Bildungs- und Ferienstätte für Taubblinde, hörsehbehinderte und mehrfach behinderte Blinde in Radeberg bei Dresden, hat sie einen speziellen Garten anlegen lassen.

»Es ist der kleinste unter den 141 botanischen Gärten, aber der einzige Botanische Blindengarten.« Und auf den rund 20000 Quadratmetern – fast so viel wie drei Fußballfelder – gedeihen vor allem Duftpflanzen, mehr als 700 Arten. Riechen und Tasten sind für Taubblinde enorm wichtig. Daher hat sich Ruth Zacharias selbst zur Expertin auf diesem Gebiet gebildet. »Ganze Urlaube habe ich nur mit Gartenbüchern zugebracht.« Mittlerweile, sagt sie, sei ihr diese Arbeit zu einer zweiten Berufung geworden.

Ihre erste Berufung ist die Seelsorge für Taubblinde. 1963 begann sie, hat aber eine Vorgeschichte, die das Ganze erst verständlich macht. Aufgewachsen auf einem Bauernhof in Mölschow auf der Insel Usedom, in christlichem Geist erzogen, schien ihr Weg nach Abschluss der Oberschule für Blinde in Königs Wusterhausen festzustehen. Dolmetscherin sollte die sprachbegabte junge Frau werden. Doch es kam anders.

Sie hatte die Geborgenheit in einer Jungen Gemeinde außerhalb der Schule und einen beeindruckenden Seelsorger erlebt. Entschied sich nun für ein bewusst gelebtes Christentum. Der Wendepunkt in ihrem Leben. Sie wolle in den kirchlichen Dienst, erklärte sie den erstaunten Lehrern und Eltern. Noch ohne zu wissen, was sie als Blinde da überhaupt konkret tun konnte. Nach einer Ausbildung zur Gemeindehelferin und Katechetin ging sie in die Evangelische Bücherei und Druckerei für Blinde nach Wernigerode, lernte Schriftsetzerin und Korrektorin für Punktschrift.

Im Dezember 1962 berichtet ihr Pfarrer Georg Hentsch, der Leiter des Christlichen Blindendienstes, von immer mehr Taubblinden, die er entdeckt. Er fragt sie, ob sie die seelsorgerische Arbeit für sie übernehmen könne. Es sei seltsam gewesen, so erinnert sie sich: »In gleicher Sekunde wusste ich unangefochten: Das ist es, was Gott von dir will.« Sie fragt, was sie da tun solle. Das wisse er auch nicht, entgegnet Pfarrer Hentsch und setzt hinzu: »Lassen Sie sich schieben von Gott.« Ruth Zacharias begreift: Sie kann sich leiten lassen, muss nicht ­alles selber planen und bestimmen, vielmehr sehr aufmerksam die Impulse wahrnehmen für diesen Beginn. Dies wird zum Prinzip ihrer Pionier­arbeit.

Sie studiert Theologie, damals die einzige Frau und einzige Blinde am Paulinum in Berlin. Lernt das Lormen – ein Alphabet, getastet in die Hand des Taubblinden. Fährt durch die DDR, besucht Taubblinde. Menschen, die, wie sie beschreibt, in »pechschwarzer, tonloser Nacht« leben und für die Kommunikation auf andere angewiesen sind. Organisiert Seminare mit deren Familien. Und macht die paradoxe Erfahrung: Ihre Be-
hinderung, die Blindheit, erweist sich als Vorteil. Einmal sagen ihr Eltern taubblinder Kinder: »Wie gut, dass Sie wenigstens blind sind; dann sind Sie uns ein bisschen näher.«

Bis heute ist die Zahl dieser Behinderten in Deutschland nicht bekannt. Zwischen 2500 und 6000 bewegen sich die Schätzungen. 2004 hat das EU-Parlament Taubblindheit als eigene Form der Behinderung anerkannt.

Als Ruth Zacharias 1989 in Radeberg das »Storchennest« übernimmt, ein ehemaliges Entbindungsheim, ist es ein heruntergekommener Gebäudekomplex. Unter ihrer Leitung wird es ein sechs Gebäude umfassendes Zentrum für Beratung, Seminare und Erholung. 2008, mit 68 Jahren, hat sie noch einmal mit Pionierarbeit begonnen: Unweit des »Storchennests« hat sie ein Haus ausbauen lassen – die erste Stätte ambulant betreuten Wohnens für Taubblinde. Sechs Frauen und Männer leben dort inzwischen. Beschäftigt werden sollen sie im Blindengarten. »Es ist ein mühsamer Weg«, sagt Ruth Zacharias. Etwa fünf Jahre brauche man, um zu wissen, wie es geht. »Jetzt warten sie anderswo in Deutschland schon auf unsere Erfahrungen.«

Feier des Geburtstages am 13. und 14. August mit »Fest zur Ehre Gottes« in Radeberg für geladene Gäste. Öffentlich ist der Gottesdienst am 13. August, 17.30 Uhr in der Radeberger Stadtkirche.

Buch: Zacharias, Ruth: Gottes Liebe zu ­bezeugen. Eigenverlag. Zu beziehen nur über den Taubblindendienst, Pillnitzer Straße 71, 01454 Radeberg; Telefon (03528) 4397-0; Fax -21; E-Mail info@taubblindendienst.de

»Jesus hätte uns nicht ausgegrenzt«

6. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Sie wünschten eine Trauung und bekamen einen Kompromiss: Marcel Bauer (l.)  und Thomas Friedrich auf den Straßenbahngleisen vor dem Chemnitzer Gunzenhauser-Museum, das Friedrich leitet.	Foto: Steffen Giersch

Sie wünschten eine Trauung und bekamen einen Kompromiss: Marcel Bauer (l.) und Thomas Friedrich auf den Straßenbahngleisen vor dem Chemnitzer Gunzenhauser-Museum, das Friedrich leitet. Foto: Steffen Giersch

Seelsorge: Wenn gleichgeschlechtliche Paare ihre Partnerschaft vor Gott besiegeln wollen, gibt es Probleme

Thomas Friedrich und ­Marcel Bauer wollen für ihre Partnerschaft um Gottes ­Segen bitten. Doch in ­Sachsen ist das nicht in ­einem Gottesdienst möglich.

Es war der Karfreitag 2009. Marcel Bauer weiß es noch, als wäre es gestern gewesen, wie er mit dem Chor in der Chemnitzer Kreuzkirche stand und Bachs Matthäuspassion sang. Und wie sein Blick auf ein Augenpaar im Publikum fiel. So fand Marcel Bauer mitten in einem Gotteshaus die Liebe. Sie heißt Thomas Friedrich und ist ein Mann.

Die beiden Männer verstecken sich nicht. Friedrich ist Leiter des renommierten Museums Gunzenhauser, Bauer ein stadtbekannter Friseur. Am 1. Dezember lassen die 33-Jährigen ihre Partnerschaft im Chemnitzer Standesamt förmlich eintragen. Seit 2001 ist das in Deutschland für homosexuelle Paare möglich. »Doch wir wollten auch vor Gott noch einmal sagen, dass wir zueinander stehen und seinen Segen dafür erbitten«, sagt Thomas Friedrich, der wie sein Partner aus einer christlichen Familie stammt und in der Chemnitzer St.-Pauli-Kreuz-Kirchgemeinde zu Hause ist. Eine Segnung in einem Gottesdienst – das war ihr Wunsch. Mit der Bitte darum schrieben sie an den sächsischen Landesbischof, doch er lehnte ab.

»Das hat uns enttäuscht«, sagt Thomas Friedrich. »Wir sind vollwertige Mitglieder einer Kirchgemeinde – und da plötzlich nicht mehr. In anderen Landeskirchen ist die Segnung homosexueller Paare doch auch möglich.« Neun Landeskirchen – darunter die von Berlin-Brandenburg – lassen zwar keine Trauung, aber eine Segnung
der Partnerschaft zu. Andere Landeskirchen – darunter die von Anhalt – haben sich noch nicht entschieden. Sechs lehnen eine solche Segnung ausdrücklich ab (lesen Sie dazu den Beitrag rechts).

Zu ihnen gehört die sächsische Landeskirche. Deren Kirchenleitung hat 2001 beschlossen: »Segnung homosexueller Partnerschaften kommt in unserer Landeskirche mit Blick auf das biblische Zeugnis nicht in ­Betracht. Wohl aber ist die Segnung homosexuell geprägter Menschen im Rahmen der persönlichen Seelsorge möglich.« Geht man von Schätzungen über die Zahl homosexueller Menschen in Deutschland aus, sind in der sächsischen Landeskirche mehrere Tausend Christen von dieser Aussage betroffen.

»Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Jesus Menschen so ausgegrenzt hätte«, sagt der Chemnitzer Thomas Friedrich. »Doch aus unserer Kirchgemeinde und der Kantorei, in der wir mitsingen, hatten wir von vornherein Rückendeckung. Warum soll ein Paar, das sich liebt, nicht den Segen bekommen, fragten viele.« Der Vorstand der St.-Pauli-Kreuz-Kirchgemeinde jedenfalls hatte schon im Dezember mehrheitlich keine ­Bedenken gegenüber einer Segnung im Gottesdienst. Es folgten ­Monate mit Gesprächen und Schriftwechsel hin und her zwischen den beiden Männern, dem Pfarrer der Kirchgemeinde, dem Chemnitzer Superintendenten und dem Landesbischof ­Jochen Bohl.

Bei dem Beschluss der Kirchenleitung werde es auch in den nächsten Jahren unverändert bleiben, betont Bohl. »Auf die Inhalte des ­Kirchenleitungsbeschlusses ist der Ortspfarrer durch meinen Referenten und den Superintendenten hingewiesen worden. Er hat in dessen Rahmen gehandelt.«

Am Ende stand ein Familiengottesdienst am Sonnabendnachmittag vor Pfingsten: Die Kreuzkirche war voll mit Gästen, Angehörigen, Freunden und Kollegen des Paares. Der Chor sang. Doch ihren Segen erhielten Thomas Friedrich und Marcel Bauer eine Viertelstunde vor Gottesdienstbeginn nur im »seelsorgerlichen Rahmen«: Ohne Musik, ganz schlicht. Nur ihre Familien und ihre Trauzeugen vom Standesamt waren dabei. Gemeinsam mit dem Pfarrer beteten sie um Gottes Segen für ihre Partnerschaft. Es war ein Kompromiss.

Ein Kompromiss freilich, um den fast jeder in dem folgenden Gottesdienst wusste – und der deshalb trotz allem zu ihrem Gottesdienst wurde. »Danach kamen viele Menschen zu uns und gratulierten uns herzlich«, ­erinnert sich Marcel Bauer. »Viele von ihnen hofften, dass die Tür offen bleibt, die wir aufgestoßen haben.« Und manche aus der Kirchgemeinde sagten den Männern: »Der Gottesdienst war schön – so schön normal.«

Andreas Roth

»Wow, mein Großer, du bist was Besonderes«

6. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Familie

Eltern sollten ihren Kindern helfen, sich auf der Welt daheim zu fühlen. 	Foto: epd-bild

Eltern sollten ihren Kindern helfen, sich auf der Welt daheim zu fühlen. Foto: epd-bild


Erziehung: Kinder brauchen Eltern, die sie vorbehaltlos lieben, dann stellt sich Gehorsam von selbst ein

Der Pädagoge Wolfgang Bergmann hat etwas gegen Prinzipien und gegen ­Disziplin. Er findet: Was Kinder brauchen, sind coole, gelassene Eltern.

Von Marie Lampert

Das Gegenteil von richtig ist falsch. Und von richtig lieb ­haben – falsch lieb haben. Falsch lieb haben ist zum Beispiel, »wenn ich die ganze Zeit darauf achte, dass mein dreijähriges Kind im Alphabet mindestens so weit ist wie sein bester Freund«. Bergmann setzt hinterher: »Dann ist Hopfen und Malz verloren. Da werden die Eltern in der Pubertät merken, dass sie was falsch gemacht haben.«

Wolfgang Bergmann hat sich der Arbeit mit hyperaktiven und auffälligen Kindern verschrieben. In Hannover unterhält er ein Institut für Kinderpsychologie und Lerntherapie. In Büchern und Zeitschriften, auf Podien und in Talkrunden entfaltet er sein Credo vom chaotischen Geist und vom liebenden Blick.

Während Pädagoginnen-Kollegen durch Talkshows und Buchhandlungen reisen, um der Disziplin Gehör zu verschaffen, und der strapazierten Elternschaft mitteilen, Kinder bräuchten Grenzen, verkündet Bergmann das Gegenteil. Bevor sie eine Grenze brauchen, brauchen sie die Liebe ihrer Eltern, die vorbehaltlose. Sein Appell: »Guckt nicht auf den Mathetest, sondern einfach, wie er dasitzt auf seinem kleinen Hintern. Freut euch an seiner Nase oder an dem verschwitzten Gesicht.«

Kinder kommen als kleine, unfertige Wesen zur Welt. Und manche sind ziemlich zappelig. Bergmann ist sicher: Alle wollen sie Bindung und Vertrauen. Sie wollen angeschaut werden mit einem Blick, der sagt: Wow, mein Großer, du bist was Besonderes. So guckt dann also der Herr Bergmann, wenn die Hypies – hyperaktive Kinder – bei ihm vorgestellt werden. Dann kommt’s drauf an: »Wenn die Kinder diesen Blick aufgenommen haben, dann prüfen sie einen: Ist das eigentlich ein cooler Typ?« Bergmann ist ein cooler Typ. Er trägt eine struppige Frisur, die Stimme knarzt ein bisschen, er ist sehr direkt und autoritär. »Bei den Kindern gibt es ein tiefes Bedürfnis nach Ordnung. Und da diese Ordnung nicht in ihrem Selbst verinnerlicht ist, brauchen sie diese Ordnung von außen. In dem Sinn: Ich führe dich in diese Ordnung hinein. Und du widersprichst mir nicht! Das ist Kinderlogik. Damit haben die kein Problem.«

Hektik und Leistungsdruck machen es Eltern schwer, eine gelassene Haltung zu entwickeln. Sie wollen, dass es ihrem Kind gut geht, sie wollen aber auch, dass es gut ist. Gut im Sinn von Leistung. »Elternliebe und Elternnarzissmus sind zwar zwei Sachen, aber ständig ineinander verwickelt. Ist mein Kleiner auch erfolgreich? Wirkt er auch gut? Der Geist des Kontrollierens, der Leistung und des falschen Narzissmus macht den Kindern Angst und die Eltern unsicher.«

Bergmann findet, Eltern sollten ihren Kindern helfen, sich auf der Welt daheim zu fühlen, bevor sie sie mit Leistungsansprüchen konfrontieren. Eltern sollen ermöglichen, dass Kinder ihren Geist und die Sprache entfalten, sie sollen Raum geben, damit innere Visionen und Fantasien wachsen können – und die Ängste bannen. Dazu, sagt Bergmann, seien Eltern ja eigens erfunden worden: um ihre Kinder mit der Welt zu versöhnen.

Gehorsam, das ist seine Erfahrung, stellt sich von selbst ein, wenn der Unterbau stimmt, also die Bindung. Gehorsam heißt, ich höre, sagt Bergmann. Ich spanne meine Sinne an, auf einen Menschen hin, der bedeutsam ist. Mama und Papa sind das von vornherein. Kinder haben eine enor­me Bereitschaft, zu hören. »Und so geht der Gehorsam, über den ich rede, unmittelbar aus der frühkindlichen Bindung, dem Geist, der Biologie der Liebe hervor und findet eine Ordnung in der Welt, im Baukastenspielen mit Papa, im Kuscheln mit Mama.« Wobei Rollen nicht festgeschrieben sind: »Ich konnte zum Beispiel wunderbar Puppen spielen mit meinem Kind.«

Zur Ordnung gehört die Unordnung. Und deshalb hat neben der Versöhnung auch der »chaotische Geist« seinen Platz in Bergmanns Vorstellung von gelungener Erziehung. Der chaotische Geist wird ganz besonders wichtig, wenn es um das Sich-Behaupten geht. Um Fußball oder Raufereien. »Furchtbar, diese Tüttel-Friedenspädagogik. Da geht eine Scheibe kaputt und man bespricht alles im Sitzkreis. Man redet über Prinzipien, statt sich zu freuen, weil nur die kleine Scheibe kaputt ist, nicht die große. Scheiben gehen kaputt beim Fußballspielen, dazu sind sie da!«
Und damit wären wir beim nächsten Thema. Jungs – und was sie brauchen: »Die Jungen dürfen heute mit ihrer Männlichkeit nicht vertraut werden. Das bringt die ganz durcheinander. Wenn zwei Jungs in einer Rauferei klären wollen, wer der Bestimmer ist, geht gleich die Erzieherin dazwischen. Im Kindergarten meiner Tochter wurde immer morgens gesagt, wer heute der Bestimmer ist. Das geht aber nicht per Erklärung. Das muss entschieden werden. Und da muss man raufen und eins auf die Nase kriegen und mal weinen und sich wieder versöhnen. Diese ganze authentische Kultur geht vor lauter Prinzipien verloren. Damit geht die große Entwicklungsfreiheit verloren, die Kinder brauchen. Die Harmonieseligkeit hindert Jungs daran, ihre Körperlichkeit zu erleben. Und Grenzen tatsächlich zu erfahren.«

Mit freundlicher Genehmigung aus »echt«. Das Magazin Ihrer evangelischen Kirche

Literatur: Bergmann, Wolfgang: Geheimnisvoll wie der Himmel sind Kinder. Was Eltern von Jesus lernen können, Kösel-Verlag, 160 S., ISBN 978-3-466-36836-5, 14,95 Euro

Bergmann, Wolfgang: Warum unsere Kinder ein Glück sind. So gelingt Erziehung heute, Beltz Verlag, 175 S., ISBN 978-3-407-85879-5, 14,95 Euro

Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­Telefon (03643) 246161

Gott kommt in Israel zur Welt

5. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Jerusalem, Foto: photoshop

Jerusalem, Foto: photoshop


Eine Erinnerung aus Anlass des Israelsonntags

Dass Jesus Christus ein geborner Jude sei«, daran hat Martin Luther mit seiner gleichnamigen Schrift erinnert. Juden und Jüdinnen sind, wie Luther formuliert, Blutsfreunde Jesu und verdienen allen Respekt von christlicher Seite. Dass diese Hochachtung des Judeseins Jesu für Luther schon 1523 im Dienst der Bekehrung der Juden zu Christus stand, darf dabei ebenso wenig übersehen werden wie die weitere Entwicklung: Je mehr sich Luthers Hoffnungen, seine jüdischen Zeitgenossen für das aus kirchlicher Bevormundung befreite Evangelium zu gewinnen, zerschlugen, desto drastischer wurden seine Maßnahmenkataloge zur Zwangsbekehrung oder zur Bestrafung bekehrungsunwilliger Juden.

Der Reformator selbst ist ein erschütterndes und beschämendes Beispiel für den Antijudaismus, der die christliche Theologie und Kirche über Jahrhunderte geprägt und dabei gesellschaftlichen Antisemitismus gefördert hat. Auch der Israelsonntag ist von dieser Haltung lange mitbestimmt gewesen: Während Jüdinnen und Juden an diesem 9. Aw, dem traurigsten aller jüdischen Feiertage, der Zerstörung des Jerusalemer Tempels, des irdischen Wohnortes Gottes inmitten seines Volkes, gedachten, feierte die Kirche sich nicht selten selbst als das neue, gar wahre Israel. Statt mitzutrauern über den Verlust und sich voller Scham der eigenen Schuld an diesem Volk zu erinnern, eignete sie sich an, was Gott doch Israel bleibend geschenkt hat: die Erwählung und den Segen, den Bund und die Verheißungen. Triumphalismus statt Trauer, Schadenfreude statt Scham! Doch wie kann Gott uns, den Christinnen und Christen aus der Völkerwelt, treu sein, wenn er Israel nicht mehr treu ist?

Der Israelsonntag, der in unserem Land als der eigentliche Buß- und Bettag begangen werden sollte, gibt Anlass, daran zu erinnern, dass Gott in Israel zur Welt gekommen ist, dass der Gottessohn als Kind einer jüdischen Frau geboren wurde. Unsere Weihnachtschoräle besingen staunend die Menschwerdung des Gottessohnes: »Er ist geborn eu’r Fleisch und Blut, / eu’r Bruder ist das ewig Gut« (EG 25,3). »Gott ist im Fleische: wer kann dies Geheimnis verstehen?« (EG 41,4). Doch dieses Lob auf den buchstäblich ›eingefleischten‹ Gott, der sich mit Haut und Haar auf menschliches Dasein eingelassen hat, verschweigt, dass der biblische Gott in einem jüdischen Menschen Hand und Fuß bekommen hat.

»Das Wort wurde – nicht ›Fleisch‹, Mensch, erniedrigter und leidender Mensch in irgendeiner Allgemeinheit, sondern jüdisches Fleisch«, konkre­tisiert der Theologe Karl Barth. Und Michael Wyschogrod, einer der jüdischen Partner im christlich-jüdischen Gespräch, erinnert: »Von dem Mann, der später Papst Johannes XXIII. werden sollte, wird erzählt, dass er, als er die Bilder von den Bulldozern sah, die in den gerade befreiten Nazi-Todes­lagern die jüdischen Leichen in Massengräber schoben, ausgerufen habe: ›Da ist der Leib Christi.‹«

Das Bekenntnis zu Christus neu buchstabieren

In Jesus von Nazareth wiederholt Gott seine unkündbare Bindung an Israel. In Israel zur Welt kommend, bezeugt der Gottessohn, dass Gott nicht ohne das jüdische Volk Gott sein will.

Wir müssen das Bekenntnis zu Jesus, dem Christus, neu buchstabieren lernen und dabei aufhören, Jesus aus seinem Volk herauszulösen und unsere christliche Identität auf Kosten Israels zu gewinnen. Mir ist dafür das Wort des alten Mannes Simeon wegweisend, der nicht sterben konnte, bevor er nicht den »Trost Israels« gesehen hat – wie oft aber haben Christen und Christinnen den Trost Israels in einen todbringenden Schrecken für Israel verwandelt! Als Jesus von seinen Eltern nach jüdischem Gebot in den Tempel gebracht wird, nimmt Simeon den Säugling auf den Arm und lobt Gott: »… meine Augen haben das Heil gesehen, … ein Licht zur Erleuchtung der Völker und zur Verherrlichung deines Volkes Israel.« (Lukas 2,30f.)

Jesus nimmt an uns die ureigene Aufklärungs-Aufgabe Israels wahr: Er ist Licht für die Völker. Wenn Jesus uns in die Geschichte Gottes mit Israel einbezieht und seinem Volk damit ­Gewicht gibt und Ehre macht, wie können wir uns dann zu ihm als dem Christus bekennen, ohne unsererseits Israel Respekt entgegenzubringen?

Respekt – das heißt keineswegs Kritiklosigkeit gegenüber der Politik des Staates Israels, der theologisches Gewicht hat und zugleich ein ganz und gar weltlicher Staat ist. Es heißt aber Anerkennung und Wertschätzung, Mittrauer und Mitfreude und allemal Fürbitte für den Frieden im Nahen ­Osten. Der 122. Psalm gibt uns Worte dafür: »Wünscht Jerusalem Frieden! Sicher mögen leben, die dich lieben!«

Magdalene L. Frettlöh

Magdalene L. Frettlöh leitet den Kirchlichen Fernunterricht der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und lehrt dort wie an der Ruhr-Universität Bochum Systematische Theologie.