Tiefe Wunden bis heute
29. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Josef Benesch von der evangelischen St.-Salvator-Gemeinde Prag am Altstädter Ring berichtet gern über seine Erfahrungen und Recherchen zur Kirchenpolitik der tschechischen Kommunisten. Fotos: Andreas Kirschke
Prag: Die Kommunisten setzten den tschechischen Kirchen hart zu – doch es gibt wieder lebendige Gemeinden
Tschechien gilt heute als eines der atheistischsten Länder Europas. Der protestantische Pfarrer Josef Benesch sieht das auch als eine Folge der kommunistischen Diktatur.
Josef Benesch beschreibt tiefe Wunden. »75 Prozent der Prager sind heute atheistisch. Vielen fehlen grundsätzliche Kenntnisse über den Glauben«, erläutert der Pfarrer der evangelischen St.-Salvator-Kirchengemeinde Prag die Folgen des Stalinismus. Die Teilnehmer der Bildungsreise »Tschechien. Geschichte, Politik und Kultur« – organisiert von der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung und der deutsch-tschechischen Brücke/Most-Stiftung – hören hoch gespannt zu. Es geht um Kirche im Stalinismus und um Kirche heute.
Druck und Repression besonders gegen Katholiken
»1949 löste die Staatsmacht in Tschechien sämtliche Klöster auf. Ihre rund 40000 Nonnen und Mönche wurden verhaftet. Oder sie mussten emigrieren. Auch 2000 katholische Priester kamen in Haft«, schildert Josef Benesch. Bei seinen Recherchen in Bibliotheken stieß er auf einen Brief. Der stammte von einem Vertreter des Zentralkomitees der damaligen Kommunistischen Partei: »Wir müssen gleich die Hierarchie attackieren. Dann wird die Kirche von allein verschwinden«, zitiert der Pfarrer sinngemäß die Haltung der Partei- und Staatsmacht gegenüber den Katholiken. Gegen die zahlenmäßig kleineren protestantischen Kirchen ging man anders vor. Die Pfarrer durften bleiben. Doch der Staat ließ sie streng überwachen.
Und er übte immer mehr Druck aus. Bald wurden alle kirchlichen Kinderferienlager verboten. Ab 1955 gab es im heutigen Tschechien auch keinen Religionsunterricht mehr. Angst, Einschüchterung und Unterwanderung war die Taktik der Staatsmacht. Vor allem aber wurden sämtliche Kirchen sowie christlichen Spitäler, Altenheime und Kinderheime enteignet. »Im Unterschied zu Ostdeutschland setzte man hier bei uns Enteignung und Verstaatlichung komplett durch«, so der Pfarrer. »Unsere Kirche – die Kirche des Heiligen Salvator – wurde 1952 enteignet.«
Ursprünglich war sie die erste Jesuitenkirche in Prag. Seit 1578 erfolgte ihr Bau, unterbrochen durch den Dreißigjährigen Krieg. Nach Auflösung des Jesuitenordens gehörten die Gebäude der Kirche zur Karls-Universität. In der St.-Salvator-Kirche predigten berühmte Persönlichkeiten wie der Philosoph und Mathematiker Bernhard Bolzano. 1990 kam es zur Wiederaufnahme der Studentenseelsorge. 2004 wurde hier die erste akademische Pfarrei der Tschechischen Republik unter Dr. Tomaš Halik errichtet. Heute ist Josef Benesch gemeinsam mit Svatopluk Karásek Pfarrer in der Gemeinde.
»Wir mussten viel Druck ausüben, um unsere Kirche zurückzuerhalten«, schildert er. In den 40 Jahren Stalinismus verlor die Gemeinde die Hälfte ihrer Mitglieder. Warum die Kommunisten gerade in Tschechien so radikal und unerbittlich gegen die Kirche vorgingen? Josef Benesch holt tiefer aus. »Es gab hohe Sympathie für die Sowjetunion. Viele Künstler, Wissenschaftler, Ärzte, Schriftsteller waren Mitglied der Partei«, erzählt er. Viele – zu viele – haben geschwiegen. Und ein totalitäres Regime, das keinen Widerstand kennt, kann alles verwirklichen.«
Bis heute wird den Kirchen ihr Vermögen vorenthalten
Heute gehören 700 Christen und Sympathisanten zur Gemeinde. Jeden Sonntag füllt sich die Kirche. Mindestens 200 kommen dann zum Gottesdienst. »Die Gemeinde hat wieder ein sehr lebendiges Glaubensleben«, betont Josef Benesch, seit 2006 Pfarrer in der St.-Salvator-Gemeinde. »Es kommen viele junge Familien, Jugendliche und auch Senioren. Das ist ein gutes Zeichen.« Die St.-Salvator-Gemeinde gehört zur Gemeinschaft der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder (EKBB). »Wir fühlen uns als kontinuierliche Nachfolger der hussitischen Bewegung und der böhmischen Brüder aus dem 14. Jahrhundert«, betont Josef Benesch.
Viele andere Prager Kirchengemeinden haben noch offene Forderungen aus der Zeit der Enteignungen. »Die katholische Kirche schlägt vor, dass der Staat 50 bis 60 Jahre für katholische und evangelische Priester das monatliche Gehalt bezahlt und dass dann die endgültige Trennung von Staat und Kirche erfolgt«, so Josef Benesch. »Doch bisher gibt es darüber keine Einigung.« Der Pfarrer hält das für eine Verzögerungstaktik der Regierenden. Er selbst erhält sein Gehalt nach wie vor vom Staat. »Das ist nicht sehr viel«, lacht er. »Pfarrer sein heute – das ist ein Martyrium. Die Finanzierung gelingt nur aus mehreren Quellen.«
Die Gemeinde hat auch mit Deutschland Verbindungen. Einige Gemeindeglieder wanderten im Zuge der Reformation nach Dresden aus. Dort wurden sie später heimisch in der evangelisch-lutherischen Johanneskirchengemeinde in Dresden-Johannstadt-Striesen. »Bis 1930 hatten die Zugewanderten sogar das Recht auf einen eigenen tschechischen Pfarrer«, so Josef Benesch. Heute sind beide Gemeinden – St.-Salvator- und Johanneskirche – Partnergemeinden.
Von Andreas Kirschke
