»Unsere Einheit ist unsere Stärke«

29. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Interview: Der neue LWB-Präsident plädiert für Geduld und gegenseitige Rücksichtnahme

Munib A. Younan, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und dem Heiligen Land, ist neuer Präsident des Lutherischen Weltbundes (LWB). Benjamin Lassiwe
hat mit ihm gesprochen.

Der palästinensische Bischof Munib A. Younan ist neuer Präsident des Lutherischen Weltbundes (LWB). Die in Stuttgart tagende 11. LWB-Vollversammlung wählte das 59-jährige Oberhaupt der rund 3000 Mitglieder umfassenden ­Evangelisch-Lutherischen Kirche von Jordanien und dem Heiligen Land mit  großer Mehrheit zum Nachfolger des US-amerikanischen Bischofs Mark Hanson. Foto: epd-bild/Norbert Neetz

Der palästinensische Bischof Munib A. Younan ist neuer Präsident des Lutherischen Weltbundes (LWB). Die in Stuttgart tagende 11. LWB-Vollversammlung wählte das 59-jährige Oberhaupt der rund 3000 Mitglieder umfassenden ­Evangelisch-Lutherischen Kirche von Jordanien und dem Heiligen Land mit großer Mehrheit zum Nachfolger des US-amerikanischen Bischofs Mark Hanson. Foto: epd-bild/Norbert Neetz

Bischof Younan, Sie kommen aus ­einer ausgesprochenen Konfliktregion. Was ist Ihre Perspektive für den Frieden im Nahen Osten?
Younan:
Als Bischof einer Kirche im Nahen Osten glaube ich, dass wir in eine neue Phase der Verhandlungen eintreten müssen, mit deren Hilfe wir die Zwei-Staaten-Lösung entsprechend der Grenzen von 1967 erreichen. Ich hoffe, dass diese beiden Staaten in Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung zusammenleben können. Und wir haben eine sehr klare Position zu Jerusalem: Es muss geteilt werden zwischen Juden, Christen und Muslimen, Palästinensern und Israelis. Dabei ist es ganz klar, dass diese beiden Staaten nicht ohne eine regionale Kooperation, wie wir sie von der EU kennen, existieren können.

Zusammen mit anderen palästinensischen Theologen haben Sie das Kairos-Papier unterzeichnet, dass die israelische Besatzung der palästinensischen Gebiete als Sünde bezeichnet. Warum?
Younan:
Lassen Sie mich da ganz deutlich sein: Ich billigte es – zusammen mit den übrigen Kirchenoberhäuptern. Besatzung nimmt den Menschen ihre Menschenrechte. Aber Gott schuf alle Menschen gleich. Die Idee hinter dem Papier ist, dass jeder Mensch seine Rechte genießen sollte, egal ob er Jude, Palästinenser, Israeli oder Araber ist. Und wenn er die Rechte anderer Menschen verletzt, begeht er eine Sünde.

Wie sieht das denn im Nahen Osten praktisch aus: Rechnen Sie angesichts der israelischen Sperranlagen damit, dass Sie im neuen Amt Probleme haben?
Younan:
Ich bin immer frei gereist, und nie hat mich jemand davon abgehalten. Natürlich geht es mir manchmal wie anderen Palästinensern, die unter den Kontrollen leiden, aber als Oberhaupt einer Kirche war es bislang eher einfacher zu reisen.

Im LWB wird derzeit über das Thema »Ordination von homosexuellen Geistlichen« diskutiert. Was ist Ihre Position dazu?
Younan:
Bevor ich dazu eine Meinung abgebe, müssen wir uns in unserer LWB-Region Asien darüber beraten. Wir planen dort einen Workshop über Ehe, Sexualität und Familie. Und wenn wir dort unsere Studien gehabt haben, kann ich etwas dazu sagen. Bis dahin sage ich das, was ein Bischof aus Tansania kürzlich in der Versammlung sagte: Seid geduldig, denn ich vertrete nicht mich selbst. Ich vertrete eine Gemeinschaft, und ich muss der Gemeinschaft gegenüber loyal sein.

Wie sehen Sie denn das Verhältnis zwischen den Mitgliedskirchen des LWB?
Younan:
Wir haben manchmal unterschiedliche Ansichten. Wir dürfen ­dabei nicht zu vorschnellen Entscheidungen kommen. Wir dürfen die ­Gemeinschaft nicht spalten. Es ist mein Ziel, dass unsere Einheit bestehen bleibt. Unsere Einheit ist unsere Stärke. Gemeinsam legen wir Zeugnis in der Welt ab.

Sehen Sie die Einheit des LWB in Gefahr?
Younan:
Ich habe diese Versammlung als sehr einheitlich erlebt. Selbst schwierige Fragen haben wir sorgfältig diskutiert. Und selbst wenn wir bei manchen Themen unterschiedlicher Meinung sind, werden wir unsere Einheit bewahren. Denn auf dieser Versammlung haben wir Verständnis zwischen Kirchen aus Ost und West, Nord und Süd erfahren. Unsere Gemeinschaft hat die Aufgabe, für die Heilung der Welt Zeugnis abzulegen. Wir machen Entwicklungshilfe, Mission und betreiben theologische Studien. Ich bin begeistert davon, was wir als LWB alles machen – selbst wenn es manchmal unterschiedliche Meinungen der Christen im Norden und Süden gibt.

Lassen Sie mich eine theologische Frage stellen: Wie verstehen Sie den Begriff »Kirche«?
Younan:
Unseren lutherischen Dokumenten nach ist das ganz einfach: Die Kirche sind die Menschen. Wenn Sie denken, dass die Kirche nur die Bischöfe sind, irren Sie sich. Die Frauen, die Männer, die Babys, die Laien und die Ordinierten sind die Kirche. Wir sind die Kirche. Als Bischof bin ich ­gerufen, die Kirche zu vertreten und nicht mich selbst, und ich bin gerufen, zu predigen und die Sakramente zu verwalten. Das ist unsere Theologie.

Sollte der LWB nur von Pastoren und Bischöfen oder auch von Laien geleitet werden?
Younan:
Unser lutherisches Verständnis ist, dass jedes getaufte Mitglied der Kirche an der Leitung der Kirche beteiligt sein kann, unabhängig vom Alter. Kinder und Erwachsene – alle sind wir Leiter, denn die Kirche ist ein Haus für alle. Und in diesem Haus erfahren wir die Gnade Gottes, die Gnade Christi. Und das ist die Kirche für mich – wir leiten sie alle. Bevor ich Entscheidungen treffen kann, berate ich mich mit den Frauen, mit anderen, mit allen. Das ist essenziell. Das ist die Kirche. Ich vertrete sie in dem, was sie sagen.

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