Ein Politjunkie entdeckt die Stille

22. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Ulrich Kasparick hat die Notbremse gezogen und hält sie in der Hand in Form seines Buches, in dem er über seine Erfahrungen berichtet. Foto: Benjamin Lassiwe

Ulrich Kasparick hat die Notbremse gezogen und hält sie in der Hand in Form seines Buches, in dem er über seine Erfahrungen berichtet. Foto: Benjamin Lassiwe


Der ehemalige Staatssekretär Ulrich Kasparick wagte den Ausstieg aus der Politik

Von Termin eilte er zu Termin, von Sitzung zu Sitzung. Ulrich Kasparick war ein »Politjunkie«. Als Parlamentarischer Staatssekretär zuerst im Bildungs- und dann im Verkehrsministerium gehörte der SPD-Politiker fünf Jahre lang der Bundesregierung an. Heute sitzt er in Jeans auf seiner Terrasse und kocht dem Besucher Kaffee. Denn Ulrich Kasparick hat die Notbremse gezogen: Bei der ­Bundestagswahl im vergangenen Jahr trat er nicht wieder an – obwohl er ­seinen Wahlkreis in der Magdeburger Börde zuvor drei Mal direkt gewonnen hatte.

Es waren eine Nierenkrebsoperation und der anschließende Besuch in einer rheinländischen Trappistenabtei, die den Bruder des Regional­bischofs von Halle-Wittenberg, Propst Siegfried Kasparick, nachdenklich werden ließen. »Das war der erste Gong, die Frage, ob du nicht zu viel machst.« Auch ein Besuch in einem ­islamischen Zentrum in Afghanistan trug dazu bei, dass der Staatssekretär begann, sich mit christlicher Mystik auseinanderzusetzen. Denn Kasparick, der vor der politischen Wende in der DDR Stadtjugendpfarrer in Jena war, merkte, wie abhängig er als Berufspolitiker war. »Ein Politiker stellt sich für ein Amt zur Verfügung, macht Wahlkämpfe und löst die Probleme anderer Leute«, sagt er. »Sein Brot ist es, gebraucht zu werden.« Doch das sei wie ein Hamsterrad: »Man wird abhängig davon, gebraucht zu werden. Man wird abhängig von öffentlicher Anerkennung, vom Wohlwollen der Presse.« Politiker bräuchten immer höhere Ämter, immer mehr Anerkennung, das Rad drehe sich immer schneller. Wie bei einer Drogensucht.

Der Politiker beschloss, auszusteigen. Schon Anfang 2009 wusste er, dass er im Herbst nicht mehr zur Wahl antreten würde. Heute lebt er in einem »Sabbatical«: Alle Stellenangebote, die es nach dem Ausscheiden aus dem Parlament gab, schlug er aus. Derzeit bezieht der Theologe das Übergangsgeld, das jedem Politiker beim Ausscheiden aus dem Bundestag zusteht. Kasparick nutzt die neu gewonnene Zeit für Stille, zum Lesen und Nachdenken. »Es ist ein zentrales Thema der Leistungsgesellschaft: Was passiert, wenn du keine Leistung mehr bringst?«, sagt er. Als Theologe erinnert er sich an Martin Luther. Denn »Sola gratia« – »allein aus Gnade Gottes« – lautet einer der Kernsätze des Reformators. »Wir leben nicht aus Leistung, wir leben aus der Gnade«, sagt Kasparick. »So wie du bist, so ist es gut.« Als Politiker habe er sich selbst wie einen Entwurzelten erlebt, sagt der Theologe heute rückblickend. Freundschaften zerbrachen, weil Kasparick nie die Zeit hatte sie zu pflegen.

Dienstliche Kontakte bestimmten sein Leben. Heute nimmt sich der Theologe Zeit, um neue Netzwerke aufzubauen. Auf einer Internetseite widmet er sich Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. »Natürlich, mir hat die eigene Tapferkeit auch Angst ­gemacht«, sagt Ulrich Kasparick. »Manchmal bin ich aufgewacht und habe gedacht: Du gehst ja voll auf ­Risiko.« Es könne gut sein, dass das Übergangsgeld auslaufe und der Theologe dann ohne Job dastehe. Aber mancher alte Weggefährte sei heute auch richtig neidisch: Denn ­Ulrich Kasparick hat die Notbremse gezogen. Vielen anderen Politikern, Unternehmern oder Journalisten gelingt das nicht.

Benjamin Lassiwe

Über seine Erfahrungen hat der ehemalige Politiker ein Buch geschrieben:

Kasparick, Ulrich: Notbremse. Ein Polit­junkie entdeckt die Stille,
Gütersloher Verlagshaus, 222 S.,
ISBN 978-3-579-06768-1, 17,95 Euro

Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (03643)246161

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Reaktionen unserer Leser

2 Lesermeinungen zu “Ein Politjunkie entdeckt die Stille”
  1. Wenn die alten Griechen “die Notbremse zogen” um wieder zu sich selbst zu kommen und mit sich selbst eins zu werden, nannten sie das SCHOLAE. Schule. Man sieht schon, dass gerade die in ihr Gegenteil verkehrte Schule die Weichen für das Leben heute ebenso in die entgegengesetzte Richtung gestellt hat. Als Ich-kann-Schule-Lehrer ist mir das alles andere als gleichgültig. Statt Menschen von kleinauf darauf zu dressieren, sich in vorbereitete Schablonen einzufügen und sich dafür zu verauzsgaben, sieht es die Ich-kann-Schule als päd. Aufgabe, den Menschen in sich hinein zu führen und ihm seine großartigen Anlagen, Talente, Kräfte, Begabungen zu zeigen, mit denen er über sich selbst und über alle Schablonen, besonders so kpünstliche wie die der Schule”, hinauswachsen soll. Es gilt, unsere eigenen Kräfte als Freunde zu gewinnen, wenn wir mit Freunden im Außen Kraftvolles und Kräftigendes erleben wollen und nicht Erschöpfendes, Auslaugendes, Sinnentleerendes.
    In der Stille gilt es, in sich die feinsten – und zugleich mächtigsten – Kräfte wahrzunehmen und mit ihnen Freund zu werden. Nicht erst, wenn wir das was wir tun, nicht mehr können. Ich grüße freundlich.
    Franz Josef Neffe

  2. Lieber Herr Neffe, besten Dank für die freundlichen Grüße!
    Ich kann Ihnen zustimmen: in der Stille gilt es, in sich die feinsten – und zugleich mächtigsten – Kräfte wahrzunehmen und mit ihnen Freund zu werden.

    Es ist allerdings ein ziemlich weiter Weg dorthin, und so manch einer krieg einen gehörigen Respekt, wenn er wahrnimmt, was da für feine aber mächtige Kräfte in ihm wohnen. Aber: der Weg lohnt sich!
    Beste Grüße zurück. Ulrich Kasparick