»Wie neugeboren«
22. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Leben unter den wachsamen Augen der Staatsreligion – eine verschleierte Frau im Iran. Viele Flüchtlinge fühlen sich in Deutschland vom christlichen Glauben angezogen. Foto: epd-bild/Walter G. Allgöwer
Migranten: Ein Pfarrer aus Hannover begleitet iranische Flüchtlinge – Dutzende lassen sich jeden Monat taufen.
Nach Deutschland geflüchtete Iraner haben die Nase voll vom islamistischen Mullahregime. Für viele wird nicht nur westliche Demokratie, sondern auch christlicher Glaube zu einer neuen Erfahrung.
Noch vor einem Jahr unterrichtete die 30-jährige Parysa mit Kopftuch an einer Schule in der iranischen Stadt Isfahan. Heute lebt sie in Deutschland, trägt Jeans und ihre Haare offen. Vor einem halben Jahr hat sie sich in Hannover christlich taufen lassen und nahm dabei den armenischen Namen Arpi an. Wie sie bekennen sich in Deutschland jeden Monat mehrere Dutzend iranische Flüchtlinge bei Festgottesdiensten zum Christentum. Erst kürzlich erwartete die evangelische Landeskirche Hannovers wieder rund 40 von ihnen zu einem Tauffest in der Landeshauptstadt.
Pastor Hans-Jürgen Kutzner betreut bundesweit bis zu 1000 Iraner und veranstaltet mit ihnen Gottesdienste auf Deutsch und Farsi. Der Theologe aus Hannover ist der einzige hauptamtliche evangelische Iraner-Seelsorger innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und hat selbst schon zahlreiche Iraner getauft. »Sie kommen aus einem Gottesstaat, in dem Religion und Politik nicht getrennt sind«, sagt er. Viele hätten Gewalt und Folter im Namen des Islam erlitten. »Wenn man eine Diktatur auf diese Weise erlebt, will man davon frei sein.«
Die Abkehr vom Islam und die Hinwendung zum Christentum sei für die Flüchtlinge deshalb oft mit einer politischen Botschaft verbunden. So sei die Zahl der Hilfesuchenden und der Täuflinge nach den Präsidentschaftswahlen und den großen Demonstrationen im Iran im vergangenen Jahr spürbar gestiegen. »Es geht uns nicht um Mission, sondern um die Menschen«, betont Kutzner. »Wir helfen natürlich auch denen, die sich nicht taufen lassen.«
Arpi weigerte sich im Iran, den Ganzkörperschleier Tschador zu tragen, und wurde deshalb an eine Dorfschule versetzt. Kurze Zeit später floh sie nach Deutschland. Ihr sonst fröhliches Gesicht verfinstert sich, als sie davon spricht. »Ich war nie eine überzeugte Muslima«, sagt sie. Zudem sei es ihr schwergefallen, die ungleiche Behandlung von Männern und Frauen zu akzeptieren.
Für sie ist die im deutschen Grundgesetz festgelegte Religionsfreiheit etwas Besonderes, das sie sich lange gewünscht hat. Wenn sie an ihre Taufe denkt, wirkt die junge Frau euphorisch: »Ich fühlte mich wie neugeboren.« Auch ihre Familie im Iran habe sich für sie gefreut. Arpi ist sich sicher: Wenn sie zurück in die alte Heimat müsste, drohe ihr der Tod durch Steinigung oder Erhängen.
Um getauft zu werden, müssen sich die Interessenten Grundkenntnisse des Christentums aneignen – meist über das Internet. »Wir sagen ihnen auch ein paar unbequeme Wahrheiten«, betont Kutzner. So ebne ihnen die Taufe keineswegs automatisch den Weg in die westliche Gesellschaft. Und sie sei ein Risiko, wenn sie wieder in den Iran zurückkehren müssten. Denn: Die deutschen Behörden nähmen bei einer drohenden Abschiebung kaum noch Rücksicht auf die Religionszugehörigkeit.
Der 31-jährige Dariush hat sich vor zwei Jahren bei einem Tauffest zum Christentum bekannt. Der gelernte Maschinenbau-Ingenieur wohnt in einem Asylbewerberheim und weiß nicht, ob er in Deutschland bleiben darf. »Als ich meinen Eltern von meiner Taufe erzählt habe, haben sie gedroht, mich umzubringen«, erzählt er. »Sie sagten, ich sei nicht mehr ihr Sohn.« (epd)
Von Charlotte Morgenthal und Michael Grau
