Jesus und seine Option für die Armen

16. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Jesus suchte die Nähe der einfache Menschen wie etwa die Fischer vom See Genezareth. Vom Maler Raphael (1483 bis 1520) stammt diese Darstellung des wunderbaren Fischzuges von Petrus und seinen Mitarbeitern. Repro: Archiv

Jesus suchte die Nähe der einfache Menschen wie etwa die Fischer vom See Genezareth. Vom Maler Raphael (1483 bis 1520) stammt diese Darstellung des wunderbaren Fischzuges von Petrus und seinen Mitarbeitern. Repro: Archiv


Die Wirkstätten des Gottessohnes, seine Lebensweise und sein Herzensanliegen

Wer sich mit Jesus beschäftigt, der beschäftigt sich meist mit all dem, was ihn in unseren Augen einzigartig und göttlich macht. Auch im zweiten und letzten Teil unserer Beitragsserie wird der umgekehrte Weg beschritten. Jesus wird aus einer familiären, alltäglichen Perspektive in den Blick genommen.

Nachdem Jesus – wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Umkehrbewegung von Johannes dem Täufer – erkannt hatte, dass Gott in ­allernächster Zukunft sein göttliches Reich errichten wird und ihm, Jesus, als Repräsentanten Gottes dabei eine Schlüsselrolle zukommt, berief er sich zwölf Jünger und begann, diese Freudenbotschaft überall zu verkünden. Der Schwerpunkt seines Wirkens waren drei Dörfer, die allesamt im nord-westlichen Bereich des Sees Genezareth lagen: Kapernaum, Bethsaida und Chorazin. Einen besonderen Stellenwert hatte dabei Kapernaum, das Matthäus sogar als »seine Stadt« (9,1) bezeichnet. Eine Stadt war Kapernaum zwar nicht, eher ein »Großdorf«, aber ganz sicher war es der Ort, in dem sich Jesus am häufigsten aufhielt und wo er viele Heilungstaten vollbrachte. Als neues »Zuhause«, das an die Stelle von Nazareth trat, sollte man Kapernaum aber besser nicht verstehen (so Matthäus 4,12-16). Typisch für die Lebensweise Jesu war ja gerade, dass er keinen ­festen Wohnsitz hatte (Lukas 9,58), sondern als »Wandercharismatiker« das Reich Gottes im ganzen Land verkündigte.

Nun mag die Bevorzugung von Kapernaum mit der verkehrstechnisch günstigen Lage zusammenhängen. Wenn Jesus mit seiner Botschaft ganz Israel erreichen wollte, dann, so ist anzunehmen, wird er sich auch darum bemüht haben, einen Ort als Ausgangsbasis zu finden, von dem aus er dieses Unternehmen sinnvoll in Gang bringen konnte. Nun konnte er von Kapernaum zwar nicht das ganze Land gut erreichen, aber immerhin den Norden. Das gegenüber Obergaliläa wesentlich stärker besiedelte Untergaliläa konnte er über die Gennesar-Ebene erreichen, und das Reich des Herodessohnes Philippus, das ­ungefähr vom heutigen Golan bis an die libanesische Grenze reichte, war von Kapernaum nur einen Katzensprung entfernt.

Die Vorliebe Jesu für Kapernaum wird allerdings noch mehr damit zusammenhängen, dass dort Petrus und sein Bruder Andreas wohnten. Hier konnte Jesus mitsamt seiner Jüngerschar immer wieder Unterkunft finden. Gerade weil die Jesusgruppe fast immer unterwegs war, werden die Jünger und Jüngerinnen Jesu froh darüber gewesen sein, in Kapernaum eine Art »Basiscamp« zu haben. Ganz ohne Beheimatung geht es anscheinend auch bei Wandercharismatikern nicht.

In Kapernaum hat man manches ausgegraben, das in einem Zusammenhang mit der Zeit Jesu steht. So könnte die prächtige Kalksteinsynagoge aus dem 4. Jahrhundert an dem Ort stehen – Fundamente und ein ­Basaltpflaster darunter deuten darauf hin –, wo einst die Synagoge Jesu stand. Außerdem kann man dort das »Haus des Petrus« sehen. Das klingt zwar ein wenig fantastisch, aber tatsächlich kann hier eine bis ins 2. Jahrhundert zurückreichende christliche Verehrung nachgewiesen werden. Beeindruckend sind auch die Wohninseln, in denen ganze Großfamilien samt Angestellten lebten. Die Ausgrabungen zeigen, dass in Kapernaum vor allem Fischer, Bauern und Händler lebten: Menschen, die nicht bitterarm waren, aber zur Unterschicht gehörten und sich gewiss keinen großen Luxus leisten konnten.

Jesus und seine Option für die Armen: Herodes Antipas, der Herrscher Galiläas zur Zeit Jesu, hat zuerst in dem nur fünf Kilometer von Nazareth entfernten Sepphoris residiert, bis er dann im Jahr 19/20 n. Chr. Tiberias zur Hauptstadt machte. Nun ist auffällig, dass die Evangelien nie erwähnen, dass Jesus in einer dieser römisch-­hellenistisch geprägten Städte gewirkt hat. Dies dürfte seinen Grund darin haben, dass Jesus sich in erster Linie zu der normalen, von Armut bedrohten Bevölkerung gesandt sah. Diese »Option für die Armen« kommt exemplarisch in der ersten Seligpreisung zum Ausdruck: »Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer.» (Lukas 6,20) Nun war die Zeit, in der Jesus in Galiläa lebte, aufgrund der langen und im Großen und Ganzen durchaus gedeihlichen Regierungszeit des Herodes Antipas wirtschaftlich relativ stabil, und manche Juden werden davon auch profitiert haben. Aber diejenigen, die sowieso nur wenig hatten – und das waren die meisten –, rutschten durch Zölle und die zunehmende Besteuerung schnell noch weiter nach unten ab.

Jesus war kein Sozialrevolutionär. Es ging ihm um die Gottesherrschaft. Aber diese zielt eben auch auf eine ­radikal neue und bessere Gesellschaftsordnung.

Peter Hirschberg

Der Autor ist promovierter Theologe und als Hochschul- und Studierendenpfarrer in Bayreuth mit verschiedenen Lehraufträgen im Bereich Biblische Theologie/Judaistik.

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Reaktionen unserer Leser

1 Lesermeinung zu “Jesus und seine Option für die Armen”
  1. Die “kleine Psychotherapie” des franz. Apothekers Émile Coué (1857-1926) galt ebenso als “Psychotherapie der Armen”. Nicht etwa, weil Coué dafür nicht nur nichts verlangte sondern auch nichts nahm. Zu ihm kamen immerhin jedes Jahr einige zehntausend Hilfesuchende aus aller Welt, wenn sie sonst keine wirksame Hilfe gefunden hatten. Prof.Dr.Alfred Brauchle, selbst schwer krank, nach OP Zustand schlimmer als je zuvor, nach Lektüre von Coués kleinem Buch über AUTOSUGGESTION und Anwendung der dort angeführten Ratschläge ohne jeglichen Rückfall genesen, besuichte Coué in Nancy und schreibt: “Als ich ihn in seinen Nancyer Sitzungen aufsuchte, erwartete ich zum mindesten einen auf seine Erfolge stolzen Kurpfuscher zu sehen. Wie erstaunte uich aber, einen so unerhört bescheidenen, demütigen Menschen zu finden! …. Dass er trotzdem so berühmt wurde, kann ich mir nur aus der Wahrheit seines Systems erklären, aus seiner unerhörten, fast nicht fassbaren Geduld und seiner nie ermüdenden, wohlwollenden Freundlichkeit.”
    Es gibt immer wieder Menschen, die ein Beispiel geben, ein Beispiel, von dem man lernen kann. Von Coué haben Hunderttausende in aller Welt gelernt, mit Erfolg. Was lernten sie? Die Macht des Glaubens – Tunwort, nicht Namenwort. Coué zeigte ihnen, dass der Mensch vom ersten bis zum letzten Atemzug GLAUBT, ob er will oder nicht. Und dass er für sein GLAUBEN verantwortlich ist. Er ließ z.B. in einem Experiment alle die Hände verschränken und 1 Minute lang rasend schnell wiederholen: “Ich kann meine Hände nicht öffnen. Ich kann nicht, ich kann nicht, ich kann nicht, ich kann nicht,……” und wenn sie dann ihre Hände nicht auseinander brachten, kommentierte er lächelnd: “Wer so gut denken kann wie Sie, sollte nie denken `Ich kann nicht´!” und: “Wer so etwas einmal erlebt hat, der weiß, was Denken ist.” Von Coué fuhr man nicht – wie z.B. die erste amerikanische Schulrätin Ella B.-Kirk einfach geheilt wieder nach Hause sondern mit einem neuen Lebensverständnis als neuer Mensch.
    Und das war doch, wenn ich es recht verstehe, auch Jesu Ziel: nicht dass wir als alter Mensch immer perfekter und perfekter sondern dass wir EIN NEUER MENSCH werden. Ich grüße freundlich.
    Franz Josef Neffe