Der Mensch Jesus ganz privat

Selten haben Künstler Jesus in seiner familiären Umgebung darzustellen versucht. Eine der wenigen Ausnahme bildet das Gemälde "Christus im Haus seiner Eltern" von John Everett Millais (1829 bis 1896), einem Vertreter der sogenannten Präraffaeliten. Es galt bei seiner ersten Präsentation im Jahr 1850 in London als "blasphemisch" und sorgte für einen Skandal. Repro: Archiv

Selten haben Künstler Jesus in seiner familiären Umgebung darzustellen versucht. Eine der wenigen Ausnahme bildet das Gemälde "Christus im Haus seiner Eltern" von John Everett Millais (1829 bis 1896), einem Vertreter der sogenannten Präraffaeliten. Es galt bei seiner ersten Präsentation im Jahr 1850 in London als "blasphemisch" und sorgte für einen Skandal. Repro: Archiv


Er war Sohn seiner Eltern, Bruder, ein Mensch mit Beruf und Alltag – Familie und Herkunft des Gottessohnes

Wer sich mit Jesus beschäftigt, der beschäftigt sich meist mit all dem, was ihn in unseren Augen einzig-
artig und göttlich macht. In einer zweiteiligen Beitragsserie soll der umgekehrte Weg beschritten werden. Jesus soll aus einer familiären, alltäglichen Perspektive in den Blick kommen.

Er war Sohn seiner Eltern, Erstgeborener unter einer Schar von ­Geschwistern, Mensch mit Beruf und Alltag. Was die Eltern Jesu angeht, so ist eines klar: Seine Mutter hieß Maria (hebräisch Mirjam). Bei seinem Vater dagegen stellt sich die Sache schwieriger dar. Markus, immerhin der älteste Evangelist (70 n. Chr.), kennt nicht einmal seinen Namen. Matthäus und Lukas kennen zwar den Namen, aber dennoch taucht Josef nur am Rande auf: in den stark theologisch orien­tierten Geburtsgeschichten (Matthäus 1-2; Lukas 1-2) oder – zum letzten Mal – in der lukanischen Erzählung vom zwölfjährigen Jesus im Tempel (Lukas 2,41-52). Man gewinnt den Eindruck, dass Josef am Anfang »da war«, dann aber sehr plötzlich und unvermittelt von der Bildfläche verschwindet. Es verwundert deshalb nicht, dass hier die Spekulationen blühen: Hat Josef sich klammheimlich aus dem Staub gemacht? War er früh gestorben? Oder war Jesus gar ein uneheliches Kind, sodass die neutestamentliche Josefsgestalt nur einen Sinn hat: diese Ver-
legenheit zu überspielen? Wir wissen es nicht, und doch scheint es wahrscheinlich, dass Jesus eine über weite Strecken vaterlose Kindheit erlebt hat.

Interessant ist, dass Jesus nach Markus 6,3 vier Brüder (Jakobus, Joses, Judas, Simon) und mehrere Schwestern hatte. Das vertraute Weihnachtsbild von Maria, Josef und Jesus als moderne Kleinfamilie entsprach der Wirklichkeit also nur für eine relativ kurze Zeit. Jesus lebte in einer Großfamilie, und deshalb darf man sich das Zuhause Jesu auch nicht zu »kontemplativ« vorstellen.

Als Jesus mit seiner öffentlichen Wirksamkeit begann, wurde das Verhältnis zur Familie immer schwieriger. Markus berichtet mit deutlichen Worten, dass der Familienclan ihn nach Nazareth zurückholen will, weil man den Sohn und Bruder für einen durchgedrehten religiösen Fanatiker hielt: »Er ist von Sinnen.« (Markus 3,20f) Erst nach der Auferstehung begann die Jesusfamilie an ihn zu glauben. Maria wurde zu einer wichtigen Person in der jüdischen Urgemeinde Jerusalems, und Jakobus, einer der Brüder Jesu, übernahm später sogar die Führung der Jerusalemer Gemeinde.

Dieser Familienkonflikt macht einerseits deutlich, dass Menschen sich schwertun, wenn einer, den man von Kindesbeinen an kennt, sich auf einmal zu Besonderem berufen fühlt. Er wirft aber auch ein erhellendes Licht auf Jesus: Er zeigt, dass Jesus innerlich stark und frei war. Gegen alle familiär-gesellschaftlichen Konventionen riskierte er den Konflikt. Er hatte den Mut, seinen eigenen Weg zu gehen. Für Jesus war die wichtigste Quelle seines Selbstwertgefühls eben nicht die Anerkennung der Menschen, sondern die Liebe des göttlichen Du.

Obwohl Jesus die längste Zeit seines Lebens, über dreißig Jahre, in Nazareth verbracht hat, berichten die Evangelien kaum etwas über den Heimatort Jesu. Deshalb ist es umso spannender, dass der Franziskanerarchäologe Bellarmino Bagatti dort Spuren einer dörflichen Siedlung aus dem 1. Jahrhundert freilegte. Seine Grabungsergebnisse zeigen, dass es sich bei Nazareth um ein kleines, an einen Hang gebautes jüdisches Bauerndorf handelte, in dem allerhöchstens 200 bis 300 Juden wohnten. Diese Menschen waren nicht bitterarm, aber lebten wie die meisten Galiläer in äußerst bescheidenen Verhältnissen.

In diesem Umfeld kann man sich nun auch gut vorstellen, dass Jesus wie sein Vater als Bauhandwerker (griechisch: technon, so in Markus 6,3) arbeitete. Wir können also davon ausgehen, dass Jesus sich nicht nur in höheren geistigen oder geistlichen Sphären bewegte, sondern wusste, wie der Alltag eines hart arbeitenden Menschen aussieht.

Nazareth war klein, so unbedeutend, dass es weder im Alten Testament noch in den außerbiblischen Quellen jener Zeit auch nur ein einziges Mal erwähnt wird. Man kann schon verstehen, dass die Behauptung, aus diesem Flecken soll der Messias kommen, bei vielen auf Unverständnis stieß: »Was kann aus Nazareth Gutes kommen!« (Johannes 1,46)

Wer sich Jesus in einem so normalen Kontext vorstellt, der wird sich vielleicht auch fragen, wann und wie Jesus das erste Mal bewusst wurde, dass sein Gottesverhältnis einzigartig ist und Gott ihn zu Besonderem berufen hatte. Doch genau darüber schweigen sich die Evangelien aus. Indem sie berichten, dass Jesus erst in einem relativ fortgeschrittenen Alter an die Öffentlichkeit trat, lassen sie nur eines erkennen: Auch Jesus brauchte Zeit. Auch er musste einen längeren Such- und Entwicklungsprozess absolvieren, bis er sich gefunden hatte und bereit war, zu neuen Ufern aufzubrechen.

Peter Hirschberg

Der Autor ist promovierter Theologe und als Hochschul- und Studierendenpfarrer in Bayreuth mit verschiedenen Lehraufträgen im Bereich Biblische Theologie/Judaistik tätig.

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Reaktionen unserer Leser

1 Lesermeinung zu “Der Mensch Jesus ganz privat”
  1. diesen text finde ich sehr erfrischend. was würde wohl der papst dazu sagen?
    weiter so. solche texte fehlen vielen menschen, die jesus wirklich näher kommen wollen.