Friedrich Nietzsche, ein Schmerzensmann der Philosophie

Einzelgänger auf dem Dornenweg des Denkens – Eine Ausstellung in Naumburg widmet sich dem Religionskritiker

Antichrist oder Gottsucher? Blick in die Austellung des Nietzsche-Hauses, Foto: Kai Aghte

Antichrist oder Gottsucher? Blick in die Austellung des Nietzsche-Hauses, Foto: Kai Aghte

Der Ausruf »Gott ist tot« zählt zu den bekanntesten und heftig diskutierten Zitaten Friedrich Nietzsches (1844–1900). Diesem Diktum sind in den letzten 100 Jahren zahllose Studien und universitäre Seminare gewidmet worden. Ist dieser abstrakte Ausspruch geeignet, in einer Ausstellung visualisiert zu werden? Den Versuch unternimmt eine von Jens-Fietje Dwars kuratierte Ausstellung im Nietzsche-Haus in Naumburg.

Die Kritik an der christlichen Religion ist bei Nietzsche nicht voraussetzungslos. In einem Pfarrhaus aufgewachsen, musste der Fünfjährige erleben, wie kurz hintereinander erst sein Vater – der hier gleichsam als »Gott­vater« auf der Kanzel der Röckener Kirche zu sehen ist – und dann sein jüngerer Bruder starben. Wie konnte ein liebender Gott das nur zulassen, sei eine erste kritische Frage des ­jungen Nietzsche gewesen, die sein kindliches Gottvertrauen erschütterte. Genährt wurde seine Religionskritik in der Landesschule Pforta, die, wie Reiner Bohley im Buch »Die Christlichkeit einer Schule – Schulpforte zur Schulzeit Nietzsches« darlegte, ihrem Selbstverständnis nach eine streng evangelische war. Doch die »demonstrative Wahrung der christlichen Tradition war zur äußeren Form verkommen«. Das blieb nicht ohne Folgen für Nietzsche, der in Pforta zum skeptischen Denker reifte. Der daselbst entstandene Aufsatz »Fatum und Geschichte« (1862) gab seinen Glaubenszweifeln konkreten Ausdruck.

Die Religionskritik Nietzsches, auf die im zweiten Raum eingegangen wird, ist exemplarisch formuliert im Aphorismus »Der tolle Mensch«, nachzulesen in »Die fröhliche Wissenschaft« (1882), manifest dann in »Der Antichrist« (1888).

Der tolle Mensch – hier als Silhouette mit Nietzsches Physiognomie – sucht am hellen Tag mit einer Laterne Gott, um zu dem Fazit zu gelangen: »Wir haben ihn getötet.« Ein großes Transparent, Protestschilder und verstreute Flugblätter mit Nietzsche-Zitaten wie »Ich verspreche: Ein tragisches Zeitalter« und »Wahrheit ist die Lüge aller«, werden mit süßlichen Jesus-Bildchen aus dem 19. Jahrhundert flankiert. Nietzsches Religionskritik als Demonstration zu inszenieren, ist begreiflich, widerspricht aber dem Wesen des Einzelgängers, der Nietzsche auch als Philosoph gewesen ist. Anders als sein ­»toller Mensch« war Nietzsche kein Denker, der seine Thesen zu Markte trug. Auch sein Jesus-Bild wird hier gedeutet. In »Der Antichrist« hat er sich über Christus geäußert und resümiert, dass es nur einen wahren Christ gegeben habe: den ­Gekreuzigten.

Im dritten und letzten Raum werden Stimmen zitiert, die sich über den Religionskritiker Nietzsche geäußert haben. Von Lou Andreas-Salomé bis hin zu Martin Heidegger. Gern hätte man mehr über die sogenannte »Gott-ist-tot-Theologie« erfahren, die in den 60er Jahren in den USA aufkam und Nietzsches apodiktisches Philosophem theologisch produktiv machte. Am Ende steht eine Fotomontage: Der Prophet mit dem gebrochenen Blick des geistig Umnachteten, umgeben von einer Dornenkrone. Dies als Illustration des letzten Satzes der Ausstellung: »War Nietzsche ein zweiter Christus, der am Scheinglauben seiner Zeit zugrunde ging: in die Abgründe des Glaubens hinab?« Ob er ein Antichrist oder Gottsucher war, das solle, so der Kurator, der Besucher entscheiden. Ein Schmerzensmann der Philosophie war Friedrich Nietzsche, der seinen Dornenweg des Denkens allein ging, aber ganz gewiss.

Kai Agthe

»Gott ist tot. Antichrist oder Gottsucher? Nietzsche zwischen Kritik und Prophetie«. Die Ausstellung im Nietzsche-Haus Naumburg, Weingarten 18, ist bis 31. Oktober dienstags bis freitags von 14 bis 17 Uhr, sonnabends und sonntags von 10 bis 16 Uhr zu sehen. Infos unter (03445) 703503

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