Das geht unter die Haut

30. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Im Tattoostudio sind auch spirituelle und christliche Motive gefragt

Albrecht Dürers »Betende Hände« sind ein beliebtes Tattoo-Motiv. Foto: epd-bild

Albrecht Dürers »Betende Hände« sind ein beliebtes Tattoo-Motiv. Foto: epd-bild

In den Glasvitrinen sind Totenkopf-Modelle ausgestellt, die Wände mit Flammenmustern bemalt, aus Lautsprechern tönt harte Rockmusik. »Palatine Tattoo« im pfälzischen Pirmasens ist ein Tätowierstudio. Betrieben wird es von Jens Neumann und seiner Frau Ute. Der gebürtige Dortmunder passt ins Bild: lange Haare, Kinnbart und Tätowierungen auf den Armen. Längst sind Tätowierungen – neudeutsch: Tattoos – kein exklusiver Körperschmuck mehr für Seeleute, Rockmusiker oder ehemalige Häftlinge. Knapp zehn Prozent aller Deutschen haben Schätzungen zufolge ein oder mehrere Tattoos, darunter auch viele Prominente: Bettina Wulff, Lena Meyer-Landrut oder Fußballer wie ­Jerome Boateng und Marcell Jansen. Spirituelle Motive sind beliebt.

Bei »Palatine Tattoo« sprechen Neumann und seine Kolleginnen zunächst ausführlich mit den Kunden über Motivauswahl und -gestaltung sowie die Körperstelle, auf die das Tattoo gestochen werden soll. »Aber ab einem gewissen Punkt bin ich als ­Tätowierer natürlich Dienstleister und steche dem Kunden fast alles, was er will«, sagt Neumann. Ausnahmen sind verbotene Symbole und Texte.

Gefragte Motive seien Engel, Dämonen oder auch Totenköpfe, erzählt Neumann. Er schätzt, dass ungefähr 80 Prozent aller Tätowierungen spirituell motiviert sind. »Die Totenköpfe symbolisieren für mich die Vergänglichkeit allen Seins, also auch meine eigene«, sagt der Wahl-Pfälzer, der neun davon als Tattoo auf dem linken Arm trägt. Er ist Protestant, doch das schließt für ihn nicht aus, sich auch der Symbolik heidnischer Religionen zu bedienen. Die Zahl Neun habe er aufgrund der keltischen Mythologie gewählt, wo sie als Potenz der göttlichen Zahl drei einen Absolutheits­charakter habe, sagt er.

Die Praxis des Tätowierens ist aber viel älter als die Mythologie der Kelten. Auch an der etwa 5000 Jahre alten Mumie des Mannes vom Hauslabjoch in den Ötztaler Alpen, besser bekannt als Ötzi, wurden Tätowierungen festgestellt. Die frühesten schriftlichen Belege für Tätowierungen finden sich in der Bibel. Dort wurde diese Art von Körperkult verboten. »Ihr sollt um eines Toten willen an eurem Leibe keine Einschnitte machen noch euch Zeichen einätzen«, heißt es etwa im Buch Levitikus (Levitikus 19,28).

Ursprünglich waren Tätowierungen bei den Israeliten in Anlehnung an den kanaanäischen Baalkult und seine Trauerrituale üblich, berichtet der Münsteraner Alttestamentler Rainer Albertz. Über Jahrhunderte hätten die Israeliten die Tradition des Tätowierens unreflektiert ausgeübt. Ein Wandel habe erst durch die prophetische Sozial- und Kultkritik des achten vorchristlichen Jahrhunderts eingesetzt. Papst Hadrian I. habe schließlich um 700 nach Christus jegliche Art von Tätowierungen verboten.

Jens Neumann kennt die einschlägigen Bibelstellen zum Tätowier-Verbot. »Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört?« (1. Korinther 6,19), schreibt Paulus im ersten Korintherbrief. Doch gerade mit diesem Vers lasse sich das Tätowieren auch befürworten, sagt Neumann. Denn die Frage sei, ob man den Tempel des Heiligen Geistes nicht zum Beispiel mit einer Tätowierung auch schmücken dürfe.

Das Kreuz ist, seinen Erfahrungen nach, das beliebteste christliche Tattoo-Motiv – noch vor Engeln, Albrecht Dürers »Betenden Händen« und Bibelzitaten. Das Symbol steht für Schmerz, Qual, Tod, aber auch für neues Leben. Viele Menschen ließen sich ein Kreuz stechen, um damit einen Schicksalsschlag zu verarbeiten, weiß Neumann. »Als Tätowierer bin ich auch eine Art Seelsorger«, sagt er und erinnert sich an einen Fall von plötzlichem Kindstod. Die Kundin habe als Motiv ein Kreuz mit dem ­Gesicht des Kindes im Schnittpunkt gewählt. Während des Vorgesprächs und beim Tätowieren habe die Mutter ihm von diesem Schicksalsschlag erzählt.

Neumann kennt seine Grenzen. Wenn er den Eindruck hat, dass ein Kunde ein pathologisches Trauerverhalten zeigt, empfiehlt er, therapeutische Hilfe zu suchen. »Eine Tätowierung ist sicherlich nicht geeignet, ernsthafte psychische Probleme zu ­lösen.« Nur indem man die Bedeutung einer Tätowierung relativiere, bleibe sie, was sie ist: Ein einzigartiges Kunstwerk voller Symbolik. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Dejan Vilov (epd)

Tiefe Wunden bis heute

29. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Josef Benesch von der evangelischen St.-Salvator-Gemeinde Prag am Altstädter Ring berichtet gern über seine ­Erfahrungen und Recherchen zur Kirchenpolitik der tschechischen Kommunisten. 	Fotos: Andreas Kirschke

Josef Benesch von der evangelischen St.-Salvator-Gemeinde Prag am Altstädter Ring berichtet gern über seine ­Erfahrungen und Recherchen zur Kirchenpolitik der tschechischen Kommunisten. Fotos: Andreas Kirschke


Prag: Die Kommunisten setzten den tschechischen Kirchen hart zu – doch es gibt wieder lebendige Gemeinden

Tschechien gilt heute als eines der atheistischsten Länder Europas. Der protestantische Pfarrer Josef Benesch sieht das auch als eine Folge der ­kommunistischen Diktatur.

Josef Benesch beschreibt tiefe Wunden. »75 Prozent der Prager sind heute atheistisch. Vielen fehlen grundsätzliche Kenntnisse über den Glauben«, erläutert der Pfarrer der evangelischen St.-Salvator-Kirchengemeinde Prag die Folgen des Stalinismus. Die Teilnehmer der Bildungsreise »Tschechien. Geschichte, Politik und Kultur« – organisiert von der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung und der deutsch-tschechischen Brücke/Most-Stiftung – hören hoch gespannt zu. Es geht um ­Kirche im Stalinismus und um Kirche heute.

Druck und Repression besonders gegen Katholiken

»1949 löste die Staatsmacht in Tschechien sämtliche Klöster auf. Ihre rund 40000 Nonnen und Mönche wurden verhaftet. Oder sie mussten emigrieren. Auch 2000 katholische Priester kamen in Haft«, schildert Josef Benesch. Bei seinen Recherchen in Bibliotheken stieß er auf einen Brief. Der stammte von einem Vertreter des Zentralkomitees der damaligen Kommunistischen Partei: »Wir müssen gleich die Hierarchie attackieren. Dann wird die Kirche von allein verschwinden«, zitiert der Pfarrer sinngemäß die Haltung der Partei- und Staatsmacht gegenüber den Katholiken. Gegen die zahlenmäßig kleineren protestantischen Kirchen ging man anders vor. Die Pfarrer durften bleiben. Doch der Staat ließ sie streng überwachen.

Und er übte immer mehr Druck aus. Bald wurden alle kirchlichen Kinderferienlager verboten. Ab 1955 gab es im heutigen Tschechien auch keinen Religionsunterricht mehr. Angst, Einschüchterung und Unterwanderung war die Taktik der Staatsmacht. Vor allem aber wurden sämtliche Kirchen sowie christlichen Spitäler, Altenheime und Kinderheime enteignet. »Im Unterschied zu Ostdeutschland setzte man hier bei uns Enteignung und Verstaatlichung komplett durch«, so der Pfarrer. »Unsere Kirche – die Kirche des Heiligen Salvator – wurde 1952 enteignet.«

Ursprünglich war sie die erste Jesuitenkirche in Prag. Seit 1578 erfolgte ihr Bau, unterbrochen durch den Dreißigjährigen Krieg. Nach Auflösung des Jesuitenordens gehörten die Gebäude der Kirche zur Karls-Universität. In der St.-Salvator-Kirche predigten berühmte Persönlichkeiten wie der Philosoph und Mathematiker Bernhard Bolzano. 1990 kam es zur Wiederaufnahme der Studentenseelsorge. 2004 wurde hier die erste akademische Pfarrei der Tschechischen Republik unter Dr. Tomaš Halik errichtet. Heute ist Josef Benesch gemeinsam mit Svatopluk Karásek Pfarrer in der Gemeinde.

»Wir mussten viel Druck ausüben, um unsere Kirche zurückzuerhalten«, schildert er. In den 40 Jahren Stalinismus verlor die Gemeinde die Hälfte ihrer Mitglieder. Warum die Kommunisten gerade in Tschechien so radikal und unerbittlich gegen die Kirche vorgingen? Josef Benesch holt tiefer aus. »Es gab hohe Sympathie für die Sowjetunion. Viele Künstler, Wissenschaftler, Ärzte, Schriftsteller waren Mitglied der Partei«, erzählt er. Viele – zu viele – haben geschwiegen. Und ein totalitäres Regime, das keinen Widerstand kennt, kann alles verwirklichen.«

Bis heute wird den Kirchen ihr Vermögen vorenthalten

Heute gehören 700 Christen und Sympathisanten zur Gemeinde. Jeden Sonntag füllt sich die Kirche. Mindestens 200 kommen dann zum Gottesdienst. »Die Gemeinde hat wieder ein sehr lebendiges Glaubensleben«, betont Josef Benesch, seit 2006 Pfarrer in der St.-Salvator-Gemeinde. »Es kommen viele junge Familien, Jugendliche und auch Senioren. Das ist ein gutes Zeichen.« Die St.-Salvator-Gemeinde gehört zur Gemeinschaft der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder (EKBB). »Wir fühlen uns als kontinuierliche Nachfolger der hussitischen Bewegung und der böhmischen Brüder aus dem 14. Jahrhundert«, betont Josef Benesch.

Viele andere Prager Kirchengemeinden haben noch offene Forderungen aus der Zeit der Enteignungen. »Die katholische Kirche schlägt vor, dass der Staat 50 bis 60 Jahre für katholische und evangelische Priester das monatliche Gehalt bezahlt und dass dann die endgültige Trennung von Staat und Kirche erfolgt«, so Josef Benesch. »Doch bisher gibt es darüber keine Einigung.« Der Pfarrer hält das für eine Verzögerungstaktik der Regierenden. Er selbst erhält sein Gehalt nach wie vor vom Staat. »Das ist nicht sehr viel«, lacht er. »Pfarrer sein heute – das ist ein Martyrium. Die Finanzierung gelingt nur aus mehreren Quellen.«

Die Gemeinde hat auch mit Deutschland Verbindungen. Einige Gemeindeglieder wanderten im Zuge der Reformation nach Dresden aus. Dort wurden sie später heimisch in der evangelisch-lutherischen Johanneskirchengemeinde in Dresden-Johannstadt-Striesen. »Bis 1930 hatten die Zugewanderten sogar das Recht auf einen eigenen tschechischen Pfarrer«, so Josef Benesch. Heute sind beide Gemeinden – St.-Salvator- und Johanneskirche – Partnergemeinden.

Von Andreas Kirschke

Kühlende spirituelle Erfahrungen

29. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Unter dem Schirm Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe. Psalm 91, Vers 1 bis 2

Unter dem Schirm Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe. Psalm 91, Vers 1 bis 2


Wie heiße Tage gut überstanden werden – Hitze-Tipps der Bibel

Die derzeitigen Temperaturen in Deutschland gehören im Heiligen Land seit biblischen Zeiten zum Sommeralltag. Bis auf 40 Grad Celsius klettert das Thermometer im sommerlichen Jerusalem hoch; an der Küste und im Jordangraben kann es noch heißer werden. Besonders der Ostwind (»Schirokko«) treibt die Temperaturen in die Höhe und ist wegen seiner Trockenheit berüchtigt.

Die Bibel hält Tipps bereit, wie man sich gegen die Hitze wehren kann.

Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer
und Winter, Tag und Nacht.
1 Mose 8,22

Auch wenn uns die Hitze nervt: Wir müssen wohl oder übel mit ihr leben. Denn in biblischen Urzeiten hat Gott angekündigt, dass es auf der Erde ständig den Wechsel von Frost und Hitze geben wird. Nachdem die Sintflut weggetrocknet war, hatte Gott ­reumütig gelobt, dass er die Erde hinfort nicht mehr verfluchen, sondern schonen wolle. Dazu gehört auch, die Voraussetzung für gute Ernten zu schaffen. So wie Saat und Ernte aufeinander folgen, ist die Natur vom ­steten Wechsel geprägt: Sommer und Winter, Tag und Nacht – und eben auch Frost und Hitze.

Wie der Tau die Hitze kühlt,
so ist ein gutes Wort
besser als eine Gabe.
Sirach 18,16

Wenn die Sonne gnadenlos vom ­Himmel niederknallt, fürchtet man: So bleibt es immer. Keine Wolke am Himmel, kein Baum verheißt Schatten. Wo Hoffnung ist? Im Warten auf die Abkühlung in der Nacht. Der Morgentau wird für frische Luft sorgen.

Denn du bist der Geringen Schutz gewesen, der Armen Schutz in der Trübsal, eine Zuflucht vor dem Ungewitter, ein Schatten vor der Hitze.
Jesaja 25,4f.; Jesus Sirach 14,27; 34,19

Wer auf Gott vertraut, kann in heißen Zeiten kühlende Erfahrungen der spirituellen Art machen. Gott biete wie ein Schatten Schutz vor Hitze, meint unter anderem der Prophet Jesaja. Wie ein »gewaltiger Schild« oder wie »ein schützendes Dach am heißen Mittag« würde Gott die Hitze vom Gläubigen fernhalten, schreibt der weise Jesus Sirach.

Doch leider gilt auch andersherum: Gott kann auch mit Hitze strafen. Das kündigt der Seher Johannes an, der die Geschehnisse im Endgericht beschreibt:

Und die Menschen wurden versengt von der großen Hitze und lästerten den Namen Gottes, der Macht hat über diese Plagen, und bekehrten sich nicht, ihm die Ehre zu geben. Offenbarung 16,9

Die Sonne gibt so hellen Glanz von sich, dass sie die Augen blendet.
Sirach 38,29; 43,3

Biblische Schmiede stöhnen über die Hitze ihrer Glutöfen, die das Erz schmelzen. Die Handwerker werden oft »vom Feuer versengt« und arbeiten sich »in der Hitze des Ofens müde«. Weil es in der Schmiede schon so unvorstellbar heiß zugeht, wirkt der Vergleich zwischen einem Schmelzofen und der Sonne besonders eindrücklich. »Dreimal mehr« erhitze die Sonne die Berge, erklärt der lebenserfahrene Jesus Sirach. Und mahnt die Menschen, die Augen vor der grellen Sonne zu schützen.

Sie werden nicht mehr hungern noch dürsten;
es wird auch nicht auf ihnen lasten die Sonne oder irgendeine Hitze.
Jesaja 49,10; 2. Petrus 3,10-12; Offenbarung 7,16

Am Ende aller Tage wird eine apokalyptische Hitze die Erde heimsuchen; Feuer wird die Himmel durchzüngeln, die Elemente werden »vor Hitze schmelzen«. Den wahrhaft Gläubigen allerdings wird die sengende Hitze nichts anhaben können; »in heiligem Wandel und frommem Wesen« stehen sie die endzeitlichen Katastrophen durch, wartend »auf einen neuen Himmel und eine neue Erde«. Das Warten lohnt sich. Denn danach werden sie nie wieder unter Hitze leiden müssen, kündigt der Prophet Jesaja an.

Uwe Birnstein

Buchtipp
Birnstein, Uwe: Das Beste aus der Bibel,
Echter Verlag, 224 S., ISBN 978-3-429-03211-1,
12 Euro

»Unsere Einheit ist unsere Stärke«

29. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Der neue LWB-Präsident plädiert für Geduld und gegenseitige Rücksichtnahme

Munib A. Younan, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und dem Heiligen Land, ist neuer Präsident des Lutherischen Weltbundes (LWB). Benjamin Lassiwe
hat mit ihm gesprochen.

Der palästinensische Bischof Munib A. Younan ist neuer Präsident des Lutherischen Weltbundes (LWB). Die in Stuttgart tagende 11. LWB-Vollversammlung wählte das 59-jährige Oberhaupt der rund 3000 Mitglieder umfassenden ­Evangelisch-Lutherischen Kirche von Jordanien und dem Heiligen Land mit  großer Mehrheit zum Nachfolger des US-amerikanischen Bischofs Mark Hanson. Foto: epd-bild/Norbert Neetz

Der palästinensische Bischof Munib A. Younan ist neuer Präsident des Lutherischen Weltbundes (LWB). Die in Stuttgart tagende 11. LWB-Vollversammlung wählte das 59-jährige Oberhaupt der rund 3000 Mitglieder umfassenden ­Evangelisch-Lutherischen Kirche von Jordanien und dem Heiligen Land mit großer Mehrheit zum Nachfolger des US-amerikanischen Bischofs Mark Hanson. Foto: epd-bild/Norbert Neetz

Bischof Younan, Sie kommen aus ­einer ausgesprochenen Konfliktregion. Was ist Ihre Perspektive für den Frieden im Nahen Osten?
Younan:
Als Bischof einer Kirche im Nahen Osten glaube ich, dass wir in eine neue Phase der Verhandlungen eintreten müssen, mit deren Hilfe wir die Zwei-Staaten-Lösung entsprechend der Grenzen von 1967 erreichen. Ich hoffe, dass diese beiden Staaten in Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung zusammenleben können. Und wir haben eine sehr klare Position zu Jerusalem: Es muss geteilt werden zwischen Juden, Christen und Muslimen, Palästinensern und Israelis. Dabei ist es ganz klar, dass diese beiden Staaten nicht ohne eine regionale Kooperation, wie wir sie von der EU kennen, existieren können.

Zusammen mit anderen palästinensischen Theologen haben Sie das Kairos-Papier unterzeichnet, dass die israelische Besatzung der palästinensischen Gebiete als Sünde bezeichnet. Warum?
Younan:
Lassen Sie mich da ganz deutlich sein: Ich billigte es – zusammen mit den übrigen Kirchenoberhäuptern. Besatzung nimmt den Menschen ihre Menschenrechte. Aber Gott schuf alle Menschen gleich. Die Idee hinter dem Papier ist, dass jeder Mensch seine Rechte genießen sollte, egal ob er Jude, Palästinenser, Israeli oder Araber ist. Und wenn er die Rechte anderer Menschen verletzt, begeht er eine Sünde.

Wie sieht das denn im Nahen Osten praktisch aus: Rechnen Sie angesichts der israelischen Sperranlagen damit, dass Sie im neuen Amt Probleme haben?
Younan:
Ich bin immer frei gereist, und nie hat mich jemand davon abgehalten. Natürlich geht es mir manchmal wie anderen Palästinensern, die unter den Kontrollen leiden, aber als Oberhaupt einer Kirche war es bislang eher einfacher zu reisen.

Im LWB wird derzeit über das Thema »Ordination von homosexuellen Geistlichen« diskutiert. Was ist Ihre Position dazu?
Younan:
Bevor ich dazu eine Meinung abgebe, müssen wir uns in unserer LWB-Region Asien darüber beraten. Wir planen dort einen Workshop über Ehe, Sexualität und Familie. Und wenn wir dort unsere Studien gehabt haben, kann ich etwas dazu sagen. Bis dahin sage ich das, was ein Bischof aus Tansania kürzlich in der Versammlung sagte: Seid geduldig, denn ich vertrete nicht mich selbst. Ich vertrete eine Gemeinschaft, und ich muss der Gemeinschaft gegenüber loyal sein.

Wie sehen Sie denn das Verhältnis zwischen den Mitgliedskirchen des LWB?
Younan:
Wir haben manchmal unterschiedliche Ansichten. Wir dürfen ­dabei nicht zu vorschnellen Entscheidungen kommen. Wir dürfen die ­Gemeinschaft nicht spalten. Es ist mein Ziel, dass unsere Einheit bestehen bleibt. Unsere Einheit ist unsere Stärke. Gemeinsam legen wir Zeugnis in der Welt ab.

Sehen Sie die Einheit des LWB in Gefahr?
Younan:
Ich habe diese Versammlung als sehr einheitlich erlebt. Selbst schwierige Fragen haben wir sorgfältig diskutiert. Und selbst wenn wir bei manchen Themen unterschiedlicher Meinung sind, werden wir unsere Einheit bewahren. Denn auf dieser Versammlung haben wir Verständnis zwischen Kirchen aus Ost und West, Nord und Süd erfahren. Unsere Gemeinschaft hat die Aufgabe, für die Heilung der Welt Zeugnis abzulegen. Wir machen Entwicklungshilfe, Mission und betreiben theologische Studien. Ich bin begeistert davon, was wir als LWB alles machen – selbst wenn es manchmal unterschiedliche Meinungen der Christen im Norden und Süden gibt.

Lassen Sie mich eine theologische Frage stellen: Wie verstehen Sie den Begriff »Kirche«?
Younan:
Unseren lutherischen Dokumenten nach ist das ganz einfach: Die Kirche sind die Menschen. Wenn Sie denken, dass die Kirche nur die Bischöfe sind, irren Sie sich. Die Frauen, die Männer, die Babys, die Laien und die Ordinierten sind die Kirche. Wir sind die Kirche. Als Bischof bin ich ­gerufen, die Kirche zu vertreten und nicht mich selbst, und ich bin gerufen, zu predigen und die Sakramente zu verwalten. Das ist unsere Theologie.

Sollte der LWB nur von Pastoren und Bischöfen oder auch von Laien geleitet werden?
Younan:
Unser lutherisches Verständnis ist, dass jedes getaufte Mitglied der Kirche an der Leitung der Kirche beteiligt sein kann, unabhängig vom Alter. Kinder und Erwachsene – alle sind wir Leiter, denn die Kirche ist ein Haus für alle. Und in diesem Haus erfahren wir die Gnade Gottes, die Gnade Christi. Und das ist die Kirche für mich – wir leiten sie alle. Bevor ich Entscheidungen treffen kann, berate ich mich mit den Frauen, mit anderen, mit allen. Das ist essenziell. Das ist die Kirche. Ich vertrete sie in dem, was sie sagen.

Ein »würdevoller Tod« oder hässliche Tierquälerei?

23. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Als nationales Kulturgut verteidigt, als Tierquälerei verpönt entzweit er die Gemüter: Stierkampf in der Plaza de Toros, der Stierkampfarena. 	Foto: epd-bild

Als nationales Kulturgut verteidigt, als Tierquälerei verpönt entzweit er die Gemüter: Stierkampf in der Plaza de Toros, der Stierkampfarena. Foto: epd-bild


Spanien: Die Stierkampfsaison hat begonnen – und mit ihr lebt die Diskussion über das Ritual erneut auf.

Er hat eine jahrhundertelange Tradition – und er ist wie kaum ein anderes Ritual ein Dorn im Auge von Tierschützern: der Stierkampf im Süden Europas.

Es ist ein Bild wie aus dem Paradies. Sechs Stiere liegen im Schatten unter einer alten Steineiche. Das Gras auf den Weiden ringsum steht hoch, im Winter hat es viel geschneit, und aus der Sierra de Guardarama vor Madrid fließt viel Wasser herunter. »So gut wie diesen Kampfstieren geht es keinem Masttier«, sagt Manuel Sanz überzeugt. Er züchtet in Colmenar Viejo bei Madrid Kampfstiere und hat kein Verständnis für die Gegner des Stierkampfs, die in diesem Frühjahr erneut eine Debatte über das blutige Ritual in Gang gesetzt haben. In der Region Katalonien diskutiert das Parlament schon seit Langem über ein Verbot.

Der Tag hat für Manuel Sanz früh begonnen. Zwei Jungstiere sind mit den Hörnern aufeinander los, haben dabei eine Mauer durchbrochen, die die Weide begrenzt. Mit einem Geländewagen und laut hupend und rufend hat er sie schließlich wieder zu den anderen Tieren zurückgetrieben. »Zum Glück passiert das nicht ständig«, sagt er und wischt sich den Schweiß von der Stirn.

»Im Schlachthof würden sie viel mehr leiden«
Auf der 400 Hektar großen Finca leben seine knapp 40 Stiere, nach Jahrgängen getrennt. Manuel Sanz füllt die Futterstellen auf, jeder Stier hat einen eigenen Trog. »Gerste, Mais, Hafer, Bohnen, Soja und ein Vitaminzusatz«, erklärt der Züchter. Währenddessen spricht er mit den Tieren, mal langsam und leise, dann ruft er wieder laut.

Fremden gegenüber sind die Tiere misstrauisch. »Die machen nichts«, versichert Sanz selbst, als die rund 400 Kilo schweren Tiere den Kopf ­senken und ihre Hörner zeigen. »Nur in der Arena greifen sie an, sie verteidigen sich ja, es geht um ihr Leben. Ein solcher Tod nach 20, 25 Minuten ist würdevoll«, ist der Züchter überzeugt. »Im Schlachthof hätten sie diese Möglichkeit nicht. Darum sage ich ja, dass sie dort mehr leiden.« Aber den Kritikern könne man das nicht ­erklären.

Manuel Sanz meint die Stierkampfgegner, die immer heftiger gegen die »fiesta nacional« protestieren. Im nordostspanischen Katalonien streiten die Parlamentarier seit Monaten über ein Verbot, bald soll die Entscheidung fallen. Die Anhörung im Parlament war der Spiegel eines sich schon seit Jahren wiederholenden Rituals, bei dem die Argumente längst ausgetauscht sind. Ein echter Dialog scheint kaum möglich: Für die einen ist Stierkampf eine Tierquälerei, für die anderen Hochkultur und ein Zeichen spanischer Identität. Die Frage, ob das ritualisierte Töten in der Arena ethisch zu rechtfertigen ist, hat die Fronten längst verhärtet.

Gegner sprechen von »Schule der Brutalität«
»So eine Schule der Brutalität darf niemals zum Kulturgut erklärt werden«, verlangten jüngst Teilnehmer einer Demonstration in der Madrider Innenstadt. Sie kritisierten die Pläne ­einiger spanischer Regionalregierungen, den Stierkampf als Kulturgut zu schützen und forderten, das Verhältnis zwischen Mensch und Tier grundsätzlich zu überprüfen.

Dabei gäbe es durchaus Ansatzpunkte für einen Dialog. Kaum etwas verachten etwa die Anhänger des Stierkampfs mehr, als ängstliche Toreros, deren zaghaftes Verhalten das Leiden des Stiers unnötig verlängert. So steht der Torero beim Töten des Tiers unmittelbar vor ihm, um ihm den Degen durch die Schulterblätter bis ins Herz zu stechen, während der Stier auf ihn zuläuft. Dreht sich der Torero zu früh weg, trifft er die fragliche Stelle nicht. »Das ist Tierquälerei«, schrieb darum auch einmal »El País« in einer Stierkampfkritik über einen Kampf, bei dem der Torero immer wieder vergeblich zum Töten ansetzte.

Aber auch Manuel Sanz ist von der Haltung der Tier- und Umweltschützer nicht so weit entfernt, wenn er über Landschaftsschutz und ausufernde Bebauungspläne spricht. Früher hätten die Züchter von Colmenar Viejo die Stiere aus der Madrider Sierra bis nach Madrid zu Fuß getrieben, erzählt er. Dafür benutzten sie die »Cañadas Reales«, königliche Viehwege, die König Alfons der Weise schon im 13. Jahrhundert unter Schutz gestellt hatte. Doch inzwischen werden diese traditionellen Wege immer mehr verbaut, verlaufen durch geschlossene Ortschaften. »Mit Kampfstieren kann man da nicht mehr durch«, sagt der Züchter.

Der Widerspruch zwischen der Fürsorge für die Tiere und dem Kampf in der Arena löst sich für Außen­stehende schwer auf. Vier Jahre zieht Manuel Sanz die Kampfstiere auf, sorgt sich darum, dass es ihnen gut geht, spricht mit ihnen. Aber wenn in der Arena ihr Blut fließt, sieht er ­keinen Grund für Mitleid. »Wenn sie in den Schlachthof kämen, das würde mich sehr schmerzen«, sagt er, und ­erklärt: »Diese Tiere sind nicht dafür da, im Schlachthof zu sterben. Sie sind dafür gemacht, in der Arena zu sterben.« (epd)

Hans-Günter Kellner

»Alles Gute zum Alltag«

23. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Musiker Samuel Harfst hat Erfolg mit seinen Texten über Gott und die Welt

Der Musiker Samuel Harfst bei einem Auftritt mit seiner Band. 	Foto: epd-bild

Der Musiker Samuel Harfst bei einem Auftritt mit seiner Band. Foto: epd-bild

Entspannt sitzt Samuel Harfst in ­einem Gießener Café. Die beiden Mädchen hinter der Theke fragen nach seinem neuen Album. Harfst lächelt. »Hier in Gießen werde ich auf der Straße erkannt«, sagt der Musiker. Doch sonst kennen viele nur seinen Song Stefanie Walter aus der iPhone-Werbung. Trotzdem: Es läuft sehr gut für den 24-Jährigen aus dem mittelhessischen Hüttenberg. Gerade war seine Band als Vorgruppe mit Whitney Houston auf Deutschland-Tour, er bekam einen Plattenvertrag beim Musikkonzern EMI und das neue Album »Alles Gute zum Alltag« ist herausgekommen. Sein Theologiestudium hat Samuel Harfst abgebrochen und lebt ganz von der Musik.

In seinen Texten schreibt der Musiker auch über Gott: »Auch wenn du nicht mehr glaubst, Erwartungen zurückschraubst und sagst, an Gott glaub ich nicht, sag ich dir, Gott glaubt an dich, und er tut auch heute noch Wunder«, heißt es im Song »Das Privileg zu sein«. Harfst stammt aus einem christlichen Elternhaus. Er ist in einer freikirchlichen Gemeinde groß geworden und nutzte das vor allem als »Background«, wie er sagt, etwa für Proben in den Räumen der Gemeinde.

Samuel Harfst steht zu seinem Glauben, doch möchte er seine Band nicht als »christlich« bezeichnet sehen. Er mag keine Schubladen. Man nenne sie schließlich auch nicht »männliche Band«, obwohl sie ja nur aus Männern bestehe. Er will sich auch keiner Musikrichtung zuordnen lassen, beschreibt seinen Stil jedoch als »Singer Songwriter«. »Aber wir ­haben auch Klassik-Fans, die unsere Musik wegen des Cellos hören.«

Er tritt mit seinem Bruder David und dem Cellisten Dirk Menger auf. Samuel singt, spielt Gitarre und verfasst die Texte. »Ich schreibe über ­alles, was mich bewegt, bewusst und unbewusst.« In »Alles Gute zum Alltag« beispielsweise: »Nimm das Leben in die Hand, grab die Träume aus dem Sand, träume hellwach, träume groß, lass die Hoffnung niemals los.«

Dieses »groß träumen, aber hellwach sein« bedeutet für Harfst eine Art Leitmotiv, wie er sagt. Seit seiner Kindheit gehört Musik zu seinem ­Leben. Als ihm 2005, während eines Studiums in Australien, das Geld ausging, machte Harfst auf der Straße Musik. 2009 schaffte es die Band ins Finale des MTV-unplugged-Nachwuchswettbewerbs.

Dennoch stellte sich der Erfolg nicht von allein ein: »Wir haben uns schon immer gefragt: Was ist, wenn es richtig losgeht? Darauf waren wir vorbereitet.« Ohne ihr Wissen tauchte der Musikmanager Ralf Schroeter bei einem Konzert in Bremen auf. »Wir hatten vorher stundenlang an unseren Songs gefeilt.« Die Jungs arbeiten diszipliniert, aber nicht »angstgetrieben«. Harfst: »Bei uns steht die Freude am Erschaffen im Vordergrund.« Obwohl die Band auf großen Bühnen spielt, tritt sie hin und wieder auf der Straße auf, wie gerade erst in München und in Berlin.
Mit dem Erfolg geht Harfst gelassen um. »Haupt-Schwerpunkt ist nicht die Musik, sondern mein Leben. Wichtig ist, dass das Leben gelingt«, sagt er. »Im Moment machen wir mal weiter und gucken, wo es hingeht.«

Stefanie Walter (epd)

Die Angst vor dem virtuellen Freund

22. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Es macht Spaß, im Internet neue Leute kennenzulernen, doch manchmal entpuppt sich der Freund als Feind. Foto: epd-bild

Es macht Spaß, im Internet neue Leute kennenzulernen, doch manchmal entpuppt sich der Freund als Feind. Foto: epd-bild


Streit im Netz: Viele Jugendliche in Deutschland haben als Opfer oder Täter mit Mobbing im Internet zu tun

Mobbing gibt es nicht nur im Klassenzimmer und auf dem Schulhof, sondern auch im Internet. Die Drangsalierung anderer Menschen über das Internet, in Chatrooms oder mittels Handy ist in dem Begriff Cyber-Mobbing zusammengefasst.

Heiko hält seine Hand vor die Kamera und zeigt seine Narbe. »Die ist zurückgeblieben, nachdem ich mit der Faust in den Bildschirm geschlagen habe«, erzählt der schmale Junge mit der blonden Igelfrisur. »Ich bin so ausgerastet, weil er meine Eltern beleidigt hat.« »Er« war eine virtuelle Bekanntschaft, mit der der 14 Jahre alte Schüler vor knapp zwei Jahren ein paar Mal gechattet hatte, bevor sich der Freund als Feind entpuppte.
Mindestens 15 Nachrichten täglich habe ihm der Junge geschickt, eine schlimmer als die andere, erzählt Heiko. Die Beleidigungen gingen in Bedrohungen über und mündeten schließlich in dem Satz: »Ich bringe dich um.« Er habe richtig Angst gehabt, berichtet der Wuppertaler Schüler. Erst als Heiko mit seinen Eltern zur Polizei ging und Computerspezialisten die Adresse des Mobbers herausfanden und ihn zur Rede stellten, war Schluss.

Auch Madita, Diandra, Alina und Ayla haben Erfahrungen mit Cyber-Mobbing gemacht. Vor der Kamera fällt es ihnen bisweilen sichtlich schwer, darüber zu berichten. Doch ihnen ist wichtig, andere Jugendliche vor dem allzu sorglosen Umgang mit dem Internet zu warnen. Mit ihrer ­Dokumentation »Streit im Netz«, die sie beim Medienprojekt Wuppertal gedreht haben, hoffen sie nun möglichst viele andere jugendliche User
zu erreichen.

Die Chancen stehen gut, meint Projektleiter Andreas von Hören. Zahlreiche DVDs seien bereits von Schulen und Jugendzentren bestellt worden. Der Medienpädagoge dreht schon seit 1992 mit Jugendlichen Filme, die einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt werden – im Wuppertaler Kino, auf Festivals und als bundesweit vertriebene DVD-Produktion. »Es gibt ein großes Interesse an dem Thema«, sagt von Hören. »Denn immer mehr Jugendliche erleben auch die negativen Seiten der sozialen Netzwerke.«

Jeder fünfte Jugendliche in Deutschland hat einer Studie zufolge als Opfer oder Täter mit Mobbing im Internet zu tun. »Fast 80 Prozent derjenigen, die Klassenkameraden ausgrenzen und beleidigen, tun dies auch im Internet«, erklärt die Kölner Sozialpsychologin Catarina Katzer. Sie hat die bislang einzige repräsentative ­Studie zu »Cyber-Bullying« – das englische Verb »bully« bedeutet »quälen« oder »nötigen« – in Deutschland veröffentlicht. In einem Interview mit den Jugendlichen des Medienprojekts warnt die Psychologin davor, die virtuellen Beleidigungen einfach nur »wegzuklicken«. Es sei wichtig, die Mobber in ihre Schranken zu weisen.

»Diese Form des Mobbings hat eine ganz neue psychologische Dimension«, mahnt Katzer. »Denn man bleibt ein ganzes Lebens lang Opfer.« Was einmal im Internet stehe, sei kaum noch zu löschen und für eine breite Öffentlichkeit sichtbar. Wer ­soziale Netzwerke nutze, sollte daher genau überlegen, was er von sich preisgebe. Katzer appelliert an Eltern und Lehrer, Kinder und Jugendliche über die Risiken des Internets aufzuklären. Außerdem sollten Lehrer sich um den Streit im Netz kümmern und sich einschalten, wenn Schüler von ihren Klassenkameraden virtuell beleidigt würden. »Das gehört zu ihrer Sorgfaltspflicht«, meint die Sozialpsychologin.

Zwar machten die Lehrer Mobbing zum Thema, erzählt die 14 Jahre alte Madita. Aber nicht so, dass es in der Klasse ernst genommen werde. Eine Gruppe von Mitschülern hatte Madita im Internet gezielt beleidigt und Gerüchte über sie gestreut. »Für die Lehrer war das doch nur Kinderkacke«, meint die Schülerin. Also meldete sie die Mobbinggruppe dem Betreiber der Seite, der das Forum daraufhin sperrte. Sich aus Netzwerken wie SchülerVZ, Facebook oder Knuddels ganz zurückzuziehen oder gar die Klasse zu wechseln, war für Madita keine Lösung. »Ich lasse mich nicht einschüchtern, das gönne ich denen nicht.«

Diandra fühlte sich von ihren Lehrern zwar ernst genommen, empfand sie aber als »machtlos« im Kampf ­gegen Cyber-Mobbing. Jemand aus ihrer Klasse hatte ein manipuliertes Bild von ihr ins Internet gestellt.

»Das war total eklig«, sagt sie und ­lächelt verlegen. Ihr Gesicht sei auf den Kopf einer Pornodarstellerin ­kopiert worden, die beim oralen ­Geschlechtsverkehr gezeigt wurde. »Als ich das Bild sah, habe ich einen Heulkrampf bekommen«, erzählt die zwölf Jahre alte Schülerin in der ­Dokumentation.

Auf ihr eigenes Profil im Internet möchte Diandra trotz dieser Erfahrung nicht verzichten. Jeden Tag ist sie online, genau wie die anderen Jugendlichen des Medienprojekts auch. Aber sie ist vorsichtiger geworden. »Man sollte aufpassen, mit wem man im Internet Umgang hat«, sagt sie.

Auch Ayla warnt vor zu viel Vertrauensseligkeit. Sie appelliert an die Zuschauer der Dokumentation, sich lieber auf die Freunde im echten ­Leben zu verlassen. Und zwar nicht nur aus Angst vor Cyber-Mobbing. »Mit jedem virtuellen Freund wird es schwieriger, Zeit für richtige Freunde zu haben«, betont die 18 Jahre alte Schülern. »Sonst wird man mit 3000 Hallo- und Tschüss-Freunden aus dem Internet vereinsamen.« (epd)

Von Sabine Damaschke

www.medienprojekt-wuppertal.de

Ein Politjunkie entdeckt die Stille

22. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Ulrich Kasparick hat die Notbremse gezogen und hält sie in der Hand in Form seines Buches, in dem er über seine Erfahrungen berichtet. Foto: Benjamin Lassiwe

Ulrich Kasparick hat die Notbremse gezogen und hält sie in der Hand in Form seines Buches, in dem er über seine Erfahrungen berichtet. Foto: Benjamin Lassiwe


Der ehemalige Staatssekretär Ulrich Kasparick wagte den Ausstieg aus der Politik

Von Termin eilte er zu Termin, von Sitzung zu Sitzung. Ulrich Kasparick war ein »Politjunkie«. Als Parlamentarischer Staatssekretär zuerst im Bildungs- und dann im Verkehrsministerium gehörte der SPD-Politiker fünf Jahre lang der Bundesregierung an. Heute sitzt er in Jeans auf seiner Terrasse und kocht dem Besucher Kaffee. Denn Ulrich Kasparick hat die Notbremse gezogen: Bei der ­Bundestagswahl im vergangenen Jahr trat er nicht wieder an – obwohl er ­seinen Wahlkreis in der Magdeburger Börde zuvor drei Mal direkt gewonnen hatte.

Es waren eine Nierenkrebsoperation und der anschließende Besuch in einer rheinländischen Trappistenabtei, die den Bruder des Regional­bischofs von Halle-Wittenberg, Propst Siegfried Kasparick, nachdenklich werden ließen. »Das war der erste Gong, die Frage, ob du nicht zu viel machst.« Auch ein Besuch in einem ­islamischen Zentrum in Afghanistan trug dazu bei, dass der Staatssekretär begann, sich mit christlicher Mystik auseinanderzusetzen. Denn Kasparick, der vor der politischen Wende in der DDR Stadtjugendpfarrer in Jena war, merkte, wie abhängig er als Berufspolitiker war. »Ein Politiker stellt sich für ein Amt zur Verfügung, macht Wahlkämpfe und löst die Probleme anderer Leute«, sagt er. »Sein Brot ist es, gebraucht zu werden.« Doch das sei wie ein Hamsterrad: »Man wird abhängig davon, gebraucht zu werden. Man wird abhängig von öffentlicher Anerkennung, vom Wohlwollen der Presse.« Politiker bräuchten immer höhere Ämter, immer mehr Anerkennung, das Rad drehe sich immer schneller. Wie bei einer Drogensucht.

Der Politiker beschloss, auszusteigen. Schon Anfang 2009 wusste er, dass er im Herbst nicht mehr zur Wahl antreten würde. Heute lebt er in einem »Sabbatical«: Alle Stellenangebote, die es nach dem Ausscheiden aus dem Parlament gab, schlug er aus. Derzeit bezieht der Theologe das Übergangsgeld, das jedem Politiker beim Ausscheiden aus dem Bundestag zusteht. Kasparick nutzt die neu gewonnene Zeit für Stille, zum Lesen und Nachdenken. »Es ist ein zentrales Thema der Leistungsgesellschaft: Was passiert, wenn du keine Leistung mehr bringst?«, sagt er. Als Theologe erinnert er sich an Martin Luther. Denn »Sola gratia« – »allein aus Gnade Gottes« – lautet einer der Kernsätze des Reformators. »Wir leben nicht aus Leistung, wir leben aus der Gnade«, sagt Kasparick. »So wie du bist, so ist es gut.« Als Politiker habe er sich selbst wie einen Entwurzelten erlebt, sagt der Theologe heute rückblickend. Freundschaften zerbrachen, weil Kasparick nie die Zeit hatte sie zu pflegen.

Dienstliche Kontakte bestimmten sein Leben. Heute nimmt sich der Theologe Zeit, um neue Netzwerke aufzubauen. Auf einer Internetseite widmet er sich Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. »Natürlich, mir hat die eigene Tapferkeit auch Angst ­gemacht«, sagt Ulrich Kasparick. »Manchmal bin ich aufgewacht und habe gedacht: Du gehst ja voll auf ­Risiko.« Es könne gut sein, dass das Übergangsgeld auslaufe und der Theologe dann ohne Job dastehe. Aber mancher alte Weggefährte sei heute auch richtig neidisch: Denn ­Ulrich Kasparick hat die Notbremse gezogen. Vielen anderen Politikern, Unternehmern oder Journalisten gelingt das nicht.

Benjamin Lassiwe

Über seine Erfahrungen hat der ehemalige Politiker ein Buch geschrieben:

Kasparick, Ulrich: Notbremse. Ein Polit­junkie entdeckt die Stille,
Gütersloher Verlagshaus, 222 S.,
ISBN 978-3-579-06768-1, 17,95 Euro

Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (03643)246161

»Wie neugeboren«

22. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Leben unter den wachsamen Augen der Staatsreligion – eine verschleierte Frau im Iran. Viele Flüchtlinge fühlen sich in Deutschland vom christlichen Glauben angezogen.  Foto: epd-bild/Walter G. Allgöwer

Leben unter den wachsamen Augen der Staatsreligion – eine verschleierte Frau im Iran. Viele Flüchtlinge fühlen sich in Deutschland vom christlichen Glauben angezogen. Foto: epd-bild/Walter G. Allgöwer


Migranten: Ein Pfarrer aus Hannover begleitet iranische Flüchtlinge – Dutzende lassen sich jeden Monat taufen.

Nach Deutschland ­geflüchtete Iraner haben die Nase voll vom islamistischen Mullahregime. Für viele wird nicht nur westliche Demokratie, sondern auch christlicher Glaube zu einer neuen Erfahrung.

Noch vor einem Jahr unterrichtete die 30-jährige Parysa mit Kopftuch an einer Schule in der iranischen Stadt Isfahan. Heute lebt sie in Deutschland, trägt Jeans und ihre Haare offen. Vor einem halben Jahr hat sie sich in Hannover christlich taufen lassen und nahm ­dabei den armenischen Namen Arpi an. Wie sie bekennen sich in Deutschland jeden Monat mehrere Dutzend iranische Flüchtlinge bei Festgottesdiensten zum Christentum. Erst kürzlich erwartete die evangelische Landeskirche Hannovers wieder rund 40 von ihnen zu einem Tauffest in der Landeshauptstadt.

Pastor Hans-Jürgen Kutzner betreut bundesweit bis zu 1000 Iraner und veranstaltet mit ihnen Gottesdienste auf Deutsch und Farsi. Der Theologe aus Hannover ist der einzige hauptamtliche evangelische Iraner-Seelsorger innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und hat selbst schon zahlreiche Iraner getauft. »Sie kommen aus einem Gottesstaat, in dem Religion und Politik nicht getrennt sind«, sagt er. Viele ­hätten Gewalt und Folter im Namen des Islam erlitten. »Wenn man eine Diktatur auf diese Weise erlebt, will man davon frei sein.«

Die Abkehr vom Islam und die Hinwendung zum Christentum sei für die Flüchtlinge deshalb oft mit einer politischen Botschaft verbunden. So sei die Zahl der Hilfesuchenden und der Täuflinge nach den Präsidentschaftswahlen und den großen Demonstrationen im Iran im vergangenen Jahr spürbar gestiegen. »Es geht uns nicht um Mission, sondern um die Menschen«, betont Kutzner. »Wir helfen natürlich auch denen, die sich nicht taufen lassen.«

Arpi weigerte sich im Iran, den Ganzkörperschleier Tschador zu tragen, und wurde deshalb an eine Dorfschule versetzt. Kurze Zeit später floh sie nach Deutschland. Ihr sonst fröhliches Gesicht verfinstert sich, als sie davon spricht. »Ich war nie eine überzeugte Muslima«, sagt sie. Zudem sei es ihr schwergefallen, die ungleiche Behandlung von Männern und Frauen zu akzeptieren.

Für sie ist die im deutschen Grundgesetz festgelegte Religionsfreiheit ­etwas Besonderes, das sie sich lange gewünscht hat. Wenn sie an ihre Taufe denkt, wirkt die junge Frau euphorisch: »Ich fühlte mich wie neugeboren.« Auch ihre Familie im Iran habe sich für sie gefreut. Arpi ist sich sicher: Wenn sie zurück in die alte Heimat müsste, drohe ihr der Tod durch Steinigung oder Erhängen.

Um getauft zu werden, müssen sich die Interessenten Grundkenntnisse des Christentums aneignen – meist über das Internet. »Wir sagen ihnen auch ein paar unbequeme Wahrheiten«, betont Kutzner. So ebne ihnen die Taufe keineswegs automatisch den Weg in die westliche Gesellschaft. Und sie sei ein Risiko, wenn sie wieder in den Iran zurückkehren müssten. Denn: Die deutschen Behörden nähmen bei einer drohenden Abschiebung kaum noch Rücksicht auf die ­Religionszugehörigkeit.

Der 31-jährige Dariush hat sich vor zwei Jahren bei einem Tauffest zum Christentum bekannt. Der gelernte Maschinenbau-Ingenieur wohnt in ­einem Asylbewerberheim und weiß nicht, ob er in Deutschland bleiben darf. »Als ich meinen Eltern von ­meiner Taufe erzählt habe, haben sie gedroht, mich umzubringen«, erzählt er. »Sie sagten, ich sei nicht mehr ihr Sohn.« (epd)

Von Charlotte Morgenthal und Michael Grau

»Apokalyptische Zerstörung« von Gotteshäusern

16. Juli 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Zerstörte Fresken, abgefräste Engelsköpfe: Ioannis Eliades, Direktor des Byzantinischen Museums von Nikosia, betrachtet fassungslos die Zerstörungen in der Muttergottes-Kirche von Trachóni im Nordteil Zyperns.  Foto: Giorgio Tzimurtas

Zerstörte Fresken, abgefräste Engelsköpfe: Ioannis Eliades, Direktor des Byzantinischen Museums von Nikosia, betrachtet fassungslos die Zerstörungen in der Muttergottes-Kirche von Trachóni im Nordteil Zyperns. Foto: Giorgio Tzimurtas


Die orthodoxe Kirche von Zypern ist in großer Sorge über die Auslöschung ihres christlichen Kulturerbes im Norden der geteilten Insel.

Von Giorgio Tzimurtas

Tiefe Risse schlängeln sich durch das Mauerwerk der Muttergottes-Kirche. Marode Balken stützen nur noch mühevoll das Dach des Arkadengangs. Auf dem Hof des Gotteshauses liegen zerschlagene Marmorkreuze mit den Namen von Toten. Der beißende Geruch von Vogeldreck durchzieht das Innere. Vom Templon, der hölzernen Wand zwischen Gemeinderaum und Allerheiligstem, ist nur noch ein Gerüst übrig.

Der Zustand der Muttergottes-Kirche in Trachóni ist kein Einzelfall im türkisch besetzten Norden Zyperns. Rund 550 christliche Gotteshäuser sind nach Zählungen der orthodoxen Kirche hier seit der Invasion türkischer Truppen im Jahr 1974 zerstört, zweckentfremdet und systematisch geplündert worden.

Kirchen wurden Viehställe, Diskotheken oder Ruinen
»Alles, was irgendwie zu verwerten war, wurde entwendet. Holz, Kabel, Kerzenhalter«, sagt Ioannis Eliades während er die Muttergottes-Kirche durchschreitet. Der Direktor des Byzantinischen Museums von Nikosia lehnt sich an das Rudiment des Templon und blickt entsetzt auf einen Engelskopf, dessen Gesicht abgefräst wurde. Der 42-jährige Eliades gehört zu jenen 160000 griechischen Zypren, die von Ankaras Armee in den Süden vertrieben wurden. Auf dem eroberten Gebiet wurde 1983 die »Türkische Republik Nordzypern« ausgerufen. Sie ist international nicht anerkannt.

Das Territorium wurde zum Ort eines beispiellosen Vandalismus gegen das christliche Erbe der Insel: Kirchen sind hier Viehställe, Leichenkammern, Lagerhallen, Diskotheken, Teil militärischer Anlagen oder Ruinen. Kunstdiebe brachten sakrale Schätze von weltweit herausragender Bedeutung auf internationale Auktions- oder auf Schwarzmärkte.

Eliades ist mit seinem aus Griechenland stammenden Kollegen Professor. Dr. Charalambos Chotzakoglou der Leiter eines kleinen Teams unter der Ägide des orthodoxen Kykko-Klosters im Süden, das die Zerstörung ­dokumentiert. Das Ziel: Im Falle einer Wiedervereinigung soll die Restaurierung der Kirchen beginnen.

Die Datenbank der Wissenschaftler, die auch alle verfügbaren Aufnahmen aus den Jahren vor 1974 enthält, dient zugleich der Beweisführung: Wenn aus dem besetzten Nordteil gestohlene Kunstschätze irgendwo auf der Welt auftauchen, soll anhand der Fotos die Herkunft der Preziosen zweifelsfrei belegt werden. Die Aufnahmen zeigen, wie Heiligengesichter von Schmugglern aus den Wanddarstellungen herausgeschlagen wurden, wie einst prachtvoll ausgemalte Innenräume der Fresken völlig entkleidet und mit Graffiti verunstaltet sind.

15000 Ikonen, erklärt Eliades, seien aus den Kirchen im türkisch okkupierten Norden gestohlen, etliche Mosaike und Fresken von kunsthistorischem Weltrang von den Wänden der Gotteshäuser entfernt worden. Fahnder des Bayerischen Landeskriminalamtes (BLKA) entdeckten im Oktober 1997 und im Februar 1998 bei Razzien in drei Münchener Wohnungen eines türkischen Staatsbürgers sakrale Kunst aus dem besetzten Teil Zyperns. Darunter ein Mosaik-Fragment, das den Apostel Thomas zeigt. Der Schätzwert: acht Millionen Euro.

Kunstschätze lagern bei der bayerischen Polizei
Es stammt aus der Muttergottes-Kirche Kanakaria im Dorf Lykranthome. Die beschlagnahmten Kunstschätze lagern seither in der Asservatenkammer des BLKA. Spektakulär war auch ein langjähriger Prozess in den USA gegen die Kunsthändlerin Peg Goldberg, durch den es der Republik Zypern und der orthodoxen Kirche der Insel 1989 gelang, kostbare Fragmente aus der Kanakaria-Kirche wiederzuerlangen.

Als »Symbol der systematischen Plünderung und barbarischen Zerstörung des christlichen Kulturerbes« im Norden, bezeichnet Chotza­koglou das byzantinische Antiphonitis-Kloster im Dorf Kalograia. Dort »sind die Fresken der Kirche aus dem 12. und 15. Jahrhundert in kleine Teile geschnitten worden, um sie einfacher an Privatsammler zu verkaufen«.

Die Fotografien der Forscher veranschaulichen: »Die Zerstörung ist nahezu total und sie betrifft nicht
nur die orthodoxen Kirchen und ­Klöster, sondern auch jene der Maroniten, Armenier, Latiner und Pro-
testanten sowie einen jüdischen Friedhof«, lautet das Fazit von Chotzakoglou. Was er und sein Team sahen, bezeichnet der Archäologe als »apokalyptisch«.

Papst Benedikt XVI. wurde während seines Zypernbesuchs Anfang Juni vom orthodoxen Erzbischof der Insel, Chryssostomos II., über das Ausmaß der Zerstörung von Gotteshäusern im Norden der Insel informiert. Eliades führte den Pontifex durch eine Sonderausstellung des ­Byzantinischen Museums, zeigte ihm auch zurückerlangte Kunstwerke, die in Deutschland entdeckt wurden. Ebenso berichtete Eliades dem Oberhaupt der katholischen Kirche über die noch in München lagernden Kunstschätze. Der Papst bat ihn um ein »Memo« zum Thema.

Bislang verhinderte eine komplizierte Rechtslage die Rückführung der sichergestellten Kostbarkeiten von München nach Zypern. Benedikt XVI. will den Erzbischof von München-Freising, Reinhard Marx, bitten, sich in der Angelegenheit kundig zu machen. Für Eliades ist dies eine hoffnungsvolle Entwicklung.

Fiktion trifft auf Realität

16. Juli 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Der Schauspieler Ottfried Fischer (li.) als Pfarrer Braun mit Lutz Reichert als Gärtner Erich Swoboda bei Dreharbeiten zu einer Verfilmung des Kriminalklassikers mit Pfarrer Braun.  Foto: epd-bild

Der Schauspieler Ottfried Fischer (li.) als Pfarrer Braun mit Lutz Reichert als Gärtner Erich Swoboda bei Dreharbeiten zu einer Verfilmung des Kriminalklassikers mit Pfarrer Braun. Foto: epd-bild


Drehbuchautoren holen sich bei Pfarrern Tipps für Filmstoffe

Wenn sich Schwester Hanna vom Kloster Kaltenthal aufs Fahrrad schwingt, um entlaufene Kinder oder Ehemänner einzufangen, dann beginnt für viele Fernsehzuschauer ein vergnüglicher Fernsehabend. Die ARD-Serie »Um Himmels Willen« zeigt einen unterhaltsamen Ausschnitt aus der Welt des Glaubens und der Kirche. Klischeehaft und unrealistisch oder sympathischer »Türöffner« für die Wahrnehmung des zentralen kirchlichen Arbeitsfeldes Seelsorge? Eine Begegnung von Seelsorge-Profis mit Drehbuchautoren und Medienexperten ermöglichte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) auf einer Tagung in Köln.

»Wir wollen kein kirchliches Themen-Placement im fiktionalen Programm durchsetzen, sondern den Austausch von Experten fördern«, betont Markus Bräuer, EKD-Medienbeauftragter. Wie wichtig es ist, dass Fiktion auf Wirklichkeit trifft, zeigt sich an dem großen Interesse von Krimi-Autoren und Produzenten an dem kirchlichen Berufsalltag. Die Drehbuchschreiber wollen wissen, wo sich zwischen Büro, Kirchenbank und Unfallort beim Gemeindepfarrer, der Krankenhausseelsorgerin oder dem Polizeiseelsorger der Glaube abspielt – und was sie von Psychologen und Therapeuten unterscheidet.

Die Kölner Kinderkrankenhausseelsorgerin Christa Schindler erzählt von Eltern, die monatelang im Patientenzimmer zwischen Plastikstuhl und Bettkante leben, um beim schwer kranken Kind zu sein. Sie erzählt von dem Vater, der vor Verzweiflung einen Arzt zusammenschlug, weil er dessen »Fachchinesisch« nicht mehr ertragen konnte. Von den Eltern, die nach einem Unglück ihr totes Kind nicht mehr berühren durften, weil die Polizei zur Spurensicherung das Zimmer versiegeln musste.

»Wir sind Freiräume im System«, sagt Polizeiseelsorger und Landespfarrer Werner Schiewek aus Münster. Anders als Polizeipsychologen stünden die kirchlichen Seelsorger bei den Beamten nicht im Verdacht, gleich ­einen pathologischen Befund zu erstellen. Zwar stünden die Seelsorger für die Beamten nach Familie und Kollegen an letzter Stelle als persön­liche Helfer. »Aber wir sind niedrig schwellig ansprechbar, wir kennen die Logik der Polizei, müssen uns aber nicht daran halten – und alle wissen um unsere Schweigepflicht.«

Seelsorge in Verbindung mit Berufsethik stelle ein wachsendes Arbeitsfeld dar, auch im Unterricht während der Ausbildung, schildert Schiewek. Die Diskussion etwa über die ­polizeiliche Folterandrohung bei der Vernehmung des Kindesentführers Magnus Gäfgen berühre die Arbeit des Polizeiseelsorgers immer wieder. Oder die Frage des Umgangs mit Waffengewalt. Und wie ein unter Schweigepflicht stehender Seelsorger mit ­Äußerungen von Eltern umgeht, die vermutlich ihr Kind selbst töteten.

Im beruflichen Alltag eines kirchlichen Seelsorgers reiben sich Glaubens-, Sinn- und Schuldfragen. Polizeiseelsorger Schiewek und auch der Düsseldorfer Polizeihauptkommissar Wolfgang Lorenz würdigen, dass in einer wachsenden Zahl von TV-Produktionen, vor allem Krimiserien, durchaus theologische und berufspraktische Fragen lebensnah behandelt werden und die Figuren an Tiefenschärfe gewinnen. Kirche und Glauben müssen im fiktionalen Programm nicht nur als dekorative Kulisse dienen.

»Viele mögen bemängeln, dass Religion und Glauben im Alltag eher Privatsache geworden sind, und damit umso seltener offenkundig als gelebte Gemeindekirche im Fernsehen erscheinen«, sagt Pfarrer Christian Engels, evangelischer Senderbeauftragter der EKD für das Privatfernsehen. »Aber das ist meiner Meinung nach gut so.« Denn sonst gewännen wie in den 50er Jahren wieder »engelsgleiche und edelgute Pfarrer« die Oberhand. Derartiger »Kitsch« bleibe zumindest mit Blick auf Kirche dem Fernsehpublikum weitgehend erspart, sagt er.

Soll mehr gelebter Glaube im TV gezeigt werden, etwa wie Menschen beten oder die Arbeit eines Pfarrers als Teil einer lebendigen Gemeinde, der nicht als Kriminalist ermittelt? Da sind sich auch die Medienschaffenden uneins. Polizeiseelsorger Schiewek jedenfalls vermisst sich und seine Rolle nicht im TV. »Zu viel Büroarbeit, zu viele Gesprächssituationen, das ist dramaturgisch nicht sexy genug«, räumt er ein. Aber der Theologe hat jede Menge Stoffideen aus dem wahren Leben im Kopf, etwa von dem verdeckten ­Ermittler und seiner gebrochenen Biografie. Drehbuchautoren auf der Suche nach Stoffen sollten sich an den Münsteraner wenden.

Gabriele Fritz (epd)

Jesus und seine Option für die Armen

16. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Jesus suchte die Nähe der einfache Menschen wie etwa die Fischer vom See Genezareth. Vom Maler Raphael (1483 bis 1520) stammt diese Darstellung des wunderbaren Fischzuges von Petrus und seinen Mitarbeitern. Repro: Archiv

Jesus suchte die Nähe der einfache Menschen wie etwa die Fischer vom See Genezareth. Vom Maler Raphael (1483 bis 1520) stammt diese Darstellung des wunderbaren Fischzuges von Petrus und seinen Mitarbeitern. Repro: Archiv


Die Wirkstätten des Gottessohnes, seine Lebensweise und sein Herzensanliegen

Wer sich mit Jesus beschäftigt, der beschäftigt sich meist mit all dem, was ihn in unseren Augen einzigartig und göttlich macht. Auch im zweiten und letzten Teil unserer Beitragsserie wird der umgekehrte Weg beschritten. Jesus wird aus einer familiären, alltäglichen Perspektive in den Blick genommen.

Nachdem Jesus – wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Umkehrbewegung von Johannes dem Täufer – erkannt hatte, dass Gott in ­allernächster Zukunft sein göttliches Reich errichten wird und ihm, Jesus, als Repräsentanten Gottes dabei eine Schlüsselrolle zukommt, berief er sich zwölf Jünger und begann, diese Freudenbotschaft überall zu verkünden. Der Schwerpunkt seines Wirkens waren drei Dörfer, die allesamt im nord-westlichen Bereich des Sees Genezareth lagen: Kapernaum, Bethsaida und Chorazin. Einen besonderen Stellenwert hatte dabei Kapernaum, das Matthäus sogar als »seine Stadt« (9,1) bezeichnet. Eine Stadt war Kapernaum zwar nicht, eher ein »Großdorf«, aber ganz sicher war es der Ort, in dem sich Jesus am häufigsten aufhielt und wo er viele Heilungstaten vollbrachte. Als neues »Zuhause«, das an die Stelle von Nazareth trat, sollte man Kapernaum aber besser nicht verstehen (so Matthäus 4,12-16). Typisch für die Lebensweise Jesu war ja gerade, dass er keinen ­festen Wohnsitz hatte (Lukas 9,58), sondern als »Wandercharismatiker« das Reich Gottes im ganzen Land verkündigte.

Nun mag die Bevorzugung von Kapernaum mit der verkehrstechnisch günstigen Lage zusammenhängen. Wenn Jesus mit seiner Botschaft ganz Israel erreichen wollte, dann, so ist anzunehmen, wird er sich auch darum bemüht haben, einen Ort als Ausgangsbasis zu finden, von dem aus er dieses Unternehmen sinnvoll in Gang bringen konnte. Nun konnte er von Kapernaum zwar nicht das ganze Land gut erreichen, aber immerhin den Norden. Das gegenüber Obergaliläa wesentlich stärker besiedelte Untergaliläa konnte er über die Gennesar-Ebene erreichen, und das Reich des Herodessohnes Philippus, das ­ungefähr vom heutigen Golan bis an die libanesische Grenze reichte, war von Kapernaum nur einen Katzensprung entfernt.

Die Vorliebe Jesu für Kapernaum wird allerdings noch mehr damit zusammenhängen, dass dort Petrus und sein Bruder Andreas wohnten. Hier konnte Jesus mitsamt seiner Jüngerschar immer wieder Unterkunft finden. Gerade weil die Jesusgruppe fast immer unterwegs war, werden die Jünger und Jüngerinnen Jesu froh darüber gewesen sein, in Kapernaum eine Art »Basiscamp« zu haben. Ganz ohne Beheimatung geht es anscheinend auch bei Wandercharismatikern nicht.

In Kapernaum hat man manches ausgegraben, das in einem Zusammenhang mit der Zeit Jesu steht. So könnte die prächtige Kalksteinsynagoge aus dem 4. Jahrhundert an dem Ort stehen – Fundamente und ein ­Basaltpflaster darunter deuten darauf hin –, wo einst die Synagoge Jesu stand. Außerdem kann man dort das »Haus des Petrus« sehen. Das klingt zwar ein wenig fantastisch, aber tatsächlich kann hier eine bis ins 2. Jahrhundert zurückreichende christliche Verehrung nachgewiesen werden. Beeindruckend sind auch die Wohninseln, in denen ganze Großfamilien samt Angestellten lebten. Die Ausgrabungen zeigen, dass in Kapernaum vor allem Fischer, Bauern und Händler lebten: Menschen, die nicht bitterarm waren, aber zur Unterschicht gehörten und sich gewiss keinen großen Luxus leisten konnten.

Jesus und seine Option für die Armen: Herodes Antipas, der Herrscher Galiläas zur Zeit Jesu, hat zuerst in dem nur fünf Kilometer von Nazareth entfernten Sepphoris residiert, bis er dann im Jahr 19/20 n. Chr. Tiberias zur Hauptstadt machte. Nun ist auffällig, dass die Evangelien nie erwähnen, dass Jesus in einer dieser römisch-­hellenistisch geprägten Städte gewirkt hat. Dies dürfte seinen Grund darin haben, dass Jesus sich in erster Linie zu der normalen, von Armut bedrohten Bevölkerung gesandt sah. Diese »Option für die Armen« kommt exemplarisch in der ersten Seligpreisung zum Ausdruck: »Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer.» (Lukas 6,20) Nun war die Zeit, in der Jesus in Galiläa lebte, aufgrund der langen und im Großen und Ganzen durchaus gedeihlichen Regierungszeit des Herodes Antipas wirtschaftlich relativ stabil, und manche Juden werden davon auch profitiert haben. Aber diejenigen, die sowieso nur wenig hatten – und das waren die meisten –, rutschten durch Zölle und die zunehmende Besteuerung schnell noch weiter nach unten ab.

Jesus war kein Sozialrevolutionär. Es ging ihm um die Gottesherrschaft. Aber diese zielt eben auch auf eine ­radikal neue und bessere Gesellschaftsordnung.

Peter Hirschberg

Der Autor ist promovierter Theologe und als Hochschul- und Studierendenpfarrer in Bayreuth mit verschiedenen Lehraufträgen im Bereich Biblische Theologie/Judaistik.

»Ein vollwertiges Menschenrecht«

15. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Seit Juni 2010 ist Heiner ­Bielefeldt Sonderberichterstatter für Religionsfreiheit der Vereinten Nationen. ­Benjamin Lassiwe sprach mit dem Professor für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik an der Universität ­Erlangen-Nürnberg.

Heiner Bielefeldt ist ­Professor für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik an der ­Universität Erlangen- Nürnberg und ehemaliger ­Direktor des Deutschen ­Instituts für Menschenrechte. 	Foto:ddp images/Henning Kaiser

Heiner Bielefeldt ist ­Professor für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik an der ­Universität Erlangen- Nürnberg und ehemaliger ­Direktor des Deutschen ­Instituts für Menschenrechte. Foto:ddp images/Henning Kaiser

Herr Professor Bielefeldt, warum braucht es Religionsfreiheit?
Bielefeldt:
Die Religionsfreiheit ist ein elementares Menschenrecht. Sie bietet dem Menschen die Möglichkeit, sich in den Sinnfragen des Lebens, also in Fragen der Religion und der Weltanschauung, selbstständig zu orientieren. Deswegen gehören die Religionsfreiheit und die Würde des Menschen eng zusammen. Denn Menschenwürde heißt ja, den Menschen in seiner Eigenverantwortung zu respektieren. Das gilt gerade auch da, wo es um den Sinn des Lebens geht.

Welche Bedrohungen sehen Sie für die Religionsfreiheit?
Bielefeldt:
Es gibt Länder, in denen Menschen nicht einmal im Privaten ihre Religion praktizieren können. Länder, in denen der Staat die Seele vergewaltigt. Anderswo greifen Staaten in die Manifestationen des religiösen Lebens, also beispielsweise Gottesdienste und Gebete, ein und reglementieren sie. Dahinter steckt dann oft die Furcht, dass das gewünschte Bild einer homogenen Gesellschaft gefährdet wird, wenn Menschen einem anderen Glauben anhängen. Und es gibt oft Probleme mit der Gleichbehandlung der Angehörigen verschiedener Religionen: Als Menschenrecht geht die Religionsfreiheit natürlich von der Gleichbehandlung aller Menschen aus. Die Menschen sollen alle in der Lage sein, ihre Religion zu leben. Tatsächlich werden in einer Reihe von Staaten religiöse Minderheiten massiv verfolgt.

Christliche Kirchen und Hilfswerke gehen davon aus, dass die Christen weltweit die am Stärksten verfolgte Religion sind. Wie sehen Sie das?
Bielefeldt:
Ich bin da etwas vorsich­tiger. Rein quantitativ haben die Kirchen natürlich recht: Die Christen sind die weltweit größte Religion, da ist es verständlich, dass es in Ländern, in denen die Religionsfreiheit nicht gewährleistet wird, oft Christen sind, die verfolgt werden. Und man muss ganz klar und deutlich sagen, dass in Ländern wie dem Iran, wie Pakistan, China oder Somalia christliche Gruppen sehr stark von Verfolgung betroffen sind. Allerdings geht es nicht immer nur um die Quantität, sondern auch um die Intensität der Verfolgung: Und da sollten wir nicht vergessen, dass manche kleineren Religionen, etwa die Bahai im Iran, ebenfalls sehr stark betroffen sind, und Opfer eines regelrechten Vernichtungsfeldzugs zu werden drohen.

Was können Sie als UN-Sonderbevollmächtigter daran ändern?
Bielefeldt:
Mein Amt hat eine Reihe von Möglichkeiten, die in der Praxis aber natürlich auch begrenzt sind. Eine Möglichkeit sind die Demarchen, ein diplomatischer Briefwechsel, mit dem ich bei Regierungen Protest gegen Verletzung der Religionsfreiheit einlegen kann. Geschieht dann nichts, kann der Briefwechsel auch veröffentlicht werden, was den Druck auf die Regierung natürlich erhöht. Daneben kann ich mit Länderbesuchen, deren Ergebnisse veröffentlicht werden, Aufmerksamkeit für die Religionsfreiheit wecken. Aber weil mein Amt ein Ehrenamt ist, geht das natürlich auch nur stichprobenartig. Und dann kann ich mich in die konzeptionelle Weiterentwicklung der Menschenrechte einbringen: Da ist es mir wichtig, dass die Religionsfreiheit als vollwertiges Menschenrecht zur Geltung kommt, und nicht in Richtung einer bloßen Toleranzsemantik ins Diffuse abrutscht.

Welche Möglichkeiten hat denn die UN, um die Religionsfreiheit durchzusetzen?
Bielefeldt:
In den Vereinten Nationen ist die Religionsfreiheit als Menschenrecht verankert, und zwar im Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte, den derzeit 165 Mitgliedsstaaten der UN ratifiziert haben. Im Rahmen dieses Paktes sind regelmäßige Überprüfungen vereinbart worden, bei denen es darum geht, wie sehr die Staaten die Menschenrechte einhalten. Das ist eine Möglichkeit, um das Thema Religionsfreiheit auf den Tisch zu bringen, für die die öffentliche Aufmerksamkeit in der Regel auch sehr hoch ist.

Was gibt es denn in Europa in Sachen Religionsfreiheit noch zu tun?
Bielefeldt:
Man wird sagen können, dass es in Europa um die Menschenrechte und auch um die Religionsfreiheit in der Regel gut bestellt ist. In Westeuropa gibt es keine aktive Verfolgung religiöser Minderheiten von Staats wegen. Gleichwohl bestehen Defizite, wenn es um die Gleichstellung der Angehörigen unterschied­licher Religionen geht. Da findet sich ein Gefälle zwischen Mehrheits- und Minderheitsreligionen. In einzelnen Ländern, etwa Griechenland, führt das zu Schwierigkeiten: Da ist die griechisch-orthodoxe Kirche von der Verfassung so bevorzugt, dass die Missionstätigkeit anderer Gruppen verboten wird. Mitglieder der Zeugen ­Jehovas etwa sind deswegen sogar schon ins Gefängnis gekommen. Und dann gibt es da noch eine völlig ­andere Ebene – etwa, wenn populistische Politiker, oft aus Oppositionsparteien, gegen religiöse Minderheiten hetzen. Dazu zählt etwa die islamfeindliche Partei des Holländers Geert Wilders. Hier hat der Staat die Aufgabe, die Menschenrechte nicht durch Extremisten gefährden zu lassen.

Wenn ein Menschenrecht so umstritten ist, wie die Religionsfreiheit – dient es dann dem Frieden?
Bielefeldt:
Die Religionsfreiheit ist auf jeden Fall ein Weg zum Frieden. Wobei der Frieden an dieser Stelle so definiert ist, dass jeder Mensch in Würde und Freiheit leben kann. Das ist für mich Maßstab des Friedens. Und wer die Menschenrechte, auch die Reli­gionsfreiheit durchsetzt, setzt sich damit für den Frieden ein.

Die Zeit – unbegreiflich

9. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Sonderpräsentation im Besucherzentrum »Arche Nebra«

Damit Zeit erlebbar wird, sind die Besucher zum Mitmachen eingeladen. Arche Nebra, Foto: E. Becher

Damit Zeit erlebbar wird, sind die Besucher zum Mitmachen eingeladen. Arche Nebra, Foto: E. Becher

Am Eingang der Ausstellung steht die berühmte Antwort des bedeutenden Kirchenlehrers und Philosophen Augustinus auf die Frage »Was ist Zeit?«: »Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich es; wenn ich es ­jemand auf seine Frage hin erklären will, weiß ich es nicht.«

Schon immer wurde Zeitmessung in den verschiedenen Kulturen betrieben, auf unterschiedliche Weise, aber meistens nach astronomischen Maßstäben, z. B. mit dem Sonnenobservatorium in Goseck in der Jungsteinzeit, der Himmelsscheibe von Nebra in der frühen Bronzezeit und später mit Sonnenuhren, Sanduhren, mechanischen Uhren bis hin zur Atomuhr.

Die aktuelle Sonderpräsentation »Von Zeit zu Zeit – Allgegenwärtig und unbegreifbar« im Besucherzentrum Arche Nebra zeigt solche unterschiedlichen Methoden mit historischen Originalobjekten, die von Museen und wissenschaftlichen Einrichtungen als Leihgaben zur Verfügung gestellt wurden.

Neben einem Astrolabium aus dem 13./14. Jahrhundert, einem Sextanten oder einer Kanzeluhr aus dem Jahr 1716 ist die »Mittagskanone« (1750) eine besondere Kuriosität: Schlag 12 Uhr löst sich hier, entzündet durch die Sonne, ein kleiner Schuss und lädt zum Mittag ein …

Die Präsentation regt an zum Nachdenken über Zeit: Was sie sein könnte und wie wir sie wahrnehmen. Dabei werden auch philosophische und physikalische Zusammenhänge beleuchtet, wie etwa Albert Einsteins Relativitätstheorie, die Theorie vom Urknall, die Entstehung der Zeitzonen der Erde sowie die Zeitrechnung unterschiedlicher Kulturen.

Das subjektive Zeitempfinden wird auf ganz andere Weise dargestellt, ein großformatiges Buch zeigt mit witzigen Karikaturen, was in einer bestimmten Zeitspanne so alles passieren kann: Wie lange braucht etwa das Herz, um das Blut durch den gesamten Kreislauf zu pumpen? Wie lange träumen wir nachts? Oder: Wie lautet der Weltrekord im statischen Apnoetauchen?

»Vielen Besuchern wird in der Präsentation bewusst: Obwohl wir alle ganz selbstverständlich jede Minute unseres Lebens in der Zeit verbringen, erscheint uns das Phänomen ›Zeit‹ bei näherer Betrachtung unbegreiflich. Darum freuen sich die Gäste vor allem darüber, dass es in der Präsentation so viele Stationen zum ›Begreifen‹ im wahrsten Sinne des Wortes gibt: nämlich Stationen zum Anfassen, an denen man mit dem eigenen Zeitempfinden, mit der Zeit auf dem Mond oder mit dem Zeitverständnis anderer Kulturen experimentieren kann«, so Bettina Pfaff, Geschäftsführerin des Erlebniszentrums.

Sibylle Kölmel

Das Besucherzentrum Arche Nebra ist von April bis Oktober täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Das betrifft auch den Aussichtsturm auf dem Mittelberg. Regelmäßig verkehrt ein Shuttlebus zwischen dem Bahnhaltepunkt Wangen, dem Parkplatz der Arche Nebra, dem Besucherzentrum und dem Mittelberg.


www.himmelsscheibe-erleben.de

Gebete, Kettenfett und Motorenklang

9. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Stilles Gedenken an den Gräbern des Ersten Weltkrieges und PS-Schau in der Sankt Petersburger Innenstadt – beides gehörte zum ersten christlichen Bikertreffen Russlands. Fotos: privat

Stilles Gedenken an den Gräbern des Ersten Weltkrieges und PS-Schau in der Sankt Petersburger Innenstadt – beides gehörte zum ersten christlichen Bikertreffen Russlands. Fotos: privat


Russlands erstes christliches Bikertreffen – deutsche und russische Zweiradfans besuchen Kriegsgräber

Die Ängste waren groß: Mehrere Hundert Motorradfahrer, in Russland nicht gerade als besonders zurückhaltende Verkehrsteilnehmer bekannt. Dann auch noch eine Invasion von Bikern aus Deutschland in die Newastadt. Und das ausgerechnet unmittelbar vor den Feierlichkeiten zum Jahrestag des faschistischen Überfalls auf die ehemalige Sowjetunion. Kein Wunder, dass die Behörden von Sankt Petersburg kritisch auf die Idee von Pfarrer Matthias Zierold von der lutherischen Petrikirche und Vater Wjatscheslaw von der orthodoxen Kirche reagierten. Eine Sternfahrt russischer und deutscher Motorradfahrer nach Sankt Peterburg mit einem großen gemeinsamen Gottesdienst hatten die beiden zweiradbegeisterten Geistlichen im Sinn.

Am Ende aber staunten die Sankt Petersburger nicht schlecht: Rund 100 russische und ebenso viele deutsche Liebhaber der »heißen Öfen« waren am 20. Juni mit ihren Maschinen angereist und trafen sich friedlich in
der Stadt. Schwierigkeiten gab es ­dennoch: mit einem gemeinsamen Gottesdienst nach Vorbild des berühmten Motorradfahrergottesdienstes (MoGo) in Hamburg – übrigens der Partnerstadt von Sankt Petersburg.

»Njet«, sagten die Verantwortlichen der russisch-orthodoxen Kirche, gemeinsame Gottesdienste mit Lutheranern sind nicht zugelassen. Doch Oberpriester Wjatscheslaw Charinow, der eine Gemeinde in Sankt Peterburg leitet, fand mit dem aus Thüringen in die Newastadt gekommenen Pfarrer Zierold eine andere Lösung: Einen Motorradkorso durch die Hauptstraßen und eine anschließende Fahrt der Versöhnung zu den Gräberstätten des vergangenen Weltkriegs.

Und so steuerte die röhrende Armada zuerst in Richtung Ladogasee, zum einstigen russischen Brückenkopf Newskaja Dubroka. Bei der Verteidigung dieser für die belagerte Stadt überlebensnotwendigen Stellung gaben mehrere Hunderttausend Sowjetsoldaten ihr Leben. Hier zelebrierte Vater Wjatscheslaw eine orthodoxe Andacht. Anschließend ging es gemeinsam zum deutschen Soldatenfriedhof in Sologubowka. Hier ruhen unter der Obhut des Volksbundes für Kriegsgräberfürsorge etwa 100000 deutsche Soldaten.

Besondere Überraschung: Die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen, die sich schon in ihrer Heimatstadt regelmäßig am MoGo beteiligt, spendete hier gemeinsam mit Matthias Zierold im Anschluss an eine gemeinsame Kranzniederlegung den Segen für die Biker.

Für Zierold ist klar, dass dieses erste nicht das letzte christliche ­Bikertreffen in Russland gewesen ist. Markiere die unkonventionelle Aktion, bei allen Schwierigkeiten im ­Vorfeld, doch zugleich einen Durchbruch im Miteinander von Protestanten und Orthodoxen im Land.

Harald Krille

Bikertreffen Sankt Petersburg

Der Mensch Jesus ganz privat

Selten haben Künstler Jesus in seiner familiären Umgebung darzustellen versucht. Eine der wenigen Ausnahme bildet das Gemälde "Christus im Haus seiner Eltern" von John Everett Millais (1829 bis 1896), einem Vertreter der sogenannten Präraffaeliten. Es galt bei seiner ersten Präsentation im Jahr 1850 in London als "blasphemisch" und sorgte für einen Skandal. Repro: Archiv

Selten haben Künstler Jesus in seiner familiären Umgebung darzustellen versucht. Eine der wenigen Ausnahme bildet das Gemälde "Christus im Haus seiner Eltern" von John Everett Millais (1829 bis 1896), einem Vertreter der sogenannten Präraffaeliten. Es galt bei seiner ersten Präsentation im Jahr 1850 in London als "blasphemisch" und sorgte für einen Skandal. Repro: Archiv


Er war Sohn seiner Eltern, Bruder, ein Mensch mit Beruf und Alltag – Familie und Herkunft des Gottessohnes

Wer sich mit Jesus beschäftigt, der beschäftigt sich meist mit all dem, was ihn in unseren Augen einzig-
artig und göttlich macht. In einer zweiteiligen Beitragsserie soll der umgekehrte Weg beschritten werden. Jesus soll aus einer familiären, alltäglichen Perspektive in den Blick kommen.

Er war Sohn seiner Eltern, Erstgeborener unter einer Schar von ­Geschwistern, Mensch mit Beruf und Alltag. Was die Eltern Jesu angeht, so ist eines klar: Seine Mutter hieß Maria (hebräisch Mirjam). Bei seinem Vater dagegen stellt sich die Sache schwieriger dar. Markus, immerhin der älteste Evangelist (70 n. Chr.), kennt nicht einmal seinen Namen. Matthäus und Lukas kennen zwar den Namen, aber dennoch taucht Josef nur am Rande auf: in den stark theologisch orien­tierten Geburtsgeschichten (Matthäus 1-2; Lukas 1-2) oder – zum letzten Mal – in der lukanischen Erzählung vom zwölfjährigen Jesus im Tempel (Lukas 2,41-52). Man gewinnt den Eindruck, dass Josef am Anfang »da war«, dann aber sehr plötzlich und unvermittelt von der Bildfläche verschwindet. Es verwundert deshalb nicht, dass hier die Spekulationen blühen: Hat Josef sich klammheimlich aus dem Staub gemacht? War er früh gestorben? Oder war Jesus gar ein uneheliches Kind, sodass die neutestamentliche Josefsgestalt nur einen Sinn hat: diese Ver-
legenheit zu überspielen? Wir wissen es nicht, und doch scheint es wahrscheinlich, dass Jesus eine über weite Strecken vaterlose Kindheit erlebt hat.

Interessant ist, dass Jesus nach Markus 6,3 vier Brüder (Jakobus, Joses, Judas, Simon) und mehrere Schwestern hatte. Das vertraute Weihnachtsbild von Maria, Josef und Jesus als moderne Kleinfamilie entsprach der Wirklichkeit also nur für eine relativ kurze Zeit. Jesus lebte in einer Großfamilie, und deshalb darf man sich das Zuhause Jesu auch nicht zu »kontemplativ« vorstellen.

Als Jesus mit seiner öffentlichen Wirksamkeit begann, wurde das Verhältnis zur Familie immer schwieriger. Markus berichtet mit deutlichen Worten, dass der Familienclan ihn nach Nazareth zurückholen will, weil man den Sohn und Bruder für einen durchgedrehten religiösen Fanatiker hielt: »Er ist von Sinnen.« (Markus 3,20f) Erst nach der Auferstehung begann die Jesusfamilie an ihn zu glauben. Maria wurde zu einer wichtigen Person in der jüdischen Urgemeinde Jerusalems, und Jakobus, einer der Brüder Jesu, übernahm später sogar die Führung der Jerusalemer Gemeinde.

Dieser Familienkonflikt macht einerseits deutlich, dass Menschen sich schwertun, wenn einer, den man von Kindesbeinen an kennt, sich auf einmal zu Besonderem berufen fühlt. Er wirft aber auch ein erhellendes Licht auf Jesus: Er zeigt, dass Jesus innerlich stark und frei war. Gegen alle familiär-gesellschaftlichen Konventionen riskierte er den Konflikt. Er hatte den Mut, seinen eigenen Weg zu gehen. Für Jesus war die wichtigste Quelle seines Selbstwertgefühls eben nicht die Anerkennung der Menschen, sondern die Liebe des göttlichen Du.

Obwohl Jesus die längste Zeit seines Lebens, über dreißig Jahre, in Nazareth verbracht hat, berichten die Evangelien kaum etwas über den Heimatort Jesu. Deshalb ist es umso spannender, dass der Franziskanerarchäologe Bellarmino Bagatti dort Spuren einer dörflichen Siedlung aus dem 1. Jahrhundert freilegte. Seine Grabungsergebnisse zeigen, dass es sich bei Nazareth um ein kleines, an einen Hang gebautes jüdisches Bauerndorf handelte, in dem allerhöchstens 200 bis 300 Juden wohnten. Diese Menschen waren nicht bitterarm, aber lebten wie die meisten Galiläer in äußerst bescheidenen Verhältnissen.

In diesem Umfeld kann man sich nun auch gut vorstellen, dass Jesus wie sein Vater als Bauhandwerker (griechisch: technon, so in Markus 6,3) arbeitete. Wir können also davon ausgehen, dass Jesus sich nicht nur in höheren geistigen oder geistlichen Sphären bewegte, sondern wusste, wie der Alltag eines hart arbeitenden Menschen aussieht.

Nazareth war klein, so unbedeutend, dass es weder im Alten Testament noch in den außerbiblischen Quellen jener Zeit auch nur ein einziges Mal erwähnt wird. Man kann schon verstehen, dass die Behauptung, aus diesem Flecken soll der Messias kommen, bei vielen auf Unverständnis stieß: »Was kann aus Nazareth Gutes kommen!« (Johannes 1,46)

Wer sich Jesus in einem so normalen Kontext vorstellt, der wird sich vielleicht auch fragen, wann und wie Jesus das erste Mal bewusst wurde, dass sein Gottesverhältnis einzigartig ist und Gott ihn zu Besonderem berufen hatte. Doch genau darüber schweigen sich die Evangelien aus. Indem sie berichten, dass Jesus erst in einem relativ fortgeschrittenen Alter an die Öffentlichkeit trat, lassen sie nur eines erkennen: Auch Jesus brauchte Zeit. Auch er musste einen längeren Such- und Entwicklungsprozess absolvieren, bis er sich gefunden hatte und bereit war, zu neuen Ufern aufzubrechen.

Peter Hirschberg

Der Autor ist promovierter Theologe und als Hochschul- und Studierendenpfarrer in Bayreuth mit verschiedenen Lehraufträgen im Bereich Biblische Theologie/Judaistik tätig.

Die neue Lust am Predigen

9. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Predigtkultur: Zur »Runderneuerung« nach Wittenberg – wie sich ein gestandener Pfarrer neue Anregungen für seine Kanzelreden holt.

Das Zentrum für evangelische Predigtkultur in ­Wittenberg beschäftigt sich nicht nur theoretisch mit der Predigt. Es bietet auch Einzelcoachings für Pfarrer an.

Frohe Heiterkeit statt Anspannung: Kommunikationstrainer Felix Ritter (l.) legt sich voll ins Zeug, um Pfarrer Uwe Vetters Ausstrahlung beim Predigen zu verbessern. Foto: Maxie Thielemann

Frohe Heiterkeit statt Anspannung: Kommunikationstrainer Felix Ritter (l.) legt sich voll ins Zeug, um Pfarrer Uwe Vetters Ausstrahlung beim Predigen zu verbessern. Foto: Maxie Thielemann

Große Gesten sind nicht Uwe Vetters Art. Lieber stellt sich der Pfarrer hinter als vor das Rednerpult. Kerzengerade, mit geschlossenen Füßen und skeptischem Blick steht er, liest seine Predigt. Die ist schön formuliert, mit Humor geschrieben, nah am Leben orientiert. Und doch will der Funke nicht auf den Zuhörer überspringen. Uwe Vetter empfindet das so: »Wir Pfarrer sind Aushängeschilder und wenn man sich da ein gewisses Schamgefühl bewahrt, dann muss man in die Fortbildung.« Mit ernster Miene setzt er nach: »Es gibt keine Alternative.«

Uwe Vetter ist extra aus Düsseldorf nach Wittenberg gereist, ins Zentrum für Evangelische Predigtkultur. Das Rednerpult steht dort im dritten Stock des alten Rathauses im Büro von ­Alexander Deeg. Deeg ist Leiter des im vergangenen Jahr eröffneten Predigtzentrums der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Das Angebot des eintägigen ­Predigtcoachings »Cura homiletica« ist ganz neu. Uwe Vetter ist einer der ersten Teilnehmer.

Seit sieben Jahren predigt Vetter in der Düsseldorfer Citykirche. Der 53-Jährige hat ein anspruchsvolles Publikum, denn in die Kirche mitten in der Düsseldorfer Innenstadt kommen vor allem Menschen, die mit Religion eher wenig zu tun haben. Von einer guten Predigt ließen sie sich überzeugen, meint Uwe Vetter. Seine Schlussfolgerung: Wenn er seine Gottesdienstgemeinde vergrößern will, müssen seine geistlichen Reden besser werden.

»Noch viel besser kann man sie fast gar nicht machen«, findet Alexander Deeg, der als Vorbereitung auf das Coaching zwei Predigten von Vetter gelesen hat. Er ist begeistert von dem Schreibstil, von der Dramaturgie und dem feinen Witz und lässt sich erklären, wie Vetter beim Schreiben vorgeht. Gemeinsam sitzen sie mit Deegs Kollegen, dem Dramaturg Dietrich Sagert, bei Kaffee und Kuchen. Der Zeitplan ist großzügig. Das Coaching – der Begriff kommt ursprünglich aus dem Sport und bedeutet so viel wie trainieren, betreuen – ist vielmehr gegen­seitiger Austausch und Erkenntnisgewinn als einseitige Lehre. Man wolle selber dazulernen, betont Alexander Deeg und »bloß keine Routine«.

Denn schließlich soll das Predigen Spaß machen. Deeg nennt es »die Lust am Predigen steigern«. Und das sei gar nicht immer so einfach, »denn bei vielen Pfarrerinnen und Pfarrern ist angesichts der großen Belastung im Pfarramt die Lust gar nicht immer so riesengroß.« Das weiß der studierte Theologe aus eigener Kanzel-Erfahrung. Dennoch glaubt er, dass die evangelische Predigt eine gigantische Chance sei: »Wir wissen aus Befragungen von Kirchenmitgliedern der EKD, wie hoch geschätzt die evangelische Predigt immer noch wird, vor allem in Ostdeutschland.« Nur dürfe man so ein Predigttraining niemandem aufzwängen. Es richtet sich daher vor allem an besonders ­ herausgeforderte Prediger. Das kann beispielsweise der Bischof sein oder ein Pfarrer, der acht Dorfkirchen gleichzeitig zu betreuen hat.

Uwe Vetter hat sich angesprochen gefühlt, weil er seit Jahren an seinen Predigten arbeitet. Schon seine erste Gemeinde nahe Wuppertal legte großen Wert auf die Predigtexte. Danach lebte er für sechs Jahre in London, ­betreute die dortige Deutsche Gemeinde. »Da stand ich in Konkurrenz zu ­meinen anglikanischen Kollegen«, ­erinnert sich Vetter schmunzelnd. »Sie haben eine andere Redekultur, die sehr pointiert ist und unterhaltsam. Von denen hab ich mir etwas abgeguckt.«

Abgucken ja, verstellen lieber nicht, meint Dietrich Sagert, der beim Predigtzentrum für Redekunst und Rhetorik zuständig ist und jahrelang als Regisseur gearbeitet hat. Mit Schauspieltraining sei das Predigtcoaching nicht zu vergleichen: »Es muss schon eine Verbindung zur Person geben, die mit dem, was man den persönlichen Glauben nennen kann, etwas zu tun haben muss. Und das macht es handwerklich so schwierig.« Sagerts Part an diesem Tag ist das ­Dazwischenreden. Er lässt Vetter seine Predigt vortragen, und feuert ihn dabei regelrecht an, animiert ihn zu mehr Blickkontakt, zu Pausen, insgesamt zu mehr Lebendigkeit.

Uwe Vetter lässt sich bereitwillig darauf ein. Das sei wichtig, denn »ich möchte ja glauben, was der Mensch auf der Kanzel sagt«, findet Kommunikationstrainer Felix Ritter, der unter anderen für die ZDF Fernsehgottesdienste arbeitet und mit Uwe Vetters ernster Ausstrahlung spielt. So lässt er ihn zum Beispiel eine Bibelgeschichte so erzählen, als wäre er als Reporter selbst dabei. Der Pfarrer legt seinen ernsten Gesichtsausdruck ab, spielt mit.

Viele Anregungen steckt Pfarrer Uwe Vetter nach diesem Tag in seinen Rollkoffer. Die anfängliche Anspannung scheint einer frohen Heiterkeit gewichen zu sein. Er habe sich gewünscht, Schwächen zu erkennen und Stärken auszubauen, erzählt er beim Hinausgehen. »Und beides ist heute wirklich sehr gut gelungen. Ich habe jedenfalls ein sehr gutes Gefühl. Das sollte es eigentlich für jeden ­geben. Schade, dass sich so wenige trauen.«

Maxie Thielemann

Musikfestival von internationalem Rang

2. Juli 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Flanders Recorder Quartet: Die vier Belgier gehören zur Weltspitze der Flötenmusik.	Foto: Flanders Recorder Quartet

Flanders Recorder Quartet: Die vier Belgier gehören zur Weltspitze der Flötenmusik. Foto: Flanders Recorder Quartet


Im September feiert das ­Musikfest Erzgebirge ­Premiere. Es ersetzt das ­frühere ­Festival für Alte ­Musik im Erzgebirge und soll künftig aller zwei Jahre stattfinden.

Vom 3. bis 12. September wird sich das Erzgebirge in eine internationale Musiklandschaft verwandeln. Das Musikfest Erzgebirge mit zehn Konzerten an zehn unterschiedlichen Veranstaltungsorten verspricht ein außergewöhnliches Highlight zu werden. Ein Festival »mit überregionaler Ausstrahlung, bei dem die reichen musikalischen Traditionen des Erzgebirges mit den Interpretationen renommierter internationaler Künstlerinnen und Künstler eine Verbindung eingehen«, so der Intendant Hans-Christoph Rademann. Dass die Idee, im ländlichen Raum ein Musikfestival von internationalem Rang zu kreieren, nicht aus der Luft gegriffen ist, beweist die große Resonanz. Für das Konzert des Leipziger Thomanerchores am 4. September sind die Karten seit langem ausverkauft. Zu 85 Prozent ausgebucht ist das Eröffnungskonzert am 3. September in Schwarzenberg, sagt Pressesprecher Oliver Geisler. Und auch für alle anderen Veranstaltungen seien mittlerweile die Plätze rar.

Die Musik hat im Erzgebirge historische Wurzeln, bedeutende Komponisten wie Johann Hermann Schein und der Thomaskantor Johann Kuhnau sind Söhne der Region, ihre Werke stehen daher auch auf dem Programm des Festivals.

Das Musikfest will an die reiche Musiktradition des Erzgebirges anknüpfen und darüber hinaus auf die schöne Landschaft der Region aufmerksam machen. Gäste des Festivals könnten Kunstgenuss im Zusammenhang von Landschaft, Architektur und Musik erleben, versichert Rademann.

So prägen zum Beispiel die St.-Georgen-Kirche und das Schloss das Bild der Stadt Schwarzenberg und ­ihrer Umgebung. Zu dem besonderen architektonischen Ensemble kommt beim Festival ein musikalisches Highlight. Im Eröffnungskonzert in der ­Kirche wird das Collegium Vocale Gent unter der Leitung von Philippe Herreweghe die h-Moll-Messe von ­Johann Sebastian Bach aufführen. Das Collegium Vocale Gent gehört zu den bedeutendsten heutigen Bach-Interpreten und tritt im Erzgebirge mit namhaften Solisten auf.

Am 5. September erklingt in der Marienberger St.-Marien-Kirche das Requiem in C-Dur von Johann Adolf Hasse (gest. 1783). Der Dresdner Hofkapellmeister habe die Dresdner Hofmusik und Oper zu europaweitem Ruhm geführt, betont Rademann. Obwohl ein Werk des Totengedenkens – verfasst anlässlich des Todes des Kurfürsten Friedrich August II. – sei das Requiem ein prächtiger Höhepunkt des italienisch-sächsischen Glanzes am Dresdner Hof.

Wegen des Ansturms auf Karten findet das Konzert des Flander Recorder Quartets am 6. September nicht wie ursprünglich geplant im Rittersaal des Schlosses Schlettau, sondern in der Stadtkirche St. Ulrich statt. Das belgische Ensemble für barocke Blockflötenmusik hat sich durch sein virtuoses Spiel und sein breites Repertoire einen Namen gemacht. »Die Konzerte der vier Musiker aus Belgien stehen für technische Perfektion, Klangschönheit und Überraschung«, wirbt das Musikfest Erzgebirge für das Ensemble. Es »zelebriert Flötenspiel in einer anderen Dimension«.

Zu den zu ihrer Zeit hoch geachteten, heute aber vergessenen Musikern gehört Daniel Bollius (ca. 1590 bis 1642). Er gelte als derjenige, der das erste deutsche Oratorium komponiert habe, erklärt Rademann. Das vor 1626 entstandene Werk bezeichnet der Intendant als »eine Rarität ersten Grades«. Beim Musikfest Erzgebirge wird es nach einigen Jahrhunderten eine Erstaufführung erleben. Das inter­national besetzte Ensemble Chelycus wird am 7. September in der St.-Nicolai-Kirche in Grünhain das Werk Bollius’ wieder zu Ehren bringen.

Bevor am 12. September die Marienvesper von Claudio Monteverdi in der großen spätgotischen Hallenkirche St. Annen in Annaberg-Buchholz einen glanzvollen Schlusspunkt des Festivals setzt, steht zuvor noch ein ganz besonderes Ereignis auf dem Programm: das Erzgebirgische Sängerfest am 11. September in der St.-Johannes-Kirche in Lößnitz. »Hier können die Kantoreien beweisen, was in ihnen steckt.« Der Intendant verweist auf die jahrhundertealte, lebendige Tradition der Kantoreien, von denen es im Erzgebirge zahlreiche gebe. Viele Kantoreien werden in Lößnitz zu einem riesigen Chor mit einigen ­Hundert Sängerinnen und Sängern zusammenwachsen und gemeinsam musizieren. Es erklingen Stücke aus Georg Friedrich Händels berühmtem »Messias«. Zudem wurde für dieses Konzert nach den Worten des Intendanten eine »Koryphäe« engagiert, der Chefdirigent des Berliner Rundfunkchors, Simon Halsey.

Mit diesem großen Auftritt solle das Engagement und die lebendige Tradition der zahlreichen Kantoreien im Erzgebirge gewürdigt werden, so Rademann.

Sabine Kuschel
www.musikfest-erzgebirge.de

Niederlande: »Lockjuden« gegen Antisemitismus?

1. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Annette Birschel berichtet für ­unsere Zeitung aus den ­Niederlanden.

Annette Birschel berichtet für ­unsere Zeitung aus den ­Niederlanden.

In den Niederlanden hat ein neues Wort gute Chancen, das Wort des Jahres 2010 zu werden: »Lockjude«. Dieser bizarre Begriff hat allerdings ­einen ernsten Hintergrund. In den vergangenen Monaten häufen sich Berichte über antisemitische Vorfälle. Vor allem in Amsterdam werden Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft belästigt und angepöbelt. Die Täter sind vor allem marokkanischstämmige Jugendliche.

Allerdings meldet kaum ein Opfer diese Vorfälle bei der Polizei, aus Angst oder Resignation, dass diese doch nichts tun kann. Die Folge ist aber, dass es kaum konkrete Zahlen über den Umfang von Antisemitismus gibt und vor allem, dass die Täter nie gefasst werden. Die Polizei hat noch nicht einmal eine Handhabe, um sie aufzuspüren. Hier soll nun der »Lockjude« helfen. Polizisten sollen sich als Juden verkleiden und in die Viertel von Amsterdam begeben, in denen Juden sich am unsichersten fühlen. Sobald der »Lockjude« beschimpft wird, gäbe es einen konkreten Anlass, um Täter strafrechtlich zu verfolgen. Die Stadt Amsterdam prüft diesen Vorschlag nun.
Die Initiative kommt aus unverdächtiger Ecke, und das ist in den ­Niederlanden nicht unwichtig, vor ­allem nachdem der Rechtspopulist Geert Wilders mit seiner Anti-Islampartei für die Freiheit im Juni einen großen Wahlsieg eingefahren hat.

Der sozialdemokratische Abgeordnete Ahmed Marcouch hatte die Idee. Marcouch stammt selbst aus Marokko und war lange Bürgermeister in einem wegen straffälliger und randalierender Marokkaner berüchtigten Stadtteil von Amsterdam. Dort hat er sich ­einen Namen gemacht, mit unkonventionellen Methoden Tabus zu brechen. Nun will er den latenten Antisemitismus in muslimischen Gemeinschaften angehen.

Die Stadt Amsterdam nimmt dies ernst, und auch das ist gut. Denn hier leben die meisten der rund 40000 ­niederländischen Juden, und sie sollen sich absolut sicher fühlen. Das Mittel eines polizeilichen Köders ist
in den Niederlanden nicht neu. Es gab etwa den »Lockhomo«, dem es ­gelang einen berüchtigten Kriminellen zu fassen, der Homosexuelle ­körperlich misshandelte. In Gouda wurde eine »Lockoma« eingesetzt, um einer Bande von Taschendieben auf die Spur zu kommen, die es auf alte Frauen abgesehen hatte. In beiden Fällen war der Lockvogel erfolgreich.

Dennoch – im Falle des Antisemitismus ist dieses Mittel bedenklich. Bei den antisemitischen Vorfällen geht es nicht um einen Serientäter, sondern um eine anti-jüdische Stimmung in bestimmten Stadtteilen. Ein als Jude verkleideter Polizist aber könnte gezielt jemanden zu Straftaten verleiten. Und das ist verboten. Außerdem ist die Ursache der antisemitischen Vorfälle häufig kein tief sitzender Judenhass. Anlass ist meist die israelische Politik im Nahen Osten. Die Zunahme der verbalen Gewalt ist auch eine direkte Reaktion auf den Angriff Israels auf den Hilfskonvoi für Gaza. Juden werden dafür stellvertretend verantwortlich gemacht.

Es ist sehr die Frage, ob das Strafrecht das geeignete Mittel ist, diesen Automatismus zu durchbrechen. Aufklärung, politische Bildung, Geschichtsunterricht in Schulen und Moscheen ist sicher der weitaus längere und schwierigere Weg, aber am Ende wirkungsvoller. Denn wenn man einen »Lockjuden« einsetzen muss, ist es meistens schon zu spät.

Annette Birschel

»Es soll mich nichts gefangen nehmen«

1. Juli 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Günter Schmidt hat neben der Liebe  zum Leben erkannt, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist. Foto: Maxie Thielemann

Günter Schmidt hat neben der Liebe zum Leben erkannt, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist. Foto: Maxie Thielemann


Günter Schmidt ist 80 Jahre alt, der Alkohol hat fast sein ganzes Leben bestimmt.

Es gab Zeiten, da hat sich Günter Schmidt nur an einem gefüllten Glas erfreut, aber es musste schon Weinbrand, Korn oder Wodka darin sein. »Bier habe ich nur gegen den Durst getrunken«, sagt der 80-Jährige, der heute das Malen wiederentdeckt hat, der sich über Blumen am Wiesenrand freut und darüber, dass er seine Familie noch erleben kann. Viele Jahre hat er diesen Lebensgenuss einfach weggetrunken.

Günter Schmidt sitzt ein bisschen ins Sofa eingesunken in seiner Dresdner Wohnung. Der gebürtige Freiberger hat schon oft Zeugnis über sein Leben gegeben. Demut schwingt mit in seiner Erzählung und ein bisschen Abgeklärtheit. Er sagt: »Mein ganzes Leben war eine Lüge«, und »Ich bin selber Schuld daran, dass ich Alkoholiker geworden bin.«

Mit 15 Jahren begann er, den Alkohol für sich zu entdecken: »Ich glaubte, dass gehörte in den Wirren nach dem Krieg einfach dazu.« Er sei ein Außenseiter gewesen, der mit ­seinem Leben nicht zurechtkam. Der Alkohol konnte gut verdrängen. So ging es weiter in der Ausbildung zum Chemielaborant und im Studium, wo er mit Kommilitonen aus Benzin trinkbaren Alkohol herstellte. Er vertrug davon bald mehr als andere.

Wann er abhängig wurde, kann Günter Schmidt nicht sagen. Er habe es lange genug ignoriert. Auf Arbeit konnte sich der Spiegeltrinker tarnen, d. h. er trank tagsüber so viel, dass sein Blutalkoholspiegel konstant blieb und wirkte dennoch nicht betrunken. Obwohl seine Frau viel auszuhalten hatte, liefen Beruf und Familie einigermaßen weiter, gab es keinen Grund aufzuhören. Oft sagte er sich: »Ich bin doch kein Alkoholiker, ich stehe doch nicht schon um sechs Uhr mit einem Bier auf der Straße.«

Als seine Frau nach schwerer Krankheit 1992 starb, reichten die paar Gläser Schnaps am Tag nicht mehr. Günter Schmidt geniert sich noch heute dafür, dass er zeitweise täglich zwei Flaschen brauchte, sich immer mehr gehen ließ, nur noch zum Trinken aufstand. »Ich bin auch spazieren gegangen, habe das Kruzifix einer Kirche hier in der Nähe regelrecht belästigt, mich bei Jesus beklagt, wie mies es mir geht, dass er dafür die Schuld trage«, erinnert er sich und fügt hinzu: »Wir Alkoholiker machen so viele Schuldanweisungen, nur nicht an uns selbst.« Und in so einer Situation kam die Wende. Schmidt nennt es den Impuls, die Ohrfeige, die ein Süchtiger brauche, um aufzuhören.
Bei ihm war es die Gemeindeschwester, die sich bis zum Tod um seine Frau gekümmert hatte und die ihn jetzt entsetzt anfuhr: »Herr Schmidt, merken Sie überhaupt, wie betrunken und wie schmuddelig Sie hier herumlaufen?

Wollen Sie so Ihre Frau ehren?« Nein, das wollte er nicht. Wenige Tage später begann er eine Entgiftung im Krankenhaus. Nach der ersten Nacht, unterstützt von Medikamenten, fühlte er sich befreit vom Saufdruck oder »Saufsog«, wie er es nennt. Denn das Trinken sei kein Druck von außen, sondern ein Bedürfnis von innen. Und auch heute viele Jahre nach seiner ambulanten Therapie, sagt er: »Ich bin frei!« und meint damit, dass er zwar immer noch alkoholkrank sei, aber eben durch Gottes Gnade trocken. Einer seiner Therapeuten hatte ihm eine Bibel in die Hand gedrückt.

Günter Schmidt sei früher eher formaler Christ gewesen: getauft, kirchlich getraut. Weil er mit dem Sozialismus sympathisierte, trat er aus der Kirche aus. »Ich komme von links und bin Alkoholiker, trotzdem hat mich ­Jesus Christus angenommen. Das ist für mich ganz wichtig.« Er ist bei der Suchtkrankenhilfe Blaues Kreuz e.V. aktiv und jeden Freitag beim Begegnungsabend der Dresdner Stadtmission für Suchtkranke und deren Angehörige dabei. Der regelmäßige Kontakt zu diesen Menschen sei ihm wichtig, weil er immer wieder zeige: Ein Rückfall ist möglich. Alkoholkrank ist man sein Leben lang.

Günter Schmidt hat neben der Liebe zum Leben erkannt, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist. »Die Ärzte und Therapeuten konnten mir nur Ratschläge geben, umsetzen musste ich sie selbst.« Ein Wort von Paulus steht ihm da am Nächsten: »Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen ­nehmen« (1. Korinther, 6,12).

Maxie Thielemann

Adressen
Ev. Landesarbeitsgemeinschaft für Suchtkrankenhilfe Sachsen,
Fachverband im Diakonischen Werk Sachsen e.V.,
Obere Bergstraße 1, 01445 Radebeul,
Telefon (0351)8315164

Ute Griesenbeck, Telefon (0345)12299-370,
E-Mail

Friedrich Nietzsche, ein Schmerzensmann der Philosophie

1. Juli 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Einzelgänger auf dem Dornenweg des Denkens – Eine Ausstellung in Naumburg widmet sich dem Religionskritiker

Antichrist oder Gottsucher? Blick in die Austellung des Nietzsche-Hauses, Foto: Kai Aghte

Antichrist oder Gottsucher? Blick in die Austellung des Nietzsche-Hauses, Foto: Kai Aghte

Der Ausruf »Gott ist tot« zählt zu den bekanntesten und heftig diskutierten Zitaten Friedrich Nietzsches (1844–1900). Diesem Diktum sind in den letzten 100 Jahren zahllose Studien und universitäre Seminare gewidmet worden. Ist dieser abstrakte Ausspruch geeignet, in einer Ausstellung visualisiert zu werden? Den Versuch unternimmt eine von Jens-Fietje Dwars kuratierte Ausstellung im Nietzsche-Haus in Naumburg.

Die Kritik an der christlichen Religion ist bei Nietzsche nicht voraussetzungslos. In einem Pfarrhaus aufgewachsen, musste der Fünfjährige erleben, wie kurz hintereinander erst sein Vater – der hier gleichsam als »Gott­vater« auf der Kanzel der Röckener Kirche zu sehen ist – und dann sein jüngerer Bruder starben. Wie konnte ein liebender Gott das nur zulassen, sei eine erste kritische Frage des ­jungen Nietzsche gewesen, die sein kindliches Gottvertrauen erschütterte. Genährt wurde seine Religionskritik in der Landesschule Pforta, die, wie Reiner Bohley im Buch »Die Christlichkeit einer Schule – Schulpforte zur Schulzeit Nietzsches« darlegte, ihrem Selbstverständnis nach eine streng evangelische war. Doch die »demonstrative Wahrung der christlichen Tradition war zur äußeren Form verkommen«. Das blieb nicht ohne Folgen für Nietzsche, der in Pforta zum skeptischen Denker reifte. Der daselbst entstandene Aufsatz »Fatum und Geschichte« (1862) gab seinen Glaubenszweifeln konkreten Ausdruck.

Die Religionskritik Nietzsches, auf die im zweiten Raum eingegangen wird, ist exemplarisch formuliert im Aphorismus »Der tolle Mensch«, nachzulesen in »Die fröhliche Wissenschaft« (1882), manifest dann in »Der Antichrist« (1888).

Der tolle Mensch – hier als Silhouette mit Nietzsches Physiognomie – sucht am hellen Tag mit einer Laterne Gott, um zu dem Fazit zu gelangen: »Wir haben ihn getötet.« Ein großes Transparent, Protestschilder und verstreute Flugblätter mit Nietzsche-Zitaten wie »Ich verspreche: Ein tragisches Zeitalter« und »Wahrheit ist die Lüge aller«, werden mit süßlichen Jesus-Bildchen aus dem 19. Jahrhundert flankiert. Nietzsches Religionskritik als Demonstration zu inszenieren, ist begreiflich, widerspricht aber dem Wesen des Einzelgängers, der Nietzsche auch als Philosoph gewesen ist. Anders als sein ­»toller Mensch« war Nietzsche kein Denker, der seine Thesen zu Markte trug. Auch sein Jesus-Bild wird hier gedeutet. In »Der Antichrist« hat er sich über Christus geäußert und resümiert, dass es nur einen wahren Christ gegeben habe: den ­Gekreuzigten.

Im dritten und letzten Raum werden Stimmen zitiert, die sich über den Religionskritiker Nietzsche geäußert haben. Von Lou Andreas-Salomé bis hin zu Martin Heidegger. Gern hätte man mehr über die sogenannte »Gott-ist-tot-Theologie« erfahren, die in den 60er Jahren in den USA aufkam und Nietzsches apodiktisches Philosophem theologisch produktiv machte. Am Ende steht eine Fotomontage: Der Prophet mit dem gebrochenen Blick des geistig Umnachteten, umgeben von einer Dornenkrone. Dies als Illustration des letzten Satzes der Ausstellung: »War Nietzsche ein zweiter Christus, der am Scheinglauben seiner Zeit zugrunde ging: in die Abgründe des Glaubens hinab?« Ob er ein Antichrist oder Gottsucher war, das solle, so der Kurator, der Besucher entscheiden. Ein Schmerzensmann der Philosophie war Friedrich Nietzsche, der seinen Dornenweg des Denkens allein ging, aber ganz gewiss.

Kai Agthe

»Gott ist tot. Antichrist oder Gottsucher? Nietzsche zwischen Kritik und Prophetie«. Die Ausstellung im Nietzsche-Haus Naumburg, Weingarten 18, ist bis 31. Oktober dienstags bis freitags von 14 bis 17 Uhr, sonnabends und sonntags von 10 bis 16 Uhr zu sehen. Infos unter (03445) 703503

»Sparen ja, aber ausgewogen«

1. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Nikolaus Schneider, der amtierende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland und Präses der rheinischen  Kirche, besuchte in der vergangenen Woche die Evangelische Verlagsanstalt in Leipzig und die Redaktion der Kirchenzeitung »DER SONNTAG«. Foto: Armin Kühne

Nikolaus Schneider, der amtierende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland und Präses der rheinischen Kirche, besuchte in der vergangenen Woche die Evangelische Verlagsanstalt in Leipzig und die Redaktion der Kirchenzeitung »DER SONNTAG«. Foto: Armin Kühne


Alle reden vom Sparen – im Staat wie in der Kirche. Christine Reuther sprach ­darüber mit dem Ratsvor-
sitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider.

Herr Ratsvorsitzender, wie sehen Sie das Sparpaket der Bundesregierung?
Schneider:
Mit diesem Sparpaket hat die Bundesregierung einen Schwerpunkt gesetzt bei Bildung und Entwicklung. Das begrüße ich außerordentlich. Aber es gibt Kürzungen im Sozialbereich, die ich für unausge-
wogen halte. Für die Kürzung beim ­Elterngeld mag es zwar eine richtige systematische Begründung geben, aber die hilft nicht, denn die Menschen haben dann einfach zu wenig Geld. Es gibt ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, dass die derzeitigen Sätze für Hartz IV vermutlich nicht ausreichend sind, auf jeden Fall nicht für die Kinder und Jugendlichen. Das Elterngeld für Hartz-IV-Empfängerin­nen zu streichen, ohne diese Schieflage korrigiert zu haben, ist nicht in Ordnung. Wenn sie die wachsende Zahl der Tafeln in unserem Land ­sehen, dann ist das ja ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Grundsicherung den Grund eben nicht mehr ­sichert. Also: Diese Kürzungen sind sozial unausgewogen und müssen ­kritisiert werden.

Was würden Sie anders machen?
Schneider:
Ich würde die Ausgaben- und die Einnahmenseite betrachten. Es ist eine ideologische Engführung zu sagen, Steuern dürfen auf gar keinen Fall erhöht werden. Zumal in einer Situation, wo das obere Segment unserer Gesellschaft durch einige Sprecher sagt: Wir sind bereit, unseren Teil zu tragen. Aus diesem Grunde sollte man auch die Einnahmeseite analysieren und starken Schultern auch eine größere Last auflegen.

Sehen Sie den inneren Frieden bedroht, wenn die angekündigten Kürzungen immer wieder Menschen zu Protesten auf die Straße treiben?
Schneider:
Eine Gefahr ist zumindest da. Diese Tendenz, dass sich unsere Gesellschaft immer weiter auseinanderentwickelt, haben wir seit 20 Jahren. Es ist ein schleichender Prozess: Eine Weile geht es gut, und dann könnte ein Punkt kommen, wo sich die Empörung Bahn bricht. Dann ist das auslösende Moment häufig gar nicht mehr wichtig. Aber aufgrund dessen, was sich aufgestaut hat, haben die Leute die Nase voll und sagen: Jetzt ist Schluss. Möglich, dass wir uns einem solchen Punkt nähern.

Sie beobachten diese Entwicklung seit 20 Jahren, sagen Sie. Sehen Sie einen Zusammenhang mit der deutschen Einheit?
Schneider:
Diese Entwicklung hat viele Ursachen, besonders die Globalisierung. Aber dass mit dem Zusammenbruch der Ostblockregime den westlichen Demokratien die Systemkonkurrenz weggefallen ist, hat auch dazu geführt, dass soziale Standards abgebaut wurden. Ich beobachte einen schleichenden Transformationsprozess von einer sozialen Marktwirtschaft hin zu einer radikalen Marktwirtschaft.

Was kommt auf die Kirchen zu, wenn auch dort die Einnahmen weniger werden?
Schneider:
Harte Zeiten. Die Kirchen haben ja nicht die Möglichkeit, sich wie der Staat über beide Ohren zu verschulden – und das ist auch gut so. Wir werden also sortieren müssen, was künftig von Kirchensteuern zu finanzieren ist. Und dann wird es Bereiche geben, wo wir verstärkt Mittel einwerben müssen. Das werden schmerzhafte Prozesse sein.

Hat das Auswirkungen auf den angestoßenen Reformprozess?
Schneider:
Bei dem Reformprozess gibt es ein paar Elemente, die für eine solche Debatte von großer Bedeutung sein können. Es ist für die Kirche völlig unverzichtbar, in die Gesellschaft hineinzuwirken. Doch dann müssen wir auch die Instrumente dafür haben. Zum Beispiel so eine Kirchenzeitung wie die Ihre, die sowohl nach innen Verständnis für die Lage der Kirche vermittelt aber auch wichtige gesellschaftliche Themen transportiert – in die Kirche hinein und aus der Kirche heraus. Wir müssen nur aufpassen, dass wir durchs Sparen ­unseren Auftrag nicht beschädigen: Nämlich das Evangelium von der freien Gnade Gottes unters Volk zu bringen.

Und wie kann die Kirche der Zukunft mit weniger Geld auskommen?
Schneider:
Die Stärke unserer Volkskirche ist, dass wir alle zusammengehören. Aber die Schwäche ist häufig, dass die Menschen zu wenig das Bewusstsein entwickelt haben, dass das ihre Sache ist. Unsere Leute müssen sagen: Kirche ist meine Sache, und wenn ich mich nicht engagiere, dann gibt es viele kirchliche Aktivitäten nicht mehr.