Halbierter Segen über die Schöpfung

25. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Während kirchliche Treffen - wie hier der Kirchentag in Bremen - oft von Frauen dominiert sind, spielt weibliches in der Theolgoie weithin nur eine Nebenrolle. Foto: Steffen Giersch

Während kirchliche Treffen - wie hier der Kirchentag in Bremen - oft von Frauen dominiert sind, spielt weibliches in der Theolgoie weithin nur eine Nebenrolle. Foto: Steffen Giersch


Von der Notwendigkeit der geschlechtergerechten Theologie

Warum beginnt die Bibel mit dem Buchstaben Bet, dem zweiten Buchstaben des hebräischen Alefbets, und nicht mit Alef? Die Bibel beginnt mit Bet/B, so lautet eine der jüdischen Antworten, weil dies der Anfangsbuchstabe des Wortes beracha (= Segen) ist, während das Wort für Fluch mit Alef/A beginnt. Schon dem ersten Buchstaben der Bibel lässt sich also entnehmen, dass Gott von Anfang an Segen im Sinn hat. Gott segnet das Erschaffene – von den Wassertieren und Vögeln bis hin zum siebten Tag, dem Ruhetag.

Der Mensch, männlich und weiblich erschaffen, die ganze Menschheit wird gesegnet, nicht nur der Mann. Umso mehr muss überraschen, wenn dann wenige Kapitel später, beim Neuanfang nach der Flut, nur noch davon die Rede ist, dass Gott Noah und dessen Söhne, nicht aber Noahs Frau und die Schwiegertöchter segnet. Der Schöpfungssegen ist halbiert!

Ich lese diese kleine Notiz als einen sensiblen Beleg für biblischen Realismus und als eine Verlustanzeige: Zu den empfindlichsten Störungen der ursprünglich sehr guten Schöpfung gehören das Unsichtbarmachen, die Minderung und Verunglimpfung von Frauen, gehören männerorientierte und -zentrierte Strukturen, die unsere Lebenswelten bis heute prägen. Theologie und Kirche haben ihrerseits viel zur Etablierung und Aufrechterhaltung solcher Strukturen beigetragen. Sie haben etwa die Schwestern neben den Brüdern, die Jüngerinnen neben den Jüngern, die Prophetinnen neben den Propheten zum Verschwinden oder zum Schweigen gebracht. Sie haben Frauen ihre Gottesbildlichkeit abgesprochen und ihnen zugleich eine besondere Schuld am Bösen in der Welt aufgebürdet. Sie haben sie aus Leitungsfunktionen und -ämtern in den Gemeinden gedrängt und in den Raum der Familie verbannt.

Es ist seit Jahrzehnten das besondere Verdienst feministischer Theologie, dies aufzudecken und zugleich die verschütteten, verzerrten und verschwiegenen Gegentraditionen wiederzuentdecken. Welche verborgenen Schätze gilt es da neu zu heben!

Wir brauchen gar nicht so spektakuläre Fälle wie die Verwandlung der Junia in einen Junias (Römer 16,7) zu bemühen, um zu erkennen, wie schon in unseren Bibelübersetzungen unbewusste Tendenzen und bewusste Strategien am Werk sind, um Frauen zum Verschwinden zu verbringen. Dies setzt sich – um Vieles verschärft – in der Auslegungsgeschichte und der mit ihr verbundenen Dogmatik fort. Nur ein Beispiel dafür: Während man in der Alten Kirche einen gebärenden Gottvater kannte, während ein offizieller Konzilstext sogar von einer Gebärmutter Gottes des Vaters (uterus patris) spricht, gehen aktuelle dogmatische Lehrbücher davon aus, dass weibliche Lebenswelten nicht gleichnisfähig für Gott sind. In unserem Glaubensbekenntnis bezeugen wir Gottes »eingeborenen Sohn«. Nehmen wir dabei aber noch wahr und ernst, dass dies bedeutet: Gott gebiert? Wir sprechen im Zusammenhang der Taufe von Wiedergeburt. Doch wer gebiert uns da?

Nun ist »feministische Theologie« für viele Menschen, auch für manche Frauen in unseren Gemeinden, ein Reizwort, mit dem sie nichts zu tun haben möchten. Was aber ist so beunruhigend, was gar bedrohlich daran, dass Frauen sich nicht länger mit gemeint sehen, wenn von Brüdern die Rede ist? Dass sie auch sprachlich sichtbar sein wollen und vor allem Freude daran haben, das eigene Erbe einer unerwartet reichen Theologie- und Kirchengeschichte anzutreten? Lernen Sie doch einmal die Frauen der Reformation (und nicht nur die Frauen der Reformatoren!) oder die Mystikerinnen kennen! Freunden Sie sich doch einmal mit weiblichen Bildern für Gott an! Entdecken Sie die Heilige Geistkraft!

Feministische Theologie ist keine nur von Frauen für Frauen gemachte Theologie. Sie geht uns alle an. Und sie lässt sich auch nicht auf einige wenige Frauenfiguren und -traditionen beschränken. Es geht ihr um nicht weniger als den ganzen Segen für Männer und Frauen. Deshalb möchte ich auch lieber von geschlechtersensibler, geschlechtertransparenter oder geschlechtergerechter Theologie sprechen. Eine solche Theologie ist und bleibt notwendig, bis es wirklich wahr wird, dass es in Christus nicht mehr männlich und weiblich gibt (Galater 3,28). Der Geschlechterdual ist ja viel zu eng, um die bunte Vielfalt des Lebens zu beschreiben, das uns nach biblischer Verheißung blüht.

Magdalene L. Frettlöh

Literaturhinweis:
Schottroff, Luise, Wacker, Marie-Theres (Hg.): Kompendium Feministische Bibelauslegung,
Gütersloher Verlagshaus,
832 S., ISBN 978-3-579-00552-2, 39,95 Euro

Die Autorin ist Rektorin des Kirchlichen Fernunterrichts der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und Systematische Theologin an der Ruhr-Universität Bochum

Ohne Wehrpflicht kein Zivildienst

25. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Ungewisse Zukunft: Befürworter der Wehrpflicht argumentieren gern, dass damit die Verselbstständigung einer Berufsarmee zum »Staat im Staate«, wie in der Weimarer Republik, verhindert werde.	Foto: epd-bild/Thomas Frey

Ungewisse Zukunft: Befürworter der Wehrpflicht argumentieren gern, dass damit die Verselbstständigung einer Berufsarmee zum »Staat im Staate«, wie in der Weimarer Republik, verhindert werde. Foto: epd-bild/Thomas Frey


Geliebt war die Wehrpflicht nie. Das Diktat knapper Kassen lässt jetzt sogar Unionspolitiker über ein mögliches Ende nachdenken.

Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hat das bislang Undenkbare gesagt und eine »Aussetzung« der Wehrpflicht vorgeschlagen. Derzeit wird im Verteidigungsministerium geprüft, welche Konsequenzen das für die Landesverteidigung hätte. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille: Wenn die Wehrpflicht wegfiele, gäbe es auch keine Zivildienstleistenden mehr. Das hätte finanzielle Folgen und würde die Wohlfahrtsverbände vor große Herausforderungen stellen.

Geprüft wird auch im Bundesfamilienministerium. Denn wenn keine Soldaten mehr eingezogen werden, können auch keine Zivis mehr zum Dienst verpflichtet werden: »Als Wehrersatzdienst folgt der Zivildienst dem Wehrdienst«, heißt es aus dem Ministerium. Alles Weitere müsse der Gesetzgeber klären. Das Bundesamt für den Zivildienst zog im vergangenen Jahr rund 90500 Kriegsdienstverweigerer zum Dienst ein.

Die Wohlfahrtsverbände bereiten sich derweil auf eine Zeit nach dem Zivildienst vor. »Für unsere Einrichtungen wird es ein Verlust sein, aber sie werden nicht untergehen«, zeigt sich Oberkirchenrat Christian Schönfeld, Vorsitzender des Diakonischen Werkes Sachsens, überzeugt. 444 Zivis leisten derzeit in einer Einrichtung der sächsischen Diakonie ihren Dienst. Mit mehr als 1500 anerkannten Zivildienststellen ist der Wohlfahrtsverband einer der großen Anbieter im Freistaat. Ähnlich sieht es im Bereich des Diakonischen Werkes Evangelischer Kirchen in Mitteldeutschland aus. Hier sind im Bereich der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland zurzeit 476 Zivis im Einsatz, 36 weitere in Einrichtungen der anhaltinischen Kirche.

Einen Verlust sieht Schönfeld aber noch auf einer ganz anderen Ebene: »Ich halte es für eine Tragik, wenn junge Leute nicht mehr mit sozialen Dienstfeldern vertraut gemacht werden. Viele junge Männer haben durch den Zivildienst erst den Schatz der sozialen Arbeit kennengelernt«, so der Theologe.

Das katholische Malteser-Hilfswerk beschäftigt bundesweit nur noch 1200 Zivis. »Das ist nur ein Bruchteil dessen, was wir noch vor zehn Jahren an Zivis hatten«, sagt Sprecherin Claudia Kaminski. Sollten die Zivis wegfallen, hätte dies auch finanzielle Konsequenzen. Die meisten Zivis arbeiten bei den Maltesern im Behindertentransport, dem Menü-Bringdienst oder beim Hausnotruf. »Als Ersatz müssten wir geringfügig Beschäftigte und Hauptamtliche einsetzen. Das wird teurer und trifft dann vor allem die Kommunen«, so Kaminski.

Solche Äußerungen bringen den Geschäftsführer der Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer mit Sitz in Wilhelmshaven, Peter Tobiassen, auf die Palme: »Einrichtungen, die ihre Zivis gemäß den Bestimmungen eingesetzt haben, werden mit einem Wegfall der Wehrpflicht kein Problem haben.« Wer finanzielle Probleme bekomme, habe folglich bislang die Zivis als günstige Arbeitskräfte missbraucht. Dies betreffe vor allem private Pflegedienste und privatisierte Krankenhäuser. Fast ein Drittel aller Zivis arbeiteten mit Billigung des Bundesamtes bei Privatfirmen.

Sollte die Wehrpflicht wegfallen, ginge damit eine alte Forderung der Zentralstelle in Erfüllung, sagt Tobiassen. »Eine Wehrgerechtigkeit gibt es schon lange nicht mehr.« Von allen gemusterten Männern eines Jahrgangs werde nur die Hälfte tauglich geschrieben. Davon verweigere wiederum die Hälfte. Von den dann noch verbleibenden Männern müsse wiederum nur die Hälfte tatsächlich in die Kasernen einziehen.

Im vergangenen Jahr wurden noch 68300 Männer in die Kasernen einberufen, bestätigt ein Sprecher der Bundeswehr. Davon leisten jedoch nur 35000 ihren neunmonatigen Grundwehrdienst. Der Rest dient freiwillig länger oder schlägt eine Karriere als Berufssoldat ein. Auf der anderen Seite sind nach Informationen des Bundesamtes für den Zivildienst nahezu alle 90500 Kriegsdienstverweigerer zum Zivildienst eingezogen worden.
Diese Sicht unterstützt auch Ex-Bischöfin Margot Käßmann, Präsidentin der Zentralstelle. Erst in der vergangenen Woche sprach sie sich in einem epd-Interview für die Abschaffung der Wehrpflicht aus.

Um den Wegfall des Zivildienstes auszugleichen, müssten dafür Freiwilligendienste wie das Freiwillige Soziale Jahr attraktiver und mehr Vollzeitstellen im ­Sozialwesen geschaffen werden. »Das Geld, das für die bürokratische Organisation von Zivil- und Wehrdienst ausgegeben wird, sollte besser an die sozialen Träger fließen, um Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen«, sagte die frühere Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Unerwartete Schützenhilfe erhalten Tobiassen und Käßmann von dem Historiker und Publizisten Michael Wolffsohn, der an der Universität der Bundeswehr München Neuere Geschichte lehrt. Der stellte den Begriff »Wehrgerechtigkeit« in einem Interview mit dem Nordwestradio in das Reich der Legende: »Ein schönes Wort, aber nichts dahinter.« Die Abschaffung der Wehrpflicht sei ein konsequenter Schritt: »Ob das gut ist oder schlecht ist, steht auf einem ganz anderen Blatt.«

Jörg Nielsen und Harald Krille

(GKZ/epd)

Den Himmel geschenkt bekommen

24. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Taufvorbereitung: Kinder machen gern mit. Foto: epd-bild

Taufvorbereitung: Kinder machen gern mit. Foto: epd-bild


Am besten ist, wenn ein Mensch am Anfang seines Lebens erfährt, dass Gott ihm ohne Wenn und Aber zugeneigt ist. Ein Plädoyer für die Kindertaufe.

Die Taufe an dem Baby war soeben vollzogen, da kam mein dreijähriger Sohn durch das Kirchenschiff nach vorne. Er stellte sich neben mich ans Taufbecken und reckte den Daumen nach, was so viel heißt wie »prima«, »gut-gemacht!« oder »schön!«. Ein Schmunzeln ging durch das Kirchenschiff. »Taufe ist schön!«, hatte ich zuvor in der Taufansprache betont, und eben nicht: Eine Taufe ist »ganz schön stressig«, wie das manche Familie erlebt. Wenn jemand getauft wird, ist das erst mal schön – für die Familie, Gemeinde und Kirche. Denn die Taufe ist ein schönes Signal. Es bedeutet, mich beschenkt jemand mit seinem Ja und ich gehöre zur Gemeinschaft der Christen. Jemand ist mir ohne Wenn und Aber zugeneigt. Allerdings ist dieses Ja Gottes zum Menschen und das Ja zur Taufe keine Selbstverständlichkeit. Es ist immer wieder in Erinnerung zu rufen.

Die Taufe ist einmalig und gilt für das ganze Leben
Die Taufe ist eine Erfindung Gottes, ein Sakrament, das er sich selbst ausgedacht hat. Sie ist eine einmalige Sache und gilt für das ganze Leben. Am besten erfährt man dies von Anfang an. Denn auch die Kindheit ist keineswegs eine Lebenszeit leidensfreien Genießens. Kinder haben echte Sorgen und Ängste – selbst wenn sie aus der Erwachsenenperspektive klein aussehen mögen. Kinder sind verletzbar. Sie können sich nicht so einfach gegen Widrigkeiten zur Wehr setzen. Sie haben wenig Mittel, sich gegen Demütigungen zu schützen. Sie sind in vielerlei Hinsicht ausgeliefert – die Berichte über Missbrauch in den letzten Monaten lassen das leider erahnen.

Es ist tragisch, sein Leben auf Kosten der Kinder zu führen. Es ist ein Drama. Doch fängt dies nicht erst an, wenn jemand Hand anlegt oder die Seele nicht achtet. Es bedeutet, auf Kosten von Kindern zu leben, wenn wir sie dazu drängen, unseren eigenen Traum zu leben; wenn wir die Erde mit ihren Schätzen zugrunde richten und die nachfolgenden Generationen ein »sinkendes Schiff Erde« vorfinden. Oder wenn wir meinen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf habe nur etwas mit der Anzahl von Krippenplätzen zu tun. Auch für unsere Eltern und Großeltern war es eine Herausforderung, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Wahre Kinderfreundlichkeit hat mit Zeit und Zuneigung zu tun!

Kinder achten – auf Kinder achten
Die Bibel warnt jedoch nicht nur vor Fehlverhalten. Sie erzählt auch von geglückter und glücklicher Kindheit. Ganz wesentlich dabei ist es, Kinder willkommen zu heißen. Wenn sie Grund zur Freude und Dankbarkeit sind; wenn ihnen mit einer Haltung der Offenheit begegnet wird: »Ich freue mich auf das, was sich durch dein Kommen verändern wird.« Ich kann dem Kind Unterstützung zuflüstern: »Ich will dich in der Entdeckung des Lebens begleiten, deinen Weg ­mitgehen.« Natürlich: Eine glückliche Kindheit kann nicht hergestellt werden wie ein Produkt in einer Fabrik oder wie ein Dispo-Kredit bei einer Bank … Aber es kann gefördert werden durch gute Worte wie die, die als Taufsprüche als Wort Gottes zugesprochen werden, und die man sich eben nicht selber zusprechen kann. So ist es eine schöne Idee, wenn Eltern oder Paten nicht nur eine Taufkerze gestalten, sondern auch zum Taufspruch ein Bild für das Kinderzimmer malen, das dem Kind dieses Bibelwort vor Augen malt.

Die Taufe an sich ist schon ein Signal, dass mein Leben nicht in meiner eigenen Hand liegt. Und wo man bereits als Baby zum Taufstein getragen wird, trägt dies zu dieser Grundhaltung bei: Andere haben mich (er)tragen, andere wollen mir als Paten
und Eltern von der Taufe und vom Glauben erzählen, andere sind in ­guten Gedanken und Gebeten bei mir – selbst wenn ich davon nichts ­mit­bekomme oder ahne.

Erziehung im Glauben, geborgen in der Gemeinde

Eltern sollten sich ruhig trauen, mit ihren Kindern zu beten oder sie zu segnen, indem sie zum Beispiel die rechte Hand auf die Stirn des Kindes legen und sagen: »Gott, der Herr, segnet dich und hat dich lieb!«

Eine Erziehung im Glauben ist jedoch nicht nur Sache des Elternhauses oder der Paten. Daher sollte schon im Gottesdienst neben Eltern und Paten auch die Gemeinde darauf verpflichtet werden, für das Kind zu beten, es im christlichen Glauben zu erziehen und an die Taufe zu erinnern. Taufkerze, Taufsprüche, ­Tauf­lieder, Tauftagfeier und Tauftexte, aber auch ein Tauffest der Kirchengemeinde weisen immer wieder auf das Geschenk der Taufe hin. Sie lassen über Christenlehre und Religionsunterricht hinaus ahnen, dass einem mit der Taufe der Himmel geschenkt wurde.

Reiner Andreas Neuschäfer

Medienempfehlungen
Hartmann, Christoph: Ein Stück vom Himmel. Wege zur Taufe – Wege mit der Taufe. DVD, Wartburg Verlag, ISBN 978-3-86160-191-3, 19,95 Euro
Küstenmacher, Werner Tiki: Tikis Evangelisch-Katholisch-Buch. Zusammen sind wir unschlagbar, Calwer Verlag, 32 S., ISBN 978-3-7668-4104-9, 6,95 Euro

Oberthür, Rainer/Meier, Hildegard: Die Bibel für Kinder und alle im Haus. Hörbuch mit vier CDs, Kösel Verlag, ISBN 978-3-466-45840-0, 21,95 Euro

Irmgard Weth: Neukirchener Vorlese-Bibel. Die Bibel von Anfang an. 32 Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament, 144 S. mit 33 farbigen Bildern von Kees de Kort, Neukirchener Kalenderverlag, ISBN 978-3-920524-57-3, 14,90 Euro

Die auf dieser Seite empfohlenen Bücher und CDs sind – wenn nicht anders angegeben – zu beziehen über den Buchhandel oder Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (03643)246161

Eine Ahnung von jüdischem Leben vor dem Holocaust

24. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Spontanes Konzert auf der Straße: Beim Jüdischen Festival in Krakau erklingt Musik nicht nur von offiziellen Bühnen. Foto: Uwe von Seltmann

Spontanes Konzert auf der Straße: Beim Jüdischen Festival in Krakau erklingt Musik nicht nur von offiziellen Bühnen. Foto: Uwe von Seltmann



Judentum: In Krakau findet vom 25. Juni bis 4. Juli zum 20. Mal das Jüdische Kulturfestival statt

Was 1988 als ein Untergrund-Treffen begonnen hat, ist mittlerweile zu einem der größten und bedeutendsten jüdischen Festivals der Erde geworden.

Von Uwe von Seltmann

Erwartet werden vom 25. Juni bis
4. Juli wieder Zehntausende Besucher, die bis aus Israel, Australien oder den USA nach Krakau reisen, um die über 200 Konzerte, Workshops, Führungen, Vorträge und Ausstellungen zu besuchen. So wie Joe aus New York, der abends in einem Café von der »unglaublichen Atmosphäre« in Kazimierz schwärmt. Er komme jedes Jahr zum Festival, erzählt der 40-jährige Wissenschaftler, der auf dem Kopf eine Kippa trägt, die Kopfbedeckung der gläubigen Juden. Das Krakauer Festival sei »einzigartig«, nirgendwo anders könne man »so viele spannende Leute«, Juden wie Nichtjuden, an einem »solch fantastischen Ort« treffen.

Wie das Zusammenfügen
einer gerissenen Kette
Die vielfältigen persönlichen Begegnungen und der »magische Ort« seien es wohl auch, die das Krakauer zu »mehr als einem Klezmer-Festival« machten und es von den anderen unterscheide, sagt Janusz Makuch, Gründer und Direktor des Festivals. Im Stadtteil Kazimierz, einem der Zentren des polnischen Judentums, hatten die Nationalsozialisten das jüdische Leben komplett ausgelöscht, die meisten der über 60000 Krakauer Juden ermordet. In dem Viertel, das zu kommunistischen Zeiten völlig verfallen war, geschehe etwas »Mystisches«, sagt der 50-Jährige. Die Energie der Menschen, die hier einst gelebt hätten, sei bis heute zu spüren. Und vor allem während des Festivals, wenn ­Juden aus aller Welt nach Kazimierz kommen, werde eine »gerissene Kette wieder zusammengefügt«. Er sei sich sicher, dass die ermordeten Juden aus Kazimierz »eine Art Erlaubnis« erteilt hätten »für das, was wir hier machen«.
Makuch selbst wuchs ohne Kenntnisse über das Judentum auf, denn im kommunistischen Polen sollte nichts an das jüdische Erbe erinnern. »Bis zum Alter von 13 oder 14 Jahren wusste ich absolut nichts über die ­jüdische Kultur«, sagt er. Aber dann erfuhr er, dass vor dem Zweiten Weltkrieg die Hälfte der Bewohner seiner Heimatstadt Pulawy Juden waren. Insgesamt lebten in Polen vor dem Krieg über drei Millionen Juden, etwa zehn Prozent der Bevölkerung. Heute sind es rund 30000. Die acht Jüdischen Gemeinden in Polen zählen rund 4000 Mitglieder, in Krakau sind es keine 200.

Musiker und Künstler
kommen aus aller Welt
Als Makuch zum Studium nach Krakau kam, intensivierte er seine Forschungen über die vernichtete Kultur, traf wenige Gleichgesinnte und organisierte 1988 mit einem Freund in ­einem Theater das erste Festival. 1990 berichtete erstmals die New York ­Times über das Fest und schrieb: »Deutsche und Polen reden über Juden.« Ein Artikel mit Folgen, denn eine breite Öffentlichkeit wurde aufmerksam – und Makuch wusste, dass er »etwas ändern« musste: »Ein jüdisches Festival muss von Juden ­ge­staltet werden«, sagte er sich. Makuch reiste unermüdlich umher und konnte mehr und mehr renommierte jüdische Künstler nach Kazimierz locken. Sie kommen inzwischen – wie ihr Publikum – aus aller Welt, leiten Workshops über hebräische Kalligrafie oder chassidischen Tanz, zeigen ihre Filme oder Gemälde. Höhepunkt ist das achtstündige Open-Air-Konzert auf dem Szerokaplatz, das live im polnischen Fernsehen übertragen wird und 15000 Besucher zum Tanzen, Feiern und Mitsingen bringt. Unter ihnen wird auch wieder Katarzyna Weintraub sein. »Das Festival«, sagt die Journalistin, »vermittelt eine Ahnung, wie das Leben mit den Juden früher war, und wie es sein könnte, wenn es den Holocaust nicht gegeben hätte.«
Seit Anfang an dabei ist Leopold Kozlowski-Kleinman, der als lebende Legende der Klezmermusik gilt. Er hatte den Holocaust überlebt und war nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach Kazimierz gekommen. »Es herrschte eine unglaubliche Dunkelheit, alles war öde und leer«, erinnert sich der über der 90-Jährige. So nahm er damals sein Akkordeon und spielte zwischen den leeren Häusern das ­jüdische Volkslied »Meine jiddische Mame«. »Ich wollte die Steine zum ­Leben erwecken.« 65 Jahre später wird er die »Jiddische Mame« wieder spielen: zum Abschlusskonzert am 4. Juli in der prächtigen Tempel-Synagoge.

www.jewishfestival.pl

»Gott ist Mensch geworden unter den Armen«

18. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Die ökumenische Stiftung »Cristo Vive« engagiert sich in Chile für Gesundheit und Bildung

Die Nonne Karoline Mayer aus Deutschland unterstützt seit Jahren die Bewohner ­eines Elendsviertels in Santiago de Chile beim Kampf um Arbeit, Brot und Menschenwürde.

Schwester Karoline Mayer erhielt schon viele Auszeichnungen – ­darunter 2001 ehrenhalber die ­chilenische Staatsbürgerschaft. Foto: Christo vive

Schwester Karoline Mayer erhielt schon viele Auszeichnungen – ­darunter 2001 ehrenhalber die ­chilenische Staatsbürgerschaft. Foto: Christo vive

Wenn Karoline Mayer durch Recoleta geht, ein Elendsviertel im Norden von Santiago de Chile, öffnen sich viele Türen. Die Leute laden sie ins Innere ihrer Behausungen ein. »Hermana Carolina« – wie Schwester Karoline auf Spanisch genannt wird – ist vielen bekannt. Seit 1968 lebt die Nonne aus dem bayerischen Eichstätt in Chile. Seit 1971 unterstützt sie die Bewohner von Recoleta, die täglich ums Überleben kämpfen. Ihr wohl wichtigstes Projekt ist die ökumenische Stiftung »Cristo Vive«, Christus lebt.

Schwester Karoline gründete sie 1990, kurz nach dem Ende der Militärdiktatur. Zu der Stiftung gehören Kindertagesstätten und Berufsbildungszentren, Polikliniken, ein Tageszentrum für Drogenkranke und – eine Seltenheit in Chile – eine Werkstatt für Behinderte. Über sich und ihre Mitarbeiter sagt Schwester Karoline: »Wir kommen nicht, um in Recoleta zu herrschen, um irgendetwas für uns aufzubauen, sondern um mit den Menschen Dinge zu tun, bei denen sie ihr Leben in die Hand nehmen und auf ihre eigenen Füße kommen.«

Elendshütten am Rande der modernen Großstadt

Schwester Karoline ist eine zierliche Frau mit weißen Haaren und lebhaften blauen Augen. Wenn sie ihre kräftige Stimme erhebt, ahnt man, welche Energie in ihr steckt. Die braucht sie, um immer aufs Neue in Recoleta zu bestehen. Vor der majestätischen Kulisse der Anden, die sich unweit der chilenischen Hauptstadt erheben, ­haben die Menschen mit einfachen Mitteln Hütten und Häuschen gebaut. Es gab Zeiten, da weigerten sich die Taxifahrer von Santiago, jemanden nach Recoleta zu fahren. Gewalt herrschte, Drogensüchtige begingen Überfälle, um die nächste Dosis zu bezahlen.
Inzwischen hat sich die Situation etwas entspannt – auch dank der Stiftung »Cristo Vive«. Doch noch immer leben bis zu 20 Personen in mancher Hütte, die kaum größer ist als 50 Quadratmeter. Jetzt kämpfen die Menschen in Recoleta mit den Folgen des Erdbebens. Ende Februar hatte es viele Häuser zerstört und die Stromleitungen beschädigt.

Menschen misstrauten der Institution Kirche

In Recoleta arbeitet in einer Großfamilie oft nur eine einzige Person: die Mama. Ihre Jüngsten kann sie in den Kindergarten »Naciente« bringen, der zur Stiftung »Cristo Vive« gehört. In dem gelb, rot und blau angestrichenen Gebäude spielen Zwei- bis Fünfjährige. »Naciente« bedeutet Geburt. »Wir nehmen die Ärmsten der Armen auf«, sagt die Chilenin Aurelia Arredondo, die den Kindergarten leitet.

Anfangs begegneten die Menschen in Recoleta der Nonne aus Deutschland und ihren Helfern mit Misstrauen. »Die Kirche war für sie damals eine mächtige Institution, die sie beherrschte und mit der sie nicht viel zu tun haben wollten«, erinnert sich Schwester Karoline an die frühen Siebziger. Auch ihr Orden, die Steyler Missionsschwestern, betrachtete ihren Einsatz im Elendsviertel mit Skepsis. Die Steyler Missionsschwestern sahen ihre Aufgabe in jener Zeit vor allem darin, die Oberschicht Chiles zu missionieren.

Karoline jedoch bat ihren Orden sogar um Erlaubnis, in eine kleine Holzhütte mitten in Recoleta zu ziehen. Die Holzpritsche, auf der sie nachts schlief, wurde tagsüber zum Behandlungstisch, auf dem die gelernte Krankenschwester ihre Patienten behandelte. Nach vielen Diskussionen verließ Schwester Karoline schließlich den Orden. Bei den Bewohnern von Recoleta erkämpfte sie sich Respekt, erst recht, als sie nach dem Militärputsch von 1973 im Land blieb, um den Armen (und manchem Regimegegner) aktiv beizustehen. »Es war der ganze Sinn meines Lebens, unter den Menschen dort zu sein«, sagt sie. »Ich wollte ihnen nahebringen, was unser Glaube ist, dass nämlich Gott Mensch geworden ist unter den Armen.«

Schwester Karoline lebt heute in der Arbeitersiedlung Quinta Bella, die zu Recoleta gehört. Ihr wichtigstes Projekt – neben der Beseitigung der Erdbebenschäden – ist die Berufsausbildung, die ihre Stiftung anbietet. Sie setzt sich dafür ein, dass das chilenische Erziehungsministerium Berufsabschlüsse grundsätzlich zertifiziert und Geld für die Ausbildung zahlt. »Beruf ist in Chile nur etwas für Akademiker«, sagt sie. Eine Lehre – wie in Deutschland – gebe es nicht. »Handwerkliche, körperliche Arbeit wird als etwas Minderwertiges angesehen.«

Berufsausbildung ist das wichtigste Anliegen
Unter dem Dach von »Cristo Vive« wurden seit 1992 mehr als 11000 junge Menschen ausgebildet – im Handwerk, zu Krankenpflegern, Servicekräften in der Gastronomie. Das staatliche Bildungssystem, das während der Diktatur zusammengekürzt wurde, hatte ihnen kaum eine Chance gewährt. Viele brachen die Schule ab, lebten auf der Straße. Das Berufsbildungszentrum nahm sie trotzdem auf. Seine Abschlüsse werden von den Arbeitgebern geschätzt. »Gut ausgebildete Handwerker werden in Chile gesucht«, sagt Schwester Karoline. »Der Verdienst ist enorm gestiegen. Manche bekommen sogar mehr als Akademiker.«

Von Josefine Janert

www.cristovive.de

Rasender Roland an der Saale

18. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Miyoko Urayama (li.) und Patric Schott (re.) von der Berliner Theatergruppe »Nico and the Navigators«), in der Mitte: Owen Willetts (Orlando), Marie Friederike Schöder (Angelica), Foto: Gert Kiermeyer

Miyoko Urayama (li.) und Patric Schott (re.) von der Berliner Theatergruppe »Nico and the Navigators«), in der Mitte: Owen Willetts (Orlando), Marie Friederike Schöder (Angelica), Foto: Gert Kiermeyer


Händelfestspiele in Halle glänzten einmal mehr mit einem Aufgebot der Klassikstars

Dieser »Orlando« war ein Gesamtkunstwerk und zweifellos einer der Höhepunkte der diesjährigen Händelfestspiele. Das lag nicht allein an der Musik Georg Friedrich Händels (1685–1759) und der differenzierten Spielweise des Händelfestspielorchesters (erstmals unter der Leitung von Bernhard Forck). Nein, diese Aufführung bot ganz großes Theater. Und das hing zu einem nicht unerheblichen Teil mit der gelungenen Kooperation zwischen dem halleschen Opernhaus und der Berliner Off-Theater-Gruppe »Nico and the Navigators« zusammen, die das Stück als Neuproduktion für die Händelfestspiele in Szene gesetzt hatte.

Doch der Reihe nach: In seiner 1733 uraufgeführten »Zauberoper« griff Händel auf den Stoff des »Orlando furioso« von Ludovico Ariost aus dem Jahr 1516 zurück. Die Handlung des Beziehungsdramas ist schnell erzählt: Orlando liebt Angelica, die allerdings liebt den Prinzen Medoro. Angelica weiß, dass sie damit Orlando verletzt, aber sie kann nicht anders. Die Schäferin Dorinda wiederum merkt, dass sie bei jenem nicht landen kann.

Zusammengehalten und neu interpretiert wurde das Stück in der Inszenierung von Nicola Hümpel durch zwei Performancekünstler (Miyoko Urayama und Patric Schott), die das Geschehen auf der Bühne pantomimisch begleiteten. Am Ende erschien Orlando in diesem Beziehungsdrama nicht als der strahlende Held, sondern eher als Ritter von der traurigen Gestalt, der von seinem Liebeswahn geheilt wieder auf die Spur gebracht werden muss.

Dieser klassische Stoff von Rittern und Helden zog sich wie ein roter ­Faden durch die Festtage vom 3. bis 13. Juni, die erstmals auf ein Generalmotto verzichteten. Es gab Konzerte, eine Sonderausstellung und eine wissenschaftliche Konferenz, die das Ritterepos vom »rasenden Roland« thematisierten. »Viele Komponisten, darunter auch Händel, ließen sich davon inspirieren«, erklärte der Leiter des Händel-Hauses, Clemens Birnbaum.

Nicht nur nach Ansicht des neuen Festspielleiters, ging das Konzept auf. Mit einer Mischung aus bewährten Programmangeboten und neuen Aufführungsformen sei es gelungen, nach dem großen Händel-Jubiläum von 2009 den »Festjahresschwung« beizubehalten, bilanzierte Birnbaum. Gut 40000 Besucher bei den insgesamt 130 Veranstaltungen sprechen hier für sich.

Eine kleine Enttäuschung war allenfalls der mit Spannung erwartete Auftritt des Countertenors Andreas Scholl. Was als Festkonzert mit dem mehrfach ausgezeichneten Sänger angekündigt wurde, war zwar in sich stimmig und die Akademie für Alte Musik unter der Leitung von Marcus Creed ebenso gut aufgelegt wie der Chor »Vocalconsort Berlin«. Allein: Unter einem Festkonzert hatten sich viele Besucher etwas anderes vorgestellt. In dem gemischten Bach-Händel-Programm sang Scholl gerade einmal vier Arien und zwei Rezitative. Kein Wunder, dass die Akademie für Alte Musik und der Chor am Ende mehr Beifall bekamen als der groß angekündigte Star.

Ganz anders verhielt es sich bei der diesjährigen Händel-Preisträgerin, die wie Scholl ihre Premiere bei den Händelfestspielen erlebte. Die umjubelte italienische Mezzosopranistin Cecilia Bartoli glänzte auch in Halle in gewohnter Manier. »Cecilia, Sie sind ­einfach einzigartig. Sie sind ein Leuchtturm in Ihrem Fach«, lobte Klaus Froboese, Kuratoriumsmitglied der Stiftung Händel-Haus, die Sängerin in seiner Laudatio.

Ebenfalls gefeiert wurde »Il Giardino Armonico« beim Auftritt in der halleschen Marktkirche am Abschlusstag der Festspiele. Die Mailänder Alte-Musik-Spezialisten brachten nicht nur Werke Georg Friedrich Händels, Giuseppe Sammartinis sowie Wolfgang Amadeus Mozarts mit brillantem Klang und atemberaubendem Tempi zu Gehör. Zugleich verneigten sie sich bei ihrem Auftritt musikalisch vor Wilhelm Friedemann Bach (1710 bis 1784). Der älteste Sohn Johann Sebastians hatte in seiner Zeit als Musikdirektor an der Hallenser Marktkirche ein schmales, aber nicht ganz unbedeutendes Werk hinterlassen. Im November wird an seinen 300. Geburtstag erinnert.

Martin Hanusch

Schneisen im Wirrwarr der Weltanschauungen

17. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Reinhard Hempelmann zu den Geistesströmungen in Gesellschaft und Kirche

Seit 50 Jahren analysiert und dokumentiert die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) die religiösen und weltanschaulichen Strömungen der Gegenwart. Benjamin Lassiwe sprach mit ihrem Leiter, dem Theologen Reinhard Hempelmann.

Reinhard Hempelmann

Reinhard Hempelmann

Herr Dr. Hempelmann, was hat die EZW in den letzten 50 Jahren getan?
Hempelmann:
Die EZW hat in den letzten 50 Jahren kontinuierlich Zeitströmungen und religiös-weltanschauliche Entwicklungen beobachtet, beschrieben und gedeutet. Sie hat ihre Ergebnisse im Materialdienst, in zahlreichen EZW-Texten und in Büchern dokumentiert. Dadurch wurde die EZW zu einem Dienstleister für Kirchen, Gemeinden, ebenso für die säkulare Öffentlichkeit. Der Ausgangspunkt unserer Arbeit war dabei ­immer ein ganz konkreter und ist es bis heute geblieben: Die Beantwortung von Fragen, die die EZW jeden Tag per Post, per Telefon, heute oft auch per E-Mail ­erreichen.

Was für Fragen werden heute an die EZW gestellt?
Hempelmann:
Die Fragerichtungen sind so vielfältig wie die verschiedenen Referatsbereiche, die ganz unterschiedliche Themenschwerpunkte haben. Menschen erkundigen sich nach nicht-christlichen Religionen in Deutschland, sie fragen nach Pfingstkirchen und ihrer Glaubwürdigkeit, nach Anbietern auf dem Coaching-Markt und esoterischen Heilungspraktiken. Gefragt wird auch nach Chancen und Grenzen des Dialoges mit den Zeugen Jehovas, mit der Neuapostolischen Kirche, mit der anthroposophisch beeinflussten Christengemeinschaft. Kann die Neuapostolische Kirche Mitglied einer örtlichen »Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen« werden? Gibt es begründete Grenzen der christlichen Ökumene, und wo liegen diese? Mit ­solchen Fragen wenden sich Einzelpersonen und Gemeinden an die EZW – und wir versuchen, darauf einzugehen und eine Antwort zu geben.

Gibt es Beobachtungen, die Ihnen derzeit besonders Sorgen machen?
Hempelmann:
Gesellschaftliche Milieus driften auseinander und werfen die Frage nach dem Zusammenhalt der Gesellschaft auf. Auch kirchliche Milieus differenzieren sich aus. So gibt es ganz unterschiedliche Perspektiven und Visionen im Blick auf das, was Kirche heute heißen könnte und sollte. Innerhalb der evangelischen Landeskirchen gibt es – ­etwas vereinfachend gesprochen – eine volkskirchlich-liberale Vision von Kirche, eine missionarisch-evangelistische, eine charismatische und eine ökumenisch-konziliare Vision von Kirche. Darum entwickeln sich dann Milieus, deren Kommunikationsbereitschaft schwieriger zu werden scheint. Das heißt: Die Milieus gehen immer weiter auseinander und lassen die Frage des Umgangs mit Vielfalt und den Chancen und Grenzen des innerkirchlichen Pluralismus virulent werden. Was ist legitime Vielfalt und wie viel Profil ist notwendig, damit der Pluralismus nicht zur Beliebigkeit wird? Unsere Kirchen stehen hier vor großen Herausforderungen.

Sie sprachen bereits von den Grenzen der christlichen Ökumene. Was hat die EZW damit zu tun?
Hempelmann:
Vorrangiges Thema der EZW ist nicht die christliche Ökumene, sondern der Dialog der Religionen und Weltanschauungen und die christliche Apologetik. Es gibt Religionsgemeinschaften, bei denen der Wunsch besteht, sich der christlichen Ökumene anzunähern. Andere betonen pointiert, dass sie eine christliche Religionsgemeinschaft sind. Die Religionsgemeinschaft der Mormonen versteht sich selbst als christlich, interpretiert die christliche Tradition aber in einer sehr spezifischen Weise. Sie versteht das Buch Mormon als göttliche Offenbarung und stellt es neben die Bibel. Unter anderen Kirchen gibt es jedoch einen Konsens darüber, dass damit eine fundamentale Differenz zum allgemeinen christlichen Selbstverständnis gegeben ist. Der Kanon der Bibel ist nicht ergänzungsbedürftig. Das gemeinsame Hören auf die Bibel ist für die Ökumene grundlegend. Und dann gibt es Religionsgemeinschaften, die der Ökumene gegenüber viele Jahre distanziert und ablehnend waren, und mittlerweile jedoch Offenheit für andere christliche Kirchen gewonnen haben.

Zum Beispiel?
Hempelmann:
Ich zähle dazu Teile der Pfingstbewegung, ebenso Teile des Adventismus. Teile der Pfingstbewegung lassen sich heute in das vielgestaltige Spektrum einer evangelikal geprägten Freikirchlichkeit einordnen. Die Sieben-Tags-Adventisten haben einen Gaststatus in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen inne und sind ebenso Gastmitglied in der Vereinigung Evangelischer Freikirchen. Sie stellen die gemeinsamen Glaubensüberzeugungen aller Christen in den Vordergrund ihrer Glaubensauffassung. Die für den Adventismus typische Gestalt der Endzeiterwartung und die Praxis der Sabbatheiligung spielen eine Rolle, werden aber nicht in den Vordergrund gestellt. Gleichzeitig zeigt sich: Die im Adventismus vorgenommene Betonung des alttestamentlichen Gesetzes für die Lebensführung ist eine nach wie vor strittige Frage.

Vor 20 Jahren hat man prophezeit, der Osten Deutschlands werde wieder christlich werden. Gleichzeitig haben Sektenexperten davor gewarnt, dass immer mehr Gurus und selbst ernannte Propheten in Ostdeutschland auf Anhängerfang gehen. Wie sieht es heute aus?
Hempelmann:
Es hat selbstverständlich den Versuch von Guru-Bewegungen, Sondergemeinschaften und Sekten gegeben, in Ostdeutschland die eigene Präsenz zu verstärken. Dieser Versuch ist meines Erachtens gescheitert. Die Skepsis und Distanz gegenüber allem Religiösen und Weltanschaulichen ist so groß, dass die Mission solcher Gruppen ähnlich wie die Mission der Kirche erfolglos blieb. Wir haben in Ostdeutschland eine andere Religionskultur als im Westen.

Wirkt sich das auch auf die Arbeit der EZW aus? Gibt es eine Zusammenarbeit mit staatlichen Institutionen in Ostdeutschland?
Hempelmann:
Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind in Ost- und Westdeutschland gleich. Wir arbeiten mit staatlichen Informationsstellen zusammen. Da für den Staat das Prinzip der Neutralität und der Nichtidentifikation mit einer Religion oder Weltanschauung gilt, muss er im Blick auf Bewertungen Zurückhaltung üben. Selbstverständlich sind wir bereit, Informationen, die wir zu einer Religionsgemeinschaft haben, zur Verfügung zu stellen.

Wie oft wurden Sie denn deswegen schon verklagt?
Hempelmann:
Informationen sind nichts, für das man verklagt werden kann. Verklagt wird man, wenn man Stellung bezieht und Kritik übt. Als EZW ist unser vorrangiges Interesse die Information. Aber wir scheuen uns auch nicht, unsere Meinung zu sagen. Wir tun dies aus der Perspektive eines christlichen Verständnisses von Mensch und Welt. Es gibt auch religiösen Missbrauch, über den geredet werden muss, auch öffentlich. Es gibt vereinnahmende Formen von Religion. Man muss da nicht nur an Scientology oder das Universelle Leben denken. Nicht immer lassen sich Konflikte vermeiden. Die Unterscheidung der Geister gewinnt eben auch Gestalt im kritischen Widerspruch gegenüber verletzenden und krankmachenden Formen von Religiosität.

Eigene Grenzen überschreiten

Elisa verweigert die Annahme der Geschenke Naamans, Quelle: Wikipedia, Collection of reproductions compiled by The Yorck Project. Zenodot Verlagsgesellschaft mbH

Elisa verweigert die Annahme der Geschenke Naamans, Quelle: Wikipedia, Collection of reproductions compiled by The Yorck Project. Zenodot Verlagsgesellschaft mbH

Der Feldhauptmann Naaman muss seine Einstellung zu sich und Gott verändern – Wege zur Heilung (2)

Anhand der biblischen Geschichte vom Feldhauptmann Naaman (2. Könige 5) wenden wir uns dem Thema Heilung zu. In einer dreiteiligen Serie wird beleuchtet, wie Naaman geheilt wird und welche seiner Erfahrungen uns auch heute helfen können.

Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Heilung ist für Naaman, den erkrankten Feldhauptmann, das Eingeständnis eigener Hilfsbedürftigkeit. Er geht auf den Rat der Dienerin seiner Frau nach Israel, um dort Heilung und Hilfe für sich zu suchen. Dabei muss er nicht nur die Grenze seines Landes überschreiten, sondern auch die Grenzen seines bisherigen Glaubenshorizontes.
Naaman geht zum Propheten Elisa in der Erwartung, dass ein magisches Ritual an ihm vollzogen wird, so wie die Heiler das in Aram und in der Antike getan hätten. Doch als Naaman vor Elisas Haus steht, lässt dieser ihm durch einen Boten mitteilen: »Geh hin und wasche dich siebenmal im Jordan, so wird dir dein Fleisch wieder heil und du wirst rein werden.«

Elisa kommt bewusst nicht aus dem Haus zu Naaman heraus, um deutlich zu machen, dass die Heilkraft nicht bei ihm auf magischer Ebene liegt, sondern bei Gott selbst. Naaman muss eine Grenze des Glaubens überschreiten, ein magisch verfasstes Welt- und Heilungsverständnis verlassen, um ein Vertrauensverhältnis zum Herrn des Heilens zu gewinnen. Denn im Horizont des Glaubens bedeutet Heilung einerseits das Vertrauen zu Gott. Dabei sind Menschen auf die Vermittlung angewiesen. Heilendes Handeln ereignet sich durch ärztliches Tun. Den Rahmen bildet dabei die medizinische Kunst und das Vertrauen in sie ist wichtig. Erkrankungen der Haut bedürfen je nach Schwere einer medizinischen Betreuung. Eine Heilmethode, durch die die Ursache beseitigt wird, steht nicht in jedem Fall zur Verfügung, etwa bei falschen Reaktionen des Immunsystems auf Grund genetischer Veranlagung. Oft können nur die Symptome behandelt werden.

Naaman muss die Grenze seiner Lebenseinstellung überschreiten. Ihm leuchtet nicht ein, dass er sich im Jordan waschen soll. Die Flüsse in Aram hält er für viel geeigneter. »Sind nicht die Flüsse von Damaskus, Abana und Parpar, besser als alle Wasser in Israel, sodass ich mich in ihnen waschen und rein werden könnte?« Diese seine Haltung ist Ausdruck von Überheblichkeit.

Die Diener Naamans treten mit den Worten an ihn heran: »Wenn dir der Prophet etwas Großes geboten hätte, hättest du es nicht getan? Wieviel mehr, wenn er zu dir sagt: Wasche dich, so wirst du rein?« Der Weg zur Änderung der Lebenseinstellung und -haltung beginnt hier im Gespräch mit Menschen, die andere Erfahrungen haben. Der Diener Naamans ist ohne Macht und ohne Selbstbestimmung. Seine Stärke ist, dass er sich selbst gegenüberstehen kann. Er weiß, wie viel im Leben unverdient ist.

Naaman muss sich aus dem Korsett seiner Ideale, seinem Leistungsdenken befreien lassen.
Er lässt sich von seinen Dienern überzeugen, taucht im Jordan siebenmal unter. »Und sein Fleisch wurde wieder heil wie das Fleisch eines jungen Knaben und er wurde rein.« Durch welche Erfahrung mag Naaman rein und heil geworden sein? Wodurch wurde er zur neuen Einsicht über Gott geführt?

Er hat sich im Jordan siebenmal ­gewaschen. Die Sieben gilt als heilige Zahl. Das Grundwort für Waschen ist hier ein Fachbegriff für die rituelle Reinigung vor Gott. Die griechische Übersetzung dieses Begriffes wird im Neuen Testament im Rahmen der Taufhandlung für den Moment der Reinigung verwendet.

Der Vorgang, der hier beschrieben wird, verändert Naamans Einstellung zu sich selbst und zu Gott grundlegend. Die Rückkehr zum Propheten wird darum mit einem Bekenntnis verbunden sein: »Siehe, nun weiß ich, dass kein Gott ist in allen Landen, außer in Israel.«
Indem Naaman wahrnimmt, dass er vorbehaltlos angenommen wird, tritt er in den Machtbereich Gottes ein. Vor sich selbst muss er nicht mehr machtbewusst, unverletzbar und ­dynamisch sein. Es kommt darauf an, alles loszulassen, was ihn hindert,
sich in seiner Haut wohl zu fühlen.

Viele Naturheilmethoden wie Meditation, Atemtherapie oder autogenes Training können helfen, loszu­lassen und frei zu werden von krankmachenden Einstellungen. Heilendes Handeln im Horizont des Glaubens und die christliche Meditation haben zum Ziel, die Gegenwart Gottes bewusst wahrzunehmen, sich bewusst in den Machtbereich Gottes zu stellen.

Jürgen Wolf

Der Autor ist promovierter Theologe und Pfarrer in Hermsdorf. Nebenamtlich ist er Dozent für Praktische Theologie im Kirchlichen Fernunterricht.

»Wir wollen das Leben, nicht den Tod zeigen«

11. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Anatom und Plastinator Gunther von Hagens mit seiner Ehefrau und Ausstellungskuratorin Angelina Whalley in der Leipziger Ausstellung. Foto: Harald Krille

Der Anatom und Plastinator Gunther von Hagens mit seiner Ehefrau und Ausstellungskuratorin Angelina Whalley in der Leipziger Ausstellung. Foto: Harald Krille

Ausstellung: Gunther von Hagens umstrittene Anatomieschau »Körperwelten« gastiert erstmals in Mitteldeutschland

Die Leipziger Ausstellung, in deren Mittelpunkt spektakuläre Ganzkörperpräparate stehen, ermöglicht ­detail­getreue Aufklärung über den menschlichen Körper.

Seit der vergangenen Woche ist die weltweit gefeierte, in Deutschland freilich immer wieder umstrittene Körperweltenausstellung des Anatomen Gunther von Hagens erstmals in Mitteldeutschland zu Gast. Dabei scheint schon der Name des Veranstaltungsortes Wasser auf die Mühlen der Kritiker zu sein, die von Hagens vorwerfen, die Anatomie von den ­Höhen der Wissenschaft in die Niederungen des Jahrmarktes gebracht zu haben: Die Ausstellung gastiert bis 12. September im Leipziger »Kohlrabizirkus«.

Doch mit Zirkus hat die Schau, in deren Mittelpunkt die spektakulären Ganzkörperpräparate stehen, in der Tat nichts zu tun. Von Hagens selbst wird nicht müde zu betonen, dass er mit seiner Schau in Messe- und ­Ausstellungshallen die Anatomie »de­mokratisiert« habe, dass er breiten Volksschichten Aufklärung über ihren ­eigenen Körper ermögliche. Mit 30 Millionen Besuchern sind die »Körperwelten« die weltweit erfolgreichste Anatomieschau. Von der deutschen Stiftung Gesundheit wurde die aktuelle Präsentation gerade mit dem ­»Health Media Award« in der Kategorie Wissenschaftskommunikation geadelt.

Eine große Anerkennung für den Anfang 1945 im heute polnischen Posen als Gunther Liebchen geborenen und im thüringischen Greiz aufgewachsenen Mann, den die Medien gelegentlich schon mal als »Dr. Tod« bezeichneten. Den Journalisten in Leipzig präsentierte von Hagens sich als feinfühliger, geradezu schüchterner Mensch. Mit tränenerstickter Stimme erwähnte er seine während des Medizinstudiums 1968 versuchte Republikflucht und die folgenden Knast- und Freikaufserfahrungen. Dennoch: Hier in Mitteldeutschland habe er seine Wurzeln, fühle sich emotional zu Hause. Weshalb er mit einer perfekten Ausstellung hierher kommen wollte. Die jetzige, unter dem Thema »Herzenssache«, sei es.

Seinem Hang zur Perfektion und Ästhetik ist letztlich auch seine Erfindung der Konservierung biologischer Präparate durch Kunststoff, die Plastination, zu danken. Die heute allgemein verbreitete Technik macht die Faszination seiner Ausstellungsobjekte aus: Alles ist »echt«, freilich ohne den Geruch nach Verwesung oder Formalin. Das ist allerdings auch ein weiterer wesentlicher Vorwurf: Hier würden in entwürdigender Weise »Leichen« zur Schau gestellt.

Für Harald Knauf läuft diese Kritik ins Leere. Der 53-jährige Leipziger gehört zu den derzeit weltweit mehr als 11000 Körperspendern, die ihren Leib nach dem Ableben freiwillig und kostenlos Gunther von Hagens vermacht haben. 708 davon kommen aus Sachsen. »Ich habe meinen Körper nicht gut behandelt, nun sollen andere wenigstens von meiner Krankheit lernen«, betont Knauf. Seine vor vier ­Jahren verstorbene Ehefrau sei schon im Heidelberger Plastinations-Institut. Und er fügt hinzu: »Alle, die hier ausgestellt sind, haben freiwillig ihr Einverständnis dazu gegeben. Was ist daran unwürdig?«

Für Angelina Whalley, mit der von Hagens in zweiter Ehe verheiratet ist, gehört diese Art der »Echtheit« zwingend dazu. »Wenn Sie einem Außer­irdischen die Vielschichtigkeit eines Baumes erklären wollen, dann müssen Sie ihm einen ›echten‹ Baum zeigen und nicht ein Modell«, so Whalley, die Ärztin und zugleich Kuratorin der Schau ist. Und warum müssen die Ganzkörperplastinate in spektakulären Posen agieren? Whalley ist um eine Antwort nicht verlegen: »Weil wir das Leben und nicht den Tod zeigen wollen.«

Professor Uwe Gerd Liebert, Direktor des Instituts für Virologie im Universitätsklinikum Leipzig, hält denn auch nichts vom Streit über die Ausstellung: »Ich warne vor einer philosophisch oder gar theologisch überhöhten Auseinandersetzung«, so der Synodale der sächsischen Landeskirche. Die Kirche habe oft genug »ein schwieriges Verhältnis« zur Naturwissenschaft gehabt. So mussten Mediziner Jahrhunderte darum kämpfen, Leichen sezieren zu dürfen. Sein Rat: Wer sich für Anatomie interessiert, solle in die Ausstellung gehen. Er selbst wolle lieber in ein Gewandhauskonzert. »Aber ich sehe das, was in der Ausstellung gezeigt wird, ja auch jeden Tag.«

Von Harald Krille

Die Ausstellung »Körperwelten. Eine Herzenssache« ist bis zum 12. September im Kohlrabizirkus ­Leipzig, An den Tierkliniken 42, zu ­sehen.

Geöffnet sonntags bis mittwochs 9–19.30 Uhr, donnerstags bis sonnabends 9–21 Uhr.
www.koerperwelten.com

»Glaubt an euch – zweifelt nicht«

10. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Idol mit der Nummer 10: Jay Jay Okocha im Zweikampf mit dem Kameruner Nationalspieler Njitap Geremi (l.) bei der 22. Afrika-Meisterschaft im Jahr 2000

Idol mit der Nummer 10: Jay Jay Okocha im Zweikampf mit dem Kameruner Nationalspieler Njitap Geremi (l.) bei der 22. Afrika-Meisterschaft im Jahr 2000

Afrika: Nigerias Fußball-Legende Okocha ist für viele im Chaos von Korruption und Gewalt ein Vorbild

Nigerias berühmtester ­Nationalspieler betreibt in der Hauptstadt seines ­Heimatlandes eine Bar – und kümmert sich zumindest medial um die Nationalmannschaft.

Bescheidenheit gehört nicht zu den Eigenschaften, die man Nigerianern nachsagt. Dave Arohson, der an der Bar von »No. 10« in Lagos arbeitet, ist keine Ausnahme. »No. 10 ist ein einzigartiger Platz, vor allem, wenn man Klasse schätzt und globalen Standard.« Arohson kann stundenlang von dem Lokal schwärmen, seinen Kellnern und den angeblich schusssicheren Fenstern. Doch der wahre Grund, warum im »No. 10« so viele Menschen andächtig Cocktails schlürfen, ist ein ganz anderer: der Besitzer, die Fußball-Legende Jay Jay Okocha.

Er ist der berühmteste Nationalspieler, den Nigeria je hatte. Der 1973 geborene Okocha, dessen eigentliche Vorname Augustine Azuka lauten, führte die »Super-Adler« zu ihren größten Erfolgen: 1994 gewann sein Team den Afrika-Cup, 1996 bei den Olympischen Spielen in Atlanta Gold. Dreimal, 1994, 1998 und 2002 nahm Okocha, der seine Karriere mit 17 beim saarländischen Drittligisten Neunkirchen begann, an einer WM-Endrunde teil. Seine Trikot-Nummer war immer die gleiche: 10. Nach ihr hat Jay Jay Okocha sein Restaurant benannt.

Auf der Karte stehen Shrimps, Foie Gras und Champagner. Auch Okocha übt sich nicht in Bescheidenheit. Ihm nimmt das keiner übel. Im Februar etwa, Nigeria hatte den blamablen Auftritt des Nationalteams beim Afrika-Cup in Angola noch nicht überwunden, forderte Okocha: »Wir brauchen einen ausländischen Coach, ­einen Trainer von der Qualität, wie ihn die Spieler aus ihren Clubs kennen.« Zunehmend unter Druck, trennte sich die Verbandsspitze vom bisherigen Trainer Shaibu Amodu und brachte kurz darauf praktisch alle Trainerberühmtheiten als Nachfolger ins Spiel.

Ein Schwede machte das Rennen: Lars Lagerbäck. Der hatte zwar bisher wenig Chancen mit seinen Spielern – fast alle in Europa unter Vertrag – zu trainieren, wurde aber von Nigerias neuem Präsidenten Goodluck Jonathan mit den Worten nach Südafrika geschickt: »Bringen Sie die goldene Trophäe mit nach Hause.«

Selbst Nigerianer halten das für unbescheiden. »Wir können froh sein, wenn wir es eine Runde weiter schaffen«, glaubt ein Taxifahrer in Abuja, der sich als Jameson vorstellt. Andere sind optimistischer. »Quatsch, wir werden natürlich Weltmeister, so wie einst fast mit Jay Jay«, prahlt sein Kollege Richard.

Zumindest hat Nigerias Elf in Südafrika inzwischen ein Dach über dem Kopf: Das war zwischenzeitlich alles andere als sicher. Vom »Hampshire-Gate« sprechen die Nigerianer, benannt nach dem Hampshire-Motel, das gleich an einer Autobahn am Stadtrand von Durban liegt und Zimmer hat, die dreckig und vorwiegend von Moskitos und Flöhen bewohnt sein sollen. Hier quartierte Nigerias Fußballverband die Nationalelf ein. Trainieren sollten die Spieler auf einer Tartanbahn der nahen Grundschule.

Als eine nigerianische Tageszeitung Bilder des Skandalmotels veröffentlichte, flog der Sportminister persönlich nach Durban und stornierte die Buchung – trotz gut 100000 Euro Vertragsstrafe. Hintergrund der Hotelwahl war vermutlich die Praxis der FIFA, 400 US-Dollar pro Nacht und Spieler an den nationalen Fußballverband zu überweisen. Weil das heruntergekommene »Hotel Hampshire« nicht einmal halb so viel kostete, konnten Verbandsmanager offenbar ein hübsches Sümmchen abzweigen. Bewiesen ist dies indes nicht.

Auch Jay Jay Okocha ist inzwischen in Südafrika eingetroffen. Mit dem Team sprechen darf er aber nicht, bedauert Okocha. »Ich hätte gerne unser Team beraten, aber der Nationale Fußballverband glaubt, dass ich dafür nicht qualifiziert genug bin«, erklärte Okocha vor seiner Abreise lakonisch. Als Rat gab er seinem Team über die Medien dennoch mit: »Glaubt an euch und zweifelt nicht.«

Von Marc Engelhardt (epd)

Blutige Propagandaschlacht

10. Juni 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Klares Feindbild: Libanesische Demonstranten verbrennen am vergangenen Sonntag eine mit blutigen Handabdrücken versehene israelische Fahne in der Nähe der Beiruter US-Botschaft. Foto: picture alliance/dpa

Klares Feindbild: Libanesische Demonstranten verbrennen am vergangenen Sonntag eine mit blutigen Handabdrücken versehene israelische Fahne in der Nähe der Beiruter US-Botschaft. Foto: picture alliance/dpa


Auf den ersten Blick scheint es klar: Israel hat mit der Aktion gegen die Hilfsflotte für Gaza gezeigt, wo es steht – auf der Seite des ­Bösen. Doch so einfach ist die Sache nicht.

Das Ziel stand eindeutig fest: Die Flotte »Free Gaza« sollte mit 700 Friedensaktivisten und 10000 Tonnen Hilfsgütern an Bord einen Weg nach Gaza öffnen, auf dem dann »monatlich ähnliche Schiffskonvois« folgen sollten. So Mohammed Kaya, der Leiter des Büros der »Internationalen Humanitären Hilfsorganisation« (IHH) in Gaza, am 21. Mai.

Zur Erinnerung: Israel blockiert den Gazastreifen, weil dort ein israelischer Soldat, Gilad Schalit, seit Sommer 2006 festgehalten wird – ohne ­jeden Kontakt zur Außenwelt. Nicht einmal das Rote Kreuz durfte ihn bislang besuchen. Zudem will Israel den Palästinensern klar machen: Der Beschuss Südisraels mit Raketen ist nicht akzeptabel. Vor dem Gazakrieg zum Jahreswechsel 2008/2009 waren mehr als 10000 Raketen von Gaza auf Israel abgeschossen worden. Seit Februar 2009 sind es schon wieder fast 500. ­Israels Premierminister Benjamin Netanjahu erklärt die Politik seiner Regierung »ganz einfach«: »Humanitäre und andere Güter kommen rein. Waffen und Rüstungsgüter nicht.«

So liefert Israel pro Woche weit mehr Hilfsgüter nach Gaza, als der ­gesamte Schiffskonvoi »Free Gaza« bringen wollte. Die Israelis beteuern: »Eine humanitäre Krise gibt es in Gaza nicht!« Pro-palästinensische Hilfsorganisationen kontern, die Lieferungen reichten bei weitem nicht aus, um »die enormen Bedürfnisse der erschöpften Bevölkerung zu befriedigen«.

Bis heute steht das Angebot, humanitäre Hilfsgüter über den Hafen Aschdod und israelische Sicherheitskontrollen ihrer Bestimmung in Gaza zukommen zu lassen. Aber die Verantwortlichen der »Free Gaza«-Flotte lehnten dieses Angebot genauso ab, wie die Bitte von Noam Schalit, seinem Sohn Gilad ein Päckchen und einen Brief zu überbringen. Deshalb ist der Schluss des israelischen Außenministers Danni Ayalon nicht ganz von der Hand zu weisen: »Die Aktion ‚Free Gaza’ hatte niemals eine humanitäre Zielsetzung, sondern war eine Provokation, um die Hamas zu unterstützen.«

Mehrfach weigerten sich die Besatzungen der sechs Schiffe am frühen Morgen des 31. Mai 2010, der Aufforderung der israelischen Kriegsmarine Folge zu leisten und in den Hafen von Aschdod einzulaufen. So beschloss die israelische Führung, die Schiffe zum Kurswechsel zu zwingen. Auf fünf Frachtschiffen der Flotte »Free Gaza« gelang es den Marinesoldaten problemlos, das Steuer zu übernehmen. Auf dem Passagierschiff »Mavi Marmara« aber waren die Friedens­aktivisten gut auf die Ankunft der ­israelischen Soldaten vorbereitet – wie Aufnahmen der Sicherheitskameras auf dem Schiff sowie Filmaufnahmen von Aktivisten bestätigen. Mit Schockgranaten und einem starken Wasserstrahl sollten die Elitesoldaten am Entern gehindert werden. »Wir waren auf passiven Widerstand und friedliche Demonstranten eingestellt«, erzählt Hauptmann R., »und sahen uns Terroristen gegenüber, die uns töten wollten.«

Eigentlich hätten die israelischen Soldaten und ihre Kommandeure von Engagement und Motivation der Blockadebrecher nicht überrascht sein dürfen. Einen Tag zuvor hatte Dr. Abd Al-Fatah Schayyek Naaman, ­Gast­dozent aus Jemen an der Universität Gaza, im Al-Aksa-Fernsehen der Hamas verkündet: »Sie werden Widerstand leisten, mit ihren Fingernägeln. Das sind Leute, die das Martyrium für Allah suchen. So sehr sie auch nach Gaza kommen wollen, das Martyrium ist doch erstrebenswerter.«

Anfangs war die Rede von 19 Toten. Dann wurde auf 15 Tote korrigiert. Bis schließlich klar wurde, dass neun ­Aktivisten, darunter vier Türken, ihr Leben verloren hatten. Sieben israelische Soldaten wurden teilweise schwer verletzt. Sie trugen unter anderem Knochenbrüche, Stichwunden im Unterleib und Schussverletzungen davon. Einer erlitt einen Schädelbruch.

Etwa 40 Friedensaktivisten hatten keinerlei Ausweispapiere bei sich. Dafür Gasmasken, kugelsichere Westen, Nachtsichtferngläser und verschiedene Waffen. Jeder dieser Männer hatte dieselbe große Summe Bargelds in der Tasche, zusammen mehr als eine Million US-Dollar. Israel vermutet, dass sie Al-Kaida-Söldner sind. Trotzdem bestreiten die Türken, dass sich irgendwelche Waffen an Bord der Mavi Marmara befunden haben. Immerhin hätten die Behörden alle Passagiere sorgfältig untersucht.

Zu diesen untersuchten Personen gehörte aber offensichtlich nicht das jemenitische Parlamentsmitglied Scheich Muhammad Al-Hasmi, der sich mit seinem Krummdolch in entsprechender Pose auf der Mavi Marmara fotografieren ließ. Al-Hasmi ­gehört zur Al-Islah-Partei, die der ägyptischen Moslembruderschaft verbunden ist.

Reflexartig sprachen arabische Medien und ihre Sympathisanten vom »Massaker auf hoher See«. Israelis konterten, ihre Soldaten seien »gelyncht« worden. In Online-Foren im Internet und im Facebook erfuhr das gesamte altbekannte, antisemitische Repertoire eine aktuelle Neuauflage. Lange bevor Fakten auf dem Tisch liegen konnten, zeigte sich die Welt schon einmal prophylaktisch empört über das blutrünstige Vorgehen des jüdischen Staates. »Tod den Israelis« forderten Aufkleber in der Türkei.

Auf Initiative der arabischen Staaten beschloss die UN-Menschenrechtskommission (UNCHR) eine Untersuchung – wobei bereits die Resolution zur Einrichtung der Untersuchungskommission Israel hart verurteilt. Und der Iran bedankte sich ausdrücklich bei Europa für dessen harte Reaktion auf »Israels barbarische Kommandooperation«.

Die Hilfsgüter der Flotte »Free Gaza« wurde auf Lastwagen verpackt und in Richtung Gaza geschickt. Doch die Hamas verweigerte deren Einreise. Offensichtlich kann man auch in Gaza mit Medikamenten, deren Verfallsdatum bereits in der Vergangenheit liegt, der Kleidung, den Decken, Rollstühlen und dem Spielzeug nichts anfangen. Dennoch befinden sich die nächsten Schiffe bereits auf dem Weg. Offensichtlich lohnen sich der finanzielle Aufwand und das persönliche Risiko der Beteiligten für den Propagandafeldzug der Feinde des jüdischen Staates.

Von Johannes Gerloff (Jerusalem)

Mit frommer Volksmusik zu Jesus schunkeln

4. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Volksmusik: Die Musikbranche bedient sich frommer Themen und hat ein Millionenpublikum

Florian Silbereisen, der charmante Shootingstar der volkstümlichen Musikbranche, gibt sich gern ein bisschen fromm. Foto: ddp images

Florian Silbereisen, der charmante Shootingstar der volkstümlichen Musikbranche, gibt sich gern ein bisschen fromm. Foto: ddp images


So viele Menschen die volkstümliche Musik und ihre Botschaft mögen, so viele rümpfen auch die Nase. Nichtsdestotrotz: der Markt der frommen Volksmusik boomt.

Ja, es gibt ihn – und er schaut uns zu!« Nein, als Florian Silbereisen diese Zeile sang, meinte er nicht einen seiner Millionen Fernsehzuschauer. Gott war im Spiel bei diesem Fernsehfest der Volksmusik. »Ich glaube an Gott, ich glaub daran! Ich bin ein Teil von seinem Plan!«, sang Florian Silbereisen mit treuherzigem Augenaufschlag. »Mal geht’s bergab, mal geht’s bergauf. Er passt schon auf mich auf!« Das bemerkenswert freimütige Glaubensbekenntnis passt zu Florian Silbereisen.

Der charmante Shootingstar der volkstümlichen Musikbranche gibt sich gern ein bisschen fromm. Bereitwillig lässt er sich auch hinter den Kulissen seiner Show ­filmen, wenn er inmitten des Studiotrubels vor seinem Auftritt ein Gebet spricht. Dann moderiert der Achtundzwanzigjährige seine Show, eine abwechslungsreiche Mischung aus Heile-Welt-Bergromantik und Herzschmerz-Schlagern, teils skurrilen Schauspieleinlagen sowie unzähligen kernigen Lederhosen und feschen Dirndln. Und natürlich, eingebettet ins alpine Ambiente, fromme Lieder zum Mitklatschen oder Schunkeln. »Ich glaube an Gott, ich bet’ zu ihm. Er hat mir schon so oft verziehn. Und wenn einer sagt, es gibt ihn nicht, so gibt’s ihn doch für mich.«

Nicht nur Florian Silbereisen bedient sich frommer Themen. Manchmal scheint es, als seien die »Feste der Volksmusik« oder auch der Musikantenstadl frömmer und tröstlicher als das »Wort zum Sonntag«. Da singen »Vincent und Fernando«: »Glaube an Gott, wenn Du mal Sorgen hast.« »Die Schäfer« bekennen: »Glaube ist, was die Seele nährt, Liebe, die uns von ­innen wärmt.« Und sogar die stets ­lächelnde Stefanie Hertel legt ein Glaubenszeugnis ab: »Mein kleines Gebet, es kommt immer an.«

So viele Menschen die volkstüm­liche Musik und ihre Botschaft mögen, so viele rümpfen auch die Nase. Je gebildeter, desto kritischer fallen ­offensichtlich die Urteile aus. Kitsch und Kommerz würden eine unselige Verbindung eingehen, klagen viele, andere bemängeln das Vorgaukeln ­einer heilen Welt, die es so gar nicht gebe.

Ein hessischer Pfarrer hält dagegen: »Mit wachsender Lebensweisheit frage ich mich, ob man etwas, das ­Millionen von Menschen so viel bedeutet, einfach in Bausch und Bogen aburteilen kann«, sinniert Rudolf Westerheide, Bundespfarrer des evangelischen Jugendbundes »Entschieden für Christus«. Der Theologe brach auf zu Streifzügen in die Welt des volkstümlichen Schlagers, landete ­sogar auf der Website www.schlagerhoelle.de, erzählt er mit Augenzwinkern. Eine seiner Erkenntnisse: »Schlager und Volksmusik haben vielleicht bessere Wege gefunden zu den Herzen der Menschen. Für die vielen Millionen Menschen, die über den Schlager zu erreichen wären, haben wir nichts anzubieten.« Seine Idee: Die Kirche könnte sich Bündnispartner auf dem Markt der frommen volkstümlichen Musik suchen. Florian Silbereisen zum Beispiel. Warum sollte der nicht bei großen Kirchenfesten auftreten – und mit seinem Bekenntnislied »Ich glaube an Gott« Menschen missionieren?

Mit seiner sonderbaren Idee steht Westerheide nicht alleine. »Wir müssen aufhören, über Volksmusik und Schlager nur die Nase zu rümpfen«, wünscht sich etwa der Greifswalder Praktische Theologe Prof. Michael Herbst und weist darauf hin: »Die Menschen, um die es uns um Jesu Willen gehen muss, hören nun einmal eher Florian Silbereisen und Howard Carpendale.«

Die bayerische Sängerin Angela Wiedl (43) hat sich bereits unaufgefordert auf den Weg in die Kirchen ­gemacht. Die erfolgreiche Profimusi­kerin, ausgezeichnet mit dem »Echo«, tritt nicht nur im Musikantenstadl auf, sondern auch in Kirchen. Ihr Programm ist eine gediegene Mischung seriöser Kirchenmusik und religiöser Schlager mit Volksmusik-Flair. »Die Leute gehen gestärkt aus meinen Konzerten heraus. Viele weinen auch«, erzählt Angela Wiedl und fragt: »Warum sollte ich den Leuten nicht erzählen, dass ich glaube und dass es mir damit gut geht?«

Was das Publikum nicht weiß: Die meisten ihrer frommen Lieder stammen vom Komponistenduo Ralph ­Siegel und Bernd Meinunger. In der Schlagerbranche gehören sie zu den erfolgreichsten. »Ein bisschen Frieden« und »Moskau« gehören zu ihren Hits. Die Songs, die sie für Angela Wiedl schreiben, treffen deren Publikum ins Herz: ein bisschen Glaube, viele Heilige von Santa Maria bis Mutter Theresa, dazu Heimat, Berge und Sehnsuchtsmelodien.

»Ich glaube nicht, dass die Kirche sich einen Gefallen damit tut, wenn sie auf bestimmtes musikalisches und textliches Niveau heruntergeht«, hält die Dortmunder Musikwissenschaftlerin Mechthild von Schoenebeck dagegen. »Diese Texte der volkstümlichen Schlager, und mag noch so viel ›Madonna‹ oder ›Herrgott‹ drin vorkommen, sind keine literarisch wertvollen Produkte. Das sind Tagesprodukte, die werden rausgehauen, mal mehr, mal weniger gut und sprachlich interessant. Aber sie bestehen keinen Vergleich zum Beispiel mit den einfachen, aber anspruchsvollen und mehrschichtigen Texten von Paul Gerhardt.«

Von Uwe Birnstein

Fernsehtipp:
Sonnabend, 5. Juni, 20.15, ARD: Das Sommerfest der Volksmusik aus der Bördelandhalle in Magdeburg, mit Florian Silbereisen und Gästen

Radiotipp:
Sonntag, 6. Juni, 8.35 Uhr, Bayern 2, »Evangelische Perspektiven«:
»Gottes Wort im Alpenglüh’n – Die fromme Botschaft zum Mitschunkeln«. Ein Feature von Uwe Birnstein. Mit vielen Hörbeispielen und Interviews mit den Sängerinnen Barbara Dorfer und Angela Wiedl sowie Pfarrer Rudolf Westerheide.
www.br-online.de

»Wir haben alles verloren«

4. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Polen: Das Wasser geht, die Schäden bleiben – Caritas und Diakonie appellieren an internationale Hilfe

Ohnmächtig mussten Tausende Polen zusehen, wie ihre bescheidene Habe im steigenden Wasser verschwand – wie diese Bewohner eines Holzhauses in Plock in Zentralpolen. Foto: picture alliance

Ohnmächtig mussten Tausende Polen zusehen, wie ihre bescheidene Habe im steigenden Wasser verschwand – wie diese Bewohner eines Holzhauses in Plock in Zentralpolen. Foto: picture alliance

Erst langsam wird in Polen das ganze Ausmaß der Schäden durch die Flut sichtbar. Doch fest steht: Tausende haben ihre Existenz verloren. Solidarität ist gefordert.

Eine weißhaarige Frau kniet auf ­einem Weg und betet inbrünstig. Links und rechts wächst saftiges und hohes Gras, die Sonne scheint. Doch die Idylle trügt: Nur wenige Meter von der Frau entfernt hat das Unheil seinen Lauf genommen: Ein Damm der Weichsel ist gebrochen und das schmutzigbraune Wasser des sonst so trägen Flusses strömt ungehindert über die Wiesen und Felder bis ins nächste Dorf. »Gott, nur du hast die Kraft, die schreckliche Flut zu stoppen«, wird die Frau im Fernsehsender TVN zitiert. Das immer wieder gezeigte Bild von der knienden und betenden Frau ist zum Symbol für die Hochwasserkatastrophe in Polen geworden, zum Sinnbild für die Ohnmacht des Menschen gegenüber den Naturgewalten.

Viele verloren das Vieh und technisches Gerät
»Wir haben alles verloren«, ist immer wieder zu hören und zu lesen. Der Kampf von Zehntausenden Feuerwehrleuten, Soldaten und auch mehreren Hundert Häftlingen gegen die Wassermassen war an vielen Orten vergebens. Das eigentliche Ausmaß der Flut entlang der Flüsse Weichsel, Oder und Warthe wird erst allmählich sichtbar: Seit Mitte Mai hat sie 21 Menschen das Leben gekostet und Tausende ihrer Existenz beraubt. ­Experten schätzen den materiellen Schaden auf rund zehn Milliarden Złoty, rund 2,5 Milliarden Euro.

Unter den Betroffenen seien zahlreiche arme und kinderreiche Familien sowie alleinstehende Menschen, berichtet die polnische Diakonie. Neben ­ihrer persönlichen Habe hätten viele auch ihr Vieh und das landwirtschaftliche Gerät verloren. Dies bedrohe die Lebensgrundlage der Betroffenen. Erschwerend kommt hinzu, dass etliche Gebiete von Hochwasser betroffen sind, die jahrzehntelang von Überschwemmungen verschont geblieben waren. »Die Menschen hier sind mit der Situation vollkommen überfordert. Die meisten von ihnen wollen trotz der Bedrohung ihre ­Häuser nicht verlassen und warten zu lange ab«, schildert Katarzyna Sekula von der Caritas Polen ihre Erfahrungen.

Caritas und Diakonie haben an die polnische Regierung appelliert, den Opfern schnell und unbürokratisch zu helfen, und einen internationalen Aufruf zur Hilfe gesandt. Dieser Aufruf ist nicht auf taube Ohren gestoßen, denn die Katastrophenhilfe der Diakonie in Deutschland, die schon bei den dramatischen Hochwassern 1997 und 2001 eng mit der polnischen Diakonie zusammenarbeitete, hat umgehend Unterstützung zugesagt. Auch die sächsische Landeskirche hat 10000 Euro Soforthilfe für die ­Flut­opfer im Nachbarland bereitgestellt. Benötigt werden vor allem Trocknungsgeräte und Reinigungsmittel zur Säuberung der überfluteten Häuser, damit diese schnellstmöglich wieder bezogen werden können. Außerdem will die Diakonie Polen die Geschädigten mit Schaufeln, Gummistiefeln und Kleidung versorgen.

Freud und Leid liegen oft dicht beieinander
Des einen Freud war während der Katastrophe häufig des anderen Leid. So blieben beispielsweise die Stadtviertel Kazimierz und Podgorze in der alten Königsstadt Krakau von den Wassermassen verschont, weil kurz vorher ein Damm der Weichsel gebrochen war – überflutet wurden andere Viertel. In einem Dorf südlich von Krakau wurde die eine Hälfte eines Doppelhauses weggespült, während die andere unversehrt stehen blieb. »Das ist nicht zu fassen«, sagt ein junger Mann, »so viel Ungerechtigkeit.« Das Haus seiner Eltern sei überflutet worden, er musste seine Wohnung am Stadtrand von Krakau verlassen. Und nicht einmal einen Kilometer entfernt gehe das Leben seinen normalen Gang. Wer nicht selbst betroffen sei, könne gar nicht ermessen, was das ­bedeute, wenn plötzlich alles weggeschwemmt werde, was man sich aufgebaut habe. »Da verlierst du den ­Boden unter den Füßen«, sagt er.

Pfarrer Marian Niemiec aus dem schlesischen Oppeln hatte hingegen eine gute Nachricht zu verkünden: Im Gegensatz zur großen Flut 1997 war die evangelische Kirche diesmal verschont geblieben. Er dankte übers Internet allen, die beim vorsorglichen Evakuieren des Gebäudes geholfen hatten. Nun könne wieder alles eingeräumt werden. »Wir werden das mit großer Freude tun«, schließt er.

Von Uwe von Seltmann

Sieben biblische Tipps für Stürmer und Verteidiger

3. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

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Mit Augenzwinkern: Glaube und Fußball – was die Bibel den WM-Spielern zu sagen hat

In freudiger Erwartung: Wenn in der kommenden Woche in Südafrika die Fußball-Weltmeisterschaft eröffnet wird, werden ­Tausende Südafrikaner begeistert mitfeiern. 	Foto: epd-bild/Ulrich Doering

In freudiger Erwartung: Wenn in der kommenden Woche in Südafrika die Fußball-Weltmeisterschaft eröffnet wird, werden ­Tausende Südafrikaner begeistert mitfeiern. Foto: epd-bild/Ulrich Doering


Die Bibel sagt nichts zum ­Fußball? Wer so denkt, kennt das Buch der Bücher nicht – oder ist nicht so kreativ, wie unser Autor. Er hat rechtzeitig vor Beginn der Weltmeisterschaft in Südafrika entsprechende Hinweise für die Akteure zusammengestellt.

Zum Laufen hilft nicht schnell sein, zum Kampf hilft nicht stark sein … sondern alles liegt an Zeit und Glück.
Prediger 9,11; Judit 9,15; Tobias 13,11

Nein, liebe Fußballer, dieser Tipp bedeutet natürlich nicht, dass ihr nicht schnell laufen oder den Gegnern keine starken Kämpfe liefern sollt. Gemeint ist: Ohne eine gehörige Portion Glück hilft auch schnelles Laufen und hartes Kämpfen nicht. Diese Einsicht könnte auch Trost spenden, wenn’s mal trotz größter Anstrengung nicht geklappt hat. Helfen wird in jedem Fall ein Gebet vor dem Spiel – zum Beispiel mit den Worten der mutigen Witwe Judit: »Denke, Herr, an deinen Bund, und gib mir ein, wie ich vorgehen soll, und gib mir Glück dazu.« Und wenn das Glück hold und die Punkte sicher sind, empfiehlt sich ein Dankgebet: »Danke dem Herrn für dein Glück und preise den ewigen Gott.«

Verschont nicht ihre junge Mannschaft …
Jeremia 51,3; Lukas 6,27

Wer Gott auf seiner Seite weiß, kann sich gewiss sein: Er wird helfen, den Gegner zu besiegen. Zum Beispiel damals, zu Zeiten des Propheten Jeremia: Die fremde Macht Babel bedrohte Israel und hätte das kleine Land besiegen können. Gott springt seinem Volk zur Seite und schickt »Verderben bringenden Wind« (der im Falle eines Fußballspiels den Torball über die Latte wehen könnte). Danach scheint Gott die Gegner in eine Art Starre zu versetzen, denn es heißt: »Ihre Schützen sollen nicht schießen.« Am Ende folgt der himmlische Ratschlag, rücksichtslos gegen die gegnerische Elf vorzugehen. Wer diesen Tipp zu radikal umsetzen möchte, sei jedoch an Jesu ­Gebot der Feindesliebe erinnert und wäge ab: »Liebt eure Feinde!«

Einer empfängt den Siegespreis. Lauft so, dass ihr ihn erlangt!
1. Korinther 9,24; 2. Timotheus 4,7; Philipper 3,14

Es gab eine Zeit, auch in der kirchlichen Pädagogik, in der wurden für Kinder »Spiele ohne Sieger« vorgeschlagen. Spielen um des Spielens Willen war Ziel, damit niemand am Ende als Verlierer traurig ist und sich kein Sieger auf die stolz geschwellte Brust schlagen kann. Die Fußballer der Weltmeisterschaftsmannschaften haben hoffentlich anderes im Sinn: den WM-Pokal. Es geht nicht um den zweiten Platz, erst recht nicht um den dritten und vierten – es geht um den Siegespreis. Ist der empfangen, kann die Siegermannschaft wiederum mit den Worten des Apostels ­Paulus sagen: »Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet.« Und nach der WM hat jeder Zeit, über den Siegespreis nachzusinnen, den Paulus eigentlich meint: »Jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.«

Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, … dass sie laufen und nicht matt werden.
Jesaja 40,31

Neunzig Minuten, dazu womöglich noch eine Nachspielzeit und gar Elfmeterschießen: Das kann ganz schön an den Muskeln zerren und an den Energiereserven zehren. Massagen sind auf dem Platz nicht möglich. Ein Gebet schon. Denn die Verheißung des Propheten ­Jesaja gilt für alle Zeiten und alle Lebenslagen: Wer an die Hilfe Gottes glaubt, wird neue Kraft schöpfen und nicht ­laufmüde werden.

Sie umgeben mich von allen Seiten; aber im Namen des Herrn will ich sie abwehren.
Psalm 118,11; Habakuk 1,9

Vor dieser schwierigen Situation werden viele Spieler nicht bewahrt bleiben in den kommenden Wochen: Da stürmen drei oder vier Gegner mit dem Ball zum Tor, und der Verteidiger, allein auf weiter Flur, muss die Angreifer stoppen. Vielleicht kommt ihm ein Spruch des Propheten Habakuk in den Sinn und verstärkt die Angst: »Sie kommen allesamt, um Schaden zu tun; wo sie hinwollen, stürmen sie vorwärts.« Keine Chance? Doch, die gibt’s immer. Vor allem mit dem Bewusstsein, dass Gott im Spiel ist. Denn im Namen des Herrn lässt sich ­jeder Angriff parieren. Das wusste schon der Psalmist.

Die Plätze der Stadt sollen voll sein von Knaben und Mädchen, die dort spielen.
Sacharja 8,5

Fußballweltmeisterschaft in Südafrika – das bedeutet viel mehr als die offiziellen Spiele. Auch die südafrikanischen Kinder sind im Bann des Balles, träumen ­davon, einst vor großem Publikum auf dem grünen Rasen zu spielen. Die WM bedeutet Hoffnung für das ganze Land, besonders für die jungen Menschen am unteren Zipfel des armen Kontinents. Das sollten sich auch die Profi-Fußballer immer wieder ins Gedächtnis rufen und abseits ihrer Hotels und Spielstätten zu den Menschen vor Ort gehen. Dort können sie besonders den Kindern gute Vorbilder sein und ihnen Mut machen auf dem Weg in die Welt des Profifußballs.

Viele blieben erschlagen liegen bis an das Tor.
Richter 9,40; 2. Mose 20,13

Nein, alle Tipps der Bibel sollten die Fußballer nicht befolgen. Man kann eben nicht alle Sätze herausnehmen und auf eine völlig andere Situation anwenden. Denn erstens ist im Richterbuch mit »Tor« nicht ein Fußball-, sondern ein Stadttor gemeint. Und zweitens wiegt das Gebot »Du sollst nicht töten« immer schwerer als gegenteilige Äußerungen der Bibel. Wehe, da liegt jemand erschlagen vor dem Tor! Also, liebe Spieler: In euren Spielen geht es nicht um Leben und Tod, sondern um die Ehre und um einen Pokal. Nicht um mehr – aber auch nicht um weniger. Deswegen sind Schiedsrichter unerlässlich und grüne und rote Karten eine segensreiche Erfindung.

Von Uwe Birnstein

Der Autor Uwe Birnstein, geboren 1962, ist evangelischer Theologe und arbeitet als freischaffender Journalist für Print, Hörfunk und Fernsehen.

Buchtipp:
Birnstein, Uwe: Das Beste aus der Bibel, Echter-Verlag 2010, 224 Seiten, ISBN 978-3-429-03211-1, 12 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den ­Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­Telefon (03643)246161

Erfolgreich, anerkannt, hautkrank

3. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Wie der Feldhauptmann Naaman vom Aussatz geheilt wurde – Wege zur Heilung

Anhand der biblischen Geschichte vom Feldhauptmann Naaman (2. Könige 5) wenden wir uns dem Thema Heilung zu. In einer dreiteiligen ­Serie wird beleuchtet, wie Naaman geheilt wird und welche seiner Erfahrungen uns auch heute helfen können.

Elisa verweigert die Annahme der Geschenke Naamans, Quelle: Wikipedia, Collection of reproductions compiled by The Yorck Project. Zenodot Verlagsgesellschaft mbH

Elisa verweigert die Annahme der Geschenke Naamans, Quelle: Wikipedia, Collection of reproductions compiled by The Yorck Project. Zenodot Verlagsgesellschaft mbH


Naaman, ein Feldhauptmann der Aramäer, leidet an einer Erkrankung der Haut, die auch mit dem Begriff Aussatz oder Lepra bezeichnet wurde. Erkrankungen der Haut können unterschiedliche Ursachen haben: die Infektion mit einem Erreger, ein irregeleitetes Immunsystem oder eine genetische Veranlagung. Bestimmte Lebenserfahrungen und Umstände führen dann zum Ausbruch der Symptome. Die Heilung ist mitunter sehr schwierig. Naaman geht einen Weg zur Heilung, auf dem nicht nur die Krankheit verändert wird, es verändert sich auch seine Haltung zum Leben. In dieser biblischen Geschichte von Naaman ist eine tiefe Weisheit enthalten, die auch uns heute Wege der Heilung zeigen kann.

Naaman ist ein erfolgreicher Feldhauptmann, der von seinem König wertgeschätzt wird. Von Naaman heißt es, »durch ihn gab der Herr den Aramäern Sieg«. Doch trotz seines Erfolges fühlt Naaman sich nicht wohl in seiner Haut. So können auch heute Menschen erfolgreich sein, aber ihre innere Selbstwahrnehmung ist eine andere. Sind es Zwänge und der Druck, immer erfolgreich sein zu müssen? Ist es bei Naaman die Angst, die Wertschätzung des Königs zu verlieren? Der Text selbst gibt darüber keine Auskunft. In tief gehenden Gesprächen mit hautkranken Menschen klingen aber solche Momente an.

»Die Kriegsleute der Aramäer waren ausgezogen und hatten ein junges Mädchen weggeführt aus dem Lande Israel; die war im Dienst der Frau ­Naamans.« Diese Dienerin weiß Rat, wie Naaman geheilt werden könnte. Sie weist auf die Möglichkeit der Heilung durch den Propheten Elisa in ­Israel hin: »Ach, dass mein Herr bei dem Propheten in Samaria wäre! Der könnte ihn von seinem Aussatz befreien.« (2. Könige 5,2) Damit beginnt für Naaman der Prozess einer Heilung. Gleichermaßen ist es ein Weg mit Grenzüberschreitungen.

Naaman geht zu seinem König. Dieser sendet ihn mit einem Schreiben zum König nach Samaria. Der König zerreißt seine Kleider, als er den Brief liest, weil der aramäische König darum ­bittet, dass er, der König von ­Israel, Naaman heilen soll. Das Zerreißen ist Ausdruck des Entsetzens und der Trauer. Der König von Israel macht darin auch deutlich, dass nur Gott von Krankheiten heilen kann. »Bin ich denn Gott, dass ich töten und lebendig machen kann«, sagt er. Er wittert auch die Suche nach einem Kriegsgrund oder Spionage. »Merkt und seht, wie er Streit mit mir sucht.«

Naaman ist einen innerlich weiten Weg gegangen. Bereits die Einsicht, dass er Hilfe braucht, ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Heilung. Das Eingeständnis von Hilfsbedürftigkeit ist auch ein Eingeständnis der eigenen Verletzlichkeit, der eigenen Endlichkeit und Machtlosigkeit. Naaman, der erfolgreiche, der mächtige und der militärisch unverletzliche Staatsdiener, muss sich eingestehen, dass er Hilfe braucht. Diese Hilfe vermittelt ein Mädchen. Es ist Opfer eines Raubzuges und wie viele Opfer von Raubzügen in seiner Selbstbestimmung verletzt. Gleichermaßen ist es aber stark genug, Wege zum Heil und zur Heilung zu sehen, gerade durch seine Verletzungen. Dieser offene Blick des Mitgefühls und der Wegweisung ist Ausdruck einer Stärke, die aus der Verletzung erwächst.

Aus einer Verletzung kann Stärke erwachsen. So kann auch uns Hilfe vermittelt werden durch die Aufmerksamkeit auf das Starke, das aus einer Verletzung entspringt und uns zur Selbsterkenntnis führt. Dieser Gedanke entspricht nicht den Idealen unserer Zeit von Jugendlichkeit, Dynamik und Leistungsstärke. Wenn wir dieser Einsicht folgen, müssen wir wie Naaman die Grenze des Landes überschreiten, in dem Stärke, Macht und Jugendlichkeit gelten. Jenseits dieser Grenze findet sich Selbsteinsicht, aber auch ein Weg zur wahren Heilung.

Jürgen Wolf

Der Autor ist promovierter Theologe und Pfarrer in Hermsdorf. Nebenamtlich ist er Dozent für Praktische Theologie im Kirchlichen Fernunterricht.