»Dieser Krieg ist nicht zu gewinnen«

28. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Interview: Für Ahmadullah Rahmani kann es Frieden in Afghanistan nur gemeinsam mit den Taliban geben

Kritiker der Afghanistan-Politik wie des Islams: Der Bielefelder Dozent und Buchautor Ahmadullah Rahmani, Foto: epd-bild

Kritiker der Afghanistan-Politik wie des Islams: Der Bielefelder Dozent und Buchautor Ahmadullah Rahmani, Foto: epd-bild


Das gerade veröffentlichte Friedensgutachten 2010 bringt es auf den Punkt: Die Afghanistanpolitik ist gescheitert. Der Exil-Afghane Ahmadullah Rahmani plädiert deshalb für Gespräche mit den Taliban, warnt den Westen aber zugleich vor falscher Toleranz gegenüber dem Islam. Holger Spierig sprach mit Rahmani.

Was empfinden Sie, wenn Sie Ihr Heimatland Afghanistan in den Nachrichten sehen?
Rahmani:
Es tut weh, Afghanistan im Zusammenhang mit Gewalt, Tod und Krieg zu erleben. Es tut mir auch sehr weh, wenn ich höre, dass wieder deutsche Soldaten umgekommen sind. Ich bin auf eine deutsche Schule gegangen. Die Deutschen waren in meiner Heimat immer sehr beliebt.

Wieso hat sich das geändert?
Rahmani:
Die Deutschen waren in Afghanistan als Helfer bekannt und geachtet. Die Taliban haben das erkannt. Sie sind deshalb in den Norden eingedrungen und haben die deutschen Soldaten dort attackiert. Die haben dann, ohne zu wissen, woher das ­genau kam, zurückgeschossen. Dabei sind auch Zivilisten umgekommen. Deshalb wollen heute viele Afghanen, dass die Deutschen abziehen. Wenn die Deutschen aber ihre Uniformen ausziehen würden und wieder als ­zivile Helfer arbeiten, bin ich sicher, dass ihnen nichts passieren würde.

Was waren die größten Fehler der westlichen Welt in Afghanistan?
Rahmani:
Die Fehler sind vor allem am Anfang gemacht worden. Für einen Afghanen gibt es nichts Schlimmeres, als wenn jemand ohne Rücksicht auf die Frauen und die Familie in sein Haus eindringt. Besonders die Amerikaner sind einfach in die Häuser gestürmt und haben alle Räume durchsucht. Wenn sie auf einen alten Mann mit einem langen Bart stießen, wurde der gleich als Taliban mitgenommen. Das Problem ist, dass man einem Afghanen in der Regel nicht ­ansehen kann, ob er ein Taliban ist. Tagsüber sitzt der in seinem Laden, abends geht er zu den Taliban und gibt Informationen über Truppenbewegungen weiter.

Wie kann Ihrer Meinung nach der Konflikt gelöst werden?
Rahmani:
Dieser Krieg ist militärisch nicht zu gewinnen. Die Taliban werden nicht aufgeben oder fliehen. Ohne eine Beteiligung der Taliban wird es keinen Frieden geben. Es gibt unter ihnen Gemäßigte, die zu Verhandlungen mit den Alliierten bereit wären. Ihre Bedingung ist aber, dass ein Abzugstermin für die ausländischen Truppen festgesetzt wird. Wenn sich die Alliierten darauf einließen, würden die Taliban augenblicklich ihre Kämpfe einstellen. Die Westmächte würden dann allerdings das Risiko eingehen, dass die Taliban einen islamischen Staat errichten und die islamische Rechtssprechung, die Scharia, wieder einführen. Das wollen zurzeit weder die afghanische Regierung noch die Alliierten.

Was wäre die Alternative?
Rahmani:
Die Alternative ist ein fluchtartiger Rückzug der alliierten Soldaten. Wenn nicht heute, dann vielleicht in fünf oder zehn Jahren.

Was macht die Taliban für die afghanische Bevölkerung so attraktiv?
Rahmani:
In Afghanistan gibt es schätzungsweise über 70 Prozent Analphabeten. Außerhalb der Städte ist man entweder Bauer oder arbeitslos. Die Taliban ­bieten den Arbeitslosen Geld, so kommen immer wieder Kämpfer dazu. Aber Taliban zu sein, ist eine Einbahnstraße. Wenn man einmal drin ist, kommt man nicht so leicht wieder raus.

Ein Schulfreund von Ihnen war ein hochrangiger Taliban, der im berüchtigten US-Gefangenenlager Guantanamo eingesperrt wurde. Sie haben seine Geschichte aufgeschrieben. Wann haben Sie ihn das letzte Mal gesprochen?
Rahmani:
Ich habe seit fast neun ­Monaten keinen Kontakt mehr zu ihm. Die Taliban haben viele frühere Mitglieder, die nicht mehr mitmachen wollten, entführt und getötet. Ich nehme an, dass er deshalb untergetaucht ist. Vielleicht hat ihn auch die afghanische Regierung versteckt, um ihn zu schützen.

Ihr Freund Abdul Salam Zaeef war ein enger Vertrauter von Taliban-Führer Mullah Omar. Nehmen Sie ihm ab, dass er unschuldig ist?
Rahmani:
Mein Freund Abdul Salam war Mitglied der Taliban. Mitglied zu sein heißt nicht automatisch, mit Kalaschnikows zu kämpfen oder Terrorist zu sein. Er wurde als Botschafter der Taliban nach Pakistan geschickt. Er sagt, dass er keine Waffe angerührt hat und auch keine Anweisungen zu Mord gegeben hat. Ich habe ihn seit unserer gemeinsamen Kindheit lange nicht gesehen. Was er in diesen Jahren wirklich gemacht hat, weiß ich nicht. Wie ich aber sein Wesen kenne, kann ich mir nicht vorstellen, dass er irgendjemanden töten kann. Er ist ja auch schließlich von den Amerikanern aus Guantanamo freigelassen worden.

Sie bezeichnen sich als liberalen Moslem, sehen aber im Islam ein großes Gewaltpotenzial. Können Sie das erklären?
Rahmani:
Ich bin als Moslem geboren und aufgewachsen. Tatsache ist, dass der Islam in der Frühzeit auch mit dem Schwert verbreitet wurde. Terroristen berufen sich auf die Feldzüge Mohammeds und rechtfertigen damit Terror und Selbstmordattentate, obwohl das nach dem Koran eine absolute Sünde ist. Auch blenden sie dabei die guten Seiten des Korans komplett aus.

Wie sehen Sie die Situation heute?
Rahmani:
Es gibt auch heute viele Muslime, die Kriege im Namen des ­Islams befürworten. Sie reduzieren die westliche Welt darauf, dass Frauen halb nackt herumlaufen würden und dass Alkohol in der Öffentlichkeit erlaubt sei. Sie werfen der westlichen Welt vor, damit die islamische Kultur zu zerstören. Deshalb halten sie es für richtig, wenn die »Ungläubigen« aus dem Land gejagt oder getötet werden. Das ist aber total falsch. Wenn ich als Moslem in Europa lebe, sagt mir doch auch niemand: Du bist kein Christ, deshalb werde ich dich töten oder du musst Deutschland verlassen.

Können Sie die Befürchtungen der westlichen Welt gegenüber dem Islam nachvollziehen?
Rahmani:
Toleranz ist notwendig, sonst kann man nicht zusammenleben. Sich aus Angst vor dem Islam zurückzuziehen, wäre ein großer Fehler. Der Islam kennt keine Toleranz und ist ein Feind der Demokratie. So kann er gefährlich werden. Der Islam wird aber noch gefährlicher, wenn er merkt, dass die Menschen sich vor Angst zurückziehen. Die meisten gläubigen Muslime gehen in die Moschee zum Beten, und danach wieder nach Hause. Es gibt in den Moscheen aber auch Extremisten, die das ausnutzen. Diese Leute dürfen nicht zur Mehrheit werden. Die werden dann zwar nicht gleich Terroranschläge verüben, aber sie werden versuchen, ihre Meinung in dieser Gesellschaft durchzusetzen. Deshalb sollte man ihnen nicht zu viele Freiheiten gewähren.

Können Sie sich eines Tages eine Rückkehr nach Afghanistan vorstellen?
Rahmani:
Meine Familie und ich fühlen uns hier gut integriert, wir haben viele Freunde und eines meiner Kinder ist mit einem deutschen Partner verheiratet. Meine Frau und ich denken zwar oft an unsere Heimat. Wir wissen aber, das Land, in dem wir aufgewachsen sind, gibt es nicht mehr.

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