Glaube und Sozialarbeit

28. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Sachsen auf Kuba: Christine Müller (r.) im Gespräch mit einer Bäuerin aus einem von »Brot für die Welt« geförderten ­Projekt zur Selbstversorgung.	Foto: Britta Schmidt

Sachsen auf Kuba: Christine Müller (r.) im Gespräch mit einer Bäuerin aus einem von »Brot für die Welt« geförderten ­Projekt zur Selbstversorgung. Foto: Britta Schmidt

Begegnung: In Kubas sozialistischem Parlament sitzen auch zwei evangelische Christen

Mit Kuba verbindet mancher nur Zigarren, Orangen oder den Cocktail Pina Colada. Eine sächsische Studienreise hat kürzlich erlebt, wie evangelische Kubaner dort aktiv sind.

Von Katharina Weyandt

Dr. Ofelia Ortega ist Pfarrerin der Presbyterianischen Kirche Kubas, einer der großen unter den 54 ­verschiedenen protestantischen Richtungen. Sie kennenzulernen, hat die achtköpfige Gruppe besonders beeindruckt. Sie lebt auf dem Gelände des theologischen Seminars in Matanzas im Nordwesten der Insel, das sie mehrere Jahre lang geleitet hat. Zuvor ­arbeitete sie zehn Jahre lang beim Ökumenischen Weltkirchenrat in Genf, dessen Präsidentin für die ­Karibik und Lateinamerika sie ist.

Im Seminar besuchen zurzeit fast 180 Frauen und 100 Männer theologische Kurse, von der Weiterbildung für Lehrer bis zum Studium für künftige Pfarrer und Pfarrerinnen. Auch Lutheraner, Episkopale, Adventisten und Pfingstkirchen gehören zu den 14 Trägerkirchen des Seminars; selbst Katholiken, welche die überwiegende Mehrheit der kubanischen Christen bilden, wirken mit. Finanziert wird es im Wesentlichen aus dem Ausland, etwa von der Berliner Mission. Hier wird nicht nur theoretisch studiert, sondern auch an praktischen Beispielen gearbeitet.

Ofelia hat auf dem Gelände des Seminars einen Ökolandbau ins Leben gerufen, der Obst und Gemüse für die Küche des Seminars, für soziale Einrichtungen und zum Verkauf an Arme produziert. Die Bewohner des angrenzenden Stadtviertels unterstützte sie dabei, ein Zentrum aufzubauen, wo sie sich treffen können, und einen Spielplatz anzulegen. »Mein ganzes Leben habe ich Glaube und Sozialarbeit zusammengebracht«, erzählt sie. Vor zwei Jahren wurde sie ins Parlament gewählt, in dem keine konkurrierenden Parteien, sondern auf Vorschlag von Organisationen Gewählte Sitze bekommen.

Wollen den kubanischen Sozialismus verbessern
Nachdem sie zwei Monate durch ihren 80 Kilometer entfernten Wahlbezirk gereist war, nur Fragen stellte und ihren kirchlichen Hintergrund betonte, bekam sie fast 97 Prozent der Stimmen. Beachtlich angesichts dessen, dass fast die Hälfte der Bevölkerung konfessionslos ist. Zudem hängen der Santeria an, einer Mischreligion aus den Kulten der afrikanischen Sklavenbevölkerung, welche die spanischen Kolonisatoren nach der Ausrottung der Indios ins Land holten, und christlichen Elementen.

Neben Ofelia ist Pfarrer Raul Suarez, der Gründer und Leiter des Martin-Luther-King-Zentrums in Havan­na, der einzige Christ im Parlament. Das Zentrum, aus einer Baptistengemeinde entstanden, strahlt inzwischen in 56 Projekte aus, die mit ­Menschen in Elendsvierteln an den besseren Lebensbedingungen arbeiten. Ziel ist, den Sozialismus Kubas zu verändern.

Christine Müller, sächsische Beauftragte für Kirchlichen Entwicklungsdienst, und Leiterin der Reise, ist lange mit beiden befreundet. 1992 lernte sie Raul bei der ersten EKD-weiten Kuba-Tagung kennen, zwei Jahre später reiste sie als Jugendvertreterin das erste Mal nach Havanna. Seitdem hat sie die politischen Veränderungen verfolgt. 1961 hatte Fidel Castro mit seiner Revolutionsregierung die Kirchen enteignet. Erst 1992 nach einem Treffen von Castro und den Kirchen wurde in einer Verfassungsänderung Religionsfreiheit gewährt.

Erleichterungen seit dem Papstbesuch
Seit dem Papstbesuch 1998 gab es weitere Erleichterungen, zum Beispiel Weihnachten als offizieller Feiertag. Dazu eine weitere Geschichte von Ofelia: »Mein Traum war, Weihnachten in einem großen Raum mit allen in Matanzas öffentlich zu feiern. Die Stadtverwaltung lehnte ab. Ich überlegte, bei der nächsten Parlamentssitzung Fidel zu frage. Mein Mann riet ab. Aber dann saß ich zufällig beim Mittagessen neben ihm, und als er mich fragte, wie es mir gehe, antwortete ich: »Schlecht«. Auf seine Frage nach dem Grund erzählte ich, dass wir keinen Raum für eine Weihnachtsfeier bekämen. Ich war gerade wieder zu Hause, als die Stadtverwaltung anrief, dass doch ein Theater für das Fest zur Verfügung stünde.«

Kontakt: Arbeitsstelle Eine Welt in der
Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens, Christine Müller, Paul-List-Straße 19, 04103 Leipzig
Telefon (0341) 9940-655, Telefax -690,
Website: www.arbeitsstelle-eine-welt.de

Wohin im Alter?

28. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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In bestimmten Lebensabschnitten ist ein Richtungswechsel nötig. Foto: BilderBox.com

In bestimmten Lebensabschnitten ist ein Richtungswechsel nötig. Foto: BilderBox.com


Wohnen im Alter: Wer nach alternativen Wohnformen sucht, sollte sich rechtzeitig umsehen

Die meisten Menschen haben, wenn sie in den Ruhestand gehen, noch eine lange Lebensphase vor sich. Dabei ist die Frage wo, wie und mit wem sie leben wollen, von großer Bedeutung.

Wie die kommende Generation alter Menschen ihre letzte, oft lange Lebensphase im Ruhestand gestaltet, dafür gibt es kein historisches Vorbild. Nie sind so viele Menschen so alt geworden, und nie war es so wenig selbstverständlich wie heute, dass ­ältere Menschen bei der Frage, wo, wie und mit wem sie als Senioren ­leben wollen, einfach auf ihre Familie zurückgreifen können. Denn die Lebens- und Wohnformen, die in der Vergangenheit üblich waren, lassen sich auf die neue Situation nicht ohne Weiteres übertragen. Für viele ältere Menschen scheidet die Lösung: Im Alter zieh ich zu den Kindern – oder die Kinder ziehen zu mir ins Haus – gleich aus mehreren Gründen aus: Die Zahl der kinderlosen Senioren steigt – oder die Kinder wohnen längst irgendwo anders, haben keinen Platz in ihrer Wohnung und sind beruflich eingespannt. Dabei ist das Thema Wohnen für die Lebensqualität im Alter von großer Bedeutung. Denn mit steigendem Lebensalter werden die Grenzen des persönlichen Lebensraums enger.

Richtig angekommen scheint dieser soziale Wandel noch nicht zu sein. Denn viele alte Menschen verdrängen die Frage, wie, wo und mit wem sie im Alter leben wollen. In ländlichen Regionen leben viele Witwen allein in eigenen Häusern, die, ehemals für eine Familie gebaut, für den Bedarf im Alter längst viel zu groß sind. In städtischem Umfeld ­leben Senioren häufiger allein in ­Mietwohnungen in einem mehr oder weniger anonymen Umfeld.

Hanna Kisten (87) lebt allein, seit ihr Mann vor 20 Jahren starb. Ihr einziger Sohn ist selbst krank. Ihre Wohnung im 3. Stock kann sie seit letztem Herbst nicht mehr verlassen. Lebensmittel bekommt sie über den Lieferservice eines Supermarktes, einmal in der Woche kommt jemand zum Putzen. Und wenn sie noch mehr Hilfe braucht? »Ich will hier in meiner ­Wohnung bleiben, in der ich schon geboren bin«, wehrt sie jeden Gedanken an ein Altenheim ab. Altenheim, das ist für sie die allerletzte Notlösung.

Reiner Gerster (68) ist kinderlos ­geschieden. Der Gedanke an das ­Alleinleben macht ihm Angst, seit er unvermutet mit einer lebensgefährlichen Thrombose behandelt werden musste. Außer einem Hausnotruf hat er nichts Grundsätzliches geändert. 93 Prozent der Menschen über 65 Jahre leben in ihren Privatwohnungen. 1,5 bis 2 Prozent haben sich für eine Altenwohnanlage entschieden, 1,6 Prozent leben im betreuten Wohnen, etwa 3 Prozent sind in einem ­Altenpflegeheim untergebracht, so die Zahlen des Kuratoriums Deutsche ­Altenhilfe.

Brigitte Kämpfer (74) ist froh über ihre Entscheidung, in eine seniorengerechte Altenwohnanlage umgezogen zu sein. Hier hat sie nette Nachbarn in ähnlicher Lebenssituation gefunden und kann bei Bedarf die angegliederten Serviceleistungen in Anspruch nehmen.
Wolfgang Nieländer (69) aus Balingen gehört zu den gerade mal ein Prozent der Menschen über 65, die sich für eine alternative Wohnform entschieden haben. Er suchte für die Zeit nach dem Ende seiner beruflichen Arbeit als Entwicklungshelfer nach einer Möglichkeit, mit Menschen unterschiedlichen Alters gemeinsam zu wohnen und zu leben. Nach dem Motto: »Nicht allein und nicht ins Heim«. Gemeinsam mit drei Mitstreitern suchte, fand und kaufte er 2001 in Balingen ein Grundstück und gründete eine Bauherrengemeinschaft. Gebaut wurde barrierefrei und nach ökologischen Grundsätzen. Zur Finanzierung verkauften einige Bauherren ihre bisherigen Häuser. Die nötigen Kredite werden auch dadurch ­abgetragen, dass vier der acht unterschiedlich großen Wohnungen vermietet werden. Seit 2003 lebt Wolfgang Nieländer seinen Traum jetzt im alternativen Wohnprojekt. Jede Partei hat eine separate Wohnung, für Gäste gibt es ein Extra-Appartement.

Die Eingangshalle mit Klavier und großem Tisch ist Treffpunkt für Feiern, fürs Erzählen, Homekino und Ausgangspunkt für gemeinsame Unternehmungen. Der Altersdurchschnitt liegt bei knapp 50 Jahren. »Wir sind kein privates Altenheim – sogar ein Baby wurde hier geboren«, freut sich der Mitinitiator des Projekts, auf dass es in der Nachbarschaft viel ­positive Resonanz gibt.

»Die Kunst des Zusammenlebens hatten wir uns leichter vorgestellt. Ich bin nicht so Geräusche resistent, wenn die Jugendlichen mal loslegen«, gibt Nieländer freimütig zu. Schwerer wiegt allerdings für ihn, dass die Wohngemeinschaft sich mit der Betreuung eines an Demenz erkrankten Mitglieds auf Dauer überfordert sah. Der Mitbewohner zog in ein Pflegeheim und kommt jede Woche zu ­Besuch.
Wer nach Alternativen für das Wohnen im Alter sucht, soll nicht erst im Ruhestand mit den Überlegungen beginnen, rät Wolfgang Nieländer.

Auch wer sich entscheidet, so lange wie möglich in der eigenen Wohnung oder im eigenen Haus zu bleiben, sollte vorsorglich die Frage klären, welche Unterstützung im Notfall ­finanziert und in Anspruch genommen werden soll. Für den Fall, dass eine Pflege zu Hause nicht geleistet werden kann, sollten alte Menschen sich Pflegeheime oder Seniorenresidenzen ansehen und selbst auswählen. Auch für die Suche nach Initiativen und Gruppen, die Ideen und Kontakte, Konzepte und Fördermöglichkeiten für gemeinschaftliches, Generationen übergreifendes Wohnen und Leben vermitteln, gilt: Je eher desto besser.

Von Karin Vorländer

Buchtipp:
Scherf, Henning: Grau ist bunt. Was im ­Alter möglich ist
Herder Verlag, 191 Seiten
ISBN 978-3-451-05976-6
Preis: 9,95 Euro

Infos zu Alternativen Wohnprojekten unter: www.neue-wohnformen.de

»Dieser Krieg ist nicht zu gewinnen«

28. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Für Ahmadullah Rahmani kann es Frieden in Afghanistan nur gemeinsam mit den Taliban geben

Kritiker der Afghanistan-Politik wie des Islams: Der Bielefelder Dozent und Buchautor Ahmadullah Rahmani, Foto: epd-bild

Kritiker der Afghanistan-Politik wie des Islams: Der Bielefelder Dozent und Buchautor Ahmadullah Rahmani, Foto: epd-bild


Das gerade veröffentlichte Friedensgutachten 2010 bringt es auf den Punkt: Die Afghanistanpolitik ist gescheitert. Der Exil-Afghane Ahmadullah Rahmani plädiert deshalb für Gespräche mit den Taliban, warnt den Westen aber zugleich vor falscher Toleranz gegenüber dem Islam. Holger Spierig sprach mit Rahmani.

Was empfinden Sie, wenn Sie Ihr Heimatland Afghanistan in den Nachrichten sehen?
Rahmani:
Es tut weh, Afghanistan im Zusammenhang mit Gewalt, Tod und Krieg zu erleben. Es tut mir auch sehr weh, wenn ich höre, dass wieder deutsche Soldaten umgekommen sind. Ich bin auf eine deutsche Schule gegangen. Die Deutschen waren in meiner Heimat immer sehr beliebt.

Wieso hat sich das geändert?
Rahmani:
Die Deutschen waren in Afghanistan als Helfer bekannt und geachtet. Die Taliban haben das erkannt. Sie sind deshalb in den Norden eingedrungen und haben die deutschen Soldaten dort attackiert. Die haben dann, ohne zu wissen, woher das ­genau kam, zurückgeschossen. Dabei sind auch Zivilisten umgekommen. Deshalb wollen heute viele Afghanen, dass die Deutschen abziehen. Wenn die Deutschen aber ihre Uniformen ausziehen würden und wieder als ­zivile Helfer arbeiten, bin ich sicher, dass ihnen nichts passieren würde.

Was waren die größten Fehler der westlichen Welt in Afghanistan?
Rahmani:
Die Fehler sind vor allem am Anfang gemacht worden. Für einen Afghanen gibt es nichts Schlimmeres, als wenn jemand ohne Rücksicht auf die Frauen und die Familie in sein Haus eindringt. Besonders die Amerikaner sind einfach in die Häuser gestürmt und haben alle Räume durchsucht. Wenn sie auf einen alten Mann mit einem langen Bart stießen, wurde der gleich als Taliban mitgenommen. Das Problem ist, dass man einem Afghanen in der Regel nicht ­ansehen kann, ob er ein Taliban ist. Tagsüber sitzt der in seinem Laden, abends geht er zu den Taliban und gibt Informationen über Truppenbewegungen weiter.

Wie kann Ihrer Meinung nach der Konflikt gelöst werden?
Rahmani:
Dieser Krieg ist militärisch nicht zu gewinnen. Die Taliban werden nicht aufgeben oder fliehen. Ohne eine Beteiligung der Taliban wird es keinen Frieden geben. Es gibt unter ihnen Gemäßigte, die zu Verhandlungen mit den Alliierten bereit wären. Ihre Bedingung ist aber, dass ein Abzugstermin für die ausländischen Truppen festgesetzt wird. Wenn sich die Alliierten darauf einließen, würden die Taliban augenblicklich ihre Kämpfe einstellen. Die Westmächte würden dann allerdings das Risiko eingehen, dass die Taliban einen islamischen Staat errichten und die islamische Rechtssprechung, die Scharia, wieder einführen. Das wollen zurzeit weder die afghanische Regierung noch die Alliierten.

Was wäre die Alternative?
Rahmani:
Die Alternative ist ein fluchtartiger Rückzug der alliierten Soldaten. Wenn nicht heute, dann vielleicht in fünf oder zehn Jahren.

Was macht die Taliban für die afghanische Bevölkerung so attraktiv?
Rahmani:
In Afghanistan gibt es schätzungsweise über 70 Prozent Analphabeten. Außerhalb der Städte ist man entweder Bauer oder arbeitslos. Die Taliban ­bieten den Arbeitslosen Geld, so kommen immer wieder Kämpfer dazu. Aber Taliban zu sein, ist eine Einbahnstraße. Wenn man einmal drin ist, kommt man nicht so leicht wieder raus.

Ein Schulfreund von Ihnen war ein hochrangiger Taliban, der im berüchtigten US-Gefangenenlager Guantanamo eingesperrt wurde. Sie haben seine Geschichte aufgeschrieben. Wann haben Sie ihn das letzte Mal gesprochen?
Rahmani:
Ich habe seit fast neun ­Monaten keinen Kontakt mehr zu ihm. Die Taliban haben viele frühere Mitglieder, die nicht mehr mitmachen wollten, entführt und getötet. Ich nehme an, dass er deshalb untergetaucht ist. Vielleicht hat ihn auch die afghanische Regierung versteckt, um ihn zu schützen.

Ihr Freund Abdul Salam Zaeef war ein enger Vertrauter von Taliban-Führer Mullah Omar. Nehmen Sie ihm ab, dass er unschuldig ist?
Rahmani:
Mein Freund Abdul Salam war Mitglied der Taliban. Mitglied zu sein heißt nicht automatisch, mit Kalaschnikows zu kämpfen oder Terrorist zu sein. Er wurde als Botschafter der Taliban nach Pakistan geschickt. Er sagt, dass er keine Waffe angerührt hat und auch keine Anweisungen zu Mord gegeben hat. Ich habe ihn seit unserer gemeinsamen Kindheit lange nicht gesehen. Was er in diesen Jahren wirklich gemacht hat, weiß ich nicht. Wie ich aber sein Wesen kenne, kann ich mir nicht vorstellen, dass er irgendjemanden töten kann. Er ist ja auch schließlich von den Amerikanern aus Guantanamo freigelassen worden.

Sie bezeichnen sich als liberalen Moslem, sehen aber im Islam ein großes Gewaltpotenzial. Können Sie das erklären?
Rahmani:
Ich bin als Moslem geboren und aufgewachsen. Tatsache ist, dass der Islam in der Frühzeit auch mit dem Schwert verbreitet wurde. Terroristen berufen sich auf die Feldzüge Mohammeds und rechtfertigen damit Terror und Selbstmordattentate, obwohl das nach dem Koran eine absolute Sünde ist. Auch blenden sie dabei die guten Seiten des Korans komplett aus.

Wie sehen Sie die Situation heute?
Rahmani:
Es gibt auch heute viele Muslime, die Kriege im Namen des ­Islams befürworten. Sie reduzieren die westliche Welt darauf, dass Frauen halb nackt herumlaufen würden und dass Alkohol in der Öffentlichkeit erlaubt sei. Sie werfen der westlichen Welt vor, damit die islamische Kultur zu zerstören. Deshalb halten sie es für richtig, wenn die »Ungläubigen« aus dem Land gejagt oder getötet werden. Das ist aber total falsch. Wenn ich als Moslem in Europa lebe, sagt mir doch auch niemand: Du bist kein Christ, deshalb werde ich dich töten oder du musst Deutschland verlassen.

Können Sie die Befürchtungen der westlichen Welt gegenüber dem Islam nachvollziehen?
Rahmani:
Toleranz ist notwendig, sonst kann man nicht zusammenleben. Sich aus Angst vor dem Islam zurückzuziehen, wäre ein großer Fehler. Der Islam kennt keine Toleranz und ist ein Feind der Demokratie. So kann er gefährlich werden. Der Islam wird aber noch gefährlicher, wenn er merkt, dass die Menschen sich vor Angst zurückziehen. Die meisten gläubigen Muslime gehen in die Moschee zum Beten, und danach wieder nach Hause. Es gibt in den Moscheen aber auch Extremisten, die das ausnutzen. Diese Leute dürfen nicht zur Mehrheit werden. Die werden dann zwar nicht gleich Terroranschläge verüben, aber sie werden versuchen, ihre Meinung in dieser Gesellschaft durchzusetzen. Deshalb sollte man ihnen nicht zu viele Freiheiten gewähren.

Können Sie sich eines Tages eine Rückkehr nach Afghanistan vorstellen?
Rahmani:
Meine Familie und ich fühlen uns hier gut integriert, wir haben viele Freunde und eines meiner Kinder ist mit einem deutschen Partner verheiratet. Meine Frau und ich denken zwar oft an unsere Heimat. Wir wissen aber, das Land, in dem wir aufgewachsen sind, gibt es nicht mehr.

»Eines Tages wird sich das ändern«

27. Mai 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Um glauben und hoffen zu können, sucht der Autor nach Zeugen. Er findet sie nicht nur in der Bibel. Im Folgenden ein Auszug aus seinem auf dem Ökumenischen Kirchentag in München gehaltenen Vortrag.

Der gekreuzigte und auferstandene Christus – Hoffnung auf eine neue Welt. Der Ökumenische Kirchentag stand unter dem Motto: »Damit ihr Hoffnung habt.« Auf dem Foto die Installation »Schwebendes Blau«, die als Teil eines ­Kunst­projektes zum Kirchentag in der Kirche St. Ursula in München-Schwabing zu sehen war. Foto: epd-bild

Der gekreuzigte und auferstandene Christus – Hoffnung auf eine neue Welt. Der Ökumenische Kirchentag stand unter dem Motto: »Damit ihr Hoffnung habt.« Auf dem Foto die Installation »Schwebendes Blau«, die als Teil eines ­Kunst­projektes zum Kirchentag in der Kirche St. Ursula in München-Schwabing zu sehen war. Foto: epd-bild


Was ich über die Hoffnung sage, sage ich als alter Mensch. Ich weiß nicht, ob es allen Alten so geht, sicher aber vielen, dass sie nicht mehr in stimmigen und einleuchtenden theologischen Zusammenhängen reden; nicht weil der Verstand schwächer geworden ist, sondern weil ­einem das Leben die Systematik und die einleuchtenden Erklärungen ausgetrieben hat. Es sprechen so viele ­Todesdaten, Zerstörungsgeschichten und Unstimmigkeiten gegen den Zusammenhang und die Güte des Lebens, dass man sich eher wundert, dass Menschen das Leben loben und Gott preisen können.

Das Glaubensbekenntnis als systematische Aussage und Lehre zerbröckelt einem unter den Händen, aber umso fester hält man die Brocken, die man nicht aufgeben kann: Jesus Christus – das aufgedeckte Antlitz Gottes; Jesus Christus – in unsere Tode hineingestorben; Jesus Christus – die Hoffnung auf die Heilung aller Lebenswunden und Lebensschulden. Es spricht viel dagegen, dieses zu glauben; vielleicht mehr dagegen als dafür, aber ich erzähle eine Geschichte, bei der einem nichts anderes übrig bleibt als zu glauben (oder nicht zu glauben). Ich finde sie bei Carlos Mesters, dem brasilianischen Befreiungstheologen (Die Botschaft des leidenden Volkes). Es ist die Geschichte von Teresinha, einer Frau aus dem brasilianischen Bergland. Das Kind der Teresinha war erst wenige Monate alt und schwer krank. Sie ging zu ­einem Arzt, der die Behandlung verweigerte. Sie ging von Krankenhaus zu Krankenhaus, aber sie hatte nicht die richtigen Papiere und wird abgewiesen. Schließlich stirbt das Kind in ihren Armen.

Einmal erzählt diese Frau die Geschichte des Sterbens ihres ­Kindes einer Nonne, und diese antwortete ihr: »Wie können Sie das nur aushalten, so zu leiden?« Teresinha antwortet: »Ich weiß nicht, Schwester. Wir sind arm, wir wissen nichts. Das Einzige, was für uns übrig bleibt in dieser Welt, ist leiden. Lassen Sie nur, Schwester, eines Tages wird sich das ändern! Gott hilft Leuten wie uns.«
»Eines Tages wird sich das ändern!«, sagt die Frau. »Den Tod vernichtet er für immer«, sagt Jesaja. »Gott hilft Leuten wie uns«, sagt die Frau. »Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen«, heißt es im letzten Buch der Bibel. Die Frage, was Erlösung bedeutet und ob man auf sie hoffen kann, kann ich nicht abstrakt beantworten. Ich könnte es nicht in der Bibel lesen, wenn ich es nicht aus den Worten dieser Frau lese.

Die Frau in ihrem Schmerz und in ihrer Hoffnung ist meine Zeugin. Ich verstände sehr gut, wenn sie verstummte oder wenn ihre Sprache bescheiden würde und wenn sie nur noch sagte: So ist das Leben! Das Kind ist tot, und mehr hat unsereins nicht zu erwarten. Aber sie hat keinen Grund so bescheiden zu sein. Sie geht mit ihrer Hoffnung aufs Ganze und sagt: »Eines Tages wird sich das ändern. Gott hilft Leuten wie uns.«

Es ist schön und menschenwürdig, dass ein Mensch sich die Hoffnung nicht verbieten lässt; dass sie einen neuen Himmel und eine neue Erde ­erwartet, in der sie nicht mehr ein ­erniedrigtes und beleidigtes Geschöpf ist. Ich finde den dickköpfigen Stolz der Frau schön, in dem sie ein Land erwartet, in dem »das Frühere vergangen« ist. Etwas schön zu finden, ist die erste und vielleicht kräftigste Verlockung zum Glauben. Diese Schönheit lehrt mich unzufrieden zu sein mit der unterernährten Vernunft, die nur sagt, was zu ­sagen ist. »Gott erlöst sein Volk.«

Das eigene Herz ist zu klein für die Hoffnung auf die endgültige Bergung des Lebens. Man muss Zeugen haben. Ich versuche, meinen Glauben an Gott zu nennen, und ich stelle fest, dass ich dies dauernd in fremder Sprache tue. Ich ­zitiere Jesaja, wenn ich auf das Land hoffe »aus dem die Seufzer geflohen sind«. Ich zitiere die Apokalypse, wenn ich behaupte: »Der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch ­Geschrei, noch Schmerz.« Man sucht sich Zeugen für die Hoffnung. Der Glauben geht Umwege, er glaubt nicht hauptsächlich »etwas«. Glauben heißt, den Zeugen ihren Glauben zu glauben. Welch ein Glück, dass ich eine Fremdsprache für meinen Glauben habe! In der fremden Sprache, in den Geschichten und den Bildern von gestern berge ich meinen Glauben. Ich stehe nicht allein, nicht einmal für meinen Glauben. Ich benutze die Sprache meiner lebenden und toten Geschwister, und ich benutze damit auch ihren Glauben.

Ja, ich kenne den Einwand: Die Hoffnung auf jene endgültige Stadt und auf Gott, der die Teresinhas erlöst, ist eine Vertröstung, die den Augenblick entwichtigt und die Kraft für die Gegenwart verschleudert. Aber es ist auch an der Zeit zu überlegen, was die Sprachlosigkeit anrichtet und was eine Sprache anrichtet, die das Elend beschreibt; die aber das Lied »einmal wird es sein!« nicht mehr kennt. Wünsche und Hoffnungen sterben, wenn sie sich in eine zu kurze Sprache ducken müssen. Die Sprache der Liebe und die Sprache des Schmerzes nehmen den Mund immer zu voll. Aber wehe, wenn sie bescheiden werden und die Unsäglichkeiten vermeiden! Der Tod darf nicht das letzte Wort haben, sonst wäre er größer als Gott. Die Toten drängen mich, an Gott zu glauben. Die Opfer fordern Versprechungen, die größer sind, als mein Herz wissen und vertreten kann. Da ich niemanden Opfer sein lassen will, nicht einmal mich selber, rufe ich: Gott wird die Toten nicht vergessen. Es wird ein Land kommen, aus dem die Seufzer geflohen sind und in dem jeder seine Sprache und seinen Gesang gefunden hat.

Nein, es ist mir zu wenig, dass Gott keine anderen Hände hat als die Unseren und kein größeres Herz als das Unsere. Ich lese in der Zeitung, dass ein Kind ermordet wurde. Nein, ich lasse Gott nicht davonkommen. Er soll für das ungelebte Leben und den schrecklichen Tod des Kindes stehen. Er soll seine Tränen abwischen und ihm sein Lachen zurückgeben. So wahr es ist, dass Gott selber in die Hände der Räuber gefallen ist in allen Gestalten der Armut, die sich auf der Welt herumtreiben, so wahr ist – ich behaupte es, und ich verlange es! –‚ dass Gott alle Wunden heilen und die Toten erwecken wird. Ich setze darauf und kümmere mich nicht darum, dass ich die Wette verlieren kann. Ich weiß, dass ich in unverstandenen Bildern rede, wenn ich mit der Bibel sage: »Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird sein.«

Die ­Toten und ihr Schicksal öffnen mir den Mund für diesen Gesang, der mit seiner Vision vom guten Ausgang ­allen Lebens wie Kitsch klingt. Aber lieber des Kitsches verdächtigt sein, als die Solidarität mit den Opfern aufgeben. Die Solidarität mit den Opfern erlaubt mir kein Schweigen und sie öffnet mir den Mund zu sagen, was man nicht sagen kann: dass keine Träne umsonst geweint ist und keine Wunde ungeheilt bleibt. Wie und wo dies wahr wird, weiß ich nicht. So sagt es Karl Rahner: »Es gilt, alle Aussagen über Gottes neuen Himmel und neue Erde immer wieder hineinfallen zu lassen in die schweigende Unbegreiflichkeit Gottes.« Wir kommen nicht umhin, uns Bilder zu machen von den Orten der Bergung. Denn die Hoffnung kommt nicht ohne Bilder aus. Zugleich muss man wissen, dass unsere Bilder Bilder sind und wie alle theologischen Aussagen im Bilderverbot gerichtet werden. Gott weiß, wo er ­unsere Tränen sammelt, und dies ­genügt.

Von Fulbert Steffensky

Fulbert Steffensky, 1933 geboren, studierte katholische und evangelische Theologie. Er lebte 13 Jahre als Benediktinermönch. 1969 konvertierte er zum lutherischen Glauben. Er war mit der Theologin Dorothee Sölle verheiratet. Bis 1998 war er als Professor für Religionspädagogik an der Universität Hamburg tätig.

Das Mutteramt des Heiligen Geistes

21. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorfs Nachdenken über das Wesen und Wirken des Geistes Gottes

Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes. Die evangelische Christenheit hat sich häufig schwergetan mit diesem Fest. Noch vor einigen Jahrzehnten konnte man mit Fug und Recht von einer regelrechten Geistvergessenheit im Protestantismus sprechen. Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf, an dessen 250. Todestag am 9. Mai 2010 vielerorts erinnert wurde, gehört zu den wenigen evangelischen Theologen, die intensiv über das ­Wesen und Wirken des Geistes Gottes nachgedacht haben. In der von ihm begründeten Herrnhuter Brüdergemeine wurde die Lehre vom Heiligen Geist ein »essentialer punct«. Der Heilige Geist tritt aus der Anonymität hinter Jesus Christus hervor und wird mit besonderen Liedern und Liturgien verehrt. Das Streben nach Geistes­leitung wird zu einem wesentlichen Merkmal der Spiritualität und führt neben der weit gespannten Evangelisationstätigkeit unter Christen aller Konfessionen zu ihrer weltweiten Missionsarbeit.

Foto: Stephen J. Sullivan, sxc.hu

Foto: Stephen J. Sullivan, sxc.hu

Auch die berühmten Losungen, dass heute am weitesten verbreitete protestantische Andachtsbuch, stellen eine praktische Konsequenz von Zinzendorfs Sehnsucht nach Geistesleitung dar. Die Losungen sollen die Bibel in den Lebensalltag der Menschen bringen. Der Graf versteht sie als unmittelbare Weisungen des auferstandenen und gegenwärtigen Herrn. Dabei ist es der Geist, der das Bibelwort lebendig macht.

Zinzendorf übersetzt die traditionelle Rede von der Dreieinigkeit, von Vater, Sohn und Heiligem Geist, in das Bild der göttlichen Familie von Vater, Sohn und Mutter. Dabei spielt die Vorstellung vom Mutteramt des Heiligen Geistes eine wesentliche Rolle. Sie soll biblische Aussagen veranschaulichen, die Gott auch weibliche Eigenschaften zuschreiben (wie Jesaja 66,13). Der Graf erkennt, dass der christliche Vatergott für die Bibel kein »maskulines Prinzip« ist. Folgerichtig redet er im Zusammenhang mit der Dreieinigkeit von Gottes Mütterlichkeit.

Aber nicht nur in der Theorie geht Zinzendorf neue Wege, er setzt seine Erkenntnisse über den Geist Gottes auch in der Gemeindepraxis um. Mit dem Mutteramt des Heiligen Geistes begründet der Graf die Emanzipation der Frau in der Brüdergemeine. Sie wird von ihrer Beschränkung auf Haus und Familie befreit und kann in der Gemeinde verantwortlich mitarbeiten – eine unerhörte Neuerung gegenüber den damaligen Staatskirchen. Die Gottesdienstteilnehmer sollten theologische Einsichten mit Leib und Seele erfahren. Dazu führt Zinzendorf altkirchliche Anbetungsformen im Gottesdienst der Brüdergemeine ein. Je nachdem, welche Person der Dreieinigkeit angebetet wird, wechselt die liturgische Haltung. Der Vater wird liegend verehrt, um das Abstandsgefühl des Menschen zu ihm zum Ausdruck zu bringen, Christus und der Heilige Geist der Vertrautheit wegen im Stehen oder Knien.

Man kann sich vorstellen, dass die unterschiedliche Haltung bei der Anbetung eine vertraute Glaubensbeziehung zu den verschiedenen göttlichen Personen förderte. Nicht ein abstrakter monotheistischer Gott, sondern Vater, Sohn und Geist in ihrer Besonderheit prägten den Gottesdienst der Brüdergemeine.

Jeder Mensch, der an Jesus Christus glaubt, kommt in die Schule des Heiligen Geistes. Dieser pflegt und erzieht ihn dann bis zum Tod, ja darüber hinaus bis zur Auferstehung. Als »Professor« der Gläubigen ist der Geist die Quelle aller wahren Gotteserkenntnis. Er offenbart dem Menschen Erkenntnisse, die mit der Vernunft allein nicht zu erfassen sind. Dazu bedient der Geist Gottes sich der Bibel, indem er ihre Aussagen dem menschlichen ­Verstand aufschließt.

Der Heilige Geist wirkt aber nicht nur an einzelnen Christen, sondern auch an der Gemeinde als Ganzer. Der Graf hat sich im Rahmen seiner Lehre vom Heiligen Geist auch über die ­Voraussetzungen einer Erweckung ­geäußert. Christus kann den Geist einer eingeschlafenen Gemeinde von Neuem erwecken – jedoch nur, wenn sie zur Buße, zur »Erkenntnis des Todes« und zur »Totenklage« kommt. Eine Erneuerung ist nicht möglich, wenn eine Gemeinde, die eigentlich tot ist, vorgibt, lebendig zu sein. Eine solche Gemeinde wird der Geist eines Tages ganz verlassen.

Diese wenigen Hinweise müssen genügen, um zu zeigen, dass die Rede vom Heiligen Geist Konturen gewinnt, wenn man sich – so wie Zinzendorf – mit ihm näher beschäftigt. Dann kann es geschehen, dass man unversehens in die Schule des Geistes gerät und der Glaube neue Dynamik erhält. Das wünsche ich allen Leserinnen und ­Lesern zum Pfingstfest!

Peter Zimmerling

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie an der Universität Leipzig.

Eine Kirche im Staub

20. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Jugend soll aufstehen um die Welt zu verändern, lautet die ­Botschaft der Pfingstler in Guatemala. Fotos: Andreas Boueke

Die Jugend soll aufstehen um die Welt zu verändern, lautet die ­Botschaft der Pfingstler in Guatemala. Fotos: Andreas Boueke


Reportage: Kein Wohlstandsevangelium – in Guatemala stehen die Missionare der Pfingstler den Ärmsten bei

Pfingstkirchen sind die weltweit am stärksten wachsende christliche Konfessionsgruppe. Meist gelten sie als fundamentalistisch und ­reaktionär. Doch das stimmt nur noch bedingt.

Die holprige Straße ohne Asphalt führt bis zu einer Ansammlung wackliger Bretterhütten, schäbiger Lehmhäuser und weniger Bauten aus unverputzten Steinen. Die Siedlung Las Huertas liegt in einer kargen Einöde im Osten des kleinen, mittelamerikanischen Landes Guatemala. Es gibt keine Abwasserkanäle, keine Straßenbeleuchtung, keine Gesundheitsstation und keine Rechtssicherheit.
Zweimal im Monat kommt die junge Frau Ester Raxón in diesen verstaubten Ort, um den Aufbau der ­Jugendarbeit der lokalen Pfingstgemeinde zu unterstützen. Sie sitzt auf einer Lehmstufe am Eingang der Kirche und beobachtet zwei Jungen, die im Staub des Vorplatzes mit selbst ­gebastelten Autos aus Draht spielen. Neben ihr grunzt ein Schwein, hinter ihr piepsen Küken. »Die Armut ist ­extrem«, klagt Ester Raxón. »Gerade die Kinder haben viele Probleme, auch mit sexuellen und psychischen Misshandlungen. Viele der Kleinsten sind deutlich unterernährt.«

Konservativ im Sinne von wertebewahrend

Der Vorgesetze von Ester Raxón, Samuel Regalado, ist in der Missionsverwaltung der Asambleas de Dios beschäftigt, der mit weltweit 60 Millionen Mitgliedern größten Kirche der Pfingstbewegung. International ist sie unter ihrem englischen Namen »Assemblies of Good« bekannt. Er sitzt in einem spartanisch ausgestatteten Büro der »Zone 3« von Guatemala-Stadt – keine besonders exklusive Adresse. An manchen Tagen trägt der Wind den Gestank der nahe gelegenen Müllhalde herüber.

Samuel Regalado bezeichnet sich selbst als konservativ, in dem Sinne, dass er christliche Werte bewahren will. Er sieht seine Aufgabe darin, der Jugend klare moralische und ethische Werte zu vermitteln. Politisches Engagement lehnt er für sich ab: »Unsere Lehre besagt, dass die Kirche unpolitisch sein soll. Aber wir motivieren die Leute dazu, ihr Wahlrecht auszuüben, auch wenn wir nie eine spezifische Partei unterstützen würden.« Dennoch vermittelt Regaldo eine Botschaft, die den gesellschaftlichen Status quo infrage stellt: »Wir müssen den Jugendlichen und den Kindern beibringen, dass sie aufwachen müssen, dass sie nicht dieselbe Mentalität ihrer Großeltern und ihrer Eltern haben sollen, die apathisch geblieben sind. Die Jugend soll aufstreben und eine Front bilden, um der Welt Veränderung zu bringen.«

Derzeit erlebt kein anderer religiöser Sektor ein schnelleres Wachstum als die charismatischen Pfingstler. Im Zuge des Anstiegs ihrer Mitgliederzahlen kommt es zu einer deutlichen inhaltlichen Ausdifferenzierung innerhalb der Pfingstbewegung. Noch vor wenigen Jahren galten Pfingstler per se als konservativ, untheologisch und anti-ökumenisch. Heute gibt es große Pfingstkirchen, die sich politisch eindeutig links positionieren; ­Bibelinstitute, die Schrifttexte neu interpretieren wollen, um ihre aktuelle Relevanz zu verdeutlichen; Pastoren, die sich in breiten Allianzen mit anderen Protestanten und selbst mit Katholiken zusammenschließen.

Die Kirche gibt Menschen Würde und Selbstvertrauen
José Muñoz, ein älterer Mann, sitzt auf einem Stuhl und lässt die Arme baumeln. Eben noch hat er einige Girlanden an die Decke der Kirche der Siedlung Las Huertas gehängt. Jetzt macht er eine Pause. Er war dabei, als die Gemeinde vor vier Jahren gegründet wurde: »Unsere Kirche macht diese Arbeit in Orten, in denen es kein Geld gibt. Wenn du versuchst, mit der Religion Geschäfte zu machen, verlieren die Leute das Vertrauen.«

Eigentlich sollte der Gottesdienst schon vor einer Stunde begonnen haben. Doch noch immer kommen mehr Leute und plaudern in den Gängen. Endlich nimmt ein junger Mann das Mikrofon in die Hand. Es beginnt der erste Akt des Gottesdienstes: der Lobgesang.
Pastor Carlos Morales stand eben noch am Eingang der Kirche und begrüßte die ankommenden Gemeindemitglieder mit einem herzlichen Händedruck und einigen persönlichen Worten. Dann aber hat er sich zurückgezogen, um vor seiner Predigt zur Ruhe zu kommen. Er sitzt auf einem alten Baumstumpf hinter den Wellblechplatten der Rückwand der Kirche. »Wir wollen erreichen, dass die Menschen in den Gemeinden ein Leben in Würde führen können, so wie es Jesus Christus gelehrt hat. Ein Leben mit Werten, moralischen Prinzipien, mit Gerechtigkeit, besonders für die junge Generation.«

Der Pastor ist überzeugt davon, dass seine Kirche in diesem gesellschaftlichen Prozess einen wichtigen Beitrag leisten kann, indem sie das Selbstvertrauen ihrer Gemeindemitglieder stärkt: »Für sie ist die Kirche ein Ort, der sie motiviert. Das ändert ihre Vision. Sie sagen: ›Wauw! All die Jahre über habe ich vereinzelt gelebt. Ich habe mich selbst als eine Person angesehen, die nicht wichtig ist, die nichts leisten kann. Aber hier finde ich einen Ort, an dem ich geschätzt werde.‹ Diese Erfahrung stimuliert und ändert das Bewusstsein der Leute.«

Aus den ehemals kleinen, vorwiegend jenseitsbezogenen Pfingstgemeinden ist eine pluralistische, in allen sozialen Schichten verankerte, theologisch ausdifferenzierte Bewegung geworden, die das Gesicht der globalen Christenheit deutlich verändert hat.

Andreas Boueke

»Alles nur geklaut«

20. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Die »Prinzen« starten auf eine Kirchentournee – Interview mit Henri Schmidt

Sie sind die bekannteste Popgruppe im Osten Deutschlands: Die Prinzen. Ab dem 20. Mai gehen sie auf eine Kirchentournee, 35 Kirchen in ganz Deutschland stehen auf ihrem Programm. Benjamin Lassiwe sprach darüber mit Henri Schmidt, einem der fünf Sänger der Prinzen.

Henri Schmidt, einer der fünf Sänger der Prinzen. Foto: Armin Kühne

Henri Schmidt, einer der fünf Sänger der Prinzen. Foto: Armin Kühne

Herr Schmidt, die Prinzen machen eine Kirchentournee. Was unterscheidet diese Tournee von einer ganz normalen Tournee der Prinzen?
Schmidt: Bei dieser Tournee spielen wir in wirklich kleinen Orten, wo wir vorher noch nie waren: Wenn wir kommen, ist das ganze Dorf in Bewegung. Die Kirche ist ja in kleinen Dörfern der einzige Ort, wo überhaupt Kulturveranstaltungen stattfinden können. Manchmal sind dann Catering und Garderobe im Pfarrhaus, manchmal baut die Gemeinde auch noch einen Grill vor der Kirche auf. In jedem Fall sind wir in der Kirche viel, viel näher an unserem Publikum dran. Und für viele Gemeinden ist es wie ein zweites Weihnachtsfest, wenn wir Prinzen kommen: Denn ihre Kirche ist dann voll bis auf den letzten Platz. Aber man merkt auch, dass es für das Publikum ungewöhnlich ist, uns da mit dem Rücken zum Altar zu sehen: Die Menschen wissen nicht, ob sie in der Kirche klatschen dürfen. Erst, wenn das Konzert eine Weile läuft, werden die Menschen warm.

Was singen Sie denn da – Kirchenlieder?
Schmidt:
Wir werden jedes Konzert mit einem alten Choral beginnen, »Alta trinita beata«, fünfstimmig gesungen ohne Instrumentalbegleitung. Danach kommen dann die klassischen Prinzensongs, aber als reines Akustikprogramm. Unsere Begleitung wird ein Konzertflügel sein, dazu akustische Gitarren und Bässe. Aber keine E-Gitarre und kein Keyboard – das geht in vielen Kirchen schon wegen der Technik nicht. Aber wir machen kein Konzert mit Kirchenmusik oder frommen Schlagern, wir machen ein ganz normales Konzert der Prinzen, wie wir es auch schon in der Dresdener Semperoper gemacht haben. Denn wer eine Eintrittskarte für die Prinzen kauft, will natürlich auch die Lieder der Prinzen hören.

Gibt es auch Lieder, die Sie auf einer Kirchentour nicht singen würden?
Schmidt:
Oh ja. »Hasso (mein Hund ist schwul)« zum Beispiel. Das passt einfach nicht in eine Kirche. Wir treten dieses Jahr übrigens auch zum ersten Mal in einer katholischen Kirche auf, da hatten die Veranstalter inhaltlich besonders viele Vorbehalte gegen Lieder, die ihrer Meinung nach nicht gingen. Wir haben dann unser Programm entsprechend angepasst.

Einer Ihrer Kollegen, Jens Sembdner, hat im vergangenen Jahr ein Soloprojekt gestartet, und eine CD mit christlichen Popsongs herausgegeben. Wäre das auch etwas für die Prinzen?
Schmidt:
Ich spreche nur selten für die ganze Band. Aber da glaube ich schon, dass ich sagen kann, dass für so etwas die Meinungen über Kirche und Religion unter uns zu unterschiedlich sind.

Wie ist es denn bei Ihnen persönlich – gehen Sie auch selbst mal in die Kirche?
Schmidt:
Seit ich in Leipzig umgezogen bin, wohne ich sogar Tür an Tür mit unserem Gemeindepfarrer. Wir unterhalten uns oft über den Gartenzaun. Wir Prinzen kommen alle von den Thomanern oder aus dem Kreuzchor und haben früher ­immer wieder die klassischen Chorwerke in Kirchen gesungen. Dadurch ist die Kirche ­zumindest nichts Fremdes für uns. Natürlich gehe ich auch immer mal wieder in den Gottesdienst – es ist nur manchmal schade, dass da so wenig junge Leute sind. Vielleicht trägt ja unsere Tournee dazu bei, dass sich manch junger Prinzen-Fan auch wieder für die Kirche interessiert.

Konzerttermine in Mitteldeutschland:

27. Mai, 20 Uhr: Trinitatiskirche Riesa
18. August, 20 Uhr: Marktkirche St. Jacobi Sangerhausen
19. August, 20 Uhr: Pantaleonkirche Unterwellenborn, Ortsteil Könitz
20. August, 19.30 Uhr: Hoffnungskirche Oberweißbach
22. August, 19 Uhr: Stadtkirche »Unser lieben Frauen« Mittweida
24. August, 20 Uhr: Evangelische Kirche Meiningen
27. August, 20 Uhr: Stadtkirche Waltershausen
9. September, 20 Uhr: St.-Jakobi-Kirche Schönebeck/Elbe

2. Ökumenischer Kirchentag: Das war’s! War’s das?

20. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Nicht nur Zaungäste: Orthodoxe Christen haben gemeinsam mit Katholiken und Protestanten den Kirchentag gefeiert – wie diese orthodoxe Christin aus Äthiopien.  Foto: epd-bild/Rüdiger Niemz

Nicht nur Zaungäste: Orthodoxe Christen haben gemeinsam mit Katholiken und Protestanten den Kirchentag gefeiert – wie diese orthodoxe Christin aus Äthiopien. Foto: epd-bild/Rüdiger Niemz


Rückblick: Nicht alle Erwartungen der 127000 Dauerteilnehmer wurden erfüllt

Nein, mit dem in der Hymne des Freistaates besungenen Himmel in den Farben Weiß und Blau war es nichts. Graue Wolken, Nieselregen und »gefühlte« Temperaturen im Frostbereich prägten den 2. Ökume­nischen Kirchentag in München. Und das, so muss man im Rückblick wohl sagen, war durchaus symptomatisch für die Situation der Christenheit in Deutschland. Da war die dunkle Wolke der Missbrauchsdiskussion, da war die allseits beklagte Stagnation der Ökumene. Natürlich ließ das – sowohl meteorologisch als auch ökumenisch – abgekühlte Klima die Menschen näher zusammenrücken. Doch der von vielen erhoffte große Aufbruch blieb weithin aus.

Das zeigt sich nicht zuletzt an der Zurückhaltung im Blick auf einen dritten gemeinsamen Kirchentag. »Zurückhaltend optimistisch« äußerten sich etwa der Bayerische evangelische Landesbischof Johannes Friedrich und der Münchner katholische Erzbischof Reinhard Marx. Vage wurde das Jahr 2017 genannt. Den Teilnehmern der orthodoxen Vesperliturgie mit anschließendem Brotbrechen auf Münchens Odeonsplatz konnte der Ablauf zum Symbol dafür werden, dass Ökumene die Geduld beansprucht: Weit mehr als eine Stunde vergingen mit ­liturgischen Lesungen, Gebeten, viel Weihrauchkesselschwenken und orthodoxen Chorgesängen, bevor das Austeilen des Brotes begann.

Der langjährige Vorsitzende der Deutschen (katholischen) Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, versuchte zwar die Hoffnung auf sichtbare Einheit zu bestärken, schwor die Zuhörer aber dennoch auf eine lange Wartezeit ein: Er habe in der Ökumene angesichts der tiefen theolo­gischen Differenzen nie eine »Nah­erwartung« gehabt, so Lehmann. Zudem konstatierte er eine »abnehmende theologische Veränderungsbereitschaft« – und meinte damit beide Partner des Dialogs zwischen Protestanten und Katholiken.

Das Kirchenvolk freilich sah (und sieht) es anders: »Wir tun, was wir für richtig halten und nicht mehr das, was uns unverständlich ist«, brachte es unter jubelndem Applaus ein Publikums-Statement am Ende der Lehmann-Veranstaltung auf den Punkt. Eine Situation, die an anderer Stelle sogar die Befürchtung laut werden ließ, die katholische Kirche stehe vor der realen Gefahr einer Spaltung, wenn aus der aktuellen Vertrauenskrise nicht echte Reformen folgten.

Bei all dem darf allerdings nicht vergessen werden, dass der 2. Ökumenisch Kirchentag seinen Namen erstmals wirklich verdiente: Waren doch sowohl die orthodoxen Kirchen als auch die protestantischen Freikirchen fest in das Programm ­eingebunden. Auch für manche der Freikirchen war die Beteiligung »eine erste ökumenische Öffnung«, wie Rosemarie Wenner, Bischöfin der Evangelisch-me-
thodistischen Kirche und Vorsitzende der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF), betonte. In Deutschland im Minderheitenstatus, sind viele dieser Glaubensgemeinschaften im Weltmaßstab große Kirchen mit einer vielfältigen theologischen Bandbreite.

»Zur Ökumene gibt es keine Alternative«, war ein oft gehörter und gern zitierter Satz in München. Es wird darauf ankommen, diese Überzeugung mit Leben zu füllen – in ­Kirchenleitungen und Bischofskonferenzen wie in den Gemeinden.

Harald Krille

Auf nach Dresden: Oberbürgermeisterin Helma Orosz und Landesbischof ­Jochen Bohl auf dem Münchner Stachus. 	Foto: Harald Krille

Auf nach Dresden: Oberbürgermeisterin Helma Orosz und Landesbischof ­Jochen Bohl auf dem Münchner Stachus. Foto: Harald Krille


Ausblick

Ein Trabant 600 zog vor dem gemeinsamen Pavillon des Freistaates Sachsen, der sächsischen Landeskirche und der Stadt Dresden auf dem Münchner Stachus die Blicke auf sich. Erst recht, als Landesbischof Jochen Bohl und Oberbürgermeisterin Helma Orosz am Sonnabend symbolisch gemeinsam das Gefährt bestiegen. Anschließend warben sie gemeinsam mit Kirchentagspräsidentin Katrin Göring-Eckardt auf der Bühne für den Besuch des (evangelischen) Kirchentags im kommenden Jahr in Dresden.

Das aus dem Matthäusevangelium (Kapitel 6, Vers 21) entnommene Motto der Dresdner Tage lautet »… da wird auch dein Herz sein«. Dies stelle die Frage: »Wo sammeln wir Schätze? Hier auf Erden oder im Himmel?«, so Landesbischof Bohl. Das Christentreffen vom 1. bis 5. Juni in der Elbmetropole werde deshalb »eine Zeitansage für die Gesellschaft in Zeiten eines entfesselten Kapitalismus« sein. Als weiteren thematischen Schwerpunkt kündigte Bohl die Frage der Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus an.

Dass sich auch nach Dresden mindestens 100000 Menschen auf den Weg machen werden, davon zeigte sich Matthias Hoppe vom Landesausschuss des Kirchentags überzeugt. Sehr viele Besucher hätten sich in den Tagen im Pavillon über Dresden und den Kirchentag informiert. Die Reaktion sei durchweg positiv gewesen. Das Fazit seiner vielen Gespräche: »Der Name Dresden zieht.« Man könne deshalb im Blick auf die notwendigen Quartiere nur an die Gastfreundschaft aller Dresdner appellieren, so Hoppe.
(GKZ)

»Enge Landesgrenzen beachtete ich auf dieser Wanderung keinesweges«

13. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum 150. Todestag des Schriftstellers, Märchen- und Sagensammlers Ludwig Bechstein am 14. Mai

Quelle: Wikipedia, Standort: Literaturmuseum Baumbachhaus, Meiningen

Quelle: Wikipedia, Standort: Literaturmuseum Baumbachhaus, Meiningen


Der Dichter Ludwig Bechstein ist außerhalb Thüringens fast nur noch als Märchen- und Sagensammler bekannt; und auch da steht er im Schatten der Brüder Grimm, die den deutschen Märchenton weithin geprägt haben. Im Unterschied zu ihnen wollte er mit seinem »Deutschen Märchenbuch«, 1845, ein ausgesprochenes Kinderbuch schaffen. Mit den pädagogischen Zielen sind die Eingriffe in die überlieferten Geschichten zu ­erklären. Eine von Ludwig Richter illustrierte Ausgabe von 1853 fand weite Verbreitung.

Neben den Grimmschen Sammlungen hat Bechstein wesentlich dazu beigetragen, das Ansehen des Märchens als Kunstform überhaupt zu ­heben. 1853 erschien sein »Deutsches Sagenbuch«. Im Vorwort dazu erklärte er, die Sammlung stütze sich nicht nur auf bereits schriftlich vorliegende Texte, sondern er habe sich »auch durch Gebirg und Wald und Flachland selbst in etwas bemüht, irgend eigene Sagenblüten« zu finden. Dabei strebte er »Einfachheit im Ton der ­Erzählung« an. Das hielt er für »unerlässliche Bedingnis; keine novellis­tische, romanhafte Verwässerung, keine blümelnde Schreibweise steht der Behandlung der Sagen an«. Wie die Brüder Grimm und andere romantische Sammler von Volksdichtungen wollte auch Bechstein das Bewusstsein unterstützen, dass Deutschland zur nationalen Einheit finden solle. »Enge Landesgrenzen beachtete ich auf dieser Wanderung keinesweges.«

Aber regionale Besonderheiten lässt er durchaus bestehen. Geplant hatte er noch ein »Deutsches Mythenbuch«; damit wollte er die Sammlung volkstümlicher Dichtung vervollständigen. Sein früher Tod am 14. Mai 1860 machte diesen Plan zunichte.

Geboren wurde er 1801 als unehe­liches Kind in Weimar. Seinen Vater, einen französischen Emigranten, hat er vermutlich nie kennengelernt; die Mutter kümmerte sich wenig um ihn. 1810 adoptierte ihn ein Onkel. Er ließ ihn das Gymnasium in Meiningen ­besuchen und ermöglichte ihm eine Apothekerlehre in Arnstadt. Der Herzog von Sachsen-Meiningen gewährte ihm ein Stipendium, mit dem er in Leipzig und München Philosophie, Geschichte und Literatur studieren konnte. Nach Meiningen zurückgekehrt wurde er dort Bibliothekar an der herzoglichen Bibliothek und später auch Leiter des Hennebergischen Gesamtarchivs. 1842 hatte er den Hennebergischen altertumsforschenden Verein gegründet.

Verheiratet war Bechstein zweimal. Seine erste Frau Karoline starb bereits 1834, ihr Sohn wurde Germanist. Mit seiner zweiten Frau Johanne Therese hatte er fünf Kinder. Sie überlebte ihn 16 Jahre.

Der größte Teil seines Werkes, der Erzählungen und Romane, der Gedichte und der historischen Arbeiten, auch seiner volkskundlichen Forschungen, beschäftigten sich mit der thüringischen und fränkischen Heimat. Vermutlich liegt es auch an diesen eher heimatkundlichen Inhalten, dass er außer mit Märchen- und ­Sagenbuch kaum noch bekannt ist. Dabei hat er in der Verbindung von Geschichte und sagenhafter Überlieferung neben und nach den Romantikern für die Entwicklung des historischen Romans Wichtiges geleistet.

Jürgen Israel

Gerechtigkeit als Gewinn

13. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Ethische Geldanlage: Christen und Kirchen aus Mitteldeutschland investieren in Kredite für die Ärmsten

Durchschnittlich zwei ­Prozent Dividende bietet ­Oikocredit. Immer mehr ­Anlegern reicht das ­angesichts des ethischen Mehrwertes.

Mehr als ein Fisch für den Eigenbedarf: Mit einem Kleinkredit konnten beispielsweise indische Tsunamiopfer als ­Kleinunternehmer sogar einen eigenen Vertrieb und Export für ihre Fänge aufbauen. Foto: epd-bild/Stefan Trappe

Mehr als ein Fisch für den Eigenbedarf: Mit einem Kleinkredit konnten beispielsweise indische Tsunamiopfer als ­Kleinunternehmer sogar einen eigenen Vertrieb und Export für ihre Fänge aufbauen. Foto: epd-bild/Stefan Trappe


Wenn die Kirchengemeinde der Leipziger Stadtteile Plaußig und Hohenheida am Ende eines Jahres die Zinsen ihres Vermögens ausrechnet, dann lässt sich der Gewinn nicht nur in Zahlen messen. Sondern auch daran, dass Frauen wie die Rosenzüchterin Saida Caizalitin im weit entfernten Ecuador endlich Arbeit mit fairen Löhnen haben und ihren Kindern die Schule bezahlen können. Oder dass die Bäuerin Safia Musa Mchomba in Tansania nun mit Holz handeln kann, um das Leben ihrer Familie zu sichern. All das ist nur möglich, weil sie und ihre Firmen so wie 17,5 Millionen Menschen in armen Ländern Kredite erhalten von Christen, Kirchen und Kirchgemeinden, wie zum Beispiel Plaußig-Hohenheida. Die Gemeinde hat eine fünfstellige Summe ihres Vermögens bei der ökumenischen Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit angelegt, die 1975 auf Initiative des Ökumenischen Rates der Kirchen gegründet wurde und ihren Sitz in den Niederlanden hat.

»Wir wollen das Geld unserer Kirchengemeinde mehren, aber auch danach fragen, auf welchem Weg es sich vermehrt«, sagt der Plaußiger Pfarrer Markus Deckert. Das Geld, mit dem seine Kirchengemeinde vor sechs Jahren Anteile der Entwicklungsgenossenschaft gekauft hat, bringt seitdem zwei Prozent Dividende. Denn 98 Prozent der armen Kreditnehmer sind ­erfolgreich und zahlen ihre Raten zuverlässig zurück. Als Pfarrer Markus Deckert vorübergehend einen Teil seiner ­privaten Oikocredit-Anteile wieder verkaufen wollte, ging auch das ohne Probleme.

Immer mehr Menschen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen entscheiden sich für diese Investition in Menschen. Die Landeskirchen von Sachsen, von Anhalt sowie die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland besitzen Anteile. Zehn Kirchenkreise, 31 Kirchengemeinden und 601 Einzelpersonen sind derzeit Mitglieder des Oikocredit-Förderkreises im östlichen Deutschland und haben fast fünf Millionen Euro angelegt. Und es werden immer mehr.

»Als Kirche sind wir in der Verantwortung, nach Alternativen zu suchen – gerade nach den Erfahrungen der Bankenkrise«, sagt der Mühlhäuser Superintendent Andreas Piontek. »Und es ist unser Auftrag als Kirche, nicht nur Moral zu fordern, sondern für die Ärmsten der Armen etwas zu tun, um ein Stückchen Hoffnung zu säen.« 6000 Euro hat der Kirchenkreis Mühlhausen bei Oikocredit angelegt.

Der Anstoß dazu kam aus Gemeinden der Region. Sie fragten danach, wie sie selbst umweltfreundlicher und sozial gerechter handeln könnten. Vor einem Jahr widmete sich diesem Thema in Mühlhausen gar die Synode des größten Kirchenkreises der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und initiierte die Kampagne »Bleib dran«. Zehn Kirchengemeinden der ländlich geprägten Gegend sind mittlerweile Mitglied bei Oikocredit, Tendenz steigend. »Das ist eine richtige Bewegung geworden«, sagt Superintendent Piontek. »Natürlich ist eine Geldanlage immer ein Risiko. Aber die von Oikocredit ausgegebenen Kleinstkredite sind relativ sicher im Vergleich zur Politik der großen Banken, wie wir in der Krise gesehen haben.«

Es geht nicht allein um das Risiko für die Anleger. Viel größer ist das Risiko für jene Menschen, die unter der Profitmaximierung leiden, die oft hinter den Zinsen vieler Banken steht – oder die nicht die Chance eines Kredits bekommen. »Vom Geldbesitz wird die Menschenwürde abhängig gemacht«, sagt der Dresdner Friedrich Brachmann, der seit vielen Jahren Mitglied des Oikocredit-Förderkreises ist. »Das Gefühl der Ohnmacht und der Wut gegenüber dieser Herrschaft des Geldes lässt sich durch Oikocredit etwas abbauen. Denn dort werden die Nicht-Kreditwürdigen zu Wirtschaftspartnern und Geschwistern.«

Andreas Roth

»Weniger ist Zukunft«

13. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Stadtumbau: Die Internationale Bauausstellung (IBA) in Sachsen-Anhalt stellt Lösungen für schrumpfende Städte vor

Ein noch ungelöstes Problem in Aschersleben ist eine stark befahrene Straße. Weil sich nur noch wenige dem Verkehrslärm aussetzen wollen, stehen viele Häuser leer und verfallen. Die Kunstwerke der »Drive Thru Gallery«, mit denen ­Baulücken geschlossen wurden, sind Hingucker und Diskussionsstoff. Foto: Jürgen Meusel

Ein noch ungelöstes Problem in Aschersleben ist eine stark befahrene Straße. Weil sich nur noch wenige dem Verkehrslärm aussetzen wollen, stehen viele Häuser leer und verfallen. Die Kunstwerke der »Drive Thru Gallery«, mit denen ­Baulücken geschlossen wurden, sind Hingucker und Diskussionsstoff. Foto: Jürgen Meusel

Arbeitsplätze sind rar. Geld ist es ebenso. 19 Städte in Sachsen-Anhalt suchten zwischen finanziellem Notstand und Gebäudeleerstand einen Weg in die Zukunft. Mit unterschiedlichen Ergebnissen.

Palmen aus schwarzem Metall recken sich zwölf Meter hoch gen Himmel. Weil das am Bahnhof von Aschersleben keiner erwartet, wandern Blicke hinauf zu den schwarzen Wedeln. Der Berliner Künstler Ralf Ziervogel zitiert mit seinen Kunstgewächsen, die sich zum W verkreuzen, den Hollywood-Klassiker »Eine total, total verrückte Welt«. Sie sind Teil der »weltweit ersten« Freiluftgalerie zum Durchfahren entlang einer problematischen Ortsdurchfahrt.

Die älteste Stadt Sachsen-Anhalts hat in den vergangenen acht Jahren die »Konzentration auf den Kern« zur Maxime erhoben. Marode Häuser an den Rändern wurden abgerissen, die Altstadt saniert und eine innerstädtische Industriebrache um- und ausgebaut und in die derzeit laufende Landesgartenschau integriert.

Aschersleben und weitere 18 Städte in Sachsen-Anhalt beteiligen sich seit dem Jahr 2002 an der Internationalen Bauausstellung (IBA) und der Präsentation ihrer Ergebnisse vom 9. April bis 16. Oktober. Unter dem vielsagenden Motto »Weniger ist Zukunft« versucht sie, Lösungen für schrumpfende Städte aufzuzeigen. Schon heute wohnen auf dem Gebiet Sachsen-Anhalts etwa 17 Prozent weniger Menschen als 1989. Der Abwärtstrend hält an (siehe Kasten). Denn noch immer wandern junge Menschen auf der Suche nach Arbeit ab, verliert das Land die nächste Familiengeneration.

In den 90er Jahren zerbrachen ganze Industriezweige, weil sie auf dem Weltmarkt nicht konkurrenzfähig waren: die Leunawerke, der größte Chemiebetrieb der DDR mit 30000 Beschäftigten, das Chemiekombinat Bitterfeld und die Buna-Werke in Schkopau mit je 18000, der Bergbau im Mansfelder Land und der Schwermaschinenbau in Magdeburg – zigtausend Arbeitsplätze gingen in Großbetrieben verloren. Genauso dramatisch verlief das Sterben kleinerer Betriebe.

Den Stadtvätern und -müttern stellten sich immer dringlicher Fragen: Wie geht es weiter mit den Städten, denen Menschen und Arbeitsplätze fehlen? Wie ist umzugehen mit Industriebrachen, leer stehenden Platten- und Altbauten, wertvollem Erbe und der überdimensionierten Infrastruktur? Antworten darauf sollten im Auftrag des Landes die Stiftung Bauhaus Dessau und die Landesentwicklungsgesellschaft im Rahmen der IBA suchen.

Mit dieser Schau steht Sachsen-Anhalt in einer über 100-jährigen Tradition. Die Umgestaltung von Industriefolgelandschaften etwa thematisierte in den 90er Jahren die IBA Emscher Park. In der Lausitz begleitet die IBA Fürst-Pückler-Land 2010 den Struktur- und Landschaftswandel einer Braunkohlen-Tagebauregion. Mit Sachsen-Anhalt ist zum ersten Mal ein ganzes Bundesland Thema einer IBA.
Alle hier angebotenen Lösungen gründen auf folgenden Tatsachen: Erstens sind industrielles Wachstum und Bevölkerungszuwachs auf längere Sicht nicht zu erwarten. Zweitens gibt es kein Modell, das sich auf alle schrumpfenden Städte anwenden lässt. Eine jede muss ihren eigenen Weg finden. Das geschieht zum Beispiel über die Stadtform: Konzentration zur Mitte hin wie in Aschersleben oder Profilierung der Stadtteile wie in Sangerhausen sind nur zwei Möglichkeiten.

Das geschieht über die Landschaft: Wie viel Landschaft verträgt eine Stadt? Ist Grün auf frei werdenden Flächen nur Platzhalter bis zur möglichen Bebauung? Dessau-Roßlau und Weißenfels zum Beispiel haben sich diesen Fragen gestellt. Wo es an Industrie fehlt, spielen sogenannte weiche Standortfaktoren eine größere Rolle. Kulturelle und Bildungsangebote können helfen, Menschen von außerhalb anzuziehen. Vier Städte setzen darauf, unter ihnen Naumburg mit dem »Netzwerk Stadt-Bildung« und die Lutherstadt Wittenberg, die mit einem außeruniversitären »Campus« an die Tradition der Universität »Leucorea« aus dem 16. Jahrhundert anknüpft.

Sachsen-Anhalt ist reich an wertvollen Altstädten und Baudenkmälern. Doch sogar der Quedlinburger Altstadt, seit 1994 Weltkulturerbe, fehlt es an Einwohnern. Hier engagieren sich die Bürger mit über 50 Projekten und Initiativen für den Erhalt ihrer Stadt. Jene Städte, deren Profil zu DDR-Zeiten von der Industrie geprägt wurde, müssen sich umorientieren. Eisleben nach dem Ende der 800-jährigen Bergbautradition ist ein Beispiel dafür. Die Stadt, die mit Martin Luthers Geburts- und Sterbehaus Weltkulturerbe aufweist, leidet erheblich unter dem wirtschaftlichen Wandel. Im »Gemeinschaftswerk Lutherstadtumbau« gehen die Bürger den schwierigen Weg zwischen Erhalt und Abriss.

Zur Finanzierung der IBA Stadtumbau 2010 hat das Land trotz der Vielzahl von Aufgaben kein eigenes Förderprogramm aufgelegt. Von den insgesamt investierten knapp 207 Millionen Euro kamen knapp 122 Millionen aus dem Bund-Länder-Pro­gramm »Stadtumbau Ost«, weitere 40 Millionen aus den Stadtkassen und rund 25 Millionen von privaten Investoren. Die IBA-Pläne haben zudem viele Menschen angeregt, sich mit Städtebaufragen zu befassen. Denn sie sind es ja, die mit dem Weniger in Zukunft leben müssen.

Angela Stoye

www.iba-stadtumbau.de

Achte dich selbst und sei gut zu dir

12. Mai 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Von Nächstenliebe und Selbstachtung, die beide zusammengehören

Foto: Jason Nelson, sxc.hu

Foto: Jason Nelson, sxc.hu

Mit jedem Jahr, das du älter wirst, musst du mehr auf dich achten« – ein kluger Rat. Klug allerdings nur, wenn ich ihn richtig verstehe. Nicht gemeint ist, ich solle Jahr für Jahr mehr von mir halten. Damit würde ich mich nur lächerlich machen. Gemeint ist mit »auf sich halten«: Mit jedem Jahr muss meine Selbstachtung mir wichtiger werden. Schon früh am Morgen kann ich damit beginnen, beim Blick in den Spiegel. Was für ein Gesicht blickt mir über dem Waschbecken entgegen? Ein verdrießliches Gesicht? Oder eines, dem ich zulächle: »Guten Morgen, liebes Gesicht, ich mag dich, die Falten gehören nun einmal zu dir.«

Hat der Tag so ermutigend begonnen, kann er so auch weitergehen. Sollte ich etwa unversehens in eine Situation geraten, in der eine Stimme mir zuflüstert: »Sag lieber nicht, wie es wirklich war, du wirst dich dadurch nur in Schwierigkeiten bringen«, dann schüttle ich den Kopf: Das soll ich mir antun? Auch wenn es nie herauskommen sollte, für mich bleibt Lüge Lüge. Und dafür bin ich mir zu gut. Und zu der Ausrede: »So machen es doch alle«, bin ich mir erst recht zu gut. Matthias Claudius weiß da guten Rat: Seinem Sohn ­Johannes hat er ans Herz gelegt: »Wenn du hast, so gib und dünke dich darum nicht mehr. Und wenn du nicht hast, so habe den Becher kalten Wassers zur Hand, und dünke dich darum nicht weniger.« Danke, Matthias Claudius!

So von sich denken macht unabhängig von dem, was andere von mir halten. Diese Unabhängigkeit bewährt sich, sobald ich auf meine Selbstachtung verstärkt angewiesen bin: Nach einem Misserfolg oder einer kränkenden Zurücksetzung oder zurzeit schwerer Erkrankung. Eines Tages wird der Generalangriff auf meine Selbstachtung kommen: Ich bin alt geworden und muss mir nun helfen lassen bei Dingen, die ich bisher selber gekonnt habe. Immer mehr bin ich nun abhängig von dem, was andere für mich tun. Täglich, ja stündlich muss ich der Frage standhalten: Was bin ich nun noch wert? Diesem Angriff habe ich etwas entgegenzusetzen, wenn ich weiß, wie nah Achtung und Liebe zusammen­gehören. Liebe ist gleichsam ein mehrstimmiger Akkord, in dem Achtung der Grundton ist. Das »höchste Gebot«, das Liebesgebot »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« (Matthäus 22,39) ist zugleich ein Achtungsgebot:

»Achte den Herrn, deinen Gott, hoch und achte deinen Nächsten nicht weniger als dich selbst.« Diese liebevolle Achtung vor Gott und meinem Nächsten zusammen mit der Achtung, die ich weiterhin gegenüber mir selbst empfinde, wird mich, auch wenn Rundumpflege« bei mir nötig geworden sein sollte, schützend umgeben.

Albrecht Hege

Der Autor, geboren 1917 war Prälat in Heilbronn. Der Text ist entnommen seinem Buch »Lebenszeichen«.
Hege, Albrecht: Lebenszeichen.
Siebenundsiebzig Geistliche Worte
Calwer ­Verlag, 156 S.
ISBN 978-3-7668-4002-8
Preis: 8,90 Euro

Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung:

Telefon (03643)246161

Das Erbe des Reichsgrafen

8. Mai 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Spurensuche: Vor 250 Jahren starb Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf – die von ihm gegründete »Brüdergemeine« gibt es noch heute

Herrnhut – der kleine Ort in der sächsischen Oberlausitz steht für eine weltbekannte Form des Pietismus. Ein Besuch in Herrnhut.

Bildtext: Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf in einer zeitgenössischen Darstellung. Repro: Brüdergemeine

Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf in einer zeitgenössischen Darstellung. Repro: Brüdergemeine

Der Gottesacker der Herrnhuter Brüdergemeine ist anders als der übliche deutsche Friedhof. Er ist einfacher, bescheidener. Ohne üppigen Blumenschmuck, Koniferen und steinerne Einfassungen. Kaum etwas spiegelt deutlicher wieder, was den Herrnhutern seit jeher das Wesentlichste war. Das Diesseits war es nicht.

Auf diesem Gottesacker im Herzen der sächsischen Oberlausitz trugen 32 Prediger und Diakone der weltweiten Brüderkirche am 16. Mai 1760 Nikolaus von Zinzendorf zu Grabe. Der ­Jurist, Freidenker und Theologe in ­lutherischer Tradition gilt als der Gründer der Herrnhuter Freikirche. Vor 250 Jahren starb er im damals noch ganz jungen Ort Herrnhut.

Für die aktiven Mitglieder der Brüdergemeine ist er allerdings immer präsent. Sie kennen sich erstaunlich gut aus bei diesem Nikolaus von Zinzendorf. Doch es ist heute ein kleiner Kreis, der so dicht dran ist am großen Vordenker. Denn selbst innerhalb christlicher Gruppen schwindet das Wissen über den Theologen, Dichter und Missionar. Was also ist geblieben von Zinzendorf, auf dessen Grund und Boden 1722 Glaubensflüchtlinge aus Mähren eine Siedlung gründeten? Übrigens in Abwesenheit des Hausherren, der auf Reisen war und bei ­seiner Rückkehr vollendete Tatsachen vorfand.

Auf Zinzendorfs Grab steht der Satz: »Er war gesetzt, Frucht zu bringen und eine Frucht, die da bleibt.« Und es ist genau die Frage nach dem, was überdauert hat, das die Herrnhuter umtreibt. Natürlich werden bis heute Zinzendorf-Lieder gesungen. In vielen Deutschen Haushalten hängen zu Weihnachten Sterne aus Herrnhut, die zwar nicht auf den Grafen selbst, wohl aber auf die Gemeine zurückgehen. Und dann sind da die Losungen, die übersetzt in mehr als 50 Sprachen von schätzungsweise 1,8 Millionen Menschen weltweit gelesen werden.

Doch Zinzendorf selbst, so scheint es, wird den Menschen mehr und mehr zum Unbekannten. Im Inland mehr als im Ausland, meint Michael Salewski. Der Theologe leitet das Tagungs- und Erholungsheim der Herrnhuter Brüder-Unität. In seinem Haus widmet sich an diesem Wochenende eine Tagung dem Phänomen Zinzendorf. Geht auf Spurensuche nach dem, was von ihm bis heute nachwirkt.
Auf jeden Fall ist es mehr als die Anrede mit Bruder und Schwester, die im Herrnhuter Alltag beim Bäcker oder in der Buchhandlung erstaunlich präsent ist. Mit der Übernahme des örtlichen Gymnasiums haben sich die Herrnhuter regional wieder sehr ins Gespräch gebracht. Zinzendorf-Gymnasium heißt die Einrichtung in freier Trägerschaft heute, die vom Landkreis zuvor geschlossen worden war. Aber auch die Sanierung des Zinzendorf-Schlosses im nahe gelegenen Bertelsdorf lenkt Aufmerksamkeit in die Oberlausitz.
Das Schloss aus dem 16. Jahrhundert war vor wenigen Jahren noch eine Ruine. Wände drohten einzustürzen. Eigentlich ein Fall für die ­Abrissbirne.

Doch der Verein Freundeskreis Zinzendorf-Schloss stemmte sich gegen den Verfall, sanierte und saniert das Schloss mit Hilfe von Fördermitteln und Spenden. Im Haupthaus, das nun Begegnungszentrum ist, gibt es auch eine Spur zu den ­Losungen, erzählt Pfarrer Andreas ­Taesler vom Förderverein. Die Türen waren einst wohl dunkelgrün gestrichen, damit Zinzendorf mit Kreide die Tageslosungen auf das Holz schreiben konnte. Die Losungen wählte Nikolaus von Zinzendorf ursprünglich als Impuls für den Tag seiner Gemeindemitglieder. Bis heute werden die alttestamentlichen Verse für die Losungsbücher von Hand gezogen, ausgelost. Die aktuellen für 2013 erst vor wenigen Wochen.

Herrnhut war im Ursprung eine Glaubensgemeinschaft, aber doch stets auch politische Kommune. Seit 1929 hat der Ort, der im Dreieck zwischen Löbau, Zittau und Görlitz liegt, Stadtrecht. Selbst zu DDR-Zeiten verschwand der christliche Einfluss nicht aus der Lokalpolitik. »Hier stellte die (Ost-)CDU den Bürgermeister«, erinnert sich Michael Salewski. Im Stadtrat sitzen Christen. Trotzdem – die Mehrzahl der rund 2800 Einwohner ist nicht Mitglied in der Brüdergemeine. 520 Geschwister zählt sie hier und in den umliegenden Dörfern, 6000 sind es in ganz Deutschland – verteilt auf 16 Gemeinden. Fünf davon liegen in Sachsen.

Bei diesen Zahlen, wenn sie auch nicht dramatisch niedrig sind für eine Freikirche, traf es die Herrnhuter hart, als sich 1999 eine Gruppe im Gründungsort selbst abspaltete und ein charismatisch geprägtes »Christliches Zentrum« gründete. Einige Jahre später zog mit dem Missionswerk »Jugend mit einer Mission« eine Gruppe in die Stadt, die davon sprach »Herrnhuts missionarisches Erbe antreten zu ­wollen«. Das schockierte. Mittlerweile aber sind die meisten Wogen geglättet. Es gibt das Christliche Zentrum und die Mission. Und man bemüht sich um Verständigung.

Allerdings entspricht der »Power Evangelismus« der jungen Gruppierungen eher nicht dem Stil der Brüdergemeine, sagt Michael Salewski. »Doch ich will das nicht negativ bewerten. Es gibt viele Möglichkeiten, Menschen zu erreichen.« Diese Offenheit wäre wohl in Zinzendorfs Sinne gewesen.

Irmela Hennig

www.ebu.de
www.zinzendorfschloss.de

Nikolaus Ludwig von Zinzendorf
Am 26. Mai 1700 wird Nikolaus Ludwig als Sohn von Georg Ludwig Reichsgraf von Zinzendorf und Pottendorf und Charlotte Justine von Gersdorf geboren. Geistlich geprägt wird er von seiner pietistischen Großmutter. 1722 heiratet er Erdmuthe Dorothea aus dem Hause Reuß zu Ebersdorf – mit der ebenso frommen wie selbstbewussten Frau führt er nach eigenem Bekunden eine »Streiterehe«. Im gleichen Jahr erwirbt Zinzendorf in Ostsachsen das Gut Berthelsdorf. Glaubensflüchtlinge aus Mähren gründen auf seinem Besitz die Siedlung Herrnhut. Unter ihnen kommt es zu einer Erweckung, die am 13. August 1727 in die Gründung der »Brüdergemeine« mündet. 1728 gibt Zinzendorf erstmals ein Bibelwort oder Lied-«Versel« als geistliche Tagesparole heraus, 1731 werden die ­ersten Missionare (Handwerker!) ausgesandt. Wegen zunehmender Spannungen um die neue Glaubensgemeinschaft wird Zinzendorf von 1736 bis 1747 aus Sachsen ­verbannt. 1756 stirbt seine Frau ­Erdmuthe, ein Jahr später heiratet er seine wesentlich jüngere Mitarbeiterin Anna Nitschmann. Am 9. Mai 1760 stirbt der Graf.

Was sich von Zinzendorfs geistlicher Dichtung bis heute erhalten hat, etwa das Lied »Jesu geh voran« (EG 391), fand allerdings erst nach ­umfangreicher Bearbeitung und »Entschärfung« seinen Weg in die Öffentlichkeit: Zinzendorfs originale Dichtung war geprägt von einer merkwürdigen »Jesuserotik« mit dem Kult um das »Seitenhöhlchen« (die Seitenwunde Jesu). Diese verschwurbelte »Sacro-Erotik« sorgte zu seinen Lebzeiten für ebenso heftigen Spott wie Ablehnung. (GKZ)

»Ich wollte wissen, wie man glaubt«

8. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Kirchliche Fernunterricht bietet eine theologische Ausbildung für den ehrenamtlichen Verkündigungsdienst

Erik Hannen ist ordinierter Prädikant im Kirchenkreis Egeln. Foto: privat

Erik Hannen ist ordinierter Prädikant im Kirchenkreis Egeln. Foto: privat

Als Erik Hannen (39) sich vor mehr als zehn Jahren beim Kirchlichen Fernunterricht (KFU) anmeldete, war noch nicht daran zu denken, dass er einmal auf der Kanzel stehen und predigen würde. Der Finanzbeamte nahm an dem Fernkurs teil, weil er mehr über den christlichen Glauben erfahren wollte. »Ich wusste nicht, wie man glaubt, ich wollte glauben, besser verstehen lernen«, sagt er.

»Ich bin wissenschaftlich-atheistisch erzogen.« Seine Mutter hätte ihm zwar freigestellt, die Christenlehre zu besuchen, doch »der Fußballplatz war für mich wichtiger. Ich habe mich aber erwischt, dass ich in Notsituationen, zum Beispiel wenn der Opa krank war, gebetet habe«, erinnert sich Hannen. Später als er 18, 19 Jahre alt war, beschäftigten ihn zunehmend Fragen des Glaubens. »Ich habe den Weg zur Kirche gesucht, mich aber nicht getraut, jemanden danach zu fragen.« Erst als er seine christliche Frau kennengelernt hatte, kam er mit der Kirche in Berührung, absolvierte einen Taufkurs, ließ sich taufen und kirchlich trauen. Und wollte immer noch mehr vom Glauben wissen. Damit war er beim KFU an der richtigen Adresse, denn dieser bietet interessierten Gemeindemitgliedern persönliche theologische Bildung an und er stellt für Ehrenamtliche eine theologische Grundausbildung für den Verkündigungsdienst dar. Aus dem anfänglichen Motiv, den persönlichen Glauben vertiefen zu wollen, ist bei Hannen mittlerweile so etwas wie Berufung geworden. Seitdem er 2003 den theologischen Fernkurs abgeschlossen hat und im Oktober 2007 ins Ehrenamt ordiniert wurde, predigt er regelmäßig in Gemeinden des Kirchenkreises Egeln in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM).

Der KFU, der seinen Sitz in Magdeburg hat, blickt in diesem Jahr auf sein 50-jähriges Bestehen. Seit 1960 sieht er seine Aufgabe darin, ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für den Verkündigungsdienst theologisch auszubilden. Willkommen seien aber auch Menschen, die sich nur aus persönlichem Interesse theologisches Grundwissen aneignen wollen, sagt Rektorin Dr. Magdalene Frettlöh.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Alter von Mitte 20 bis 70 kommen aus unterschiedlichen Berufen. »Gestandene Persönlichkeiten, viele Juristen und Naturwissenschaftler«, so die Leiterin des KFU. Sie weiß, dass die Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer viel Kraft und Zeit in das ­Studium investieren, Berufstätige müssen Freizeit und teilweise ihren Urlaub opfern.

Das zweieinhalbjährige Studium umfasst zwölf Wochenendseminare und zwei Seminarwochen. Daran schließt sich das Examen mit zwei Wochenendrepetitorien und einer Examenswoche an. Der KFU vermittelt Grundkenntnisse in den Fächern Altes und Neues Testament, Kirchengeschichte, Systematische und Praktische Theologie.

»Der Kurs begann anders als ich es erwartet hatte«, erinnert sich Erik Hannen. »Das Studium hat mich abgeschreckt. Die kritische Theologie war gewöhnungsbedürftig. Ich wollte einen Kinderglauben bekommen.« Aber in der ersten Vorlesung Neues Testament sei es stundenlang um Literaturgattungen der Bibel gegangen. »Am Anfang dachte ich, aus mir sollte ein Literaturwissenschaftler werden«, sagt der Finanzbeamte rückblickend. Doch je mehr er sich in das Studium vertiefte, umso weniger schreckte ihn die kritische theologische Auseinandersetzung ab. »Anfangs habe ich mich dagegen gesperrt. Heute habe ich damit keine Probleme mehr.« Für die Auseinandersetzung mit theolo­gischen Themen und seine Arbeit in der Kirchengemeinde habe der KFU ein wichtiges Fundament ­gelegt, betont Hannen.

Sein Denken und Glauben habe sich durch die theologische Ausbildung verändert, das Interesse an den Fragen des Glaubens sei geblieben.
Sabine Kuschel

Info
Der Kirchliche Fernunterricht (KFU) wird von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) getragen. Er ist offen für Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus allen Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). ­Vorrangig berücksichtigt werden jedoch Bewerbungen aus den ­Kirchen, die den von der EKM ­getragenen Fernunterricht finanzieren. Das sind die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz, die Evangelische Kirche Anhalts, die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens und die Pommersche Evangelische Kirche. Studiengebühren fallen nicht an. Die Kosten für Unterkunft, Fahrten und Literatur ­müssen die Studierenden selbst bezahlen.
www.kfu-kps.de

Dichter, Theologe, Pädagoge

7. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Am 10. Mai vor 250 Jahren wurde Johann Peter Hebel geboren

Urheber: Archiv

Urheber: Archiv

Johann Peter Hebels literarisches Werk umfasst drei Bereiche: Gedichte in alemannischer Mundart, biblische Geschichten und Kalendergeschichten.

Mit den 1803 erschienenen »Alemannischen Gedichten« hat Hebel der oberdeutschen Mundart seiner engeren Heimat ein Denkmal gesetzt und sie überhaupt erst literaturfähig gemacht. Für ihn selbst überraschend wurde das Buch ein großer Erfolg, von Kritikern und Dichtern hoch gelobt (J. G. Jacobi, Goethe und Jean Paul), in mehreren Auflagen nachgedruckt und auch finanziell einträglich.

1818 wurde Hebel zum Prälaten, das heißt ins höchste Amt der neu entstandenen badischen Landeskirche berufen. Von Haus aus Lutheraner vereinigte er gemeinsam mit seinem Freund Nikolaus Sander die lutherische und die reformierte Kirche zur Evangelisch-protestantischen Landeskirche Badens. Für den Religionsunterricht der neuen Landeskirche wur­de ein biblisches Geschichtenbuch benötigt. So verfasste er 1821–1824 »Biblische Erzählungen für die Jugend«. Das Buch wurde nicht nur an den badischen Schulen eingeführt, sondern auch in der Schweiz, in Württemberg und Italien benutzt. 1825 erschien eine katholische Bearbeitung. Das Besondere dieser Erzählungen ist, dass Hebel das biblische Geschehen vergegenwärtigt. Er stellt die biblischen Gestalten als Menschen mit Schwächen und Eigenheiten dar. Die theologische Haltung ist fest in der Aufklärung verwurzelt.

Der knappe Stil und die Klarheit des Ausdrucks, die menschenfreundliche Argumentation und die volkstümliche Erzählweise trugen zum Erfolg der Biblischen Geschichten und vor allem der Kalendergeschichten bei, die Hebel vermehrt seit 1803 schrieb. Ab 1807 war er verantwortlich für den Kalender »Der Rheinländische Hausfreund«, den er aus einem Schattendasein zu einem der wichtigsten deutschsprachigen Kalender entwickelte. In den besten Jahren wurden fast 50000 Exemplare davon verkauft. Hebel schrieb darin, der damaligen Kalenderpraxis entsprechend, über alle Bereiche des Lebens, über Wetterregeln und astronomische Erscheinungen, über historische Ereignisse und naturkundliche Themen, sogar über den richtigen Gebrauch bestimmter Wörter. Aber vor allem schrieb er Kurzgeschichten. Damit erreichte er über die ursprüngliche bäuerliche Leserschaft weite bürgerliche Schichten. Obwohl selbst Geistlicher, ist seine Moral nie kirchlich eingeengt, sondern zielt stets auf Gelassenheit, Vernunft und Toleranz.

Geschichten wie »Kannitverstan«, »Unverhofftes Wiedersehen« und »Das wohlfeile Mittagessen« gehören zum unaufgebbaren Schatz unserer Nationalliteratur. 1811 veröffentlichte Hebel die besten davon unter dem Titel »Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreunds«. Die Helden sind Handwerker und Bauern, Landstreicher und Diebe, Gastwirte und Soldaten. Der Humor ist niemals kränkend, niemand wird bloßgestellt. Bei aller thematischen Vielfalt steht die Absicht im Mittelpunkt, die Leser unterhaltsam zu einem Leben zu ermuntern, das sie vor sich selbst, vor ihren Mitmenschen und vor Gott verantworten ­können.

Das Bewusstsein der Vergänglichkeit hinter den alemannischen Gedichten und hinter den Kalendergeschichten erscheint nicht als ängstigende Drohung, sondern als Aufforderung, Herz, Gemüt und Verstand in dieser dreifachen Verantwortung zu gebrauchen. Jürgen Israel

Richard Müller-Schmitt hat soeben die ­bekanntesten und besten Kalendergeschichten in einem schön gestalteten Büchlein herausgegeben und mit einem kurzen, ganz im Hebel-Ton gehaltenen Nachwort versehen.

Hebel, Johann Peter: Schatzkästlein, Reclam Verlag, 79 S.,
ISBN 978-3-15-010746-1, 6,90 Euro

Land im Auf- und Umbruch

7. Mai 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Vietnam: Eine Mischung aus kommunistischer Vergangenheit, wirtschaftlichem Boom und asiatischer Kultur

Die neuerbaute katholische Kirche von Tu Phong. Foto: Aribert Rothe

Die neuerbaute katholische Kirche von Tu Phong. Foto: Aribert Rothe

Vietnamkrieg, ­Solidaritäts­aktionen, Vertragsarbeiter – ­Vietnam war früher in den östlichen Bundesländern in aller Munde. Doch über Land, Menschen und Kultur weiß man bis heute wenig.

Der Tourismus ist als Chance erkannt. Ausländisch finanzierte Hotelpaläste entstehen an den Stränden des Südchinesischen Meeres. Überall müht sich viel Personal, benutzte Teller werden sofort weggeräumt, Servietten dem Gast umgelegt, frisch gepflückte Blüten liegen auf den Betten. Arbeitslosigkeit oder Rentenprobleme kann es nicht geben, weil keine Verwaltung sie registriert. Jede Familie kümmert sich selber um ihre Angehörigen. Hoan, in Dresden promovierter Physiker, arbeitet als Reiseführer. Er sagt: Ob Beamte oder Bauern – keiner kann von einem Job allein leben.

Der Bus fährt im endlosen Strom wimmelnder Mopeds. Bunt neben­einander stehen kleine oder hoch aufgeschossene Häuser auf dem schmalen Grundriss einer Wohnung. Die meisten haben nur vorn eine Fassade: Baldachine, gläserne Oberlichttürmchen, tempelartige Aufbauten, barocke Balustraden. Überall hocken Vietnamesen davor, bieten Waren an, trinken Wasser oder Tee. Man lebt draußen. Hin und wieder eine Pagode, selten eine Kirche.

Jesuiten brachten dielateinische Schrift

In Hanois berühmter Jadekaiser-­Pagode liegt das Personal auf dem Ladentisch und unterhält sich rauchend neben den Betenden. Niemand versteht die buddhistischen Weisheiten in chinesischer Schrift an den Wänden. Seit 1945 wird Latein geschrieben. Dieses späte Erbe der Jesuitenmission ist Anschluss an die Welt und spiritueller Traditionsabbruch zugleich.

Wir wollen wissen, wie es den Christen geht. Der erste Kirchenvertreter ist sehr zurückhaltend. Er bittet darum, seine Einrichtung nicht zu nennen. Als wir durch den kleinen Ort Tu Phong kommen, halten wir spontan an einer großen Kirche. Der ältere Pfarrer empfängt uns gern zum Tee und erzählt von seiner Diözese: Von sechs Millionen Einwohnern gehören 125000 zu 300 römisch-katholischen Gemeinden, betreut von 50 Priestern. 2005 fuhr der Weihbischof nach Frankreich und sammelte dort Spenden. 2007 war die neue Kirche fertig. Nebenan führen Dominikanerinnen ein Waisenhaus und kümmern sich um minderjährige Schwangere.
In Saigon gibt es ein Sozialprojekt der deutschen Caritas. Eine graugrüne Garage vis-à-vis einer bunten Kirche dient als Sterbehaus. Hier liegen 14 aidskranke Frauen und Männer auf Campingliegen. Zum Raum gehört eine Toilette ohne Tür.

Auf dem Kühlschrank thront ein Fernseher, an der Wand Kruzifix und Kalenderposter. Unter dem Vordach zwei Gasflammen für die Versorgung. Laute Musik, ­Autolärm und Abgase dringen in den offenen Raum. Wir stehen zwischen den Betten und hören Statistisches: jede Viertelstunde eine Infektion, Drogenmilieu und Prostituierte. Wir halten Fürbitte für einen Sterbenden. Er ist Anfang zwanzig. Auch für ihn gilt das wichtigste asiatische Gebot: das Gesicht wahren.

Theologische Ausbildung mit Ratzinger-Werken

Im kommunistisch orientierten Norden war 1955 kirchlicher Besitz enteignet und Mission verboten worden. 650000 katholische Christen, fast die Hälfte, wurden in den Süden vertrieben. Dort waren sie überproportional in Regierung und Behörden vertreten. Nach der Wiedervereinigung mussten auch viele Christen in Umerziehungslager.

Im Zentrum Saigons, der früheren Hauptstadt des Südens, treffen wir Khoa Nguyen, einen Franziskanermönch. Wir haben nichts zu verbergen, sagt der junge Pater. Im Norden seien die Menschen ängstlicher und ernster. Die Christen dort hätten starken Glauben und wenig Bildung, im Süden sei es umgekehrt. Der agile Franziskaner ist vor acht Jahren aus New York zurückgekehrt und bildet nun junge Theologen aus. Den amerikanischen Pass hat er behalten.

In der Theologie sei noch mehr Fühlen als Denken, sagt er. Deshalb übersetzt er die Werke von Joseph Ratzinger. Sechs bis sieben Prozent der Bevölkerung seien Christen. Er verweist auch auf Baptisten, Episkopalisten und Mennoniten. Und er kenne ­einen evangelischen Arzt in den Bergen; dort wüchsen die protestantischen Gruppierungen. Interreligiösen Dialog gebe es mit Buddhisten und Cao Dai, in deren Gotteshaus wir ein Mittagsgebet miterlebten. Diese junge vietnamesische Religion verbindet alle »fünf Wege«: konfuzianischen ­Humanismus, christlichen Gottesglauben, daoistische Verehrung von Schutzgeistern und Feen, Buddha und die Lehre von Dai Dao, dem Großen Weg, der alles vereint.

Christliche Bildungsarbeit ist in ­Vietnam nicht erlaubt und an kirchliche Schulen nicht zu denken. Doch wird ein Kindergarten von Benediktinerinnen geduldet. 150 Seminaristen werden in Saigon derzeit zu Priestern ausgebildet. Zusammen mit den 170 Studenten in Hanoi sind das insgesamt mehr, als es jetzt Pfarrer gibt. Pater Khoa ist froh, dass sich seit ­Kurzem der Staat nicht mehr in die Auswahl einmischt. Die Kirche wachse zwar nicht proportional zur Bevölkerung, aber nach innen.

Draußen auf dem großen Hofplatz wird derweil unter sengender Sonne eine Bühne aufgebaut. Es ist Sonntag der Barmherzigkeit und zu einer missionarischen Veranstaltung werden 5000 Teilnehmende erwartet.

Aribert Rothe