Martin geht’s an den Kragen

30. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Die Wittenberger Denkmäler für Luther und Melanchthon werden restauriert

Schwere Seile werden dem Monument um den Hals gelegt.  Foto: Achim Kuhn

Schwere Seile werden dem Monument um den Hals gelegt. Foto: Achim Kuhn

Über die Wittenberger Lutherzwerge ist viel geschrieben und noch mehr geredet worden, zumeist hinter vorgehaltener Hand. Von öffentlicher Finanzierung, von Differenzen in diversen Leitungsebenen der evangelischen Kirche spricht man da, und kaum hat sich die Lage beruhigt, werden alte Informationen an neue Aktionen gekuppelt und im Kirmeskostüm durchs Städtchen getrieben. Brot und Spiele: Sie hielten das Volk schon im alten Rom bei Laune. Erst zu den Spielen. Zum Brot später.

Ein kalter Apriltag in der Lutherstadt. Es gibt Kaffee aus Plastikbechern und Blasmusik aus Potsdam, Glocken läuten wie bestellt. »Seid ihr traurig? Martinus verlässt uns heute!«, schreit die Stadtwache, das allgegenwärtige Luther-Double Bernhard Naumann konferiert mit Oberbürgermeister Eckhard Naumann, und dann endlich geht es Luther an den Kragen. Am Rumpf und am Hals des tonnenschweren Monuments sind schwere Seile befestigt. Ein Kran hebt es vorsichtig vom Sockel und wiederholt die Prozedur anschließend bei der Melanchthon-Statue.

Für 1,2 Millionen Euro werden beide Denkmäler saniert, stark beschädigt waren vor allem die Baldachine. Der Zeitpunkt ihrer Rückkehr, zunächst für den Reformationstag dieses Jahres versprochen, sei ungewiss, räumt der Oberbürgermeister ein. Nicht so sehr wegen der Restaurierung an sich, sondern weil der Boden unter den ebenfalls abgebauten Sockeln fürs Erste an die Archäologen falle. Trösten dürfen sich die Wittenberger mit dem historisch einmaligen Abschiedsfoto: Bevor er auf die Ladefläche kommt, wird Luther zum Ablichten mit der Lokalprominenz aus Stadt und Kirche aufs Rathausportal herabgelassen. Melanchthon muss gleich auf den Wagen.
Wird also der Markt bis zur – zweifelsohne mit einem Volksfest zu zelebrierenden – Wiederkehr des Kirchenerneuerers aussehen, wie ihn die Bürger letztmalig am Reformationstag 1821 betrachteten? Nicht ganz. Luther geht, die Zwerge kommen: in Schwarz, Rot, Blau und Grün, 500 bis 800 an der Zahl, genau will man es noch nicht wissen. Vier Sommerwochen lang werden sie auf dem Markt stehen und anschließend als Lutherbotschafter – so die offizielle Sprachregelung – in die ganze Welt verkauft.

Wenn sie nicht vorher geklaut werden. Immerhin sind 70 von knapp 130 bisher registrierten Interessenten Wittenberger. Verluste, die der Sicherheitsdienst nicht verhindern könne, seien kalkuliert, erklärt Professor Ottmar Hörl aus Nürnberg, Schöpfer der metergroßen Plastikfiguren – ebenso wie die ganze Aktion ja ohnehin rein privatwirtschaftlich finanziert sei.

Mittlerweile nimmt die Konsequenz, mit der Stadt und Kirche ihre Rechtfertigungsstrategie forcieren, imposante Züge an. Man könnte das auch Sturheit nennen. Der Künstler, der Oberbürgermeister und der Prälat sprechen erneut über Kunst im öffentlichen Raum, die Reformationsdekade und die Geistesimpulse, welche sie in die Welt senden wird, über Glaube und Vernunft, Freiheit und Verantwortung, Staat und Kirche. Wie schön, so viel Einigkeit war selten.

»Ist ja gut, dass die beiden nun endlich repariert werden«, bemerkt am Rande des Spektakels völlig richtig ein Passant. Seine Mitbürger speist der Oberbürgermeister inzwischen mit Mini-Lutherzwergen ab, die er bei einem der besten Bäcker der Stadt bestellen ließ – ein kleiner Vorgeschmack darauf, dass am Ende alles genauso wird, wie es vorher war. Ob groß, klein oder ganz klein: Die Wittenberger haben ihren Luther eben einfach zum Fressen gern.

Ute van der Sanden

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