Euphorie und Enttäuschung

30. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Reportage: Südafrika vor dem Sportereignis des Jahres – die Fußball-Weltmeisterschaft hat zwei Gesichter

Stolz erfüllt die Mehrheit Südafrikaner im Blick auf die WM – auch wenn längst nicht alle von dem Ereignis profitieren.

Begeisterung: Für die Kinder in den Townships am Rande der großen Städte Südafrikas gehört Fußball zum Alltag. Das Geld für einen Stadionbesuch während der WM dürften freilich die wenigsten haben.	Foto: epd-bild/Hanno Gutmann

Begeisterung: Für die Kinder in den Townships am Rande der großen Städte Südafrikas gehört Fußball zum Alltag. Das Geld für einen Stadionbesuch während der WM dürften freilich die wenigsten haben. Foto: epd-bild/Hanno Gutmann

Die junge Frau, Anfang 20, ist dem Ziel der Träume von Millionen Fußballfans weltweit ganz nah. Die Südafrikanerin, die sich schlicht mit ihrem Vornamen Beverly vorstellt, hat einen Job bei der Firma, die die Anlagen rings um das Soccer City Stadion nahe Soweto gestaltet hat. Südafrika hat sich schön gemacht für das Highlight des Jahres 2010 – die Fußball-WM vom 11. Juni bis 11. Juli.
Während Beverly den Wasserschlauch auf ein frisch gepflanztes Bäumchen hält, spannen sich neben ihr die Stadionwände wie eine Reptilienhaut glänzend in der südafrikanischen Sonne, im Hintergrund die imposante Skyline von Johannesburg. »Ja klar bin ich dabei«, sagt Beverly selbstbewusst über die Weltmeisterschaft. Wie teuer die Tickets sind, nein, das weiß sie nicht genau, und wie man dran kommt, auch nicht. Aber die junge Frau hofft auf ein Wunder – wie so viele in Südafrika.

Sie sind stolz darauf, dass die Fußball-Weltmeisterschaft in ihrem Land zu Gast ist, das erste Mal in Afrika überhaupt. Und wenige Wochen vor dem Anpfiff ist die Hoffnung noch groß, dass das Jahrhundertereignis auch sie streifen möge wie eine Fee, die das Unmögliche möglich macht: mehr Jobs, Strom und Wasser, bessere Häuser, und vielleicht sogar im Stadion dabei zu sein, wenn die südafrikanische Nationalelf Bafana Bafana spielt.

»Wir wissen natürlich, dass die WM nicht alle Erwartungen erfüllen kann. Sie kommt und geht und kann die ­Lebensbedingungen der Menschen nicht verändern, es ist unfair, all diese Erwartungen aufzubauen«, meint der Präsident des Südafrikanischen Kirchenrates, Tinyiko Sam Maluleke. Die WM sei zweifellos ein »Elite-Projekt«, das nur den Reichen Gewinn bringe, kritisiert der Theologieprofessor.
Doch er erwartet 16 Jahre nach dem Ende der Apartheid auch positive Effekte: »Wir sind eine junge Demokratie«, sagt Maluleke. »Deshalb brauchen wir viel Bestätigung – und die WM sagt uns: Man kann euch vertrauen, sogar das größte Sportereignis der Welt kann man euch anvertrauen.« Das sei inspirierend für alle.

Allerdings zeigt die bevorstehende Fußball-WM auch ein hässliches Gesicht: »Es gibt schon jetzt keine Armen und Obdachlosen in den Innenstädten mehr. Sie zahlen den Preis für eine perfekte Fassade«, kritisiert der methodistische Pfarrer Paul Verryn die Politik vieler Kommunen.

Seine Innenstadtkirche in Johannesburg ist seit Jahren Zufluchtsort für Obdachlose und Tausende von Flüchtlingen aus Simbabwe. Vor Kurzem wurde der streitbare Theologe Verryn von seinem Bischofsamt suspendiert, weil er gegen die Anweisungen und die Disziplin seiner Kirche verstoßen haben soll.

Vor der Fußball-WM beobachtet er regelrechte Säuberungsaktionen, die auch viele kleine Straßenhändler betreffen. »Man will kein Weltklasse-Event in einer verslumten Stadt begehen, deshalb hat die Polizei die Armen in die Unsichtbarkeit verbannt. Die WM geht auf Kosten der Menschlichkeit«, urteilt Verryn.

Ähnlich bittere Erfahrungen machten auch Bewohner der Armensiedlung Umlazi in Durban. Dort haben Bulldozer schon im Januar 2009 an einem Samstagmorgen ihre Häuser und Hütten niedergewalzt, um Platz zu schaffen, denn im benachbarten King Zwelithini Stadion sollte ursprünglich während der WM trainiert werden. Jetzt leben die 500 Vertriebenen weit weg in engen Wellblechbaracken.
»Für die herrschende Klasse ist 2010 ein attraktiver Investitionspunkt, aber es ist kein Projekt für die Armen und ihre Entwicklung«, meint die linke Ökonomin Mohau Pheko. In ihrer Radiosendung »Africa Talks« beim landesweiten Sender SABC kommen Kritiker zu Wort, denn Pheko findet die WM zu teuer für Südafrika: »Wir können es uns nicht leisten, so viel Geld für ein Prestigeprojekt auszugeben, das auf Kosten der Entwicklung geht.«

Pheko versteht sich als Anwältin der kleinen Leute, von denen aber viele vor allem stolz auf die WM sind. So wie Beverly, die hofft, dass sich für sie und ihre Freunde die Tore von ­Soccer City öffnen. Wer weiß, vielleicht klappt es ja, denn international läuft der Kartenverkauf schleppend.

Bettina von Clausewitz (epd)

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