Und täglich stirbt Jesus am Kreuz – außer montags und mittwochs
29. April 2010 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Im Blickpunkt
Mancher mag sich innerlich schütteln, wenn er den Namen Oberammergau hört. Seit fast 380 Jahren gibt es die dortigen Passionsspiele – inzwischen sogar mit ökumenischer Beteiligung.

Proben auf Hochtouren: Nur noch wenige Wochen sind es bis zur Premiere der Oberammergauer Passionsspiele, die zwischen dem 15. Mai und 3. Oktober voraussichtlich wieder eine halbe Million Menschen aus aller Welt anziehen werden. Das Bild zeigt die Kreuzigungsszene mit Frederik Mayet als Jesus.
Nein, so nicht. Da muss mehr innere Anteilnahme rein. Du bestellst doch keine Brotzeit.« Christian Stückl rauft sich das wilde Haar. Jesus hebt erneut die Stimme und spricht zu seinen Jüngern, dieses Mal mit dem nötigen Nachdruck desjenigen, der überzeugen will. Fast zwei Dutzend mehr oder weniger junge Männer, die mit ihren langen Haaren und vollen Bärten aussehen wie ein aus der Zeit gefallenes Hippie-Kollektiv, sitzen mit ihren Textbüchern an einem großen Tisch: Sprechprobe für die Abendmahl-Szene der Passionsspiele in Oberammergau.
Ein Dorf fiebert dem Großereignis entgegen. Im oberbayerischen Oberammergau herrscht Ausnahmezustand – zumindest hinter den Kulissen. Die alle zehn Jahre veranstalteten Passionsspiele stehen vor der Tür. Nicht weniger als 2400 Darsteller und Sänger wollen eingekleidet werden. Hinter der Bühne sind die Olivenbäume schon bereit, um für ein authentisches Stadtbild Jerusalems
zu sorgen. Dornenkrone, Nägel und die I.N.R.I.-Tafel warten auf ihren Einsatz.
Was Otto Huber, der Dramaturg der Passionsspiele 2010, den »Yes we can-Effekt« nennt, beflügelt zurzeit die meisten Oberammergauer. Sie wollen der Welt aufs Neue beweisen, dass sie es in einer unvergleichlichen Gemeinschaftsanstrengung schaffen, die berühmtesten Passionsspiele in monumentaler Weise auf die Bühne zu bringen. Dabeisein sei in der Passion eben alles, weiß Huber, der auf der Bühne auch den Prolog sprechen wird. Mehr als die Hälfte der etwas über 5000 Einwohner hat sich wie-
der diesem olympischen Motto verschrieben.
Man kann fragen, wen man will – von den Protagonisten bis zum Fußvolk –, immer wird die soziale Bedeutung der Passion für das Gemeinschaftsgefüge betont. »Wenn der Junior mit dem Opa auf der Bühne steht, dann ist das schon ein soziales Event«, weiß Spielleiter Stückl, der die Spiele nun zum dritten Mal leitet. Das Soziale sei sogar noch wichtiger als Religion und Tradition. »Es gehört zum Selbstverständnis der Bewohner, alles in Eigenregie zu machen«, meint Frederik Mayet. Diesem Ziel wird alle zehn Jahre im Dorf fast alles untergeordnet. Und so wird man auch niemanden treffen, der sich über all die Proben und die Arbeit hinter den Kulissen, die zum Teil bereits im Mai des letzten Jahres begonnen hat, beschwert. Mitmachen darf übrigens nur, wer gebürtiger Oberammergauer ist oder seit mindestens 20 Jahren dort lebt.
Wer mitspielen will, muss Einheimischer sein
Aber welche Motivation treibt die Menschen? Frederik Mayet, einer der beiden Jesus-Darsteller – die 21 wichtigsten Rollen werden alle doppelt besetzt –, ist begeistert vom Gemeinschaftserlebnis. »Mit all den Menschen an einer Idee und auf ein Ziel hinzuarbeiten, das ist unglaublich.« Der 29-Jährige erzählt von der Disziplin, deren es bedürfe, um eine Szene mit rund 900 Menschen zu spielen. Mayet, der vor zehn Jahren als Apostel Johannes auf der riesigen, 45 Meter breiten Bühne agierte, hat sich durch Lektüre und mit einer Reise nach Israel mit seiner neuen Rolle auseinandergesetzt. »Es fasziniert mich, dass Jesus bei all seinen Taten den Menschen in den Mittelpunkt gestellt hat und von der Kraft des Glaubens überzeugt war. Das trägt für mich noch heute revolutionäre Züge«, bemerkt der Laiendarsteller, der im Hauptberuf Pressesprecher des Münchner Volkstheaters ist, wo Christian Stückl als Intendant tätig ist.
»Normalerweise zeigt die Passion nur die letzten fünf Tage im Leben Jesu, also sein Leiden«, führt der Oberammergauer Spielleiter aus. »In diesem Jahr wird Jesus aber mehr Raum haben. Ich möchte die wahnsinnige Konsequenz seines Handelns herausstellen.« Dafür sei es wichtig zu zeigen, so Stückl, dass Jesus in einem besetzten Land lebte, das außerdem von extremen sozialen Gegensätzen geprägt war. Als Zeichen der Unterdrückung werden bei den Passionsspielen nun römische Soldaten allgegenwärtig sein.
Eine Textreform hat Antijudaismen verbannt
Das Passionsspiel geht auf einen Schwur der Bürger aus dem Jahr 1633 zurück. Die Pest wütete und die Oberammergauer gelobten, die Passion alle zehn Jahre aufführen zu wollen, sollte es keine weiteren Opfer geben. Der Handel klappte. Die Kirche stellte bis 1850 die Spielleiter und Mönche aus den nahen Klöstern Ettal und Rottenbuch sorgten für die frühen Textfassungen. Der Text, der dem Spiel bis heute zugrunde liegt, stammt aus dem Jahr 1860 und wurde vom Oberammergauer Pfarrer Alois Daisenberger verfasst. Doch Stückl und sein Dramaturg Huber haben schon vor zehn Jahren die größte Textreform in der Geschichte der Passion auf den Weg gebracht, die vor allem Antijudaismen aus dem Spiel verbannt hat. »Jesus war schließlich Jude«, betonen die beiden Spielleiter.
Gegen massive Widerstände hat Christian Stückl auch die Verlegung der Kreuzigungsszene in den Abend durchgesetzt. Er erhofft sich davon eine gesteigerte theatralische Wirkung. Jesus-Darsteller Frederik Mayet blickt auf anstrengende Probehängungen zurück. »Da hat sich schnell ein Gefühl dafür eingestellt, wie qualvoll ein solcher Tod gewesen sein muss.«
Dass die Passion eine Gemeinschaftsleistung mehr oder weniger der gesamten Gemeinde ist, bedeutet auch, dass konfessionelle Grenzziehungen der Vergangenheit angehören. Der katholische Religionsunterricht für die Darsteller wurde 1990 abgeschafft. Mittlerweile stehen bei den Aufführungen neben Katholiken und Protestanten neuerdings auch Moslems auf der Bühne. Die Passion ist eine offene Veranstaltung. »Wenn wir jemand ausschließen würden, wär das so, als dürften die Türken nicht zum FC Bayern«, fasst Otto Huber salopp zusammen. Der Dramaturg freut sich über die Aufgeschlossenheit der Darsteller. »Frömmler sind nicht darunter.«
Auch die Publikumsstruktur hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert. »Die Passion ist längst auch ein Ziel für Event-Touristen«, räumt Christian Stückl ein.
Bereits 1880 hatte der englische Reiseanbieter Thomas Cook erfolgreich begonnen, Oberammergau und seine Spiele als Reiseziel zu vermarkten. Für die Gemeinde sind die Passionsspiele heute einer der bedeutendsten Wirtschaftsfaktoren. Ob in Zeiten der Krise aber wieder annähernd 520000 Zuschauer kommen wie vor zehn Jahren? Daran zweifeln im Passionsdorf viele. Otto Huber betont da lieber das Spirituelle: »Dass man sein eigenes Leiden ablädt im Anblick des Leidens Jesu, diese Kraft hat das Spiel aber noch immer«, ist der Dramaturg der Passion überzeugt.
Ulrich Traub
