Euphorie und Enttäuschung

30. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Südafrika vor dem Sportereignis des Jahres – die Fußball-Weltmeisterschaft hat zwei Gesichter

Stolz erfüllt die Mehrheit Südafrikaner im Blick auf die WM – auch wenn längst nicht alle von dem Ereignis profitieren.

Begeisterung: Für die Kinder in den Townships am Rande der großen Städte Südafrikas gehört Fußball zum Alltag. Das Geld für einen Stadionbesuch während der WM dürften freilich die wenigsten haben.	Foto: epd-bild/Hanno Gutmann

Begeisterung: Für die Kinder in den Townships am Rande der großen Städte Südafrikas gehört Fußball zum Alltag. Das Geld für einen Stadionbesuch während der WM dürften freilich die wenigsten haben. Foto: epd-bild/Hanno Gutmann

Die junge Frau, Anfang 20, ist dem Ziel der Träume von Millionen Fußballfans weltweit ganz nah. Die Südafrikanerin, die sich schlicht mit ihrem Vornamen Beverly vorstellt, hat einen Job bei der Firma, die die Anlagen rings um das Soccer City Stadion nahe Soweto gestaltet hat. Südafrika hat sich schön gemacht für das Highlight des Jahres 2010 – die Fußball-WM vom 11. Juni bis 11. Juli.
Während Beverly den Wasserschlauch auf ein frisch gepflanztes Bäumchen hält, spannen sich neben ihr die Stadionwände wie eine Reptilienhaut glänzend in der südafrikanischen Sonne, im Hintergrund die imposante Skyline von Johannesburg. »Ja klar bin ich dabei«, sagt Beverly selbstbewusst über die Weltmeisterschaft. Wie teuer die Tickets sind, nein, das weiß sie nicht genau, und wie man dran kommt, auch nicht. Aber die junge Frau hofft auf ein Wunder – wie so viele in Südafrika.

Sie sind stolz darauf, dass die Fußball-Weltmeisterschaft in ihrem Land zu Gast ist, das erste Mal in Afrika überhaupt. Und wenige Wochen vor dem Anpfiff ist die Hoffnung noch groß, dass das Jahrhundertereignis auch sie streifen möge wie eine Fee, die das Unmögliche möglich macht: mehr Jobs, Strom und Wasser, bessere Häuser, und vielleicht sogar im Stadion dabei zu sein, wenn die südafrikanische Nationalelf Bafana Bafana spielt.

»Wir wissen natürlich, dass die WM nicht alle Erwartungen erfüllen kann. Sie kommt und geht und kann die ­Lebensbedingungen der Menschen nicht verändern, es ist unfair, all diese Erwartungen aufzubauen«, meint der Präsident des Südafrikanischen Kirchenrates, Tinyiko Sam Maluleke. Die WM sei zweifellos ein »Elite-Projekt«, das nur den Reichen Gewinn bringe, kritisiert der Theologieprofessor.
Doch er erwartet 16 Jahre nach dem Ende der Apartheid auch positive Effekte: »Wir sind eine junge Demokratie«, sagt Maluleke. »Deshalb brauchen wir viel Bestätigung – und die WM sagt uns: Man kann euch vertrauen, sogar das größte Sportereignis der Welt kann man euch anvertrauen.« Das sei inspirierend für alle.

Allerdings zeigt die bevorstehende Fußball-WM auch ein hässliches Gesicht: »Es gibt schon jetzt keine Armen und Obdachlosen in den Innenstädten mehr. Sie zahlen den Preis für eine perfekte Fassade«, kritisiert der methodistische Pfarrer Paul Verryn die Politik vieler Kommunen.

Seine Innenstadtkirche in Johannesburg ist seit Jahren Zufluchtsort für Obdachlose und Tausende von Flüchtlingen aus Simbabwe. Vor Kurzem wurde der streitbare Theologe Verryn von seinem Bischofsamt suspendiert, weil er gegen die Anweisungen und die Disziplin seiner Kirche verstoßen haben soll.

Vor der Fußball-WM beobachtet er regelrechte Säuberungsaktionen, die auch viele kleine Straßenhändler betreffen. »Man will kein Weltklasse-Event in einer verslumten Stadt begehen, deshalb hat die Polizei die Armen in die Unsichtbarkeit verbannt. Die WM geht auf Kosten der Menschlichkeit«, urteilt Verryn.

Ähnlich bittere Erfahrungen machten auch Bewohner der Armensiedlung Umlazi in Durban. Dort haben Bulldozer schon im Januar 2009 an einem Samstagmorgen ihre Häuser und Hütten niedergewalzt, um Platz zu schaffen, denn im benachbarten King Zwelithini Stadion sollte ursprünglich während der WM trainiert werden. Jetzt leben die 500 Vertriebenen weit weg in engen Wellblechbaracken.
»Für die herrschende Klasse ist 2010 ein attraktiver Investitionspunkt, aber es ist kein Projekt für die Armen und ihre Entwicklung«, meint die linke Ökonomin Mohau Pheko. In ihrer Radiosendung »Africa Talks« beim landesweiten Sender SABC kommen Kritiker zu Wort, denn Pheko findet die WM zu teuer für Südafrika: »Wir können es uns nicht leisten, so viel Geld für ein Prestigeprojekt auszugeben, das auf Kosten der Entwicklung geht.«

Pheko versteht sich als Anwältin der kleinen Leute, von denen aber viele vor allem stolz auf die WM sind. So wie Beverly, die hofft, dass sich für sie und ihre Freunde die Tore von ­Soccer City öffnen. Wer weiß, vielleicht klappt es ja, denn international läuft der Kartenverkauf schleppend.

Bettina von Clausewitz (epd)

Martin geht’s an den Kragen

30. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Wittenberger Denkmäler für Luther und Melanchthon werden restauriert

Schwere Seile werden dem Monument um den Hals gelegt.  Foto: Achim Kuhn

Schwere Seile werden dem Monument um den Hals gelegt. Foto: Achim Kuhn

Über die Wittenberger Lutherzwerge ist viel geschrieben und noch mehr geredet worden, zumeist hinter vorgehaltener Hand. Von öffentlicher Finanzierung, von Differenzen in diversen Leitungsebenen der evangelischen Kirche spricht man da, und kaum hat sich die Lage beruhigt, werden alte Informationen an neue Aktionen gekuppelt und im Kirmeskostüm durchs Städtchen getrieben. Brot und Spiele: Sie hielten das Volk schon im alten Rom bei Laune. Erst zu den Spielen. Zum Brot später.

Ein kalter Apriltag in der Lutherstadt. Es gibt Kaffee aus Plastikbechern und Blasmusik aus Potsdam, Glocken läuten wie bestellt. »Seid ihr traurig? Martinus verlässt uns heute!«, schreit die Stadtwache, das allgegenwärtige Luther-Double Bernhard Naumann konferiert mit Oberbürgermeister Eckhard Naumann, und dann endlich geht es Luther an den Kragen. Am Rumpf und am Hals des tonnenschweren Monuments sind schwere Seile befestigt. Ein Kran hebt es vorsichtig vom Sockel und wiederholt die Prozedur anschließend bei der Melanchthon-Statue.

Für 1,2 Millionen Euro werden beide Denkmäler saniert, stark beschädigt waren vor allem die Baldachine. Der Zeitpunkt ihrer Rückkehr, zunächst für den Reformationstag dieses Jahres versprochen, sei ungewiss, räumt der Oberbürgermeister ein. Nicht so sehr wegen der Restaurierung an sich, sondern weil der Boden unter den ebenfalls abgebauten Sockeln fürs Erste an die Archäologen falle. Trösten dürfen sich die Wittenberger mit dem historisch einmaligen Abschiedsfoto: Bevor er auf die Ladefläche kommt, wird Luther zum Ablichten mit der Lokalprominenz aus Stadt und Kirche aufs Rathausportal herabgelassen. Melanchthon muss gleich auf den Wagen.
Wird also der Markt bis zur – zweifelsohne mit einem Volksfest zu zelebrierenden – Wiederkehr des Kirchenerneuerers aussehen, wie ihn die Bürger letztmalig am Reformationstag 1821 betrachteten? Nicht ganz. Luther geht, die Zwerge kommen: in Schwarz, Rot, Blau und Grün, 500 bis 800 an der Zahl, genau will man es noch nicht wissen. Vier Sommerwochen lang werden sie auf dem Markt stehen und anschließend als Lutherbotschafter – so die offizielle Sprachregelung – in die ganze Welt verkauft.

Wenn sie nicht vorher geklaut werden. Immerhin sind 70 von knapp 130 bisher registrierten Interessenten Wittenberger. Verluste, die der Sicherheitsdienst nicht verhindern könne, seien kalkuliert, erklärt Professor Ottmar Hörl aus Nürnberg, Schöpfer der metergroßen Plastikfiguren – ebenso wie die ganze Aktion ja ohnehin rein privatwirtschaftlich finanziert sei.

Mittlerweile nimmt die Konsequenz, mit der Stadt und Kirche ihre Rechtfertigungsstrategie forcieren, imposante Züge an. Man könnte das auch Sturheit nennen. Der Künstler, der Oberbürgermeister und der Prälat sprechen erneut über Kunst im öffentlichen Raum, die Reformationsdekade und die Geistesimpulse, welche sie in die Welt senden wird, über Glaube und Vernunft, Freiheit und Verantwortung, Staat und Kirche. Wie schön, so viel Einigkeit war selten.

»Ist ja gut, dass die beiden nun endlich repariert werden«, bemerkt am Rande des Spektakels völlig richtig ein Passant. Seine Mitbürger speist der Oberbürgermeister inzwischen mit Mini-Lutherzwergen ab, die er bei einem der besten Bäcker der Stadt bestellen ließ – ein kleiner Vorgeschmack darauf, dass am Ende alles genauso wird, wie es vorher war. Ob groß, klein oder ganz klein: Die Wittenberger haben ihren Luther eben einfach zum Fressen gern.

Ute van der Sanden

Und täglich stirbt Jesus am Kreuz – außer montags und mittwochs

29. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Mancher mag sich innerlich schütteln, wenn er den ­Namen Oberammergau hört. Seit fast 380 Jahren gibt es die dortigen Passionsspiele – inzwischen sogar mit ­ökumenischer Beteiligung.

Proben auf Hochtouren: Nur noch wenige Wochen sind es bis zur Premiere der Oberammergauer Passionsspiele, die zwischen dem 15. Mai und 3. Oktober ­voraussichtlich wieder eine halbe Million Menschen aus aller Welt anziehen werden. Das Bild zeigt die Kreuzigungsszene mit Frederik Mayet als Jesus.

Proben auf Hochtouren: Nur noch wenige Wochen sind es bis zur Premiere der Oberammergauer Passionsspiele, die zwischen dem 15. Mai und 3. Oktober ­voraussichtlich wieder eine halbe Million Menschen aus aller Welt anziehen werden. Das Bild zeigt die Kreuzigungsszene mit Frederik Mayet als Jesus.

Nein, so nicht. Da muss mehr innere Anteilnahme rein. Du bestellst doch keine Brotzeit.« Christian Stückl rauft sich das wilde Haar. Jesus hebt erneut die Stimme und spricht zu seinen Jüngern, dieses Mal mit dem nötigen Nachdruck ­desjenigen, der überzeugen will. Fast zwei Dutzend mehr oder weniger junge Männer, die mit ihren langen Haaren und vollen Bärten aussehen wie ein aus der Zeit gefallenes Hippie-Kollektiv, sitzen mit ihren Textbüchern an einem großen Tisch: Sprechprobe für die Abendmahl-Szene der Passionsspiele in Oberammergau.

Ein Dorf fiebert dem Großereignis entgegen. Im oberbayerischen Oberammergau herrscht Ausnahmezustand – zumindest hinter den Kulissen. Die alle zehn Jahre veranstalteten Passionsspiele stehen vor der Tür. Nicht weniger als 2400 Darsteller und Sänger wollen eingekleidet werden. Hinter der Bühne sind die Olivenbäume schon bereit, um für ein ­authentisches Stadtbild Jerusalems
zu sorgen. Dornenkrone, Nägel und die I.N.R.I.-Tafel warten auf ihren ­Einsatz.

Was Otto Huber, der Dramaturg der Passionsspiele 2010, den »Yes we can-Effekt« nennt, beflügelt zurzeit die meisten Oberammergauer. Sie wollen der Welt aufs Neue beweisen, dass sie es in einer unvergleichlichen Gemeinschaftsanstrengung schaffen, die berühmtesten Passionsspiele in monumentaler Weise auf die Bühne zu bringen. Dabeisein sei in der Passion eben alles, weiß Huber, der auf der Bühne auch den Prolog sprechen wird. Mehr als die Hälfte der etwas über 5000 Einwohner hat sich wie-
der diesem olympischen Motto verschrieben.

Man kann fragen, wen man will – von den Protagonisten bis zum Fußvolk –, immer wird die soziale Bedeutung der Passion für das Gemeinschaftsgefüge betont. »Wenn der Junior mit dem Opa auf der Bühne steht, dann ist das schon ein soziales Event«, weiß Spielleiter Stückl, der die Spiele nun zum dritten Mal leitet. Das Sozia­le sei sogar noch wichtiger als Religion und Tradition. »Es gehört zum Selbstverständnis der Bewohner, alles in Eigenregie zu machen«, meint Frederik Mayet. Diesem Ziel wird alle zehn Jahre im Dorf fast alles untergeordnet. Und so wird man auch niemanden treffen, der sich über all die Proben und die Arbeit hinter den Kulissen, die zum Teil bereits im Mai des letzten Jahres begonnen hat, beschwert. Mitmachen darf übrigens nur, wer gebürtiger Oberammergauer ist oder seit mindestens 20 Jahren dort lebt.

Wer mitspielen will, muss Einheimischer sein
Aber welche Motivation treibt die Menschen? Frederik Mayet, einer der beiden Jesus-Darsteller – die 21 wichtigsten Rollen werden alle doppelt besetzt –, ist begeistert vom ­Gemeinschaftserlebnis. »Mit all den Menschen an einer Idee und auf ein Ziel hinzuarbeiten, das ist unglaublich.« Der 29-Jährige erzählt von der Disziplin, deren es bedürfe, um eine Szene mit rund 900 Menschen zu spielen. Mayet, der vor zehn Jahren als Apostel Johannes auf der riesigen, 45 Meter breiten Bühne agierte, hat sich durch Lektüre und mit einer Reise nach Israel mit seiner neuen Rolle auseinandergesetzt. »Es fasziniert mich, dass Jesus bei all seinen Taten den Menschen in den Mittelpunkt gestellt hat und von der Kraft des Glaubens überzeugt war. Das trägt für mich noch heute revolutionäre Züge«, bemerkt der Laiendarsteller, der im Hauptberuf Pressesprecher des Münchner Volkstheaters ist, wo Christian Stückl als Intendant tätig ist.

»Normalerweise zeigt die Passion nur die letzten fünf Tage im Leben Jesu, also sein Leiden«, führt der Oberammergauer Spielleiter aus. »In diesem Jahr wird Jesus aber mehr Raum haben. Ich möchte die wahnsinnige Konsequenz seines Handelns herausstellen.« Dafür sei es wichtig zu zeigen, so Stückl, dass Jesus in einem besetzten Land lebte, das außerdem von extremen sozialen Gegensätzen geprägt war. Als Zeichen der Unterdrückung werden bei den Passionsspielen nun römische Soldaten allgegenwärtig sein.

Eine Textreform hat Antijudaismen verbannt

Das Passionsspiel geht auf einen Schwur der Bürger aus dem Jahr 1633 zurück. Die Pest wütete und die Oberammergauer gelobten, die Passion alle zehn Jahre aufführen zu wollen, sollte es keine weiteren Opfer geben. Der Handel klappte. Die Kirche stellte bis 1850 die Spielleiter und Mönche aus den nahen Klöstern Ettal und ­Rottenbuch sorgten für die frühen Textfassungen. Der Text, der dem Spiel bis heute zugrunde liegt, stammt aus dem Jahr 1860 und wurde vom Oberammergauer Pfarrer Alois Daisenberger verfasst. Doch Stückl und sein Dramaturg Huber haben schon vor zehn Jahren die größte Textreform in der Geschichte der Passion auf den Weg gebracht, die vor allem Antijudaismen aus dem Spiel verbannt hat. »Jesus war schließlich Jude«, betonen die beiden Spielleiter.

Gegen massive Widerstände hat Christian Stückl auch die Verlegung der Kreuzigungsszene in den Abend durchgesetzt. Er erhofft sich davon eine gesteigerte theatralische Wirkung. Jesus-Darsteller Frederik Mayet blickt auf anstrengende Probehängungen zurück. »Da hat sich schnell ein Gefühl dafür eingestellt, wie qualvoll ein solcher Tod gewesen sein muss.«

Dass die Passion eine Gemeinschaftsleistung mehr oder weniger der gesamten Gemeinde ist, bedeutet auch, dass konfessionelle Grenzziehungen der Vergangenheit angehören. Der katholische Religionsunterricht für die Darsteller wurde 1990 abgeschafft. Mittlerweile stehen bei den Aufführungen neben Katholiken und Protestanten neuerdings auch Moslems auf der Bühne. Die Passion ist eine offene Veranstaltung. »Wenn wir jemand ausschließen würden, wär das so, als dürften die Türken nicht zum FC Bayern«, fasst Otto Huber salopp zusammen. Der Dramaturg freut sich über die Aufgeschlossenheit der Darsteller. »Frömmler sind nicht darunter.«
Auch die Publikumsstruktur hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert. »Die Passion ist längst auch ein Ziel für Event-Touristen«, räumt Christian Stückl ein.

Bereits 1880 hatte der englische Reiseanbieter Thomas Cook erfolgreich begonnen, Oberammergau und seine Spiele als Reiseziel zu vermarkten. Für die Gemeinde sind die Passionsspiele heute einer der ­bedeutendsten Wirtschaftsfaktoren. Ob in Zeiten der Krise aber wieder annähernd 520000 Zuschauer kommen wie vor zehn Jahren? Daran zweifeln im Passionsdorf viele. Otto Huber betont da lieber das Spirituelle: »Dass man sein eigenes Leiden ablädt im Anblick des Leidens Jesu, diese Kraft hat das Spiel aber noch immer«, ist der Dramaturg der Passion überzeugt.

Ulrich Traub

»Danke für diesen guten Morgen«

29. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum 80. Geburtstag des Kirchenlieder-Komponisten Martin Gotthard Schneider

Sein »Danke«-Lied hat den Komponisten Martin Gotthard Schneider weltweit bekannt gemacht. Foto: epd-bild

Sein »Danke«-Lied hat den Komponisten Martin Gotthard Schneider weltweit bekannt gemacht. Foto: epd-bild

Seine Komposition war als bisher einziges Kirchenlied sechs Wochen lang in den Charts der deutschen Hitparade: »Danke für diesen guten Morgen, danke für jeden neuen Tag.« Dieses Lied hat den evangelischen Theologen und Kirchenmusiker Martin Gotthard Schneider, der am 26. April 80 Jahre alt wurde, in der ganzen Welt bekannt gemacht. 1961 trat der Song in evangelischen Kirchen und weit darüber hinaus seinen Erfolgszug an. Nach Angaben des Gustav Bosse Verlags (Kassel) wurde es in mehr als 25 Sprachen übersetzt.

Die Popularität des »Danke«-Liedes, das in das Evangelische Gesangbuch aufgenommen wurde, ist dem Verlag zufolge noch heute ungebrochen. Auf Kirchentagen, Gemeindefesten und in Jugendgottesdiensten gehöre es seit knapp fünf Jahrzehnten zu den »meistgesungenen geistlichen Liedern überhaupt«. Die Popgruppe »Die Ärzte« hat in ihren Anfangsjahren Text und Melodie in einer leichten Punkfassung auf den Markt gebracht. Bereits 1963 gelangte es in einer Schallplatteneinspielung des Botho-Lucas-Chors in die Charts der deutschen Hitparade.

Komponist Schneider wurde 1930 in Konstanz geboren und studierte in Heidelberg, Tübingen und Basel. Er war Kantor und Organist in Freiburg und von 1973 bis 1995 Landeskantor in Baden. Bis 1997 lehrte er an der Staatlichen Musikhochschule Freiburg, wo er 1980 zum Professor ernannt wurde. Mehr als viereinhalb Jahrzehnte leitete er auch den von ihm gegründeten Freiburger Konzertchor der Heinrich-Schütz-Kantorei.

Schneider schuf zahlreiche neue geistliche Lieder. 1975 erschien sein Liederbuch »Sieben Leben möcht ich haben«. Vor allem über die Deutschen Evangelischen Kirchentage wurden auch die Lieder »Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt« oder »Ein neuer Tag beginnt« bekannt.

Was den einen als zu kitschig und banal erschien, war für andere vor ­allem in den 60er und 70er Jahren Ausdruck einer Aufbruchstimmung: Weg von der »Ein-Mann-Veranstal­tung des Pfarrers« und hin zu eigenen Formen, um den Glauben neu und verständlich zum Ausdruck zu bringen. Schneider traf damit den Zeitgeist einer Generation, die sich in den Kirchengemeinden nach neuen Liedern sehnte, begleitet von anderen Instrumenten als der Orgel. Und das Lied wurde fast täglich in den deutschen Radiosendern gespielt und von unzähligen Chören nachgesungen.

Schneider schrieb »Danke« 1961 als Beitrag zu einem Wettbewerb der Evangelischen Akademie Tutzing für neue geistliche Lieder und gewann den ersten Preis. Die Melodien sollten mithilfe musikalischer Mittel aus Jazz und Unterhaltungsmusik gestaltet werden. Allerdings habe sich damals auch »vehementer Protest« geregt, sagte Schneider einst. Theologen und Kirchenmusiker hätten sich zunächst von dem »Kirchenschlager« distanziert, weil ihnen die Melodie zu simpel und der Text zu plakativ erschienen sei.
Seinen 80. Geburtstag feiere er »etwas eingeschränkt bei guter Gesundheit« in Freiburg, sagte Schneider. Ob er derzeit noch komponiere, wollte er nicht verraten. »Wenn noch etwas von mir kommt, wird man das auch mitbekommen.«

Ralf Schick (epd)

Wiedererstandenes geistliches Zentrum

23. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Im tschechischen Osek sorgte der jetzt verstorbene Bernhard Thebes für einen klösterlichen Neuanfang

Der verstorbene Abt Bernhard vor seinem Lebenswerk – dem neuerstandenen Kloster im tschechischen Osek. Foto: Doris Morgenstern

Der verstorbene Abt Bernhard vor seinem Lebenswerk – dem neuerstandenen Kloster im tschechischen Osek. Foto: Doris Morgenstern

Ein vorerst letztes Mal sorgte Bernhard Thebes für großen Zulauf. Am Mittwoch nach Ostern wurde der Leichnam des 47. Abtes vom Zisterzienserkloster im nordböhmischen Osek (Ossegg) in die Krypta der Klosterkirche gelegt. Hunderte Menschen nicht nur aus Tschechien und Deutschland waren gekommen, um sich in dem kleinen Ort zwischen Teplice und Litvinov am tschechischen Fuße des Erzgebirges von ihm zu verabschieden.

»Mein Lebensziel ist es, das Kloster Osek wiederzubeleben«, hatte Bernhard noch kurz vor seinem Tod beteuert. Vor fast zwei Jahren hatte ihn das fortschreitende Alter zum Umzug in ein Pflegeheim in Goppeln bei Dresden gezwungen. Damit wurde der Konvent von Osek aufgelöst. Denn so viel Bernhard in Osek geglückt ist, ­genug Brüder, die ihm nachfolgten, blieben ihm verwehrt. Nur ein Mönch fand sich in den fast 20 Jahren seit er in das Kloster gekommen war.

Zu wenig – der Bruder wurde in ein anderes Kloster abberufen. Dennoch: »Er hat dem Kloster Osek eine neue Perspektive gegeben«, würdigte ihn der Bischof von Litomerice (Leitmeritz), Jan Baxant. Das begann bereits mit seinem Eintritt in den Zisterzienserorden. Den Wunsch dafür hatte in ihm nämlich ein vertriebener Mönch aus der damaligen Tschechoslowakei geweckt. 1960 wurde seine Profess auf das 1196 gegründete Kloster Osek überschrieben und kurz darauf begann er in Nordrhein-Westfalen ein Kloster für den nach 1945 vertriebenen Konvent aufzubauen. Den entscheidenden Schritt tat er 1990, als er sich als gewählter Abt in Osek niederließ.

»Abt Bernhard ist der Same, der in die Erde gelegt ist. Er wird unsichtbar wachsen und Frucht bringen«, prophezeite Äbtissin Theresa Brenninkmeijer, Präses der zu Osek gehörenden Frauenkongregation. Manches ist bereits sichtbar: Als Bernhard nach Osek kam, stand er vor dem Nichts. Ein einziger beheizter Raum diente ihm zum Leben. Auch wenn noch viel am Kloster zu tun ist, sein heutiger ­Zustand ist mit 1990 nicht zu vergleichen.

Und er hat viele Menschen um sich geschart, die sein Erbe weitertragen. Allein 700 Mitglieder zählen die tschechischen und deutschen Freundeskreise über Konfessionsgrenzen hinweg. Kloster Osek wird ein geistliches Zentrum bleiben. Wer hier den Garten pflegt, Geld spendet oder mit einem Konzert auftritt, der tut dies gerade deswegen. »Alles Wesentliche ist meist unsichtbar«, hatte Bischof Baxant eingangs Antoine de Saint-Exupéry zitiert und bezog es auch auf Bernhards Leben. Größer kann sich ein Lebensziel nicht erfüllen.

Steffen Neumann

www.kloster-projekte-osek.info

Im Himmel wird Gerechtigkeit hergestellt

23. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum 100. Todestag von Mark Twain am 21. April

Der nordamerikanische Schriftsteller Mark Twain um 1900. Foto: epd-bild

Der nordamerikanische Schriftsteller Mark Twain um 1900. Foto: epd-bild

Mark Twain« war ein Ausdruck der Flusslotsen auf dem Mississippi und bedeutete »zwei Faden Wassertiefe«, das heißt: sicheres Wasser. Samuel Langhorne Clemens, der seinen Lebensunterhalt eine Zeitlang als Flusslotse verdient hatte, nannte sich als Schriftsteller Mark Twain und wurde unter diesem Namen weltberühmt. Das Leben auf dem Mississippi und an seinen Ufern spielt in vielen seiner Bücher eine große Rolle (»Tom Sawyers Abenteuer«, 1876; »Die Abenteuer des Huckleberry Finn«, 1884; »Leben auf dem Mississippi«, 1888). Geboren 1835 in Florida (Bundesstaat Missouri) verlor er früh den Vater und kam als Setzerlehrling in die Druckerei seines Bruders. Er wurde Flusslotse und folgte 1861 dem Bruder, der Sekretär des Gouverneurs von Nevada geworden war, in den Westen.

Das prägende Erlebnis jener Zeit war der durch Gold- und Silberfunde ausgelöste Rausch, der unzählige Menschen nach Nevada lockte. Mark Twain selbst erlag ihm. Da er erfolglos blieb, versuchte er sein Glück fortan im Schreiben. Er begann mit journalistischen Arbeiten und mit grotesk-humoristischen Erzählungen (»Der berühmte Springfrosch von Calaveras«, 1865). Weltberühmt wurde er mit den humoristischen Romanen über Tom Sawyer und Huck Finn. Ist das Buch über Tom Sawyer eher eine Aneinanderreihung von Kinderstreichen und -abenteuern, so vertieft sich das Buch über Huck Finn zu einem Entwicklungsroman, in dem der Junge, bekehrt durch die Menschlichkeit des Negers Jim, sich von den rassistischen Vorurteilen der Südstaaten löst.

Mark Twains Spott ergoss sich über Heuchelei, Scheinheiligkeit und Geldgier (»Der Mann, durch den Hadleyburg verdorben wurde«, 1900), über Streben nach absoluter Sicherheit (»Familie Mc. Williams und der Einbrecheralarm«) sowie über soziale Vorurteile.

Wenige Jahre vor seinem Tod veröffentlichte er eine Fragment gebliebene Erzählung »Kapitän Stormfields Besuch im Himmel«: nach dem Tod kommt Kapitän Stormfield in den Himmel. Dort geht es anders zu, als es ihm vermittelt wurde. Neben Halleluja-Gesängen und Harfenspiel gibt es Arbeit (die freilich nicht anstrengt) und Entwicklung. Der Himmel ist keine demokratische Republik; er ist wie »das Zarenreich, bloß noch intensiver«. »Schuster und Rossärzte und Scherenschleifer« stehen höher als berühmte Feldherren. Diese haben »einen niederen Platz einzunehmen«. Im Himmel wird Gerechtigkeit hergestellt.

»Wer auf Erden nicht seine Belohnung bekommt, braucht sich nicht aufzuregen – hier bekommt er sie ­bestimmt.« Diese satirische Erzählung verspottet nicht Religion und Glauben, sondern ihren Missbrauch durch Scheinheiligkeit und mate­rielles Gewinnstreben. Obwohl Mark Twain nicht »an die Hölle oder an die Göttlichkeit des Heilands« glaubte, war für ihn »der Heiland eine heilige Persönlichkeit, und niemand sollte darauf ausgehen und sich erlauben, von ihm leichthin, profan, überhaupt anders als in tiefster Verehrung zu sprechen.«

Mark Twains letzte Lebensjahre waren von Trauer überschattet; zwei seiner drei Töchter und seine geliebte Frau Olivia starben vor ihm. Er selbst ist in seinem Landhaus »Stormfield« bei Redding im Bundesstaat Connec­ticut vor hundert Jahren, am 21. April 1910, gestorben.

Jürgen Israel

Vergebung ist ein Wunder

22. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Von Schuld, Vergebung und der Gabe des Vergebenkönnens

Auf der Suche nach Vergebung: die Figur des Kain in einer Darstellung von William Blake (1757-1827)

Auf der Suche nach Vergebung: die Figur des Kain in einer Darstellung von William Blake (1757-1827)

Zu groß ist meine Schuld, um sie zu tragen«, klagt Kain, nachdem er seinen Bruder Abel erschlagen hat. Dass Kain die Schuld des Brudermordes vergeben wird – davon spricht die Bibel nicht. Aber Gott macht Kain diese ungeheure Last erträglich. Kain wird gezeichnet sein, aber eben dieses Zeichen, das Kainsmal, hält ihn am Leben, bewahrt ihn vor den Bluträchern und davor, an seiner Schuld zugrunde zu gehen.

Schuld ist eine schwere Bürde, die nicht einfach im Handumdrehen aus der Welt geschafft werden kann, als sei es menschenmöglich, ungeschehen zu machen, was wir getan haben, als könnten wir gar den zugefügten Schaden wiedergutmachen. Schuld ertragen, sie aber nicht nachtragen; Schuld aushalten, sie aber nicht vorhalten – wenn ein solcher Umgang mit Schuld möglich ist, dann ist ein wichtiger Schritt getan. Dann braucht Schuld weder geleugnet noch verharmlost werden, dann sind die Bemühungen um Selbstentschuldigung und die ­Suche nach einem Sündenbock fehl am Platz. Und gleichzeitig wird es unmöglich, einen Menschen gnadenlos mit seinem Unrecht zu identifizieren oder ihn wegen seiner Schuld für immer abzuschreiben.

Auch Vergebung löscht die Schuld nicht aus und macht das Getane oder Versäumte nicht rückgängig. Aber sie ermöglicht es, dass Menschen nicht auf Dauer bestimmt bleiben von dem Unrecht, das sie begangen haben, dass ihr Leben nicht zur Folge einer einzigen Tat zusammenschrumpft. Vergebung ist, so hat es die Philosophin Hannah Arendt formuliert, Entbindung. Der Neuanfang, den die Vergebung schenkt, kommt dem Wunder der Geburt gleich – mitten im Leben.

Doch was lässt sich vergeben? Die alltäglichen Versehen, die uns unterlaufen, weil wir Menschen sind und als solche fehlbar? Ja, die gewiss, denn das hätte mir ja auch passieren können: »Sorry, tut mir leid!« Aber wie steht es um Vergehen, bei denen Menschen an Leib und Seele zu Schaden kommen? Wie gar um Verbrechen, die zu beschreiben uns die Worte fehlen? Sind sie vergebbar?

Zum 65. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald wird besonders der Kinder gedacht, die in Buchenwald gequält und getötet worden sind. Gibt es größere Schuld, als sich an Kindern zu vergehen?! »Wenn ich an die Kinder denke … wenn ich an die Kinder denke, muss ich weinen. Ich erinnere mich an die Kinder (…), die einfach so, still und brav, ohne zu schreien, ohne zu klagen, in den Tod gingen. Ich frage mich, wie sie das tun konnten. Weißt du, Jorge, ich hoffe, dass ihren Mördern niemals verziehen wird. Ich will nicht, dass Gott ihnen verzeiht, was sie den Kindern angetan haben. Niemals.« Ich lese diese Sätze aus einem Gespräch zwischen Jorge Semprun und Elie Wiesel, beide ehemalige Häftlinge in Buchenwald, mit großem Respekt – und zugleich tief erschrocken. Denn sie weisen auf den Missbrauch der Vergebung hin. Sie erheben Einspruch gegen die Forderung, alles und immer vergeben zu müssen, und gegen eine Praxis, die allzu schnell den Zuspruch der Vergebung Gottes parat hält.

Jenseits von Vergebungszwang und Vergebungsautomatismus, ist die Langsamkeit der Vergebung zu würdigen. Es ist zu respektieren, wenn die Bitte um Vergebung unerhört bleibt oder zurückgewiesen wird. Es ist auszuhalten, dass Menschen Zeit brauchen, um vergeben zu können, und dass dafür oft dieses eine Leben nicht ausreicht. Vergebung ist nicht der alltägliche Normalfall des Umgangs mit Schuld. Sie ist und bleibt ein Wunder. Als solches speist sie sich aus der Hoffnung, dass Gott einst alle, Opfer wie Täter, aber je auf andere Weise, zurechtbringen wird, um so allererst den Weg der Vergebung und Versöhnung freizumachen.

Dass Gott nicht über die Köpfe der Opfer hinweg den Tätern und Täterinnen vergebe, sondern dass er einst beide heilsam verwandle, damit die einen um Vergebung bitten und die anderen sie gewähren können – das ist meine Hoffnung. Bis dies geschieht, können wir nur bitten: »Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.« Die fünfte Vaterunserbitte nimmt die zwischenmenschliche Vergebung ins Gebet und macht damit deutlich: Nicht nur die Vergebung, auch das Vergebenkönnen ist Gabe. Über sie verfügen wir nicht und sie dürfen wir darum bei anderen auch nicht einklagen. Diese Gabe können wir uns nur schenken lassen. Vor allem aber müssen wir ­darauf hoffen, dass Gott sie denen ­gewährt, an denen wir schuldig geworden sind. Denn wer, wenn nicht Abel, sollte Kain vergeben können?!

Magdalene L. Frettlöh

Die Autorin ist Rektorin des Kirchlichen Fernunterrichts der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und Privatdozentin für Systematische Theologie an der Ruhr-Universität Bochum

Der »Kampf gegen Rechts« – auch mit Mitteln des zivilen Ungehorsams?

22. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Diskussion: Sitzblockaden und Pfeifkonzerte gegen Aufmärsche von NPD und anderen Gruppen – Pro und Kontra

Wurde von vielen als Erfolg gewertet: Rund 12000 Gegendemonstranten blockierten auf Initiative des Bündnisses »Nazifrei – Dresden stellt sich quer« am  13. Februar diesen Jahres einen genehmigten »Trauermarsch« von rund 5000 Sympathisanten der rechten Szene in der Dresdner Neustadt. Foto: picture alliance

Wurde von vielen als Erfolg gewertet: Rund 12000 Gegendemonstranten blockierten auf Initiative des Bündnisses »Nazifrei – Dresden stellt sich quer« am 13. Februar diesen Jahres einen genehmigten »Trauermarsch« von rund 5000 Sympathisanten der rechten Szene in der Dresdner Neustadt. Foto: picture alliance

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Pro: Georg Meusel ist ­Vorsitzender des ­Martin-Luther-King-Zentrums für Gewaltfreiheit und Zivilcourage e.V. in Werdau.

Meusel GeorgMit rechtswidrigen Mitteln den Rechtsstaat zu unterstützen, erscheint paradox. Doch in der Geschichte von Rechtsstaaten wurden Fortschritte im Recht auch durch rechtswidriges Bürgerverhalten erzielt. Gestreikt wurde auch in Staaten Europas, die nicht als Unrechtsstaaten eingeordnet werden, zunächst illegal. Streikposten blockierten illegal Werktore, um Streikbrechern den rechtmäßigen Zutritt zum Betrieb zu verwehren. Im Rechtsstaat USA setzten schwarze Bürger mit verbotenen Boykotten, Märschen und Sit-ins Gleichberechtigung durch.

Der deutsche Rechtsstaat hat hinzugelernt. Gab es früher bei gewaltfreien Blockaden durch Friedens­bewegte und Kernkraftgegner als »psychischer Gewalt« Urteile wegen Nötigung, so hat das Bundesverfassungsgericht dies mit seiner »Sitzblockadeentscheidung« von 1995 als grundgesetzwidrig bezeichnet. Eine schlichte Blockade durch die eigene Körperlichkeit stellt keine strafbare Handlung mehr dar.

Wenn rechtsextreme Vereinigungen für andere Bürger und Bürgergruppen erkennbar darauf abzielen, dass sie menschenverachtende und rechtsstaatswidrige Verhältnisse anstreben, wenn auch (noch) nicht so massiv, dass der Rechtsstaat gegen sie vorgehen kann, halte ich Bürgerhandeln auch in Form einer Blockade für gefragt und unabdingbar. Gegenüber einer Gruppierung, die das an Menschenrechten orientierte Gewissen vieler Bürger erregt, kann es vorkommen, dass durch Bürger mit rechtswidrigen Mitteln der Rechtsstaat unterstützt wird.

Ein Grenzfall ist das allerdings. Die nicht verbotene Organisation hat ja zunächst das gleiche Demonstrationsrecht wie jede andere legale Gruppe. Linke, autonome und friedensbewegte Blockierer machen Gewissensgründe für sich geltend. Kann man nationalsozialistisch eingestellten Menschen pauschal ein Gewissen absprechen?

Durch eine Sitzblockade einen Marsch zu verhindern – mit akustischen Störungen andere am Reden, am Gehörtwerden zu hindern, worin besteht der Unterschied? Meinem Gefühl nach werden anders Denkende mit Trillerpfeifen und akustisch verstärkten Geräuschen »mundtot gemacht«. »Man hat einen Menschen noch lange nicht überzeugt, wenn man ihn zum Schweigen gebracht hat« (Christopher Morley).

Etwas anderes ist Singen, Musizieren und Tanzen, wie es auch während der Blockade in Dresden praktiziert wurde. Dies verleiht einer Demonstration, einer Kundgebung heiteren Charakter und stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl. »Die Lieder sind die Seele unserer Bewegung« erklärte Martin Luther King einmal. Im Vorwort zu dem in der DDR erschienenen Buch »Blues and Trouble« von Theo Lehmann schrieb King: »Das ist Musik sieghafter Überwindung. Viel von der Kraft unserer Freiheitsbewegung ist aus dieser Musik gespeist«.

Sich entsprechend seinem Gewissen mit seinem Körper zu wider-«setzen«, hat für mich etwas fast Heiliges. »Hier stehe ich – ich kann nicht anders«. Hier sitze ich – ich gehe nicht freiwillig. Ihr müsst mich anpacken, wegtragen, wenn ihr mich hier weghaben wollt. »Hier sitze ich – ich kann nicht anders.«

www.king-zentrum.de

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Kontra: Professor Dr. Eckhard Jesse ist ­Inhaber der Professur Politische Systeme, Politische Institutionen an der Technischen ­Universität Chemnitz.

JesseDie 1964 gegründete NPD war von Anfang an eine rechtsextremistische Partei. In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre erfuhr sie mit ihrem Drei-Säulen-Modell eine weitere Radikalisierung: dem Kampf um die Parlamente, dem Kampf um die Straße, dem Kampf um die Köpfe. Nach dem Einzug in den sächsischen Landtag 2004 folgte eine Ergänzung um eine vierte Säule: den Kampf um den organisierten Willen. Damit war gemeint, dass sich das gesamte »nationale Lager« in einer Partei, der NPD, zusammenfinden solle. Die NPD ist klar verfassungsfeindlich.

Das gescheiterte Verbotverfahren im Jahre 2003 ändert an dieser Feststellung nicht das Mindeste. Immer wieder kommt es vor, dass Bürger (Demokraten wie Extremisten) eine von den Gerichten genehmigte Demonstration der NPD oder eine ihrer nahestehenden Organisationen verhindern. Das war etwa am 13. Februar 2010 der Fall, als die »Junge Landsmannschaft« in Dresden einen »Trauermarsch« angemeldet hatte. Die Öffentlichkeit registrierte dies überwiegend mit Beifall. Zu ­Unrecht.

Friedliche Demonstrationen gegen die NPD sind Zeichen einer offenen Bürgergesellschaft. Eine genehmigte Kundgebung der NPD durch eine Blockade zu verhindern, lässt sich aber nicht rechtfertigen, aus welchen Gründen auch immer. Wer dies tut, macht sich strafbar. Am hohen Gut der grundgesetzlich geschützten Versammlungsfreiheit ist nicht zu rütteln. Recht steht keineswegs ­unter dem Vorbehalt des Politischen.

Der »Kampf gegen Rechts« (sollte es nicht differenzierter heißen: »Die Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus«?) darf nicht zu einem Kampf gegen das Recht führen. In einer demokratischen Verfassungsordnung wie der Bundesrepublik Deutschland gibt es ein staatliches Gewaltmonopol. Dieses dient dem Rechtsfrieden.

Der oft genannte Hinweis auf den zivilen Ungehorsam zielt ins Leere. Unabhängig davon, ob dieser überhaupt Bestandteil einer demokratischen Verfassungsordnung ist: Auf ihn können sich nur jene berufen, die offenkundiges Unrecht anprangern wollen. Das trifft im Fall der Verhinderung einer Demonstration augenscheinlich nicht zu. Und nach den Theoretikern des zivilen Ungehorsams dürfen sich diejenigen, die zivilen Ungehorsam praktizieren, nicht dem Strafrecht entziehen. Tatsächlich steht aber keiner, der eine Demonstration der NPD zu verhindern trachtet, für sein Unrecht ein. Wer zivilen ­Ungehorsam propagiert, öffnet dem Missbrauch Tür und Tor.

Ein gescheites Verbotsverfahren (mit einem wasserdichten Antrag) gegen die NPD vor dem Bundesverfassungsgericht ist zwar politisch wenig sinnvoll, aber rechtlich möglich. Dann hätte eine unabhängige Instanz gesprochen, nicht die Legislative, nicht die Exekutive. Zwar wäre in dem Fall eines positiven Ausgangs eine Demonstration der NPD untersagt, jedoch würde sich schnell eine andere Gruppe finden, die eine solche Kundgebung anmeldet. Was mitunter in Vergessenheit gerät: Wir müssen mit den Gegnern einer offenen Gesellschaft leben. Und: Wir haben eine antiextremistische Verfassungsordnung, keine antifaschistische.

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Hintergrund: Ziviler Ungehorsam

Ziviler Ungehorsam ist eine Form politischer Partizipation. Durch einen symbolischen, aus Gewissensgründen vollzogenen, und damit bewussten Verstoß gegen rechtliche Normen zielt der handelnde Staatsbürger mit einem Akt zivilen Un­gehorsams auf die Beseitigung einer Unrechtssituation und betont damit sein ­moralisches Recht auf Partizipation. Durch den symbolischen Verstoß soll zur Beseitigung des Unrechts Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung genommen werden. Der Ungehorsame nimmt dabei bewusst in Kauf, auf Basis der geltenden Gesetze für seine Handlungen bestraft zu werden.

In der Regel beansprucht er ein Recht auf Widerstand für sich, das sich jedoch von einem verfassungsgemäß gegebenen Widerstandsrecht unterscheidet. Demjenigen, der zivilen Ungehorsam übt, geht es damit um die Durchsetzung von Bürger- und Menschenrechten innerhalb der bestehenden Ordnung, nicht um Widerstand, der auf die Ablösung einer bestehenden Herrschaftsstuktur ­gerichtet ist.

In Deutschland garantiert Art. 20 Abs. 4 des Grundgesetzes (GG) das Recht eines jeden Deutschen, gegen jedermann Widerstand zu leisten, der es unternimmt, die in Abs. 1 bis 3 niedergelegte Staatsordnung (Föderalismusprinzip, Demokratieprinzip, Sozialstaatsprinzip, Gewaltenteilung, Gesetzesbindung der drei ­Gewalten, Republikprinzip, freiheitliche demokratische Grundordnung) zu ­beseitigen. Dieses Widerstandrecht wird allerdings eingeschränkt durch die im gleichen Satz genannte Voraussetzung, dass andere Abhilfe nicht möglich ist.

(GKZ/Wikipedia)

Possen und Passion

16. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Bibel auf der Bühne

Seit 2008 steht die das Stück Matthäuspassion auf dem Spielplan des Leipziger Schauspielhauses. Szenenfoto: R.Arnold/Centraltheater

Seit 2008 steht die das Stück Matthäuspassion auf dem Spielplan des Leipziger Schauspielhauses. Szenenfoto: R.Arnold/Centraltheater

Ein Vortrag am Erfurter Theater beleuchtete spannende Akte im ­Verhältnis zwischen Kunst und ­Kirche.
Der Trend ist eindeutig: Seit cirka zehn Jahren spielen auf den Theaterbühnen in deutschen Landen wieder deutlich mehr religiöse Themen eine Rolle: Der Leipziger Intendant Sebastian Hartmann ­eröffnete 2008 seine erste Spielzeit am Schauspielhaus mit der Matthäus-Passion. Das Theater Freiburg stellte jüngst eine ganze Spielzeit unter das Motto »Die Zehn ­Gebote«. Diverse weitere Beispiele benannte der Wiesbadener Dramaturg und derzeitige Verlagsgeschäftsführer Stephan Kopf am Montagabend in seinem Vortrag über das Verhältnis von Theater und Religion. Überzeugende Erklärungen für diese Tendenz allerdings blieb er seinem Publikum im Erfurter Theater schuldig. Sollten Auslöser dafür wirklich der ­Terror am 11. September oder die Wahl eines Deutschen als Papst sein?!

Und so war das viel versprechende Thema »In diesen heiligen Hallen …« doch eher ein Ausflug in die Geschichte. Die beispielsweise davon erzählt, dass es Christen waren, die nach den Hoch-­Zeiten des Theaters in der Antike etwa zu Beginn des 10. Jahrhunderts in Osterspielen die Kraft ­biblischer Worte visualisierten. Nirgendwo anders finden sich im Übrigen auch die Wurzeln unserer heutigen Krippenspiele. Dass Papst Innozenz III. im Jahre 1210 jegliches Theaterspiel in Kirchenräumen ­untersagte, lag daran, dass es sich zu immer derber werdenden Spektakeln – zu Possenspielen – entwickelt hatte.

Eine Annäherung, zugleich aber auch Rivalität begann erst wieder mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert: Schiller war es, der das Theater als »moralische Anstalt« mit ­erzieherischem Auftrag sah. Mit Nathan dem Weisen und Goethes Faust kamen gewissermaßen existenziell religiöse Fragen auf die Bühne. Da die zunehmend politischer werdenden Aufführungen (Brecht, Hauptmann) seitens der Kirche immer weniger mitgetragen wurden, setzte wiederum eine Polarisierung ein, die bis weit in die Zeit nach dem 2. Weltkrieg reicht: Heftige Diskussionen hatte noch 1963 Rolf Hochhuths Stück »Der Stellvertreter« ausgelöst, in dem er sich mit der zweifelhaften Rolle von Papst Pius XII. während der Nazizeit auseinandersetzt. Seither wuchs die gegenseitige Gleichgültigkeit.

Ein letzter Aufschrei ging im Jahr 2000 durch das Land, als das Theater Heilbronn Terence McNallys »Corpus Christi« aufführte. Judas´ Verrat an Christus wird darin auf dessen gescheiterte homosexuelle Beziehung zu ihm zurückgeführt. Inzwischen hat offenbar ein neuer Akt im Verhältnis von Kirche und Theater begonnen. Ist es die Suche nach Verinnerlichung in einer sich immer mehr veräußernden Welt? In Erfurt jedenfalls hebt sich demnächst der (Domstufen-)Vorhang zum »Messias«.

Kathrin Schanze

Eine Schule für den Frieden

16. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Neve Shalom: Seit 1979 gibt es ein Friedensdorf, in dem Israelis und Palästinenser gemeinsam leben und lernen

Der mühsame Weg der Verständigung beim Reden miteinander und dem Hören aufeinander: jüdische und palästinen- sische Jugendliche im gemeinsamen Disput in Neve Shalom. Fotos: Neve Shalom

Der mühsame Weg der Verständigung beim Reden miteinander und dem Hören aufeinander: jüdische und palästinen- sische Jugendliche im gemeinsamen Disput in Neve Shalom. Fotos: Neve Shalom

Es gibt im Nahen Osten nicht nur eine Spirale aus Hass und Gewalt. Es gibt auch ­Initiativen die zeigen,
dass es anders geht. Ein ­Beispiel ist das Friedensdorf Neve Shalom.

Ein Dorf in Israel: Weiß getünchte Häuser, Schatten spendende Bäume, herumtollende Kinder, in der Nachbarschaft Olivenhaine. Das Ortsschild: ein Regenbogen, der die Straße überspannt. Auf halbem Wege zwischen Jerusalem und Tel Aviv liegt das Dorf mit dem etwas sperrigen Namen »Neve Shalom/Wahat al-Salam«, was die Dorfbewohner gerne mit »Quelle des Friedens« übersetzen.
Und dann, nur vier Kilometer entfernt, der brutale Kontrast. Acht Meter hohe Betonmauern mit Wachtürmen, Stacheldraht, schussbereite Soldaten am Checkpoint: Die Grenze zum Westjordanland, die Nahtstelle zweier Völker also, die sich erbitterte Kämpfe liefern und sich so ineinander verbissen haben, dass ein Zusammenleben schier unmöglich scheint.

Mittendrin in dieser geballten Ladung an Hass und Gewalt ein Dorf, in dem seit über dreißig Jahren Israelis und Palästinenser friedlich miteinander leben. Eine Insel der Glückseligkeit? »Wir leben mit dem Konflikt, nicht neben ihm«, betont Evi Guggenheim-Shbeta, und fügt hinzu: »Wie unsinnig dieser Krieg doch ist! Letzten Endes wird doch verhandelt werden müssen und zu einem Abkommen ­gefunden werden. Wenn nur ein winziger Bruchteil des Geldes, das jetzt in diesen Krieg investiert wird, in Friedensarbeit investiert würde!«

Evi Guggenheim ist Jüdin und entstammt einer traditionsbewussten Familie, die vor dem NS-Regime in die Schweiz floh. Als 19-Jährige wanderte sie von Zürich nach Israel aus und heiratete dort den muslimischen Palästinenser Eyas Shbeta, dessen Familie 1948 von den Juden vertrieben und enteignet wurde. Beide gehören zu den Pionieren des Friedensdorfes, das einmalig ist in Israel. Durch ihre Liebe leben beide bis heute vor, wie die Traumata von Hass und Gewalt überwunden werden können.

Doch gegründet wurde das Dorf nicht von ihnen, sondern von Bruno Hussar. Der konvertierte 1935 vom ­Judentum zum katholischen Glauben und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg Dominikaner-Priester in Jeru­salem, wo er die Konflikte zwischen jüdischen Israelis und palästinensischen Arabern hautnah miterlebte. So reifte in ihm der Entschluss, eine »School for Peace« (Friedensschule) zu gründen – als Kontrast zu den ­staatlichen Militärakademien. Denn: »Auch der Frieden ist eine Kunst, die gelernt werden muss.« Doch vom Traum bis zur Verwirklichung sollten noch neun Jahre voller Widerstände vergehen.

Aber 1979 konnte endlich die erste jüdisch-arabische Jugendbegegnung auf einem Brachland stattfinden, das Hussar vom Trappistenkloster Latroun pachtete. Seitdem haben mehr als 40000 israelische Juden und palästinensische Araber an den Begegnungen und Kursen der »School for Peace« teilgenommen. Und obwohl die Schule mehrfach internationale Friedenspreise erhielt, wird sie bis heute vom Staat Israel finanziell nicht gefördert. Die benachbarte Grundschule hingegen, die ebenfalls zum Friedensdorf gehört, wurde 1993 staatlich anerkannt und erhält seitdem wenigstens 25 Prozent ihres Schulgeldes erstattet.

Aus dem einstigen Brachland entstand unter unsäglichen Mühen ein ganzes Dorf, in dem inzwischen über 50 Familien wohnen. Und ständig kommen neue hinzu, doch nicht jeder der zahlreichen Bewerber wird aufgenommen: »Wir wollen Leute, die hinter der Idee des gemeinsamen Lebens von Juden und Arabern stehen«, betont Frau Guggenheim-Shbeta.

Auch wird streng auf die jüdisch-arabische Parität in allen Lebensbereichen geachtet: »Wir wollen gleiche Grundlagen für alle schaffen und das Ungleichgewicht der Kräfte beseitigen«, meint der Lehrer Abdelsalam Najjar, dessen Alltagserfahrung als ­palästinensischer Araber außerhalb des Dorfes eine ganz andere ist: »Ich versuche, auch am Checkpoint den Soldaten gegenüber als gleichwertiger Mensch aufzutreten«, umschreibt er die Diskriminierung, der sich dort viele Palästinenser ausgesetzt fühlen.

Frieden könne nach der Erfahrung Najjars nur entstehen, wenn beide Seiten ihre Energie statt in Gewalt­tätigkeiten in friedensstiftende Aktionen stecken würden. »Das gelingt aber nur, wenn wir den anderen als Partner und nicht als Feind zu akzeptieren lernen.«

Von Rainer Borsdorf

Weitere Informationen und einen Rundbrief in deutscher Sprache gibt es bei: Freunde von Neve Shalom/Wahat al ­Salam e.V., Sonnenrain 30, 53757 Sankt Augustin, Telefon (02241) 331153, Fax (02241) 396549, E-Mail
www.nswas.org

Den Frieden in mir wahrnehmen

16. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Von der verborgenen Sehnsucht nach Stille und wozu sie gut ist

Was ist die Stille? Warum kann sie sich beklemmend und ängstigend anfühlen und warum kann sie wohltuend und erlösend sein?

Foto: mev

Foto: mev

Die Stille ist so alt wie die Schöpfung selbst. Sie gehört zum Anfang allen Lebens. Stille also als ein ­ursprünglicher leiser Zustand. Für uns Menschen des 21. Jahrhunderts fast unvorstellbar. Wir leben in einer lauten Welt. Die Technik dominiert unser Leben: unentbehrliches Handyklingeln in Sitzungen und auch in Gottesdiensten, Computerverliebtheit vielerorts – da wird dem Laptop mehr Aufmerksamkeit geschenkt als den Menschen, mit denen man am Tisch sitzt, vorm Fernseher hängen gegen eventuell aufkommende Langeweile oder zur Ablenkung in Schnellrestaurants, an U-Bahn-Haltestellen oder in S-Bahnen, Radiomusik beduselt neben Fön- und Trockenhaubengetöse beim Friseur oder sogar in vermeintlich guten Restaurants bei Tisch. Der Mensch ist ein »Gewohnheitstier« und gewöhnt sich an das eine oder andere mehr oder weniger. So auch an eine ständige technische Reizüberflutung. Doch der Körper schreit: Halt!

Unsere Ohren geben seit einigen Jahren deutlich Warnzeichen. Sie widersetzen sich diesem ständigen Hörfluss, dem Geräuschpegel. Tinnitus und Hörsturz sind Erkrankungen, die deutlich zunehmen. Sie sind sogenannte Stresserkrankungen, weil die betreffenden Menschen nicht mehr wirklich zur Ruhe finden. Und – nicht nur zur äußeren Ruhe, sondern auch zur inneren Ruhe, zur Ausgeglichenheit. Zum Ausgleich zwischen Anspannung und Entspannung.

Was hat das alles mit der Stille und ihrer Bedeutung zu tun? Eines Tages fragte mich eine Frau: »Haus der Stille, muss man da immer still sein?« In ihrem Gesicht las ich noch: merkwürdig, komisch. Ich entdeckte Unbehagen und die Frage: Was soll das?
Wir kamen in ein längeres Gespräch und sie machte mir deutlich, dass sie mit Stille frühere disziplinarische Handlungen verbunden hat, still sein etwa und Sätze wie: »Geh in die Ecke und sei stille« und: »Ich möchte kein Wort mehr von dir hören«. Oder aber die laute, lebendige Musik in der Disco und dann die einsame, bedrückende Stille, wenn sie wieder zu Hause, allein in ihrer Wohnung war. Doch je älter sie wird, so erzählt sie, desto mehr packt sie eine Sehnsucht nach Stille. Sie fragt sich, warum sie die Stille oft übertönt.

Morgens, gleich nach dem Aufwachen schaltet sie das Radio an und abends, wenn sie von der Arbeit kommt, den Fernseher. Letztens hatte sie ein besonderes Erlebnis. Sie besuchte in Berlin in der Gedächtniskirche eine Andacht und sang: schweige und höre, neige dei-
nes Herzens Ohr, suche den Frieden. Das machte sie mit einem Mal ruhig, beinahe friedvoll und als die Zeit der Stille endete, hätte
sie gerne noch darinnen verweilt.

Wozu dient die Stille? Sie macht das Ohr und mein ­Innenleben frei von äußeren Höreinwirkungen, sie ermöglicht eine Konzentration auf mich selbst. Ich spüre intensiver, wie ich atme und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Dabei können Bilder auftauchen, Begebenheiten, Menschen, Worte und Landschaften, die ich lange nicht mehr wahrgenommen habe. Somit verbindet uns die Stille mit unserem schlummernden Innenleben. Das kann Angst machen bei unguten Erfahrungen, das kann ebenso Glücksgefühle hervorrufen.
Die Stille, die die Frau in der Berliner Gedächtniskirche erlebt hat, war eingebunden in die Hinwendung zu Gott. Diese Hinwendung drückt Romano Guardini so aus: Lehre mich Gott in der Stille deiner Gegenwart das Geheimnis zu verstehen, das ich bin. Und das ich bin durch dich und vor dir und für dich. Die Verse können einleiten in die Stille christlicher Meditation. Hierin übe ich eine Stille als lebensvolle Dynamik. Ich bin im Einklang und überlasse mich dem Fluss des Lebens – nehme den Frieden wahr, der verborgen in mir, in allen Geschöpfen Gottes wohnt.

In unserem Haus erlebe ich viele Menschen. Die Erfahrenen und die Suchenden, die Anfängerinnen und Anfänger mit der Stille. Doch uns alle eint die Sehnsucht nach der Erfahrung mit dem Göttlichen in der Stille. Und danach, uns bewusst Zeit zu nehmen und uns zu öffnen für Gottes Liebe und Segen. Versuchen Sie es – wagen Sie die Stille und Sie werden staunen.

Nelly Sachs spricht in ihrem Gedicht »Sehnsucht« von einem Sehnen nach Stille, Freundschaft und Liebe und endet betend: So lass nun unsere Sehnsucht damit anfangen, dich zu suchen, und lass sie damit enden, dich gefunden zu haben.

Schwester Anke Frickmann

Die Autorin ist Leiterin des Hauses der Stille in Bielefeld.

Die »neuen Männer«

15. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Auf der Suche nach ihrem Rollenbild

Holger Jantzen mit ­Tochter Nieke und Sohn Noah. Foto: epd-bild

Holger Jantzen mit ­Tochter Nieke und Sohn Noah. Foto: epd-bild

Holger Jantzen ist Fundraiser von Beruf. Tagsüber setzt er sich ­dafür ein, dass möglichst viele Menschen für eine entwicklungspolitische Initiative in Bielefeld spenden. Am Abend ist er Familienvater. Der 48-Jährige kümmert sich um seine zwei Kinder: Vor dem Schlafengehen wickelt er die zweijährige Tochter Nieke.

Die Kleine und der Sohn Noah, drei Jahre alt, machen viel Freude, aber auch Arbeit und Stress. »Und man ­bekommt viel Gefühl und Zuneigung zurück«, sagt der Diplom-Soziologe. Jantzen ist das, was viele einen »neuen Mann« nennen. Er arbeitet knapp 29 Stunden die Woche und teilt sich partnerschaftlich mit seiner Frau Barbara die Haus- und Familienarbeit.

Die 44-Jährige ist als wissenschaftliche Referentin an der Universität Bielefeld tätig. Sie ist eindeutig die Hauptverdienerin in der Ehe. Doch das stört ihren Ehemann nicht. »Mich freut es, dass wenigstens einer von uns einen gut bezahlten Job hat«, sagt Holger Jantzen lachend. In seinem Job würden zwar keine hohen Gehälter gezahlt, dafür sei er mit seinem Beruf sehr zufrieden.

Hat also nach Jahren der Frauenbewegung und der weiblichen Emanzipation der »neue Mann« seine Rolle gefunden? Will er nicht mehr als starker Alleinverdiener für Kind und Frau zu Hause sorgen? Auch wenn es dafür keine belegten Zahlen gibt: Man trifft immer häufiger auf Partnerschaften, in denen Frauen mehr verdienen als ihre Männer – und die meisten Männer klagen darüber zumindest nicht öffentlich.

Doch das »Zeit-Magazin« meldete kürzlich Zweifel an der Glaubwür­digkeit der »neuen Männer« an. Eine Autorin zitiert darin einen Bekannten C., der für Frau und zwei Kinder seine Karriere aufgegeben hat – und jetzt von Selbstzweifeln und Unzufriedenheit geplagt wird.

Der Wiener Evolutionsbiologe Karl Grammer hat in zahlreichen Studien ermittelt, dass die Partnerwahl noch immer archaischen Mustern folgt: Männer suchen junge Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter, Frauen den erfolgreichen Mann mit Status und Karriere.
Eine Milieu-Studie des Bundes­familienministeriums aus dem Jahr 2007 scheint diesen Eindruck zu bestätigen: Darin wurden 20 Jahre alte Männer und Frauen nach ihrem Rollenverständnis befragt: Die Männer äußern sich zunehmend verunsichert über die verschiedenen Frauentypen, die ihnen heute begegnen.

Für die jungen Männer, auch aus der bürgerlichen Mitte, bleibt es der Studie zufolge ein Lebensziel, einmal eine Familie zu versorgen. Die Hausarbeit und Kindererziehung überlassen sie gerne weiterhin der Frau. Tatsächlich scheint es vielen Männern schwerzufallen, öffentlich zu ­bekennen, dass ihre Frau mehr Geld nach Hause bringt als sie. Auch Frank W. möchte lieber anonym bleiben: »Aber ich habe kein Problem damit, dass meine Frau mehr verdient als ich«, sagt der 50-Jährige. Bei ihm sei die Berufszufriedenheit als freier Journalist groß – und es habe ihm »eine große Befriedigung« gebracht, hauptsächlich für die Erziehung des gemeinsamen Sohnes verantwortlich gewesen zu sein.

Allerdings räumt er ein, dass das Paar auf Partys oder Empfängen mitunter Erstaunen auslöst. »Wenn die hören, dass meine Frau Geschäfts­führerin eines Wirtschaftsberatungsunternehmens ist, denken viele, ich müsste noch eine höhere berufliche Position einnehmen«, beschreibt er die Stimmungslage.

Ulrike Detmers, Professorin und Mitglied in der Geschäftsführung ­einer großen Backwarenfirma in ­Gütersloh, hat ähnliche Erfahrungen gemacht. »Es ist noch lange keine Selbstverständlichkeit, dass Männer sich partnerschaftlich um Haushalt und Familie kümmern«, sagt sie. Trotzdem gebe es immer mehr Väter, die sich selbstbewusst zu ihrer Rolle bekennen. Detmers setzt sich seit Jahren für Gleichberechtigung und mehr Frauen in Führungspositionen ein. Und sie schreibt seit vier Jahren den Preis »Spitzenvater des Jahres« aus. Die Preisträger müssen aus innerer Überzeugung für das partnerschaftliche Ehe- und Familienmodell eintreten und bei der Kleinst-, Klein- und Schulkinderbetreuung mitwirken.

Schirmherrin der Auszeichnung ist Bundesfamilienministerin Kristina Schröder. Sie setzt nicht nur auf Ehrungen, sondern will auch die Vätermonate beim Elterngeld ausweiten. Inzwischen nehmen 20 Prozent der Männer die zwei Partnermonate in Anspruch – ab 2011 soll es dann vier Monate geben. »Männer stehen nicht mehr unter dem Weichei-Verdacht, wenn sie sich um die Erziehung ihrer Kinder kümmern«, ist zumindest die Ministerin überzeugt.

Michael Ruffert (epd)

Ein verändertes Land

15. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Trauer und Hoffnung: Die Katastrophe von Smolensk und die Frage nach dem Sinn

Ein Land in Schock und Trauer: Wie hier in Słubice, der polnischen Nachbarstadt von Frankfurt/Oder, gedenken überall im Land Menschen des Präsidentenpaares und der anderen Opfer. Foto: picture alliance/dpa/Patrick Pleul

Ein Land in Schock und Trauer: Wie hier in Słubice, der polnischen Nachbarstadt von Frankfurt/Oder, gedenken überall im Land Menschen des Präsidentenpaares und der anderen Opfer. Foto: picture alliance/dpa/Patrick Pleul

Nichts ist mehr, wie es einmal war«, meint eine schwarz gekleidete Frau in einer Talk-Show. In Polen hält die Trauer weiterhin an, am offenen Sarg können die Menschen Abschied von Lech Kaczynski und seiner Frau Maryja nehmen. Tausende gaben ihm das letzte Geleit, als am Sonntag seine Überreste in Warschau ankamen.

Auch der anderen 94 Menschen, die bei dem Flugzeugunglück in Smolensk ums Leben kamen wird gedacht. Zu ihnen gehört auch Andrzej Skapski, den die Kirchenzeitung erst in der letzten Ausgabe auf Seite 3 porträtierte. Immer wieder flimmern ihre Fotos über den Bildschirm, ihre Nächsten erzählen von den letzten Worten, die sie vor dem Abflug geäußert haben. Seit vergangenem Sonnnabendmittag, als es zur Gewissheit wurde, dass es keine Überlebenden geben wird, hat sich das Land verändert.

Tausende strömten in und vor die Kirchen, doch eine wirkliche Antwort nach dem Warum bekamen sie nicht. »Gläubige und Nichtglaubende stehen vor dem Geheimnis des Todes«, meint der pensionierte Primas Jozef Glemp, der die Messe in der Militär-Feldkirche hielt, die via Großleinwand übertragen wurde, Tausende standen und knieten draußen auf der Straße. Es ist eine sehr persönliche Ansprache. Der Geistliche, der 28 Jahre lang der katholischen Kirche in Polen vorstand, kannte fast alle Verstorbenen. »Es gibt Fragen, die man nicht mal Gott stellen darf«, predigt der Warschauer Erzbischof Kazimierz Nycz.

Der Tod von Lech Kaczynski auf dem Weg nach Katyn, wo er der ermordeten polnischen Offiziere gedenken wollte, hat einen hohen Symbolwert. Denn mit der Auslöschung der Führungsschicht durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD vor 70 Jahren wurde auch der alte polnische Staat zu Grabe getragen. Gerade aber der Präsident verkörpert die polnische Unabhängigkeit, die Polen solange von außen bedroht sieht. Wenn Lech Kaczynski mit seiner trotzigen Art oft polarisierte, so ist er nun posthum der Präsident aller Polen geworden.

Doch – was hat das nun alles zu bedeuten? Gibt es einen Sinn dieses Schicksalsschlages? Diese Frage wird nun nach dem ersten Schock immer wieder gestellt. Viele Polen stellen fest: Das Verhältnis zum russischen Nachbarn hat sich nicht verschlechtert. Im Gegenteil. Die Empathie der Menschen in Russland, die Kerzen vor der polnischen Botschaft hat viele Polen, auch Angehörige tief bewegt.

Hoffnung gibt es auch für die Versöhnung zwischen der katholischen Kirche Polens und der russisch-orthodoxen. Beide Kirchen sind eng mit der Geschichte und der Kultur ihrer Länder verknüpft, die seit dem späten Mittelalter immer wieder im Konflikt miteinander stehen.

Stanislaw Budzik, Generalsekretär des polnischen Episkopats arbeitet seit Februar mit Vertretern der orthodoxen Kirche an einem Versöhnungsdokument. Der Brief der katholischen Bischöfe Polens an die deutschen ­Bischöfe aus dem Jahr 1965 »Wir vergeben und bitten um Vergebung« sei eine sehr wichtige Hilfe für den jetzigen Versöhnungsprozess beider Kirchen und Nationen.
Die russisch-orthodoxe Kirche hat bereits ein Beileidstelegramm an die katholische Kirche geschickt. Sollte es zu einer Versöhnung der beiden Kirchen kommen, so sagte Budzik nach der Katastrophe, so sei der »zweite Tod in Katyn« nicht sinnlos gewesen.
Jens Mattern

In Erwartung des Endzeitkampfes

10. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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USA: Paramilitärische Gruppen im Umfeld des religiös-rechtsradikalen Fundamentalismus sind auf dem Vormarsch

Amerikas selbst ernannte »Gotteskrieger«: eine hochgefährliche Mischung aus ­religiöser Spinnerei und ­politischem Radikalismus ge-
paart mit Gewaltbereitschaft.

US-Flagge

Im US-amerikanischen Bundesstaat Michigan sind am letzten Märzwochenende neun Mitglieder einer angeblich biblisch motivierten paramilitärischen Gruppe festgenommen worden. Die acht Männer und eine Frau hätten Anschläge auf Polizisten geplant in der Erwartung, sie könnten dadurch einen »weitverbreiteten Aufstand gegen die Regierung« einleiten, hieß es in der am Montag vorgelegten Anklageschrift.

Die Gruppe mit dem selber erfundenen Namen »Hutaree«, der »christlicher Krieger« bedeuten soll: Ein Kult, verrückt, brandgefährlich? Schwer bewaffnet waren sie auf jeden Fall, die Krieger aus Michigan, einem von der Rezession schwer geplagten Staat im Mittleren Westen. Die Anklageschrift beschrieb einen Plan, dass »Hutaree« zuerst einen einzelnen Polizisten ermorden würde. Bei einem folgenden Anschlag auf die Beerdigung sollten möglichst viele Kollegen des Opfers in den Tod gerissen werden.

Nach Angaben des Extremismusexperten Michael Barkun von der Syracuse Universität (Bundesstaat New York) erwartete »Hutaree« den Weltuntergang. In der US-Regierung sähen sie den »Antichristus«, den es zu ­vernichten gelte, sagte Barkun der ­Zeitung »Detroit Free Press«. »Jesus wollte, dass wir bereit sind, uns mit dem Schwert« gegen den Antichristus zu verteidigen, hieß es auf der Webseite der Gruppe. Laut Staatsanwaltschaft wollte die »Hutaree«-Miliz »Krieg führen« gegen die Regierung, die sich dem Aufbau einer »Neuen Weltordnung« verschrieben habe. Die Polizisten seien die »Fußsoldaten« der Regierung.

Bereit zum Krieg gegen den Antichristen
»Hutaree« sei ein »Beispiel für radikale und extremistische Randgruppen, die in unserer Gesellschaft präsent sind«, sagte der für die Festnahmen zuständige FBI-Beamte. »Hutarees« extreme Regierungsfeindlichkeit und Endzeitglauben haben tatsächlich Tradition in den USA. Die gefährliche Brühe kocht hoch zu Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung. Diese kommt gerade zum Ausdruck in heftigen Protesten gegen Präsident Barack Obama und »die Regierung«. Heute sei die politische Konstellation besonders explosiv, weil »das Gesicht der Regierung ein schwarzes Gesicht ist«, sagte Mark Potok von der Extremismusforschungsgruppe »Southern Poverty Law Center«.

Rechtsextreme Milizen in einem Jahr verdoppelt
Das SPLC befasst sich mit Trends in der rechtsextremistischen Szene. Auch während der Amtszeit von Präsident Bill Clinton (1993-2001) bildeten sehr weit rechts stehende Aktivisten paramilitärische Gruppen, selbst ernannte »Milizen«, die sich »notfalls« auch mit der Waffe für die amerikanische Verfassung und das christliche Erbe der Nation einsetzen wollten. 1995 sprengte der mit rechtsextremen Gruppen sympathisierende Golfkriegsveteran Timothy McVeigh das US-Regierungsgebäude in Oklahoma City in die Luft. 168 Menschen kamen ums Leben. Unter dem Republikaner George W. Bush wurde es ruhig um die bewaffneten Rechten, aber seit Barack Obamas Wahl finden sie starken Zulauf. Nach Angaben des »Southern Poverty Law Center« existierten 2009 127 rechtsextreme Milizen, mehr als doppelt so viele wie 2008.

Und es hat schon mehrere rechtsextreme Anschläge gegeben. Im Februar 2010 steuerte ein Regierungsgegner sein Privatflugzeug aus Protest in ein Büro der Steuerbehörde IRS im ­texanischen Austin. Ein Angestellter und der Selbstmordattentäter kamen ums Leben. Im April vergangenen Jahres erschoss ein 22-Jähriger mit Verbindungen zur rassistischen Stormfront-Szene drei Polizisten, die angeblich seine Schusswaffen beschlagnahmen wollten. Stormfront ist eine englischsprachige Website mit rassistischen und neonazistischen Ideologien. Sie wurde 1995 von dem ehemaligen Ku-Klux-Klan-Mitglied Don Black gegründet.

Auch Scott Roeder, der vergangenes Jahr den Abtreibungsarzt Dr. George Tiller ermordete, sympathisierte mit den rechtsextremen »Freemen«-Gruppen, deren Anhänger keine Steuern zahlen. Schon 1996 war Roeder mit Material zum Bombenbauen im Kofferraum erwischt worden. Das »Hutaree«-Verfahren dürfte sich viele Monate hinziehen. Den Häftlingen drohen jahrzehntelange Gefängnisstrafen. Der Justiz gehe es nicht um die Glaubensstruktur der Angeklagten, sagte Staatsanwältin Barbara McQuade. Nur um das, was sie hätten tun wollen.

Von Konrad Ege

Die Mutter des Reformators

10. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Frauen im Mittelalter – ein Porträt von Margarethe Luder

In einer losen Reihe stellen wir Frauen der Reformation vor. Diesmal ein Porträt von Margarethe Luder, der Mutter Martin Luthers.

Margarethe Luder – ein Gemälde um 1527 von Lucas Cranach d. Ältere Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Margarethe Luder – ein Gemälde um 1527 von Lucas Cranach d. Ältere Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Ob es Margarethe Luder als Ehre empfand, Mutter ihres berühmten Sohnes zu sein? Das Cranachsche Bildnis aus dem Jahr 1527 jedenfalls zeigt davon – abgesehen von der Ehre, als solche gemalt zu werden – keine Spur. Es zeigt eine eher verhärmte, freudlos blickende Frau am Ende ihres Lebens. Dem Bekenntnis ihres Sohnes: Alles, was ich bin und habe, verdanke ich meinem Vater, folgt kein Wort der Anerkennung für die Mutter. Zu selbstverständlich war ihr Dasein für ihn und die Familie, hatte sie doch mit der Geburt ihrer Kinder und der Versorgung des Hauses einfach nur ihre Aufgabe als Frau erfüllt.

Um 1479/80 hatte die 20-jährige Margarethe Lindemann den gleichaltrigen Hans Luder aus Möhra gehei­ratet. Margarethe war eine gute Partie, ihre Mitgift nicht so bescheiden, wie die romantische Verklärung des Lutherbildes glauben macht. Sie kam aus einer angesehenen Eisenacher Familie, ihre Brüder waren gebildete Juristen. Auch ihr Mann Hans hatte als ­ältester Sohn einer gut situierten Großbauernfamilie ein gutes Startgeld vom Vater bekommen, als sich die beiden im Sommer 1483 aufmachten, ihr Glück im Mansfelder Land zu suchen. Hier war ein Onkel Margarethes oberster Berg- und Hüttenverwalter der Grafschaft und verhalf dem Neuankömmling, der sich bereits in der väterlichen Kupferschiefergrube Kenntnisse im Hüttenwesen angeeignet hatte, zu einem guten Start.

Nach einer Zwischenstation in Eisleben, wo am 10. November ihr Sohn Martin geboren wurde, kamen die ­Luders 1484 in Mansfeld an, wo sie bis zu ihrem Tode 1529 bzw. 1530 lebten. Dank guter Verbindungen, entsprechendem Startkapital, Zielstrebigkeit und Fleiß stieg Hans Luder als Hüttenmeister schnell in der Hierarchie der Stadt auf. 1491 gehörte er schon zu den »Vieren der Gemeinde«, seine Kinder heirateten in die einflussreichsten Familien Mansfelds ein. Die archäologischen Ausgrabungen im Luderschen Anwesen weisen auf einen gediegenen Wohlstand hin. Wohl schon 1484 hatte Hans Luder ein ­ansehnliches Haus an exponierter Stelle direkt gegenüber dem gräflichen Schloss erworben, dem nur ­wenige Jahre später ein zweites folgte. Der Wohlstand war hart erarbeitet, vor allem die schwere Arbeit seiner Mutter prägte sich dem Knaben Martin ein.

Er war wohl ihr zweites Kind, das erste Überlebende. Ungewiss ist, wie viele Kinder Margarethe gebar, die Zahlen schwanken zwischen sieben und zehn. Sicher nachweisbar sind neben Martin nur vier Töchter und Sohn Jakob. Wie reagierte die Mutter auf den Tod von vielleicht vier ihrer Kinder, in einer Zeit, in der 20–50 Prozent der Neugeborenen das Erwachsenenalter nicht erreichten? Kein Wort der Klage ist überliefert. Nur einmal bekannte sie, dass ihre Gesundheit unter den Geburten gelitten habe. Das Durchschnittsalter der Frauen ­betrug damals 29,8 Jahre. Viele Geburten, mangelnde Ernährung und Hygiene führten zu Krankheit und Tod. Dass ob des allgegenwärtigen Todes vor allem die Frauen fleißig in die ­Kirche gingen, ist da nur allzu verständlich.

Luthers Mutter soll etwas schwermütig gewesen sein, zeitgemäß fromm mit der üblichen Furcht vor Hexen und Dämonen, zurückhaltend gegenüber anderen Menschen. Der Humanist und Theologe Georg Spalatin beschreibt sie als »Frau von seltsamer Art«. Melanchthon spricht ihr alle ehrbaren Tugenden zu, ganz besonders aber zeichne sie sich durch Züchtigkeit, Gottesfurcht und fleißiges Beten aus. Luther spricht in seiner Rückschau davon, dass sich seine Eltern herzlich liebten, den Kindern ein ­gutes Vorbild waren, wenn auch sehr streng. So habe ihn die Mutter einmal um einer Nuss willen so gestäubt, dass das Blut floss. Die strenge Erziehung nennt er u. a. als Grund für seinen Klostereintritt. Auch wenn er den Eltern zugesteht, sie hätten es herzlich gut gemeint, vermisst man in seinen persönlichen Bekenntnissen ein inniges Verhältnis, das über die Sohnespflicht hinausgeht. Aber vielleicht fehlen dafür auch nur die entsprechenden Zeugnisse.

Sylvia Weigelt

Die Autorin ist Mediävistin, sie arbeitet als freie Autorin und Publizistin. (Mediävistik ist die Wissenschaft vom europäischen Mittelalter.)

Gottergebenes Leben – am falschen Ort

10. April 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Leonhard Lutz lebt seit 1948 bei klarem Verstand unter geistig Behinderten

Heute ist Leonhard Lutz Sprecher des Heimbeirates und schreibt seine ­Sitzungsprotokolle auf dem eigenen Computer. Foto: epd-bild

Heute ist Leonhard Lutz Sprecher des Heimbeirates und schreibt seine ­Sitzungsprotokolle auf dem eigenen Computer. Foto: epd-bild

Wenn Leonhard Lutz morgens aufwacht, fällt sein Blick auf Dürers »Betende Hände«. Er hat sie oft nötig gehabt. Denn ohne seinen Gott hätte er nicht ausgehalten, was ihm widerfahren ist. Lutz ist 78 Jahre alt und lebt seit 61 Jahren im Heim für Menschen mit geistiger Behinderung im mittelfränkischen Polsingen, aber er ist nicht geistig behindert.

Seine Biografie ist eine Geschichte voller Missverständnisse, voller Ignoranz und Hass, bewegend und manchmal unglaublich. Leonhard Lutz erzählt sie im Büro seiner Wohngruppe, dem einzigen Raum, in dem man hinter verschlossener Tür vertraulich sprechen kann. Dies ist sein Gespräch, und man spürt, wie kostbar es ihm ist.

Leonhard Lutz kam mit einer schweren Körperbehinderung zur Welt. Er ist halbseitig gelähmt, die Finger der rechten Hand krümmen sich nach innen, bewegen kann er sie kaum, das rechte Bein gar nicht. Der Kopf steht etwas schief, die Gesichtsmuskeln kämpfen mit Dauerspannungen, und inmitten einer besonders starken Emotionsflut versagt schon mal die Stimme. Aber Leonhard Lutz ist nicht geistig behindert.

Vielleicht hätte die Liebe einer Mutter das gesunde Hirn in dem ­kranken Körper erkannt. Doch Lutz’ Mutter stirbt wenige Monate nach der Geburt an einem Gehirnschlag. Der Vater hat in der Kleinstadt Feuchtwangen eine Gärtnerei zu führen und keine Zeit, sich um seinen Sohn aus erster Ehe zu kümmern. Und die ­Stiefmutter lehnt das behinderte Kind ab und verprügelt es gar auf offener Straße.

Der Engel in seinem Leben heißt Leonhard Hornberger und ist der Patenonkel. Hornberger, ein einfacher Maurer mit Herz und Menschenverstand, erkennt das doppelte Elend ­seines Patenkindes und nimmt es auf. Weil man den kleinen Leonhard nicht in die Schule schicken kann oder will, unterrichtet ihn der Patenonkel selber. »Er hat mir so viel beigebracht, dass ich damit im Leben bestehen konnte«, sagt Lutz. Der Onkel baut ihm eine Gehhilfe, mit der Leonhard endlich, nach vielen Jahren, allein aus dem Haus kommt.

Auf welch festem christlichen Fundament der Maurer Hornberger steht, erweist sich später. Hitlers Euthanasie-Programm ist gerade angelaufen, da erscheinen einige Herren, um den zehnjährigen Leonhard »zu einem Spaziergang« abzuholen. Breitbeinig baut er sich vor ihnen auf, den Patensohn hinter sich, und versichert: »Dann müsst ihr mich aber auch mitnehmen.« Leonhard macht ihm bittere Vorwürfe, er wäre doch so gerne spazieren gefahren. Später erkennt er, dass ihm der Patenonkel das Leben gerettet hat.

Doch nun, der braune Spuk ist inzwischen vorbei, nimmt das Leben von Leonhard Lutz eine neue, dramatische Wendung. Der Patenonkel wird schwer krank, wohin nun mit Leonhard? Vor der Stiefmutter hat er panische Angst. Lieber will er ins Heim.
Am 19. Oktober 1948 bringt ihn sein Vater nach Polsingen, wo Neuendettelsauer Diakonissen im Schloss ein Behindertenheim betreiben. Er fährt im festen Glauben, es handle sich um ein Heim für Körperbehinderte. Als er nach einigen Stunden seinen Irrtum bemerkt, ist der Vater schon grußlos über alle Berge.

Lutz wohnt nun in einer Gruppe mit 30 Bewohnern, schläft in einem Schlafsaal für 15 Leute. Das Leben ist streng reglementiert, die Fenster sind vergittert, Kontakt mit Frauen strengstens verboten, sogar die Gräberfelder auf dem Friedhof sind nach Geschlechtern getrennt. Der Umgang mit den anderen Bewohnern funktioniert nur selten. »Ich habe mich wahnsinnig schwer eingelebt«, erinnert er sich.

Und die Diakonissen? Sie müssen doch gemerkt haben, dass ihr neuer Zögling anders ist als die anderen im Heim, anders spricht, anders denkt? »Sie haben es gemerkt, aber sie haben es nicht akzeptiert«, glaubt Lutz. In der Werkstatt erledigt er jetzt kleinere Arbeiten: Leder stanzen, Brillen zusammenbauen.

Nach gut zehn Jahren tritt wieder ein Engel in sein Leben. Es ist jemand vom Amtsgericht, der die Vormundschaften im Heim überprüft. »Sie passen doch hier auf gar keinen Fall rein«, entfährt es dem Staatsdiener. Die Frau des damaligen Heimleiters muss auf der Stelle ihre Vormundschaft abgeben.

Lutz hätte jetzt das Heim verlassen können. Aber: Die Lähmung ist kein Pappenstiel. Er wird immer auf fremde Hilfe angewiesen sein. Auf dem Heimgelände in Polsingen kennt er sich aus, wo soll er sonst hin? Und so bleibt er im Heim. 61 Jahre lang. Gott hat es so gewollt, sagt sich Lutz, er hat mich hierher gesetzt.

Thomas Greif (epd)

Die Aufarbeitung eines Traumas

10. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Kinofilm »Das Massaker von Katyn« kommt in diesen Tagen auf DVD in den Handel

katyn_coverSelten kommt ein Kriegsdrama so leise und dennoch so ausdrucksstark daher wie »Das Massaker von Katyn«. Oscar-Preisträger Andrzej Wajda vertraute für die 2007 erstmals gezeigte Aufarbeitung des nationalen polnischen Traumas von 1939/40 – trotz aller Deutlichkeit in Detailbildern vom Mord an den polnischen Offizieren – nicht auf monumentale Schlachtenorgien oder Gewaltexzesse. Vielmehr wird die Tragödie des Aufgeriebenwerdens zwischen deutschen und sowjetrussischen Okkupanten mit leisen Tönen, viel schauspielerischer Qualität und vor allem subtiler Kameraführung erzählt.

Gut zwei Wochen nachdem Hitlers Armee Polen überfallen hat, macht sich auch Stalins Rote Armee auf Beutezug, um vom zusammenbrechenden polnischen Staat die im geheimen Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt wenige Wochen zuvor festgelegten Gebiete zu erobern. Etwa 22000 gefangene polnische Offiziere, Solddaten und Intellektuelle werden im Frühjahr 1940 an verschiedenen Stellen der heutigen Russischen Föderation, der Ukraine und Weißrusslands durch Angehörige des ­berüchtigten NKWD’s ermordet und verscharrt. Die zuerst gefundenen Massengräber in den Wäldern um Katyn gaben dem Massaker seinen Namen.

Das Hauptanliegen des Films aber ist nicht die Dokumentation des Verbrechens. Im Mittelpunkt des Dramas stehen vielmehr die Fragen nach dem späteren Umgang mit Wahrheit und Lüge, nach der Vermarktung des Verbrechens zuerst durch die nationalsozialistische und danach durch die kommunistische Propaganda. Eingebettet ist dies ­alles in das Schicksal von vier Soldaten, vom Leutnant bis zum General, sowie ihrer Angehörigen. In bitteren Szenen und Episoden zeigt das Werk den Kampf der Angehörigen zunächst ums Überleben, um Selbstbehauptung und um die Hoffnung, später um das Andenken und die Ehre der Toten. Es zeigt aber auch die erschreckend schnelle Anpassung vieler an die Bedingungen und Sprachregelungen der neuen Nachkriegs-Machthaber. Es erzählt von Resignation, feigem Verrat, von Opportunismus aber ebenso von ungebrochenem Widerstand und nationalem Stolz.

Der durchweg sehenswerte, ab 16 Jahren freigegebene Film steht seit wenigen Wochen in Videotheken zur Ausleihe zur Verfügung. Ab
15. April ist er als DVD und als Blu-ray-Disc im Handel ­erhältlich. (Bezug nur über den entsprechenden Fachhandel, nicht über den Bestellservice der Kirchenzeitung!)

Harald Krille

Das schwere Erbe des Terrors

9. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Katyn: 70 Jahre nach dem Massaker ist eine polnisch-russische Annäherung in Sicht

Bis heute vergiftet der Umgang mit dem Stalinterror gegen polnische Offiziere und Intellektuelle die Beziehungen zwischen Polen und Russland.

Müde, aber dennoch stolz: Andrzej Skapski kämpft als Vorsitzender der »Katyner Familien« für die geschichtliche Wahrheit. Foto: Jens Mattern

Müde, aber dennoch stolz: Andrzej Skapski kämpft als Vorsitzender der »Katyner Familien« für die geschichtliche Wahrheit. Foto: Jens Mattern

Katyn«, sagt Andrzej Skapski, ein Mann mit buschigen Augenbrauen und einem müden wie stolzen Zug im Gesicht, »wenn der ­Katyn-Fall nicht in Ordnung gebracht wird, dann wird jedes andere russisch-polnische Projekt weiterhin belastet sein.«
Skapski ist Vorsitzender der »Katyner Familien«, einer Organisation von Polen, deren Väter 1940 im Wald bei der westrussischen Stadt Katyn und anderen Orten in der ehemaligen Sowjetunion vom Geheimdienst NKWD hingerichtet wurden. Nun verbindet der Hinterbliebene Hoffnungen mit dem 7. April: dann sollten (nach Redaktionsschluss dieser Zeitung) erstmals ein russischer und ein polnischer Staatschef, die Ministerprä­sidenten Donald Tusk und Wladimir ­Putin, auf dem Katyner Gräberfeld zusammenkommen.

Der pensionierte Ingenieur empfängt in seiner Krakauer Altbauwohnung, das gleichzeitig sein Büro ist. Ein Familienbesitz, mit Ölbildern, Biedermeier-Sofa, riesigen Spiegeln und hohen Wänden. Hier knarrten schon die Schritte Boleslaw Skapskis über die Dielen. An ihn, seinen Vater, einen Staatsanwalt im Justizministerium, kann sich Andrzej Skapski nicht mehr erinnern; zu Kriegsbeginn war er gerade zwei Jahre alt. Der Staatsbedienstete war vor der heranrückenden deutschen Front nach Osten geflohen. Doch dort wurde er von der Roten Armee verhaftet, die drei große Lager für die Elite Polens errichtete.

Propaganda auf dem Rücken der Hinterbliebenen
Der NKWD-Chef Laerentij Pawlowitsch Berija charakterisierte die Inhaftierten nach Verhören als »harte und unbelehrbare Feinde der Sowjetunion«, das Politkommissariat entschied auf Erschießen ohne Gerichtsurteil. Die Sowjets benutzten zur Vertuschung deutsche Munition und als Berlin am 13. April 1943 das Verbrechen mit großem Propaganda-Aufwand bekannt machte, kam zwei Tage später aus Moskau eine Gegendarstellung: die Deutschen selbst hätten das Verbrechen begangen. Dies war dann bis zur Wende die offiziell vorgeschriebene Version im Ostblock, »belegt« von einer durch die Sowjets einberufenen Ärztekommission.

»Von uns Hinterbliebenen glaubte das niemand«, meint Skapski. Doch das war gefährlich. Denn Katyn strafte die Version von einer totalen Opposition zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus Lügen – und wurde so für Stalin bis zum Lebensende zur Obsession. Darum wurden Katyn-Angehörige im jungen kommunistischen Polen schikaniert. Viele mussten in den Uran- und Kohlegruben schuften. Bis zur Tauwetterzeit (1956) nach Stalins Tod verwehrte ihnen der polnische Staat höhere Bildung.
Mit Beginn der Solidarnosc-Bewegung in Polen nahm der Druck zu, die wahren Täter zu benennen. Doch erst zur 50. Jährung des Verbrechens, im April 1990, bekannte Gorbatschow dass die Täter »stalinistisch« waren.

Nach einer polnisch-russischen Eiszeit verkündete Putin im September vergangenen Jahres, er werde alle Archiv-Unterlagen zu Katyn veröffentlichen. »Ein solcher Schritt nach vorn wäre zu begrüßen«, meint Skapski. »Und eine Entschuldigung die nicht politisch erzwungen ist.«

Zu politischen Fragen will er sich auch nicht äußern, die Hinterbliebenen-Organisation sei apolitisch. Dafür ist
eine »russisch-polnische Kommission für schwierige Angelegenheiten« zuständig, die zurzeit versucht, ein gemeinsames Papier vorzubereiten, das dann am 7. April in Katyn verlesen werden sollte. Parallel dazu suchen auch die beiden Kirchen die Versöhnung: Vertreter der Katholischen Kirche aus Polen und der Orthodoxen aus Russland wollen ­gemeinsam auf dem Gräberfeld beten. Auch hier arbeiten die Kirchen an einer gemeinsamen Erklärung.

Wenn auch in Russland immer wieder »Experten« laut werden, die »Beweise« für eine deutsche Täterschaft aufführen, so scheint die russische Führung die Annäherung wirklich zu wollen: Der drastische Spielfilm »Das Massaker von Katyn« (siehe Filmtipp) soll demnächst zur besten Sendezeit im russischen Staatsfernsehen laufen. Gedreht hat ihn der polnische Regisseur Andrzej Wajda, auch er verlor seinen Vater in jenem Wald durch Genickschuss.

Jens Mattern

Im Schatten der Finanztragödie

4. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Griechenland: Ein Land vor dem fiskalischen Kollaps – Widerstand gegen Sparpaket – auch die Kirche unter Druck

Trauriges Osterfest: Die Griechen sollen sparen und mehr Steuern zahlen. Doch dagegen wehren sich alle – auch die Kirchen.

Lautstarker Protest: Demonstranten in Thessaloniki geben anlässlich des Nationalfeiertages ihrem Unmut gegen die Sparpläne Ausdruck. Foto: Giorgio Tzimurtas

Lautstarker Protest: Demonstranten in Thessaloniki geben anlässlich des Nationalfeiertages ihrem Unmut gegen die Sparpläne Ausdruck. Foto: Giorgio Tzimurtas

Die Emotionen kochen hoch. »Die Kapitalisten sollen für die Krise zahlen«, skandieren linksgerichtete Protestler in der nordgriechischen Hafenmetropole Thessaloniki. Sie sind zu Hunderten gekommen, strecken die Fäuste aus. Zwei weitere Gruppen, Vertreter von Gewerkschaften der Lehrer und Krankenhausärzte, fordern auf ihren Transparenten von der Regierung: »Nehmt die Sparpläne zurück«. Die Demonstranten stimmen in einen gemeinsamen Sprechchor ein: »Geld für Bildung, Geld für Gesundheit. Nicht für Waffen, nicht für die Reichen«.

Mit ihren Stimmen kämpfen sie gegen Lautsprecher an, die die gesperrte Schnellstraße am Meeresufer mit Marschmusik beschallen. Es ist der 25. März, der griechische Nationalfeiertag. Wie überall im Land paradieren auch in der Millionenstadt Thessaloniki Schüler- und Trachtengruppen sowie Militär- und Veteraneneinheiten auf einer Strecke von mehreren ­Kilometern. Die lautstarken Demonstranten am Ort des traditionellen ­Massenspektakels verdeutlichen: Die Feier der nationalen Einheit und Freiheit, die historisch sowie kalendarisch eng mit dem Osterfest verbunden ist, wird in diesem Jahr von der griechischen Finanztragödie überschattet.

Das Land hat jahrelang über seine Verhältnisse gelebt. Jetzt droht der Bankrott. Der Staat hat Schulden in Höhe von 300 Milliarden Euro angehäuft. Pro Kopf der Bevölkerung sind das rund 27000 Euro. (Im Vergleich: In Deutschland beträgt die Staatsverschuldung pro Kopf nach Angaben des Bundes der Steuerzahler derzeit rund 20650 Euro.)

Die Kassen sind leer. Die Gründe dafür vielfältig: Ob konservative oder sozialistische Partei – wer an der Macht war, blähte die öffentliche Verwaltung immer weiter auf. Jeder zehnte der rund elf Millionen Griechen ist im Staatsdienst tätig. Die ­Situation verschärfte sich durch laxe Bestimmungen zum Renteneintrittsalter und ganz besonders durch die ausufernde Schattenwirtschaft. Ihr Volumen beläuft sich nach Expertenschätzungen auf 65 Milliarden Euro. Korruption, vor allem im Gesundheitswesen, gehört zur Tagesordnung. Mangelnde Kontrollen bei den Angaben zur Einkommenssteuer ermunterten zur massenhaften Steuerhinterziehung. Das Haushaltsdefizit beträgt dramatische 12,9 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Nach den Stabilitätskriterien des Euro darf es nur bei drei Prozent liegen.

Gefälschte Statistiken und hinterzogene Steuern

Griechenland hatte sich 2002 mit gefälschten Statistiken die Aufnahme in die europäische Gemeinschaftswährung erschummelt. Die EU-Kommission kniff lange beide Augen zu. Erst kurz vor dem Kollaps regte sich Brüssel. Die sozialistische Regierung von Ministerpräsident Giorgos Papandreou musste ein erstes Sparprogramm noch einmal nachbessern.

Die Grundzüge: Erhöhung der Mehrwertsteuer von 19 auf 21 Prozent, Anhebung der Steuern auf Einkommen und Immobilien, Einstellungsstopp im öffentlichen Dienst, Einfrieren der Renten und Staatsgehälter. Bis 2011 will Athen das Haushaltsdefizit auf 8,9 Prozent drücken.

Allerdings: Der Widerstand im Land ist erheblich. Vor allem linke ­Gewerkschaften machen lautstark Druck, drohen immer wieder aufs Neue mit Streiks. Ihre Argumente: Die Maßnahmen der Regierung treffen die Falschen. Statt der Wohlhabenden würden vor allem die unteren und mittleren Einkommensempfänger belastet. Jene, die zuvor brav ihre Steuern gezahlt hätten. Außerdem werde der Konsum abgewürgt, die Wirtschaft trocken gelegt. Eine Befürchtung, die in der gesamten Bevölkerung weitverbreitet ist.

Sollte sich diese Sorge bewahrheiten, droht auch ein Einbruch der Exporte der anderen EU-Länder in Richtung Ägäis. Besonders jener aus Deutschland, dem Haupthandelspartner der Hellenen. Umso mehr zeigen sich die Griechen enttäuscht über das lange Gezerre für eine EU-Lösung zur Bewältigung der Krise – und über die Welle der Empörung, die sich über die griechischen Verhältnisse ausbreitet.

Auch die Kirche soll sich finanziell mitbeteiligen
Nach dem Brüsseler Gipfelbeschluss vom Abend des 25. März steht fest: Hilfe der Euro-Länder gibt es nur im äußersten Notfall, als »Ultima Ratio«, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel es durchsetzte. Und: Der Beschluss muss einstimmig sein. Die Rettungskredite sollen gemeinsam mit dem ­Internationalen Währungsfonds (IWF) vergeben werden, zu Preisen des Kapitalmarktes.

Regierungschef Papandreou zeigte sich erleichtert. Doch: Da seit Jahrzehnten Zukunftsinvestitionen ausgeblieben sind und ein neuer Aufschwung nicht in Sicht ist, droht ­weiterhin die totale Pleite. In diesem Fall, so lautet eine gängige Meinung, komme es zum Ausverkauf des Landes, was im Interesse bestimmter Wirtschaftskreise in der EU und in den USA sei: Eine Verschwörungstheorie als Verdrängungsmechanismus für die Selbstverschuldung der Misere.

Papandreou trifft derweil nicht nur auf den Widerstand der Gewerkschaften, sondern auch der orthodoxen Kirche. Sie wehrt sich gegen eine Sonderbesteuerung. Kirchenoberhaupt Hieronymus fordert die Regierung zum Dialog über »gerechte« neue fiskalische Belastungen auf. Unterstützung in der Bevölkerung hat er hierfür wiederum kaum. Viele Griechen sehen die Kirche – sie ist nach dem Staat der zweitgrößte Grundbesitzer des Landes – in der Pflicht. Vor wenigen Tagen versammelten sich Demonstranten vor der Panagouda-Kirche in Thessaloniki. Auf einem ihrer Plakate stand: »Christus hätte alles gegeben.«

Giorgio Tzimurtas

Individuell und vielfältig

3. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung über Schönheit im Deutschen Hygienemuseum Dresden

Warum ist Schönheit so wichtig?« »Sind Glück, Erfolg und Lebensfreude daran gebunden?« »Was beeinflusst unser ästhetisches Empfinden?« Mit diesen Fragen beschäftigt sich die neue Sonderausstellung des Deutschen Hygienemuseums Dresden »Was ist schön?«

Urheber: Deutsches Hygienemuseum

Urheber: Deutsches Hygienemuseum

Der erste Raum, in dunklem Rot gehalten und von einem prunkvollen Kristalllüster erleuchtet, stellt unsere Vorstellungen von Schönheit infrage. Gezeigt werden Fotografien, die die Spannung zwischen der Sehnsucht nach Schönheit und der Erfüllung dieses Wunsches ebenso zum Ausdruck bringen wie die Gegensätze von Makellosigkeit und vermeintlicher Hässlichkeit. Auf der einen Seite Porträts berühmter Schauspieler, ihnen gegenüber Fotos von jungen Mädchen, die eine Modelkarriere anstreben. Lebensgroße weibliche Rückenakte zeigen makellose Haut, im Kontrast dazu Aufnahmen alternder, runzliger Haut.

Sowohl die Aufnahmen der Prominenten wie die der jungen Mädchen auf dem Weg zur ersehnten Berühmtheit wollen die Differenz zwischen den medial vermittelten Bildern und der Wirklichkeit deutlich machen.

Die Ausstellung thematisiert den Zusammenhang von Schönheit und Erfolg. Untersuchungen zeigen, dass überdies gutes Aussehen in der Regel mit positiven Eigenschaften und Fähigkeiten verbunden wird, was sich auf Beruf und Karriere auswirkt. Dazu werden Karrieremagazine präsentiert sowie Erläuterungen zum Umgang mit Bewerbungsfotos. Zu betrachten ist eine Galerie historischer Persönlichkeiten, deren gesellschaftlicher Aufstieg mit ihrem attraktiven Aussehen in Verbindung steht. Doch wie die Schau zeigt, ist nichts absolut. Die mögliche Bevorzugung aufgrund des Aussehens hat auch Gegenbewegungen ins Leben gerufen, zum Beispiel den »Club der Hässlichen«. Und der Film »Unansehnlich, aber stolz« stellt Menschen vor, die selbstbewusst ihre ungewöhnlichen Körpermerkmale akzeptieren und als schön empfinden.

Ausstaffiert mit Stapeln von Pappkartons erweckt der zweite Raum den Eindruck des Vorläufigen, Unvollkommenen. Hier soll der Blick hinter die Kulissen des Glamourösen simuliert werden, wo körperliche Mängel retuschiert und überschminkt, wo Menschen vor ihrem Auftritt im Scheinwerferlicht schön gemacht werden. Die Ausstellung hebt hervor, dass die von der Werbe- und Medienbranche produzierten Schönheitsideale und -vorbilder nicht »echt« sind.

In dieser Abteilung geht es auch um die Entwicklung einer Industrie im Dienste der Schönheit, geboren aus dem Wunsch, mangelnde Attrak­tivität mit Disziplin und Geld herzustellen. Ein langer Spiegelgang, auf der gegenüberliegenden Seite mit einem rotsamtenen Vorhang verkleidet, führt vom zweiten in den dritten Raum. Unter dem Titel »Norm und Differenz« beschäftigt sich die Ausstellung damit, woher unsere Vorstellungen und Ideale von menschlicher Schönheit kommen. Sie vermittelt die Erkenntnis, dass die Interpretationen von Schönheit individuell und vielfältig sind.

Außerdem geht es um die Frage, was Menschen bereit sind zu tun, um sich bestimmten Schönheitsnormen anzunähern. Ein Bereich widmet sich der Plastischen Chirurgie sowie Hormon- und Botoxbehandlungen. Welche Areale in unserem Gehirn aktiv sind, wenn wir Gesichter, grafische Muster und Musik hinsichtlich ihrer Attraktivität bewerten, veranschaulicht ein von innen leuchtendes Modell des menschlichen Gehirns im Zentrum des vierten Raumes. Die Exponate geben Auskunft über neurobiologische und wahrnehmungspsychologische Forschungserkenntnisse.

Der fünfte und letzte Raum – eine große Halle mit hohen Pfeilern – weitet den Blick für andere, fremde Vorstellungen von Schönheit. In Videos erzählen Menschen, was sie als schön empfinden. Die sich durch die Ausstellung ziehende Einsicht, dass Schönheit nicht absolut und feststehend, sondern individuell und vielfältig ist, wird in diesem Bereich bekräftigt.

Sabine Kuschel

Die Ausstellung im Deutschen Hygienemuseum ist bis 2. Januar dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr zu sehen.
www.dhmd.de

Christi Losung: »Hiergeblieben!«

2. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Osterglaube hebt den Blick zum himmlischen Ziel – und lässt uns in diesem Leben schon dem Tode trotzen

Wer hat in unserem Leben das letzte Wort? Welche Macht hat der Tod über uns? Was geschieht mit uns jenseits der Todesgrenze? Gibt es noch ein anderes Leben als das, das mit dem Tod endet? Diese Grundfragen menschlicher Existenz bleiben auch in unserer Zeit dringlich. Mit diesen Fragen setzt sich die Osterbotschaft der Christen auseinander. Und zwar so, dass das Zeugnis von der Auferweckung Jesu Christi aus den Toten untrennbar verknüpft ist mit der Hoffnung auf die Auferweckung aller Toten.

Foto: Privat

Foto: Privat

Das heißt: Die Osterbotschaft behauptet nichts Geringeres als die Überwindung des Todes des gekreuzigten Jesus; und in ihr ist die Verheißung enthalten, dass auch wir den Tod einmal definitiv hinter uns lassen werden. Der Apostel Paulus bringt diesen Zusammenhang auf den Punkt, wenn er im ersten Brief an die Korinther schreibt: »Gibt es aber keine Auferstehung der Toten, so ist auch Christus nicht auferweckt worden; ist aber Christus nicht auferweckt worden, so ist ja unsere Predigt leer, leer auch euer Glaube« (1. Korintherbrief 15, Vers 13+14).

Mir hat dazu einmal einer gesagt: »Es sind inzwischen etwa 30 Milliarden Menschen gestorben. Wenn die Totenauferstehung sich nicht bald ­ereignet, werden es immer mehr Milliarden. Was für einen Unsinn sollen wir denn überhaupt noch glauben, wenn wir sagen, dass 50 Milliarden Menschen auferweckt werden?«

Die Frage dieses Spötters hat darin ihr Recht, dass sie uns Christen vor Augen führt, was für eine ungeheuerliche Behauptung sich im Osterglauben verbirgt. Jawohl, daran ist überhaupt nichts selbstverständlich und sofort einsehbar. Wenn Gott nicht selber für die Hoffnung auf Auferstehung uns die Augen und die Sinne öffnet, bleibt es bei aberwitzigen Vorstellungen und einem unverständlichen Gerede darüber. Hier liegt der Grund, weswegen das Neue Testament so zurückhaltend damit ist, das »Wie« der Auferstehung der Toten zu beschreiben.

Auch die Auferweckung des Gekreuzigten in der Osternacht wird ja nirgendwo geschildert und beschrieben. Der Grund dafür liegt darin, dass mit den Begriffen »Auferstehung/Auferweckung« und »ewiges Leben« etwas beschrieben wird, was unsere ­Erwartungen und unser Vorstellungs- und Ausdrucksvermögen überschreitet. Nur von Gott her und auf ihn hin erschließt sich, was »Auferstehung von den Toten« und »ewiges Leben« bedeuten. Es gibt kein Jenseits ohne Gott. Und Gottes Verheißung meint nicht, was wir diesseits des Todes ­sehen und greifen und alltäglich zur Sprache bringen können. Die Wirklichkeit, die ihr gemäß ist, ist nur in der Auferweckung des gekreuzigten Jesus anschaulich. Ansonsten ist sie unsichtbar und liegt jenseits des Todes und der Zeit. Wir kommen nicht hinter das österliche Geheimnis; wir leuchten es mit unseren Möglichkeiten nicht aus. Aber wie sollen wir es dann bezeugen?

Bevor wir auf diese Frage eine Antwort geben, muss vom Missbrauch der Osterbotschaft die Rede sein. Denn Ostern ist auch mit Gefahren verbunden: Die Auferweckung des Gekreuzigten und die darin enthaltene Hoffnung auf die Auferstehung der Toten kann auch missbraucht werden als Abkehr von den Problemen und Niederlagen unseres irdischen Lebens; dann werden österliche Kirchen und Gemeinden zu spirituellen Fluchtburgen vor dem Desaster des Alltags; der Glaube wird verkehrt in individuelle Innerlichkeit und Vertröstung auf ein besseres Jenseits.

Hier muss scharf und klar gesagt werden: Der Glaube an die Auferweckung des Gekreuzigten führt nicht ins bessere Jenseits unter Missachtung des elenden Diesseits, nicht weg aus unseren Verantwortungsbereichen in ein besseres Land. Nein: ­heraus aus den Gräbern, in denen so viele ihre Lebensperspektiven und Hoffnungen begraben mussten! Ja und vielmehr: Der Beginn der neuen Weltgestalt in der Auferweckung des Gekreuzigten lässt die Gegenwart aushalten und sie als Ort unverdrossener Hoffnung wahrnehmen.

»Hiergeblieben!«, heißt die Parole des Auferstandenen: »Hiergeblieben!« Nur so wird der Osterglaube glaubwürdig und aussagbar, dass wir ihn mit der Diesseitigkeit der Praxis des Glaubens und der Hoffnung bezeugen. Lasst uns den Satz aus der Ostertheologie Jürgen Moltmanns begreifen und durchkauen: »Aber die Veränderung des Ostermorgens sagt, dass dieser Eine – Jesus Christus – allen ­Anderen voran auferweckt worden ist und der Prozess der Totenerweckung mit ihm in Gang gekommen ist, insofern, als diese Welt des Todes und der Aussichtslosigkeit und die kommende Welt des Lebens sich nicht mehr wie zwei getrennte Weltzeiten gegenüberstehen.«

So ist das mit dem Osterglauben: »Hiergeblieben!« – und doch den Blick erhoben auf ein Ziel, das wir immer wieder durchbuchstabieren müssen, bis es erreicht ist. Totenauferstehung, Verwandlung des Sterblichen in die Unsterblichkeit, der Zeit in das Bleibende – nicht weniger als dies ist Gottes Verheißung, und das wird sein letztes Wort sein. In der Freude über dieses letzte Wort feiern wir Ostern: mit vorletzten Worten und dem Willen, dem Tod und seinen Kumpanen schon jetzt in diesem Leben zu widerstehen und zu trotzen. Darum darf es heißen: Der Herr ist auferstanden. Er lebt. Wir werden auferstehen. Darum leben wir – schon jetzt.

Rolf Wischnath

Prof. Dr. Rolf Wischnath ist Hochschullehrer für Systematische Theologie an der Universität Bielefeld. Er war von 1995 bis 2004 Generalsuperintendent der Ev. Kirche in Berlin-Brandenburg.

»Einmal Kirche – macht zwei Euro«

1. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Kirche und Geld: Die Unterhaltung der Gebäude übersteigen die Kraft vieler Gemeinden – warum nicht Eintrittsgelder?

Foto: Begsteiger

Foto: Begsteiger

Wer in Venedig oder Florenz – außer zum Gottesdienst – in eine Kirche will, muss ­vorher an die Kasse. Was dort schon lange gang und gäbe ist, gehört hierzulande (noch) zur Ausnahme.

Ein Beitrag zu einer notwendigen Diskussion.

Mein erstes Mal war 2004. Ich war kurz irritiert. Für den Eintritt in den Berliner Dom verlangte man eine »Domerhaltungsgebühr«. Der Name warb für einen nachvollziehbaren Zweck, aber ein Unbehagen blieb. Darf man für einen Kirchenbesuch außerhalb des Gottesdienstes Eintritt nehmen? Soll sie nicht offen sein und Menschen ohne jede Hürde einladen?

Vor allem in touristisch stark besuchten Kirchen werden Eintrittsgelder erhoben, in der Nicolaikirche zu Stralsund oder dem Naumburger Dom. Bei letzterem ist dies einsichtig, er wird von einer Stiftung verwaltet. Aber auch im Dom zu Meißen, der ­offiziellen Bischofskirche der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, werden 2,50 Euro fällig. Um das Besucherargument, »aber wir zahlen doch schon Kirchensteuer«, zu entschärfen, wird unter anderem darauf hingewiesen, dass zum Dom keine eigene Gemeinde gehöre. Jüngster Fall: Für die Lübecker Marienkirche wird seit März diesen Jahres eine Gebühr erhoben.

Dies hat die Diskussion um Eintrittsgelder für Kirchen neu entfacht. Laufende Sanierungskosten bei abnehmender öffentlicher Förderung machen sie nachvollziehbar. Ich gebe aber zu, das Unbehagen bleibt. Ich stelle mir das Zusammenspiel unterschiedlicher Eindrücke vor. Am Portal meiner Predigtstätte, der Stadtkirche St. Marien im thüringischen Greiz, steht: »Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid!« Und zwei Meter weiter bittet dann jemand freundlich um zwei Euro für den Eintritt …

»Kommet her zu mir« – aber erst zur Kasse
Dennoch spricht aus lutherischer Sicht zunächst nichts gegen eine Eintrittsgebühr. Der Kirchenraum dient nach Martin Luther nicht der Heilsvermittlung. Noch in seiner Einweihungspredigt für die Schlosskapelle in Torgau im Jahr 1544 predigt er, dass man auch am Brunnen oder anderswo predigen und beten könne. Ein Gottesdienst heiligt jeden Ort für die Dauer des Gottesdienstes. Danach ist er nur eine Stätte, bei all der Kirchen- und Glaubensgeschichte, die in ihm gelebt hat.

Insofern gibt es aus evangelischer Sicht wenige Gründe gegen eine Eintrittsgebühr. Ihre Befürworter verweisen auf den kostenlosen Besuch innerhalb kirchlicher Veranstaltungen. Sie benennen andere Gebühren (Kerzen/Fotografieren/Turmbesteigung), die unproblematisch erhoben werden und dem gleichen Zweck dienen. Sie berichten von der Erfahrung, dass bei stark besuchten Kirchen der Ertrag in den Kollektenbüchsen erstaunlich mager bleibt. Ihnen erscheint ein Eintrittsgeld als letzte Möglichkeit zur Unterhaltung des Gebäudes. Die Argumente der Befürworter sind nachvollziehbar. Zugleich durchkreuzen sie die Zielsetzung der bundesweiten Initiative »Offene Kirche«. Diese lädt dazu ein, sich über die Begegnung mit dem Kirchenraum dem eigenen Glauben wieder zu nähern. Ein Eintrittsgeld wäre dafür kontraproduktiv.

Zudem bietet sich abseits der ­touristisch attraktiven Großstädte die Einführung von Eintrittsgeldern ohnehin nicht an. Reguläre Öffnungszeiten verlangen Aufsichtspersonal, ergeben zusätzliche Kosten. In der Fläche wird sich der Erhalt einer Kirche also weiter auf Spendenaktionen, die Unterstützung durch Gemeindeglieder und Bürger des Ortes konzentrieren müssen.

Eintrittsgelder kontra »Offene Kirchen«
Doch um eine andere Diskussion kommen wir nicht herum. Können noch alle Kirchen erhalten werden? Die demographische Entwicklung stellt diese Frage deutlich. Eine »erweiterte Nutzung« von Kirchen wird angedacht, um andere Nutzer in den Erhalt eines Gebäudes einzubinden. Doch viele Kommunen sind als mögliche Partner längst anderweitig gut aufgestellt. Es ist zu befürchten, dass die Debatte um die »erweiterte Nutzung« von Kirchen nur im Einzelfall, nicht aber im großen Stil zu Ergebnissen führt.

Das katholische Bistum Essen will um die Hundert Kirchen aufgeben. Nach katholischer Lehre ist die Kirche auch außerhalb des Gottesdienstes heilig. Man horcht als Lutheraner bei dieser Meldung darum besonders auf. Die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers wird sich von acht Kirchen und drei Kapellen trennen. Die Debatte um Eintrittsgelder für den Besuch einer Kirche sollte darum auch diese Punkte beinhalten, die weniger häufig diskutiert werden.

Lieber notwendige Abschiede von Gebäuden?
Kirchengebäude sind mir wichtig. Mit vielen verbindet mich eine Glaubenserfahrung. Ich werde wohl auch Eintritt zahlen, wenn er verlangt wird. Ich weiß, es ist für einen guten Zweck. Ich nehme dennoch wahr, wie sehr die Gebäude unsere Diskussion dominieren. Wenn ich Luther weiterdenke, frag ich mich, ob das richtig ist. 18 Prozent der Kirchengebäude der EKD befinden sich in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM): ca. 4000 Kirchen, Klöster und Kapellen. Zugleich aber wohnen im Bereich der EKM nur rund 3,6 Prozent der Evangelischen Kirchenmitglieder Deutschlands. Eine Diskussion um Eintrittsgelder kann dazu helfen, dass dieser bauliche Reichtum nicht immer mehr zur Last wird, sondern Lust bleibt. Er darf andererseits bei der Diskussion um Eintrittsgebühren nicht aufhören und wird uns allen wohl schmerzvolle Einschnitte abverlangen.

Andreas Hausfeld studierte Theologie und Betriebswirtschaft (VWA) und ist Pfarrer an der Stadtkirche von Greiz (Thüringen).