»Uns braucht niemand zu bedauern«

20. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Normalerweise gilt eine sich abzeichnende Behinderung des Kindes als guter Grund zur Abtreibung. Doch Familie Meisterjahn entschied sich anders – und ist froh darüber.

Können sich ein Leben ohne ihren behinderten Sohn nicht mehr vorstellen: Dagmar und Rainer Meisterjahn mit ihrem inzwischen 27-jährigen André. Foto: Karin Vorländer.

Können sich ein Leben ohne ihren behinderten Sohn nicht mehr vorstellen: Dagmar und Rainer Meisterjahn mit ihrem inzwischen 27-jährigen André. Foto: Karin Vorländer.

Schon lange freut sich André Meisterjahn auf seinen Geburtstag. 27 Jahre alt wird er. Die Vorbereitungen für die Party, zu der er 15 Gäste erwartet, laufen auf Hochtouren. Sein Bruder Patric wird die Musik auflegen, sein Vater Rainer kocht Spaghetti mit Bologneser-Soße. Und André? André freut sich und ist stolz. Denn er hat ganz allein daran gedacht, dass die Gläser aus dem Keller geholt und gespült werden müssen. Als André vor 27 Jahren geboren wurde, hatten die Ärzte seine Eltern darauf vorbereitet, dass André mit einer angeborenen genetischen Veränderung zur Welt kommen würde: dem Downsyndrom.

Das Datum 21. März für den Welttag Downsyndrom ist bewusst gewählt; denn es steht dafür, dass im Chromosomensatz der Betroffenen das Chromosom 21 dreimal vorhanden ist. »Trisomie 21« wird das Downsyndrom deshalb auch genannt. Bis zu 95 Prozent der Eltern, die aufgrund vorgeburtlicher Untersuchungen mit der Diagnose »Trisomie 21« konfrontiert werden, entscheiden sich gegen ihr Kind. Denn obwohl der Grad der ­geistigen ­Behinderung unterschiedlich ausfallen kann, gilt ein solches Kind als »unzumutbare Belastung«. Aufgrund der »medizinischen Indikation« darf die Schwangerschaft deshalb auch dann noch straffrei abgebrochen werden, wenn das Kind ­außerhalb des Mutterleibes schon lebensfähig wäre.

Mitleid mit den »armen Eltern und dem armen Kind« war die vorherrschende Reaktion, als sich in der Siedlung, in der jeder jeden kennt, herumsprach, dass André »behindert« ist. »Wenn ich mit ihm im Kinderwagen unterwegs war, fuhr ich gegen eine Mauer von hilflosem und befangenem Schweigen«, erinnert sich Dagmar Meisterjahn. Es war André, der schon als kleiner Junge selbst die Brücke schlug. »Er hat ein unglaublich einnehmendes Wesen. André kann vieles nicht, was seine beiden jün­geren Geschwister können – aber er kann wunderbar mit Menschen umgehen. Das ist das Wichtigste«, findet Rainer Meisterjahn.

Zu Andrés verminderten geistigen ­Fähigkeiten kamen weitere typische gesundheitliche Beeinträchtigungen: ein schwerer Herzfehler, Probleme beim Hören und ein schwacher Muskeltonus, der für Probleme in der Sprachentwicklung und Motorik sorgt. Viele Arztbesuche, die Suche nach Therapie- und Fördermaßnahmen, und die Vorbereitung der Herz-OP ließen sie anfangs kaum zur Besinnung kommen. Dass eine Abtreibung damals gar nicht zur Debatte stand, darüber sind die Meisterjahns bis heute froh.
Dank der fürsorglichen Kontaktstärke, mit der André reagiert, wenn jemand traurig oder bedrückt ist, und dank einer unbefangenen Mitteilungsfreude hat der 27-Jährige heute einen großen Freundes- und Bekanntenkreis. Er geht regelmäßig kegeln und tanzt leidenschaftlich gern. Stolz zeigt er die Reihe von Pokalen, die er beim (Behinderten)Sport gewonnen hat. Seine Liebe zur Musik lebt er öffentlich aus: Beim 25. Jahresfest der »Biberschlümpfe«, einem Zusammenschluss von Eltern mit behinderten Kindern, erntete er mit seiner Elvis-Imitation Riesenbeifall.

Andrés Sehnsucht nach einer Freundin allerdings ist bislang unerfüllt. »Blond soll sie sein und nicht behindert«, sagt er. Den Rat seiner Mutter, er solle sich in der Werkstatt nach einem netten Mädel umsehen, wehrt er entschieden ab. »Behinderte hab ich in der Werkstatt genug.«

Ohne Unterstützung von »Mama und Papa« könnte André das Leben allerdings nicht selbstständig bewältigen. Weil es in seiner Kindheit die heute eingesetzte Methode des Frühlesens noch nicht gab, mit der viele der Downsyndrom-Kinder heute lesen lernen, kann André weder lesen noch rechnen. Damals verwehrten ihm die Behörden auch den Besuch einer ­Regelschule mit integrativem Unterricht. »Dabei hat er im Regelkindergarten für seine Sprache so viel profitiert«, bedauert sein Vater noch heute.

Im sicheren Rahmen eines Alltags mit ritualisierten Abläufen bewältigt André seinen Tag relativ selbstständig. »André hat die Uhr im Bauch. Obwohl er die Uhr nicht kennt, kocht er jeden Tag um drei Kaffee für uns«, freut sich Mutter Dagmar. Bei der Morgenhygiene braucht er gelegentlich mahnende Unterstützung, und es bedurfte jahrelangen geduldigen Trainings, bis André ein Hemd knöpfen konnte. Dank geduldigen Übens kann er sogar alle Geräte, die er für seine Musikleidenschaft braucht, bedienen. Ob er ­jemals eine eigene Wohnung beziehen wird? Obwohl es heute für Menschen mit Down Syndrom Wohnalternativen zum Elternhaus gibt, sind sich alle in der Familie einig: André soll so lange wie möglich bei den Eltern leben.

»Wegen André braucht uns keiner bedauern. Wir sind froh, dass wir ihn haben«, sagt Dagmar Meisterjahn mit Nachdruck. Im Gegenteil: Langsamkeit und Geduld habe er sie gelehrt, die Fähigkeit, Anteil zu nehmen, und nicht vorschnell über Menschen zu urteilen, die anders sind. »Ohne André wäre unser Leben ärmer – auch wenn es manchmal schwierig ist«, sagt Rainer Meisterjahn, ehe er in der Küche verschwindet. Und André strahlt: »Ich helfe dir – ich mal nur schnell mein Mandala zu Ende bunt!«

Von Karin Vorländer

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