»Ich kann dich gut leiden«

19. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

"In der Passion ist Gott unser Sympathisant" Foto: BilderBox.com

Ich kann dich gut leiden«, sagen wir, wenn wir jemanden gernhaben. Ich lasse mir dich angehen, mich betreffen von dem, was dich trifft. Bin interessiert an deinem Leben und nehme mir deine Not zu Herzen. Ja, ich lasse mich von dir in Mitleidenschaft ziehen, will nicht apathisch sein, will es lernen, mit dir zu fühlen.

»Ich kann dich gut leiden« – die Passionszeit erinnert Jahr für Jahr ­daran, dass Gott der Welt diese Sympathieerklärung gemacht hat, nicht nur mit Worten, sondern leibhaftig. In Jesus von Nazareth wird Gott zum ­irdischen Sympathisanten der Schöpfung. Diese leibhaftige göttliche Leidenschaft verbindet der Hebräerbrief, in dem auch der Predigttext für den Sonntag »Judika« steht, mit einem ­Beruf, der aus der Geschichte Israels vertraut ist: Jesus ist »der große Hohepriester«. Was aber hat es mit diesem Amt auf sich?

Wer als Hohepriester in Israel amtiert, steht stellvertretend für andere vor Gott. Von seinem Dienst hängt es ab, ob sein Volk unbeschwert in die Zukunft gehen kann oder belastet bleibt von seiner Schuld. Mit seinen Opfergaben resozialisiert er sein Volk Gott gegenüber und untereinander. Einen solchen Versöhnungsdienst kann nur ausüben, wer mitfühlt mit der Schwäche seiner Mitmenschen, wer mitleidet an ihren Fehlern und Irrwegen, betroffen ist von ihrer Schuld.

Aber muss ein Priester denn nicht von Natur aus mitfühlend sein? Er ist ja auch nur ein Mensch, unvollkommen wie wir alle, bedürftig der Vergebung. Wie sollte, wer um sein eigenes Unvermögen weiß, nicht Mitgefühl für andere haben?!

Doch genau dies gilt für Jesus nicht: Er, der Mensch gewordene ­Gottessohn, hat ja von Haus aus keine Erfahrung mit Schuld und Sünde, kennt keine Schwäche am eigenen Leib, ist selbst frei von allem Bösen. Wird er von Gott berufen, Hohepriester zu sein, also Sympathisant von Amts wegen, dann setzt dies einen bisher ungekannten Lernprozess voraus. Was er nicht aus eigener Verschuldung und Bedürftigkeit kennt, muss er zuallererst erlernen, indem er sich ganz und gar betroffen machen lässt vom Leiden derer, für die er eintritt und denen er dient. Jesus lernt bitten und flehen, weinen und schreien, seufzen und klagen. Jesus entlässt Gott nicht aus der Verantwortung für die Not der Welt, sondern zieht Gott in Mitleidenschaft.

Und so übt Gott selbst in Jesus ­hohepriesterliche Sympathie, erfährt am eigenen Leib eine Passion, die ­tiefer geht als je das Mitleiden eines anderen Priesters. Denn in diesem priesterlichen Dienst wird der Opferer selbst zum Opfer. Die Mitleidensfähigkeit dieses Hohepriesters, seine Selbstbetroffenheit durch frem­de Not, reicht bis zur eigenen Lebenshingabe.

Jesus gibt sein Leben hin, damit es nie wieder eines Opfers für die Verfehlungen bedarf, damit ein für alle Mal der Abgrund zwischen Gott und Mensch, den die Sünde gerissen hat, überbrückt ist, damit nie wieder ein Mensch sich aufopfern muss.
Mit dieser Sühnopferdeutung des Kreuzestodes Jesu ist unendlich viel Schindluder getrieben worden: Statt das Ende aller Opfer im Namen Gottes zu feiern, machten Passionslieder aus dem Bekenntnis zur Lebenshingabe Jesu eine knechtende Lehre, zwangen Menschen in die Opferrolle und ins Leiden: »Ich will ans Kreuz mich schlagen …« Statt dazu zu verhelfen, Unterdrückungssituationen aufzudecken und Unrecht beim Namen zu nennen, verschleierten Karfreitagspredigten menschenunwürdige Lebensverhältnisse oder gaben sie gar als gottgewollt aus. Muss es da noch verwundern, wenn manche Zeitgenossen freimütig bekennen: »Für mich hätte er nicht sterben brauchen!«?

Hätte Gott, so fragen sich manche, die Befreiung der Menschen nicht auch anders bewerkstelligen können? Wäre es nicht auch ohne diese stellvertretende Lebenshingabe gegangen? Wenn es uns überhaupt möglich ist, auf diese Fragen eine Antwort zu geben, dann muss sie wohl lauten: Es geschah um all’ der anderen Opfer willen, um ihrer Anerkennung und Würdigung und Heilung willen, dass Gott sich in der Person des eigenen Sohnes selbst in die Opferrolle begibt, dass ihm wie ihnen angst und bange ums Herz ist, dass er wie sie weint und schreit, klagt und fleht. Gott wird in ­Jesus selbst zum Opfer, um alle, die unter die Räder gekommen sind, zurechtzubringen und zu heilen.

Magdalene L. Frettlöh

Die Autorin ist promovierte Theologin und Rektorin des Kirchlichen Fernunterrichts der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und Privatdozentin für Systematische Theologie an der Ruhr-Univer­sität Bochum.

Literaturempfehlungen

• Frettlöh, Magdalene L.: Worte sind Lebensmittel, Kirchlich-theologische Alltagskost,
EREV-RAV, 193 S., ISBN 978-3-932810-38-1, 16,00 Euro

• Frettlöh, Magdalene L.: Gott, wo bist du? Kirchlich-theologische Alltagskost Band 2,
EREV-RAV, 240 S., ISBN 978-3-932810-43-5, 16,00 Euro

• Frettlöh, Magdalene L./Knigge, Volkhard: Wo war Gott in Buchenwald?
Wartburg Verlag, 40 S., ISBN 978-3-86160-237-8, 5,00 Euro

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