Kleine Hände ernten Kaffee

6. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Guatemala: Nur durch die Mitarbeit der Kinder können die Tagelöhner auf den Kaffeeplantagen überleben

Kaffeekult ist »in«: Verschiedene Sorten, unterschiedliche Röstungen, moderne ­Espressoautomaten sorgen für guten Geschmack – aber längst nicht immer für ein gutes Gewissen.

Kinderarbeit gehört zum Alltag auf Guatemalas Kaffeeplantagen. In diesen ­Tagen endet die diesjährige Erntesaison. Foto: Andreas Boueke

Kinderarbeit gehört zum Alltag auf Guatemalas Kaffeeplantagen. In diesen ­Tagen endet die diesjährige Erntesaison. Foto: Andreas Boueke

Die Hose des achtjährigen Miguel, hat mehrere Löcher, eins direkt über der linken Pobacke. Entweder hat er das noch nicht bemerkt oder es ist ihm egal. Wenn er sich reckt und streckt, um an die ­hohen Kirschen der Kaffeepflanzen zu gelangen, kann man sowieso sehen, dass er keine Unterhose trägt. »Manchmal sind wir richtig wütend,« schimpft er. »Es gibt Tage, da haben wir nicht genug zu essen. Dann tut uns der Magen weh.«

Miguel erntet Kaffee auf der Finca San Jaime im Osten des mittelamerikanischen Landes Guatemala. Bei der Ernte hat er sich einen Unterarm blutig gekratzt. Nun sitzt er im Schatten eines Kaffeestrauchs und leckt über die Wunde. »Manchmal hängen nur wenige Kirschen am Strauch,« sagt er. »Dann strengst du dich fast umsonst an.«

Miguels Bruder, der vierzehnjährige José, wischt sich mit einem schmutzigen Handrücken den Schweiß aus der Stirn. Er findet es nicht in Ordnung, dass kleine Kinder in der Hitze stehen und Kaffee ernten müssen. »Aber nur wenn wir alle ­zusammen arbeiten, wird es uns ­vielleicht eines Tages besser gehen,« glaubt er.

Der Fincabesitzer
Josés Mutter, Doña Marta, hält es für normal, dass alle ihre Kinder von klein auf arbeiten. Auch Doña Marta hat schon als kleines Mädchen gearbeitet. »Wir kämpfen mit den Kindern ums Überleben. Es geht ja nicht anders. Die Kleinen müssen das Arbeiten ­lernen, um Geld zu verdienen« Während Doña Marta spricht, schaut sie schüchtern auf den Boden. An ­ihren schmutzigen, mit Risswunden übersäten Füßen trägt sie einfache Plastiksandalen mit kaputten Riemen. »Ich sage meinen Kindern, dass sie hart sein müssen. Das tut mir weh, aber so ist das Leben.«

Dem Besitzer der Finca San Jaime, Don Jaime Bonifaz, gehören zahlreiche Ländereien im Westen Guatemalas. Er ist 64 Jahre alt, hat graues Haar und einen auffällig dicken Bauch. Aber er ist fitt und unternehmungslustig. Auf seinen Reisen nach Europa und in die USA verhandelt er mit ­Geschäftspartnern und genießt das Nachtleben von Miami und Rotterdam. Die Finca San Jaime ist der zentrale Standort des Landbesitzes von Jaime Bonifaz. Dort betreibt er auch eine Weiterverarbeitungsanlage für Kaffee, von der aus jedes Jahr rund fünfzigtausend Sack Kaffee in die Welt geschickt werden.

Der Lohn

Die Tagelöhner auf der Finca San Jaime bekommen 36 Quetzal für das Pflücken von vier Kisten voll Kaffeekirschen. Das sind etwa drei Euro für hundert Pfund. Soviel kann ein ausdauernder Arbeiter an einem Tag pflücken, aber nur, wenn die Bedingungen günstig sind. Mit der Hilfe seiner ­Kinder schafft er natürlich mehr.

Doña Marta und ihre beiden Söhnen haben an diesem Tag nur knapp zwei Euro verdient. José ist enttäuscht. »Es werden so 24, 26 Quetzal sein, ­obwohl wir zu dritt gepflückt haben. Aber zum Essen brauchen wir fast 30, 40 Quetzales. Es reicht also nicht.«
Ein Liter Milch kostet in Guatemala fast einen Euro. Auch Fleisch ist teuer. Das kann sich Doña Marta nur selten leisten. Dafür sind frisches Obst und Gemüse günstig. Aber der Warenkorb für eine ausreichende Ernährung, so wie ihn das Kinderhilfswerk UNICEF beschreibt, steht Doña Marta nie zur Verfügung. Sie verdient ja nicht einmal den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn, und selbst der liegt weit unter dem Existenzminimum.

Der Verwaltungsassistent der Finca, Don Camilo, gesteht unumwunden ein, dass er den Tagelöhnern zu wenig zahlt: »Sie bekommen weniger als den Mindestlohn und das auch nur während der Erntezeit. Den Rest des Jahres gibt es keine Arbeit. So gesehen geht es ihnen hier zur Zeit noch gut. Richtig hart wird es erst wieder, wenn die Ernte vorbei ist.«

Kurz bevor die Sonne untergeht schleppen die Erntearbeiter ihre gefüllten Säcke aus allen Winkeln der Kaffeefelder bis zu einer Wegkreuzung, an der sie sich in eine Wartereihe hinter einem Lastwagen stellen. Auf der Ladefläche steht Don Camilo mit einem Schreibblock unterm Arm. Darin sind alle Familien registriert, die auf der Finca arbeiten. Hinter den ­Namen trägt er die jeweiligen Ernte­ergebnisse ein. Meist entscheidet Don Camilo nach Augenmaß über das ­Gewicht der Kaffeesäcke. Doch wenn er es genau wissen will, werden die Kaffeekirschen nach und nach in eine Holzkiste gefüllt, in die angeblich genau 25 Pfund passen.

Der faire Handel
Der junge Mann räumt ein, dass er nicht immer das exakte Gewicht in sein Heftchen notiert: »Wenn sich jemand nicht ordentlich benimmt, schreibe ich nicht alles auf. Zum Beispiel versuchen manche, mich reinzulegen, so wie der Mann dort drüben. Er hat gesagt, in seinem Sack seien fünf Kästen voll. Wir haben das überprüft. Es waren nur vier. Er wollte uns also bestehlen.« Die meisten Pflücker können weder lesen noch rechnen. Außerdem wissen sie, dass es sich nicht lohnt, einen Streit anzufangen.

In Deutschland interessieren sich zunehmend mehr Kaffeekonsumenten für die Arbeitsbedingungen der Erntearbeiter auf den Plantagen. In einigen Fällen kaufen die Betreiberfirmen der Kaffeebars die Bohnen direkt bei Kleinbauerkooperativen in den Anbauländern. So werden Zwischenhändler ausgeschaltet und die Produzenten bekommen einen sehr viel besseren Preis ausbezahlt. Ähnlich funktioniert das Prinzip des fair gehandelten Kaffees mit dem TransFair-Gütesiegel.

TransFair-Produkte werden heute in den meisten Supermarktketten sogar angeboten. So haben die Konsumenten in Deutschland die Möglichkeit, die Lebensbedingungen einiger kleiner Kaffeeproduzenten und ihrer Familien deutlich zu verbessern. Doch noch immer ist der faire Handel letztlich nicht viel mehr als eine kleine Marktnische. In Deutschland gibt es ihn sein 1970, mit dem mageren Ergebnis, dass heute zwei bis drei ­Prozent des Kaffees fair gehandelt wird.

Andreas Boueke

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Reaktionen unserer Leser

10 Lesermeinungen zu “Kleine Hände ernten Kaffee”
  1. Davina sagt:

    das ist eine schweinerrei

  2. Kim sagt:

    Ich wünsche den Leuten dann einen feinen genuss bei ihrer nächsten Tasse Kaffee.

  3. Florian sagt:

    ich bin total gegen kinderarbeit!!!

  4. Miriam sagt:

    Hallo Florian, dann mach doch mal einen Vorschlag wie es besser werden kann.

  5. Vivian sagt:

    Ich finde es gut, dass es überhaupt diese “Marktnische” wie sie bezeichnet wird gibt. Klar ist, dass noch viel zu Tun ist und viele Milleniumsentwicklungsziele zu erreichen sind. Aber man sollte nicht immer so negativ sein. Wenn man versuchen würde das Interesse der Menschen im Westen zu wecken könnte man einiges erreichen. Viele Menschen wissen nicht einmal, dass es so etwas wie “Eine Welt ” Läden gibt. Dann ist es doch verständlich, dass sich die Umstände nur minimal verändern.

  6. Florian sagt:

    @Miriam ich bin schon am überlegen was man dagegen machen kann. aber es ist schwer eine Lösung zu finden.

  7. Burkhard sagt:

    Woher wissen die Schreiberlinge dass sich der Don Jaime in Rotteram und Miami vergnügt. Naja, er wird es ihnen verraten haben.
    Ich will weiter billigen Kaffe trinken. Die Welt ist nun mal ungerecht und wir werden sie nicht verändern. Seien wir froh dass wir auf der richtigen Seite der Welt geboren wurden.
    Wenn Sie hier in Deutschland krank werden, alles verlieren, und sterben, dann wird sich auch keiner dieser kleinen Kaffeepflücker um Sie kümmern.
    Das ist doch alles gutmenschliche Gewissensberuhigung.
    Wenn man es wirklich ernst nehmen würde, dann müsste man so viele mehr Menschen helfen, dann würde man verarmen. So bleibt doch alles ein wirkungsloser Tropfen auf den heißen Stein, der nur der Beruhigung des eigenen Gewissens dient.
    Wenn diese Armen es nicht aus eigener Kraft schaffen sich in ihren Ländern eine Gesellschaft aufzubauen, die lebenswert ist und genug Wohlstand produziert, dann sind die Almosen des Westens nichts wert. Egal ob nun in Afrika oder Südamerika. Die Menschen müsses es im Endeffekt selber schaffen.

  8. Uwe sagt:

    “Die Welt ist nun mal ungerecht”
    Nicht die Welt, sondern unser System. Oder wie Jesus sagte:
    “Wir können nicht Gott und dem Mammon dienen.”
    Jesus hat auch bereits vor 2000 Jahren verkündet, dass genug für alle da ist. Es ist nur ungerecht verteilt. Darunter leiden wir auch.
    Burkhard widerspricht somit den Lehren Jesu. Und wenn er nicht gerade zu den Profiteuren zählt, schadet er sich auch selbst. Gottes gerechte Gesellschaft (entsprechend der Bergpredigt) können wir nur gemeinsam aufbauen.

  9. Harald sagt:

    “Gottes gerechte Gesellschaft (entsprechend der Bergpredigt) können wir nur gemeinsam aufbauen.” – Da stimme ich voll zu. Das heißt aber auch, das wir die Ursachen erkennen müssen, warum die Welt so ist wie sie derzeit ist. Solange wir an den Auswirkungen rumdocktern wird nichts besser. Wir müssen die Eigentumverhältnisse mal genau betrachten (die ERDE ist Gottes Eigentum) und unser Zinsgeldsystem.
    mfg

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  1. [...] Guatemalas ebenfalls Kinder, wie z.B. die Mitteldeutschen Kirchenzeitungen in ihrem Artikel “Kleine Kinder ernten Kaffee” [...]