Partnerschaft auf Augenhöhe

27. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Mission heute: Hans-Georg Tannhäuser ist im Leipziger Missionswerk neuer Referent für Papua-Neuguinea

Die protestantische Kirche in Papua-Neuguinea ist nicht zuletzt durch deutsche Missionare entstanden. Heute hat das Leipziger Missionswerk (LMW) feste Verbindungen in das Pazifikland.

Aidsaufklärung gehört zu den sozialdiakonischen Projekten der Evangelisch-Lutherischen Kirche von Papua-Neuguinea, Unterstützung kommt dazu auch aus Leipzig. 	Fotos: LMW

Aidsaufklärung gehört zu den sozialdiakonischen Projekten der Evangelisch-Lutherischen Kirche von Papua-Neuguinea, Unterstützung kommt dazu auch aus Leipzig. Fotos: LMW

Seit November des vergangenen Jahres ist der sächsische Pfarrer Hans-Georg Tannhäuser als neuer Referent für Papua-Neuguinea beim Leipziger Missionswerk tätig. Zu dem seit 1975 unabhängigen Land hat der 1958 im vogtländischen Klingenthal Geborene allerdings schon länger gute Beziehungen. Immerhin war er von 1994 bis 1998 als Missionar des LMW im südlichen Hochland des Landes tätig. Nicht als Missionar im klassischen Sinne, der mit der Bibel in der Hand Heiden bekehrt und zugleich die westliche Kultur verbreitet. Vielmehr unterstützte Tannhäuser die Aus- und Weiterbildung einheimischer Christen innerhalb der örtlichen LMW-Partnerkirche.

Zur Partnerkirche, der Evangelisch-Lutherische Kirche von Papua-Neuguinea (Evangelical Lutheran Church of Papua New Guinea – ELC-PNG), gehören rund eine Million der insgesamt etwa 5,9 Millionen Einwohner. Sie ist damit die größte lutherische Kirche Asiens und gehört seit 1976 zum ­Lutherischen Weltbund. Ihr Einfluss in der Gesellschaft sei hoch und ihr ­öffentlicher Ruf gut, berichtet Tannhäuser. Das hänge damit zusammen, dass sich die ELC-PNG durch sozial-diakonische Projekte stark für gesellschaftliche Belange und Probleme engagiert.

Insgesamt rechnet man, dass heute ca. 60 Prozent der Bevölkerung protestantischen Kirchen angehören. Rund 30 Prozent gehören zur katho­lischen Kirche. Im Gegensatz zu ­mancher Kritik aus den nördlichen Ländern, in der Mission als »kulturzerstörend« gesehen wird, sähen die Papua-Neuguineer diese erfolgreiche Glaubensverbreitung überaus positiv, berichtet Tannhäuser. Sie habe einen wichtigen Beitrag zur Gemeinschaftsbildung im Lande geleistet. Denn die Gesellschaft besteht bis heute aus fast 800 unterschiedlichen Ethnien mit fast ebenso vielen Sprachen. Ein ­ungesunder Ahnenglaube, Angst vor bösen Geistern und eine Kultur der gegenseitigen Rache seien der Grund für die selbst gewählte Isolation von Clans und Stämmen in den Tälern ­gewesen, so Tannhäuser. Der andere Stamm, das andere Dorf wurde als Feind, als Konkurrent gesehen. Für das Zurückdrängen dieser Kultur durch das Christentum und dessen Sicht des Nächsten als gottgeliebten Menschen und Bruder seien die Einheimischen bis heute dankbar.

»Eine echte Partnerschaft auf Augenhöhe leben«, nennt der Referent denn auch als Leitbild der weiteren Hilfe des LMW für die Partner­kirche. Ein Schwerpunkt wird dabei in den nächsten Jahren die Aus- und Weiterbildung bleiben. Sechs Ausbildungsstellen der Partnerkirche, in denen Pfarrer, Jugendarbeiter und Mitarbeiterinnen für die Frauenarbeit geschult werden, erhalten konkrete Förderung. »Technik im Dienst des Evangeliums« heißt ein weiterer Schwerpunkt, bei dem es vor allem um Unterstützung im Computerbereich geht. Mit Robert Vogel ist seit rund zwei Jahren ein junger sächsischer IT-Techniker im Land tätig, da auch in Papua-Neuguinea die Vernetzung von Projekten und Mitarbeitern über das Internet immer wichtiger wird. Und bei dem besonders von sächsischen Christen unterstützten Projekt »Solarlampen für Hochgebirgsdörfer« fühlt sich das Missionswerk auch nach Abschluss für die Folgekosten verantwortlich. Dazu gehöre etwa der Austausch defekter Akkumulatoren.

Doch Partnerschaft ist keine Einbahnstraße. Die Leipziger erwarten deshalb im kommenden Jahr Besuch aus verschiedenen Partnerländern, auch aus »PNG«. Im Rahmen des Projektes »Mission to the North« werden die Gäste zum 175-jährigen Bestehen des LMW im Jahr 2011 einen Blick hinter die Kulissen der deutschen Kirchen werfen und ihre Beobachtungen und Erfahrungen zum Thema Mission einbringen. »Da können wir mit Sicherheit viel lernen«, ist Tannhäuser überzeugt.

Harald Krille

www.lmw-mission.de

Frei werden für Gott und den Nächsten

27. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Über die Bedeutung und die Gefahren des Fastens

FastenIn den vergangenen Jahrzehnten ist das Fasten im Rahmen der evangelischen Spiritualität wiederentdeckt worden. Die Überernährung entwickelte sich in den Industriegesellschaften seit den 1960er Jahren mehr und mehr zu einem Problem. Diät- und Fastenkuren boten sich als Ausweg an. Dazu kam, dass trotz fortschreitender Entkirchlichung die Sehnsucht nach geistiger – »spiritueller« – Heilung zunahm. Die traditionelle Schulmedizin befriedigte viele Zeitgenossen nicht mehr. So war der Boden bereitet für das Fasten als ganzheitliche Übung, die eine gesundheitliche, eine spirituelle und eine sozial-politische Dimension umfasst. Tatsächlich gibt es Fasten nur im Dreierpack! Es ist hier nicht der Ort, um die positiven Auswirkungen des Fastens auf den menschlichen Organismus zu entfalten, die weit über das Moment der Entschlackung hinausgehen. Auch der sozial-politische Aspekt des Fastens soll nur kurz bedacht werden: Schon das Alte Testament warnt davor, das Fasten losgelöst vom Dienst am Nächsten zu betrachten (Jesaja 58,1-12).

Jesus verschärft diese Kritik am Fasten als selbstzentrierte religiöse Übung noch (Matthäus 6,16-18). Zum Fasten gehört vielmehr untrennbar die Ausrichtung auf den Nächsten. Von daher besitzt das Fasten, als politisches Mittel gebraucht, durchaus eine biblische Begründung. Allerdings verkommt es zum Druckmittel in der tagespolitischen Auseinandersetzung, wenn seine spirituelle Dimension ausgeblendet wird.

Biblische Aussagen weisen darauf hin, dass das Fasten die Ernsthaftigkeit des Gebets unterstützt und damit seine Wirksamkeit erhöht (Ester 4,16f.; Markus 9,29). Es fördert die Sensibilität für Gottes Wort und seinen Willen (5. Mose 9,9; Daniel 10,1ff.; Matthäus 4,1-17). Daneben beeinflusst es die Selbstsicht des Fastenden. Beim Fasten legt der Mensch Ersatzbefriedigungen aus der Hand, die ihn betäuben und blind machen gegenüber sich selbst. Dadurch lernt er, sich so zu sehen, wie er wirklich ist, und braucht nicht länger vor sich selbst davonzulaufen. Indem der Fastende seine Wünsche und Begierden aus der Hand gibt, macht er deutlich, dass letztlich allein Gott selbst seinen Hunger und seine Sehnsucht nach Leben zu stillen vermag. Im Fasten gewinnt der Mensch Raum für Neues. Er wird frei zur Buße, für Umdenken und Umkehr als Grundakte des Evangeliums.

In den vergangenen Jahren ist eine Reihe von Formen des spirituellen Fastens erprobt worden. Die traditionelle 40-tätige Fastenzeit vor Ostern hat im evangelischen Raum durch die Aktion »7 Wochen Ohne« neue Bedeutung gewonnen. Während dieser Zeit kann auf die unterschiedlichsten Gewohnheiten verzichtet werden: auf Alkohol, Fernsehen, Süßigkeiten, Fleischgenuss. Daneben bietet sich die Karwoche für den Verzicht auf Nahrungsaufnahme zur Vorbereitung auf die Osterzeit an. Auch Formen gemeinsamen Fastens von Kirchenvorständen sind möglich, z. B. wenn schwerwiegende Probleme in der Gemeinde auftreten.

Allerdings sollte nicht verschwiegen werden, dass dem Fasten eine Reihe von Gefahren drohen. Bisweilen lässt sich eine neue Gesetzlichkeit beobachten. Anstatt die Freiheit zu fördern, führt das Fasten zur Unfreiheit: Wer bei der Aktion »7 Wochen Ohne« nicht mitmacht, muss sich ­inzwischen fast dafür entschuldigen. Wer in der Fastenzeit mit Freunden ein Glas Wein trinkt, muss permanent neue Ausreden ersinnen. Eine weitere Gefahr des Fastens liegt darin, dass die Angst, etwas Gesundheitsschädliches zu essen, zum beherrschenden Motiv wird. Das ist angesichts permanenter Lebensmittelskandale zwar verständlich; dennoch darf dieses Motiv für ein spirituell verstandenes Fasten nicht ausschlaggebend sein. Problematisch ist das Fasten auch dort, wo mit ihm eine Verneinung des Leibes verbunden ist. Hier wird leicht die Grenze zur Bulimie überschritten.

Schließlich kann das Fasten durch Lebensverneinung motiviert sein. Weil so viele Menschen hungern müssen, gönnt man sich selbst nichts mehr. Auf diese Weise zerstört das Fasten die Dankbarkeit gegenüber Gott für die schönen Lebensmittel, die er uns täglich schenkt. Gegenüber all diesen Motiven darf beim spirituell verstandenen Fasten nicht vergessen werden, dass das Neue Testament im Gegensatz zur Abwertung des Körpers in der griechischen Philosophie eine bemerkenswerte Aufwertung des Leibes ­erkennen lässt (1. Korinther 6,12-20). Das spirituell verstandene Fasten sollte aus einer positiven Grundmotivation gespeist sein: wieder freier zu werden für Gott und den Nächsten.

Peter Zimmerling

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie an der Universität Leipzig.

Bei Bachs Nachbarn

26. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Museum zu Leben und Wirken Johann Sebastian Bachs in Leipzig wieder eröffnet

Tonröhre: Aus raumhohen Rohren ertönt bei Berührung Orgelklang - ein Teil der vielfältigen Klanginstallationen im neueröffneten Museum. Foto: Bachmuseum

Tonröhre: Aus raumhohen Rohren ertönt bei Berührung Orgelklang - ein Teil der vielfältigen Klanginstallationen im neueröffneten Museum. Foto: Bachmuseum

Der Besucher ist zwar nicht bei Johann Sebastian Bach zu Hause. Der große Komponist und Thomaskantor ist aber dennoch allgegenwärtig – im Haus seiner damaligen Nachbarn. Im Leipziger Bosehaus, benannt nach dem Eigentümer und Bach-Freund Georg Heinrich Bose, ist seit 1985 das Bach-Museum der Stadt beheimatet. Nach zweijähriger Bauzeit, in der bei den Nachbarn angebaut wurde, wurde es am Sonnabend, den 20. März wieder eröffnet.

Das Museum habe dort den richtigen Platz, sagt Museumsleiterin Kerstin Wiese. Bachs seien oft zu Gast bei den Boses gewesen. Anna Magdalena, die zweite Frau Bachs plauschte hier mit ihrer »Herzensfreundin«, die Männer mögen gemütlich im barocken Lustgarten gesessen haben.

Nun hat das Haus zwei klimatisierte Räume erhalten. Dort sollen originale Handschriften Bachs aus dem eigenen Archiv sowie Sonderausstellungen mit Leihgaben aus der Berliner Staatsbibliothek gezeigt werden, erklärt Wiese. Sie sind neben neu entdeckten Exponaten die Höhepunkte des neuen Museums.

Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750), dessen 325. Geburtstag am 21. März gefeiert wurde, wohnte selbst in der Thomasschule gegenüber dem Bosehaus. Das Gebäude an der Thomaskirche steht heute nicht mehr. Trotzdem bekommt der Besucher im neuen Bach-Museum eine Vorstellung von der Nachbarschaft im alten Leipzig. Der Raum, in dem es um das Privatleben des Musikers geht, schaut durch ein Fenster direkt dorthin, wo Bach wohnte. Das Bachsche Privat­leben war dabei durchaus turbulent mit gelegentlichen Dramen, erzählt Wiese. 20 Kinder brachten die beiden Frauen Bachs insgesamt zur Welt. Nur zehn davon überlebten allerdings das Kindesalter. Und nicht alle machten Bach nur Freude.

Johann Gottfried Bernhard – dritter Sohn Bachs und seiner ersten Frau Maria Barbara – zum Beispiel trat als Thomasschüler und begabter Musiker zunächst offenbar in die Fußstapfen der Familie Bach, in der seit jeher Musiker zu finden waren. Dann aber machte der Jugendliche Schulden und verließ Hals über Kopf die Stadt. Die Gläubiger klingelten beim Thomaskantor, dessen aufgebrachte Briefe nun im Museum zu sehen sind. Erst viel später erfuhr der Vater, dass sein Sohn inzwischen ein Jura-Studium in Jena begonnen hatte.

Das Leipziger Museum setzt sich vor allem aber mit dem musikalischen Schaffen Johann Sebastian Bachs auseinander, auf den ein Großteil geistlicher Kantaten, Oratorien oder der gerade jetzt vielfach aufgeführten Passionsmusiken zurückgeht. Dabei widmet sich je ein Raum einer Facette des vielseitigen Künstlers: dem Organisten Bach, dem Hofmusiker Bach, dem Komponisten und Kantor Bach.
Bachs Leipziger Zeit gilt als seine produktivste und nachhaltigste. Diesem Lebensabschnitt ist deswegen auch der größte Raum gewidmet. Auf einem auf den Boden gedruckten Stadtplan wandelt der Besucher in Gassen und auf Plätzen durch den Alltag des Komponisten und klickt sich an den entsprechenden Stationen auf kleinen Bildschirmen durch historische Ansichten und Informationen zur Bedeutung der Orte im Komponistenleben.

Neben dem als Dauerleihgabe ausgestellten Spieltisch der Orgel der alten Leipziger Johanniskirche, die Bach auf ihren Klang geprüft haben soll, und einer neu entdeckten Geldkassette der Familie Bach gehören mehrere Autographe zu den Höhepunkten der Ausstellung.

Augenfällig in allen Räumen des Museums sind die zahlreichen Kopfhörer. Die Hörstationen sollen dem Besucher an Bachs Karriere entlang einen Eindruck seiner musikalischen Entwicklung geben, erläutert Museumsleiterin Wiese. Der Besucher lauscht an raumhohen Metallrohren, die durch Berühren Orgelmusik von sich geben. Im abgegrenzten Hörkabinett kann sogar das gesamte Werk des Komponisten abgerufen werden, erklärt Wiese.

Corinna Buschow (epd)

Abschied vom Sühneopfer?

26. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Jesus am Kreuz

Diskussion: Seit Jahren gibt es theologischen Streit um die Vorstellung vom Sühneopfer Jesu – Pro und Kontra

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Jörns_Klaus-PeterPRO: Prof. Dr. Klaus-Peter Jörns lehrte bis zu seiner Emeritierung 1999 Praktische Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Wer die Hinrichtung Jesu am Kreuz deuten will, muss sagen, von welchem Gottes- und Menschenbild er ausgeht. Ich setze bei dem an, was ich aus Verkündigung und Leben Jesu wahrgenommen habe. Da steht die wirklich bedingungslose Liebe Gottes im Zentrum. Diese Liebe kommt ganz aus sich selbst, braucht also keinerlei Vorleistungen, auf die sie (nur) Antwort wäre. Sie gilt den Menschen, die Jesus als »mühselig und beladen« erlebt hat, und will sie »erquicken« (Matthäus 11,28). Denn Jesus geht davon aus, dass das Leben – gerade der Menschen, die gut sein wollen – unendlich schwer ist. Weil jeder mit Schmerzen lernt, Gut und Böse zu unterscheiden und darin Gottes Arbeit zu tun (1. Mose 3,22!!), muss er es auch ein Leben lang. Gottes Gebote wollen deshalb nicht eine ab­strakte Gerechtigkeit durchsetzen, sondern haben eine helfende Funktion: Sie sind für uns Menschen als Segen und Wegweisung da (Markus 2,27) und nicht, um unseren Gehorsam zu erproben. Sie werden pervertiert, wenn sie gegen uns verwendet werden. So markiert Jesus eine Äonenwende.

Der Mensch ist bei Jesus nicht »böse von Jugend auf«, nicht gottfeindlicher Sünder: Jesus spricht den Kindern das Himmelreich zu! Unsere Sterblichkeit ist keine Strafe, sondern geschöpflich, wegen der Gottesbeziehung ist der Tod ein Tor zu anderem Leben. Gott erweist seine Gerechtigkeit nicht, indem er jedem gibt, »was er verdient hat«. Jeder soll bekommen, was er zum Leben braucht – auch wenn seine Defizite selbst verschuldet sind (Lukas 15,11-32). Die unbedingte Liebe Gottes will für seine Geschöpfe Leben und Würde. Also gibt es für den irdischen Jesus nichts Wichtigeres als die Vergebung – als Bitte um und Bereitschaft zur Vergebung. Vergebung ist Geschenk der Verletzten. Deshalb steht in der Mitte des Vaterunser eine doppelte Vergebungsbitte. Längst vor seinem Tod hat Jesus diejenigen, die durch Vergebung Frieden stiften, als Söhne und Töchter Gottes gepriesen (Matthäus 5,9). Seine Verkündigung ist der leidenschaftliche Protest gegen die alte Idee, die Paulus und andere wieder auf Jesu Tod angewendet haben, um aus der Schande seiner Hinrichtung eine Heilstat zu machen: »Vergebung ohne Blutvergießen ist nicht möglich« (Hebräer 9,22). Doch, sagt Jesu Evangelium: als Antwort auf Gottes Liebe! Wegen dieser inneren Kontroverse kommt Jesu Leben weder bei Paulus noch im Apostolischen Glaubensbekenntnis vor.

Wir sind Gott nicht dadurch wichtig, dass jemand für unsere Sünden blutige Sühne geleistet hätte. Wer Gott um Vergebung bittet, wird sie bekommen und kann sie weitergeben an ­andere. Für diese Botschaft hat Jesus gelebt und sich umbringen lassen. Er hat den zornigen Gott überwunden und Vergebung von Kult und Priesteramt gelöst. Sie ist Ausdruck der Menschenwürde geworden. Auch damit hat Jesus eine Äonenwende eingeleitet – deren ganzer Segen allerdings noch auf uns wartet. Denn die Kirchen haben Jesus bis heute nur selten geglaubt, dass aus tödlicher Gewalt kein Heil kommen kann – auch dann nicht, wenn man sie »heilige Gewalt« nennt. Mit Gewalt kann man Angst einjagen und Gehorsam erzwingen, aber weder Vertrauen und Glauben wecken oder die Welt verändern. Es ist Zeit, dass wir den Jesusweg wieder ernst nehmen.

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Bohl_JochenKONTRA: Jochen Bohl ist ­Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens und ­Mitglied im Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Christus starb für unsere Sünden – das ist eine zentrale Aussage des Neuen Testaments, aber mit dieser Deutung des Geschehens auf Golgatha haben viele Menschen Schwierigkeiten. Diese Fremdheit spielte schon in den ersten Jahren der Christenheit eine Rolle, und Paulus selbst hat das Wort vom Kreuz als Ärgernis und Torheit bezeichnet. In unserer Gegenwart scheint der Graben zwischen dem Glaubenssatz und dem Lebensgefühl aber besonders tief zu sein: Heute ­sehen sich viele Menschen zuallererst als freie und selbstbestimmte Personen, die ihr Leben nach den eigenen Überzeugungen gestalten. Wozu sollten sie ein Opfer anderer brauchen? Und gar zur Versöhnung mit Gott?

Die Bibel aber geht davon aus, dass Opfer notwendig sind und gebraucht werden, damit das Leben heil werden kann. Tatsächlich kann ja keine Rede davon sein, dass die Beziehungen zwischen den Menschen durchweg gelingen würden, sodass sie einander nichts schuldig wären. Die Widerständler gegen die nationalsozialis­tische Gewaltherrschaft um die Geschwister Scholl oder die Verschwörer des 20. Juli wussten um die Gefahr, in die sie sich begaben und haben ihr Handeln durchaus als Opfer verstanden.

Menschen werden aneinander schuldig, und das biblische Verständnis des Opfers steht in engem Zusammenhang mit dieser Tatsache. Man wird ihm nicht gerecht, wenn man von der Realität der Sünde schweigt, der Entfremdung von Gott. Sie ist der Grund für das Scheitern des Lebens, für Entfremdung und Gewalt. Im Alten Testament lesen wir, wie durch die Opferung eines Tieres im Tempel die gestörte Beziehung geheilt und der verhängnisvolle Kreislauf von böser Tat und Rache unterbrochen wird. Gott nimmt das Opfer gnädig an um der Menschen willen, die der Versöhnung bedürftig sind.

Auch im Neuen Testament geht es um die Tatsache, dass wir Menschen in die Sünde verstrickt sind und nicht in der Lage, uns von ihrer Macht zu befreien. Jesus bringt am Kreuz das letzte Opfer, ein für alle Mal. Der Nazarener hatte ja immer den Kontakt zu »Sündern und Zöllnern« gesucht, und ihnen einen Blick auf die Gnade Gottes ermöglicht. Wegen dieses Verhaltens wurde er aber als einer von ihnen angesehen; so kündigte sich in seinen Begegnungen am Rande der Gesellschaft an, dass Jesus den Tod des Sünders würde sterben müssen. Er starb ihn, und brachte so ein Opfer für die Sünder und erst recht für die, die sich frei von der Sünde wähnten.

Entscheidend dabei ist, dass nicht Gott versöhnt werden muss – es geht immer darum, dass die Menschen versöhnt werden! Gottes Zorn richtet sich auf die Sünde, nicht auf den ­Sünder. Ihm gilt seine vergebende Liebe, und darum bringt er in dem Kreuz Christi selbst das Opfer, das ­versöhnt und die Möglichkeit der Heilung eröffnet.

Ich will die großen Schwierigkeiten nicht übersehen, den Gedanken, dass Christus »für uns« gestorben ist, in der Moderne zu vermitteln. Aber es wäre ja töricht, den Reichtum des Glaubens immer dann zu verkürzen, wenn einzelne Elemente nicht mit dem Lebensgefühl der Zeit übereinstimmen. Das verbietet schon der Respekt vor der Heiligen Schrift, der ihr gerade dann zukommt, wenn ihre Aussagen uns fremd anmuten.

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Bücher zum Weiterlesen

Notwendige Abschiede: Mit diesem 2004 erschienen Buch legte Klaus-Peter Jörns den Grundstein seiner theologischen Kritik an zentralen Glaubensaussagen des Christentums. Die zentrale Forderung ist die nach dem Abschied von der Sühneopferdeutung des Todes Jesu. Sein Ziel ist dabei nach eigenen Worten nicht die Vernichtung, sondern eine Neuformulierung des Glaubens.
Jörns, Klaus-Peter: Notwendige Abschiede. Auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum, Gütersloher Verlagshaus, 272 Seiten, ISBN 978-3-579-06408-6, 24,95 Euro

Mehr Leben, bitte!: In diesem im vergangenen Jahr erschienenen Titel formuliert Jörns deutlicher denn je seine theologische Kritik am Kreuz und fordert ­erneut zum Gespräch über zentrale Glaubensinhalte heraus. Gleichzeitig liefert er ­allgemein verständliche theologische Meditationen über die zwölf wichtigsten Kirchenfeste – von Weihnachten bis zum Ewigkeitssonntag.
Jörns, Klaus-Peter: Mehr Leben, bitte! Zwölf Schritte zur Freiheit im Glauben, ­Gütersloher Verlagshaus, 224 Seiten,
ISBN 978-3-579-08048-2, 19,95 Euro

Der gekreuzigte Sinn: In dem Buch des promovierten bayerischen Pfarrers, der als apl. Professor Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg lehrt, steht der Opfertod Jesu im Mittelpunkt. Werner Thiede ruft allerdings nicht zum Abschied vom, sondern zum rechten Verständnis des Sühneopfers auf, in dem der dreieine Gott nicht Objekt, sondern Subjekt des Geschehens ist. »… ein bemerkenswert systematischer Entwurf und ein eindrucksvolles Zeugnis eines um Einsicht bemühten Glaubens …«, urteilte die Theologische Revue.
Thiede, Werner: Der gekreuzigte Sinn. Eine trinitarische Theodizee, Gütersloher Verlagshaus, 272 Seiten,
ISBN 978-3-579-08012-3, 29,95 Euro

Für mich gestorben!?: Jörg Rosenstock, Pfarrer in Bielefeld, kennt aus ­Gemeindearbeit sowie Religions- und Konfirmandenunterricht die kritischen ­Anfragen an den Opfertod Jesu. Gemeinsam mit den Fragenden hat er sieben Zugänge zum Kreuz erarbeitet. Allgemein verständlich richtet er sich damit an Christen wie Nichtchristen und natürlich an Seelsorger und Gemeindepädagogen.
Rosenstock, Jörg: Für mich gestorben!? Was hat Jesu Tod mit mir zu tun?, Luther-Verlag, 104 Seiten,
ISBN 978-3-7858-0574-9, 10,90 Euro

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Telefon (03643)246161

Die eingebildete Hässlichkeit

26. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Forschung: Bielefelder Wissenschaftler wollen die psychische Störung »Dysmorphophobie« ergründen

Sie selbst finden sich unansehnlich, obwohl ­andere an ihnen keinen ­Makel ­erkennen. Menschen mit Dysmorphophobie ­mögen ihr Spiegelbild nicht. Bis zu zwei Prozent der Bevölkerung ­leiden an dieser Störung.

Wissenschaftler erstellen mit Hilfe von Kameras und Computern Analysen der Blickbewegungen beim Betrachten eines fremden Gesichtes. Foto: epd-bild

Wissenschaftler erstellen mit Hilfe von Kameras und Computern Analysen der Blickbewegungen beim Betrachten eines fremden Gesichtes. Foto: epd-bild

Im Spiegel lauert ein grässliches Monster: »Ich habe nur sehr, sehr selten ‘ne so hässliche Kreatur wie mich gesehen«, schreibt ein Internet-Nutzer unter dem Namen »Raumschiff«. Ein weiterer Schreiber ergänzt: »Immer wenn ich mich sehe, werde ich total depressiv.« Er habe eine riesige, breite Nase, dazu kleine Augen, ein fettes Kinn und dünne Haare, führt er in einem Selbsthilfe-Internet-Forum zum Thema »eingebildete Hässlichkeit« aus. Und ein Mädchen, das sich Feney nennt, gesteht: »Ich hasse mein Spiegelbild einfach.«

Bis zu zwei Prozent der Bevölkerung leiden Schätzungen zufolge an der psychischen Störung »Dysmorphophobie« (etwa: »Angst vor Missgestaltung«). Die Erforschung der »eingebildeten Hässlichkeit« steckt jedoch noch weitgehend in den Kinderschuhen. In einem bundesweit einmaligen Projekt an der Universität Bielefeld wollen Psychologinnen nun herausfinden, ob Menschen mit einer solchen Störung andere Sehgewohnheiten haben. Mitte des Jahres sollen die ersten Zwischenergebnisse vorliegen.

»Menschen mit Dysmorphophobie sehen an sich einen Makel, der für ­andere nicht zu sehen ist«, schildert Psychologin Anja Grocholewski die Symptome. Kennzeichen der Krankheit ist eine so übertriebene Beschäftigung mit der vermeintlichen Entstellung, dass für nichts anderes mehr Raum bleibt. Manchmal können Erkrankte bis zu acht Stunden damit zubringen, sich im Spiegel zu betrachten oder ihre vermeintlichen Deformierungen mit Schminke, weiten Pullis und Hosen oder einer Sonnenbrille zu »tarnen«.

Im Extremfall wagen sie es nicht mehr, ihre Wohnung zu verlassen – aus Angst vor abschätzigen Blicken. Nicht selten müssen sie dann Schule oder Job aufgeben. Da auch nach einer Schönheits-Operation die eingebildete Riesennase nicht schrumpft, werden manche süchtig nach weiteren Schnitten. Jeder vierte von ihnen, so schätzt man, denkt daran, sich umzubringen. Betroffen sind gleichermaßen Frauen wie Männer, Junge wie Alte. Einige Psychologen sehen auch in den vielen Gesichtsoperationen des im vergangenen Jahr gestorbenen Popstars Michael Jackson einen Hinweis auf diese Krankheit.

In dem Bielefelder Forschungsprojekt blicken die Probanden durch eine Apparatur, die an ein Gerät beim Optiker zur Ermittlung der Sehstärke erinnert. Anstelle von Buchstaben sehen die Freiwilligen verschiedene Gesichter – auch ihr eigenes. Das Gerät zeichnet die Blickbewegungen auf. Hinter einer Trennwand beobachtet Grocholewski zusammen mit ihrer Kollegin, der Psychologieprofessorin Nina Heinrichs, auf einem Bildschirm, wie sich der Blick über die gerade ­gezeigten Gesichter bewegt.

Rund 40 Freiwillige nehmen bislang an dem Projekt »Augenblicke« teil. »Einige brauchen mehrere Anläufe, bis sie dann tatsächlich zu uns gelangen«, erzählt Grocholewski. Viele kommen erst im Dunkeln, weil sie sich bei Tageslicht nicht auf die Straße wagen. Dass sich die Probanden doch durchringen, liegt nach Eindruck Grocholewskis daran, dass sie bei einem Vorgespräch eine Diagnose erhalten. »Viele möchten wissen, wie es weitergehen kann«.

Die Krankheit wurde zwar bereits 1886 von dem Turiner Neurologen Enrico Morselli als »Dysmorphophobie« beschrieben. Dass sie aber bis heute nur wenig bekannt ist, liegt daran, dass sich die Betroffenen aus Scham kaum jemanden anvertrauen. Oft landen sie als Patienten bei Dermatologen, Zahnärzten, vor allem aber in der plastischen Chirurgie, wie der Neurologe Volker Faust von der Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Gesundheit beklagt. Weil sie da nur selten als seelisch gestört erkannt und behandelt würden, gingen das Leiden und der eingeleitete Teufelskreis weiter.

Bei der Suche nach den Auslösern tappen die Experten noch weitgehend im Dunkeln. Einige Betroffene wurden als Kind wegen einer starken Akne oder eines zu großen oder zu kleinen Busens gehänselt. »Später ist die Akne weg, aber das Gefühl bleibt«, erklärt Grocholewski. Das allein führe aber noch nicht zu einem Ausbruch der Krankheit. Dazu müssten auch ein besonderes ästhetisches Empfinden und ein Hang zum Perfektionismus kommen, vermutet sie.

Bislang gibt es laut Grocholewski kein Patentrezept für eine Heilung. In Verhaltenstherapien lasse sich jedoch lernen, mit der Störung zu leben. ­Einem steigenden Erwartungsdruck durch TV-Castingshows für Superstars und Supermodels die Schuld zuzusprechen, hält Grocholewski für zu einfach. Nur besonders verletzliche Menschen seien anfällig. »Wer das nicht ist, wird auch nach der 100. Sendung von ›Germany’s Next Topmodel‹ keine Dysmorphophobie bekommen oder zu einer Schönheits-OP gehen«.

Von Holger Spierig (epd)

»Uns braucht niemand zu bedauern«

20. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Normalerweise gilt eine sich abzeichnende Behinderung des Kindes als guter Grund zur Abtreibung. Doch Familie Meisterjahn entschied sich anders – und ist froh darüber.

Können sich ein Leben ohne ihren behinderten Sohn nicht mehr vorstellen: Dagmar und Rainer Meisterjahn mit ihrem inzwischen 27-jährigen André. Foto: Karin Vorländer.

Können sich ein Leben ohne ihren behinderten Sohn nicht mehr vorstellen: Dagmar und Rainer Meisterjahn mit ihrem inzwischen 27-jährigen André. Foto: Karin Vorländer.

Schon lange freut sich André Meisterjahn auf seinen Geburtstag. 27 Jahre alt wird er. Die Vorbereitungen für die Party, zu der er 15 Gäste erwartet, laufen auf Hochtouren. Sein Bruder Patric wird die Musik auflegen, sein Vater Rainer kocht Spaghetti mit Bologneser-Soße. Und André? André freut sich und ist stolz. Denn er hat ganz allein daran gedacht, dass die Gläser aus dem Keller geholt und gespült werden müssen. Als André vor 27 Jahren geboren wurde, hatten die Ärzte seine Eltern darauf vorbereitet, dass André mit einer angeborenen genetischen Veränderung zur Welt kommen würde: dem Downsyndrom.

Das Datum 21. März für den Welttag Downsyndrom ist bewusst gewählt; denn es steht dafür, dass im Chromosomensatz der Betroffenen das Chromosom 21 dreimal vorhanden ist. »Trisomie 21« wird das Downsyndrom deshalb auch genannt. Bis zu 95 Prozent der Eltern, die aufgrund vorgeburtlicher Untersuchungen mit der Diagnose »Trisomie 21« konfrontiert werden, entscheiden sich gegen ihr Kind. Denn obwohl der Grad der ­geistigen ­Behinderung unterschiedlich ausfallen kann, gilt ein solches Kind als »unzumutbare Belastung«. Aufgrund der »medizinischen Indikation« darf die Schwangerschaft deshalb auch dann noch straffrei abgebrochen werden, wenn das Kind ­außerhalb des Mutterleibes schon lebensfähig wäre.

Mitleid mit den »armen Eltern und dem armen Kind« war die vorherrschende Reaktion, als sich in der Siedlung, in der jeder jeden kennt, herumsprach, dass André »behindert« ist. »Wenn ich mit ihm im Kinderwagen unterwegs war, fuhr ich gegen eine Mauer von hilflosem und befangenem Schweigen«, erinnert sich Dagmar Meisterjahn. Es war André, der schon als kleiner Junge selbst die Brücke schlug. »Er hat ein unglaublich einnehmendes Wesen. André kann vieles nicht, was seine beiden jün­geren Geschwister können – aber er kann wunderbar mit Menschen umgehen. Das ist das Wichtigste«, findet Rainer Meisterjahn.

Zu Andrés verminderten geistigen ­Fähigkeiten kamen weitere typische gesundheitliche Beeinträchtigungen: ein schwerer Herzfehler, Probleme beim Hören und ein schwacher Muskeltonus, der für Probleme in der Sprachentwicklung und Motorik sorgt. Viele Arztbesuche, die Suche nach Therapie- und Fördermaßnahmen, und die Vorbereitung der Herz-OP ließen sie anfangs kaum zur Besinnung kommen. Dass eine Abtreibung damals gar nicht zur Debatte stand, darüber sind die Meisterjahns bis heute froh.
Dank der fürsorglichen Kontaktstärke, mit der André reagiert, wenn jemand traurig oder bedrückt ist, und dank einer unbefangenen Mitteilungsfreude hat der 27-Jährige heute einen großen Freundes- und Bekanntenkreis. Er geht regelmäßig kegeln und tanzt leidenschaftlich gern. Stolz zeigt er die Reihe von Pokalen, die er beim (Behinderten)Sport gewonnen hat. Seine Liebe zur Musik lebt er öffentlich aus: Beim 25. Jahresfest der »Biberschlümpfe«, einem Zusammenschluss von Eltern mit behinderten Kindern, erntete er mit seiner Elvis-Imitation Riesenbeifall.

Andrés Sehnsucht nach einer Freundin allerdings ist bislang unerfüllt. »Blond soll sie sein und nicht behindert«, sagt er. Den Rat seiner Mutter, er solle sich in der Werkstatt nach einem netten Mädel umsehen, wehrt er entschieden ab. »Behinderte hab ich in der Werkstatt genug.«

Ohne Unterstützung von »Mama und Papa« könnte André das Leben allerdings nicht selbstständig bewältigen. Weil es in seiner Kindheit die heute eingesetzte Methode des Frühlesens noch nicht gab, mit der viele der Downsyndrom-Kinder heute lesen lernen, kann André weder lesen noch rechnen. Damals verwehrten ihm die Behörden auch den Besuch einer ­Regelschule mit integrativem Unterricht. »Dabei hat er im Regelkindergarten für seine Sprache so viel profitiert«, bedauert sein Vater noch heute.

Im sicheren Rahmen eines Alltags mit ritualisierten Abläufen bewältigt André seinen Tag relativ selbstständig. »André hat die Uhr im Bauch. Obwohl er die Uhr nicht kennt, kocht er jeden Tag um drei Kaffee für uns«, freut sich Mutter Dagmar. Bei der Morgenhygiene braucht er gelegentlich mahnende Unterstützung, und es bedurfte jahrelangen geduldigen Trainings, bis André ein Hemd knöpfen konnte. Dank geduldigen Übens kann er sogar alle Geräte, die er für seine Musikleidenschaft braucht, bedienen. Ob er ­jemals eine eigene Wohnung beziehen wird? Obwohl es heute für Menschen mit Down Syndrom Wohnalternativen zum Elternhaus gibt, sind sich alle in der Familie einig: André soll so lange wie möglich bei den Eltern leben.

»Wegen André braucht uns keiner bedauern. Wir sind froh, dass wir ihn haben«, sagt Dagmar Meisterjahn mit Nachdruck. Im Gegenteil: Langsamkeit und Geduld habe er sie gelehrt, die Fähigkeit, Anteil zu nehmen, und nicht vorschnell über Menschen zu urteilen, die anders sind. »Ohne André wäre unser Leben ärmer – auch wenn es manchmal schwierig ist«, sagt Rainer Meisterjahn, ehe er in der Küche verschwindet. Und André strahlt: »Ich helfe dir – ich mal nur schnell mein Mandala zu Ende bunt!«

Von Karin Vorländer

Weder Dschihad noch Kreuzzug

19. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Nigeria: Der Grund für die Massaker ist eine fatale Mischung aus Armut und Politikversagen

Was steckt hinter den Unruhen rund um die zentralnigerianische Stadt Jos, ­denen am Wochenende 6. und 7. März erneut Hunderte ­Menschen zum Opfer fielen?

Zu den rund 500 Toten der jüngsten Unruhen in Nigeria gehören viele Frauen und Kinder – »alle die, die nicht schnell genug weglaufen konnten«, wie ein Augenzeuge berichtete.  Foto: picture alliance/dpa

Zu den rund 500 Toten der jüngsten Unruhen in Nigeria gehören viele Frauen und Kinder – »alle die, die nicht schnell genug weglaufen konnten«, wie ein Augenzeuge berichtete. Foto: picture alliance/dpa

Für die Überlebenden in Dogo Nahawa, einem Dorf nicht weit von der nigerianischen Stadt Jos entfernt, steht fest, wer hinter dem Massaker in der Nacht zum Sonntag steckt. »Ich habe die Täter flüstern ­hören, während ich mich mit meinem Baby im Haus versteckt habe«, sagt Peter, einer der Überlebenden. »Sie haben Haussa gesprochen und Arabisch und gesagt: Da drin sind noch Ungläubige, zündet das Haus an.« Während andere einem regelrechten Blutbad zum Opfer fielen, konnte Peter fliehen. »Es waren die Haussa-­Fulani, sie wollten Rache üben für ­einen Überfall auf ihr eigenes Dorf.«

Moslem gegen Christen und genauso umgekehrt
Rund 500 Menschen in drei Dörfern kamen bei den zeitgleich ausgeführten Überfällen ums Leben, sagen ­Beobachter. »Die meisten sind Christen«, so Polizeisprecher Mohammed Lerama. »49 Verdächtige werden angeklagt, fast alle sind Fulani.« Seine Aussagen scheinen Informationsminister Gregory Yenlong zu bestätigen, der konstatierte: »Es handelt sich um eine ethnische Säuberungsaktion gegen die Berom.«

Berom gegen Haussa-Fulani, Muslime gegen Christen: Wer in Jos, der Hauptstadt des nigerianischen Bundesstaates Plateau, nach Tätern und Opfern fragt, hört immer wieder die gleichen Vorwürfe. Hier, an der Nahtstelle zwischen dem mehrheitlich christlichen Süden und dem überwiegend muslimischen Norden Nigerias, hat Religion eine ganz besondere Bedeutung. Radikale Dschihadisten predigen hier ebenso wie kreuzzüglerische Missionare. Zu denen zählt Tassie Ghata von »Gnade und Licht International« sich zwar nicht. Trotzdem macht sie eine muslimische Verschwörung für die Kämpfe verantwortlich, die Mitte Januar begonnen haben.

»Was hier passiert, das ist ein Heiliger Krieg gegen uns Christen und die einheimischen Stämme, ein Dschihad«, so Ghata. Zwar rate sie Christen von Angriffen auf Muslime ab. »Aber ich rate niemanden davon ab, sich zur Wehr zu setzen.« Genau solche Äußerungen macht Umar Farouk von der muslimischen Bürgerbewegung »Jamaat Nazrel Islam« für den Ausbruch der Gewalt verantwortlich. »Ende Dezember haben Prediger in einer Pfingstkirche im Gottesdienst behauptet, die Muslime würden bereits Waffen sammeln.«

Farouk dementierte, doch das Gerücht war in der Welt. Nicht zufällig, sagt er. Und ist selbst nicht weniger radikal als die Christin, die er kritisiert: »Was wir hier von den Christen gesehen haben, ist der Versuch ethnischer Säuberungen, die wollen uns vertreiben.« Da sei es kein Wunder, gibt Farouk zu, dass muslimische Jugendliche sich organisieren und zurückschlagen würden.

Moderate Stimmen sind selten in Jos. Eine gehört Ogoh Alubo, einem Soziologieprofessor an der Univer­sität. Er hält die ethnische Komponente des Konflikts für bedeutend, weil rückständige Gesetze »Einheimischen« Vorrechte gegenüber Zuge­zogenen oder »Siedlern« garantieren. »Ich lebe seit 1983 in Jos und meine Kinder sind alle hier geboren«, beschreibt Alubo die Lage am eigenen Beispiel. »Aber ich und selbst meine Kinder gelten als Siedler: deshalb haben sie keine Stipendien bekommen, sie können nicht in der Verwaltung ­arbeiten und bekommen kein politisches Amt.«

Das Problem sei, dass nirgends definiert sei, wer einheimisch sei und wer nicht. »Die Brom nennen die traditionell aus dem Norden kommenden Haussa-Fulani Siedler, aber die Haussa-Fulani sagen: Wir waren hier, seit Jos vor 100 Jahren gegründet wurde, wir sind Einheimische.«

Es geht um Stämme, Religion, Armut und Macht
Das allein, gibt der Professor zu bedenken, sei nicht der einzige Grund. »Es geht hier nicht um Dschihad noch um Kreuzzug, es geht um Armut und Macht.« In den vergangenen Jahren sei der größte Arbeitgeber der Stadt in die Pleite gerutscht, es gebe immer weniger Jobs. Ackerland werde immer knapper. »Die immer ärmere Bevöl­kerung entzweit sich, angefacht von Politikern, die damit bei ihrer Wählerschaft punkten wollen.«

Darin, dass das Versagen von Politik und Staat für das inzwischen zehnjährige Schwelen des Konflikts verantwortlich ist, sind sich Muslime und Christen, Fulani und Berom einig. »Unsere Politiker sind Lügner, sie ­heizen die Unruhen an, damit sie die wahren Probleme nicht angehen müssen«, wettert der Muslim Farouk. Und die christliche Missionarin Ghata stimmt zu: »Den Politikern geht es nur um Macht, Geld, Land, wir müssen unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen.« (epd)

Marc Engelhardt

»Ich kann dich gut leiden«

19. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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"In der Passion ist Gott unser Sympathisant" Foto: BilderBox.com

Ich kann dich gut leiden«, sagen wir, wenn wir jemanden gernhaben. Ich lasse mir dich angehen, mich betreffen von dem, was dich trifft. Bin interessiert an deinem Leben und nehme mir deine Not zu Herzen. Ja, ich lasse mich von dir in Mitleidenschaft ziehen, will nicht apathisch sein, will es lernen, mit dir zu fühlen.

»Ich kann dich gut leiden« – die Passionszeit erinnert Jahr für Jahr ­daran, dass Gott der Welt diese Sympathieerklärung gemacht hat, nicht nur mit Worten, sondern leibhaftig. In Jesus von Nazareth wird Gott zum ­irdischen Sympathisanten der Schöpfung. Diese leibhaftige göttliche Leidenschaft verbindet der Hebräerbrief, in dem auch der Predigttext für den Sonntag »Judika« steht, mit einem ­Beruf, der aus der Geschichte Israels vertraut ist: Jesus ist »der große Hohepriester«. Was aber hat es mit diesem Amt auf sich?

Wer als Hohepriester in Israel amtiert, steht stellvertretend für andere vor Gott. Von seinem Dienst hängt es ab, ob sein Volk unbeschwert in die Zukunft gehen kann oder belastet bleibt von seiner Schuld. Mit seinen Opfergaben resozialisiert er sein Volk Gott gegenüber und untereinander. Einen solchen Versöhnungsdienst kann nur ausüben, wer mitfühlt mit der Schwäche seiner Mitmenschen, wer mitleidet an ihren Fehlern und Irrwegen, betroffen ist von ihrer Schuld.

Aber muss ein Priester denn nicht von Natur aus mitfühlend sein? Er ist ja auch nur ein Mensch, unvollkommen wie wir alle, bedürftig der Vergebung. Wie sollte, wer um sein eigenes Unvermögen weiß, nicht Mitgefühl für andere haben?!

Doch genau dies gilt für Jesus nicht: Er, der Mensch gewordene ­Gottessohn, hat ja von Haus aus keine Erfahrung mit Schuld und Sünde, kennt keine Schwäche am eigenen Leib, ist selbst frei von allem Bösen. Wird er von Gott berufen, Hohepriester zu sein, also Sympathisant von Amts wegen, dann setzt dies einen bisher ungekannten Lernprozess voraus. Was er nicht aus eigener Verschuldung und Bedürftigkeit kennt, muss er zuallererst erlernen, indem er sich ganz und gar betroffen machen lässt vom Leiden derer, für die er eintritt und denen er dient. Jesus lernt bitten und flehen, weinen und schreien, seufzen und klagen. Jesus entlässt Gott nicht aus der Verantwortung für die Not der Welt, sondern zieht Gott in Mitleidenschaft.

Und so übt Gott selbst in Jesus ­hohepriesterliche Sympathie, erfährt am eigenen Leib eine Passion, die ­tiefer geht als je das Mitleiden eines anderen Priesters. Denn in diesem priesterlichen Dienst wird der Opferer selbst zum Opfer. Die Mitleidensfähigkeit dieses Hohepriesters, seine Selbstbetroffenheit durch frem­de Not, reicht bis zur eigenen Lebenshingabe.

Jesus gibt sein Leben hin, damit es nie wieder eines Opfers für die Verfehlungen bedarf, damit ein für alle Mal der Abgrund zwischen Gott und Mensch, den die Sünde gerissen hat, überbrückt ist, damit nie wieder ein Mensch sich aufopfern muss.
Mit dieser Sühnopferdeutung des Kreuzestodes Jesu ist unendlich viel Schindluder getrieben worden: Statt das Ende aller Opfer im Namen Gottes zu feiern, machten Passionslieder aus dem Bekenntnis zur Lebenshingabe Jesu eine knechtende Lehre, zwangen Menschen in die Opferrolle und ins Leiden: »Ich will ans Kreuz mich schlagen …« Statt dazu zu verhelfen, Unterdrückungssituationen aufzudecken und Unrecht beim Namen zu nennen, verschleierten Karfreitagspredigten menschenunwürdige Lebensverhältnisse oder gaben sie gar als gottgewollt aus. Muss es da noch verwundern, wenn manche Zeitgenossen freimütig bekennen: »Für mich hätte er nicht sterben brauchen!«?

Hätte Gott, so fragen sich manche, die Befreiung der Menschen nicht auch anders bewerkstelligen können? Wäre es nicht auch ohne diese stellvertretende Lebenshingabe gegangen? Wenn es uns überhaupt möglich ist, auf diese Fragen eine Antwort zu geben, dann muss sie wohl lauten: Es geschah um all’ der anderen Opfer willen, um ihrer Anerkennung und Würdigung und Heilung willen, dass Gott sich in der Person des eigenen Sohnes selbst in die Opferrolle begibt, dass ihm wie ihnen angst und bange ums Herz ist, dass er wie sie weint und schreit, klagt und fleht. Gott wird in ­Jesus selbst zum Opfer, um alle, die unter die Räder gekommen sind, zurechtzubringen und zu heilen.

Magdalene L. Frettlöh

Die Autorin ist promovierte Theologin und Rektorin des Kirchlichen Fernunterrichts der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und Privatdozentin für Systematische Theologie an der Ruhr-Univer­sität Bochum.

Literaturempfehlungen

• Frettlöh, Magdalene L.: Worte sind Lebensmittel, Kirchlich-theologische Alltagskost,
EREV-RAV, 193 S., ISBN 978-3-932810-38-1, 16,00 Euro

• Frettlöh, Magdalene L.: Gott, wo bist du? Kirchlich-theologische Alltagskost Band 2,
EREV-RAV, 240 S., ISBN 978-3-932810-43-5, 16,00 Euro

• Frettlöh, Magdalene L./Knigge, Volkhard: Wo war Gott in Buchenwald?
Wartburg Verlag, 40 S., ISBN 978-3-86160-237-8, 5,00 Euro

Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­Telefon (03643) 246161

Lesen ist »in«, aber die wenigsten tun es

18. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Vom 18. bis 21. März findet die Leipziger Buchmesse statt. Ihr besonderes Anliegen ist es, Jugendliche für Bücher zu begeistern. Wie junge Leute zum Lesen stehen, dazu ein Interview mit dem Religionspädagogen Prof. Michael Domsgen.

Michael Domsgen ist Professor für Evangelische Religionspädagogik und Direktor des Instituts für Systematische Theologie, Praktische Theologie und Religionswissenschaf an der Universität in Halle, Foto: privat.

Michael Domsgen ist Professor für Evangelische Religionspädagogik und Direktor des Instituts für Systematische Theologie, Praktische Theologie und Religionswissenschaf an der Universität in Halle, Foto: privat.

Herr Prof. Domsgen, die heutige Jugend, so heißt es immer wieder, liest keine Bücher mehr, sondern sitzt nur noch vorm Computer. Stimmt dieses Klischee?
Domsgen:
Das stimmt so nicht. Allerdings muss man sich die jeweiligen Altersgruppen genauer ansehen. 50 Prozent der 12-/13-Jährigen lesen täglich oder mehrmals in der Woche ein bis mehrere Bücher. Insofern kann man nicht sagen, sie lesen gar nicht mehr. Aber wenn die Kinder älter werden nimmt die Bedeutung von PC und Internet zu.

Doch auch dann lesen sie, zwar keine Bücher, aber die Beschäftigung mit dem Computer, das Surfen im Internet heißt auch Lesen …
Domsgen:
Junge Leute lesen im Internet sogar lange Texte im Gegensatz zu Älteren. Jugendliche haben weniger Ressentiments, einen Text am PC online zu lesen, während bei Älteren das klassische Buch einen Vertrauensvorschuss hat.
Der Computer hat eine große Erfolgsgeschichte geschrieben. Vor allem mit der Entwicklung des Internets. Die Zahl der Internetzugänge hat sich sehr erhöht. Hier sind es vor ­allem die Jungen, die besondere Affinitäten haben zum PC, mehr als Mädchen, vornehmlich auch zum Spiel. Spiele am PC haben für Jungen eine viel höhere ­Bedeutung als für Mädchen.

Mit solchen Fakten sehen allerdings die Chancen für das klassische Buch schlecht aus …
Domsgen:
Ja, wir haben auch das ­Problem, dass die Anzahl der Bücher pro Haushalt abgenommen hat.

Dabei steht Lesen hoch im Kurs. Das Angebot der Buchhandlungen ist unermesslich …
Domsgen:
Die »Stiftung Lesen« hat ­einen interessanten Befund erhoben. Sie sagt: Die Deutschen finden es sehr wichtig, Bücher zu lesen, sie tun es aber nicht. Der grundlegende Befund ist, ungefähr jeder Vierte in der Gesamtbevölkerung liest nicht.
Wenn wir nun über Kinder und Jugendliche reden, müssen wir fragen, wie sie sozialisiert sind? Also ist es zum Beispiel überhaupt noch »in«, ein Buch geschenkt zu bekommen? Die »Stiftung Lesen« ist zu dem Ergebnis gekommen, dass Kinder weniger Bücher geschenkt bekommen.

Dabei haben wir einen ganz interessanten geschlechtsspezifischen Befund: Mädchen bekommen häufiger Bücher geschenkt als Jungen. Damit deutet sich schon an, was dann später deutlich wird: Frauen lesen mehr als Männer.
Ein anderer wichtiger Punkt ist der Bildungsfaktor. Wir können ­relativ ­genau sagen, dass diejenigen, die die mittlere Reife oder das Abitur haben, mehr lesen als diejenigen, die den Hauptschulabschluss haben. Dasselbe gilt übrigens auch für die Sozialisation. Kinder, deren Eltern Hauptschulabschluss haben, lesen weniger und bekommen auch weniger Bücher geschenkt als Kinder, deren Eltern mittlere Reife oder Abitur haben.

Müssen die Fakten als ­gegeben hingenommen werden oder lässt sich das Medienverhalten verändern
Domsgen:
Wenn wir uns für die Kinder interessieren, müssen wir deren Familien in den Blick nehmen. Das heißt, wenn wir wollen, dass Kinder und Jugendliche mehr lesen, müssten wir versuchen, ihren Eltern das Lesen schmackhaft zu machen. Nur ist das schwierig, weil es keine Möglichkeit gibt, direkt in die Familien einzugreifen. So bleibt nur, ein anregendes Umfeld zu schaffen.
Ich denke, es wäre wichtig, dass in Kindergärten und Schulen mehr vorgelesen wird. Nicht nur unter dem Gesichtspunkt des verwertenden Lesens, weil bestimmte Aufgaben gelöst werden müssen, sondern weil Kinder Freude daran haben. Die meisten Kinder lassen sich gern etwas vorlesen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass jemand, der sich gern etwas vorlesen lässt, später dann auch selber gern mal zum Buch greift.

Wenn sich das Interesse an Büchern so in Grenzen hält, was heißt das für den christlichen Glauben, der eine Buchreligion ist?
Domsgen:
Die Frage, wie wir die Leute allgemein zum Lesen motivieren können, ist schon eine schwierige Frage. Eine noch schwierigere ist die nach dem Lesen der Bibel.

Es ist ernst zu nehmen, wenn die Urkunde des christlichen Glaubens, die Bibel, nicht gelesen wird. Auf der anderen Seite ist das historisch gesehen kein neuer Befund. Die längste Zeit hat sich das Christentum eben nicht über das Lesen der Bibel tradiert, sondern über bestimmte Rituale, über Erzählungen, über Bilder. Bis zur Reformation konnten die meisten Leute gar nicht lesen, es fehlte ihnen die Zugangsvoraussetzung für das Lesen der Heiligen Schrift. Dieser Befund kann uns dazu verhelfen, die Entwicklung etwas gelassener zu betrachten. Trotzdem bleibt die Herausforderung, Zugänge zur Bibel zu eröffnen. Dabei stellen sich neue Aufgaben. Heute steht die Bibel in einer ungeahnten Konkurrenz. Bibeldidaktisch ist das schwierig aufzufangen. Wir haben natürlich spannende Geschichten in der Bibel, die wir auch erzählen wollen, aber die bekommen Konkurrenz durch den großen Medienmarkt. In dieser Situation kommt es umso mehr auf Menschen an, die die Bibel so ­erschließen können, dass die darin verdichteten Erfahrungen zur Sprache kommen können.

Welche Rolle kann hier der Reli­gionsunterricht spielen?
Domsgen:
Das Fach Religion hat eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Die meisten Kinder kennen biblische Geschichten aus dem Religionsunterricht. Allerdings stellen Lehrerinnen und Lehrer immer wieder fest, dass das Arbeiten mit der Bibel nicht ­einfach ist. Das hat verschiedene ­Ursachen. Mitunter liegt es an der ­Methodik.
Andererseits erschließt sich die Bedeutung biblischer Geschichten nicht immer unmittelbar. Es sind Erläuterungen nötig und vor allem ­werden Menschen gebraucht, die die Relevanz biblischer Geschichten für sich entdeckt haben und sie dementsprechend deutlich machen können. Dabei ist wichtig, dass die Bibel nicht nur als Text behandelt wird, sondern die dahinter stehende Erfahrung zur Sprache kommt. Entscheidend ist es, den Kindern und Jugendlichen zu der Einsicht zu verhelfen, dass die biblischen Geschichten etwas mit ihnen selbst und mit ihrem Leben zu tun ­haben. Die biblische Botschaft und das Leben der Kinder sind also wechselseitig zu erschließen.

Das Gespräch führte Sabine Kuschel.

Prof. Michael Domsgen ist auf der Leipziger Buchmesse Gast bei einer Podiumsdiskussion zum Thema »Religiosität und Medienverhalten junger Menschen« Zeit: Freitag 19. März, 17 Uhr; Ort: Halle 3, Stand A 200, Leseinsel Religion

»Glauben heißt lieben«

14. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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In Martin Walsers neuer Novelle spiegelt sich die Lebens- in der Glaubensgeschichte

Walser-BuchWarum glauben wir? – Mit dieser Frage setzt sich Martin Walser (82) in seiner so eben erschienenen Novelle »Mein Jenseits« auseinander. Der streitbare und vielfach ausgezeichnete Autor geht diesem Thema mit erzählerischer Lust nach und beschäftigt sich dabei notabene mit dem Wesen des Glaubens.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht Augustin Feinlein, Chefarzt des Psychiatrischen Krankenhauses Scherblingen, der ab 63 aufgehört hat mit dem Zählen der Geburtstage und sein Lebenscredo in die Worte fasst: »Glauben heißt lieben«.

Tatsächlich liebt Professor Feinlein Eva Maria Ganzloser, seit er mit ihr zusammen ein Seminar besuchte, um sein Latein zu verbessern. Doch trotz Zuneigung heiratete sie später den Grafen Wigolfing und als der tödlich verunglückt, den 18 Jahre jüngeren Arzt Dr. Bruderhofer. Der wiederum ist Mitarbeiter im Krankenhaus von Professor Feinlein und drängt als dessen Nachfolger ins Amt.
Eva Maria Ganzloser tritt nicht in Erscheinung, lässt durch gelegentliche Postkartengrüße den Professor aber im Glauben, dass sie ihn immer noch liebt. Der möchte das gern glauben, obwohl er weiß, »wie kräftezehrend es ist, etwas zu glauben. Andererseits: Die Bedingung, die allein den Glauben produziert, heißt Aussichtslosigkeit«.

Um die Dreiecksgeschichte herum variiert Martin Walser geschickt die Glaubens- und Jenseitsfragen, mit ­denen sich sein alternder literarischer Held auseinandersetzt. Dass er das tut, hat auch etwas mit seinen Wurzeln zu tun. Scherblingen war bis 1803 ein Kloster, dessen letzter Abt Eusebius Feinlein ein Vorfahre Augustins. Von dem hat er gelernt: »Wir glauben mehr als wir wissen.«
Als nach einem bizarren Silvesterball sich die letzten Getreuen von Professor Feinlein abwenden, macht der alte Herr die Probe aufs Exempel, entwendet eine Reliquie aus der örtlichen Stiftskirche, »um die Scheinheiligkeit bemerkbar zu machen«. Die tradi­tionelle Reliquien-Prozession findet dennoch statt, das Original wird bald darauf gefunden und der Professor in seiner Klinik unter Hausarrest gestellt. Für ihn fast eine Befreiung, kommt es ihm doch vor, »als sei alles nur geschehen, dass es von ihr (Eva Maria) bemerkt werde. Mein Jenseits«.

Seiner gefeierten ersten Novelle »Ein fliehendes Pferd« (1978), welche die Problematik der Midlife-Crisis schildert, hat der altersweise Dichter mit »Mein Jenseits« eine folgen lassen, in der sich Lebensgeschichte in ­Glaubensgeschichte spiegelt. Augustin Feinleins Jenseits entsteht durch Glaubensleistung. Auf die Frage, wie er selbst sich sein Jenseits vorstelle, antwortete Martin Walser in einem Interview: »Das Jenseits muss sinnlich-gegenwärtig, jetzt erlebbar sein.« Seinem liebenden Helden legt er den Satz in den Mund: »Das Jenseits ist eine andauernde Leistung.«

In dem schmalen Buch stecken schöne Glaubens-Sätze, mit Gewinn zu lesen und nachdenkenswert. Dabei kommt die Novelle fröhlich daher. Bleibt zu hoffen, dass sich Martin ­Walser diese Leichtigkeit erhält, wenn er sie zum Roman ausformt.
Matthias Caffier

Walser, Martin: Mein Jenseits.
Novelle, Berlin University Press,
119 S., ISBN 978-3-940432-77-3,
19,90 Euro

Zeichen des Todes und des Sieges

13. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Kreuze reden vom Sterben, aber viel stärker vom durch Gott geschenkten Leben

Kreuz- darstellungen des zeit- genössischen Wiener Künstlers Arnulf Rainer,  Fotos: KNA-Bild

Kreuzdarstellungen des zeitgenössischen Wiener Künstlers Arnulf Rainer, Fotos: KNA-Bild

Kreuze sind Symbole des Sterbens. Sie erzählen die Passion Jesu. Manche begleiten mich schon lange in den Tiefen und Höhen meiner Glaubenswege. Mit einigen verbinde ich Erlebnisse, die mein Leben prägten. Mancher Zweifel bildet sich in diesen Kreuzen ab wie der Sehnsuchtsruf Jesu am Kreuz, als er sich von Gott verlassen fühlt. Manche sind als Bild, Buch oder Postkarte bei mir geblieben. Es gibt Kreuze, die warten auf mich in dieser oder jener Kirche. Ich muss zu ihnen gehen, und es zieht mich auch immer wieder zu ihnen. Andere sind nur noch Erinnerung. Aber das macht sie für mich nicht ­weniger lebendig. Ich denke an ein mannshohes Kruzifix im Diözesanmuseum von Bamberg. Ich konnte dem Gekreuzigten ins Auge blicken und kam lange von seinem Blick nicht los.

Es gibt solche Kreuze, von denen ich nicht mehr loskomme. Eines habe ich nur als Postkarte. »DDR 0,20 M. Passion Jürgen Ammer. Kirchlicher Kunstverlag Dresden« steht auf der Rückseite. Ich habe 1985 mindestens zehn davon gekauft. Dieses Kreuz soll mich begleiten, war dabei mein Wunsch. Ich war kurz versucht, es nachzubauen, um diese »Passion« ganz nah bei mir zu haben. Hölzerne Orgelpfeifen zeichnen das Kreuz Jesu nach. Er selbst, sein gequälter Leib, ist aus metallischen Orgelpfeifen geformt. Ein Zirkel steckt in seiner Seite. Der Schmerz ist stechend spürbar. Das Sterben Jesu bleibt zwar gesichtslos. Aber der gebogene, zerknitterte Leib aus Orgelpfeifen spricht dieses »für euch gestorben« aus. Dieses Kreuz begleitet mich jetzt 25 Jahre. Es erinnert mich an ­Begegnungen zwischen ost- und ­westdeutschen Theologiestudenten in Leipzig. Es erzählt zugleich davon, dass ich vor allem über musikalische Kreuzeserfahrungen, über Johann Sebastian Bachs Passionen zum Beispiel, Glaubenswege entdeckt habe.

Andere Kreuzesdarstellungen zeigen mir in besonderer Weise Jesu ­Todeskampf. Sein Gesicht zieht sich in den Schmerz zurück, die Augen zusammengekniffen, der Mund schreiend schwarz. Schwer ist das für ­manchen auszuhalten, wenn er den ­modernen Kreuzesübermalungen des österreichischen Malers Arnulf Rainer gegenübersteht. Fremd ist ihnen seine moderne Interpretation. Mir ­dagegen nehmen die Übermalungen das Hölzerne des Kruzifixes. Ich sehe hinter den Übermalungen kein Holz mehr, sondern Jesu menschliches ­Gesicht. Das ist der Gekreuzigte. So bleibt Jesus Christus einer Welt fremd, in welcher der Erfolg Maß und Rechtfertigung aller Dinge ist. Vielleicht zieht es mich darum immer wieder zu den Kreuzen. Sie sagen mir, dass ich mich nicht allein erlösen kann, aber auch nicht allein erlösen muss. Wo immer ich sie sehe, erinnern sie mich, dass Gott meinen Schmerz mit aushält.

Zwei Kreuze prägten noch meinen Lebensweg. Sie sind weit weg im westfälischen Münster, meinem ersten Studienort. In der Ludgerikirche hängt ein handgeschnitztes Bildnis des Gekreuzigten. Es wurde bei einem Bombenangriff 1944 beschädigt. Nach Kriegsende beschloss die Kirchengemeinde, dieses Kreuz als Mahnung in seiner beschädigten Form hängen zu lassen. Der Figur fehlen beide Arme. An ihrer Stelle mahnt eine Inschrift: »Ich habe keine anderen Hände als die euren.« Ein weiteres Kreuz ist längst nicht mehr zu sehen. Es war während einer Kunstausstellung in die Innenwände einer Apsis eingeritzt. Aus den weißgekalkten Wänden trat das Kreuz als freigelegtes, rotes Ziegelmauerwerk, fast blutend, hervor. Das war ein Eindruck, den manche Kreuze in durchsanierten Kirchen nur schwer vermitteln können.

Kreuze, sie sind Zeichen des Sterbens, zugleich Zeichen des von Gott geschenkten Lebens. In der Passionszeit war es früher üblich, das Kreuz zu verhüllen, um es bewusster wahrzunehmen. Die Liturgie war der erste Verhüllungskünstler. Erst am Karfreitag wurde das Kreuz zu den Worten enthüllt: »Seht das Holz des Kreuzes, an dem das Heil der Welt gehangen.« Das leere Kreuz ohne Jesu Leib wurde ab dem 4. Jahrhundert auch zum Siegeszeichen. Es ruft in jeder Kirche: »Seht, er ist nicht hier. Er ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden!« So sehe ich auch »mein« letztes Kreuz. Es steht in österlichem Weiß über Greiz, weithin sichtbar. Fürst Heinrich XX. Reuß Ältere Linie ließ es zum Gedenken an seine früh verstorbene Frau, Prinzessin Sophie von Löwenstein-Wertheim, errichten. Es redet vom Sterben, aber viel stärker vom durch Gott geschenkten Leben.

Andreas Hausfeld, der Autor ist Pfarrer in Greiz.

Literatur zum Thema:

Diözesanmuseum Freising (Hg.): Kreuz und Kruzifix.
Zeichen und Bild, Kunstverlag Josef Fink,
376 S., meist farbige Abb.,
ISBN 978-3-89870-217-1, 29,00 Euro

Chapeaurouge, Donat de: Einführung in die Geschichte der christlichen Symbole,
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 159 S.,
ISBN 978-3-534-01831-4, 29,90 Euro

Verbissener Krieg der »Häuslebauer«

12. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Provokation in Stein und Beton: das von rechtsgerichteten jüdischen Siedlern im arabischen Stadtteil Silwan errichtete Hochhaus. Foto: Ulrich W. Sahm

Provokation in Stein und Beton: das von rechtsgerichteten jüdischen Siedlern im arabischen Stadtteil Silwan errichtete Hochhaus. Foto: Ulrich W. Sahm

Wohnhäuser – eigentlich Symbol friedlicher Existenz, sind im Nahen Osten eine Waffe im Kampf um Herrschaftsansprüche geworden. Ein Beispiel aus Jerusalem.

Ich fühle mich wohl hier und habe keine Angst. Meine Kinder sind hier glücklich«, sagt ein bärtiger Israeli mit der Kipa frommer Juden auf dem Kopf. Fernsehgerecht steht er vor einer flatternden israelischen Flagge auf dem Dach des siebenstöckigen Hochhauses »Beth Jehonatan« mitten im Silwan. Doch die Journalisten dürfen ihn nicht fotografieren.

Silwan ist ein arabisches Stadtviertel Jerusalems mit 40000 Einwohnern und klebt am Steilhang gegenüber dem Tempelberg. Obgleich sich der Mann »sicher« fühlt, hängt an keiner der 30 Wohnungstüren ein Namensschild, aus »Sicherheitsgründen«. Im Erdgeschoss, hinter einer Panzertür, sitzen schwerbewaffnete Sicherheitsleute. Mit Kameras wird die Umgebung ständig beobachtet. Am Sonntag wurde ein Jeep dieser Sicherheitsleute beschossen. Provokativ haben die rechtsgerichteten jüdischen Bewohner eine 20 Meter lange israelische Flagge an die Fassade des Hochhauses genietet und es nach Jonathan Pollard benannt. Der spionierte für Israel und sitzt seit 1987 in den USA im Gefängnis. Der Sprecher der Organisation »Priesterkrone«, Daniel Luria, erzählt mit hassverzerrtem Gesicht, wie 1882 Juden aus dem Jemen die ersten Häuser in Silwan errichteten, aber 1929 bei einem Pogrom vertrieben wurden. Dazu hatte Jerusalems Mufti, Hadsch Amin el Husseini, aufgerufen. »Und jetzt unternehmen wir alles, damit ­Juden wieder in Silwan leben.«

Illegal und ohne Rücksicht werden Häuser gebaut
Wenige Hundert Meter entfernt, zu Füßen der David-Stadt, wo Archäologen Befestigungen und unterirdische Wasserwerke aus der Zeit des Königs ­David ausgraben, empfangen Palästinenser die Journalisten in einem Zelt für »Palästinensisches Kulturerbe«. Die Stadtverwaltung habe beschlossen, alle illegal – ohne Baugenehmigung – errichteten Häuser in Silwan und im »Bustan«, in der Bibel als »Königsgarten« erwähnt, abreißen zu wollen, klagt Siad Abu Diab, ein Sprecher der vom Abriss ihrer Häuser bedrohten Araber. »Wie kann man behaupten, dass unsere Häuser illegal sind. Wir zahlen doch Stadtsteuern.«

Der Königsgarten war bis 1967 weitgehend frei von Häusern. Ohne Rücksicht auf archäologische Stätten oder Landschaftsplanung betreiben die Palästinenser eine gezielte »Siedlungspolitik«, genauso wie rechtsgerichtete Juden sich mitten in arabische Viertel einnisten. In einer im ­palästinensischen Zelt ausgeteilten Broschüre heißt es, dass Jerusalems Stadtverwaltung einen »kolonialen Angriff« gestartet habe, um die Stadt zu »verjuden«. Peinlich berührt muss Abu Diab allerdings gestehen, dass die illegalen Häuser an das Strom- und Wassernetz angeschlossen sind, und dass die Stadtverwaltung sogar eine Schule für die Kinder errichtet habe.
»Wir zahlen die Stadtsteuern, um unseren Ausweis nicht zu verlieren …« Gemeint ist der israelische Ausweis. Mit dem können sie sich frei in Israel bewegen und arbeiten. Das komplette israelische Sozialnetz mit Kranken-, Arbeitslosen- und Altersversicherung steht ihnen offen. Um keinen Preis in der Welt wollen sie in die autonomen Palästinensergebiete abgeschoben werden, wo es das alles nicht gibt.

Dennoch boykottieren Jerusalems Palästinenser seit 1967 die Stadtratswahlen, »um nicht die israelische Besatzung zu legitimieren«, so Abu Diab, fordern aber volle Gleichberechtigung. Der Wahlboykott bedeutet, dass rund 250000 Araber Jerusalems, ein Drittel der Stadtbewohner, nicht im Stadtrat vertreten sind. Von den jüdischen Stadträten erwarten sie dennoch Gelder für die arabischen Stadtviertel.

Bisher scheiterte jede Suche nach Kompromissen
Unter Bürgermeister Nir Barkat ist die Frage der illegalen Häuser in Silwan zur Zerreißprobe geworden. Ihr Abriss auf richterliches Geheiß würde das Pulverfass Jerusalem zur Explosion bringen, aber »Recht und Ordnung« wieder herstellen. Auch »Jehonathan Haus« müsste auf vier Stockwerke gestutzt oder ganz abgerissen werden. Aber das könnte Bürgermeister Barkat das Amt kosten.
Die Stadträtin Naomi Zur erzählte von der Möglichkeit, illegale Häuser zu legalisieren, »denn es ist doch sinnlos, sie abzureißen und dann mit Baugenehmigung wieder neu zu errichten«. Abgerissen sollten nur Häuser werden, die einem öffentlichen Park im Wege stehen oder mitten auf einer Straße gebaut wurden. Für Palästinenser wie Abu Diab wäre auch das eine »Kriegserklärung«. Alle Versuche der Stadtverwaltung, mit den Bewohnern von Silwan einen Kompromiss auszuhandeln, sind bisher gescheitert.

Seit dem Herbst kommt es alle paar Wochen zu Gewaltausbrüchen, etwa weil radikale Palästinenser eine französische Touristengruppe auf dem Tempelberg für »rechtsradikale Siedler« hielten, oder weil die israelische Regierung biblische Grabstätten in Hebron und bei Bethlehem, also im palästinensischen Gebiet, zum »israelischen Nationalerbe« erklärt hatte. Jetzt liefert Barkat einen neuen Auslöser für palästinensische Gewalt, weil ein Teil der Häuser im »Bustan« doch abgerissen werden soll, um Ausgrabungen zu ermöglichen und einen städtischen Park einzurichten. Barkat will die Bewohner freilich nicht abschieben oder ­vertreiben, sondern in Silwan selber umziehen lassen.

Von Ulrich W. Sahm, er arbeitet als freier Journalist in Jerusalem.

Einspruch!

11. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Rund 39 Millionen Karteikarten und 180 Kilometer Aktenbestände gehören zu den bisher aufgefundenen Hinterlassenschaften des DDR-Geheimdienstes. Doch entsprechen dessen Berichte und Einschätzungen in jedem Fall der Wahrheit? Foto: epd-bild/version/Ralf Maro

Rund 39 Millionen Karteikarten und 180 Kilometer Aktenbestände gehören zu den bisher aufgefundenen Hinterlassenschaften des DDR-Geheimdienstes. Doch entsprechen dessen Berichte und Einschätzungen in jedem Fall der Wahrheit? Foto: epd-bild/version/Ralf Maro

Die Akten der Staatssicherheit gelten vielen als Kronzeugen für eine erfolgreiche Unterwanderung und Steuerung der DDR-Kirchen. Doch wie zuverlässig sind die Hinterlassenschaften?

Dass die Hinterlassenschaft des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) trotz ihres erhaltenen Aktenbestandes von 178 laufenden Kilometern nicht ausreicht, um der DDR-Wirklichkeit auf die Spur zu kommen, wird niemand infrage stellen. Was der Geheimdienst bienenfleißig, interessengeleitet und menschenverachtend an Informationen gesammelt hat, kann nicht für bare Münze genommen werden, sondern muss sich an anderen Quellen messen lassen. Selbst als zeitgeschichtliche Primärquelle können sie nicht dienen, obschon die Enthüllungsliteratur der 90er Jahre dies weitgehend praktiziert hat. »Wer dem problematischen Charakter der Stasiakten nicht Rechnung trägt, setzt ihr Zerstörungswerk fort«, ist sich der Thüringer Oberkirchenrat i. R. Ludwig Große sicher. »Auch die verheerende Wirkung missbrauchter oder fahrlässig gehandhabter Akten gehören zur Wirkungsgeschichte des MfS.«

1999 wurde Ludwig Große von seiner Landeskirche und der Jenaer Theologischen Fakultät beauftragt, Einflussversuche des MfS auf die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen und über sie auf die Organe des Bundes Evangelischer Kirchen in der DDR (BEK) exemplarisch zu prüfen und den Umgang mit Stasiakten aus hermeneutischer Sicht zu erörtern.

Der 1933 in Zeutsch geborene Tannrodaer Gemeindepfarrer, Saalfelder Superintendent, Leiter der Lutherischen Bekenntnisgemeinschaft und Eisenacher Oberkirchenrat für Ausbildung und Erziehung weiß, wovon er redet, war er doch selbst 28 Jahre lang aktenkundig im Visier der Staatssicherheit, wurde in drei operativen Vorgängen mit dem Ziel der Zersetzung bearbeitet und war wegen seines mutigen Auftretens der Lieblingsfeind staatlicher Stellen. Als Synodaler seit 1964 in Thüringen und seit 1974 auch im DDR-Kirchenbund, Mitglied in der Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen, in der Beratergruppe zwischen ostdeutschem BEK und westdeutscher EKD und schließlich im Thüringer Landeskirchenrat, bekam der Theologe auf allen ­Ebenen Informationen aus erster Hand. Offizielle kirchliche Verlautbarungen, aber auch sorgsam archivierte interne Gremienprotokolle und persönliche Aufzeichnungen ermöglichten es, der vielschichtigen Wahrheit im Vergleich von Stasiakten, kirchlicher Überlieferung und Zeitzeugeninterviews näherzukommen. Wobei letzteren besondere Bedeutung zukommt, wenn es um die Geschichte ­einer Diktatur geht, in der Widerständiges aus naheliegendem Grund oft nur mündlich oder verschlüsselt weiterge­geben wurde.

Nun liegt das Ergebnis der Recherchen vor in einem von der Evangelischen Verlagsanstalt herausgegebenem dicken Band mit dem Titel »Einspruch!« und ­einem Vorwort des letzten Thüringer Landesbischof Christoph Kähler. Gleich die ersten Buchseiten zeigen am Beispiel der Vorgänge um den Aufnäher »Schwerter zu Pflugscharen«, wie unterschiedlich bis gegensätzlich die verschiedenen Quellen reden. Während staatliche Stellen und das MfS von der gelungenen Spaltung der Landeskirchen einerseits und der Träger des Symbols und den Kirchen andererseits zu berichten wissen, dokumentieren kirchliche Informationen, u. a. im Blick auf das am 7. April 1982 stattgefundene Gespräch der Konferenz der Kirchenleitungen mit Staatssekretär Klaus Gysi in dieser Sache, eine geschlossene kirchliche Front. »Wer die staatlichen Texte mit den kirchlichen vergleicht, muss sich fragen: Ist hier von der gleichen Veranstaltung die Rede?«

Wenn ein Zeitzeuge die Akten ehemaliger Gegner liest und sie bei einer Fülle von Fallbeispielen mit eigenen Quellen und den Erfahrungen Dritter zusammenbringt, wird auch nicht die Wahrheit und nichts als die reine Wahrheit herauskommen. »Ein bewusst oder unbewusst wirksames Vorverständnis liegt jeder Untersuchung zugrunde, auch dieser«, gibt der Autor zu. Wer ihn kennt, wird ohnehin nicht eine leidenschaftslos nüchterne Bilanz erwarten, sondern eine Streitschrift.

Sie bietet auftragsgemäß und notwendigerweise keine lückenlose Chronik der MfS-Einflussversuche auf die Thüringer Kirche, sondern nur exemplarisch untersuchte Vorgänge und Texte. Wobei sich manches, was in der Superintendentur Saalfeld vor sich ging, nicht unbedingt auf alle anderen Regionen oder Landeskirchen übertragen lässt. Immer wieder wichtig ist dem Autor der Hinweis auf die von den Genossen völlig unterschätzte politische Wirkung biblischer Texte als Handlungsgrundlage einer Kirche, die Ludwig Große immer als Versammlung aller Gläubigen und nicht als Institution begreift.

Dass die Einschätzung der Kirche durch das MfS nach energischem »Einspruch« verlangt und deren geheime Akten der Auslegung bedürfen und nicht als Kronzeugen verwendet werden können, wird durchgängig deutlich. Und auch, dass jeder Vorgang für sich bewertet werden muss im Spiegel unterschiedlicher Aussagen. Wenn dafür jetzt mehr kirchliche Quellen und Zeitzeugenberichte zur Verfügung stehen als vorher, ist das ein Verdienst dieses Buches und seines kenntnisreichen Verfassers. Eine Unmenge von Anmerkungen, Dokumenten, umfangreiche Literatur-, Personen- und Sachregister fördern Verständnis und Weiterarbeit.

Christine Lässig

Buchcover-EinspruchGroße, Ludwig: Einspruch!
Das Verhältnis von Kirche und Staatssicherheit im Spiegel gegensätzlicher Überlieferungen,
Evangelische Verlagsanstalt GmbH, Leipzig,
776 S., ISBN 978-3-374-02713-2, 38,00 Euro

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Telefon (03643)246161

Kleine Hände ernten Kaffee

6. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Guatemala: Nur durch die Mitarbeit der Kinder können die Tagelöhner auf den Kaffeeplantagen überleben

Kaffeekult ist »in«: Verschiedene Sorten, unterschiedliche Röstungen, moderne ­Espressoautomaten sorgen für guten Geschmack – aber längst nicht immer für ein gutes Gewissen.

Kinderarbeit gehört zum Alltag auf Guatemalas Kaffeeplantagen. In diesen ­Tagen endet die diesjährige Erntesaison. Foto: Andreas Boueke

Kinderarbeit gehört zum Alltag auf Guatemalas Kaffeeplantagen. In diesen ­Tagen endet die diesjährige Erntesaison. Foto: Andreas Boueke

Die Hose des achtjährigen Miguel, hat mehrere Löcher, eins direkt über der linken Pobacke. Entweder hat er das noch nicht bemerkt oder es ist ihm egal. Wenn er sich reckt und streckt, um an die ­hohen Kirschen der Kaffeepflanzen zu gelangen, kann man sowieso sehen, dass er keine Unterhose trägt. »Manchmal sind wir richtig wütend,« schimpft er. »Es gibt Tage, da haben wir nicht genug zu essen. Dann tut uns der Magen weh.«

Miguel erntet Kaffee auf der Finca San Jaime im Osten des mittelamerikanischen Landes Guatemala. Bei der Ernte hat er sich einen Unterarm blutig gekratzt. Nun sitzt er im Schatten eines Kaffeestrauchs und leckt über die Wunde. »Manchmal hängen nur wenige Kirschen am Strauch,« sagt er. »Dann strengst du dich fast umsonst an.«

Miguels Bruder, der vierzehnjährige José, wischt sich mit einem schmutzigen Handrücken den Schweiß aus der Stirn. Er findet es nicht in Ordnung, dass kleine Kinder in der Hitze stehen und Kaffee ernten müssen. »Aber nur wenn wir alle ­zusammen arbeiten, wird es uns ­vielleicht eines Tages besser gehen,« glaubt er.

Der Fincabesitzer
Josés Mutter, Doña Marta, hält es für normal, dass alle ihre Kinder von klein auf arbeiten. Auch Doña Marta hat schon als kleines Mädchen gearbeitet. »Wir kämpfen mit den Kindern ums Überleben. Es geht ja nicht anders. Die Kleinen müssen das Arbeiten ­lernen, um Geld zu verdienen« Während Doña Marta spricht, schaut sie schüchtern auf den Boden. An ­ihren schmutzigen, mit Risswunden übersäten Füßen trägt sie einfache Plastiksandalen mit kaputten Riemen. »Ich sage meinen Kindern, dass sie hart sein müssen. Das tut mir weh, aber so ist das Leben.«

Dem Besitzer der Finca San Jaime, Don Jaime Bonifaz, gehören zahlreiche Ländereien im Westen Guatemalas. Er ist 64 Jahre alt, hat graues Haar und einen auffällig dicken Bauch. Aber er ist fitt und unternehmungslustig. Auf seinen Reisen nach Europa und in die USA verhandelt er mit ­Geschäftspartnern und genießt das Nachtleben von Miami und Rotterdam. Die Finca San Jaime ist der zentrale Standort des Landbesitzes von Jaime Bonifaz. Dort betreibt er auch eine Weiterverarbeitungsanlage für Kaffee, von der aus jedes Jahr rund fünfzigtausend Sack Kaffee in die Welt geschickt werden.

Der Lohn

Die Tagelöhner auf der Finca San Jaime bekommen 36 Quetzal für das Pflücken von vier Kisten voll Kaffeekirschen. Das sind etwa drei Euro für hundert Pfund. Soviel kann ein ausdauernder Arbeiter an einem Tag pflücken, aber nur, wenn die Bedingungen günstig sind. Mit der Hilfe seiner ­Kinder schafft er natürlich mehr.

Doña Marta und ihre beiden Söhnen haben an diesem Tag nur knapp zwei Euro verdient. José ist enttäuscht. »Es werden so 24, 26 Quetzal sein, ­obwohl wir zu dritt gepflückt haben. Aber zum Essen brauchen wir fast 30, 40 Quetzales. Es reicht also nicht.«
Ein Liter Milch kostet in Guatemala fast einen Euro. Auch Fleisch ist teuer. Das kann sich Doña Marta nur selten leisten. Dafür sind frisches Obst und Gemüse günstig. Aber der Warenkorb für eine ausreichende Ernährung, so wie ihn das Kinderhilfswerk UNICEF beschreibt, steht Doña Marta nie zur Verfügung. Sie verdient ja nicht einmal den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn, und selbst der liegt weit unter dem Existenzminimum.

Der Verwaltungsassistent der Finca, Don Camilo, gesteht unumwunden ein, dass er den Tagelöhnern zu wenig zahlt: »Sie bekommen weniger als den Mindestlohn und das auch nur während der Erntezeit. Den Rest des Jahres gibt es keine Arbeit. So gesehen geht es ihnen hier zur Zeit noch gut. Richtig hart wird es erst wieder, wenn die Ernte vorbei ist.«

Kurz bevor die Sonne untergeht schleppen die Erntearbeiter ihre gefüllten Säcke aus allen Winkeln der Kaffeefelder bis zu einer Wegkreuzung, an der sie sich in eine Wartereihe hinter einem Lastwagen stellen. Auf der Ladefläche steht Don Camilo mit einem Schreibblock unterm Arm. Darin sind alle Familien registriert, die auf der Finca arbeiten. Hinter den ­Namen trägt er die jeweiligen Ernte­ergebnisse ein. Meist entscheidet Don Camilo nach Augenmaß über das ­Gewicht der Kaffeesäcke. Doch wenn er es genau wissen will, werden die Kaffeekirschen nach und nach in eine Holzkiste gefüllt, in die angeblich genau 25 Pfund passen.

Der faire Handel
Der junge Mann räumt ein, dass er nicht immer das exakte Gewicht in sein Heftchen notiert: »Wenn sich jemand nicht ordentlich benimmt, schreibe ich nicht alles auf. Zum Beispiel versuchen manche, mich reinzulegen, so wie der Mann dort drüben. Er hat gesagt, in seinem Sack seien fünf Kästen voll. Wir haben das überprüft. Es waren nur vier. Er wollte uns also bestehlen.« Die meisten Pflücker können weder lesen noch rechnen. Außerdem wissen sie, dass es sich nicht lohnt, einen Streit anzufangen.

In Deutschland interessieren sich zunehmend mehr Kaffeekonsumenten für die Arbeitsbedingungen der Erntearbeiter auf den Plantagen. In einigen Fällen kaufen die Betreiberfirmen der Kaffeebars die Bohnen direkt bei Kleinbauerkooperativen in den Anbauländern. So werden Zwischenhändler ausgeschaltet und die Produzenten bekommen einen sehr viel besseren Preis ausbezahlt. Ähnlich funktioniert das Prinzip des fair gehandelten Kaffees mit dem TransFair-Gütesiegel.

TransFair-Produkte werden heute in den meisten Supermarktketten sogar angeboten. So haben die Konsumenten in Deutschland die Möglichkeit, die Lebensbedingungen einiger kleiner Kaffeeproduzenten und ihrer Familien deutlich zu verbessern. Doch noch immer ist der faire Handel letztlich nicht viel mehr als eine kleine Marktnische. In Deutschland gibt es ihn sein 1970, mit dem mageren Ergebnis, dass heute zwei bis drei ­Prozent des Kaffees fair gehandelt wird.

Andreas Boueke

Endloses Blau und ewiges Licht

5. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

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Jubiläum: Der Glaskünstler Johannes Schreiter wird am 8. März 80 Jahre alt

S.D.G. – so signiert der Glaskünstler seine Entwürfe. »Soli Deo Gloria« – zur Ehre Gottes will er arbeiten, solange er kann.

Ausschnitt eines Kirchenfensters des Künstlers Johannes Schreiter in der  evangelischen Kirche in Mainz-Gonsenheim, Fotos: epd-bild

Ausschnitt eines Kirchenfensters des Künstlers Johannes Schreiter in der evangelischen Kirche in Mainz-Gonsenheim, Fotos: epd-bild

Die beiden 9,2 Meter hohen Fenster der Sakramentskapelle des Mainzer Doms sind eine Einladung zum Gebet und zur Meditation. Mächtig bahnt sich auf ­ihnen das endlose Blau des Himmels den Weg zu den Menschen. Das ewige Licht erreicht sie aber nur durch das Leben und Sterben Christi, das mit einem glühenden Rubinrot angedeutet ist. Die beiden Kirchenfenster stammen von Johannes Schreiter, einem der bedeutendsten Glaskünstler der Gegenwart. Am 8. März feiert er im südhessischen Langen seinen 80. Geburtstag.
»Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch.« Die­se Zeile aus einem Gedicht Friedrich Hölderlins ist die geheime Melodie in Schreiters Leben, aber auch das bestimmende Thema seiner Kunst der vergangenen drei Jahrzehnte. Trotz aller Bedrohungen und aller Ängste ist der Mensch nicht verloren, sondern von Gottes Liebe getragen, lautet seine Botschaft. »Es gibt keinen Zufall, nur göttliche Fügung.«

Für Schreiter sind auch die beiden zentralen Ereignisse seines Lebens nichts anderes als »Fügung«, sagt er: 1983 seine »Rückkehr zu Gott, zum christlichen Glauben« und fünf Jahre später seine »wunderbare Heilung«. Nach einer Viruserkrankung, die er sich als Gastprofessor in Neuseeland zugezogen hatte, verlor er seine Stimme und musste in der Folge auch seine Professur an der Frankfurter Städelschule an den Nagel hängen. »Die Ärzte hatten mich bereits aufgegeben.«

Doch dann begegnete er am Rande eines Bibelabends im Odenwald einem Prediger aus der Schweiz. »Dieser 83 Jahre alte Mann sprach mit mir über meine Krankheit und segnete mich anschließend mit folgenden Worten: ›Der Geist Gottes ist über dir, du bist geheilt.‹« Schreiter erinnert sich: »Nach einem fürchterlichen Schmerz, der sich durch meinen Körper zog, konnte ich wieder sprechen und wenige Tage später wieder arbeiten. Härter und intensiver denn je.« Die Heilung verändert nicht nur sein Leben, sondern auch seine Kunst. Das Dunkle und Düstere verliert an Gewicht, helle, strahlende Farben gewinnen die Oberhand.

In diese Zeit fällt auch der sogenannte Heidelberger Fensterstreit. Nach harschen Bürgerprotesten verzichtet der zuständige Kirchengemeinderat darauf, die Entwürfe des Künstlers für die 22 Fenster der evangelischen gotischen Heiliggeistkirche in der Universitätsstadt realisieren zu lassen. Schreiter wurde insbesondere wegen seiner provokativen und wenig heimeligen Bearbeitung der Themen Medien, Medizin oder Physik angefeindet.

Doch Schreiter stand zu seinem Zyklus. Unterstützung erhielt er dabei unter anderem von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, die das sogenannte Medizinfenster für den Evangelischen Kirchentag in Frankfurt am Main 1987 ausführen ließ. 1996 fand es in der Kirche des Darmstädter Elisabethenstifts endgültig seinen Platz. Andere Entwürfe sind inzwischen in Karlsruhe, Linnich bei Aachen und im kanadischen Edmonton realisiert.

Johannes Schreiter wird 1930 in Annaberg-Buchholz im Erzgebirge ­geboren. Seine Liebe zum Malen entdeckt der Sohn eines Kaufmanns ­bereits als kleines Kind. Aber auch das Violinespielen bereitet ihm große Freude. »Ich wusste bis zum Abitur nicht, was das Richtige für mich war – die Malerei oder die Musik.« Die Entscheidung wird ihm abgenommen. 1949, während seiner Flucht nach ­Greven im Münsterland, verletzt er sich so stark am Arm, dass an eine berufliche Zukunft als Geiger nicht mehr zu denken ist.

Im selben Jahr nimmt Schreiter in Münster ein Kunststudium auf. 1960 erhält er vom Bistum Würzburg den Auftrag, die Kirchenfenster für St. Margareta in Bürgstadt bei Miltenberg am Main zu entwerfen. »Damit ging alles los«, erinnert sich Schreiter. Er wird Lehrbeauftragter an der Kunstschule Bremen, von 1963 bis 1987 wirkt er als Professor für Malerei und Grafik an der Frankfurter Städelschule.

Schon in den 1960er Jahren hatte Schreiter neben Otto Piene und Yves Klein mit seinen sogenannten Brandcollagen Kunstgeschichte geschrieben. Diese neue Technik des Sengens und Verbrennens von Papier beeinflusste auch sein glasbildnerisches Oeuvre sehr stark. Als ebenso revolutionär gilt seine Um-Interpretation der Bleiruten in Kirchenfenstern. Schreiter befreit die Metallstäbe, die die Glasstücke zusammenhalten, von ihrer rein technischen Funktion und nutzt sie als autonomes Mittel der Gestaltung.

In seinen Kirchenfenstern wendet er sich der Abstraktion zu, der Befreiung vom Überflüssigen. Er sucht die Stille, die Andacht. Seit den 1960er Jahren findet sich in nahezu jeder seiner Arbeiten die U-Form als Symbol für die geöffnete Hand wieder. Sorgfältig gestaltet er Linien, Ornamente, Rechtecke und Netze, die oft durch Quereinschüsse gebrochen sind, »so wie das kontemplative Betrachten ­eines Ozeans durch einen vorüberfliegenden Vogel«.

S.D.G. – so signiert der Glaskünstler seit 1995 seine Entwürfe. »Soli Deo Gloria« – zur Ehre Gottes will er arbeiten, so lange er kann. »Das hält mich lebendig.«

Von Dieter Schneberger (epd)

Die Freiheit eines Christenmenschen

5. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Öffentliche Ämter: Zum Rücktritt von Margot Käßmann und zum Anspruch an Menschen in Spitzenpositionen

Sollten Menschen in herausgehobenen Positionen ­Vorbild sein? Oder sind die Maßstäbe, die an sie angelegt werden, zu hoch? Margot Käßmanns Rücktritt hat über diese Fragen eine lebhafte Diskussion ausgelöst.

Foto: Archiv

Foto: Archiv

Margot Käßmanns Verfehlung und ihr Rücktritt – sie haben eine heftige öffentliche, auch sehr emotionale Debatte ausgelöst über die Frage: Was darf man – legitimerweise – erwarten, was darf man verlangen von Menschen in herausgehobenen öffentlichen Ämtern in Politik, Gesellschaft, Kirche? Sollen sie, müssen sie Vorbild sein, und wenn ja, in welchem Sinne?

Zunächst eine einfache Beobachtung: Im öffentlichen Amt, in herausgehobener Position sind Siege, sind Erfolge strahlender, erscheinen schöner und größer, weil öffentlich – das macht das öffentliche Amt verführerisch. Zugleich aber sind Niederlagen, Fehler, Misserfolge schlimmer und schmerzlicher, weil eben öffentlich – das macht das öffentliche Amt riskant. Mit einem öffentlichen Amt wächst nicht nur die Verantwortung, sondern auch der Zwang, Vorbild, gar vollkommen sein zu müssen oder jedenfalls besser als die (beobachtende) Mehrheit – die zugleich argwöhnisch verfolgt, ob die öffentliche Person diese Erwartung auch erfüllt. Wehe, wenn nicht.
Aber die Person im öffentlichen Amt bleibt doch ein Mensch, also fehlbar, unvollständig, des Erbarmens würdig! Sie wird (fast) nie identisch sein können mit dem erwünschten Idealbild, mit der von vieler Leute Wünsche und Hoffnungen gemalten Ikone von diesem Menschen. Eine Ikone aber ist ein ohne Tiefe gemaltes Bild. Selbst im Amte sind wir indivi­duelle Person, nie ganz identisch mit einem Amt, das Amt bleibt mehr als dessen Inhaber.

In einem Kommentar der »Berliner Zeitung« war zu lesen: Bischöfin Käßmann »sei über ihren moralischen Hochmut gestolpert – rufen ihr diejenigen hinterher, die jegliche Moral zum Hochmut erklären, die über ihre Begriffe geht.« Und tatsächlich: »Moralist«, »Gutmensch« sind zu Schimpfworten in der medialen Öffentlichkeit geworden. Allzu hohe moralische Ansprüche erwecken Misstrauen und Spott. Willkommen in unserer Gosse, wenn einer scheitert.

Sollten wir also die Maßstäbe absenken, weil wir doch allzu oft unter ihnen bleiben? Was ist wirklich zu verlangen von Menschen in »öffentlichen Ämtern«? Gewiss nicht, dass sie Heilige sind oder werden. Aber doch, dass sie Vorbilder sind in einem ganz bestimmten Sinn: Politiker sollten Vorbilder sein für die Einhaltung der Regeln, die für unser demokratisches Gemeinwesen konstitutiv sind, sie sollten erkennbar für das Gemeinwohl engagiert arbeiten und nicht nur fürs eigene materielle Wohl. (Wo das nicht geschieht, haben die Bürger die demokratische Möglichkeit, den betreffenden Politiker abzuwählen.) Wirtschaftsmanager sollten nachvollziehbar für das Wohl des Unternehmens tätig sein, also nicht nur für die Eigentümer, sondern ebenso auch für die Arbeitnehmer. (Von Rücktritten nach folgenreichen Fehlentscheidungen ist in diesem Milieu wenig bekannt.) Bischöfe und Pfarrer sollten das Evangelium mit Überzeugung und glaubwürdig vermitteln und vertreten. Müssen wenigstens sie dafür Heilige sein? Nein. Auch die Jünger Jesu waren es nicht, sie waren vielmehr gewöhnliche Menschen, Petrus hat sogar gelogen. Trotzdem wurden sie Zeugen Jesu und seiner Lehre – weil sie durch ihr Leben und Sterben für die Frohe Botschaft einstanden.

Margot Käßmann sei an ihren eigenen Maßstäben gescheitert, heißt es. Aus einer falschen Augenblicksentscheidung wurde ein schwerwiegender Fehler: Die Bischöfin hat daraus Konsequenzen gezogen. Mit ihrem Rücktritt bestätigt sie jene moralischen Maßstäbe, an deren Geltung sich so viele stören! Musste sie unbedingt zurücktreten, war ihre Entscheidung alternativlos? Nein, gewiss nicht, aber sie hat sich in Freiheit und Demut so entschieden. Das verdient dankbaren Respekt, auch wenn ich traurig bin über den Verlust. Margot Käßmann hat ein Beispiel gegeben für die Freiheit eines Christenmenschen.

Der Autor Wolfgang Thierse ist Vizepräsident des Deutschen Bundestages.

Wolfgang Thierse

Die unverbrüchliche Kraft der Träume

4. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Ein Beitrag von Anselm Grün über den christlichen Umgang mit Scheitern

Wie gehen wir damit um, wenn das Leben uns einen Strich durch die Rechnung macht? Um zerbrochene Lebensträume geht es im dritten und letzten Beitrag unserer Serie mit dem Benediktinerpater Anselm Grün.

Foto: Remigiusz Szczerbak, (sxc.hu)

Foto: Remigiusz Szczerbak, (sxc.hu)

Jeder Mensch hat Lebensträume. Der eine träumt vom beruflichen Erfolg. Die andere träumt von einer gläubigen Familie, in der alle sich im Glauben eins wissen. Andere träumen davon, Menschen zu helfen, die in Not sind. Andere haben den Traum, ein Schriftsteller, ein Künstler, ein Schauspieler oder ein berühmter Sänger zu werden. Der ­Lebenstraum gibt uns Energie, unsere Fähigkeiten zu entwickeln und auf ein Ziel hin zu konzentrieren. Oft scheinen die Lebensträume in Erfüllung zu gehen. Doch irgendwann zerbrechen diese Träume. Oder aber sie bleiben nur in der Vorstellung. Doch das Leben ist ganz ­anders.

Viele spüren keine Energie mehr in sich, wenn ihre Lebensträume zerbrechen. Oder aber sie werden krank, weil ihr Leib oder ihre Seele gegen ein Leben rebellieren, das den ursprünglichen Traum verleugnet oder verdrängt. Eine Frau hatte den Lebenstraum, eine gläubige Familie zu gründen. Sie fand auch einen gläubigen Mann, den sie heiratete. Der Lebenstraum schien in Erfüllung zu gehen. Doch nach 20 Jahren hat sie der Mann verlassen. Da spielte der Glaube auf einmal gar keine Rolle mehr, sondern nur die Faszination durch eine andere Frau. Die Kinder wollten nichts mehr vom Glauben wissen. So zerbrach ihr Lebenstraum.

Die erste Aufgabe ist, den zerbrochenen Lebenstraum zu betrauern. Das tut weh. Aber nur wenn ich im Betrauern durch den Schmerz hindurchgehe, gelange ich in den Grund meiner Seele. Dort werde ich neue Möglichkeiten meines Lebens entdecken. Und dort werde ich die Essenz des ­Lebenstraumes erkennen. Denn die Realisierung des Lebenstraumes kann zerbrechen. Die Essenz zerbricht nie. Die bleibt. Durch alles Zerbrechen hindurch sollte ich daher nach der ­Essenz meines Lebenstraumes fragen.

Die Frau, deren Lebenstraum einer gläubigen Familie zerbrochen war, erkannte, dass sie allzu sehr die Familie ihrer Eltern kopieren wollte. Jetzt, wo ihr Traum ­zerplatzte, erkannte sie, was Glauben wirklich bedeutet. Glauben war jetzt nicht mehr Verzierung eines schönen und heilen Miteinanders, sondern der Grund, auf dem sie stand mitten in der Brüchigkeit ihres Lebens. Dort, wo sie nichts mehr von ihren Idealen in Händen hielt, war sie herausgefordert, das Wesen des Glaubens zu entdecken. Sie verstand auf einmal, was der Hebräerbrief vom Glauben sagt: »Glauben ist Feststehen in dem, was man erhofft.« (Hebräer 11,1)

Wer das Betrauern verweigert, der erstarrt. Sein Leben wird nur noch Routine. Oder aber er reagiert damit, dass er im Selbstmitleid schwimmt. Er jammert sich und den andern ständig vor, dass sein Lebenstraum zerbrochen sei, dass er nichts mehr habe, was ihm Freude macht. Wenn ich im Selbstmitleid bade, komme ich nicht weiter. Ich kreise immer um den gleichen Schmerz. Aber ich gehe nicht durch den Schmerz hindurch. Ich bleibe an der Oberfläche. Außer Jammern gibt es noch die Möglichkeit, auf die Verweigerung des Betrauerns mit Anklagen zu reagieren. Ich klage die andern an, die am Zerbrechen meines Lebenstraumes schuld sind. Der Mann, der mich verlassen hat, wird zum Monster, das alles zerstört, was man mühsam aufgebaut hat.

Tod und Auferstehung Jesu bestätigen uns, dass zwar der Lebenstraum zerbrechen kann, aber nicht die Essenz dieses Traumes. Im Tod Jesu schien sein Traum von einer neuen Gemeinde Israels, die seiner Auslegung des Gesetzes folgt, zerbrochen zu sein. Doch durch das Zerbrechen hindurch wurde er auf neue Weise Wirklichkeit. Nach der Auferstehung bildeten die zerstreuten Jünger auf einmal eine feste Gemeinde. Durch den Pfingstgeist bestärkt, verkündeten sie die Frohe Botschaft Jesu und bildeten in ­ihren Gemeinden das neue ­Jerusalem, das neue Volk Israel. Der eigentliche Inhalt des Traumes Jesu ging in Erfüllung, aber durch das Zerbrechen hindurch.

So lädt uns die Passionszeit ein, die eigenen zerbrochenen Lebensträume anzuschauen, anstatt sie zu verdrängen, sie zu betrauern, anstatt zur Tagesordnung überzugehen. Und die Passionszeit lädt uns im Blick auf die Auferstehung Jesu ein, daran zu glauben, dass die Essenz ­unseres Lebenstraumes durch alle Brüche hindurch bestehen bleibt und ­unserem Leben die Gestalt zu ­geben vermag, die Gott uns zugedacht hat.

Der Autor ist wirtschaftlicher Leiter der Benediktiner-Abtei Münsterschwarzach und er schrieb rund 300 Bücher zu spiri­tuellen Themen.