Vergessene Mitstreiterinnen

26. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Mit diesem Beitrag eröffnen wir eine Reihe über Frauen in der Reforma­tionszeit, die wir in einer losen Folge mit Porträts fortsetzen.

Katharina von Bora, die Ehefrau ­Martin Luthers. Ausschnitt aus einem Bild, das im Sterbehaus des Reformators in Eisleben hängt. Foto: epd-bild

Katharina von Bora, die Ehefrau ­Martin Luthers. Ausschnitt aus einem Bild, das im Sterbehaus des Reformators in Eisleben hängt. Foto: epd-bild

Sie schauen majestätisch-huldvoll, demütig-bescheiden, manche selbstbewusst: Frauen des 16. Jahrhunderts, die uns Maler wie Lukas Cranach d. Ä. in ihren Bildern bis heute lebendig erhalten. So vertraut uns auch ihre Bildnisse sind, über ihr Leben, ihre Wünsche und Träume wissen wir nur wenig. Wie sah ihre Realität aus, welche Gestaltungsmöglichkeiten hatten sie in jener Zeit, die wir heute Renaissance nennen?

Auch im 16. Jahrhundert noch realisierte sich Frausein offiziell und grundsätzlich zwischen der Sündhaftigkeit Evas und der Jungfräulichkeit Marias; die eine des Teufels Werk, die andere das erstrebenswerte Ideal der Kirche. An diesem Jahrhunderte lang propagierten Bild der Frau ­änderte auch die Reformation nicht allzu viel.

Die Reformation verdrängte zwar das Ideal der keuschen Jungfrau durch das der Ehefrau und Mutter und stärkte damit das Selbstbewusstsein der Frau, doch an ihrer sozialen Stellung änderte sich kaum etwas. Die Frau bedurfte weiter in nahezu allen Angelegenheiten des Lebens der Entscheidung des Mannes und war ihm rechtlich unterstellt, zuerst dem Vater, dann dem Ehemann. Als Witwe konn­te sie die Vormundschaft über minderjährige Kinder und Verfügungsgewalt über ihren Besitz nur dann erlangen, wenn der Ehemann oder der von ihm bestellte Vormund zustimmte. Auch Luthers Witwe musste sich das Recht, für ihre Kinder und ihren Besitz Sorge zu tragen erstreiten, weil ihr Mann es versäumt hatte, eindeutige Regelungen zu treffen.

Eine Ehe – die Braut war mitunter kaum älter als 14/15 Jahre – entsprang zu jener Zeit in erster Linie rationalem Kalkül. Waren es in adligen Kreisen politische Konstellationen und Besitz, so bestimmten im Bürgertum und Bauernstand adäquates Vermögen und Beruf, mitunter auch persönliche Eignung die Auswahl des Ehemannes. So bot beispielsweise der Goldschmiedemeister Hieronymus Holper seinem 40-jährigen Gesellen Albrecht Dürer d. Ä. seine 15-jährige Tochter Barbara als Braut an. Die Heirat sicherte Holper einen Nachfolger und Dürer den ansonsten wohl unerreichbaren Meistertitel, Voraussetzung seines Erfolgs. Auch wenn Liebe bei einer Heirat oft fehlte, konnte sie sich, wie bei Dürer und seiner Frau, Martin Luther und Käthe oder dem kursächsischen Paar Sibylle von Cleve
und Johann Friedrich I., durchaus einstellen.

Trotz aller Beschränkungen gab es aber immer wieder Frauen – insbesondere auf dem Land oder im Bürgertum der Städte – die sich ­ihren Platz in der Gesellschaft erobert hatten. Sie waren nicht nur als Hausfrau und Mutter anerkannt, sie leiteten darüber hinaus oft große Hauswirtschaften, führten selbstständig Geschäfte und betrieben Handwerke. Manche arbeiteten in städtischem Dienst als Hirtinnen oder Schreiberinnen, Hebammen und Heilkundige, manche als Dirnen. Es gab politisch autonome Herrscherinnen wie Herzogin Elisabeth von Braunschweig-Lüneburg, die »Mutter der Reformation«. Es gab gebildete Nonnen, wie die Klarissin und Humanistin Caritas Pirckheimer, »ein unverschämt gelehrtes Weibsbild« (so Andreas Osiander, der Reformator Nürnbergs), die selbstbewusst mit Gelehrten wie Melanchthon disputierte.

Auch in Luthers unmittelbarem Umfeld treffen wir auf selbstständige Frauen, die sich neben den Männern behaupteten, wie Katharina von Bora, Magdalena von Staupitz, die Leiterin der ersten Mädchenschule Mitteldeutschlands in Grimma oder Argula von Grumbach (Stauff), die nicht nur Hausfrau und Mutter war, sondern auch die Reformation aktiv durch Wort und Schrift verbreitete. Obgleich Luther den Frauen grundsätzlich konservativ gegenüberstand – »Weiber­regiment hat nie etwas Gutes ausgericht« – musste er ihre Leistungen anerkennen: »Stellt euch vor, es gäbe das weibliche Geschlecht nicht. Das Haus und was zum Haushalt gehört, würde zusammenstürzen, die Staaten und die Gemeinden.« Doch selbst dieses Lob von höchster reformatorischer Autorität brachte den Frauen offiziell keine Besserung ihrer Lage. Nicht nur das Predigt- und Pfarramt blieb ihnen auch durch die Reformatoren verwehrt.   

Sylvia Weigelt

Die Autorin ist Mediävistin, sie arbeitet als freie Autorin und Publizistin. (Mediävistik ist die Wissenschaft vom europäischen Mittelalter.)

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