»Schön sind deine Namen«

11. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Zur Vielfalt biblischer Gottesnamen und Gottesbilder

Die Bibel, Foto: sxc.hu

Die Bibel, Foto: sxc.hu

Du bist, wie du bist: Schön sind deine Namen. Halleluja. Amen«, bekennt der Refrain eines neueren Kirchenliedes. Die Namen, die darin besungen werden, heißen: Lebendigkeit und Barmherzigkeit, Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit, Beständigkeit und Vollkommenheit. Allesamt schöne, weil gute verlässliche Beziehungsweisen, mit denen Gott SEINER Schöpfung die Treue hält. Dass Gott so ist und so erfahren werden kann, gibt der singenden Gemeinde Anlass zum Gotteslob: »Halleluja!«

Auch in diesem »Hallelu-Jah!« steckt ein Gottesname, denn übersetzt heißt es: »Lobt Jah!« »Jah« aber ist die Kurzform des biblischen Eigennamens Gottes, des Tetragramms, der vier Buchstaben: J-h-w-h. Wie diese vier Konsonanten gesprochen werden, wissen wir nicht. Denn aus Achtung vor der Unverfügbarkeit Gottes sprechen Jüdinnen und Juden den göttlichen Eigennamen nicht (mehr) aus.

Dadurch wird Gott aber keineswegs anonym. Sondern im Reden zu und von Gott treten an die Stelle des unaussprechlichen Eigennamens sprechende Rufnamen. Die Psalmen etwa sind voll von solchen namhaften Gottesbildern. Kein Wunder also, dass Martin Luther für seine Reformationshymne »Ein feste Burg ist unser Gott« in die bilderreiche Sprachschule des 46. Psalms gegangen ist.

Die vielfältigen Rufnamen Gottes erzählen Lebensgeschichten. In sie schreiben Menschen ihre Gotteserfahrungen ein. So gibt die ägyptische Sklavin Hagar Gott den Namen: »Du bist ein Gott des Sehens« (1. Mose 16,13). Mit diesem Namen erinnert sie daran, dass Gott genau hinsieht und sie in ihrer Not wahrnimmt, dass Gottes Blick ihr, der schwangeren ausländischen Flüchtlingsfrau, Ansehen und Würde schenkt. Der Gottesname Hagars erzählt von göttlicher Aufmerksamkeit und Zuwendung und kann, wo wir ihn heiligen, auch eine zwischenmenschliche Kultur der Achtsamkeit fördern. Denn die Namen, mit denen wir Gott nennen, verpflichten auch uns alles Menschenmögliche dafür zu tun, dass sie auf Erden wahr werden.

Die vielfältigen Rufnamen, mit ­denen Menschen sich bittend und dankend, klagend und lobend an Gott wenden und von Gott erzählen, knüpfen an die Umschreibung an, die Gott selbst SEINEM Eigennamen gegeben hat: »Ich werde sein, der ich / die ich sein werde« (2. Mose 3,14). So stellt sich Gott vor, als Mose nach ­Gottes Namen fragt. Übrigens: Der hebräische Wortlaut legt Gott hier ­keineswegs einseitig männlich fest. Die Selbstvorstellung Gottes ist offen für weibliche und männliche Gottesbilder. Darum spreche ich von Gott auch als ER und SIE. Und deshalb sollte der Eigenname Gottes auch nicht einseitig und ausschließlich mit »Herr« / »HERR« wiedergegeben werden. Gott ist viel zu lebendig, als dass IHRE Beziehung zu uns in einem Herrschaftsverhältnis aufginge.

»Herr« ist ebenso wie der trinitarische Gottesname »Vater, Sohn und Heiliger Geist« einer neben anderen Rufnamen Gottes. Von Gott allein in männlichen Bildern zu sprechen, verstößt gegen das Bilderverbot. Die Vielfalt der Gottesnamen und -bilder dagegen achtet das Bilderverbot: »Du sollst dir kein Bild machen« – das lässt sich eben auch lesen als: »Du sollst dir nicht nur ein Bild von Gott machen.« Denn wer nur ein Bild von Gott hat, bildet sich ein, Gott zu kennen, und ist womöglich bald fertig mit IHR. Gerade das Bilderverbot eröffnet den Raum für viele Bilder Gottes – jedoch keine ­Bilder, die wir herstellen, sondern die sich einstellen in der Begegnung mit dem lebendigen Gott.

»Ich werde sein, die ich sein werde.« Damit sagt Gott aber keineswegs: »Ich bin ich und damit basta.« Mit diesem Namen zieht Gott sich nicht auf sich selbst zurück, sondern öffnet sich, macht sich ansprechbar und verletzlich. Denn dieser Name enthält eine große Verheißung und – ein großes Risiko. Mit ihm verspricht Gott: Ich bin da. Ich bin bei dir in ­jeder neuen Gegenwart, auf allen ­deinen Wegen. Ich bleibe dir treu. Mehr noch: »Ich werde sein, der ich für euch sein werde.« Gott lässt sich vorbehaltlos auf die Beziehung zu den Menschen ein, bindet sich an uns und an die Namen, mit denen wir IHN nennen.

Damit riskiert Gott, dass wir SIE mit Namen nennen, die IHR Wesen verfehlen – Namen, mit denen wir Gottes Eigennamen nicht entsprechen, sondern ihn in den Dreck ziehen. Eben darum bleiben wir angewiesen auf die Bitte »Geheiligt werde dein Name« und das Gebot, den Namen Gottes nicht zu missbrauchen. Denn nur die Rufnamen, mit denen wir Gottes Eigennamen und mit ihm Gott selbst heilig halten, sind schöne Namen.

Magdalene L. Frettlöh

Die Autorin ist promovierte Theologin und Rektorin des Kirchlichen Fernunterrichts der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und Privatdozentin für Systematische Theologie an der Ruhr-Universität Bochum

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