Blutvergießen in Nigeria

4. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Straßen von Jos nach den Unruhen: An zerstörten Geschäften und ausgebrannten Autos vorbei trägt ein Mann einen Sack Hirse nach Hause. Foto: picture alliance/dpa/George Esiri

Die Straßen von Jos nach den Unruhen: An zerstörten Geschäften und ausgebrannten Autos vorbei trägt ein Mann einen Sack Hirse nach Hause. Foto: picture alliance/dpa/George Esiri

Nigeria: Im Grenzgebiet zwischen dem muslimischen Norden und dem christlichen Süden eskalieren Spannungen

Mehr als 200 Menschenleben kosteten die jüngsten Auseinandersetzungen ­zwischen Christen und Muslimen in der nigerianischen Stadt Jos.

Als vor zwei Wochen die Ausgangssperre zum ersten Mal seit Tagen aufgehoben wurde, blieben die Straßen in Jos in Zentralnigeria dennoch leer. »Wir haben nichts mehr zu essen im Haus, irgendwann müssen wir rausgehen«, sagt ein Bewohner der Stadt, die zuvor von Unruhen erschüttert wurde. »Aber ich habe Angst, dass wieder geschossen wird.« Seinen Namen will der Christ lieber nicht genannt wissen.

Spätestens seit 2001, als bei Unruhen zwischen Christen und Muslimen mehr als 1000 Menschen starben, ist Jos für Konflikte zwischen Religionsgemeinschaften berüchtigt. Kreuzzughaft anmutende christliche Missionsbewegungen sind in Jos ebenso zu Hause wie islamistische Kampfgruppen. Ihre Zielgruppen sind die Masse an Jugendlichen aus armen Familien unter den rund 860000 Einwohnern der Stadt, denen der Staat keine Perspektive bietet.

Was genau die jüngsten Unruhen ausgelöst hat, ist ungewiss. Womöglich stimmt die Geschichte, die Alhadschi Kabir Mohammed, ein muslimischer Bewohner von Jos, in der Presse erzählt. »Ich habe mein Haus wiederaufgebaut, das in den letzten Unruhen vor gut einem Jahr zerstört wurde«, so Mohammed. »Auf einmal kamen christliche Jugendliche auf Motor­rädern und befahlen mir, zu verschwinden.« Von da an, sagte Mohammed, habe die Lage sich hochgeschaukelt. Irgendwann brannten Kirchen, Moscheen und Häuser, und Tote lagen auf den Straßen.

Andere sprechen von vorbereiteten Angriffen auf Christen nach der Sonntagsmesse. »Das war geplant, unsere Jugendlichen haben sich nur verteidigt«, erklärt Pfarrer Pandang Yamsat, der der »Kirche Christi« vorsteht, mit drei Millionen Mitgliedern eine der größten Glaubensgemeinschaften in der Region. Er sieht in den neuer­lichen Unruhen eine Taktik, mit der Muslime Christen aus Jos vertreiben wollten. »Die Muslime wollen das Land alleine regieren, aber das geht nicht, es gehört Christen und Muslimen gleichermaßen.«

Nicht alle Christen teilen die Einschätzung von wütenden Kirchenführern wie Yamsat. »Die Auseinandersetzungen haben sehr wenig mit Religion zu tun«, sagt etwa Ignatius Kaigama, der katholische Erzbischof von Jos. Er setzt sich seit Langem für den Dialog zwischen Christen und Muslimen ein. »Religion wird instrumentalisiert, um ethnische und politische Interessen leichter durchzusetzen.« Kaigama warnt zudem vor der Macht von Gerüchten. Denen zufolge sollte auch seine Gemeinde angegriffen und die Kathedrale angezündet worden sein: »Das stimmt alles nicht, wer so etwas verbreitet, der lügt.«

Die wirklichen Ursachen des Konflikts sind sozialer Natur, meint auch der Muslim Shamaki Grad von der Menschenrechtsliga in Jos: »Nach den letzten Unruhen Ende 2008 sind die versprochenen Entschädigungszahlungen vom Staat nie geflossen. Die Leute sind arm und hoffnungslos, sie gehen aus Frust erneut auf die Straße.« Hinzu kommt: »Frühere Ausschreitungen sind nie aufgeklärt worden, niemand wurde verhaftet«, sagt Grad. »Deshalb gibt es hier ein Gefühl der Straflosigkeit.«

Nigerias Vizepräsident Goodluck Jonathan hat außer dem Militär auch den Chef des Geheimdiensts nach Jos entsandt. Er will präzise Informationen. Die Angst ist groß, dass sich die Gewalt wie ein Flächenbrand ausbreitet. In den umliegenden Bundesstaaten haben die Behörden die Polizei in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Offenbar zurecht: Nur wenige Stunden, nach dem im Zentrum von Jos Ruhe eingekehrt war, meldeten Bewohner neue Ausschreitungen in den Außenbezirken. Und in Pankshin, einer gut 100 Kilometer entfernten Stadt, wurde von brennenden Regierungsgebäuden berichtet. (epd)

Von Marc Engelhardt

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