Zuflucht in den USA gefunden

26. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Schulverweigerer: Das politische Asyl für Schulverweigerer weckt Interesse bei weiteren deutschen Eltern

In den USA gang und gäbe, in Deutschland verboten: Schulunterricht zu Hause. Das US-Asyl für eine ­deutsche Familie könnte jetzt zum Vorbild für weitere Schulverweigerer werden.

Immer wieder wollen einzelne Eltern ihre Kinder selbst unterrrichten, statt sie in eine Schule zu schicken. Foto: Ignacio Leonardi (sxc.hu)

Immer wieder wollen einzelne Eltern ihre Kinder selbst unterrrichten, statt sie in eine Schule zu schicken. Foto: Ignacio Leonardi (sxc.hu)

Seit dem Urteil Ende Januar hätten mehrere Deutsche bei ihm angerufen, um sich über den Asylprozess zu informieren, bestätigt Michael Donnelly. Donnelly, Mitarbeiter der »Home School Legal Defense Association«, eines Rechtshilfeverbandes für Heimschülerfamilien, ist Anwalt der Eheleute Hannelore und Uwe Romeike aus dem baden-württembergischen Bissingen, die ihre Kinder aus »religiösen und Gewissensgründen« zu Hause unterrichten wollen und Zuflucht in den Vereinigten Staaten gesucht haben.

Die Romeikes waren im Sommer 2008 mit ihren fünf Kindern in die USA gekommen, um zu tun, was in Deutschland verboten ist, in den USA aber weit verbreitet: ihre Kinder selbst zu unterrichten. Nach Ansicht der Eheleute entsprechen die Schulbücher nicht ihren christlichen Werten. Sie fühlten sich verfolgt, weil die ­deutschen Behörden die Schulpflicht mit Bußgeldbescheiden durchsetzen wollten. Einwanderungsrichter Lawrence Burman gab ihrem Asylantrag statt. Die deutsche Haltung verstoße gegen »alles, woran wir als Ameri­kaner glauben«, zitiert die »Defense Association« den Richter. Man könne nicht verlangen, dass sich jedes Land nach der amerikanischen Verfassung richte, sagte Burman. Aber die Welt wäre »wohl besser«, wäre das der Fall.

Rund zwei Millionen Kinder werden nach Angaben des Erziehungswissenschaftlers Robert Kunzman von der Indiana University in Bloomington (Indiana) in den USA gegenwärtig zu Hause unterrichtet. Vermutlich liege die Zahl sogar höher, viele »Homeschool«-Eltern misstrauten Untersuchungen und hielten sich bedeckt. Aber nicht immer sei Heimunterricht in den USA so weit verbreitet gewesen, erklärt Anwalt Donnelly. Noch vor 30 Jahren hätten es »Homeschooler« in den USA so schwer ­gehabt wie heute Schulverweigerer in Deutschland. Man habe sich die Freiheit zur Heimerziehung von Bundesstaat zu Bundesstaat erkämpfen müssen.
Es gebe keine »typische Heimschulfamilie«, sagt Kunzman. Die Mehrheit sei konservativ christlich. Aber auch grundsätzlich autoritätsskeptische Eltern entschieden sich bisweilen zum Unterricht daheim. Gemeinsam hätten »Homeschooler« die »philosophische Überzeugung«, dass Eltern das Recht haben, selbst über die Erziehung ihrer Kinder zu entscheiden.

Viele sehen Heimunterricht als ein Grundrecht an

Leider gebe es keine verlässlichen ­Daten über die Auswirkungen des »Home Schooling«, sagte Kunzman. Die »Home School Legal Defense Association« präsentiere eine Untersuchung, dass die von Eltern unterrichteten Kinder bei standardisierten Tests besser abschnitten als Schüler in staatlichen Einrichtungen. Aber diese Untersuchung sei nicht repräsentativ, und die Tests seien von den Eltern selbst vorgenommen worden.

Oft sind Heimschul-Eltern hoch gebildet, und sie organisieren mit Gleichgesinnten Kooperativen und Netzwerke zum Lernen. Andererseits setzen manche Bundesstaaten fast gar keine Kriterien für die Unterrichtsqualität. So müssen in Tennessee, wo die Romeikes nun leben, Eltern nur ­einen mit dem deutschen Hauptschulabschluss vergleichbaren High-School-Abschluss haben, wollen sie ihre Kinder unterrichten. Ausnahmen gibt es für gläubige Eltern. Stehen die zu Hause lehrenden Eltern nämlich in Verbindung mit einer kirchlichen Schule, brauchen sie laut Gesetz überhaupt keine Schulbildung für das Unterrichten ihrer Kinder bis zur achten Klasse. Danach wird ein High-School-Abschluss verlangt. Bei der Lehrplanwahl hält sich der Staat fast vollkommen raus.

Nach Ansicht von Diplom-Ingenieur Hanno Berg, Vater von sechs Kindern und Eigentümer zweier Läden für Homeschooler in Alpharetta (Georgia), ist Heimunterricht ein Grundrecht. Berg hat besonderes Verständnis für die Romeikes, ist er doch selbst 1992 aus Lüdenscheid in die USA ausgewandert, um seine Kinder zu Hause zu unterrichten. Berg brauchte damals kein Asylverfahren. Seine Aufenthaltsgenehmigung erhielt er über seine US-amerikanische Ehefrau Margaret. Dem zu Hause ­unterrichteten Nachwuchs gehe es bestens: Der älteste Sohn diene als Soldat in der US-Armee, der zweitälteste sei Offizier und gerade vom Einsatz in Afghanistan zurück. Es mache einfach keinen Sinn für Deutschland, das Heimschulmodell zu verbieten – und das würde gegen Grundrechte verstoßen. (epd)

Konrad Ege

Vergessene Mitstreiterinnen

26. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Mit diesem Beitrag eröffnen wir eine Reihe über Frauen in der Reforma­tionszeit, die wir in einer losen Folge mit Porträts fortsetzen.

Katharina von Bora, die Ehefrau ­Martin Luthers. Ausschnitt aus einem Bild, das im Sterbehaus des Reformators in Eisleben hängt. Foto: epd-bild

Katharina von Bora, die Ehefrau ­Martin Luthers. Ausschnitt aus einem Bild, das im Sterbehaus des Reformators in Eisleben hängt. Foto: epd-bild

Sie schauen majestätisch-huldvoll, demütig-bescheiden, manche selbstbewusst: Frauen des 16. Jahrhunderts, die uns Maler wie Lukas Cranach d. Ä. in ihren Bildern bis heute lebendig erhalten. So vertraut uns auch ihre Bildnisse sind, über ihr Leben, ihre Wünsche und Träume wissen wir nur wenig. Wie sah ihre Realität aus, welche Gestaltungsmöglichkeiten hatten sie in jener Zeit, die wir heute Renaissance nennen?

Auch im 16. Jahrhundert noch realisierte sich Frausein offiziell und grundsätzlich zwischen der Sündhaftigkeit Evas und der Jungfräulichkeit Marias; die eine des Teufels Werk, die andere das erstrebenswerte Ideal der Kirche. An diesem Jahrhunderte lang propagierten Bild der Frau ­änderte auch die Reformation nicht allzu viel.

Die Reformation verdrängte zwar das Ideal der keuschen Jungfrau durch das der Ehefrau und Mutter und stärkte damit das Selbstbewusstsein der Frau, doch an ihrer sozialen Stellung änderte sich kaum etwas. Die Frau bedurfte weiter in nahezu allen Angelegenheiten des Lebens der Entscheidung des Mannes und war ihm rechtlich unterstellt, zuerst dem Vater, dann dem Ehemann. Als Witwe konn­te sie die Vormundschaft über minderjährige Kinder und Verfügungsgewalt über ihren Besitz nur dann erlangen, wenn der Ehemann oder der von ihm bestellte Vormund zustimmte. Auch Luthers Witwe musste sich das Recht, für ihre Kinder und ihren Besitz Sorge zu tragen erstreiten, weil ihr Mann es versäumt hatte, eindeutige Regelungen zu treffen.

Eine Ehe – die Braut war mitunter kaum älter als 14/15 Jahre – entsprang zu jener Zeit in erster Linie rationalem Kalkül. Waren es in adligen Kreisen politische Konstellationen und Besitz, so bestimmten im Bürgertum und Bauernstand adäquates Vermögen und Beruf, mitunter auch persönliche Eignung die Auswahl des Ehemannes. So bot beispielsweise der Goldschmiedemeister Hieronymus Holper seinem 40-jährigen Gesellen Albrecht Dürer d. Ä. seine 15-jährige Tochter Barbara als Braut an. Die Heirat sicherte Holper einen Nachfolger und Dürer den ansonsten wohl unerreichbaren Meistertitel, Voraussetzung seines Erfolgs. Auch wenn Liebe bei einer Heirat oft fehlte, konnte sie sich, wie bei Dürer und seiner Frau, Martin Luther und Käthe oder dem kursächsischen Paar Sibylle von Cleve
und Johann Friedrich I., durchaus einstellen.

Trotz aller Beschränkungen gab es aber immer wieder Frauen – insbesondere auf dem Land oder im Bürgertum der Städte – die sich ­ihren Platz in der Gesellschaft erobert hatten. Sie waren nicht nur als Hausfrau und Mutter anerkannt, sie leiteten darüber hinaus oft große Hauswirtschaften, führten selbstständig Geschäfte und betrieben Handwerke. Manche arbeiteten in städtischem Dienst als Hirtinnen oder Schreiberinnen, Hebammen und Heilkundige, manche als Dirnen. Es gab politisch autonome Herrscherinnen wie Herzogin Elisabeth von Braunschweig-Lüneburg, die »Mutter der Reformation«. Es gab gebildete Nonnen, wie die Klarissin und Humanistin Caritas Pirckheimer, »ein unverschämt gelehrtes Weibsbild« (so Andreas Osiander, der Reformator Nürnbergs), die selbstbewusst mit Gelehrten wie Melanchthon disputierte.

Auch in Luthers unmittelbarem Umfeld treffen wir auf selbstständige Frauen, die sich neben den Männern behaupteten, wie Katharina von Bora, Magdalena von Staupitz, die Leiterin der ersten Mädchenschule Mitteldeutschlands in Grimma oder Argula von Grumbach (Stauff), die nicht nur Hausfrau und Mutter war, sondern auch die Reformation aktiv durch Wort und Schrift verbreitete. Obgleich Luther den Frauen grundsätzlich konservativ gegenüberstand – »Weiber­regiment hat nie etwas Gutes ausgericht« – musste er ihre Leistungen anerkennen: »Stellt euch vor, es gäbe das weibliche Geschlecht nicht. Das Haus und was zum Haushalt gehört, würde zusammenstürzen, die Staaten und die Gemeinden.« Doch selbst dieses Lob von höchster reformatorischer Autorität brachte den Frauen offiziell keine Besserung ihrer Lage. Nicht nur das Predigt- und Pfarramt blieb ihnen auch durch die Reformatoren verwehrt.   

Sylvia Weigelt

Die Autorin ist Mediävistin, sie arbeitet als freie Autorin und Publizistin. (Mediävistik ist die Wissenschaft vom europäischen Mittelalter.)

Gott setzt die Scherben neu zusammen

26. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein Beitrag von Anselm Grün über den christlichen Umgang mit dem Scheitern

Wie gehen wir damit um, wenn das Leben uns einen Strich durch die Rechnung macht? Um Scheitern geht es im zweiten Beitrag unserer dreiteiligen Serie mit dem Benediktinerpater Anselm Grün.

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Scheitern gehört zu unserem Menschsein. Der eine scheitert in seiner Ehe. Er hat vor dem Traualtar das Versprechen ewiger Treue gegeben. Doch nun vermag er das Jawort nicht durchzuhalten. Er fühlt sich ­gescheitert.

Der andere scheitert in seinem ­Beruf. Er gibt sich alle Mühe in seiner Arbeit. Aber er erfährt Mobbing. Wieder ein anderer scheitert, indem er seinen Arbeitsplatz verliert, weil es der Firma nicht gut geht. Viele, die an ihrem Leben scheitern, fühlen sich beschämt. Sie schämen sich, vor anderen zuzugeben, dass sie gescheitert sind. Andere verdrängen das Scheitern. Sie flüchten in viele Aktivitäten, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass sie gescheitert sind. Andere beschuldigen sich selbst. Sie suchen die Schuld beim Scheitern bei sich selbst und zerfleischen sich mit Schuldgefühlen.

Es kommt immer darauf an, wie ich das Scheitern interpretiere. Wenn ich es als Versagen deute, dann kann ich nicht gut damit umgehen. Dann zieht es mich nieder. Wenn ich es aber ­einfach akzeptiere als etwas, was mir widerfahren ist, dann vertraue ich ­darauf, dass aus dem Scheitern Neues entstehen kann. Wir Christen schauen in der Passionszeit auf das Kreuz Jesu Christi. Das Kreuz ist zunächst auch ein Scheitern. Jesus ist mit seinem Versuch, die Frohe Botschaft vom barmherzigen Vater und von der Nähe des Reiches Gottes den Menschen zu verkünden, gescheitert. Dieser wunderbare Rabbi, der die Kranken geheilt hat und den Menschen durch seine Botschaft Hoffnung und Zuversicht geschenkt hat, wird von der ­römischen Staatsmacht hingerichtet. Die Emmausjünger haben das als Scheitern erlebt und sind davongelaufen, weil sie das Scheitern ihres geliebten Rabbi nicht ausgehalten haben. Doch das Kreuz ist nicht das Ende. Kreuz und Auferstehung Jesu sind das Hoffnungszeichen schlechthin.

Wenn wir in jeder Eucharistie Tod und Auferstehung Jesu feiern, dann bekennen wir, dass es kein Scheitern gibt, das nicht zu einem Neuanfang werden kann. Es gibt keine Dunkelheit, die nicht erleuchtet wird, keine Erstarrung, die nicht aufgebrochen werden kann, kein Grab, in dem nicht das Leben aufblüht.

Der deutsche Mystiker Johannes Tauler hat uns noch eine andere Deutung des Scheiterns gegeben. Er interpretiert Jesu Gleichnis von der verlorenen Drachme in diesem Sinn. (Lukas 15,8-10) Wenn der Mensch sich in seinem Leben gut eingerichtet hat, hat er oft genug seine Drachme verloren, seine Mitte. Er hat die Beziehung zum Grund seiner Seele verloren. Oder wie der griechische Mystiker Gregor von Nyssa sagt: Er hat das Bild Christi in sich verloren. Dann macht es Gott wie eine Frau, die etwas Wertvolles sucht.

Er stellt alle Stühle auf den Tisch, verrückt die Schränke, um die verlorene Drachme zu finden. Gott selbst führt den Menschen also ins Gedränge, um ihn in den Grund seiner Seele zu führen. Das Scheitern, das mein äußeres Lebensgebäude zerbricht, ist also für Tauler der Weg in den Grund der Seele. Dort wartet Gott auf mich. Ich muss also nicht ständig die Schuld für das Scheitern bei mir selbst suchen und mich durch Schuldvorwürfe selber lähmen. Natürlich gibt es ein Scheitern, bei dem ich selbst schuld bin. Aber auch dann hilft es nicht weiter, sich nur zu beschuldigen. Gott hat meine Schuld vergeben. Ich soll Abschied nehmen von der Illusion, ich würde immer alles richtig machen. Und ich soll Abschied nehmen von der Illusion, dass mir alles gelingt, was ich in die Hand nehme. Das Scheitern zerbricht mein Lebensgebäude, um mich in den Grund meiner Seele zu führen und dort Gott zu finden.

Viele haben das ­Gefühl, sie würden vor dem Scherbenhaufen ihres Lebens sitzen, wenn sie gescheitert sind. Doch – das ist die frohe Botschaft der Bibel – Gott wird die Scherben meines Lebens wieder neu zusammensetzen. Er wird ein neues Haus errichten, das meinem Wesen noch mehr entspricht.

Wie jemand mit dem Scheitern umgeht, das hängt von der Deutung ab, die er dem Scheitern gibt. Die Bibel zeigt uns in den Worten Jesu und in seinem Tod und Auferstehung ein Deutungsmuster, das uns hilft, uns mit dem Scheitern auszusöhnen und darin einen Weg zu entdecken, unser Leben von Gott neu formen zu lassen.


Der Autor ist wirtschaftlicher Leiter der Benediktiner-Abtei Münsterschwarzach und er schrieb rund 300 Bücher zu spiri­tuellen Themen.

Sie wurden im Einigungsvertrag schlicht vergessen

26. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Frauen, die in der DDR ­geschieden wurden, leben heute oft an der Armutsgrenze. Ihre Lage ließe sich verbessern, würde ein 20 Jahre alter Fehler endlich korrigiert.

Rechtlich noch immer »hinter der Mauer«: Den seit 1977 in der alten Bundesrepublik bestehenden Versorgungsausgleich für geschiedene Frauen gibt es für ­Betroffene aus der ehemaligen DDR bis heute nicht. Foto: ullstein bild – CARO/Ponizak

Rechtlich noch immer »hinter der Mauer«: Den seit 1977 in der alten Bundesrepublik bestehenden Versorgungsausgleich für geschiedene Frauen gibt es für ­Betroffene aus der ehemaligen DDR bis heute nicht. Foto: ullstein bild – CARO/Ponizak

Der Rotstift ist seit Jahren Hanna Kirchners treuester Begleiter. Von ihren 796 Euro Rente geht knapp die Hälfte für die Warmmiete drauf: »Auch kleine Wohnungen sind teuer«, sagt sie. Zeitungsabo? Fehlanzeige! Kosten für Praxis­gebühr und verschreibungspflichtige Medikamente schlagen zu Buche. Und die Mobilität leidet. Reisen mit der Bahn und eine Monatskarte für die Straßenbahn sind bei der Magdeburgerin nicht drin. Seit sie im vergangenen Jahr am Fuß operiert wurde, sind auch Radfahren und Gehen für die ehemalige Lehrerin, Jahrgang 1938, zum Problem geworden.

Elfriede Jung, Jahrgang 1939 und Bürokauffrau von Beruf, muss nach 44 Arbeitsjahren mit 764 Euro monatlich über die Runden kommen. »Davon kann man doch nicht leben«, kommentierten bei einem ihrer selten möglichen Besuche die Verwandten in Westdeutschland ihre Situation. Doch man – oder besser: Frau – kann nicht nur, sondern muss. Hanna Kirchner und Elfriede Jung haben mit hunderttausenden Frauen mehrere Dinge gemein: Die meisten ihrer Arbeitsjahre fielen in die DDR-Zeit. Nach 1989 verloren sie ihre Arbeit. Und: Sie wurden zu DDR-Zeiten geschieden.

Einen Versorgungsausgleich zwischen den Partnern, wie ihn seit 1977 das Scheidungsrecht der alten und auch das der neuen Bundesrepublik seit 1992 kennt, der eine faire Rentenberechnung für die gemeinsamen Ehejahre garantiert, gab es in der DDR nicht. Mit der Scheidung endeten die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den Partnern. Unterhalt musste nur für gemeinsame Kinder gezahlt werden. Für die Rentenberechnung zählten jeweils die letzten 20 Arbeitsjahre und die Beiträge zur Freiwilligen Zusatzrente. Auch wer nicht berufstätig war, konnte sich durch Zahlung von drei DDR-Mark monatlich über 20 Jahre eine Mindestrente von 330 Mark sichern. Heute würden die drei Mark wie ein Verdienst gerechnet. Über 20 Jahre eingezahlt, ergäbe sich eine monatliche Rente von 4,72 Euro.

Wäre alles gut gegangen, hätte Hanna Kirchner, die einen Sohn und eine schwerhörige Tochter großzog, heute keine materiellen Sorgen. Ging es aber nicht: Ihre Ehe mit einem Arzt wurde nach 23 Jahren geschieden, ihre Berufsschule 1991 »abgewickelt« und sie entlassen. Bis zum Renten­alter und darüber hinaus gab sie Nachhilfe und nahm Honoraraufträge an. Jetzt macht die Gesundheit nicht mehr mit.

Familienarbeit wird besonders »bestraft«

Elfriede Jung, die ein Kind großzog, war in erster Ehe 22 Jahre verheiratet. Ihre zweite Ehe dauerte 17 Jahre und wurde 1992 geschieden. »Ohne den Versorgungsausgleich aus dieser Ehe«, sagt sie, »würde ich nur unter 700 Euro eigene Rente bekommen.« Auch sie verlor nach der Wende ihre Anstellung und hielt sich mit schlecht bezahlten Jobs über Wasser.

Übrigens: Nicht nur geschiedene Frauen und (einige) Männer sind von der Nichtbeachtung im Rentenüberleitungsgesetz betroffen. Auch die Sonderregelungen etwa für Mitarbeiter der Bahn, der Post, von Künstlern oder den Beschäftigten im Gesundheits- und Sozialwesen entfielen. Doch die geschiedenen Frauen trifft es härter als andere. Denn die persönliche Entscheidung vieler, ganz oder teilweise in ihren Familien zu arbeiten anstatt in Büro oder Fabrik, die Kinder zu betreuen, dem Karriere machenden Mann den Rücken freizuhalten oder als »mithelfende Ehefrau« den Handwerksbetrieb zu stützen, wird nicht anerkannt. Und eine ausgebaute Kinderbetreuung, die auch Müttern kleiner Kinder die volle Berufstätigkeit ermöglicht hätte, gab es in der DDR erst ab den 70er Jahren.
Zwar heißt es im Einigungsvertrag, der am 29. September 1990 in Kraft trat, dass für die Rentenberechnung in der DDR Geschiedener noch eine »spezialgesetzliche Regelung« erfolgen müsse, sobald die Angleichung der Ostrenten abgeschlossen sei. Doch die Regelung fehlte im Rentenüberleitungsgesetz von 1991 – und sie fehlt bis heute.

Mit dem 1999 gegründeten »Verein der in der DDR geschiedenen Frauen« mit Gruppen in fast allen neuen Ländern und Berlin gibt es zumindest eine Interessenvertretung. Hier sind die beiden Magdeburgerinnen engagiert. Doch das, was die Politik tut, sorgt bei ihnen immer wieder für ­Ärger. So kam eine interministerielle Arbeitsgruppe zu dem Schluss, dass jede andere Lösung als die bestehende erheblichen Verwaltungsaufwand mit sich bringen und neues ­Unrecht hervorrufen würde.

Das Bundesverfassungsgericht lehnte eine Gemeinschaftsklage ab, weil die Kläger den falschen Weg durch die Instanzen gegangen waren: Statt vor das Sozial- hätten sie vor das Familiengericht ziehen müssen. Im vergangenen Herbst wiesen die Karlsruher Richter die Klage einer Frau ab, weil die Angaben zur Erwerbsbiografie ihres geschiedenen Mannes fehlten. Dabei hätte nur das Gericht die Zahlen vom Rentenversicherungsträger anfordern dürfen, nicht aber die Klägerin. Doch diese gibt nicht auf und will jetzt vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ziehen.

Viele haben den Mut zum Kämpfen verloren
1989 betraf der vergessene Versorgungsausgleich schätzungsweise 800000 Frauen. Heute leben noch ­weniger als die Hälfte. Die meisten von ihnen beziehen Renten, die zwischen 650 und 750 Euro liegen. Ob sich ihre Lage je verbessern wird, ist offen. Denn im vergangenen Jahr entschieden sich die Abgeordneten des Bundestages gegen eine Lösung, die die Fraktion der Linken vorgeschlagen hatte: Die Frauen sollten einen aus Steuern finanzierten fiktiven Versorgungsausgleich und damit nachträglich Recht erhalten. Denn die Scheidungsurteile aus DDR-Zeiten haben aufgrund des Rückwirkungsverbotes Bestand.

Mit den Jahren sind die Frauen müde geworden. Manche haben sich aufgrund von Anfeindungen aus der Vereinsarbeit zurückgezogen. Sollte, wie manche befürchten, das Problem nicht auf politischem, sondern auf »biologischem« Weg gelöst werden?

Am 8. März wollen Frauen in Leipzig gegen das fortgesetzte Unrecht demonstrieren. Sie planen für 15.30 Uhr auf dem Augustusplatz eine Kundgebung. Um 17 Uhr gehen sie zur ­Andacht in die Nikolaikirche.

Angela Stoye

Käßmann-Rücktritt: »Schwerer Verlust für den deutschen Protestantismus«

25. Februar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Margot Käßmann hat auf die Stimme ihres Herzens gehört. Obwohl ihr der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) als höchstes Leitungsorgan nach einer Telefonkonferenz in der Nacht zum Mittwoch einmütig das Vertrauen aussprach, zog die Ratsvorsitzende und Bischöfin der hannoverschen Landeskirche am 24. Februar die Konsequenzen: „Hiermit erkläre ich, dass ich mit sofortiger Wirkung von allen meinen kirchlichen Ämtern zurücktrete“, sagte sie in einer Pressekonferenz.

Geradlinig bis zum Ende: Margot Käßmann verkündet am Mittwoch, 24. Februar, ihren Rücktritt. (Foto: epd-bild)

Geradlinig bis zum Ende: Margot Käßmann verkündet am Mittwoch, 24. Februar, ihren Rücktritt. (Foto: epd-bild)

Mit der ihr eigenen und von vielen so geschätzten Geradlinigkeit zog sie damit einen Schlussstrich unter die verhängnisvolle Alkoholfahrt vom vergangenen Wochenende. Sie bereue zutiefst den begangenen Fehler und sei mit Leib uns Seele Bischöfin gewesen. Doch: „Ich kann nicht mit der notwendigen Autorität im Amt bleiben“, fügte die 51-Jährige sichtlich bewegt hinzu. Neben der Würde des Amtes gehe es ihr dabei auch um den Respekt und die Achtung vor sich selbst. Ihr Schlusssatz lautete: „Ich weiß aus vorangegangenen Krisen: Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand. Für diese Glaubensüberzeugung bin ich auch heute dankbar.“

Ihre Funktion in der EKD nimmt ab sofort ihr bisheriger Stellvertreter Nikolaus Schneider war. Schneider ist Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland. Über das weitere Vorgehen zur Wahl eines neuen Ratsvorsitzenden wird der Rat der EKD bei seiner turnusmäßigen Sitzung an diesem Freitag und Sonnabend (26. und 27. Februar) beraten.

Der Rücktritt sei „ein schwerer Verlust für den deutschen Protestantismus“, der auch persönlich schmerze, erklärten Schneider und die Präses der EKD-Synode, die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckart. In einer gemeinsamen Presseerklärung verwiesen sie darauf, dass Margot Käßmann ihren Fehler sofort eingestanden habe, und so für viele Menschen zu einem Vorbild an Glaubwürdigkeit wurde.

Auch der sächsische Landesbischof Jochen Bohl, der zugleich Mitglied im Rat der EKD ist, bezeichnete ihren Rücktritt als einen „großen Verlust“. Unausweichlich sei ihr Rücktritt nicht gewesen. Der Rat der EKD habe ihr das Vertrauen ausgesprochen. Bohl räumte aber auch ein, dass er ihren Schritt nachvollziehen könne. „Er verdienst hohen Respekt. Er ist auch darin begründet, dass Margot Käßmann Schaden von ihrem Amt als Bischöfin und EKD-Ratspräsidentin fern halten wollte“, so Bohl.

Ebenso bedauert Ilse Junkermann, Bischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), „in höchstem Maße“ den Rücktritt ihrer Amtskollegin. „Den Menschen in unserem Land wird ihre Stimme fehlen“, so Junkermann wörtlich. So habe Käßmann in kritischen Diskussionen ohne Umschweife klar gemacht, dass das Evangelium und der Auftrag der Kirche auch eine politische Dimension habe. „Ich werde den Mut von Margot Käßmann, ihre theologische Klarheit und ihren Humor als Schwester im Amt sehr vermissen“, fügte die Kirchenleiterin hinzu.

Auch der anhaltische Kirchenpräsident Joachim Liebig reagierte “mit großem Bedauern und Respekt”. Die evangelische Kirche verliere mit Käßmann “ihre prominenteste Repräsentantin”, erklärte er in Dessau-Roßlau. Die Entscheidung über die Nachfolge werde “nicht einfach”.
(GKZ)

Wie Gottes Wort von der Kanzel hörbar werden kann

18. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Die protestantische Predigtkultur – Ein Beitrag von Friedrich Schorlemmer

Foto: T. Rolf, sxc.hu

Foto: T. Rolf, sxc.hu

Bei uns Protestanten kommt alles aufs Wort an. Auf das zutreffende und treffende, das tröstende und mahnende, das befreiende und verpflichtende. Das Wort, das von Herzen kommt und das im Herzen ankommt, freilich auch der Kopf nicht entbehrlich wird. (»Verkopft« lautet oft der Vorwurf.) Wir sind in einer Zeit der Bilderdominanz schlecht dran, vor allem dann, wenn wir das Wort nicht wirksam zu handhaben wissen, wenn das Wort uns nicht so ergreift, dass auch andere ergriffen werden.

Es gibt eine große protestantische Predigtkultur von Luther über Löscher bis zu Schleiermacher und Bonhoeffer. Ich selber habe Menschen erleben können, große Prediger aus unserer Region, an die ich mich so dankbar ­erinnere. An Dietrich Mendt und ­Ludwig Große, an Christof Ziemer und das Ehepaar Gabriele und Andreas Herbst, an Klaus-Peter Hertzsch und Heino Falcke, an Werner Krusche und Johannes Jänicke. Die haben mich mit ihrer besonderen Begabung nie kleingemacht, sondern mir Mut gemacht. Sie konnten und können nicht nur reden, sondern hatten etwas zu sagen, das ganz aus ihnen kam und ansprechend zu uns Hörern »rüberkam«.

Vor allem anderen steht die Frage, wie SEIN Wort in meinen Worten von der Kanzel herab hörbar wird. Wie bekommt das Göttliche im Menschlichen Stimme? Es war der Germanist Walther Jens, der die Predigt als Rede(kunst) wiederzuentdecken empfahl. Das WAS bestimmt das WIE, der Inhalt die Sprachform, der Anlass die Sprechweise. (Um es nett zu sagen: Unsere Predigtkultur ist in einem durchaus verbesserungsfähigen Zustand.)

Das Wichtigste bleibt die Frage, was den Prediger/die Predigerin treibt: als wache Zeitgenossen, als einfühlsame Seelsorger, als denkende Subjekte mit tiefem Respekt vor dem Bibelwort – die Kunst des Verstehens und des Verständlichmachens so gut es eben geht zu beherrschen. Wie bringen sie den Text des ­Lebens mit dem auszulegenden Abschnitt aus der Schrift zusammen? Der Prediger braucht nicht mehr und nicht weniger als ein gutes Gefühl für die Sprache, die Fähigkeit zum Sprechen und die Erkenntnis dessen, was jetzt zur Sprache kommen soll. Alle die, die zu einem Gottesdienst bei uns Evangelischen kommen, erwarten besonders etwas von der ­Predigt und beurteilen den ganzen Gottesdienst von der Predigt her. Das ist geradezu misslich. Gehören dazu nicht die Lieder, die Psalmen, die ­Gebete, die Lesungen, der Raum, das Licht, das Kirchenjahr und die Mithörenden, die ganze Atmosphäre?

Unser Dilemma kommt aus einer gewichtigen theologischen Entscheidung Martin Luthers bei der Übersetzung des Römerbriefes, wo er übersetzt: »Der Glaube kommt aus der Predigt.« (Römer 10,17) Dort heißt es eigentlich: Der Glaube kommt aus dem Hören. Luther hat nicht falsch übersetzt, aber damit Glaubensvermittlung zu sehr an unser (Kanzel-) Predigen gebunden, wiewohl jeder Hausvater es auch tun soll.

Inzwischen hat das Predigen im allgemeinen Sprachgebrauch eher einen pejorativen Klang. Wenn es da heißt, dass ein Schriftsteller oder gar ein ­Kabarettist predigen würde, so meint man, dass sie etwas ernst und gut gemeint hätten, aber das gut Gemeinte würde das Peinliche.

Unsere bestallten Prediger sollten mehr lernen von den großen Rednern und wissen, dass die Predigt eine Rede ist. Sie hat einen Unterhaltungswert, der nicht zu gering zu schätzen ist, sofern das nicht flapsig wird. Es muss in jeder Weise ein Vergnügen sein zuzuhören. Was da gesagt wird, mag nahegehen und angehen. Und es ist nicht schlecht, wenn man es »schön gesagt hat«. Zur Fortentwicklung der Predigtkultur in jeder Zeit gehört, dass Predigende ­täglich ein gutes Stück Literatur zu sich nehmen und dass sie die Heilige Schrift auch als Literatur zu würdigen verstehen.

Der aus der Antike stammende Gleichklang von docere, movere und delectare ist schon ein guter Kompass für die Predigtvariationen. Man kann sich das auch so übersetzen: Orientieren, Anrühren und Aufmuntern. Dem Wort in der Geräuschwelt und im Talk-Geschwätz etwas zutrauen, dem Wort nachhören, ehe man es ­selber zur Sprache bringt. Bloße Predigttechnik jedenfalls reicht nicht nur nicht aus, sondern wäre das Falscheste, was wir machen könnten; doch was man machen und lernen kann, soll man wohl auch ­machen und lehren.

Ansonsten muss man es kommen lassen: natürlich, authentisch, selber errungen – um dann genau das zu ­sagen, was einen wirklich drängt. Wes das Herz nicht übergeht, der soll auch nicht reden. Es gilt zuförderst zuhören zu lernen, den Text zu lesen und noch einmal zu lesen und noch einmal zu ­lesen. Laut. Die Poesie der Schrift zu entdecken und sie hörbar zu machen. Das Reden als einen ganzheitlichen Vorgang verstehen. Predigen ist der stetige Versuch, ein Schriftwort zu erklären, Dunkles und Verworrenes zu klären, aber auch zu überzeugen. Und das Gesagte ins Gespräch zu bringen – mit mündigen Mitchristen, mit allen existenziell Fragenden, mit Suchenden und (Ver-) Zweifelnden.

Luther hat 1530 in seiner Vorrede zu den Seligpreisungen so wunderbar gesagt, was zu einem Prediger gehört: Auftreten. Mund auftun. Etwas sagen. Rechtzeitig aufhören. Und fügte hinzu: frisch und getrost. Nichts verschweigen oder nur murmeln. Alles unerschrocken und klar heraussagen, es treffe, wen oder was es wolle. Ordentlich zurechtgemacht sein, schade auch nicht.

P. S.: Warum kommen nicht alle Pfarrer regelmäßig zu einer Predigt-Weiterbildung zusammen? Eine Art Balint-Gruppe für Prediger!
Aber, Ihr Prediger und Predigerinnen, vergesst nicht: ohne die Musik wird alles nichts, denn sie geht ins Herz. Das am Freitag in Lutherstadt Wittenberg eröffnete »Zentrum für evangelische Predigtkultur« der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) wird viel zu tun haben. Das mag (un)merklich allen zugute kommen.

Friedrich Schorlemmer

Die Bombardierung Dresdens – Tragödie und Rettung

18. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Holocaustgedenken: Ein neues Projekt ermöglicht Gespräche zwischen Zeitzeugen und Jugendlichen

Michal Salomonovic im Bethaus der Jüdischen Gemeinde Ostrava (Ostrau). In dem Buch auf der rechten Seite, links ­unten, ein Bild seines Vaters, der von den Nationalsozialisten im Konzentrationslager Stutthof ermordet wurde. Foto: Steffen Neumann

Michal Salomonovic im Bethaus der Jüdischen Gemeinde Ostrava (Ostrau). In dem Buch auf der rechten Seite, links ­unten, ein Bild seines Vaters, der von den Nationalsozialisten im Konzentrationslager Stutthof ermordet wurde. Foto: Steffen Neumann

Der tschechische Jude ­Michal Salomonovic überlebte vier Konzentrationslager und die Zerstörung Dresdens. Am 13. Februar war er wieder in der Stadt.

Michal Salomonovic hat begonnen, zu erzählen, als es immer weniger wurden, die das erlebt hatten. Er spricht vor tschechischen Schülern, und auch vor deutschen Jugendlichen aus Dresden. Möglich ist das durch ein neues deutsch-tschechisches Projekt der Dresdner Brücke/Most-Stiftung mit dem Collegium Bohemicum aus Usti nad Labem, das Gespräche zwischen Zeitzeugen und Jugendlichen vermittelt. Salomonovic kommt aber nicht nur deswegen nach Dresden. Mit der Stadt und ihrer Zerstörung verbin-
det ihn seine ganz persönliche Geschichte.

Es ist die Kindheit als jüdischer Häftling der Nationalsozialisten. Bereits im Oktober 1939, kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, wird sein Vater mit einem der ersten organisierten Transporte von Juden überhaupt aus dem heimatlichen Ostrava ins polnische Nisko geschafft. Der ­Versuch, hier ein jüdisches Lager ­aufzubauen, misslingt. Der Vater darf zurückkehren und die Familie übersiedelt nach Prag. Doch dieser Schritt bringt ihnen kein Glück. Als dann mit der Konzentration der Juden an einzelnen Orten begonnen wird, sind sie wieder die ersten. Am 3. November 1941 bringt sie ein Transport ins Ghetto nach Litzmannstadt (Lodz). »Wir waren 1000 Menschen, ganze ­Familien, nur 46 haben den Krieg überlebt«, sagt Salomonovic leise, freundlich und bestimmt.

Die Freundlichkeit in Salomonovics Stimme irritiert. Als ob er seine Zuhörer vor der Grausamkeit, die er erlebt hat, in Schutz nehmen möchte. Und doch sagt er es bestimmt. In Litzmannstadt entschied sich sein Schicksal. Als sie im Ghetto ankamen, war er acht Jahre alt, die Grundschule musste er nach einem Jahr ­abbrechen. Während sein Vater ihm einen Platz in der Metallfabrik besorgen konnte, musste sich sein dreijähriger Bruder Josef verstecken. »Kinder und Alte wurden zuerst aussortiert und in den Tod geschickt«, begründet Salomonovic die Vorsicht.

Die Arbeit in der Fabrik brachte ihm jeden Tag eine Suppe zusätzlich. »Der Hunger war allgegenwärtig, wir lebten immer bis zum nächsten Bissen.« Für die Suppe musste der Junge zwölf Stunden an sieben Tagen der Woche arbeiten. In der ganzen Zeit ging ein Transport nach dem anderen Richtung Auschwitz ab. Die Arbeiter im Werk wurden verschont, bis das Ghetto im August 1944 aufgelöst und die restlichen Insassen ebenfalls nach Auschwitz deportiert wurden.

Nach etwa einer Woche Aufenthalt im Todeslager geschah das Wunder, die Gruppe brach samt mobiler ­Munitionsfabrik wieder auf. Neues Ziel war das Konzentrationslager Stutthof. Das Wunder hatte eine einfache Erklärung. Die Führung solcher Werke lag in den Händen von hochrangigen Nationalsozialisten, die dafür Sorge trugen, dass sie über genügend »arbeitsfähiges« Personal verfügten. Dass diese Sorge zynischer Eigennutz war und keine ­Lebensgarantie bedeutete, musste Salomonovic kurz darauf schmerzlich feststellen. In Stutthof fragten die SS-Aufseher, wer Vitamine braucht. Wer krank war, wurde gnadenlos umgebracht. Sein Vater sagte ihm: »Ich melde mich und gebe sie dann dir.« Michal sah den Vater zum letzten Mal. »Er hatte den Deutschen immer geglaubt«, beschreibt Salo­monovic heute das Verhängnis seines Vaters.

Die Front rückte näher und bestimmte erneut den weiteren Weg. So landeten sie in Dresden, einer der ­wenigen deutschen Großstädte, die bis dahin vom Krieg verschont ­wurden. Hier befand sich ein wichtiges Eisenbahnkreuz, und konnte die Kriegswirtschaft ungestört auf Hochtouren produzieren. Die Arbeitskraft dafür stellten Zwangsarbeiter und ­jüdische Häftlinge wie Salomonovic, weshalb das Konzentrationslager Flossenbürg immer mehr Außenstellen in und um Dresden ansiedelte. »Wir wurden von Stutthof nach ­Dresden in offenen Waggons transportiert. Es war Winter, ungefähr so kalt wie jetzt«, fährt Salomonovic fort. Vom Bahnhof ging es zu Fuß in die Schandauer Straße. Eine Tabakfabrik wurde zum Munitions­betrieb umfunktioniert.

Hier in den weitläufigen Kellergewölben überlebten sie den Bombenangriff im Februar 1945, der für die ­Familie Tragödie und Rettung zugleich war. Denn die herannahenden Flieger verhinderten, dass die SS Salomonovics Bruder Josef, den sie am Tag zuvor bei einer Kontrolle entdeckt ­hatten, umbrachte. »Dieser Angriff war schrecklich. Jedes Mal, wenn ich ein Flugzeug hörte, bekam ich vor Angst Durchfall«, erinnert sich Michal Salomonovic. Sie hatten Glück, in Dresden-Striesen fielen nur ­Brandbomben, die den Keller nicht erreichten.

Nachdem sie noch wochenlang zu Aufräumarbeiten eingesetzt wurden, gelang ihnen auf dem nachfolgenden Todesmarsch nach Bayern in Böhmen die Flucht. Nach dem Krieg kam Salomonovic immer wieder nach Dresden, das zu seiner Heimatstadt Ostrava eine Partnerschaft pflegt. Das Erinnern und Gedenken an Holocaust und Krieg ist ihm ein besonderes Anliegen. Deshalb kam er gerade zum Jahrestag des Luftangriffs, den Rechtsextreme seit Jahren zur Verharmlosung der Geschichte missbrauchen.

Steffen Neumann

Wenn die Eltern pflegebedürftig werden

18. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Pflege im Alter: Angehörige in der Spannung zwischen eigenem Anspruch und Grenzen sowie den Erwartungen der Umwelt

Du sollst Vater und Mutter ehren, sagt das vierte Gebot. Doch was heißt das, wenn die Eltern rund um die Uhr Betreuung brauchen? Dazu einige Ratschläge.

Viele Pflegebedürftige werden von ihren Angehörigen zu Hause versorgt. Foto: epd-bild

Viele Pflegebedürftige werden von ihren Angehörigen zu Hause versorgt. Foto: epd-bild

Gabriele Müller (Name geändert) ist hin- und hergerissen: Seit fünf Jahren schaut die 54-Jährige zweimal am Tag nach ihrem Vater, der nur zwei Häuser weiter im Ort wohnt. Der 86-Jährige braucht Hilfe beim An- und Ausziehen, ansonsten kommt der Witwer noch gut alleine zurecht. Das Mittagessen, das ihm die Tochter mitbringt, kann er sich selbst warm machen. Doch seit ein paar Tagen geht vieles nicht mehr so wie früher: Der Vater vergisst manchmal sein Essen, gestern Abend stand er plötzlich im Morgenmantel auf der Straße, und oft beklagt er sich darüber, dass niemand nach ihm schaut.

Es ist klar, dass der 86-Jährige künftig mehr Hilfe brauchen wird – Hilfe, die Gabriele Müller nicht leisten kann: Sie ist beruflich voll eingespannt, und sie ist sich ihrer Grenzen bewusst. Aber darf sie, kann sie den Vater irgendwann in ein Heim geben? Muss sie ihn nicht im Ernstfall zu Hause pflegen? Was bedeutet das Gebot, Vater und Mutter zu ehren, in diesem Zusammenhang? Fragen, die sich viele Menschen stellen: Denn viele Pflegebedürftige werden von ihren Angehörigen zu Hause versorgt. Wer in die Pflegestufe drei eingestuft wurde, braucht eine Betreuung rund um die Uhr. Für die Pflegenden heißt das Knochenarbeit, die leicht zur seelischen und körper­lichen Erschöpfung führt.

Ingrid Felgow kennt diese Zwickmühle. Als Seelsorgerin im Seniorenzentrum Martha-Maria in Stuttgart trifft sie immer wieder Angehörige, die zwischen ihrem eigenen Anspruch, den Erwartungen der Umwelt und ­ihren Grenzen zerrissen sind. Rechtlich, sagt sie, sei die Sachlage klar: Für die Versorgung der Eltern sind zuerst die Kinder zuständig. Eltern haben berechtigte Erwartungen, im Alter von ihren Kindern nicht alleine gelassen zu werden. »Aber Eltern zu versorgen heißt für mich nicht, dass man sein ­eigenes Leben opfert«, betont Felgow. Es ist geradezu lebensnotwendig, dass Kinder mit dem Segen der Eltern ein eigenes Leben führen können.«
Damit es nicht zu solchen Konflikten kommt, empfiehlt die Seelsor­gerin, rechtzeitig und offen zu klären, was geschehen soll, wenn die Eltern pflegebedürftig werden. »Am besten ist es, wenn sich alle Kinder und die Eltern in Ruhe zusammensetzen, bevor Handlungsbedarf besteht.«

Das sei nicht immer leicht, räumt Felgow ein. »Wenn die Eltern das nicht wollen, können die Kinder nichts machen.« Allerdings zeige nicht zuletzt die lange Warteliste im Seniorenzentrum, dass sich viele Menschen frühzeitig Gedanken machen, wo sie im Alter hingehen. Für die Angehörigen ist das eine gewaltige Entlastung, denn oft ändern sich die Verhältnisse von einem Tag auf den anderen. Schwieriger ist es bei Demenz-Erkrankungen: Was bloße Vergesslichkeit ist und was schon Anzeichen einer Demenz sind, lässt sich zumindest im Anfangsstadium nicht so leicht feststellen.

Felgow rät zur ­besonderen Aufmerksamkeit. »Man sollte es nicht so weit kommen lassen, dass jemand sich selbst und andere gefährdet«, erklärt sie. Grundsätzlich sei es für die meisten Menschen wichtig, in der gewohnten Umgebung alt zu werden. »Aber man muss immer abwägen, wann die Lebensqualität zu Hause geringer ist als in einem Pflegeheim.« Viele alte Menschen, so ihre Erfahrung, sind zu Hause einsam und ernähren sich schlecht. »Manche blühen richtig auf, wenn sie zu uns ins Heim kommen«, sagt die Seelsorgerin. Aber ein Leben im Seniorenzentrum müsse nicht für jeden passen. »Entscheidend ist, dass der alte Mensch mit seiner Situation zufrieden ist und dass er angemessen versorgt werden kann.«

Wer plant, die Eltern oder ein Elternteil zur Pflege zu sich nach Hause zu nehmen, sollte zunächst sich selbst prüfen ob es geht. »Ich würde den Kindern empfehlen, ein Pflegepraktikum zu machen«, sagt Felgow. ­»Zumindest sollte man sich von Fachkräften zeigen lassen, welche Handgriffe wie ausgeführt werden oder ­einen Hauspflegekurs besuchen.« Ob jemand die Pflege übernehmen kann, hängt nach ihrer Erfahrung sehr ­davon ab, wie das Verhältnis zu den Eltern ist. »Beide Seiten müssen sich fragen, ob sie solche Berührungen zulassen können.«

Natürlich muss auch klar sein, ob die Pflege körperlich und zeitlich zu leisten ist. Und da lastet auf den Pflegenden – in der Regel Frauen – ein großer Druck. »In manchen Orten heißt es: Bei uns gibt man seine Eltern nicht ins Heim«, sagt Ingrid Felgow. »Aber davon sollte sich niemand leiten lassen. Vielmehr sei immer zu fragen, wo die eigenen Grenzen und die eigene Mitte sind.« Natürlich sei das immer eine »angefochtene Mitte« gerade beim Thema Pflege. »Wenn dann die Nachbarn erklären, bei ihnen sei es doch auch gegangen, kommt man rasch in Erklärungsnot.«

Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist aber nichts Ehrenrühriges, schließlich geht es um das Wohl aller Beteiligten, der Angehörigen wie auch der Pflegebedürftigen. Und angesichts der Tatsache, dass immer mehr Frauen erwerbstätig sind und somit die Töchter- und Schwiegertöchtergeneration für die Pflege zu Hause nicht mehr zur Verfügung stehen wird, nehmen auch immer mehr Menschen professionelle Pflege in Anspruch.

Wenn es aber zu Hause nicht mehr geht, sollte der Umzug in ein Pflegeheim gut vorbereitet und begleitet sein. Dabei kommt den Kindern eine wichtige Rolle zu. »Niemand kann das leisten, was Kinder für ihre Eltern tun können«, sagt Felgow. Darüber hinaus sollten vor allem in der Eingewöhnungszeit Angehörige, Mitarbeitende, Seelsorger und Ehrenamtliche eng zusammenarbeiten. Und Konflikte aus der Vergangenheit sollten angesichts des nahen Todes nicht mehr aufgewärmt werden, es sei denn, sie könnten noch aufgearbeitet werden. Wichtig aber ist es, einander zu vergeben und einander zu danken. »Es hat keinen Sinn, alt gewordenen Eltern Uraltes, Unveränderbares vorzuhalten«, sagt Ingrid Felgow. »Lebensaufgaben sollte man lösen, wenn sie anstehen.«

Von Volker Kiemle

Aufgebrochen für mein wahres Wesen

18. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein Beitrag von Anselm Grün über den christlichen Umgang mit Leid

Wie gehen wir damit um, wenn das Leben uns einen Strich durch die Rechnung macht? Um Leid, Scheitern und zerplatzte Träume geht es in unserer dreiteiligen Beitragsserie mit dem Benediktinerpater Anselm Grün.

Oft fühlen wir uns im Leid allein ­gelassen. Foto: BilderBox.com

Oft fühlen wir uns im Leid allein ­gelassen. Foto: BilderBox.com

Ob wir wollen oder nicht, immer wieder trifft uns Leid. Wir sollen das Leid nicht masochistisch an uns ziehen. Aber wir müssen damit rechnen, dass es uns trifft. Der eine erhält vom Arzt die Diagnose einer schweren Krankheit, der andere verliert einen lieben Menschen durch den Tod. Wieder andere verlieren ihren Arbeitsplatz und haben Angst, ihr Leben nicht mehr zu schaffen. Die Frage, ­warum uns das Leid trifft, können wir nicht beantworten. Manche fragen: Warum hat Gott das zugelassen? Doch wir können die Gedanken Gottes nicht lesen. Manche fragen beim Leid sofort: Womit habe ich das verdient? Warum werde ich bestraft? Wir können nicht sagen, warum uns das Leid trifft. Aber eines dürfen wir sagen: Gott ist kein strafender Gott. Wenn wir Gott als strafenden Gott sehen, dann projizieren wir nur unsere eigene Selbstbestrafungstendenz auf Gott.

Jesus sagt uns nicht, warum uns das Leid trifft. Aber er zeigt uns einen Weg, wie wir mit dem Leid umgehen können. Jesus selbst ist den Weg des Leidens gegangen. Wenn uns das Leid trifft, so sind wir nicht allein gelassen. Jesus ist in unserem Leid bei uns. Das ist die erste Hilfe, die uns Jesus gibt, unser Leid zu bewältigen. Oft genug fühlen wir uns im Leid ja allein gelassen. Wer sich alleine fühlt, den erdrückt das Leid. Wenn das Leid uns öffnet für die Gemeinschaft mit Jesus, der bei uns ist und uns in seiner Passion seine Liebe bis zur Vollendung erwiesen hat, dann fühlen wir uns im Leiden geliebt. Das stärkt uns mitten im Leid.

Jesus zeigt uns einen Schlüssel, wie wir mit dem Leid umgehen sollen. Er sagt den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus: »Musste nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen?« (Lukas 24,26) In Bezug auf unseren Umgang mit dem Leid können wir dieses Wort so übersetzen: Warum das Leid mich getroffen hat, weiß ich nicht. Es ist einfach geschehen. Es hat meine Pläne durchkreuzt, es ist mir von außen her widerfahren. Das Leid will meine Vorstellungen von mir selbst, vom Leben und von Gott zerbrechen, damit ich immer mehr in die ursprüngliche Gestalt hineinwachse, die mir Gott zugedacht hat, damit die Herrlichkeit Gottes, der unverstellte Glanz Gottes in mir aufleuchtet. Das Leid zerbricht mir die Vorstellungen von mir selbst. Ich bin nicht der ­immer gesunde und erfolgreiche Mensch. Ich kann für mich nicht garantieren. Das Leid zerbricht meine Vorstellungen vom Leben.

Wenn ich schwer krank bin, muss ich mich ­verabschieden von manchen Wünschen an das Leben. Und das Leid ­zerbricht meine Vorstellung von Gott. Das Bild des barmherzigen Vaters, der immer für mich sorgt, wird im ­Augenblick des Leids zerbrochen. Wenn ich mir die Vorstellungen von mir, vom Leben und von Gott zerbrechen lasse, werde ich am Leid nicht zerbrechen. Vielmehr werde ich immer mehr aufgebrochen für mein wahres Wesen, aufgebrochen für neue Möglichkeiten des Lebens, aufgebrochen für meine Brüder und Schwestern. Und ich werde aufgebrochen für den unbegreiflichen Gott, der in seiner Unbegreiflichkeit aber dennoch Liebe ist.

Der Ritus des Brotbrechens in der Eucharistiefeier, beim Abendmahl führt uns genau diesen christlichen Umgang mit dem Leid vor Augen. Wir brechen den Leib Jesu Christi, der für uns am Kreuz zerbrochen wurde, damit all das, was uns im Leid widerfährt, uns nicht zerbricht, sondern immer mehr aufbricht für das Geheimnis der Liebe, die im Kreuz Jesu Christi in ihrer Vollendung aufstrahlt.

Der Autor ist wirtschaftlicher Leiter der Be­nediktiner-Abtei Münsterschwarzach und er schrieb rund 300 Bücher zu spirituellen Themen.

Bei einer Geburt begegnen wir dem Heiligen

11. Februar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Schwangerschaft und Geburt: Eine besondere spirituelle Zeit der Grenzerfahrung, des Schmerzes und der Seligkeit

Ein neuer Mensch ist in dieser Welt angekommen. Foto: epd-bild

Ein neuer Mensch ist in dieser Welt angekommen. Foto: epd-bild

Jede Geburt ist ein Wunder und für die werdenden ­Eltern ein großes spirituelles ­Ereignis. Die Kirche sollte sie in dieser besonderen Situation begleiten.

Wenn eine Schwangerschaft beginnt, ist das für die Eltern eine Zeit der tief greifenden Veränderung und deshalb auch eine Zeit der Offenheit für Glauben und Spiritualität. Jede Geburt ist ein Wunder. Für die ganz großen ­Gefühle von Freude und Ehrfurcht werden meist kein Raum und keine Zeit gelassen.

Das Gesundheitssystem verspricht eine absolute Sicherheit durch die technisch-medizinische Begleitung bis hin zum Kaiserschnitt auf Wunsch. Es ist eine trügerische Verheißung, gegen die Hebammen ankämpfen, denn sie wissen, dass gebärende Frauen keine Patientinnen sind, sondern für Schwangerschaft und Geburt geschaffen, und dass Vertrauen ebenso wichtig ist wie Sicherheit. In der Kirche sind diese Erfahrungen nur dann im Blick, wenn es um Beratung, Ethik oder Trauerbegleitung geht. Warum nehmen die Mitarbeitenden in den Kirchengemeinden und in den Theologischen Fakultäten diese sensible Zeit im Leben der Menschen nicht wahr? Spüren sie nicht die Sehnsucht nach Sinngebung und Getragensein?

Zum einen galt der Körper der Frau jahrtausendelang als unrein, der Mutterschoß als Herkunftsort der Erbsünde und deshalb wurde erst die Taufe der Anfang wahren Menschseins. Und zweitens richtet sich der Blick von Theologie und Kirche auf Tod und Sterben und nicht auf das Geborensein. Das ist merkwürdig, denn in der Bibel ist der Mutterschoß nach dem Herzen das am häufigsten erwähnte Organ. »Du hast mich gebildet im Mutterleibe«, heißt es in Psalm 139, Vers 13.

Mit Hannah Arendt haben wir entdeckt, dass nicht nur die Sterblichkeit, sondern auch die Geburtlichkeit ein menschliches Grundfaktum ist. Und zur Geburt selbst schreibt die Philosophin: »Wegen dieser Einzigartigkeit, die mit der Tatsache der Geburt ge-
geben ist, ist es, als würde in jedem Menschen noch einmal der Schöpfungsakt Gottes wiederholt und bestätigt.

Auf die Frage, was das Besondere an der Geburt ist, nannten Hebammen wiederholt diese Begriffe: Grenzerfahrung, Ergriffenheit, Seligkeit, Wunder des Lebens, Schmerz, Krankheit und Tod, Raum und Zeit, Atmosphäre und Stille. Auch Mütter und Väter haben mir ihre Erlebnisse erzählt. Ich verstehe dies nun als eine Begegnung mit dem Heiligen. Das Heilige kann uns in vielen Lebensbereichen ergreifen, es ist nicht an einen religiösen Kontext gebunden. Das Heilige begegnet uns als fascinosum, als Seligkeit und Ekstase. Ebenso kann es uns aber auch als tremendum im Entsetzen über eine Krankheit oder gar den Tod ergreifen.

Das Geburtsgeschehen ist ein dramatischer Prozess. Die Beteiligten kommen an ihre äußersten Grenzen. Der Umschlag von überwältigenden Schmerzen zu vollkommener Seligkeit und Freude berührt und erschüttert die seelische Tiefe von Mutter und Vater. Das Heilige bindet sich an dieses dramatische Geschehen, denn es ist das Lebendige, das Leben Schaffende. Indem die Mutter mit all ihrer Kraft das Kind ins Leben schiebt, offenbart sich das schöpferische Heilige.

Zeit und Raum, Atmosphäre und Stille – auch dies sind Phänomene, die auf das Heilige hinweisen. Wenn die Mutter das Kind geboren hat, wenn die Hebamme es mit ihren Händen aufgefangen hat, wenn so ein neuer Mensch in dieser Welt angekommen ist, dann ist der ganze Raum erfüllt von einer dichten Atmosphäre. Jetzt ergießen sich die Gefühle von Leid – bei Krankheit des Kindes oder bei einem nicht gewollten Kind – und Freude über das gesunde Neugeborene und der Umschlag von größter Kraftanstrengung zu vollständiger Entspanntheit in den Raum. Die Zeit ist jetzt nicht messbare Zeit, chronos, sondern kairos, inhaltlich gefüllte Zeit. Sie steht plötzlich still. Diese Erfahrung machen wir auch bei der ­Sterbebegleitung.

Auch die Schmerzen gehören dazu. Es sind Schmerzen zum Leben hin.
Wenn wir Schwangerschaft und Geburt als Begegnung mit dem Heiligen, als eine besondere spirituelle Zeit verstehen, gewinnen wir eine Tiefendimension des Lebens zurück. Eine Mutter schrieb mir, nachdem sie ihr Kind geboren hatte: »Ich möch­te Frauen Mut machen, ihrer inneren Stimme zu folgen, auf ihren Körper und auf göttliche Führung vertrauend eine Geburt zu wagen, die eben kein angstvoll erwarteter, erschreckender Moment sein muss, sondern ein bewusst erlebtes, feierliches Ereignis, das zur großen Kraftquelle auch für spätere Zeiten werden kann.«

Was würde sich im kirchlichen Handeln ändern, wenn wir die erste Heimat im Mutterschoß und das Geburtsgeschehen mit einbeziehen würden? In manchen Gemeinden wird die Geburtsglocke geläutet. Eltern können die Geburt ihres Kindes beim Pfarramt melden. Dann wird morgens um 9.30 die Geburtsglocke eine halbe Stunde lang geläutet. In einer Leipziger Klinik wird jeden Monat eine Segnungsfeier für Neugeborene angeboten.

Fürbittgebete für Familien, die ein Kind erwarten, und Familiensegnung am Schluss der Taufe müssten den Unterschied zwischen Mutter und ­Vater ansprechen: Die Mutter hat dem Kind ihren Körper hingegeben, der Vater ist Schutz und Wärme für die ­Familie.
Bei alldem unterscheiden wir zwischen der Mutterschaft derer, die Kinder geboren haben und der Mütterlichkeit – eine Tugend, die heute bei Frauen und Männern sehr gefragt ist.

Für Kirche und Theologie tut sich ein weites Tor auf, werdende Eltern fühlen sich ernst genommen in ihren Sorgen und Hoffnungen, in ihrer Offenheit gegenüber dem Transzendenten, in ihrer Sehnsucht nach Vertrauen und in ihrem Angewiesensein auf mitfühlende Begleitung.

Von Hanna Strack

Die Autorin ist Pastorin im Ruhestand und lebt in Pinnow bei Schwerin. Sie hat drei Kinder. 2006 erschien ihr Buch »Die Frau ist Mit-Schöpferin. Eine Theologie der Geburt«, Christel Göttert Verlag, 357 S., ISBN 3-922499-85-6, 19,80 Euro

USA: Die »Tea Party« auf der Suche nach einem Programm

11. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Die »Tea Party« bringt mit ihrer ­angestauten Wut die »geordnete« politische Welt der USA durchein­ander. Obwohl niemand weiß, ob die rechtspopulistische »Tee Partei« Standbein hat oder ob sie zersplittern wird bei der Suche nach einem Programm und einem Führer.

Konrad Ege ­berichtet für ­unsere Zeitung aus den USA. Foto: privat

Konrad Ege ­berichtet für ­unsere Zeitung aus den USA. Foto: privat

Uns reicht’s, war das Leitmotiv beim ersten Parteitag am Wochenende in Nashville. Wir wollen »unser Land« zurück! Von Barack Hussein Obama, der jede Gelegenheit nutze, »die Verfassung zu zerstören, bevor wir sie retten können«, forderte der ­Eröffnungsredner Tom Tancredo, ein ehemaliger republikanischer Kongressabgeordneter.

Die »Tea Partei« nimmt ihren Namen von einer Protestaktion 1773 in Boston gegen die britische Kolonialmacht. Ein paar Dutzend amerikanische Rebellen kippten kistenweise Tee in den Hafen aus Protest gegen die hohe Teesteuer. Die Aktion gilt als ­Mitauslöser des Unabhängigkeitskrieges, der ein paar Jahre danach zur Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika führte. Man gehe in den Fußstapfen der damaligen Freiheitskämpfer, heißt es in der modernen »Tea Party«, kämpfe man doch auch heute um »Freiheit« von einer Regierung, die das Volk übertrieben besteuere, und zu viele Vorschriften ­mache – Obama besonders durch seine Gesundheitsreform.

Die Wut der »Tea-Party«-Aktivisten ist nicht so leicht zu erklären. Sicher gibt es weit auseinandergehende Meinungen zur Gesundheitsreform. Aber dem Präsidenten Landesverrat vorwerfen – er wolle die Verfassung zerstören? In den »Tea Party« versammeln sich frustrierte Bürger aus der Mittelschicht, die Angst haben, ihre »amerikanische Lebensweise« sei vom Aussterben bedroht. Und die überzeugt sind, dass sich »die Elite«, besonders die »Wall Street Liberalen« in der Demokratischen Partei, aber auch die dem »Establishment« verpflichtete Führung der Republikanischen Partei, nicht um den »Normalbürger« kümmere.

»Ganz von selber« ist die »Tea Party« nicht entstanden. Anheizer waren und sind rechte Geldgeber und Kommentatoren bei Rupert Murdochs konservativem FOX-Fernsehsender, die intensiv und linientreu über die Aktivisten berichten. Und nicht zu übersehen ist, dass man Obama offenbar besonders hasst, weil er einen ­Vater aus Kenia und eine Mutter aus Kansas hat. Viele Aktivisten halten Obama für einen illegitimen Präsidenten, und glauben an die eindeutig widerlegte Mär, er sei nicht einmal in den USA geboren. Fast ohne Ausnahme sind die »Tea-Party«-Aktivisten weiß.

Der weiße Grundton kommt oft durch. Etwa, wenn Ex-Gouverneurin Sarah Palin vom »wirklichen Amerika« spricht, das man nicht in den Großstädten finde (wo überproportional Schwarze und andere Minderheiten wohnen). Oder als der Redner Tancredo den »Kult des Multikulturalismus« anprangerte und behauptete, Obama habe nur gewonnen, weil Wähler keine »politischen Bildungs- und Lesetests« mehr machen müssten. Mit den Tests hatten weiße Politiker vor der Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre Afro-Amerikaner vom Urnengang abgehalten. Während die »Tea Party« sehr gut weiß, was sie hasst und ablehnt, fehlt es freilich noch an einem Programm für das, was man gerne möchte.

Konrad Ege

»Schön sind deine Namen«

11. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Zur Vielfalt biblischer Gottesnamen und Gottesbilder

Die Bibel, Foto: sxc.hu

Die Bibel, Foto: sxc.hu

Du bist, wie du bist: Schön sind deine Namen. Halleluja. Amen«, bekennt der Refrain eines neueren Kirchenliedes. Die Namen, die darin besungen werden, heißen: Lebendigkeit und Barmherzigkeit, Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit, Beständigkeit und Vollkommenheit. Allesamt schöne, weil gute verlässliche Beziehungsweisen, mit denen Gott SEINER Schöpfung die Treue hält. Dass Gott so ist und so erfahren werden kann, gibt der singenden Gemeinde Anlass zum Gotteslob: »Halleluja!«

Auch in diesem »Hallelu-Jah!« steckt ein Gottesname, denn übersetzt heißt es: »Lobt Jah!« »Jah« aber ist die Kurzform des biblischen Eigennamens Gottes, des Tetragramms, der vier Buchstaben: J-h-w-h. Wie diese vier Konsonanten gesprochen werden, wissen wir nicht. Denn aus Achtung vor der Unverfügbarkeit Gottes sprechen Jüdinnen und Juden den göttlichen Eigennamen nicht (mehr) aus.

Dadurch wird Gott aber keineswegs anonym. Sondern im Reden zu und von Gott treten an die Stelle des unaussprechlichen Eigennamens sprechende Rufnamen. Die Psalmen etwa sind voll von solchen namhaften Gottesbildern. Kein Wunder also, dass Martin Luther für seine Reformationshymne »Ein feste Burg ist unser Gott« in die bilderreiche Sprachschule des 46. Psalms gegangen ist.

Die vielfältigen Rufnamen Gottes erzählen Lebensgeschichten. In sie schreiben Menschen ihre Gotteserfahrungen ein. So gibt die ägyptische Sklavin Hagar Gott den Namen: »Du bist ein Gott des Sehens« (1. Mose 16,13). Mit diesem Namen erinnert sie daran, dass Gott genau hinsieht und sie in ihrer Not wahrnimmt, dass Gottes Blick ihr, der schwangeren ausländischen Flüchtlingsfrau, Ansehen und Würde schenkt. Der Gottesname Hagars erzählt von göttlicher Aufmerksamkeit und Zuwendung und kann, wo wir ihn heiligen, auch eine zwischenmenschliche Kultur der Achtsamkeit fördern. Denn die Namen, mit denen wir Gott nennen, verpflichten auch uns alles Menschenmögliche dafür zu tun, dass sie auf Erden wahr werden.

Die vielfältigen Rufnamen, mit ­denen Menschen sich bittend und dankend, klagend und lobend an Gott wenden und von Gott erzählen, knüpfen an die Umschreibung an, die Gott selbst SEINEM Eigennamen gegeben hat: »Ich werde sein, der ich / die ich sein werde« (2. Mose 3,14). So stellt sich Gott vor, als Mose nach ­Gottes Namen fragt. Übrigens: Der hebräische Wortlaut legt Gott hier ­keineswegs einseitig männlich fest. Die Selbstvorstellung Gottes ist offen für weibliche und männliche Gottesbilder. Darum spreche ich von Gott auch als ER und SIE. Und deshalb sollte der Eigenname Gottes auch nicht einseitig und ausschließlich mit »Herr« / »HERR« wiedergegeben werden. Gott ist viel zu lebendig, als dass IHRE Beziehung zu uns in einem Herrschaftsverhältnis aufginge.

»Herr« ist ebenso wie der trinitarische Gottesname »Vater, Sohn und Heiliger Geist« einer neben anderen Rufnamen Gottes. Von Gott allein in männlichen Bildern zu sprechen, verstößt gegen das Bilderverbot. Die Vielfalt der Gottesnamen und -bilder dagegen achtet das Bilderverbot: »Du sollst dir kein Bild machen« – das lässt sich eben auch lesen als: »Du sollst dir nicht nur ein Bild von Gott machen.« Denn wer nur ein Bild von Gott hat, bildet sich ein, Gott zu kennen, und ist womöglich bald fertig mit IHR. Gerade das Bilderverbot eröffnet den Raum für viele Bilder Gottes – jedoch keine ­Bilder, die wir herstellen, sondern die sich einstellen in der Begegnung mit dem lebendigen Gott.

»Ich werde sein, die ich sein werde.« Damit sagt Gott aber keineswegs: »Ich bin ich und damit basta.« Mit diesem Namen zieht Gott sich nicht auf sich selbst zurück, sondern öffnet sich, macht sich ansprechbar und verletzlich. Denn dieser Name enthält eine große Verheißung und – ein großes Risiko. Mit ihm verspricht Gott: Ich bin da. Ich bin bei dir in ­jeder neuen Gegenwart, auf allen ­deinen Wegen. Ich bleibe dir treu. Mehr noch: »Ich werde sein, der ich für euch sein werde.« Gott lässt sich vorbehaltlos auf die Beziehung zu den Menschen ein, bindet sich an uns und an die Namen, mit denen wir IHN nennen.

Damit riskiert Gott, dass wir SIE mit Namen nennen, die IHR Wesen verfehlen – Namen, mit denen wir Gottes Eigennamen nicht entsprechen, sondern ihn in den Dreck ziehen. Eben darum bleiben wir angewiesen auf die Bitte »Geheiligt werde dein Name« und das Gebot, den Namen Gottes nicht zu missbrauchen. Denn nur die Rufnamen, mit denen wir Gottes Eigennamen und mit ihm Gott selbst heilig halten, sind schöne Namen.

Magdalene L. Frettlöh

Die Autorin ist promovierte Theologin und Rektorin des Kirchlichen Fernunterrichts der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und Privatdozentin für Systematische Theologie an der Ruhr-Universität Bochum

Gewachsene Sensibilität

11. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Bilanz: Die Kirchen in Mitteldeutschland engagieren sich gegen Rechtsextremismus – doch was haben diverse Aktionsjahre gebracht?

Nur gemeinsam kann es auf Dauer gelingen, den sich in der Gesellschaft wieder breit machenden alt/neubraunen Ideologien, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zu begegnen. 	Foto: epd-bild/Jens Schulze

Nur gemeinsam kann es auf Dauer gelingen, den sich in der Gesellschaft wieder breit machenden alt/neubraunen Ideologien, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zu begegnen. Foto: epd-bild/Jens Schulze

Waren es früher vorwiegend Einzelne, die den Kampf gegen die Ausbreitung rechtsextremen Gedankengutes anmahnten, ­stehen seit einiger Zeit auch die Kirchen in vorderster Reihe – zumindest offiziell.

Nächstenliebe verlangt Klarheit« – mit dieser Feststellung dürfte kaum ein Christ hierzulande Probleme haben, mit dem Zusatz hingegen schon: »Evangelische Kirche gegen Rechtsextremismus«. Die Bilanz der gleichnamigen Aktionsjahre in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen fällt gemischt aus.

»Die Gemeinden haben das Thema auf die Tagesordnung gesetzt; die Sensibilität ist gewachsen«, zeigte sich Christhard Wagner erfreut. Der Bildungsdezernent der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) war ein entscheidender Motor, als das Aktionsjahr 2008 in seiner Landeskirche – auch gegen ­Widerstände in den eigenen Reihen – in Gang gesetzt wurde. Allerdings ist ihm auch klar: »Kirche ist hier nicht diejenige, die die Welt beglücken kann, sondern sitzt selbst im Glashaus.«

Das bestätigt auch Christian Liebchen, der als Referent im Kinder- und ­Jugendpfarramt der EKM das Thema in zahlreichen Fortbildungen den Gemeinden, Pfarrern, Diakonen und Gemeindepädagogen nahegebracht hat: »Wenn rechtsextreme Einstellungen aus der Mitte der Gesellschaft kommen, kommen sie auch aus der Mitte unserer ­Gottesdienstbesucher, Gemeindekirchenräte und Kirchenchöre.« Vor allem ältere, konservativ eingestellte ­Gemeindeglieder seien hierfür anfällig. »Aber die erreicht man mit keiner Jugendarbeit«, macht Liebchen das Problem deutlich.

Deutlich frustriert zeigte sich Andreas Holtz, Pfarrer im anhaltischen Pretzien. Dort hatten 2006 Neonazis das »Tagebuch der Anne Frank« öffentlich verbrannt. Der evangelische Pfarrer war ­anschließend einer der wenigen, die eine offene Auseinandersetzung mit den Tätern forderten. »Die Kirche tut hier nichts! Dem Werben und der Hintergrundarbeit der Nazis können wir nichts entgegensetzen.« Ihn mache diese Situation regelrecht krank, denn auch die ­Kirchengemeinden in seiner Gegend seien »so gut wie tot. Das Aktionsjahr ist an ­denen regelrecht vorbeigerauscht«, verdeutlichte der engagierte Pfarrer die ­Misere.

Doch davor scheinen auch kirchliche Mitarbeiter nicht gefeit zu sein: »Manche ›Hauptamtliche‹ fassen das Thema immer noch mit spitzen Fingern an«, hat Karl-Heinz Maischner festgestellt, der die Evangelische Erwachsenenbildung in Sachsen leitet. Vor einigen Jahren habe selbst in der sächsischen Kirchenleitung noch die Meinung vorgeherrscht: »Wir brauchen keinen Kampf gegen Rechtsextremismus, wir haben doch die Bibel!« Und gar mancher Engagierte werde selbst jetzt noch in die linksextreme Ecke gestellt. »Das Tückische ist: Die NPD besetzt Themen, die den Konservativen heilig sind, wie Familie, Heimat, Ordnung und Disziplin.« Erst genaues Nachfragen entlarve die Dema­gogie dieser Parolen, doch das mache kaum jemand.

Wie die Schleichwerbung funktioniert, zeigt das Beispiel von Henry ­Nitzsche: Der ehemalige Landtagsabgeordnete war nach Äußerungen wie ­»Multikultischwuchteln in Berlin« und »Deutschlands Schuldkult« aus der sächsischen CDU geflogen und hatte sein ­eigenes Bündnis »Arbeit, Familie, Vaterland« gegründet, für das er inzwischen im Kreistag Bautzen sitzt. Als Kirchenmitglied nutzt er seine Kontakte, bekennt sich zu »christlichen Werten«. Doch bei seiner Kandidatur als Ausländerbeauftragter 2008 wollte er »den hier ansässigen Ausländern bei der Organisation ­ihrer Heimreise behilflich sein«, womit er sich offen als Rassist zu erkennen gab und den Beifall der NPD einheimste.

Dass derartige Äußerungen und die Zustimmung zu ihnen Ausdruck von Demokratie-Defiziten sind, ist sich David Begrich, Fachreferent bei »Miteinander e.V.« (Magdeburg) sicher: »Das Vakuum, gerade im ländlichen Raum und in Abwanderungsgebieten, wird durch die Rechtsextremen gefüllt.« Hier seien dringend Visionen der Kirche gefragt, die weit über den Kampf gegen Rechtsextremismus hinausgingen: »Was können wir hier tun für eine demokratische Kultur – und mit welchen Bündnispartnern?«
Die gleichen Fragen stellt sich auch Friedemann Bringt (Kulturbüro Sachsen). Für eine Bilanz in Sachsen sei es noch zu früh. »Das Aktionsjahr kann nur ein Anfang gewesen sein«, unterstreicht er.

»Es ist schwer zu vermitteln, dass wir kontinuierlich daran weiterarbeiten müssen.« bestätigt Susanne Feustel, die das Projekt »Demokratie lernen« des sächsischen Landesjugendpfarramtes leitet. »Manche Kirchgemeinden und Pfarrer sind sehr wach beim Thema Rechtsextremismus, andere haben nur wenig Interesse bis hin zur Ignoranz.« Die aber sollte baldigst weichen, wenn die Neonazis nicht weiter Boden gutmachen sollen.

Von Rainer Borsdorf

»Damit ihr Hoffnung habt«

11. Februar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Die »Wise Guys« haben den Song zum Ökumenischen Kirchentag komponiert

Die Wise Guys: »Wir fünf sind uns einig, dass wir eine Trennung zwischen evangelisch und katholisch nicht brauchen.« Foto: privat

Die Wise Guys: »Wir fünf sind uns einig, dass wir eine Trennung zwischen evangelisch und katholisch nicht brauchen.« Foto: privat

Vor Kurzem haben Dän Dickopf, Eddi Hüneke, Sari Sahr, Ferenc Husta und der Neue, Nils Olfert, in München den offiziellen Ökumenischen Kirchentags-Song »Damit ihr Hoffnung habt« vorgestellt. Peter Baier hat mit der Musikgruppe über Träume und Hoffnungen und über ihre Musik gesprochen.

Wie geht Ihr vor, wenn Ihr eine Auftragsarbeit bekommt, die zudem ein Motto beinhaltet – wie zum Beispiel das Lied zum 2. Ökumenischen Kirchentag im Mai 2010 in München.
Dän:
Als ich den Text geschrieben habe, habe ich darauf geachtet, dass die Losung des Kirchentags »Damit ihr Hoffnung habt« auch die sogenannte Hookline sein soll, also die erste Zeile, die im Song auftaucht. Denn das muss beim Publikum richtig zünden. Wir glauben, dass das Motto eine zentrale Botschaft des Kirchentags ist.

Als Ihr jüngst den Song in München vorgestellt habt, sagtet Ihr auf der Bühne, auch Ihr hättet eine Botschaft.
Dän:
Wir fünf sind uns einig, dass wir eine Trennung zwischen evangelisch und katholisch nicht brauchen. Wir haben in unseren Kirchengemeinden in Köln auch die Erfahrung gemacht, dass die breite Basis sich nicht für theologische Detailfragen der Ökumene interessiert. Es würde unglaublich viel Energie entstehen, fänden die Kirchen zusammen.

Auch privat praktiziert Ihr Fünf gelebte Ökumene.
Dän:
Ja, wir sind drei Protestanten und zwei Katholiken und kommen ­sowohl auf der Bühne, im Studio als auch privat sehr gut miteinander aus.

Ihr seid kirchentagserfahren. Was erwartet Ihr vom Ökumenischen Kirchentag in München?
Dän:
Das wird wahrscheinlich der größte Kirchentag, auf dem wir jemals gesungen haben. Wir konnten bisher bei evangelischen Kirchentagen vor 40000 Menschen in Köln und 65000 in Bremen auftreten. Jedes Mal war es eine supertolle Stimmung.

Ist die Stimmung bei Euren Kirchentagsauftritten anders als bei »weltlichen« Konzerten?
Ferenc:
Da entsteht ein ganz anderes Gemeinschaftsgefühl. Man spürt, wie die Leute stimmungsvoll ankommen, Spaß haben wollen und sich gut verstehen.
Dän: Ungewöhnlich ist auch, dass ­unter den Menschen eine derart positive Stimmung entsteht, die auch uns packt.

Wer kam auf Euch zu, um den offiziellen ÖKT-Song zu bestellen?
Sari:
Als wir auf dem Evangelischen Kirchentag in Hannover aufgetreten sind, war die Kirchentagsleitung offensichtlich völlig überrascht, dass da 35000 Leute auf dem Platz standen und ein richtiges Fest feierten. Zwei Jahre später kam dann erneut eine Anfrage, zunächst für Bremen, und dann für München, das offizielle Lied für den 2. Ökumenischen Kirchentag 2010 zu schreiben. Das haben wir gern gemacht, obwohl wir uns nicht als christliche Band definieren, sondern wir machen Popmusik für alle.

Was glaubt Ihr, was bewirkt solch ein Ökumenischer Kirchentag?
Dän:
Ich glaube, dass dies eine Frage ist, die nicht nur den Ökumenischen Kirchentag betrifft, sondern die sich ganz allgemein stellt. Wir glauben, dass auf den Kirchentagen Impulse gesetzt werden. Allerdings befürchten wir, wir werden nicht mehr erleben, dass sich die beiden Kirchen einig werden. Aber vielleicht kann man ein paar Schritte in diese Richtung machen.

Erwartet Ihr Euch gerade von München ein anderes Feedback als in ­anderen Städten?
Nils:
Ja. Bremen zum Beispiel ist ja wesentlich kleiner als München, da war die ganze Stadt ein einziger Kirchentag. Das wird in München anders sein: Es werden deutlich mehr Menschen da sein, und wir sind gespannt auf den Vergleich.

Den Kirchentagssong der »Wise Guys« gibt es zum Download unter www.sonntagsblatt-bayern.de.
Kostenlose CDs gibt es über: 2. Ökumenischer Kirchentag 2010, Rundfunkplatz 4, 80335 München, Telefon (089) 559997337, E-Mail

Blutvergießen in Nigeria

4. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Straßen von Jos nach den Unruhen: An zerstörten Geschäften und ausgebrannten Autos vorbei trägt ein Mann einen Sack Hirse nach Hause. Foto: picture alliance/dpa/George Esiri

Die Straßen von Jos nach den Unruhen: An zerstörten Geschäften und ausgebrannten Autos vorbei trägt ein Mann einen Sack Hirse nach Hause. Foto: picture alliance/dpa/George Esiri

Nigeria: Im Grenzgebiet zwischen dem muslimischen Norden und dem christlichen Süden eskalieren Spannungen

Mehr als 200 Menschenleben kosteten die jüngsten Auseinandersetzungen ­zwischen Christen und Muslimen in der nigerianischen Stadt Jos.

Als vor zwei Wochen die Ausgangssperre zum ersten Mal seit Tagen aufgehoben wurde, blieben die Straßen in Jos in Zentralnigeria dennoch leer. »Wir haben nichts mehr zu essen im Haus, irgendwann müssen wir rausgehen«, sagt ein Bewohner der Stadt, die zuvor von Unruhen erschüttert wurde. »Aber ich habe Angst, dass wieder geschossen wird.« Seinen Namen will der Christ lieber nicht genannt wissen.

Spätestens seit 2001, als bei Unruhen zwischen Christen und Muslimen mehr als 1000 Menschen starben, ist Jos für Konflikte zwischen Religionsgemeinschaften berüchtigt. Kreuzzughaft anmutende christliche Missionsbewegungen sind in Jos ebenso zu Hause wie islamistische Kampfgruppen. Ihre Zielgruppen sind die Masse an Jugendlichen aus armen Familien unter den rund 860000 Einwohnern der Stadt, denen der Staat keine Perspektive bietet.

Was genau die jüngsten Unruhen ausgelöst hat, ist ungewiss. Womöglich stimmt die Geschichte, die Alhadschi Kabir Mohammed, ein muslimischer Bewohner von Jos, in der Presse erzählt. »Ich habe mein Haus wiederaufgebaut, das in den letzten Unruhen vor gut einem Jahr zerstört wurde«, so Mohammed. »Auf einmal kamen christliche Jugendliche auf Motor­rädern und befahlen mir, zu verschwinden.« Von da an, sagte Mohammed, habe die Lage sich hochgeschaukelt. Irgendwann brannten Kirchen, Moscheen und Häuser, und Tote lagen auf den Straßen.

Andere sprechen von vorbereiteten Angriffen auf Christen nach der Sonntagsmesse. »Das war geplant, unsere Jugendlichen haben sich nur verteidigt«, erklärt Pfarrer Pandang Yamsat, der der »Kirche Christi« vorsteht, mit drei Millionen Mitgliedern eine der größten Glaubensgemeinschaften in der Region. Er sieht in den neuer­lichen Unruhen eine Taktik, mit der Muslime Christen aus Jos vertreiben wollten. »Die Muslime wollen das Land alleine regieren, aber das geht nicht, es gehört Christen und Muslimen gleichermaßen.«

Nicht alle Christen teilen die Einschätzung von wütenden Kirchenführern wie Yamsat. »Die Auseinandersetzungen haben sehr wenig mit Religion zu tun«, sagt etwa Ignatius Kaigama, der katholische Erzbischof von Jos. Er setzt sich seit Langem für den Dialog zwischen Christen und Muslimen ein. »Religion wird instrumentalisiert, um ethnische und politische Interessen leichter durchzusetzen.« Kaigama warnt zudem vor der Macht von Gerüchten. Denen zufolge sollte auch seine Gemeinde angegriffen und die Kathedrale angezündet worden sein: »Das stimmt alles nicht, wer so etwas verbreitet, der lügt.«

Die wirklichen Ursachen des Konflikts sind sozialer Natur, meint auch der Muslim Shamaki Grad von der Menschenrechtsliga in Jos: »Nach den letzten Unruhen Ende 2008 sind die versprochenen Entschädigungszahlungen vom Staat nie geflossen. Die Leute sind arm und hoffnungslos, sie gehen aus Frust erneut auf die Straße.« Hinzu kommt: »Frühere Ausschreitungen sind nie aufgeklärt worden, niemand wurde verhaftet«, sagt Grad. »Deshalb gibt es hier ein Gefühl der Straflosigkeit.«

Nigerias Vizepräsident Goodluck Jonathan hat außer dem Militär auch den Chef des Geheimdiensts nach Jos entsandt. Er will präzise Informationen. Die Angst ist groß, dass sich die Gewalt wie ein Flächenbrand ausbreitet. In den umliegenden Bundesstaaten haben die Behörden die Polizei in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Offenbar zurecht: Nur wenige Stunden, nach dem im Zentrum von Jos Ruhe eingekehrt war, meldeten Bewohner neue Ausschreitungen in den Außenbezirken. Und in Pankshin, einer gut 100 Kilometer entfernten Stadt, wurde von brennenden Regierungsgebäuden berichtet. (epd)

Von Marc Engelhardt

Wer gewinnen will, muss auch verlieren können

4. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Interview: Wie das Leben aus dem Glauben gelingen kann – im Gespräch mit Pater Anselm Grün

Anselm Grün, Autor zahlreicher Bücher feierte kürzlich seinen 65. Geburtstag. Ein Gespräch mit ihm über Glauben und sein Verhältnis zum Geld.

Anselm Grün: Für mich ist wichtig, dass ich innerlich frei bin vom Geld, dass ich mich nicht vom Geld bestimmen lasse und – dass Geld dem Menschen dient. Foto: epd-bild

Anselm Grün: Für mich ist wichtig, dass ich innerlich frei bin vom Geld, dass ich mich nicht vom Geld bestimmen lasse und – dass Geld dem Menschen dient. Foto: epd-bild

Pater Anselm, Sie sind der wirtschaftliche Leiter der Abtei Münsterschwarzach, Sie halten Vorträge, Kurse und Seminare. Sie schreiben Bücher und sind ein gefragter Gast bei Talk-Shows und anderen Veranstaltungen. Für einen Mann im Rentenalter ein ziemlich straffes Programm …
Pater Anselm:
Bis auf einige Ausnahmen habe ich einen regelmäßigen ­Tagesablauf. Ich stehe 20 vor fünf auf, Chorgebet, dann Meditation, 6.15 Uhr Eucharistiefeier, Frühstück, danach lese ich eine halbe Stunde. Vormittags bin ich in der Verwaltung von 8 Uhr bis kurz vor zwölf. Um zwölf ist wieder Chorgebet, danach Mittagessen und Mittagsschlaf. Um halb zwei geht die Arbeit wieder an. Zwei Tage in der Woche führe ich Gespräche mit Priestern und Ordensleuten im Recollectio-Haus, einem Haus für geistige und therapeutische Begleitung. Jeden Montag und Donnerstag Vorträge. Und Dienstagabend von acht bis neun bin ich immer zu einem Kurzvortrag in Würzburg, wo wir ein ­Seminar-Haus haben. Gut: Und am Mittwoch auch noch Vorträge.

Die meisten in einem »normalen« Berufsleben denken mit 65 an Aufhören. Sie nicht?
Pater Anselm:
Gut, ich will jetzt ja ­weniger machen. Aber dieses Jahr ist schon verplant. Ende Januar mache ich die Planung für das nächste Jahr und überlege, wie viel soll ich noch machen. Gut, es macht immer noch Spaß und solange es für mich stimmt … Aber ich versuche schon, mich nicht einfach zu verplanen, ­sondern sensibel darauf zu hören, also zu spüren, wo ist es Zeit weniger zu machen oder manches aufzugeben. Aber es liegt nicht alleine an mir. Bei den Vorträgen könnte ich einfach Nein sagen. Aber die Verwaltung, das Gästehaus – das ist ja auch im Interesse der Abtei.

Ihre Bücher werden von vielen Menschen gern gelesen. Offensichtlich verstehen Sie es, die biblische Botschaft in einer einfachen Sprache rüberzubringen.
Pater Anselm:
Es ist mir wichtig, die christliche Tradition den Menschen in einer Sprache zu verkünden, die sie verstehen, die nicht moralisiert, sondern die ihnen zeigt, wie aus dem Glauben heraus das Leben gelingen kann. Die Weisheit oder die heilende Kraft, die in der Botschaft Jesu liegt, die ist mir wichtig, denn Menschen kommen mit Wunden, mit Verletzungen, und ­ihnen sage ich, wie der Umgang mit der Bibel und die Begegnung mit Jesus ein Weg zur Heilung sein kann.

Glauben, der heilt, ist ein Thema, das Ihnen wichtig ist …
Pater Anselm:
Ja, ein ganz wichtiges Thema. Alle christlichen Traditionen wollen das Heil und die Heilung des Menschen. Es gibt auch einen krankmachenden Glauben, der die eigene Realität nicht wahrnimmt, der sich in religiöse Gefühle flüchtet. Aber der Glau­be, den Jesus verkündet, der ist ein heilender Glaube. Für mich geschieht die Heilung immer in der ­Begegnung. Manche Christen wollen Jesus ja als Zauberer benutzen. Jesus soll schnell die Krankheit wegnehmen, aber man will sich der Krankheit gar nicht stellen. Doch Begegnung heißt: Ich halte mich hin, so wie ich bin und ich schaue auch meine eigene Wirklichkeit an. Dann kann Heilung geschehen.

Wenn ich zum Beispiel Angst habe, kann ich die Gott hinhalten, im Gebet darüber sprechen. Wovor habe ich denn Angst? Oft ist es die Angst mich zu blamieren, Fehler zu machen. Und dann zeigt mir die Angst oft falsche Grundannahmen, eben die: Ich darf keine Fehler machen, sonst bin ich nichts Wert; ich darf mich nicht blamieren, sonst würde ich abgelehnt. Wenn ich mir diese Angst eingestehe und sie Christus hinhalte, erkenne ich, dass die Angst mich letztlich zu Gott führen kann. Denn dabei stellt sich die Frage, definiere ich mich vom Urteil der Menschen oder definiere ich mich von Gott her. Die Angst lädt mich ein, mich von Gott her zu definieren und zu sagen: Gott ist die Grundlage meines Lebens.

Aber niemand sollte meinen, dass sich solche Veränderungen plötzlich vollziehen, dies geschieht in einem längeren Prozess …
Pater Anselm: Ja, das ist ein Prozess. Wenn ich jetzt bete und mit Christus über meine Angst spreche, ist sie nicht sofort weg. Ich werde nur anders damit umgehen. Sie wird mich nicht mehr im Griff haben. Das Ziel ist, dass die Angst zur Freundin wird, die mich zu Gott führt. Dass die Depression für mich ein Weg zu Gott wird.

Wie kann Depression einen Menschen zu Gott führen?
Pater Anselm:
Weil sie mir meine Ohnmacht zeigt, dagegen kann ich ­rebellieren, dann werde ich noch depressiver. Oder ich kann sie eingestehen und mich in Gott ergeben, dann bin ich auch in einer Depression getragen, dann hat sie mich nicht mehr im Griff. Aber natürlich gibt es viele Formen von Depressionen, auch schwere, wohin der Glaube oft nicht dringt. In solchen Situationen ist es wichtig, trotzdem etwas zu haben, woran man sich festhält. Da kann ein Kreuz wichtig sein, an das ich mich festklammere. Oder ein Wort, an das ich mich halte, selbst wenn ich nicht daran glauben kann.

Was verstehen Sie unter Gesundheit?
Pater Anselm:
Zum Menschen gehören Gesundheit und Krankheit. Also zu meinen, ich bin nur gesund, das ist eine Illusion. Die Krankheit gehört auch zum Menschen. Sie ist eine Krise, die mich immer wieder durch meine Schwäche hindurchführen will. Aber Gesundheit würde ich definieren als im Einklang sein mit mir selbst. Auch in der Krankheit kann ich im Einklang sein mit mir, inneren Frieden haben. Und Gesundheit heißt für mich, dass der innerste Kern in mir nicht von Krankheit, auch nicht von psychischer Krankheit, auch nicht von Schuld infiziert ist. Wo Christus in mir ist, bin ich heil und ganz. Der innerste Kern in jedem Menschen ist heil und ganz. Das heißt nicht, dass deshalb im emotionalen Bereich alle Verletzungen, Gefährdungen aufgelöst sind, sie werden relativiert. In der Krankheit bin ich von Gott getragen.
Die Krankheit kann mich aufbrechen auch für Gott. Für mich gibt es nur die Alternative: Entweder ich halte an meinen Vorstellungen vom Leben fest, dann werde ich z. B. durch Krankheit zerbrechen oder ich lasse meine Vorstellungen von mir und vom Leben zerbrechen, dann werde ich aufgebrochen für Gott und für mein wahres Selbst.

Reden wir noch etwas übers Geld! Die Abtei Münsterschwarzach ist ein wirtschaftlich gut gehendes Unternehmen, was heutzutage nicht jede Firma von sich sagen kann. Wie machen Sie das?
Pater Anselm:
Für mich ist wichtig, dass ich innerlich frei bin vom Geld, dass ich mich nicht vom Geld bestimmen lasse und – dass Geld dem Menschen dient. Also wenn ich Schule und Bildungshaus leiten will, brauche ich Geld. Dabei ist es wichtig, kreativ mit Geld umzugehen, damit ich das, was ich als sinnvoll erachte finanzieren kann. Ich gehe mit Krediten, Aktien und Anleihen um. Für manche ist das fremd, für mich ist es ein kreatives Tun. Ich benutze einfach die Finanzierungsinstrumente mit, allerdings immer nach ethischen Grundsätzen.

Es gehört auch Know-how dazu, um auf dem glatten Parkett des Geldmarktes nicht auszurutschen …
Pater Anselm:
Ja, ich musste damit umgehen lernen. Wir hatten ja kaum etwas und da habe ich halt angefangen die Möglichkeiten zu nutzen, erst langsam, eher vorsichtig und dann ein bisschen mit mehr Risiko. Es ist ja so: Wer gewinnen will, muss auch verlieren können. Der Gierige verliert ­immer und der Ängstliche. Also es braucht ein gewisses Vertrauen – und es braucht eine Freiheit von Gier. Die Risikobereitschaft wird bei jedem anders sein. Ein ängstlicher Mensch ist weniger risikobereit, dann soll er mit Geld nicht so umgehen wie ich das tue. Ich würde keinem ängstlichen Menschen raten, es so zu machen wie ich.

Und wenn es schief geht, dann fühlen Sie sich getragen von der Gemeinschaft der Benediktiner?
Pater Anselm:
Ja, klar, das tut auch dem Image ganz gut, zu sagen: Es gibt nicht nur erfolgreiche Menschen, es geht auch mal etwas schief. Das gehört auch zum Leben.

Aber es ist nichts schief gegangen?
Pater Anselm:
Na ja, durch die Finanzkrise haben wir natürlich auch etwas verloren. Wenn wir etwas gewonnen haben, haben wir auch etwas verloren. Aber wenn ich das Ganze anschaue, haben wir immer noch gewonnen. Wenn ich vom Anfang ausgehe, dann hat sich doch alles trotzdem gelohnt.

Das Interview führte Sabine Kuschel

Brot und Steine an der Isar

4. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

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Interview: Der 2. Ökumenische Kirchentag in München – ein Gespräch mit Ellen Ueberschär

Erwartet in München ein »Gänsehautgefühl«: Ellen Ueberschär, evangelische Generalsekretärin des 2. Ökumenischen Kirchentags 	Foto: epd-bild

Erwartet in München ein »Gänsehautgefühl«: Ellen Ueberschär, evangelische Generalsekretärin des 2. Ökumenischen Kirchentags Foto: epd-bild

Ellen Ueberschär trägt als evangelische Generalsekretärin die Mitverantwortung für den 2. Ökumenischen Kirchentag vom 12. bis 16. Mai in München. Benjamin Lassiwe sprach mit der Theologin.

Frau Ueberschär, wo steht die Ökumene heute?
Ueberschär:
Die Ökumene ist an einem Höhepunkt angekommen. Wenn man einmal das vergangene Jahr-
hundert ansieht, haben wir in diesen 100 Jahren ökumenisch mehr erreicht als in den drei Jahrhunderten zuvor. Natürlich gibt es harte Nüsse, die es noch zu knacken gilt, aber genau deswegen gibt es ja Veranstaltungen wie den Ökumenischen Kirchentag.

Was kann der Ökumenische Kirchentag an dieser Stelle erreichen?
Ueberschär:
Der Ökumenische Kirchentag ist eine Veranstaltung, in dessen Verlauf viele Hunderttausend Menschen zeigen können, dass ihnen die Ökumene nicht egal ist. Es geht da weniger um prominente Redner oder steile Thesen, sondern um das Gemeinschaftsgefühl der Christen aller Konfessionen und die Begeisterung für die Zusammenarbeit. Wenn man auf den Kirchentag von 2003 zurückblickt, dann sieht man, was aus solch einer Begeisterung erwachsen kann: Überall in Deutschland gibt es ökumenische Stadtfeste, Gesprächskreise oder Veranstaltungen, die unter dem Eindruck des ersten Ökumenischen Kirchentags begonnen haben und bis heute fortgesetzt werden.

Was sind denn die Herausforderungen, vor denen die Ökumene derzeit steht?
Ueberschär:
Da gibt es sicher eine Menge Themen, die man jetzt nennen könnte. Wir werden auf dem Ökumenischen Kirchentag eine Themenreihe »Ökumenische Brennpunkte« veranstalten, bei der wir uns mit den wichtigen theologischen Fragen beschäftigen werden: Dazu zählen etwa das Amtsverständnis, das Kirchenverständnis und die Abendmahls-Eucharistie-Diskussion. Auf dem Kirchentag werden wir diese Probleme sicher nicht lösen können. Aber wir können dafür sorgen, dass diese Themen ökumenisch im Gespräch bleiben.

Während der Gottesdienste am Kirchentags-Freitag soll eine orthodoxe Brotsegnung stattfinden. Warum?
Ueberschär:
Das wird ein Gottesdienst sein, bei dem alle Teilnehmer um große Tische herumsitzen und gemeinsam Wasser, Äpfel und das von einem orthodoxen Priester gesegnete Brot teilen. Wir wollen damit zeigen, dass wir als Christen gemeinsam Tischgemeinschaft halten können, beten, in der Bibel lesen und zusammen feiern können. Wichtig ist uns, dass wir an ein orthodoxes Ritual anknüpfen – das zeigt, dass die Ökumene nicht nur aus Protestanten und Katholiken besteht.

Aber wird die Brotsegnung in den Augen mancher Kirchentagsteilnehmer nicht wie der verschämte Versuch eines Ersatz-Abendmahls aussehen?
Ueberschär:
Nein, das wird es nicht. Die Form dieses Gottesdienstes wird so sein, dass keine Verwechslungen möglich sind. Wir wollen mit der Brotsegnung nicht zu einem heimlichen Abendmahl aufrufen. Es ist einfach so, dass die Brotsegnung in der Praxis der orthodoxen Kirche zum Alltag gehört – dort wird am Ende des Gottesdienstes gesegnetes Brot verteilt, auch zum Weitergeben an Menschen, die selbst nicht in die Kirche kommen konnten.

In Berlin 2003 haben Laiengruppierungen Abendmahlsfeiern neben den Kirchentag durchgeführt. Was machen Sie, wenn so etwas in München wieder passiert?
Ueberschär:
Als Veranstalter des Ökumenischen Kirchentags haben wir verabredet, die in unseren Kirchen geltenden Regeln gegenseitig zu achten. Als Evangelische achten und respektieren wir es, wenn uns unsere katholischen Geschwister sagen: »Wir sind noch nicht soweit. Wir können uns die Teilnahme von Protestanten an der Eucharistie im Moment nicht vorstellen.« Wenn es Gruppen gibt, die dennoch solche Feiern ausrichten, werden sie allein die Verantwortung dafür übernehmen müssen – auch für die Folgen, die daraus für die Ökumene entstehen. Persönlich bedauere ich auch, dass wir kein gemeinsames Abendmahl feiern werden. Aber man muss festhalten, dass die Abendmahlsfeiern in Berlin 2003 nicht zu Fortschritten in der Ökumene, sondern nur zu einer Verhärtung der Fronten geführt haben. Und die war überflüssig.

An der Vorbereitung für den Kirchentag haben sich auch Orthodoxe und Freikirchler beteiligt. Welchen Effekt hat das für den Kirchentag?
Ueberschär:
Das ist einer der großen ökumenischen Zugewinne gegenüber dem 1. Ökumenischen Kirchentag. Zum ersten Mal sind in allen Vorbe­reitungsgruppen Christen aus vielen verschiedenen ACK-Kirchen dabei. Die gesamtchristliche Beteiligung zieht sich durch alle Veranstaltungen – ob Podien, Gottesdienste, Workshops. Und diese Beteiligung ist ein wirklicher Mehrwert.

Zum Abschluss bitte noch eine kleine Prognose: Was wird der Höhepunkt des Ökumenischen Kirchentages sein?
Ueberschär:
Das ist nicht leicht zu beantworten. Der ganze Ökumenische Kirchentag wird ein Höhepunkt sein. Aber wenn Sie nach dem Moment mit dem besonderen Gänsehautgefühl fragen, dann wird das wohl im Schlussgottesdienst sein, wenn Hunderttausende Menschen in München und Millionen an den Fernsehgeräten gemeinsam einen Gottesdienst feiern.