Leben hat Bestand, weil Gott es will
28. Januar 2010 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Im Blickpunkt
Medizin und Kirche: Der 2. Christliche Gesundheitskongress gab Impulse für das Zusammenwirken
In Kassel trafen sich vom 21. bis 23. Januar Ärzte, Pflegekräfte, Theologen und Seelsorger zu einem interdisziplinären Gespräch
Von Sabine Kuschel
Wie kommt es, dass kranke Menschen gesund werden, Entzündungen abklingen und Wunden heilen? Manche machen dafür neben medizinischem Können die Selbstheilungskräfte verantwortlich. Dass Christen in Heilungsprozessen auch das Wirken Gottes, des Schöpfers sehen können, das machte der Vortrag von Prof. Christoffer H. Grundmann auf dem 2. Christlichen Gesundheitskongress eindrucksvoll deutlich. Der Referent, der in den USA an der Universität in Valparaiso den Lehrstuhl zur Erforschung der Zusammenhänge zwischen Religion und den Heilkünsten innehat, legte dar, dass die Welt nicht nur durch einen einzigen Schöpfungsakt Gottes am Anfang geschaffen wurde, sondern auch jetzt von ihm am Leben erhalten werde. So wie Gott jedem Mensch Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Sinne gegeben habe, erhalte er ihn auch am Leben. »Leben ist keine Selbstverständlichkeit, es hat nur deshalb Bestand, weil es von Gott gewollt ist.« Von dieser Erkenntnis ausgehend, schlussfolgerte Grundmann: »Weil Gott am Werk ist, heilen Krankheiten und ist ärztliches Bemühen von Erfolg gekrönt.«
Etwa 1400 Gäste – Ärzte und Pflegekräfte, Theologen und Seelsorger, haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren auf dem Kongress, um darüber nachzudenken, wie Medizin und Kirche besser zusammenwirken und die spirituelle Dimension der Patienten berücksichtigt werden können.
Was er unter einer christlich fundierten Heilkunde versteht, erläuterte Dr. Georg Schiffner, Facharzt für Innere Medizin, Naturheilverfahren, Geriatrie und Palliativmedizin. »Christliche Heilkunde ist integrative Heilkunde, sie integriert unterschiedliche Heil- und Pflegemethoden sowie Therapieverfahren, soweit diese nicht den Grundlagen eines christlichen Menschenbildes widersprechen. Sie weiß sich verpflichtet der Qualität guter Pflege, Therapie und Medizin, umfassender sozialer Fürsorge und seelsorgerlicher Begleitung, aber auch der Hoffnung und Erwartung, dass Gott in die Krankheitssituation hineinreden und handeln kann.«
Im Blick auf die Mehrdimensionalität des menschlichen Seins plädiert der Mediziner dafür, in einer christlich motivierten Heilkunde auch spirituellen Elementen wie Anbetung und Fürbitte, dem Hören und Lesen von Gottes Wort, Meditation und Seelsorge Raum zu geben. Und er sprach sich für ein engeres Zusammenwirken von Christen in medizinischen Berufen und den Kirchengemeinden aus.
Ihre wunderbare Heilungsgeschichte erzählte Schwester Stefanie Zurbrigg von der Jesusbruderschaft Gnadenthal. Im Oktober 2008 wurde bei ihr Speiseröhrenkrebs im fortgeschrittenen Stadium festgestellt. Die Schwestern der Kommunität beteten regelmäßig für sie und mit ihr. In der guten Gemeinschaft, umgeben von hilfsbereiten Menschen »fühlte ich mich wie in Abrahams Schoß«, sagt sie. Doch trotz Fürsorge und Therapie – die Krankheit blieb. Eine Magenspiegelung zeigte, dass sogar erneut ein Tumor gewachsen war. Also bereitete sich die Schwester auf ihr Sterben vor, ordnete Fotos, schrieb ihren Lebenslauf und besprach ihre Beerdigung. Obwohl die Chance auf Heilung gering schien, ist sie wieder gesund geworden. Sie betonte, welche große Bedeutung Gebet, Gemeinschaft und Versöhnung für sie hatten. Als sie sich mit einer Schwester versöhnte, zu der sie immer eine komplizierte Beziehung gehabt hatte, war sie erstaunt, wie einfach Versöhnung ist und fragte sich, warum sie diesen Schritt nicht eher getan hatte. Heute weiß sie: »Krankheit kann zum Segen werden.«
Die Tagung in Kassel bot ein interessantes, breit gefächertes Spektrum rund um Krankheit und Gesundheit. Vorträge beleuchteten das Verhältnis von Krankheit und Heilung, in Seminaren ging es um gesunde Lebensgestaltung, neue Formen des Zusammenwirkens von Gemeinde- und Gesundheitsdiensten vor Ort, um Sterbebegleitung und Gebete für Kranke. Lebensnahe Berichte und ermutigende Beispiele aus der Praxis rundeten das Bild ab.
Ein Schwerpunkt war die Pflege von kranken und alten Menschen, die unter Zeitdruck und Geldmangel geschehe und dabei hohe Anforderungen an die Pflegekräfte stelle. Deutlich grenzte sich der Gesundheitskongress von einem falschen Verständnis ab, nachdem Medizin allmächtig und der Tod Folge ärztlichen Versagens ist. Ein Seminar beschäftigte sich mit dem Thema: »Und wenn es keine Heilung gibt? Christliche Spiritualität als Heil im Unheil.«
Der Psychiater Dr. Manfred Lütz erinnerte in satirischer Manier an seine sprichwörtlich gewordene Aussage: »Wer früher stirbt, lebt länger ewig«, die, wie er selbst hinzufügte »theologisch korrekt ist«. Lütz und andere Referenten betonten, dass Sterben und Tod nicht ausgeblendet werden dürfen und auch nicht Ergebnis medizinischen Unvermögens sind, sondern zum Leben dazugehören. »Wer den Tod verdrängt, verpasst das Leben, denn dass wir sterben, macht jeden Moment unwiederholbar«, so Lütz.
Er wünsche sich, dass die vielen positiven Erfahrungen in Kassel zu Aufbrüchen in der Kirche führen, sagt der Chemnitzer Pfarrer Dieter Keucher, der zum Vorstand des Christlichen Gesundheitskongresses gehört. Bemerkenswerte Beispiele vom Zusammenwirken verschiedener heilender Berufe, von Medizin und Kirche lieferte das Treffen allemal.
Dr. Volker Brandes, Facharzt für Urologie zum Beispiel berichtete von den in seiner Praxis in Hamburg stattfindenden Trainingskursen »Christliche Heilkunde«. Zunächst lud er Angehörige unterschiedlicher Berufsgruppen des Gesundheitswesens ein. Dann entstand die Idee, Patientenseminare für Kranke und Angehörige anzubieten, bei denen auch Grundlagen des Glaubens vermittelt wurden.
Inspiriert durch das große Interesse der Patienten, erzählt der Arzt, entstanden in Zusammenarbeit mit einem Gemeinde-
pastor Glaubenskurse und Patientengottesdienste, die besonders von chronisch Kranken besucht würden. »Es entstehen wertvolle Kontakte unter den Patienten. Einsamkeit wird durchbrochen, Schmerz geteilt. Ein geistlich unterstützter Prozess der Krankheitsverarbeitung wird behutsam angestoßen. Ohne eine Zusammenarbeit zwischen Medizin und Kirche läge dieser kostbare Bereich brach.«

