Zwischen Hoffen und Bangen

7. Januar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Trost durch Briefe aus ganz Deutschland: Gottfried und Ruth Hentschel, die Eltern des mit seiner Familie im Jemen entführten ­Johannes Hentschel, in ihrem Umgebindehaus in Meschwitz bei Bautzen. 	Foto: Wolfgang Wittchen

Trost durch Briefe aus ganz Deutschland: Gottfried und Ruth Hentschel, die Eltern des mit seiner Familie im Jemen entführten ­Johannes Hentschel, in ihrem Umgebindehaus in Meschwitz bei Bautzen. Foto: Wolfgang Wittchen

Im Zusammenhang mit ­Terrorismus ist der Jemen ­derzeit in aller Munde. Fast vergessen scheint, dass in Ostsachsen seit mehr als einem halben Jahr Angehörige um das Schicksal einer entführten Familie bangen.

Der Krieg gegen Houthi-Rebellen im Nordjemen dauert nun mehr als Hundert Tage. Eine viertel ­Million Menschen sind deswegen auf der Flucht. Die jemenitische Regierung warnt die USA, Truppen für den Kampf gegen das Terrornetzwerk El Kaida ins Land zu senden. Schlagzeilen aus jemenitischen Zeitungen. Reinhard Pötschke hat sie ­sicher gelesen. Der Pfarrer einer Freien Evangelischen Gemeinde in Radebeul verfolgt regelmäßig Nachrichten aus dem Jemen via Internet. Seit über einem halben Jahr versucht der 42-Jährige so herauszufinden, was mit seinem Schwager Johannes, dessen Frau und den drei kleinen Kindern geschehen sein könnte.

Die fünfköpfige Familie war am 12. Ju­ni 2009 in der nordjemenitischen Provinz Sa’ada von Unbekannten angegriffen und verschleppt worden. Zusammen mit zwei deutschen Bibelschülerinnen einem Briten und einer Koreanerin befanden sich die Sachsen aus dem Raum Bautzen auf dem Rückweg von einem Ausflug. Drei Frauen hatte man kurz darauf ermordet aufgefunden. Von Johannes und Sabine Hentschel sowie ihren Kindern Lydia (5), Anna (3) und Simon (1) fehlt seitdem so gut wie jedes Lebenszeichen.

Es waren unglaublich harte Monate für die Familie. Gottfried und Ruth Hentschel, die Eltern von Johannes in Lauske bei Bautzen, haben den Sohn zum letzten Mal bei ihrer Silberhochzeit im Mai vergangenen Jahres gesehen. Die beiden 78- und 79-Jährigen schweben seit Monaten zwischen Bangen und Hoffen. Informationen gibt es spärlich. Das kritisierten die Angehörigen auch erst kürzlich. »Vieles erfahren wir nur auf Umwegen«, sagt Reinhard Pötschke.

Gerade erst hat er sich mit Vertretern des sächsischen Landeskriminalamtes getroffen und um einen direkten Kontakt zum Auswärtigen Amt gebeten. Das Amt indes weist Vorwürfe zurück. Doch auf Anfragen nach dem Schicksal der vermissten Familie und des Briten gibt es ­immer die gleiche Antwort: Wir bemühen uns mit Nachdruck, die Sache zu klären.

Angehörige bemängeln spärliche Informationen
Auf Reinhard Pötschke wirken all die Ereignisse der letzten Monate »nebulös und mysteriös«. Entführungen seien nichts Ungewöhnliches im Jemen. Statistiken sprechen von 200 in 15 Jahren. Doch es würden immer schnell Forderungen gestellt, erfüllt und die Geiseln freigelassen. Doch für Johannes, Sabine und die Kinder gab es wohl nur einmal eine Geldforderung von unbekannter Seite. Und nur spärlich Kontakt zu den Entführern. Zwar ist kurz vor Weihnachten angeblich ein Video aufgetaucht, das die Hentschel-Kinder zeigt, doch das stammt wohl vom September. Die Bundesregierung will sich dazu jedenfalls nicht äußern. Die Angehörigen der Vermissten haben das Band weder gesehen, noch etwas darüber erfahren.

Weihnachten und Silvester waren stille Tage für die Familien in der Lausitz und Radebeul. In den Feiertagen haben sie sich alle in Meschwitz bei Bautzen ­getroffen. Dort, in einem gemütlichen Umgebindehaus zwischen den Lausitzer Hügeln, haben Johannes und Sabine Hentschel immer ihren Heimaturlaub verbracht. Und hier kam die ganze Familie nun zusammen. Auch um die Rückkehr der Lieben zu planen. Denn: »Wir haben Hoffnung. Wir sind nicht verzweifelt«, so Reinhard Pötschke.

Auch wenn sich der Pastor bewusst ist, dass vielleicht nur ein Teil der Familie zurückkehrt. Für sie habe man bei Sabines Angehörigen einen Rückzugsort geschaffen. Darum trete diese Seite der Familie nie in den Medien auf. Eine Psychologin stehe bereit, um den sicher traumati­sierten Kindern zu helfen. Hoffnung schöpfen die Angehörigen aus all den ­Informationen, die in den letzten Wochen plötzlich aufkamen. Auch aus der Tatsache, dass die Bundesregierung immer noch sucht und den Fall nicht zu den ­Akten legt.

Und doch gibt es genügend beunruhigende Nachrichten. Nach wie vor herrscht Krieg im Nordjemen. Dort hatten Johannes und Sabine (beide inzwischen 37 Jahre alt) in einem Krankenhaus gearbeitet. Die USA machen im Land Jagd auf Terroristen. Und ein gerade gefasster Nigerianer, der ein Flugzeug auf dem Weg ins amerikanische Detroit in die Luft sprengen wollte, war wohl im Jemen ­ausgebildet worden. Doch Reinhard Pötschke will sich davon nicht verrückt machen lassen.

Kraft geben indes zahlreiche Briefe und Anrufe, die die Familien in Lauske und Radebeul erreichen. Aus ganz Deutschland, aber auch aus dem Ausland schreiben Bekannte und Unbekannte, nehmen Anteil am Schicksal von Johannes, Sabine, Lydia, Anna und Simon. »Das tröstet uns«, sagt Gottfried Hentschel. Auch Gebetskreise für die Vermissten, in Belgern bei Bautzen, Bautzen selbst und Radebeul ermutigen. Das signalisiert: Die Hentschels werden nicht vergessen. Und nach wie vor gilt die Bitte des sächsischen Landesbischofs Jochen Bohl an die Kirchengemeinden, »bis auf Weiteres die Entführten und ihre Angehörigen in die Fürbitte einzuschließen«.


Von Irmela Hennig

Steeb_Hartmut-2»In der in der nächsten Woche stattfindenden Allianzgebetswoche ­werden wir in besonderer Weise im Gebet auch an die Christen in Ver
folgung und Unfreiheit in vielen ­Ländern unserer Welt denken. In besonderer Weise bitte ich die Christen in unserem Land, an die im Juni im Jemen entführte Familie Hentschel aus Sachsen zu denken und an den mitentführten britischen Techniker. Gerade jetzt, wo der Jemen neu ins Visier des Antiterrorkampfes rückt, bitten wir um Bewahrung der Entführten und ihre baldige Freilassung. Wir schließen in unser Gebet die ­Eltern und Angehörigen zu Hause ein, ebenso wie die Angehörigen der kurz nach der Entführung ermordeten Praktikantinnen.«

Hartmut Steeb, Generalsekretär der Deutschen Evangelischen ­Allianz

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  1. [...] seit anderthalb Jahren währende Anteilnahme ist es, die den Angehörigen des noch immer verschwunde… Kraft gibt. Ihre beiden Töchter Anna und Lydia sind mittlerweile wieder zu Hause. Seit dem Sommer [...]