Täglich über ein Bibelwort nachdenken
7. Januar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
Abgelegt unter Glaube und Alltag
Spiritualität im Alltag (2): Mit der Bibel leben
Welchen Platz hat unser Glauben im Alltag? Mit dieser und anderen Fragen beschäftigt sich unsere dreiteilige Beitragsserie über Spiritualität im Alltag.
Christliche Spiritualität lebt aus dem Evangelium. Sie braucht dazu die Bibel. Denn dort ist aufgeschrieben, wie Gott sich Menschen bekannt gemacht hat. Am deutlichsten zeigt er sein Gesicht in Jesus Christus. Der Evangelist Johannes kann sogar sagen: In ihm ist Gottes Wort Fleisch geworden, ein Mensch von Fleisch und Blut, und wohnte unter uns. (Johannes 1,14) Heute wohnt er unter uns, wo Menschen dieses Wort in ihr Leben aufnehmen. Das ist eine spannende Angelegenheit. Denn die Worte der Bibel können auch fremd und kalt bleiben. Erst Gottes Geist macht sie lebendig, sodass uns durch die gedruckten Worte Gott selbst anspricht. Dies ist immer wieder ein Wunder. Wir können es nicht herbeiführen. Aber wir können uns dafür öffnen, indem wir den Worten der Bibel unsere Aufmerksamkeit schenken.
Vielen sind die Herrnhuter Losungen vertraut: Für jeden Tag ein Bibelvers aus dem Alten und einer aus dem Neuen Testament. Es ist gut, diesen Worten einige Minuten still nachzulauschen mit der Frage: Gott, was willst du mir heute sagen oder zeigen?
Ich selbst habe mich viele Jahre an die fortlaufende Bibellese gehalten. Dabei werden im Verlauf von vier Jahren das gesamte Neue Testament und in acht Jahren auch die Bücher des Alten Testaments gelesen. Andachtsbücher bieten kurze Auslegungen dazu, etwa »Halt uns bei festem Glauben«, »Sonne und Schild« oder der Neukirchener Kalender.
Mittlerweile nehme ich mir gern mehrere Tage Zeit für einen einzigen Text, etwa das Evangelium oder den Predigttext des Sonntags. So kann mich das Wort tiefer erreichen.
Ein Beispiel: »So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.« (Jakobus 5,7-8, Lesung am 2. Advent)
Gleich zu Beginn stoße ich auf ein Thema, mit dem ich es schwer habe: Geduld. Mir kommen Situationen in den Sinn, für die ich frage: Wo bist du, Jesus? Warum tust du nichts? Das kann doch nicht so bleiben! Schmerzlich nehme ich wahr, wo ich Gott als fern erlebe. Wieder einmal merke ich: Das gehört zum Glauben dazu, Gottes Ferne aushalten und trotzdem wissen: Jesus ist auf dem Weg, er kommt!
Am folgenden Tag bringe ich meine tägliche Mühe in Verbindung mit dem Bild vom Ackerbauern. Säen, das heißt hingeben, etwas einbringen, loslassen. Dann ist lange Zeit nur Staub zu sehen. Mir wird bewusst, wie vieles ich nicht »machen«, sondern nur darauf vertrauen kann, dass Gott Gutes wachsen lässt. Auch dies ist Stoff genug für eine stille Zeit. Jesus, lass mich heute guten Samen ausstreuen und hilf mir zu warten.
Am dritten Tag widme ich mich der »kostbaren Frucht der Erde«. Ein reich gefüllter Obstkorb steht vor meinem inneren Auge. In meiner Vorstellung genieße ich die Früchte, und mein Herz wird weit vor Dankbarkeit. Kostbare Frucht der Erde, das sind auch Musik und Bücher, mein Fahrrad und die Dusche – Früchte der Mühe anderer Menschen, Gottes gute Gaben. Ja, ich will sie bewusst genießen. Danke, himmlischer Vater, du hast diese Erde so reich ausgestattet!
Empfangen. Wieder ein anderes Thema. Die Erde muss empfangen, sonst wächst nichts. Diesmal stelle ich eine leere Schale vor mich auf die Erde. Was habe ich nicht alles empfangen in meinem Leben …! Empfangen kann ich nur, wenn ich offen dafür bin. Ich halte Jesus meine leeren Hände hin – und bitte ihn um unverschämt große Gaben: Liebe für die Menschen, denen ich heute begegne, Weisheit in meinen Entscheidungen … und um Frieden auf der Erde. Wie gut, dass ich mit meiner kleinen Schale etwas von ihm fassen kann und dass er alles umfasst.
»Stärkt eure Herzen!« Heute frage ich nach dem, was mich stärkt. Menschen fallen mir ein, die mir Kraft geben, und andere, die dringend Stärkung brauchen. Ich bete für sie. Während des Tages entdecke ich viel mehr Stärkendes als sonst. Wenn ich am Ende der Woche zurückschaue, staune ich, wie nahe mir Jesus durch diesen kurzen Bibelabschnitt gekommen ist.
Ich hoffe, Sie haben Lust bekommen, etwas Ähnliches zu probieren. Vielleicht gibt es in Ihrer Gemeinde Menschen, mit denen Sie sich darüber austauschen können. Lassen Sie sich nicht entmutigen, wenn es nicht gleich gelingt. Schenken Sie einfach immer wieder dem Wort der Bibel Ihre Aufmerksamkeit, bis es Ihnen lebendig wird.
Brigitte Seifert
Die Autorin ist promovierte Theologien und Pfarrerin am Haus der Stille im Evangelischen Zentrum Kloster Drübeck.


Das finde ich eine wirklich schöne Idee. Gerade für die Ehevorbereitung ist das eine sinnvolle Ergänzung. Werde mich damit in einem meiner Artikel genauer damit beschäftigen.
gruss wolfgang