Die Lage bleibt ernst

28. Januar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Christenverfolgung: Ein Gespräch mit Markus Rode von »Open Doors«

Immer am Jahresanfang ­veröffentlicht das christliche Hilfswerk »Open Doors« ­seinen Weltverfolgungsindex.

Benjamin Lassiwe sprach ­darüber mit Markus Rode.

Markus Rode ist Leiter des überkonfessionellen Hilfswerkes »Open Doors«-Deutschland. Foto: Open Doors

Markus Rode ist Leiter des überkonfessionellen Hilfswerkes »Open Doors«-Deutschland. Foto: Open Doors

Herr Rode, wie steht es zu Beginn des Jahres 2010 um die Religionsfreiheit?
Rode:
Besorgniserregend. Besonders Christen in Nordkorea und in streng islamischen Ländern spüren keine Veränderung. Im Gegenteil: Nordkorea ist zum achten Mal in Folge mit Platz 1 der schlimmste Christenverfolgerstaat weltweit. Cirka 70000 Christen sind aufgrund ihres Glaubens im Arbeitslager. Unter den ersten zehn Ländern im Index sind acht islamisch geprägte Länder. Wir erleben einerseits, dass viele Muslime etwa im Iran oder auch Algerien am christlichen Glauben interessiert sind und Christen werden. Doch andererseits sind gerade in diesen Ländern der Druck und die Verfolgung von ehemaligen Muslimen hoch. Denn die persönliche Entscheidung eines Muslims, seine Religion zu wechseln, wird von religiösen Eiferern und häufig der ­Familie des Konvertiten nicht respektiert.

Was hat sich beim Weltverfolgungsindex im Vergleich zum letzten Jahr verändert?
Rode:
In der islamischen Welt spüren wir massive Verschlechterungen. Der jetzige Drittplatzierte Saudi-Arabien ist von Platz zwei des Index abgelöst worden vom Iran. Dort gab es Verhaftungswellen, bei denen die Geheimpolizei Wohnhäuser gestürmt hat und 85 Christen wegen ihres Glaubens inhaftiert und misshandelt hat. Dramatisches hören wir auch aus Mauretanien, mit der größten Veränderung im Index. Zehn Positionen von 18 auf acht rückte das islamische nordafrikanische Land unter die ersten zehn schlimmsten Verfolgerstaaten. Voriges Jahr wurde dort ein ausländischer, christlicher Entwicklungshelfer von Islamisten ermordet.

Wie kommen Sie an solche Informationen – Länder wie Nordkorea sind ja gemeinhin abgeschottet?
Rode:
Als Hilfswerk berichten wir nicht nur über verfolgte Christen, wir unterstützen sie auch. Das sind unsere Arbeitsgebiete. Zu Christen in Nordkorea beispielsweise unterhalten wir enge Kontakte, die sich im Laufe der Jahre – wir sind seit Mitte der 1990er Jahre dort aktiv – verdichtet haben. Dadurch erfahren wir auch, welche Hilfe für die Gemeinden dringend benötigt wird. Die Informationen kommen aus erster Hand und ­zuverlässigen Quellen.

Sind Sie in allen Ländern ihres Indexes aktiv?
Rode:
Wir sind in über 50 Ländern ­aktiv, doch nicht aus allen können wir über die Projekte berichten, um die Christen vor Ort nicht zu gefährden.

Aber das ist ja genau die Frage: Nutzt es verfolgten Christen wirklich, wenn ein ausländisches Hilfswerk im eigenen Land eine Untergrundorganisation aufbaut?
Rode:
Kirchenleiter vor Ort kennen ihr Land und die Bedürfnisse der Gemeinden am besten. Daher arbeiten wir mit ihnen, aber auch mit einheimischen Organisationen und Kirchen zusammen. Unsere Mitarbeiter sind einheimische Christen, die selbst Verfolgung erlebt haben. Wir entsenden keine Missionare etwa nach Nordkorea, die dann da eine Organisation aufbauen. Das war nie unsere Arbeitsweise. Sondern wir sprechen mit verfolgten Christen und unterstützen sie bei ihrem Dienst.

Wo hat sich die Situation der Christen denn verbessert?
Rode:
Wenngleich sich die Situation in Algerien de facto nicht verändert hat, hat sie sich doch beruhigt. Das
ist auch dem internationalen Protest geschuldet. Die algerische Kirche wächst – was für Ärger unter den einheimischen Muslimen sorgt. Nachdem nach Erlass eines neuen Gesetzes viele Kirchen geschlossen wurden, haben Christen im Ausland und Politiker massiv protestiert. Oder Indien: 2008 hatte die Verfolgung von Christen im Bundesstaat Orissa einen Höhepunkt erreicht. Zwar kommt es in Indien weiterhin fast täglich zu Angriffen auf Christen, aber ein zweites Orissa gab es nicht.

Mode und Kirche passen zusammen

28. Januar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Als zweite Haut ist Kleidung seit Urbeginn der Menschheit ein kleiner Trost in aller Sterblichkeit

Sich etwas gönnen! Wie wär’s mit ­einem neuen Kleid? Foto: BilderBox.com

Sich etwas gönnen! Wie wär’s mit ­einem neuen Kleid? Foto: BilderBox.com

Eine Modenschau in der Kirche? Mode ist doch Mode und Kirche ist Kirche. Oder haben beide doch ­etwas miteinander zu tun? Vor dieser Frage stand vor einiger Zeit der Kirchenvorstand einer deutschen Großstadt. Ein französisches Modehaus hatte angefragt: Man wolle die Winter- und Frühjahrskollektion in der Stadtkirche präsentieren. Ein nicht unerhebliches Honorar für die klamme Gemeindekasse stand in Aussicht, und dem Pfarrer wurde die Möglichkeit geboten, im Rahmen einer Andacht oder einer Ansprache die christliche Botschaft unter die Besucher zu bringen.

Adam und Eva – die ersten Modeschöpfer
Mode und Religion: Geht denn das zusammen? Im biblischen Schöpfungsbericht sind es Adam und Eva, die nach der Versuchungsgeschichte als erste Modeschöpfer auftreten. Sie flechten sich Schurze aus Feigenblättern als sie ihre Nacktheit bemerken. Sie schämen sich. Sie kennen den ­Unterschied von Gut und Böse. Und sie wissen von nun an, dass sie sterblich sind. Kleidung, Scham und Tod stehen von nun an in Beziehung zueinander. Das ist das Geheimnis der Versuchungsgeschichte. Als zweite Haut ist Kleidung, ist Mode seit Urbeginn der Menschheit ein kleiner Trost in aller Sterblichkeit. Wenn schon die erste Haut, der Menschenkörper, vergänglich ist, warum nicht eine zweite Haut erfinden und anziehen, die diese Vergänglichkeit ein bisschen erträglicher macht?

Seit damals machen Menschen Mode, lieben das Schöne. Die bunten prächtigen Dome sind die Laufstege des Mittelalters. Denn der Kleidung und den Gottesdiensten der römischen Kirche konnte man eines jedenfalls nicht absprechen: die Lust am Schönen und Festlichen. Vor dem Hintergrund der mittelalterlichen Todesangst vor Pest oder Fegefeuer ist das eine einleuchtende Lust. Das Schöne ist immer auch Sehnsucht nach Erlösung, Sehnsucht nach einer anderen Welt.

Wer immer Sehnsucht hat, erweist sich und die Welt als bedürftig und verletzlich. So tragen bis heute die großen Modenschauen und die Prozessionen der Schönen auf den Laufstegen jene Sehnsucht in sich. Nach außen perfekt und glänzend, birgt die Glitzerwelt der Mode in ihrem Kern etwas zutiefst Humanes. Es ist die Schwäche des versehrlichen menschlichen Körpers.

Für die christliche Religion rückt dieser menschliche Körper ins Zentrum des Glaubens. In Jesus von ­Nazareth ist es Gott selbst, der einen Körper bekommt. Für Gott selbst ein Gang in die Fremde. Der Allmächtige wird Mensch, sterblich und bedürftig.

Die Lust am Schönen und Festlichen

Da sind sie plötzlich ganz nahe beieinander, die Modewelt und der christliche Gott. Ja, Mode und Religion gehen zusammen. Eine Gemeinde, ein Kirchenvorstand, der vor einer solchen Entscheidung steht, kann also zu ganz neuen Ergebnissen kommen. Und was heißt das für den Alltag?

Vielleicht eine Aufforderung, sich etwas zu gönnen, gleich heute. Das Lieblingskleid anzuziehen, das im Schrank geschont wurde. Die edlen Winterschuhe zu kaufen, um die man wochenlang herumgestrichen ist, weil sie ein bisschen mehr kosten. Die schöne Leinenbluse zu tragen, auch wenn es nur um die Ecke zum Einkaufen geht. Denn jeder Tag ist etwas besonderes, weil er einmalig ist. Darum dürfen auch wir Menschen einmalig und schön sein.

Christian König

Leben hat Bestand, weil Gott es will

28. Januar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Medizin und Kirche: Der 2. Christliche Gesundheitskongress gab Impulse für das Zusammenwirken

In Kassel trafen sich vom 21. bis 23. Januar Ärzte, Pflegekräfte, Theologen und Seelsorger zu einem interdisziplinären Gespräch

Von Sabine Kuschel

Wie kommt es, dass kranke Menschen gesund werden, Entzündungen abklingen und Wunden heilen? Manche machen dafür neben medizinischem Können die Selbstheilungskräfte verantwortlich. Dass Christen in Heilungsprozessen auch das Wirken Gottes, des Schöpfers sehen können, das machte der Vortrag von Prof. Christoffer H. Grundmann auf dem 2. Christlichen Gesundheitskongress eindrucksvoll deutlich. Der Referent, der in den USA an der Universität in Valparaiso den Lehrstuhl zur Erforschung der Zusammenhänge zwischen Religion und den Heilkünsten innehat, legte dar, dass die Welt nicht nur durch einen einzigen Schöpfungsakt Gottes am Anfang geschaffen wurde, sondern auch jetzt von ihm am Leben erhalten werde. So wie Gott jedem Mensch Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Sinne gegeben habe, erhalte er ihn auch am Leben. »Leben ist keine Selbstverständlichkeit, es hat nur deshalb Bestand, weil es von Gott gewollt ist.« Von dieser Erkenntnis ausgehend, schlussfolgerte Grundmann: »Weil Gott am Werk ist, heilen Krankheiten und ist ärztliches Bemühen von Erfolg gekrönt.«

Etwa 1400 Gäste – Ärzte und Pflegekräfte, Theologen und Seelsorger, haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren auf dem Kongress, um darüber nachzudenken, wie Medizin und Kirche ­besser zusammenwirken und die ­spirituelle Dimension der Patienten berücksichtigt werden können.

Was er unter einer christlich fundierten Heilkunde versteht, erläuterte Dr. Georg Schiffner, Facharzt für Innere Medizin, Naturheilverfahren, Geriatrie und Palliativmedizin. »Christliche Heilkunde ist integrative Heilkunde, sie integriert unterschiedliche Heil- und Pflegemethoden sowie Therapieverfahren, soweit diese nicht den Grundlagen eines christlichen Menschenbildes widersprechen. Sie weiß sich verpflichtet der Qualität ­guter Pflege, Therapie und Medizin, umfassender sozialer Fürsorge und seelsorgerlicher Begleitung, aber auch der Hoffnung und Erwartung, dass Gott in die Krankheitssituation hineinreden und handeln kann.«

Im Blick auf die Mehrdimensionalität des menschlichen Seins plädiert der Mediziner dafür, in einer christlich motivierten Heilkunde auch spirituellen Elementen wie Anbetung und Fürbitte, dem Hören und Lesen von Gottes Wort, Meditation und Seelsorge Raum zu geben. Und er sprach sich für ein engeres Zusammenwirken von Christen in medizinischen Berufen und den Kirchengemeinden aus.
Ihre wunderbare Heilungsgeschichte erzählte Schwester Stefanie Zurbrigg von der Jesusbruderschaft Gnadenthal. Im Oktober 2008 wurde bei ihr Speiseröhrenkrebs im fortgeschrittenen Stadium festgestellt. Die Schwestern der Kommunität beteten regelmäßig für sie und mit ihr. In der guten Gemeinschaft, umgeben von hilfsbereiten Menschen »fühlte ich mich wie in Abrahams Schoß«, sagt sie. Doch trotz Fürsorge und Therapie – die Krankheit blieb. Eine Magenspiegelung zeigte, dass sogar erneut ein Tumor gewachsen war. Also bereitete sich die Schwester auf ihr Sterben vor, ordnete Fotos, schrieb ihren Lebenslauf und besprach ihre Beerdigung. Obwohl die Chance auf ­Heilung gering schien, ist sie wieder gesund geworden. Sie betonte, welche große Bedeutung Gebet, Gemeinschaft und Versöhnung für sie hatten. Als sie sich mit einer Schwester versöhnte, zu der sie immer eine komplizierte Beziehung gehabt hatte, war sie erstaunt, wie einfach Versöhnung ist und fragte sich, warum sie diesen Schritt nicht eher getan hatte. Heute weiß sie: »Krankheit kann zum Segen werden.«

Die Tagung in Kassel bot ein interessantes, breit gefächertes Spektrum rund um Krankheit und Gesundheit. Vorträge beleuchteten das Verhältnis von Krankheit und Heilung, in Seminaren ging es um gesunde Lebens­gestaltung, neue Formen des Zusammenwirkens von Gemeinde- und Gesundheitsdiensten vor Ort, um Sterbebegleitung und Gebete für Kranke. Lebensnahe Berichte und ermutigende Beispiele aus der Praxis rundeten das Bild ab.

Ein Schwerpunkt war die Pflege von kranken und alten Menschen, die unter Zeitdruck und Geldmangel geschehe und dabei hohe Anforderungen an die Pflegekräfte stelle. Deutlich grenzte sich der Gesundheitskongress von einem falschen Verständnis ab, nachdem Medizin allmächtig und der Tod Folge ärztlichen Versagens ist. Ein Seminar beschäftigte sich mit dem Thema: »Und wenn es keine Heilung gibt? Christliche ­Spiritualität als Heil im Unheil.«

Der Psychiater Dr. Manfred Lütz erinnerte in satirischer Manier an seine sprichwörtlich gewordene Aussage: »Wer früher stirbt, lebt länger ewig«, die, wie er selbst hinzufügte »theologisch korrekt ist«. Lütz und andere Referenten betonten, dass Sterben und Tod nicht ausgeblendet werden dürfen und auch nicht Ergebnis medizinischen Unvermögens sind, sondern zum Leben dazugehören. »Wer den Tod verdrängt, verpasst das Leben, denn dass wir sterben, macht jeden Moment unwiederholbar«, so Lütz.

Er wünsche sich, dass die vielen positiven Erfahrungen in Kassel zu Aufbrüchen in der Kirche führen, sagt der Chemnitzer Pfarrer Dieter Keucher, der zum Vorstand des Christlichen Gesundheitskongresses gehört. Bemerkenswerte Beispiele vom Zusammenwirken verschiedener heilender Berufe, von Medizin und Kirche lieferte das Treffen allemal.

Dr. Volker Brandes, Facharzt für Urologie zum Beispiel berichtete von den in seiner Praxis in Hamburg stattfindenden Trainingskursen »Christliche Heilkunde«. Zunächst lud er Angehörige unterschiedlicher Berufsgruppen des Gesundheitswesens ein. Dann entstand die Idee, Patienten­seminare für Kranke und Angehörige anzubieten, bei denen auch Grundlagen des Glaubens vermittelt wurden.

Inspiriert durch das große ­Interesse der Patienten, erzählt der Arzt, entstanden in Zusammenarbeit mit einem Gemeinde-
pastor Glaubenskurse und Patientengottesdienste, die besonders von chronisch Kranken besucht würden. »Es entstehen wertvolle Kontakte ­unter den Patienten. Einsamkeit wird durchbrochen, Schmerz geteilt. Ein geistlich unterstützter Prozess der Krankheitsverarbeitung wird behutsam angestoßen. Ohne eine Zusammenarbeit zwischen Medizin und ­Kirche läge dieser kostbare Bereich brach.«

Haiti: Der Kampf ums Überleben

21. Januar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Warten auf Hilfe: Überlebende Kinder der Erdbebenkatastrophe in dem Karibikstaat Haiti vor einer Lebensmittelausgabestelle der Welthungerhilfe in Petionville. (Foto: picture alliance/landov)

Warten auf Hilfe: Überlebende Kinder der Erdbebenkatastrophe in dem Karibikstaat Haiti vor einer Lebensmittelausgabestelle der Welthungerhilfe in Petionville. (Foto: picture alliance/landov)

Nach dem verheerenden Erdbeben am 12. Januar in Haiti arbeiten internationale Helfer fieberhaft daran, die Versorgung der Überlebenden zu verbessern. Auch eine Woche nach dem Beben herrschen weiter chaotische Zustände im Katastrophengebiet, viele Schwerverletzte warteten vergeblich auf medizinische Behandlung.

Die haitianische Regierung befürchtet bis zu 200.000 Tote. 250.000 Menschen wurden den Angaben zufolge verletzt, 1,5 Millionen sind obdachlos. Behindert werden die Rettungsarbeiten nicht zuletzt durch das administrative Chaos.

Mehrere Minister sind vermisst, wahrscheinlich wurden auch sie Opfer des ­Bebens. Und nicht nur der Präsidentenpalast, auch Behörden und Verwaltungsgebäude sind großteils zerstört.

Die Missionare Volker und Annette Schnüll, die im Auftrag der Deutsche Missionsgemeinschaft (DMG) mit Sitz in Sinsheim seit Jahren in Haiti tätig sind, schildern die Situation auf der DMG-Internetseite als geradezu ­»apokalyptisch«. Durch die zentralistische Organisation des Landes wirkten sich die schweren Zerstörungen in der Hauptstadt Port-au-Prince besonders verheerend auch für die ­unzerstörten Regionen aus.

»Nichts kommt rein oder raus – keine Leute, keine Güter, nichts – außer über Port-au-Prince. Was dort nicht ankommt, fehlt irgendwann überall: Nahrung (fast alles wird eingeführt), Medikamente, Werkzeuge, Gas, Treibstoff … Mit Diesel wird in den meisten Orten der Strom produziert, ohne Diesel kein Strom«, so das Ehepaar. Aus seiner Sicht komme der Wiederaufbau des Landes einem vollständigen Neustart gleich.

Auf den zunehmenden Treibstoffmangel verweisen auch andere Organisationen. Viele Fahrzeuge und Helikopter könnten deshalb nicht eingesetzt werden, bestätigt Elisabeth Byrs, Sprecherin des UN-Büros zur Koordinierung humanitärer Hilfe (OCHA), gegenüber dem Evangelischen Pressedienst.

Auch Martin Ruppenthal, Regionalbeauftragter der Christoffel-Blindenmission (CBM) mit Sitz in Bensheim, die in Haiti insgesamt sieben Hilfsprojekte betreut, berichtet aus der haitianischen Hauptstadt: »Das noch verfügbare Benzin wird verwendet, um die Generatoren der Krankenhäuser anzutreiben. Zwei Tage reicht es noch, dann kann nicht mehr operiert werden.«

Und das, wo in den Krankenhäusern des Landes so schon dramatische Zustände herrschen: »Der Konkurrenzkampf der Menschen hier ist fürchterlich. Sobald einer im OP ist, müssen die Angehörigen das Bett hüten, sonst ist es bei seiner Rückkehr aus dem OP besetzt«, heißt es etwa in einem ersten Bericht des Teams des DMG-Missionsarztes Eckehart Wolff aus Port-au-Prince.

Zudem fehlen nach Angaben der Diakonie Katastrophenhilfe Medikamente und medizinisches Personal. Gemeinsam mit Caritas international schickte die Diakonie deshalb am Montag ein Flugzeug mit Hilfsgütern nach Port-au-Prince. Darunter sind medizinische Nothilfepakete für 80000 Menschen, Zelte, Nahrungsmittel sowie Tabletten zur Wasserreinigung. Die Verteilung erfolgt mit lokalen Partnerorganisationen und den Partnern im globalen kirchlichen Hilfsnetzwerk ACT (Kirchen helfen gemeinsam).

Mit Haiti hat die Katastrophe das mit Abstand ärmste Land des amerikanischen Kontinents getroffen. Etwas kleiner als Belgien und mit 9,6 Millionen Einwohnern ist Haiti damit dichter besiedelt als Deutschland. Vier von fünf Haitianern leben unter der Armutsschwelle und müssen mit ­weniger als zwei US-Dollar am Tag auskommen. Die Bevölkerung bekennt sich mehrheitlich zum katholischen Glauben.

Harald Krille/epd

Wie man konkret helfen kann:

Die Landeskirchen und die Diakonischen Werke in Mitteldeutschland rufen dringend zur Unterstützung der Opfer des Erbebens in Haiti auf.

Die Diakonie Sachsen bittet um Spenden auf das Konto 100 100 100 bei der Landeskirchlichen Kreditgenossenschaft Sachsen (LKG), BLZ 850 951 64, ­Kennwort: Haiti Erdbebenhilfe

Die Diakonie Mitteldeutschland als Landesverband für Sachsen-Anhalt, ­Thüringen sowie Teilen Brandenburgs und Sachsens bittet um Spenden auf das Konto 800 8000, bei der Evangelische Kreditgenossenschaft Kassel,
BLZ 520 604 10, Kennwort: Erdbebenopfer Haiti.

Achte auf deine Worte – Anmerkungen zur Sprache

21. Januar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Das Goethe-Institut will 2010 zum »Jahr der deutschen Sprache« erklären. Wir haben deshalb den in Halle wohnenden Schriftsteller Christoph Kuhn gebeten, einmal im Monat unter der Rubrik »Angesagt« einige aktuelle Phänomene unserer Sprachgestaltung und -verunstaltung zu beleuchten.

Christoph Kuhn lebt als Schriftsteller in Halle.

Christoph Kuhn lebt als Schriftsteller in Halle.

Leserinnen und Leser dieser ­Zeitung werden sich womöglich fragen, warum auch noch an dieser Stelle Betrachtungen zur Sprache stehen sollen, gibt es doch über ­unser Deutsch schon so viele kluge und witzige Kolumnen und Bücher – eins zum Tod des Genitivs stand sogar lange auf der Bestseller-Liste.

Auch an Mahnungen fehlt es nicht: Der Wortschatz von Kindern würde immer kleiner, weil die Gesprächszeit in den Familien sich immer mehr verringere, wie auch die (Vor-)Lesezeit kürzer werde gegenüber der Verweildauer an Fernsehgeräten und Computern. Diese zunehmende äußere Bilderwelt ließe die innere verarmen, verhindere die Entwicklung der Fantasie. Fantasie jedoch sei die Voraussetzung für Empathie und Empathie wiederum unerlässlich für Solidarität, Zivilcourage. So droht Isolation im Gemeinwesen.

Gefahr ist im Verzug!

Der Wert der Muttersprache ist wohl unbestritten, nicht oft genug kann über sie nachgedacht und ­gesprochen werden.

Allerdings wandelt sie sich ständig; man hört es, schaut man wie Luther, dem Volk aufs Maul oder sieht es an ­ihrem schriftlichen Gebrauch (am Stil und an der Rechtschreibung von Briefen, Büchern, Printmedien). Und die Blickwinkel auf diesen Wandel sind unterschiedlich.

Zeitlos aber sind die von Konfuzius überlieferten Sätze: »Stimmen die Namen und Begriffe nicht, so ist die Sprache konfus. Ist die Sprache konfus, so entstehen Unordnung und Misserfolg. Gibt es Unordnung und Misserfolg, so geraten Anstand und gute Sitten in Verfall. Sind ­Anstand und gute Sitten infrage ­gestellt, so gibt es keine gerechten Strafen mehr. Gibt es keine gerechten Strafen mehr, so weiß das Volk nicht, was es tun und was es lassen soll. Darum muss der Edle die Begriffe und Namen korrekt benutzen und auch richtig danach handeln können. Er geht mit seinen Worten niemals leichtfertig um.«

Der Talmud sieht eine ähnlich zwingende Logik: »Achte auf deine Gefühle, denn sie werden Gedanken. Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf deine Worte, denn sie werden ­Taten. Achte auf deine Taten, denn sie werden Gewohnheiten. Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter. Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.«

Und laut Matthäus-Evangelium sagt Jesus in der Bergpredigt: »Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.« Vorher heißt es, man solle nicht schwören. Eine klare Frage verlangt eine klare ­Antwort, ein »Ja« oder »Nein«; eine wortreiche Begründung macht eine Aussage meistens nicht einleuchtender; Beschwörungen verstärken die Wahrheit nicht und ­entlarven eher eine Lüge.

Ihr Christoph Kuhn

Gestürzt, aufgehoben, rund geschliffen

21. Januar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Foto: GemeindeblattWas aus mir geworden ist, ist schön –
Psalm eines Kieselsteins

Denke ich an frühere Zeiten, an meine Heimat, mein Zuhause, überfällt mich tiefe Traurigkeit, plagt mich stechender Schmerz.

Als Teil eines Felsens war ich verbunden mit dem Ufer, hatte einen herrlichen Blick aufs weite Meer. Dicht neben mir, in den Ritzen, blühte der Strandflieder.

Ich bemerkte nicht den feinen Riss, der sich neben mir gebildet hatte und sich ständig weitete. Ein Stück Holz war in den Riss gefallen. Holz, so etwas weiches, so etwas zerbrechliches.

Doch als Regen fiel, das Holz zu quellen begann, sprengte es ein Stück Felsen ab. Eine solche Kraft steckt in weichem Holz!

Ich stürzte in die Tiefe. Doch die Flut hob mich auf, zog und schob mich unaufhörlich vor und zurück. Meine Spitzen wurden stumpf, die Unebenheiten abgestoßen. Die Kanten verloren an Schärfe, die Vertiefungen verflachten. »Wir werden alle zu Sand zerreiben«, klagte ein Stein neben mir. Er war glatt wie ein Aal und flach wie eine Scholle.

Wir knirschten jedes Mal laut auf, wenn die Wellen uns durcheinanderschoben. Mal lag ich unten, mal oben, mal auf dem Trockenen, dann wieder im Wasser. Kinder kamen ans Ufer. Sie suchten flache Steine, ließen sie über das Wasser springen. Wie kann ein Stein übers Wasser laufen?

»Lass mich übers Wasser tanzen«, wollte ich rufen, brachte aber keinen Laut heraus.

Die Kinder blieben stehen. »Ein Ei, ein Ei aus Stein«, rief eines und hob mich auf. Die warme, weiche Hand, die kleinen Finger, die mich zärtlich streichelten: unbeschreiblich schön.

Es wurde dunkel. Ich lag mitten zwischen Muscheln, kleinen Holzstücken, rund geschliffenen Glasscherben und den Scheren eines Krebses. Alles wurde in eine Schachtel gepresst mit einem Deckel verschlossen.

Raum ohne Licht und Luft.

Sonne, einmal wieder Sonne, wieder die Wellen, das Knirschen am Strand.

Waren es Stunden, Tage, Wochen?

Ich erkannte sie sofort wieder, die kleine Hand, die mich vorsichtig aus der Schachtel hob und auf eine Steinplatte legte.

Aber es gab kein Rauschen des Meeres, kein Knirschen der Kiesel, keinen Wind, keine Wellen, keinen Sand. Doch gab es jetzt Aussicht über ein weites Tal zu hohen Bergen, die immer wieder durch die Wolken guckten und manchmal weiße Mützen trugen.

Ich habe mich verändert. Ich bin verändert worden. Das war ein langer Weg. Aber ist das, was aus mir geworden ist, nicht schön? Ob meine runde Gestalt schöner ist als meine frühere, mit Spitzen und Kanten? Wer kann das sagen?

Immer wieder werde ich zur Hand genommen und bewundert: Ein Ei aus Granit.

Wer hat dich so gleichmäßig geformt?

Helmut Herberg

Kampf um Straßen und Köpfe

21. Januar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Seit Jahren mehren sich rechtsextreme Aufmärsche. Eine Tagung beschäftigte sich mit Gegenstrategien. Und in Dresden kommt es demnächst wieder zur Nagelprobe.

Seit 1999 nutzen Rechtsradikale das Gedenken an die Bombardierung Dresdens in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 zum Aufmarsch – ein Foto vom vergangenen Jahr. (Foto: ullstein bild/Karwasz)

Seit 1999 nutzen Rechtsradikale das Gedenken an die Bombardierung Dresdens in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 zum Aufmarsch – ein Foto vom vergangenen Jahr. (Foto: ullstein bild/Karwasz)

Eine bessere Vernetzung der ­Versammlungsbehörden angesichts häufiger rechtsextremer Aufmärsche fordert Professor Uwe Berlit, Richter am Bundesverwaltungsgericht Leipzig. Auf einer Veranstaltung der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen zum Thema »Rechtsextreme Demonstrationspolitik und Versammlungsrecht« in Weimar sagte er kürzlich: »Ein Know-how-Transfer wäre dringend nötig. Die Neonazis haben diesen Austausch bereits.«

Zugleich warnte er vor der Illusion, mit juristischen Mitteln dem Problem des Rechtsextremismus beizukommen: »Auch ›Rechte‹ haben Rechte. Was wollen wir noch alles verbieten?« Fünf bis acht Prozent der Bevölkerung seien rechtsextrem eingestellt, entsprechende Demonstrationen deshalb Normalität. »Das kann man bestenfalls begrenzt rechtlich regulieren«, stellte Berlit klar und betonte, der Rechtsextremismus sei weder ein Rand- noch ein ostdeutsches Phänomen. Zudem: »Eine notwendige Politik kann nicht durch rechtliche Verbote ersetzt werden«.

Außerdem machte er ein Dilemma deutlich: »Die Polizei, egal wie sie ­darüber denkt, ist verpflichtet, die Durchführung genehmigter Demonstrationen Rechtsextremer zu gewährleisten.« Sie dürfe allerdings zum Beispiel die Einhaltung erteilter Auflagen penibel kontrollieren. Ein Verbot ­derartiger Aufmärsche habe nur dann juristische Aussicht auf Erfolg, wenn die Versammlungsbehörde eine Gefahrenprognose abgebe, die mit konkreten Tatsachen belegt sei.

Dr. Fabian Virchow von der Uni Köln machte bei der gleichen Veranstaltung deutlich, dass sich die Zahl der Neonazi-Aufmärsche im Vergleich zu den 1980er Jahren verfünffacht habe und heute bei durchschnittlich 100 pro Jahr angekommen sei. Das liege auch mit an der gestiegenen Rechtssicherheit: »Angemeldete Demonstrationen finden zu 90 Prozent auch statt.« Die seien zudem inzwischen meist eingebunden in lokale Kampagnen und zumindest bei der NPD auch Teil einer langfristigen ­Strategie: »Die handeln nach dem Motto von SA und NSDAP: ›Macht auf der Straße bedeutet Macht im Staate‹.«

Dabei wolle man nach Ansicht ­Virchows nicht nur Präsenz zeigen, Grenzen überschreiten und Gegner einschüchtern, sondern auch in die rechtsextreme Szene hinein wirken: »Diese Aufmärsche eignen sich ideal, um Netzwerke aufzubauen, noch unsichere rechtsorientierte Jugendliche fester einzubinden sowie Disziplin und ›soldatische Haltung‹ zu schulen.« Demoralisieren ließe sich die rechtsextreme Szene nach Beobachtungen Virchows nur dann, wenn mehrere Aufmärsche in Folge im Desaster enden würden – sei es durch Verbot, polizeiliches Einschreiten oder durch Gegendemonstrationen.

Dass dieses Demoralisieren bisher nur in Einzelfällen glückt, zeigt das Beispiel Dresden: Hier organisiert der Landesverband der »Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland« seit 1999 jedes Jahr mit Unterstützung der NPD einen »Trauermarsch« anlässlich der Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg, die sich in diesem Jahr zum 65. Mal jährt. Der Marsch ist inzwischen das zentrale Ereignis der rechtsextremen Szene und zieht Neonazis aus ganz Europa an; 2009 waren es ca. 7000 Personen. Für dieses Jahr rechnet der sächsische Verfassungsschutz erneut mit mehreren Tausend, teils gewaltbereiten Rechtsextremisten, zumal der 13. Februar auf ein Wochenende fällt.

Doch nachdem sich in den vergangenen Jahren die Gegendemonstranten in ihrem ganzem Spektrum vom linken Antifa-Aktivisten bis zum konservativen CDU-Mitglied in der Öffentlichkeit als heillos zerstritten zeigten und auch Stadtverwaltung und Polizei teils ungeschickt agierten, scheint es dieses Jahr so, als ob man endlich zueinander finden könnte: Unter dem Slogan »Erinnern und Handeln. Für mein Dresden« rufen alle demokratischen Parteien, die Kirchen, die Jüdische Gemeinde und zahlreiche weitere Institutionen aus Wirtschaft und Gesellschaft zu einer Menschenkette auf, die die Dresdner Innenstadt »symbolisch wie einen Wall vor dem Eindringen Rechtsextremer schützen« soll.

Der »Aufruf zum Friedensgebet in Sicht- und Hörweite des Neonaziaufmarsches« trägt die Unterschrift von Sachsens evangelischen Landesbischof Jochen Bohl wie seines katholischen Amtskollegen Joachim Reinelt vom Bistum Dresden-Meißen, sowie des Landesrabbiners Salomon Almekias-Siegl. Am Vorabend des 13. Februar findet darüber hinaus in Dresden die Gründungsveranstaltung der »Bundesarbeitsgemeinschaft Kirchen für Demokratie – gegen Rechtsextremismus« statt.

Rainer Borsdorf

Die Beziehung zu Gott pflegen

15. Januar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Spiritualität im Alltag (3): Beten – Für das Gespräch mit Gott gibt es viele Formen

Eine dreiteilige Beitragsserie beschäftigt sich damit, wie wir Christen unseren Glauben im Alltag prakti­zieren können. Abschließend geht es ums Beten.

betende_haendeMuss ich beten, wenn ich Christ sein will?«, fragte ich als Zehnjährige die Katechetin. Ich wollte von Gott geliebt werden, aber ich hatte keine Lust, religiöse Pflichtübungen zu erfüllen. »Du musst überhaupt nichts«, antwortete die Katechetin gut evangelisch-lutherisch. Doch ihre Antwort befriedigte mich nicht. Ich spürte: Es geht nicht um eine Pflichtübung. An Gott glauben heißt, eine Beziehung zu ihm zu haben, mit ihm zu leben, ihm zu vertrauen – trotz ­allen Misstrauens. Eine solche Beziehung braucht Pflege. Sie sucht das Gespräch. Das begriff ich je länger je mehr.

»Gott will uns … locken«, schreibt Martin Luther im Kleinen Katechismus, »damit wir getrost und mit aller Zuversicht ihn bitten sollen wie die lieben Kinder ihren lieben Vater.« (Erklärung zum Vaterunser) Gott selbst sucht das Gespräch mit uns. Therese von Lisieux (1873–1897) vergleicht das Gebet mit einer Königin, »die immer freien Zutritt zum König hat und alles erlangt, worum sie bittet. Es ist durchaus nicht nötig, ein schönes, für den entsprechenden Fall formuliertes Gebet aus einem Buch zu lesen … Ich sage Gott ganz einfach, was ich ihm sagen will, ohne schöne Worte zu machen, und er versteht mich. Für mich ist das Gebet ein einfacher Blick zum Himmel, ein Ruf der Dankbarkeit und der Liebe, aus der Mitte der Mühsal wie aus der Mitte der Freude. Es ist ­etwas Großes, dass mir die Seele weitet und mich mit Jesus vereint.«

Doch was ist, wenn Gott unsere Bitten nicht erhört? Die Kommunikation zwischen ihm und uns gestaltet sich oft schwierig. Auf viele unserer Gebete reagiert er anders als erhofft.

Das ist gut so! Denn es gehört zu ­einer lebendigen Beziehung, dass der Partner eigene Vorstellungen hat. Da hilft nur eines: sich üben im Hören aufeinander. Das Hörproblem liegt nicht bei Gott, sondern bei uns. Deshalb beginnt das Beten damit, innezuhalten und aufmerksam zu werden für Gottes Gegenwart. Gott, ich danke dir, dass du da bist. Oder auch: Gott, wo bist du? Ohne Worte kann das geschehen. Es ist eine Lebenshaltung. Je mehr wir uns üben, achtsam zu werden für Gottes Nähe, desto leichter werden wir mit ihm ins Gespräch kommen.

Wer regelmäßig bestimmte Zeiten dem Gebet widmet, kann auch leichter spontan beten. Rituale geben unserem Beten Halt und Struktur. Was wir häufig wiederholen, prägt sich tief ein und wird zu einer kleinen persönlichen Liturgie. Die hilft, wenn das ­Beten schwerfällt.

Für das Gespräch mit Gott gibt es viele Formen. Die eine ist nicht besser als die andere. Jede hilft auf ihre Weise, die Beziehung zu Gott zu gestalten. Ein Lied beispielsweise kann meine Liebe zu Gott oft besser ausdrücken als ein frei formuliertes ­Gebet. Die alltäglichen Freuden und Lasten dagegen bringe ich so zu Gott, wie es mir gerade in den Sinn kommt. Für andere Menschen erbitte ich seine Hilfe, indem ich ihm ihre Namen nenne oder eine Kerze für sie anzünde. Er weiß am besten, was gut für sie ist. Das hindert mich allerdings nicht, ihn auch um konkrete Dinge zu bitten.

Psalmen wiederum schenken mir Worte des Staunens über Gottes Größe und führen zur Anbetung. Ohne sie würde mein Gebet vertrocknen. Wenn mir jedoch eine Not die Sprache verschlägt, wenn ich vor Kummer nicht weiß, was ich sagen soll, dann finde ich in den Psalmen Worte der Klage. Diese alten Gebete sind so gefüllt mit menschlichen Erfahrungen, dass ich mich selbst und andere darin bergen kann. Sie nehmen sogar die Anliegen der vielen Menschen auf, die nicht beten können. Das Beten mit Psalmworten wird zu einem Dienst für die Welt.

Oft weiß ich nicht, was ich beten soll. Dann helfen geformte Gebete, allen voran das Vaterunser. Es verbindet mich mit Jesus und zugleich mit der ganzen Christengemeinde. Inniges Vertrauen zu Gott dem Vater und die Weite seines Reiches, meine Sorgen um das Alltägliche und die Befreiung von der Macht des Bösen – das ganze Leben in Zeit und Ewigkeit kommt in diesen kurzen Worten vor. Alles ist gesagt, Gott sei Dank!

Es braucht nicht viele Worte. Es braucht vor allem liebende Aufmerksamkeit: Gott, wie willst du mir heute begegnen? Was willst du mir ­sagen?

Solches Beten führt ins Schweigen. Einfach bei Gott sein und wissen: Es ist gut, mit ihm zusammen zu sein. Ich öffne mich für ihn, so weit ich kann – im Rhythmus des Atmens: du in mir, ich in dir. So nehme ich seine Güte in mich auf, so strömt sie durch mich zu den anderen Menschen. So weitet sich der Raum seiner Gegenwart. So wächst die Kraft seines Segens in unserer Welt.


Brigitte Seifert

Die Autorin ist promovierte Theologin und Pfarrerin am Haus der Stille im Evangelischen Zentrum Kloster Drübeck.


Martin Luther in Down Under

15. Januar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Umgeben von Hochhäusern fällt sie dennoch auf: Sydneys deutsche lutherische Martin-Luther-Kirche an der Goulburn Street, wurde 1883 eingeweiht.

Kirchenvorsteherin Lotti Mardehl lädt zum »Tag der offenen Tür«. (Foto: Ilsemarie Straub-Klein)

Kirchenvorsteherin Lotti Mardehl lädt zum »Tag der offenen Tür«. (Foto: Ilsemarie Straub-Klein)

Freitags ist »Tag der offenen Tür«. Hier treffen wir die Kirchenvorsteherin Lotti Mardehl, die seit fast 30 Jahren in der dreieinhalb Millionenstadt lebt. Dreihundert Deutschsprachige seien als Gemeindeglieder eingetragen, berichtet die Lehrerin. Hinzu kommen aber noch solche, die kurzzeitig hier leben: Studenten, Praktikanten, Vertreter deutscher Firmen und Diplomaten.

Die Kerngemeinde besteht jedoch aus deutschen Heimatvertriebenen, die sich nach dem Krieg ganz neu ­orientierten und nach Australien ­auswanderten. Die deutschsprachigen Gemeinden in Sydney und Melbourne waren für sie die ersten Anlaufstellen bei Hilfe und Integration. Inzwischen sind diese Stützen der Gemeinde alt geworden. Lotti Mardehl nennt ein Beispiel: Die Säuberung der Kirche wurde früher abwechselnd ­unentgeltlich durchgeführt – jetzt erledigt das eine bezahlte Reinigungskraft. Und da die Kinder der meisten Gemeindemitglieder mit Australiern verheiratet sind und nicht am Ort ­leben, hat die Kirchengemeinde inzwischen ein eigenes Seniorenpflegeheim gebaut.

Sonntags ist Gottesdienst. Allerdings erst um elf Uhr. Die Besucher kommen aus einem Umkreis von bis zu 40 Kilometern. Sie nehmen nicht nur die hohen Fahrtkosten auf sich. Es sind auch Brückenzoll oder Tunnelgebühren zu entrichten. Und selbst am Sonntag kann man im Umfeld der Kirche nicht gratis parken. »Manche springen vom Kirchenkaffee auf, um wieder die Parkuhr zu füttern«, erklärt Mardehl. Der beengte Platz vor der Kirche ist auch einer der Gründe, weshalb nur wenige Trauungen hier stattfinden. Die Brautleute möchten ein anderes Umfeld für den schönsten Tag ihres Lebens: eines, bei dem die Gäste nach der Trauzeremonie auf einer Wiese zusammensitzen können.

Der Gemeindepfarrer ist zugleich Religionslehrer an der Deutschen Schule. Dadurch hat er Kontakt zu Jugendlichen, die dann auch in der Martin-Luther-Kirche konfirmiert werden möchten. Und nur zwei Häuser weiter gibt es ein Begegnungszentrum: die Martin-Luther-Stube. Hier kommen Jugendliche und junge Erwachsene regelmäßig zusammen.

Die deutsche Kirchengemeinde in Sydney hat eine lange Tradition. 1850 wurde zum ersten Mal ein evangelischer Gottesdienst in der Stadt gehalten. Der Pastor unterrichtete auch Mathematik und Sprachen und trug den Nachnamen Goethe. Formell gegründet wurde die Gemeinde aber erst 16 Jahre später, und weitere 17 Jahre musste die Gemeinde auf ein ­eigenes Gotteshaus warten.
In der Zeit des Ersten Weltkriegs konnte die Gemeinde trotz mancher Widerstände an ihren deutschsprachigen Gottesdiensten festhalten. Der Zweite Weltkrieg jedoch brachte einschneidende Veränderungen, weil die Pflege deutscher Sprache und ­Kultur in Australien verboten wurde.

Orte mit deutschen Namen wurden zwangsweise umbenannt, Deutsche und Deutschstämmige interniert. Die Kirche wurde als Lagerhalle und Quartier der australischen Armee genutzt. Eineinhalb Jahre nach Kriegsende bekam die Gemeinde dann die Kirche zurück. Der 1939 eingeführte Pastor konnte sein Amt unter eingeschränkten Bedingungen wieder aufnehmen.

Die von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) entsandten Pfarrer bleiben in der Regel zwischen sechs und zehn Jahren in Sydney. Pastor Dirk Wnendt ist allerdings gerade nach einem Jahr aus persönlichen Gründen wieder nach Bayern zurückgegangen. Nun muss die Gemeinde erst Mal mit einem Ruheständler, der zuvor in Davos tätig gewesen ist, vorlieb nehmen. Danach, so hoffen Kirchenvorsteher und Gemeindeglieder, wird dann wieder mehr Beständigkeit in die Gemeinde einkehren. Das Gehalt des Pfarrers muss übrigens von der Gemeinde selbst aufgebracht ­werden. Jedes Gemeindeglied zahlt so viel es kann. Doch: »In Zeiten der allgemeinen Rezession wird das auch immer weniger«, seufzt Mardehl.

Ilsemarie Straub-Klein

Deutsche Lutherische Kirche, 90 Goulburn Street, Sydney,
Telefon (02)97385733, E-Mail: pastor@kirche-sydney.org.au

Vom Kohlenpott zum Kulturrevier

15. Januar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Unter dem Motto »Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel« präsentiert sich das Ruhrgebiet mit seinen 53 Kommunen als ehemaliges Kohle- und Stahlrevier auf dem Weg zur europäischen Kulturmetropole.

Das Kulturhauptstadtjahr RUHR.2010 wurde am Sonnabend, den 9. Januar mit einer Freiluftveranstaltung auf dem Weltkulturerbe Zeche Zollverein in Essen ­offiziell eröffnet. © epd-bild / Stefan Arend

Das Kulturhauptstadtjahr RUHR.2010 wurde am Sonnabend, den 9. Januar mit einer Freiluftveranstaltung auf dem Weltkulturerbe Zeche Zollverein in Essen ­offiziell eröffnet. © epd-bild / Stefan Arend

Trotz Schnee und klirrender Kälte haben rund 100.000 Menschen am Wochenende die Eröffnung des europäischen Kulturhauptstadtjahres RUHR.2010 auf der Zeche Zollverein in Essen gefeiert. Mit dem Ruhrgebiet ist erstmals eine ganze Region Kulturhauptstadt Euro­pas. Bei anhaltendem Schneetreiben präsentierte der Sänger Herbert Grönemeyer seine neue Ruhrgebietshymne »Komm zur Ruhr«, Absolventen der Folkwang Universität zeigten die künstlerische Show »Wir sind das Feuer«. In vielen Hallen sowie auf dem Außengelände der ehemals ­größten Zeche der Welt gab ein musikalisch-künstlerisches Programm ­einen Ausblick auf die Veranstaltungen des Kulturhauptstadtjahres im Ruhrgebiet.

Der Werdegang der Stadt Essen
Unter dem Motto »Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel« will sich das Ruhrgebiet in diesem Jahr als ehemalige Kohle- und Stahlregion auf dem Weg zur europäischen Kulturmetropole präsentieren. Das offizielle Programm umfasst 300 Projekte mit insgesamt 2500 Einzelveranstaltungen. Mit 53 Kommunen und 5,3 Millionen Menschen aus 170 Nationen ist das Revier der drittgrößte Ballungsraum Europas. 19 Universitäten, 100 Konzerthäuser, 120 Theater und mehr als 200 Museen und Festivals zeigen das umfangreiche kulturelle Angebot der Region. Als einzigartig gelten die Industriedenkmäler im Ruhrgebiet.

Der Werdegang der Stadt Essen, Bannerträgerin für die Kulturhauptstadt Ruhrgebiet, steht exemplarisch für die Entwicklung der ganzen Region. Im Jahre 852 gründete Bischof Altfried von Hildesheim das Frauenstift Essen, doch erst mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert kam der Boom. Zechen und Stahlwerke breiteten sich aus und brauchten Arbeitskräfte. Die Bevölkerungszahl stieg vor allem durch Einwanderer aus Osteuropa. Hatte Essen 1820 gerade mal 5000 Einwohner, waren es 100 Jahre später knapp eine halbe Million.

Nach dem Zweiten Weltkrieg strömten erst Kriegsflüchtlinge, später Gastarbeiter aus Italien, Spanien, Jugoslawien und dann auch aus der Türkei an die Ruhr. Im Jahr 1970 näherte sich Essen der 700000-Einwohner-Marke. Kulturell gesehen herrschte im Revier der Fördertürme, Schlote und Hochöfen allerdings lange Zeit Ödnis. Erst 1892 wurde auf Privatinitiative von Bürgern mit dem Grillo-Theater in Essen das erste Stadttheater gegründet. 1902 eröffnete Karl Ernst Osthaus das erste Kunstmuseum der Region, das Folkwangmuseum in Hagen.

Die Industriekultur wird salonfähig
Die Krise der Montanindustrie traf das Ruhrgebiet hart. Von den ehemals 141 Zechen arbeiten heute nur noch sechs. Zwar setzten die Kommunen, vor allem Essen, auf einen Ausbau des Dienstleistungssektors – große Unternehmen wie ThyssenKrupp, RWE oder E.ON Ruhrgas haben hier ihren Konzernsitz – doch noch heute ist die Arbeitslosigkeit an Emscher und Ruhr deutlich höher als in anderen Landesteilen.

Die riesigen Brachflächen der ehemaligen Zechen und Hütten, die nach wie vor im Besitz der Montan­industrie waren und als Schandflecke galten, blockierten lange Zeit neue Entwicklungen. Etliches fiel den Abrissbaggern zum Opfer, bis in den ­vergangenen 20 Jahren ein Sinneswandel einsetzte und die Industriekultur salonfähig wurde. Vielfach ­waren es Bürgerinitiativen, die sich dafür einsetzten.

Heute finden in den »Kathedralen der Industriekultur« Theateraufführungen, Konzerte, Ausstellungen oder Kongresse statt. Der Gasometer Oberhausen ist Europas höchste Ausstellungshalle. Die Zeche Zollverein in Essen, seit 2001 UNESCO-Weltkulturerbe, beherbergt unter anderem das Design Zentrum NRW und ab Januar auch das Ruhr Museum.

Daneben existiert auch die übliche traditionelle und alternative Kulturszene: Zwischen Duisburg und Dortmund gibt es fünf Musiktheater, sieben Schauspielhäuser und sechs Symphonieorchester, knapp 250 Sammlungen und Museen, mehr als 175 ­zumeist private Galerien sowie rund 150 Spielstätten für freie Gruppen.

Allein Essen wartet mit überregional bekannten Kulturstätten wie dem Museum Folkwang, der Aalto-Oper, der ehemaligen Krupp-Residenz Villa Hügel oder dem größten Premieren-Kino Deutschlands, der »Lichtburg«, auf. Festivals wie die RuhrTriennale, die Ruhrfestspiele Recklinghausen, die Kurzfilmtage Oberhausen oder das Klavierfestival Ruhr genießen weit über die Region hinaus Reputation.

Anhaltender Strukturwandel im Ruhrgebiet
Die sogenannte »Kreativwirtschaft«, zu der neben den Kunstsparten Musik, Theater und Museen auch Medienunternehmen, die Werbebranche und Computerfirmen gehören, ist mit rund 50000 Mitarbeitern Teil des anhaltenden Strukturwandels im Ruhrgebiet. Bereits in den 1980er Jahren hat der Dienstleistungssektor das ­produzierende Gewerbe überholt. Heute stehen 700.000 Beschäftigten in der Industrie 1,4 Millionen Arbeitnehmer in Dienstleistungsberufen ­gegenüber. Beschäftigungsstärkste Branche ist das Gesundheitswesen mit rund 280.000 Arbeitsplätzen. Neue Jobs entstanden auch in High-Tech-Unternehmen und der Logistikbranche.

Trotz dieser positiven Entwicklungen und vieler finanzieller Fördermaßnahmen konnten die Ruhrgebietskommunen den Verlust von fast einer halben Million Arbeitsplätzen, die bei Kohle und Stahl in den vergangenen 30 Jahren verloren gingen, nicht in Gänze auffangen. Noch ­immer liegt die Arbeitslosigkeit im ­Revier mit 10,9 Prozent höher als im Landesdurchschnitt. Es bleibt viel zu tun, wenn das Ruhrgebiet als Modell für neue Entwürfe von Stadtkultur und Vorbild für die Entwicklung anderer altindustrieller Ballungsräume gelten will, wie es in der Bewerbung als Kulturhauptstadt hieß.

Esther Soth (epd)

Mit Kreuz und Davidstern

15. Januar 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Messianische Juden glauben an Jesus als den Messias ­Israels. Seit 1995 haben sie sich als feste Bewegung im gesamtdeutschen Raum etabliert.

3-Davidstern-KreuzDie ersten Christen in der Jerusalemer Urgemeinde glaubten, dass Jesus der verheißene Messias Israels war. Sie taten dies als innerjüdische Gruppe und lebten ­weiter im jüdisch-religiösen Kontext. Mit der Aufnahme der Heidenchristen entstand eine gemischte Gemeinde. Verschiedene Faktoren führten zu Trennungsprozessen zwischen den Judenchristen und der jüdischen Gemeinschaft.

Da sich die heidenchristliche Kirche vom frühen zweiten Jahrhundert an selbst als das wahre Israel betrachtete, verwehrte sie es den judenchristlichen Mitgliedern, weiter an ihrem jüdischen Erbe festzuhalten. Zwangstaufen von Juden, ein literarisch weit verbreiteter Antijudaismus sowie judenfeindliche Gesetzgebungen führten dazu, dass die Judenchristenals eigenständige Gruppierung »verschwanden«. Dennoch konnten sie bis ins 5. Jahrhundert und darüber ­hinaus religiöse »Spuren«, etwa Bräuche oder Symbole, hinterlassen.

Aus »Hebräischen Christen« werden messianische Juden
In den späteren Jahrhunderten zwang die heidenchristliche Kirche Juden zur Taufe, Juden litten unter Verfolgungen und Pogromen und somit gab es lange keine judenchristliche Bewegung mehr. Puritaner und Pietisten im 17. und 18. Jahrhundert suchten das Gespräch mit Juden. Die Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts belebten wiederum die pietistische Frömmigkeit und förderten das Entstehen judenmissionarischer Werke, wodurch erstmals wieder Juden freiwillig den Glauben an Jesus als den Messias Israels annahmen, aber in ihren jeweiligen Gemeinden blieben. Im 19. und 20. Jahrhundert schlossen sich die an Jesus Christus glaubenden Juden, die sich nun »Hebräische Christen« nannten, zu Allianzen zusammen.

Innerhalb der hebräisch-christlichen Bewegung trafen sich von 1970 an einzelne Gruppen, die viele jüdische Elemente in ihre Gottesdienstformen integrierten. Angeregt durch die evangelikal-charismatischen Aufbruchsbewegungen in den USA und mit einem neuen jüdischen Identitätsbewusstsein entstand 1975 auf einer hebräisch-christlichen Konferenz in Amerika die Bewegung messianischer Juden. Mittlerweile hat sich messianisches Judentum weltweit verbreitet, wobei die Schätzungen auseinandergehen. Zwischen 50000 und 332000 messianische Juden in 165 bis 400 Gemeinden soll es geben.

In Deutschland führte der Holocaust nicht nur zu einem Abbruch ­jüdischen Lebens. Die nationalsozialistische Verfolgung und Ermordung von Millionen Juden schloss die an ­Jesus glaubenden Juden mit ein. Ohne die Einwanderung russischer Juden aus der ehemaligen Sowjetunion seit 1990 wäre es weder zu einer Wiederbelebung jüdischer Gemeinden in Deutschland noch zu der Entwicklung einer aktiven messianisch-jüdischen Bewegung gekommen.

Christliche Mission unter Juden: Ja oder Nein?
Nach dem Zweiten Weltkrieg bekannten das Zweite Vatikanische Konzil, die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und weitere Kirchen ihre Mitschuld am Holocaust, erteilten dem Antisemitismus eine Absage und betonten mit Blick auf den Römerbrief (Kapitel 9-11) die bleibende Erwählung Israels. Aus historischen und theologischen Gründen lehnen daher die meisten Kirchen die Mission an Juden ab.

Zur Etablierung messianischer Gemeinden in Deutschland kam es dennoch durch das Engagement Einzelner, die bereits Anfang der 1990er Jahre durch den Kontakt mit Evangelikalen in der Sowjetunion konvertiert waren. Evangelikale Gläubige betonen, dass Gottes Bund mit Israel bestehen bleibe, damit »ganz Israel« bei der Wiederkunft (Parusie) Jesu errettet werde, indem es an den Messias Jesus glaube. Dies ist ein Grund für die distanzierte Haltung evangelikaler Gläubiger gegenüber der Absage an die Judenmission.

Die ersten Pioniere pflegten zahlreiche Kontakte insbesondere zu den evange­likalen Werken, sodass durch gemeinsame missionarische Aktivitäten die ersten Gemeinden entstanden. In den Jahren 2004 und 2005 gab es in den Gemeinden und Gruppen etwa 1000 regelmäßige Besucher, von denen etwa 600 tatsächlich messianische Juden sind. Der Anteil der nichtjüdischen Besucher betrug zwischen 25 bis 45 Prozent. Von ihnen waren knapp ein Drittel in Deutschland geborene Nichtjuden, mehr als ein Drittel eingewander­te russische Nichtjuden und etwas ­weniger als ein Drittel Eingewanderte »deutsch-russischer Herkunft«, also Spätaussiedler. Seit 2001 stoßen mehr Nichtjuden als Juden zu den messianisch-jüdischen Gemeinden.

Meist russische Sprache und jüdische Symbole
85 Prozent der befragten messianischen Juden meiner empirischen Studie geben an, dass ihnen die jüdische Herkunft nach der Konversion »wichtiger« geworden sei, was an den ­Gottesdienstformen deutlich wird. Bei einer messianisch-jüdischen Gottesdienstfeier, die meist an einem Schabbat und in russischer Sprache stattfindet, fallen die vielen jüdischen Symbole auf wie Menora (siebenarmiger Leuchter), Kippa (Kopfbedeckung) oder Tallit (Gebetsschal). Die Liturgie ist stark jüdisch geprägt. Viele jüdische Rituale eines jüdischen Gottesdienstes fehlen aber auch, wie das Achtzehnbittengebet oder das Kaddisch. Andere werden »messianisch-jüdisch« interpretiert: Im Anzünden der Schabbatkerzen wird ein Hinweis auf Jeschua als das Licht der Welt und den Herrn des Schabbats gesehen; das Rezitieren des »Schema’ Jisrael« bezieht auch den Glauben an Jesus als den Messias und Sohn Gottes ein. Beliebt ist das Symbol des Davidssterns mit einer Menora und dem urchrist­lichen Fischzeichen.

Die 1998 formulierten 13 messianisch-jüdischen Glaubensartikel bilden eine gemeinsame theologische Grundlage der meisten Gemeinden: Messianische Juden betrachten die Hebräische Bibel und das Neue Testament als untrennbare Einheit, als von Gott wörtlich inspiriert und daher als höchste Autorität für Leben und Handeln. Sie bekennen den trinitarischen Glauben, dass Jeschua der verheißene Messias Israels und wahrer Gott ist, und dessen Heilsfunktion.

Betonung der bleibenden jüdischen Identität
Bis hier erinnern die Bekenntnisse an evangelikal-christliche Glaubensinhalte, dann folgen jedoch die typischen messianisch-jüdischen Artikel: Messianische Juden betonen neben ihrer Zugehörigkeit zu der Gemeinde aus den Nationen auch ihre bleibende jüdische Identität, nach der sie weiterhin zum auserwählten Volk Gottes gehören. Sie legen Wert auf ihr »biblisch-jüdisches« Erbe, unterstützen den Zionismus und bekennen ihre evangelistische »Verpflichtung«, »die Wahrheit von Jeschua ­allen Menschen zu bringen, den ­Juden zuerst«.

Es kann nicht übersehen werden, dass sich eine eigenständige religiöse Bewegung zwischen Juden- und Christentum entwickelt hat, die auch internationale Kontakte aufweist. Sie stellen mittlerweile zweifellos eine religiöse Bewegung mit typisch messianisch-jüdischem Repertoire dar, das zwar Schnittmengen mit den evangelikalen Christen und den Juden ­aufweist, sich aber auch ohne deren ­Anerkennung weiterentwickeln wird.

Stefanie Pfister

Die Autorin, Dr. Stefanie Pfister, lehrt Evangelische Religionslehre, Deutsch und Sport an einer Realschule in Münster. Sie engagiert sich im »Arbeitskreis Woche der Brüderlichkeit« in Sendenhorst. Sie veröffentlichte die Studie: Messianische Juden in Deutschland. Eine historische und religionssoziologische Untersuchung, Dortmunder Beiträge zu Theologie und Religionspädagogik Band 3, LIT-Verlag, Münster 2008, 200 Seiten, ISBN 978-3-8258-1290-4, 39,90 Euro
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Die Geister, die ich rief …

7. Januar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Glagge-UgandaUganda: US-Evangelikale verurteilen den Plan für ein Anti-Homo-Gesetz – und sind doch die geistigen Urheber

Nach der internationalen Empörung über das geplante Anti-Homosexuellen-Gesetz in Uganda haben auch ­konservative evangelikale Christen in den USA das ­Vorhaben verurteilt.

Dabei haben sie selbst mit ihrer homofeindlichen Einstellung den Boden für das Gesetz bereitet. Der Entwurf entstand, nachdem in der Hauptstadt Kampala im März 2009 ein Seminar von evangelikalen Christen aus den USA stattgefunden hatte, in dem die Heilung von Homosexualität gepredigt wurde. Mit dabei: der ugandische Parlamentarier David Bahati, der die Vorlage im Oktober im Parlament einbrachte.


Export des evangelikalen Kulturkriegs nach Afrika

Sollte das Gesetz, das auch die Todesstrafe vorsieht, inkraft treten, würde Uganda zu den gefährlichsten Länder für Homosexuelle gehören. Der aus Sambia stammende anglikanische Pastor Kapya Kaoma sagte dem epd, konservative Evangelikale hätten ihren »Kulturkrieg« gegen Homosexualität nach Afrika exportiert, vor allem nach Uganda, Kenia und Nigeria. Beim US-Politikforschungsinstitut »Political Research Associates« veröffentlichte Kaoma eine Studie über die engen Verbindungen US-amerikanischer Kirchen zu Anti-Homosexuellen-Kampagnen in Afrika.

Bei ihrer Verurteilung von Homosexualität hätten die US-Amerikaner die Macht ihrer Worte vielleicht unterschätzt, sagte Kaoma. In den USA ­würden homosexuell orientierte Menschen durch Gesetze geschützt, in Afrika vielerorts aber nicht. Die Warnungen aus den USA gälten »vielen Afrikanern als Evangelium, nicht als Meinung«.

Nach dem Gesetzesentwurf soll für HIV-positive Menschen, die gleichgeschlechtlichen Sex haben, die Todesstrafe eingeführt werden, ebenso wie für Schwule und Lesben, die wiederholt gegen das Verbot von Homo­sexualität verstoßen. Zudem würde die »Propagierung von Homosexualität« unter Strafe gestellt. Jeder, der ihm bekannte Lesben, Schwule oder Homo-Aktivisten nicht anzeigt, würde sich strafbar machen und könnte zu drei Jahren Haft verurteilt werden. Homosexuellen, die des gleichgeschlechtlichen Sex für schuldig befunden werden, droht mindestens eine lebenslange Haftstrafe.

Der Entwurf löste eine Welle internationaler Empörung aus. Auch US-Außenministerin Hillary Clinton kritisierte das Vorhaben scharf. Medienberichten zufolge könnte das Gesetz bald vom Parlament beschlossen werden. Ugandas Präsident Yoweri Museveni kündigte allerdings wiederholt sein Veto an. US-Außenministeriumssprecher Jon Tollefson sagte, Museveni habe US-Diplomaten versprochen, das Gesetz zu stoppen. Bereits jetzt können nach ugandischem Recht sexuelle Akte, die »gegen die Natur verstoßen« mit einer bis zu 14-jährigen Haft bestraft werden.

Distanzierung nach anfänglichem Zögern
Nach anfänglichem Zögern sprachen sich nun mehrere konservative US-Evangelikale gegen das Gesetz aus, darunter republikanische Politiker, die Mitglieder des evangelikalen Verbandes »The Fellowship« sind. Dieser Gruppe gehörte angeblich auch Ugandas Präsident Yoweri Museveni an. Der evangelikale Prediger Rick Warren, der dem Wochenmagazin »Time« zufolge »immensen Einfluss« auf Ugandas politische Elite genießt, kritisierte das Vorhaben ebenfalls nach heftiger Kritik von Menschenrechtlern. Der Pastor der kalifornischen Megakirche »Saddleback Church« ist nicht Fellowship-Mitglied.

Warren setzt sich in Afrika für Aids-Kranke ein. Er hat Homosexualität wiederholt als gegen die Natur bezeichnet. In einer Weihnachtsbotschaft an Pastoren in Uganda nannte Warren den Gesetzentwurf jedoch »ungerecht, extrem und unchristlich«. Gleichzeitig sagte Warren, Jesus habe bekräftigt, was Moses geschrieben habe, nämlich, dass die »Ehe etwas für einen Mann und eine Frau« sei.

Bei den Befürwortern des Gesetzes stieß Warrens Botschaft auf Ablehnung. Warren habe doch selbst betont, man müsse Sündhaftes bekämpfen, schrieben sie in einer Antwort. Sie beklagten, »das Übel der Homosexualität« werde in den USA zunehmend akzeptiert, wie die Wahl der lesbischen Mary Glasspool zur Bischöfin der anglikanischen US-Episkopalkirche zeige.

Nach Ansicht von Pastor Kaoma weiteten konservative US-Evangelikale in den vergangenen Jahren ihren Einfluss in Afrika stark aus – etwa durch Missionare, Bibelschulen, Rundfunksendungen, Entwicklungshilfeprogramme und die gezielte Förderung konservativer afrikanischer Geistlicher. (epd)

Konrad Ege

Verlage sind auf den Ökumenischen Kirchentag eingestellt

7. Januar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Womit sich die neuen Bücher über Religion im Frühjahr 2010 beschäftigen

Der Ökumenische Kirchentag im Mai in München dürfte den Diskussionen um das bald bessere, bald schlechtere Verhältnis zwischen den beiden großen Konfessionen neuen Schwung verleihen. Die Buchverlage haben sich auf das Großereignis jedenfalls eingestellt, wie ein Blick in die Ankündigungen für das Frühjahr 2010 verrät.

Foto: Sanja Gjenero, sxc.hu

Foto: Sanja Gjenero, sxc.hu

Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) gibt ein Gebetbuch für ökumenische Feiern heraus, unter dem Titel »Laudate omnes ­gentes« (Gütersloher Verlagshaus). Es enthält Gebete, Glaubensbekenntnisse, ökumenische Schlüsseltexte, Andachten, Segensworte, liturgische Gesänge – gleich in mehreren Sprachen. In ihrem Buch »Wie bei Nachbarn, die sich mögen« (Kösel) zeigen die evangelische Regionalbischöfin von München, Susanne Breit-Keßler, und Johannes Eckert, katholischer ­Benediktinerabt von St. Bonifaz und Andechs, wie gute ökumenische Nachbarschaft gelingen kann, ohne konfessionelle Profile einzuebnen. Mit einem Schmunzeln dürfen wir das »Wendebuch« von Uwe Birnstein und Georg Schwikart hin und her drehen – es hat zwei Vorderseiten. Auf der ­einen steht der Titel »Katholisch? Never!«, auf der anderen »Evangelisch? Never!« (Pattloch). Die Autoren blicken mit Ironie auf das geliebte Vorurteil und die eigene Selbsttäuschung jeder der beiden Konfessionen.

Unter den weiteren Themen in den Verlagsprogrammen fällt eines besonders auf: Tod und Sterben. In »Auf ­Leben und Tod« (Gütersloher Verlagshaus) etwa fragt Lutz van Dijk, wie Menschen in verschiedenen Epochen der Menschheitsgeschichte und verschiedenen Kulturkreisen starben, wie getrauert und begraben wurde. Ein Praxisbuch über »Rituale und Symbole in der Hospizarbeit« (Gütersloher Verlagshaus) liefern Ida Lamp und Karolin Küpper-Popp. Mit einer ganz neuen Bestattungsalternative ­beschäftigt sich Sylvia Frevert: mit dem »FriedWald«(Gütersloher Verlagshaus). Sie stellt Konzept und Entstehung dar. In ihren Gesprächen über den Tod verkündet Regine Schneider: »Ich möchte sterben, wie ich gelebt habe« (Patmos).

Zudem wird das Christentum auf ethische Grundlagen abgeklopft. Kapuzinerbruder Paulus Terwitte aus Dieburg etwa streitet in seinem Buch »Alltagsethik« (Gütersloher Verlagshaus) für eine Rückkehr zu ethischen Grundsätzen als Basis für ein verantwortliches und achtsames Miteinander. Ingrid Strobl möchte mit ihrem Buch »Respekt« (Pattloch) aufrütteln, nachdenklich machen und eine wichtige Debatte anstoßen: die über den achtsamen Umgang miteinander.

Der Wiener Theologe und Religionssoziologe Paul M. Zulehner macht in »Christenmut« (Gütersloher Verlagshaus) Fragen, die Menschen von heute wirklich bewegen, zum Dreh- und Angelpunkt: Woran leiden, worüber freuen sie sich? Was verstehen sie unter Glück? Mit seinen »geistlichen Übungen« will er Antworten ­darauf geben, die die christliche Religion bietet.

Um eine kurze, handliche Darstellung wiederum geht es Rüdiger Kaldewey und Franz Wendel Niehl in ihrem Leitfaden »Christentum kompakt« (Kösel). Darin zeigen sie auch, wie der christliche Glaube in einer pluralen Gesellschaft zur humanen Gestaltung des Lebens beitragen kann.

Eine aktuelle Diskussion – die ­darüber, wie es die Weltreligionen mit der Würde des Menschen halten – nimmt Katharina Ceming auf. In »Ernstfall Menschenrechte« (Kösel) befragt sie Judentum, Christentum, ­Islam, Hinduismus und Buddhismus danach.

Auffällig häufiges Thema in den Neuerscheinungen ist der Islam. Es beginnt beim Grundtext: Hartmut Bobzin legt eine Neuübersetzung des Koran vor. Es gibt historisch tiefgründige Untersuchungen. Etwa »Der Koran als Text der Spätantike« (Verlag der Weltreligionen) von Angelika Neuwirth. Lamya Kaddor wiederum will mit »Muslimisch – weiblich – deutsch!« (C. H. Beck) zeigen, dass es entgegen weit verbreiteter Klischeevorstellungen durchaus einen modernen Islam gibt. Ein ungewöhnliches Begegnungsbuch schließlich legen Luise Becker, Hans Grewel und Peter Schreiner vor mit »Quellen der Menschlichkeit« (Kösel).
Christliche und muslimische Autorinnen und Autoren deuten hier Bibel und Koran und stellen die darin enthaltene Humanität dar.

Tomas Gärtner

Täglich über ein Bibelwort nachdenken

Spiritualität im Alltag (2): Mit der Bibel leben

Welchen Platz hat unser Glauben im Alltag? Mit dieser und anderen Fragen beschäftigt sich unsere dreiteilige Beitragsserie über Spiritualität im Alltag.

Foto: Robert Aichinger, sxc.hu

Foto: Robert Aichinger, sxc.hu

Christliche Spiritualität lebt aus dem Evangelium. Sie braucht dazu die Bibel. Denn dort ist aufgeschrieben, wie Gott sich Menschen bekannt gemacht hat. Am deutlichsten zeigt er sein Gesicht in Jesus Christus. Der Evangelist Johannes kann ­sogar sagen: In ihm ist Gottes Wort Fleisch geworden, ein Mensch von Fleisch und Blut, und wohnte unter uns. (Johannes 1,14) Heute wohnt er unter uns, wo Menschen dieses Wort in ihr Leben aufnehmen. Das ist eine spannende Angelegenheit. Denn die Worte der Bibel können auch fremd und kalt bleiben. Erst Gottes Geist macht sie lebendig, sodass uns durch die gedruckten Worte Gott selbst anspricht. Dies ist immer wieder ein Wunder. Wir können es nicht herbeiführen. Aber wir können uns dafür öffnen, indem wir den Worten der Bibel unsere Aufmerksamkeit schenken.

Vielen sind die Herrnhuter Losungen vertraut: Für jeden Tag ein Bibelvers aus dem Alten und einer aus dem Neuen Testament. Es ist gut, diesen Worten einige Minuten still nachzulauschen mit der Frage: Gott, was willst du mir heute sagen oder zeigen?
Ich selbst habe mich viele Jahre an die fortlaufende Bibellese gehalten. Dabei werden im Verlauf von vier Jahren das gesamte Neue Testament und in acht Jahren auch die Bücher des ­Alten Testaments gelesen. Andachtsbücher bieten kurze Auslegungen dazu, etwa »Halt uns bei festem Glauben«, »Sonne und Schild« oder der Neukirchener Kalender.

Mittlerweile nehme ich mir gern mehrere Tage Zeit für einen einzigen Text, etwa das Evangelium oder den Predigttext des Sonntags. So kann mich das Wort tiefer erreichen.

Ein Beispiel: »So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.« ­(Jakobus 5,7-8, Lesung am 2. Advent)

Gleich zu Beginn stoße ich auf ein Thema, mit dem ich es schwer habe: Geduld. Mir kommen Situationen in den Sinn, für die ich frage: Wo bist du, Jesus? Warum tust du nichts? Das kann doch nicht so bleiben! Schmerzlich nehme ich wahr, wo ich Gott als fern erlebe. Wieder einmal merke ich: Das gehört zum Glauben dazu, Gottes Ferne aushalten und trotzdem wissen: Jesus ist auf dem Weg, er kommt!

Am folgenden Tag bringe ich meine tägliche Mühe in Verbindung mit dem Bild vom Ackerbauern. Säen, das heißt hingeben, etwas einbringen, loslassen. Dann ist lange Zeit nur Staub zu sehen. Mir wird bewusst, wie vieles ich nicht »machen«, sondern nur darauf vertrauen kann, dass Gott Gutes wachsen lässt. Auch dies ist Stoff genug für eine stille Zeit. Jesus, lass mich heute guten Samen ausstreuen und hilf mir zu warten.

Am dritten Tag widme ich mich der »kostbaren Frucht der Erde«. Ein reich gefüllter Obstkorb steht vor meinem inneren Auge. In meiner Vorstellung genieße ich die Früchte, und mein Herz wird weit vor Dankbarkeit. Kostbare Frucht der Erde, das sind auch Musik und Bücher, mein Fahrrad und die Dusche – Früchte der Mühe anderer Menschen, Gottes gute Gaben. Ja, ich will sie bewusst genießen. Danke, himmlischer Vater, du hast diese Erde so reich ausgestattet!

Empfangen. Wieder ein anderes Thema. Die Erde muss empfangen, sonst wächst nichts. Diesmal stelle ich eine leere Schale vor mich auf die Erde. Was habe ich nicht alles empfangen in meinem Leben …! Empfangen kann ich nur, wenn ich offen dafür bin. Ich halte Jesus meine leeren Hände hin – und bitte ihn um unverschämt große Gaben: Liebe für die Menschen, denen ich heute begegne, Weisheit in meinen Entscheidungen … und um Frieden auf der Erde. Wie gut, dass ich mit meiner kleinen Schale etwas von ihm fassen kann und dass er alles umfasst.

»Stärkt eure Herzen!« Heute frage ich nach dem, was mich stärkt. Menschen fallen mir ein, die mir Kraft ­geben, und andere, die dringend ­Stärkung brauchen. Ich bete für sie. Während des Tages entdecke ich viel mehr Stärkendes als sonst. Wenn ich am Ende der Woche zurückschaue, staune ich, wie nahe mir Jesus durch diesen kurzen Bibelabschnitt gekommen ist.

Ich hoffe, Sie haben Lust bekommen, etwas Ähnliches zu probieren. Vielleicht gibt es in Ihrer Gemeinde Menschen, mit denen Sie sich darüber austauschen können. Lassen Sie sich nicht entmutigen, wenn es nicht gleich gelingt. Schenken Sie einfach immer wieder dem Wort der Bibel Ihre Aufmerksamkeit, bis es Ihnen lebendig wird.
Brigitte Seifert

Die Autorin ist promovierte Theologien und Pfarrerin am Haus der Stille im Evangelischen Zentrum Kloster Drübeck.

Zwischen Hoffen und Bangen

7. Januar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Trost durch Briefe aus ganz Deutschland: Gottfried und Ruth Hentschel, die Eltern des mit seiner Familie im Jemen entführten ­Johannes Hentschel, in ihrem Umgebindehaus in Meschwitz bei Bautzen. 	Foto: Wolfgang Wittchen

Trost durch Briefe aus ganz Deutschland: Gottfried und Ruth Hentschel, die Eltern des mit seiner Familie im Jemen entführten ­Johannes Hentschel, in ihrem Umgebindehaus in Meschwitz bei Bautzen. Foto: Wolfgang Wittchen

Im Zusammenhang mit ­Terrorismus ist der Jemen ­derzeit in aller Munde. Fast vergessen scheint, dass in Ostsachsen seit mehr als einem halben Jahr Angehörige um das Schicksal einer entführten Familie bangen.

Der Krieg gegen Houthi-Rebellen im Nordjemen dauert nun mehr als Hundert Tage. Eine viertel ­Million Menschen sind deswegen auf der Flucht. Die jemenitische Regierung warnt die USA, Truppen für den Kampf gegen das Terrornetzwerk El Kaida ins Land zu senden. Schlagzeilen aus jemenitischen Zeitungen. Reinhard Pötschke hat sie ­sicher gelesen. Der Pfarrer einer Freien Evangelischen Gemeinde in Radebeul verfolgt regelmäßig Nachrichten aus dem Jemen via Internet. Seit über einem halben Jahr versucht der 42-Jährige so herauszufinden, was mit seinem Schwager Johannes, dessen Frau und den drei kleinen Kindern geschehen sein könnte.

Die fünfköpfige Familie war am 12. Ju­ni 2009 in der nordjemenitischen Provinz Sa’ada von Unbekannten angegriffen und verschleppt worden. Zusammen mit zwei deutschen Bibelschülerinnen einem Briten und einer Koreanerin befanden sich die Sachsen aus dem Raum Bautzen auf dem Rückweg von einem Ausflug. Drei Frauen hatte man kurz darauf ermordet aufgefunden. Von Johannes und Sabine Hentschel sowie ihren Kindern Lydia (5), Anna (3) und Simon (1) fehlt seitdem so gut wie jedes Lebenszeichen.

Es waren unglaublich harte Monate für die Familie. Gottfried und Ruth Hentschel, die Eltern von Johannes in Lauske bei Bautzen, haben den Sohn zum letzten Mal bei ihrer Silberhochzeit im Mai vergangenen Jahres gesehen. Die beiden 78- und 79-Jährigen schweben seit Monaten zwischen Bangen und Hoffen. Informationen gibt es spärlich. Das kritisierten die Angehörigen auch erst kürzlich. »Vieles erfahren wir nur auf Umwegen«, sagt Reinhard Pötschke.

Gerade erst hat er sich mit Vertretern des sächsischen Landeskriminalamtes getroffen und um einen direkten Kontakt zum Auswärtigen Amt gebeten. Das Amt indes weist Vorwürfe zurück. Doch auf Anfragen nach dem Schicksal der vermissten Familie und des Briten gibt es ­immer die gleiche Antwort: Wir bemühen uns mit Nachdruck, die Sache zu klären.

Angehörige bemängeln spärliche Informationen
Auf Reinhard Pötschke wirken all die Ereignisse der letzten Monate »nebulös und mysteriös«. Entführungen seien nichts Ungewöhnliches im Jemen. Statistiken sprechen von 200 in 15 Jahren. Doch es würden immer schnell Forderungen gestellt, erfüllt und die Geiseln freigelassen. Doch für Johannes, Sabine und die Kinder gab es wohl nur einmal eine Geldforderung von unbekannter Seite. Und nur spärlich Kontakt zu den Entführern. Zwar ist kurz vor Weihnachten angeblich ein Video aufgetaucht, das die Hentschel-Kinder zeigt, doch das stammt wohl vom September. Die Bundesregierung will sich dazu jedenfalls nicht äußern. Die Angehörigen der Vermissten haben das Band weder gesehen, noch etwas darüber erfahren.

Weihnachten und Silvester waren stille Tage für die Familien in der Lausitz und Radebeul. In den Feiertagen haben sie sich alle in Meschwitz bei Bautzen ­getroffen. Dort, in einem gemütlichen Umgebindehaus zwischen den Lausitzer Hügeln, haben Johannes und Sabine Hentschel immer ihren Heimaturlaub verbracht. Und hier kam die ganze Familie nun zusammen. Auch um die Rückkehr der Lieben zu planen. Denn: »Wir haben Hoffnung. Wir sind nicht verzweifelt«, so Reinhard Pötschke.

Auch wenn sich der Pastor bewusst ist, dass vielleicht nur ein Teil der Familie zurückkehrt. Für sie habe man bei Sabines Angehörigen einen Rückzugsort geschaffen. Darum trete diese Seite der Familie nie in den Medien auf. Eine Psychologin stehe bereit, um den sicher traumati­sierten Kindern zu helfen. Hoffnung schöpfen die Angehörigen aus all den ­Informationen, die in den letzten Wochen plötzlich aufkamen. Auch aus der Tatsache, dass die Bundesregierung immer noch sucht und den Fall nicht zu den ­Akten legt.

Und doch gibt es genügend beunruhigende Nachrichten. Nach wie vor herrscht Krieg im Nordjemen. Dort hatten Johannes und Sabine (beide inzwischen 37 Jahre alt) in einem Krankenhaus gearbeitet. Die USA machen im Land Jagd auf Terroristen. Und ein gerade gefasster Nigerianer, der ein Flugzeug auf dem Weg ins amerikanische Detroit in die Luft sprengen wollte, war wohl im Jemen ­ausgebildet worden. Doch Reinhard Pötschke will sich davon nicht verrückt machen lassen.

Kraft geben indes zahlreiche Briefe und Anrufe, die die Familien in Lauske und Radebeul erreichen. Aus ganz Deutschland, aber auch aus dem Ausland schreiben Bekannte und Unbekannte, nehmen Anteil am Schicksal von Johannes, Sabine, Lydia, Anna und Simon. »Das tröstet uns«, sagt Gottfried Hentschel. Auch Gebetskreise für die Vermissten, in Belgern bei Bautzen, Bautzen selbst und Radebeul ermutigen. Das signalisiert: Die Hentschels werden nicht vergessen. Und nach wie vor gilt die Bitte des sächsischen Landesbischofs Jochen Bohl an die Kirchengemeinden, »bis auf Weiteres die Entführten und ihre Angehörigen in die Fürbitte einzuschließen«.


Von Irmela Hennig

Steeb_Hartmut-2»In der in der nächsten Woche stattfindenden Allianzgebetswoche ­werden wir in besonderer Weise im Gebet auch an die Christen in Ver
folgung und Unfreiheit in vielen ­Ländern unserer Welt denken. In besonderer Weise bitte ich die Christen in unserem Land, an die im Juni im Jemen entführte Familie Hentschel aus Sachsen zu denken und an den mitentführten britischen Techniker. Gerade jetzt, wo der Jemen neu ins Visier des Antiterrorkampfes rückt, bitten wir um Bewahrung der Entführten und ihre baldige Freilassung. Wir schließen in unser Gebet die ­Eltern und Angehörigen zu Hause ein, ebenso wie die Angehörigen der kurz nach der Entführung ermordeten Praktikantinnen.«

Hartmut Steeb, Generalsekretär der Deutschen Evangelischen ­Allianz

Gott in allen Dingen suchen und finden

SchneeChristliche Spiritualität will den Alltag im Geist Jesu Christi gestalten

Welchen Platz hat unser Glauben an Gott im Alltag? Wie wirkt er sich im täglichen Leben aus? Mit diesen und ähnlichen Fragen beschäftigt sich eine dreiteilige Serie über Spiritualität im Alltag.

Stellen Sie sich vor, es ist Freitag, der 13. August 2010. Herr M. freut sich auf das Wochenende. Er will mit seiner Familie ins Grüne fahren. In der Natur sein, den Vogelstimmen lauschen, abends den Sternenhimmel betrachten, all das wird er genießen. Er gehört keiner Kirche oder Religion an, doch in solchen Momenten fühlt er sich eins mit Gott und dem Universum. Frau K. dagegen wird heute nichts Besonderes unternehmen. Es ist ja Freitag der 13. In ihrem Horoskop hat sie zwar gelesen, sie solle sich ruhig mehr zutrauen. Aber an so einem Tag will sie das Schicksal nicht herausfordern. Anders Herr G.: Gelassen kommt er ins Büro. Er hat am Morgen schon eine Stunde meditiert. Das hilft ihm, die Hektik des Alltags besser zu bestehen und achtsam mit sich selbst und anderen umzugehen.

Diese Menschen leben Spiritualität im Alltag auf ganz verschiedene Weise. Den christlichen Glauben brauchen sie dazu nicht. Doch sie ­ahnen oder wissen: Die Welt ist mehr als Materie und der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Wir brauchen etwas, das größer ist als wir selbst.

Viele fragen und suchen danach; das Interesse an »Spiritualität« ist groß in unseren Tagen. Spiritus, das lateinische Wort für »Geist«, steckt darin. Es geht also um die Frage: Welcher Geist bestimmt mein Leben? Und wie kommt das, was ich glaube, in meinem Tun und Lassen zum Ausdruck? »Frömmigkeit« hieß das früher oder auch »geistliches Leben«.

Christliche Spiritualität will den Alltag im Geist Jesu Christi gestalten. Sie erwächst aus dem Glauben an Gott, den Vater unseres Herrn Jesus Christus. Im Unterschied zu vielen anderen Weisen spirituellen Lebens richtet sich unser Glaube auf ein göttliches DU, genauer gesagt: auf den Gott, der aus Liebe zu uns Mensch wurde, um uns und diese Welt zu erlösen.

Wie wirkt sich dieser Glaube nun aus auf das Leben an jenem Freitag, dem 13. August 2010, zum Beispiel?

Vielleicht so: »Geh aus, mein Herz, und suche Freud … an deines Gottes Gaben«, sagt sich Frau N. und bricht auf zu ­einem Spaziergang. Im Paul-Gerhardt-Jahr 2007 hat sie dieses Lied (EG 503) neu entdeckt. Mit offenen Sinnen geht sie durch Wald und Wiesen wie einst der Liederdichter. Von ihm lernt sie, die Schönheit der Schöpfung auch als einen Vorgeschmack auf die himmlische Welt zu sehen (Str. 9–11). Und der Gedanke, dass sie schon jetzt »ein guter Baum« und eine »schöne Blum« (Str. 14) im Garten Christi sei, gefällt ihr gut. Mit diesem Lied wird ihr Spaziergang zum Gottesdienst.

Herr L. dagegen sitzt mit schwerem Kopf über den Geschäftszahlen. Harte Monate liegen hinter ihm. Mehrere Mitarbeitende mussten entlassen werden. Manche gaben ihm die Schuld. Die Verantwortung bedrückt ihn. Auch die Vorwürfe, obwohl er weiß, dass sie nicht berechtigt sind. Seit dem letzten Sommer waren die Auswirkungen der Finanzkrise deutlich spürbar. Gott, nimm auch dieses Jahres Last und wandle sie in Segen. Wo hat er das nur gehört oder gelesen? Ach ja, vor einiger Zeit stand es im Schaukasten am Pfarrhaus. Er kann sich nicht vorstellen, wie das gehen soll: Last in Segen. Trotzdem ist dieser Gedanke plötzlich da. Er nimmt ihn auf, macht ihn zu seinem Gebet – für die Menschen, die ihre Arbeit verloren haben, für die Angestellten seiner Firma, für sich selbst. »Segen – das ist mehr als Erfolg«, denkt er, »manchmal wohl auch etwas anderes.«

Frau S. ist auf dem Weg ins Krankenhaus. Ihr Mann hatte einen Verkehrsunfall und erlitt einen komplizierten Beckenbruch. Gott sei Dank, sind die inneren Organe und die Wirbelsäule heil geblieben. Trotzdem ist sie sauer auf Gott. Warum hat er das zugelassen? Sie hatten sich so auf den Urlaub mit den Kindern gefreut! »Gott, ich verstehe dich nicht!«, seufzt sie. Vorgestern, am Tag des Unfalls, las sie morgens im Herrnhuter Losungsbuch: »Wenn ich schwach bin, so bin ich stark.« (2. Korinther 12,10) So ein Quatsch, dachte sie. Dann kam die Nachricht von dem Unfall. Schwach sein – das erleben sie jetzt. Ob daraus eine neue Stärke werden kann? Wie hieß das doch noch mal? »Der HERR ist meine Stärke … und mein Heil.« Lieber Gott, das musst du mir erklären!

Auf unendlich vielfältige Weise wird uns Gott in unserem Alltag begegnen, wenn wir nur offen dafür sind. Das Zeugnis der Bibel ist dabei die Grundlage, um ihn zu erkennen. Damit beschäftigt sich der nächste Beitrag.

Brigitte Seifert

Die Autorin ist promovierte Theologien und Pfarrerin am Haus der Stille im evangelischen Zentrum Kloster Drübeck