Gegen Gesundheitswahn und Gesundbeterei

30. Dezember 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Dr. Manfred Lütz ist Mediziner, katholischer Theologe und Bestsellerautor. Er leitet als Chefarzt das Alexianer-Krankenhaus in Köln, eine Klinik für Psychiatrie, ­Psychotherapie und Neurologie. (Foto: epd-bild)

Dr. Manfred Lütz ist Mediziner, katholischer Theologe und Bestsellerautor. Er leitet als Chefarzt das Alexianer-Krankenhaus in Köln, eine Klinik für Psychiatrie, ­Psychotherapie und Neurologie. (Foto: epd-bild)

»Der Wunsch ›Hauptsache gesund!‹ ist eine Frechheit« – mit Manfred Lütz im Gespräch über Glaube und medizinische Wissenschaft.


Gesundheit ist ein hohes, aber nicht das höchste Gut. Der Psychiater und ­Bestsellerautor Martin Lütz findet, dass es Wichtigeres gibt als Gesundheit. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.

Herr Dr. Lütz, zum neuen Jahr wünschen wir uns neben Glück und ­Segen vor allem Gesundheit. Ist Gesundheit das Wichtigste im Leben?
Lütz:
Der Ausruf »Hauptsache gesund!« ist eigentlich eine Frechheit gegenüber Menschen, die nicht gesund sind und sich trotzdem ihres ­Lebens freuen können. Auch in den Defiziten und Behinderungen eines Lebens können wir Quellen des Glücks finden und in Krankheit und Leiden Herausforderungen, die einem Leben seinen besonderen Geschmack geben.

Ist es nicht allzu verständlich, dass jemand, der krank ist, wieder gesund werden will?
Lütz:
Natürlich können wir Menschen Gesundheit wünschen. Die Frage ist nur, wie hoch wir den Wert der Gesundheit veranschlagen. Wenn jemand, der Krebs hat, Gesundheit ­tatsächlich für das Wichtigste halten würde, kann man ihn eigentlich nur bedauern.

Gesundheit ist nicht das höchste, aber doch ein sehr hohes Gut …
Lütz:
So ist es und natürlich müssen wir als Christen mit unserem Körper, dem Tempel des Heiligen Geistes, wie der Apostel Paulus sagt, verantwortlich umgehen. Aber wir dürfen die Gesundheit nicht zum Götzen machen und auch nicht zu einem unerreichbaren Ideal nach dem Motto »Gesund ist ein Mensch, der nicht ausreichend untersucht wurde«. Es gibt Menschen, die schwere Krankheitsphasen hinter sich haben und im Nachhinein sagen: Das hat mich reifer gemacht. Aber man darf das Leiden auch nicht verklären. Man muss verstehen, wenn andere Menschen nach schwerer Krankheit finden: Da hätte ich gut drauf verzichten können. Es war einfach nur schrecklich.

Glauben Sie, dass christlicher Glau­be zur Gesundung beitragen kann?
Lütz:
Ich finde es eher amüsant bis ärgerlich, wenn in der journalistischen »Saure-Gurken-Zeit« im Sommer in kirchlichen Zeitungen immer wieder Meldungen abgedruckt werden, man habe festgestellt, dass Menschen, die viel beten, älter werden als Menschen, die nicht viel beten. In Wirklichkeit ist das doch Etikettenschwindel. Die Botschaft soll da ja wohl lauten: Werdet Christen und betet viel, dann geht es euch besser in diesem Leben. Aber das ist nicht die Botschaft Jesu. Jesus selbst hat schwer gelitten und ist früh gestorben, obwohl er viel gebetet hat. Und so wie die Apostel als Märtyrer in den Tod gegangen sind, so ist das Christentum auch heute für die Christen in China und Vietnam nicht gerade lebensverlängernd. Wer den Glauben nur noch von seinen Gesundheitseffekten her sieht, der ist der allgemein herrschenden Gesundheitsreligion auf den Leim gegangen. Beten mag einen gesundheitlichen Nebeneffekt haben. Wer einen Sinn in seinem Leben sieht, der mag vielleicht ein bisschen ruhiger, ein bisschen weniger unstet leben. Das senkt möglicherweise etwas den Blutdruck. Aber was hat man von einer solchen Erkenntnis?

Was halten Sie von Heilungsgottesdiensten und Berichten von Spontanheilungen?
Lütz:
Erstens gibt es natürlich Spontanheilungen. Die passieren auch bei nicht gläubigen Menschen. Andererseits glaube ich selbstverständlich, dass Gott Wunder wirken kann. Allerdings nehme ich nicht an, dass er das am laufenden Band tut. Heilungsgottesdienste sind dann ganz in Ordnung, wenn sie die geistliche Dimension, die bei jeder Krankheit eine Rolle spielt, ansprechen. Es sollte aber nicht der Eindruck erweckt werden, das sei die einzige wahre Dimension. Heilungsgottesdienste können das Heilsame des Christentums ganz konkret ansprechen, aber sie werden dann höchst problematisch, wenn suggeriert wird: Jetzt werden wir über den Krebskranken, der hier unter uns ist, beten und dann kann der schon mal alle Medikamente absetzen, denn ­allein das Gebet hilft. Wer das Gebet ausspielt gegen die Einsichten der Wissenschaft, die edle Früchte der uns von Gott geschenkten Vernunft sind, der versündigt sich aus meiner Sicht am Patienten und am Schöpfergott.

Sie sind Referent beim zweiten Christlichen Gesundheitskongress in Kassel. Sollen medizinische Wissenschaft und Spiritualität näher zusammenkommen?
Lütz:
Natürlich ist es gut, dass beide Sphären umeinander wissen. Dennoch glaube ich, dass man beide Bereiche sorgfältig trennen muss. Ich bin gegen diese gut klingenden Parolen, wir müssten alles möglichst ganzheitlich sehen, Körper, Seele und Geist und daher müsse jeder wahre Arzt quasi zugleich Seelsorger sein und jeder Seelsorger zugleich Arzt. Seelsorge ist viel mehr als Therapie. Sie ist existenzielle Begegnung mit einem Menschen. Wenn man diese beiden Dimensionen vermischt, dann können schnell Guru-Existenzen entstehen. Solche Leute laufen Gefahr, nicht Schüler oder Zuhörer zu haben, sondern Anhänger. Sie wirken dann selbst als Heilsbringer und sind nicht mehr durchsichtig auf Christus. So können gefährliche Abhängigkeiten entstehen. Verantwortungsvolle Psychotherapie aber soll der Freiheit des Patienten dienen. Und verantwortliche Seelsorge soll einladen zur Nachfolge Christi und nicht zur Anhängerschaft an irgendeinen Psychoguru. Gott hat uns den Verstand gegeben, damit wir auch wissenschaftlich mit der Welt umgehen können. Und die Wissenschaft hat einige gut wirksame Therapiemethoden gefunden. Die können Atheisten und Christen anwenden. Man darf nicht einerseits mangelnde wissenschaftliche Kompetenz durch Beten ersetzen und andererseits nicht mangelndes Gottvertrauen durch therapeutischen Aktivismus.

Sie sind nicht der Meinung, dass die einen von den anderen etwas lernen können oder sich bestimmte Methoden aneignen sollten?
Lütz:
Um Gottes Willen! Wenn sich Seelsorger Psychotherapie-Methoden aneignen und die dann anwenden, betreiben sie keine Seelsorge mehr, sondern machen Therapie. Das ist etwas ganz anderes. Psychotherapie ist eine asymmetrische Beziehung zwischen einem methodenkundigen Fachmann und einem Heilung suchenden Patienten, eine künstliche Beziehung auf Zeit für Geld. Man kann nicht auf Zeit für Geld den Sinn des Lebens produzieren. Daher sollten aus meiner Sicht Seelsorge und Psychotherapie streng getrennt sein, was nicht heißt, dass man nicht umeinander wissen sollte. Psychotherapie, die nicht um jene andere Dimension weiß, kann schnell totalitär werden und Seelsorge, die alles nur von sich selbst erwartet, fundamentalistisch. Nur als bewusst getrennte Bereiche können beide Zugänge zum Menschen sich gegenseitig respektieren und mit ihren besten Kräften wirken.

Was ist im Leben wichtiger als Gesundheit?
Lütz:
Dass wir uns geborgen in Gott fühlen können, dass wir mit einem geliebten Menschen zusammenleben und Sinn in diesem Leben erkennen. Wenn wir uns an der Natur, an der Musik wirklich freuen können, wenn wir die Unwiederholbarkeit jedes ­Moments erleben und vielleicht auch genießen können, dann ist die Frage, ob man jetzt schwer krank ist oder nicht, vielleicht zweitrangig.
Wichtiger ist, als Geschöpfe Gottes einen Lebensweg zu gehen, den wir vor unserem Herrn Jesus Christus verantworten können, dass wir ein rechtschaffenes Leben führen, auf Gottes Wort hören und versuchen seine Gebote zu halten.

Der Christliche Gesundheitskongress vom 21. bis 23 Januar in Kassel wird von einer Allianz von Personen, Einrichtungen und Verbänden aus Diakonie sowie Landes- und Freikirchen getragen. Er ist für Fachbesucher mit Fortbildungspunkten zertifiziert.
www.christlicher-gesundheitskongress.com

Buchtipp

  • Lütz, Manfred: Gott. Eine kleine ­Geschichte des Größten, Verlag Droemer Knaur, 320 Seiten, ISBN 978-3-426-78164-7, 9,95 Euro
  • Lütz, Manfred: Irre – Wir behandeln die Falschen, Gütersloher Verlagshaus, 208 Seiten, ISBN 978-3-579-06879-4, 17,95 Euro

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Telefon (03643)246161

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Reaktionen unserer Leser

2 Lesermeinungen zu “Gegen Gesundheitswahn und Gesundbeterei”
  1. Wer möchte kann gerne einen “Blick ins Buch” zum aktuellen Bestseller von Manfred Lütz werfen. Gerne stellt der Verlag eine Leseprobe zur Verfügung:

    http://www.bic-media.com/dmrs/widget.do?bgcolor=000000&buyButton=no&layout=singlepage&layoutPopUp=doublepage&isbn=9783579068794

  2. karl d. sagt:

    Interessanter Gesichtspunkt, schöne Worte, ich bleibe nachdenklich, danke