Statt Tanne eine Casuarina

24. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Indien: Weihnachten auf dem Subkontinent – ein Besuch im Mädchenheim der Tamilischen Kirche

Lichtertanz zum Weihnachtsfest: Im Kinderheim »Bethlehem« der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche in ­Südindien wohnen rund 50 Mädchen und erhalten eine Ausbildung. 	Foto: LMW

Lichtertanz zum Weihnachtsfest: Im Kinderheim »Bethlehem« der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche in ­Südindien wohnen rund 50 Mädchen und erhalten eine Ausbildung. Foto: LMW

Indien gilt als ein besonders spirituelles Land. Die Christen bilden dabei nur eine kleine Minderheit. Dennoch gilt Weihnachten als offizieller Feiertag.

Merry Christmas«, ruft es aus den Lautsprechern. Indien feiert Weihnachten. Bei 80,5 Prozent Hindus und 13,4 Prozent Moslems sind die 2,3 Prozent Christen in Indien eine Minderheit. Trotzdem sind die Weihnachtstage von der Regierung anerkannte Feiertage.

Auch das Mädchenheim der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Pattukottai, Südindien, bereitet sich für die Festtage vor. Um die 50 Mädchen leben in diesem Internat, um eine fundierte Ausbildung zu bekommen. Ihre Eltern sind arm, manche sind Waisen. Alle sind aufgeregt in der Weihnachtszeit. Seit Anfang Oktober sind alle mit den Vorbereitungen beschäftigt. Tänze und das Krippenspiel werden eingeübt, die Dekoration wird gebastelt. Sterne und Weihnachtsbilder finden ihren Platz in der Festhalle. Jedes Kind ist in die Vorbereitung mit eingebunden.
Janet und Lili gehören mit einigen anderen Kindern dem Kirchenchor an. Jetzt, zwei Wochen vor dem Fest beginnen die »Choral-Rounds«, das Weihnachtsliedersingen. Der Chor geht von Haus zu Haus und singt Weihnachtslieder. In jedem Haus werden die Sänger bewirtet mit Tee, Kaffee und Süßem. Zehn bis 15 Familien werden pro Abend besucht, so dass die ganze Gemeinde in den Genuss des Mini-Chorkonzertes kommt. Auch wenn Janet und Lili am Ende fast heiser vom vielen Singen sind, genießen sie doch diese Aufgabe.

Die Köchin Radha und drei Mädchen sind für drei Tage Helferinnen des »Sweetmakers«. Der Süßigkeitenhersteller baut den großen Kochtopf auf. Während er schon den Teig anrührt, füllen Radha und die Mädchen 30 Liter Öl in den Kochtopf. Das ­Mysore Pack, ein süßes Konfekt aus Kichererbsenmehl, und die salzigen Murukku aus Reismehl müssen im Öl zum Ausbacken schwimmen. Zu Weihnachten werden die Süßigkeiten nicht nur gegessen, sie werden auch an Nachbarn und Arme, egal ob Christen, Hindus oder Moslems verteilt. Der Geruch im Heim verbreitet sich und allen läuft schon das Wasser im Mund zusammen. Man kann Weihnachten deutlich riechen.
Julie und Malathi dürfen mit anderen Kindern den Weihnachtsbaum schmücken. Natürlich findet sich keine Tanne in Indien, aber der Casuarina-Baum, der einer Kiefer ähnelt, ist ein fantastischer Weihnachtsbaum.

Weihnachtskarten, Luftballons, Girlanden und Sterne aus den Vorjahren finden ihren Platz am Baum.
Dann beginnt die Weihnachtsfeier des Mädchenheimes. Alle Eltern, Lehrer, die Nachbarn sind eingeladen, um die Feier mitzuerleben. Die Mädchen haben seit Oktober für das Programm geprobt. Der Stocktanz, der indische Tempeltanz, der Lichtertanz und die modernen Tänze werden mit Begeisterung vom Publikum aufgenommen. Das Krippenspiel ist der Höhepunkt: Die drei heiligen Könige kommen in goldenen Gewändern zur Krippe und bestaunen die Menschwerdung Gottes. Die Weihnachtsfeier endet mit der Verteilung der Geschenke – Süßigkeiten und ein neues Kleid. In jedem »Weihnachtshaus« in Indien schenken die Eltern ihren Kindern neue Kleidung, so sie in der Lage dazu sind. Die Eltern der Kinder aus dem Heim können das meist nicht. So ist die Freude umso größer, dass die Mädchen vom Kinderheim ein neues Kleid bekommen. Alle zeigen sich stolz untereinander ihre Geschenke.

Dann wird es Zeit für die meisten Mädchen sich von den Erzieherinnen zu verabschieden. Sie gehen in die Weihnachtsferien. Die Waisen bleiben im Heim. Das ist aber nicht nur traurig. Denn auf sie warten eine weitere Weihnachtsfeier im kleinen Kreis und die legendäre Talentshow. Aber das wäre schon wieder eine andere Geschichte.

Von Ute Penzel

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