Moritz macht sich hübsch

24. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Familie

Kindergeschichte: Vom größten Weihnachtsbaum und wie er in die Kirche gekommen ist

Illustrationen: Kathrin Gehres-Kobe

Illustrationen: Kathrin Gehres-Kobe

In sechs Ausgaben erzählte Moritz vom Alltag und Sonntag einer Kirche. Zum Abschluss eine lustige Begebenheit.

Auch eine Kirche schmückt sich gerne mal! Zu Pfingsten mit kleinen Birken, zum Erntedankfest mit Obst und Gemüse. Wichtig ist mir außerdem, dass zu jedem Gottesdienst frische Blumen auf meinem Altar stehen. Aber am meisten freue ich mich auf die Advents- und Weihnachtszeit! Und meinen Osterweihern geht’s wohl genauso. Denn nie sind meine Bänke dichter besetzt als am Heiligabend.

Einen neuen Adventsstern hatte ich zu meinem 120. Geburtstag bekommen. Aber was würde aus dem Weihnachtsbaum werden? Um den hatte sich immer Gottfried Liesner gekümmert – und der war ja kürzlich gestorben und auf meinem Friedhof beerdigt worden.

An einem Dezembernachmittag drehte sich der Schlüssel in meiner Eingangstür. Wer kam denn um diese Zeit zu Besuch? Aha – Herr Kunze und Herr Schneider. Die beiden geben ein lustiges Paar ab: Armin Kunze ist lang und dünn, Jochen Schneider ist klein und dick. Sie schauten sich um, und mir wurde klar, dass es um meinen Weihnachtsbaum ging. »In diesem Jahr soll er höher sein als der von Paulus!«, sagte der lange Armin. Was? Höher als der Baum der Pauluskirche?? Die Pauluskirche ist ja doppelt so groß wie ich! »Genau«, bestätigte der dicke Jochen, »die sollen mal richtig neidisch werden auf uns!«

Na, wir müssen uns doch nicht ­gegenseitig übertrumpfen! Obwohl … Höher als der Baum der Pauluskirche … Das wär schon was … Ich wartete ungeduldig auf meinen Baum. Noch nie war mir eine Adventszeit so lang erschienen. Und dann war es soweit! Der lange Armin und der dicke Jochen schleppten einen riesigen Baum durch den Mittelgang auf den Altarplatz. Noch waren seine Zweige mit einem Netz an den Stamm gepresst. Jochen Schneider, der Schmied, hatte einen extra starken Ständer geschweißt. Die beiden wuchteten den Baum hinein, richteten ihn auf und schraubten ihn am Ständer fest. Dann zogen sie das Netz ab – was für ein Baum!! Seine Spitze reichte bis zwei Meter unter die Decke, und seine Äste breiteten sich über den ganzen Altarplatz aus. Der Altar und das Bild vom Guten Hirten waren nicht mehr zu entdecken.

»Vielleicht doch ein bisschen groß?«, fragte der lange Armin. »Zu spät«, antwortete der dicke Jochen.
Die paar Strohsterne, die sonst gereicht hatten, mussten sehr großzügig verteilt werden. An die unteren Äste kam der lange Armin ohne Probleme ran. Aber wie sollte er die oberen schmücken? »Ich nehm dich auf die Schultern«, schlug der dicke Jochen vor. »Geht nicht. Ich hab Höhenangst«, lehnte der lange Armin ab, »aber ich kann dich ja hochheben.« »Geht nicht«, erwiderte der dicke Jochen. »Ich bin zu schwer.« Schließlich kamen sie auf eine geniale Idee. Der dicke Jochen schob den Baum an die Empore und drehte ihn langsam mitsamt dem Ständer. Und der lange Armin stand oben an der Brüstung und hängte die Sterne ran.

Aber noch wartete das größte Problem – die berühmte gläserne Christbaumspitze, die schon seit
50 Jahren meine Weihnachtsbäume krönt. Die Spitze des Baumes war nicht mal von der Empore aus zu erreichen. Was nun? Die beiden hatten wieder eine geniale Idee. In all den 120 Jahren habe ich nichts Lustigeres erlebt. Der lange Armin ließ oben vom Kirchenboden ein Seil durch das Himmelsloch herab, und der dicke Jochen schlang Bergsteigergurte um seinen Bauch und ­befestigte das Seil daran. Mit einer Winde zog der Armin den Jochen samt Christbaumspitze langsam in die Höhe. Der kleine dicke Jochen baumelte am Seil und sah aus wie ein süßes Engelein mit Pausbacken. Armin hastete hinunter, schob den Baum unter Jochen und sauste wieder hoch zur Seilwinde. Inzwischen baumelte Jochen um den Baum herum. Endlich erwischte er einen Ast, hielt sich daran fest und stülpte die Christbaumspitze auf den obersten Zweig. »Was machst du da oben, Armin?«, rief er. »Du musst doch den Baum wieder wegschieben, damit ich runter kann.« »Stimmt ja«, erwiderte Armin durch das Himmelsloch, »hab ich ganz vergessen. Weißt du was, ich zieh dich gleich hoch, sind ja bloß zwei Meter.« Und noch ehe Jochen antworten konnte, drehte Armin an der Winde, und Jochen verschwand im Himmelsloch. Na ja, nicht ganz. Kopf und Arme waren schon oben, aber der Bauch blieb stecken. Ich hatte einen wunderbaren Blick auf dieses Schauspiel. Der dicke Jochen ruderte oben auf dem Kirchenboden mit den Armen und zappelte unten im Kirchenschiff mit den Beinen. »Warte, ich drück dich wieder runter«, schlug Armin vor.

»Nein, nicht, ich fall in den Baum«, rief Jochen. »Zieh mich hoch!« Und dann wurde geächzt und gestöhnt und gezerrt und geschimpft. Plötzlich machte es »Plopp!!« und Jochen schnippte wie eine Sprungfeder aus dem Himmelsloch und riss Armin dabei mit um. Die beiden kugelten durch den Staub auf dem Kirchenboden. ­Armin jammerte »Aua, aua, aua …«, Jochen rieb sich seinen Popo. Aber schließlich mussten beide lachen.

Als Frau Schneider mit den Kindern zur Krippenspielprobe kam und den Riesenbaum sah, schlug sie die Hände überm Kopf zusammen. »Wo sollen wir denn spielen?« Die Kinder fanden’s lustig. In diesem Jahr werden die Hirten eben nicht auf dem Feld, sondern im Wald ihre Schafe hüten. Die Sterndeuter kommen nicht aus dem Morgenland, sondern aus dem Unterholz. Und Maria muss damit klarkommen, dass die Tannennadeln sie ins Genick pieksen.
Ich hoffe, es spricht sich herum, dass der größte Weihnachtsbaum der Gegend in diesem Jahr in der Moritzkirche steht! Ihr solltet euch den unbedingt anschauen, wenn ihr hier vorbeikommt!

Ich wünsche euch eine fröhliche und gesegnete Weihnachtszeit!
Euer Moritz

Mit dieser Geschichte beenden wir unsere Beitragsserie über Moritz.

Von Thomas Reuter

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