Das Griechlein und der Wagenlenker

24. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Ausblick: Das kommende Jahr steht ganz im Zeichen Philipp Melanchthons

Galt schon zu Lebzeiten als "Lehrer Deutschland": Philipp Melanchthon, Urheberangabe: Archiv

Galt schon zu Lebzeiten als "Lehrer Deutschland": Philipp Melanchthon

Zum 450. Mal jährt sich am 19. April der Todestag Philipp Melanchthons. Im Rahmen der Reformationsdekade bis 2017 steht deshalb der theologische Lehrer an der Seite Luthers im Mittelpunkt.

Ach, dahingegangen ist der ­Wagenlenker und Wagen Israels …« Mit diesem poetischen Bild kommentierte Melanchthon den Tod Luthers. Doch war Luther der Wagenlenker, der ideelle Kopf der Reformation, so war Melanchthon ihr theologischer Lehrer. Der eine verkündete das Evangelium von der Kanzel herab, der andere in der Universität. Der eine entwickelte revolutionäre Ideen, der andere formulierte sie als Wissenschaft und sicherte sie auf diplomatischer Ebene. Wird heute der Name des einen genannt, so gesellt sich der des anderen von selber dazu.

Dabei war der »Graeculus«, das Griechlein, wie ihn Luther liebevoll nannte, rein äußerlich zunächst eine Enttäuschung für die Wittenberger: schmächtig, etwa 1,50 Meter groß, wirkte er mit seinen 21 Jahren noch wie ein Knabe. Erst mit seiner akademischen Antrittsrede konnte der neue Professor für Griechisch alle überzeugen. Luther war begeistert: »Melanch­thon hat eine so gelehrte und feine Rede gehalten und damit einen solchen Beifall und solche Bewunderung gefunden … Wir haben schnell die vorgefaßte Meinung aufgegeben und von seiner äußeren Erscheinung abgesehen.« Kurze Zeit später bekannte er: »Unser Philipp Melanchthon, ein wunderbarer Mensch, ja einer, an dem fast alles übermenschlich ist.«

Fruchtbare Zusammenarbeit trotz Unterschiedlichkeit

Die Begeisterung war beiderseits: »Ich würde lieber sterben als von diesem Manne getrennt werden«, schrieb ­Melanchthon, als Luther 1521 auf der Wartburg weilte. Für beide begann mit dem Jahr 1518 eine intensive, produktive und auch streitbare Zusammenarbeit, die erst mit Luthers Tod endete. Über Melanchthon erschloss sich Luther die griechische Sprache und die Philologie als Ganzes. Jener wiederum arbeitete sich in die Theologie und die Erkenntnisse Luthers so ein, dass der neidlos bekannte: Dieser kleine Grieche übertrifft mich auch in der Theologie.

Bei aller freundschaftlichen Kollegialität waren beide ganz unterschiedliche Charaktere. »Ich bin dazu geboren«, so Luther, »daß ich mit den Rotten und Teufeln muß kriegen und zu Felde liegen … Ich muß Klötze und Stämme ausrotten, Dornen und Hecken weghauen, die Pfützen ausfüllen und bin der grobe Waldrechter, der die Bahn brechen und zurichten muß. Aber Magister Philippus fähret säuberlich stille daher, bauet und pflanzet, säet und begießt mit Lust, nachdem Gott ihm hat gegeben seine Gaben reichlich.«

Völlig unterschiedlich ist auch ihre Einstellung gegenüber den Dingen des Lebens. Während Luther die kleinen und unwesentlichen Dinge bewegten und er bei den großen dachte »das ist dir zu hoch, du kannst es doch nicht halten, also laß es gehen«, war es bei Melanchthon umgekehrt: »Durch die Angelegenheiten seines eigenen Lebens … wird er nicht beunruhigt, dafür beunruhigen ihn jene gewaltigen Fragen des Staates und der Religion. Mich drücken immer nur meine kleinen Sorgen nieder: so verschieden sind unsere Anlagen« (Luther).

Melanchthon prägte das »sola scriptura«
Für ihre Zusammenarbeit war diese Verschiedenheit produktiv, glückliche Ergänzung und Bereicherung zugleich. Am deutlichsten wird das am Beispiel der Lutherischen Bibelübersetzung: Es war nämlich Melanch­thon, der aus dem genauen Studium des biblischen Urtextes und der Beschäftigung mit den theologischen Gedanken Luthers heraus – und das zunächst weit klarer noch als Luther – die alleinige Verbindlichkeit der Bibel postulierte. Auf diese Weise erteilte er nicht nur manchem Lehrsatz der ­Kirche und der kirchlichen Tradition eine Absage, sondern er vermittelte Luther damit auch die entscheidende Anregung für die Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche. Denn nur so war es jedermann möglich, die Schrift auch zu verstehen.

Zwar trug Luther den Löwenanteil der Übersetzung, doch standen ihm seine Kollegen stets zur Seite; allen voran Melanchthon mit seinen ausgezeichneten Sprachkenntnissen und seinem Spezialwissen. So gingen z. B. seine Kenntnisse in der Münzkunde, über die Geographie des Heiligen Landes und seine Übersetzung seltener Pflanzennamen in Luthers Text ein. Wenn auch die kraftvolle und bilderreiche Sprache des Bibeltextes zu Recht als Luthers Verdienst gilt, so kommt Melanchthon ein gewichtiger Anteil am richtigen sprachlichen Verständnis des griechischen Urtextes und an der sachlichen Genauigkeit der Übersetzung zu.

Was für die Übersetzung des NT gilt, trifft auch für die des AT zu. Es war vorrangig Luthers und Melanchthons Verdienst, dass im Herbst 1534 die erste deutschsprachige Wittenberger Gesamtausgabe erscheinen konnte, Zeugnis der produktiven Verbindung beider Reformatoren.

Von Silvia Weigelt

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