Zeugnis barocker Frömmigkeit

10. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Neuerscheinung beschreibt das Phänomen »Taufengel in Mitteldeutschland«

Einer der beiden Taufengel aus der Bartholomäuskirche im Bördedorf Hötensleben in Sachsen-Anhalt. Foto: Muschke/Kirchliche Stiftung Kunst- und Kulturgut

Einer der beiden Taufengel aus der Bartholomäuskirche im Bördedorf Hötensleben in Sachsen-Anhalt. Foto: Muschke/Kirchliche Stiftung Kunst- und Kulturgut

Bis vor einem Jahr bot er einen traurigen Anblick: Nagekäfer hatten seine Finger zerfressen. Der Kranz, als Halterung für eine Schale bestimmt, war deswegen an den Handgelenken festgebunden. Am rechten Flügel hatte jemand die Spitze abgesägt. Seine Farbe blätterte ab. Erst 2008 erhielt der Taufengel in der Dorfkirche im altmärkischen Dambeck seine alte Schönheit zurück. Nun fallen wieder dicke, gelbe Haarsträhnen in ein freundliches Gesicht mit dunklen Augen, einer kräftigen Nase, rosigen Lippen und Wangen. In Weiß und Gold leuchten Gewand und Flügel, grün schimmert der Kranz.

Die Geschichte dieses Engels und Hunderter seiner Artgenossen wird in Worten und Bildern in dem kürzlich erschienenen Buch »Taufengel in Mitteldeutschland – Geflügelte Taufgeräte zwischen Salzwedel und Suhl« ­erzählt. Die aus Holz oder Stein geschaffenen Skulpturen, die als Helfer bei der Taufe dienten, kamen ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ausschließlich in lutherischen Kirchen vor. Verbreitet waren sie von Norddeutschland bis Oberfranken, auch in Skandinavien lassen sie sich nachweisen. Manche haben die Gestalt eines kleinen Kindes, andere sind fast lebensgroß. Manchmal treten sie in Paaren auf, wie in Emersleben oder Dedeleben, manche gehören zu einer Engelgruppe – zum Beispiel in der Dorfkirche von Altenklitsche. Nach dem derzeitigen Stand der Forschung lässt sich der früheste Taufengel 1614 in der Kirche von Kemberg bei Wittenberg nachweisen. Die steinerne Gestalt kniet auf dem Boden und trägt ein großes Becken im Nacken. Später kamen die schwebenden Taufengel auf, ab 1680 stehende.

Mit der Aufklärung und dem sich wandelnden künstlerischen Geschmack waren Taufengel ab dem Ende des 18. Jahrhunderts nicht mehr gewollt. Mancherorts wurden sie sogar verboten. Überliefert ist ein Schreiben aus dem 19. Jahrhundert, in dem es heißt: »… entstellend für das Innere des Kirchengebäudes sind die an der Decke desselben hängenden sogenannten Taufengel, … die durch ihre gewöhnlich geschmacklosen Gestalten einen unangenehmen Eindruck machen. Es ist daher von den Predigern zu veranlassen, dass … diese aus den Kirchen überall entfernt …« werden. Zwar wurden viele Engel weiterhin verwendet, andere verschwanden jedoch auf Dachböden. In den rund 2300 Kirchen im Gebiet der preußischen Provinz Sachsen sind bislang 270 Taufengel ermittelt. Von ihnen blieben 215 in ihren Kirchen erhalten, einige weitere gelangten in Museen.

In dem Buch sind sie nicht nur ausführlich beschrieben. Der Theologe Peter Poscharsky gibt einen grundlegenden Überblick über Taufengel als Zeugnisse lutherischer Frömmigkeit im Zeitalter des Barock. Mit dem Zustand, in dem sich viele heute befinden, beschäftigt sich der Beitrag von Reinhold Gonschior. Die Herausgeberin schließlich hat ihre Erkenntnisse über Bildhauer und Auftraggeber zusammengefasst.

Das inhaltlich sehr interessante sowie durch Papier- und Bildauswahl schöne Buch »Taufengel in Mitteldeutschland« leistet nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung dieses Phänomens. Es lädt dazu ein, die Engel in den Kirchen zu besichtigen. Dass ihre Geschichte nicht zu Ende geschrieben ist, zeigt das Beispiel des jüngsten Taufengels, den der Künstler Thomas Leu aus Drahtgeflecht schuf. Seit drei Jahren schwebt er in der Nikolaikirche in Wettin.

Angela Stoye

Seyderhelm, Bettina (Hg.): »Taufengel in Mitteldeutschland – Geflügelte Taufgeräte zwischen Salzwedel und Suhl«, Schnell & Steiner, 394 S., ISBN 978-3-7954-2292-9, 24,90 Euro. Zu bestellen bei der Kirchlichen Stiftung Kunst- und Kulturgut in Magdeburg, Telefon (0391)5346560 oder (0391)5346563

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