Gott will im Dunkel wohnen

10. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Gedanken zu dem Adventslied »Die Nacht ist vorgedrungen« von Jochen Klepper

Weihnachtsmarkt auf dem Neumarkt  in Dresden mit Blick zur Frauenkirche.  Foto: Steffen Giersch

Weihnachtsmarkt auf dem Neumarkt in Dresden mit Blick zur Frauenkirche. Foto: Steffen Giersch

Wenn wir an Nacht denken, dann vor allem an die eine, die stille und heilige in Bethlehem. Die Nacht als Dunkelfolie für eine Herrlichkeit, die sich im Licht offenbart. Was wäre das auch für ein nutzloser Schein, wenn er nicht in Finsternis fiele? Das Licht verdankt seine Aufmerksamkeit dem Dunkel. Wer beachtet schon eine Kerze in der Mittagssonne?

Aber Advent und Nacht? Wie geht das zueinander? Ankunft und Finsternis? Wer sieht wohl den, der im Dunkeln eintrifft? Kommt der Menschensohn denn nicht, in einer Wolke zwar, aber doch mit großer Kraft und Herrlichkeit, dass wir unsere Häupter in den Nacken werfen können, weil sich unsere Erlösung naht?

Und doch hat einer gewagt, ein ganzes Adventslied in die Nacht zu setzen: Jochen Klepper. Bei ihm ist sie vorgedrungen. Eine Nacht in Bewegung also, eine Nacht, die sich voranarbeitet auf den Morgen zu. Sie ist schon im Schwinden, sie fällt, und zwar auf Menschenleid und -schuld. Kleppers Nacht ist adventlich durch den Stern und durch das Finstere, in dem er strahlen kann. »Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.« Was unsere grellen Lichterketten zu überblinken suchen, macht Kleppers Stern offenbar. Es kommt zur Sprache, dass manche Nacht zum Heulen ist oder unter Tränen alles zur Nacht werden kann: »Auch wer zur Nacht geweinet …«

Dass Nacht im Schwinden ist, wird für Klepper zunächst noch zum Fanal der Hoffnung. Allerdings spricht alles dagegen, als er das Lied im Finsterjahr 1938 dichtet. Die Synagogen brennen, den jüdischen Geschäftsleuten bläst der kalte Wind durch die zerschlagenen Schaufenster. Bald wird die Nacht in Auschwitz und Treblinka lagern.

Schon lange ist sie mitten in die deutsche Bildungsbürgerseele hineingekrochen. Klepper lebt gerade nicht in einer Nacht hirnloser Monster oder dumpfbackiger Kulturbanausen. Die braune Nacht folgt auf das hochgelobte Abendland. Es ist nicht mehr so ganz christlich, aber noch immer von Dichtern und Denkern bevölkert.

Jochen Klepper verzweifelt an diesem Zwiespalt, wie seine Tagebücher zeigen. Er ist ja selbst ein Dichter, und ein Deutscher noch dazu. Er weiß noch nicht, dass ausgerechnet der Stern, den er für sein adventliches Nachtlied wählt, das Verrätersymbol der Gotteskinder sein wird. Seine ­jüdische Frau Hanni wird ihn tragen müssen, die Tochter Renate auch.

Aber unser Lied entsteht noch im Jahr der letzten Hoffnungen, 1938: »Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr, von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.« Das kann, ja, das muss man hoffen, wenn man liebt. Aber die Erfahrung ist eben eine andere. Die Nacht ist vorgedrungen, aber der Tag ist eben doch so fern. Die Nacht ist ganz und gar nicht im Schwinden, sie nimmt noch zu.

Klepper reist in die Höhle des Finsterlöwen Adolf Eichmann und fleht für Frau und Tochter. Ohne Erfolg. Er dichtet keine Lieder mehr. »Lieder vermag ich nicht mehr zu schreiben … Liebe, Lob, Dank, tragen also das Lied nicht; es ist nicht möglich ohne das Vertrauen. Und hier ist dem Widersacher gelungen, mich zu zerstören.«

Das klingt nicht mehr nach: »Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein …« Man hört auch nicht dieses: »Nun hat sich euch verbündet, den Gott selbst ausersah.« Das ist für Klepper zu sehr in Nacht gehüllt seit Kriegsbeginn. Er sieht die Judenkinder in den Judenzügen. Es gehen ihm die Worte aus. Nur seinen Tagebüchern vertraut er den ganzen Jammer noch an. Und da schimmert dann fast auf jeder Seite dieses unglaubliche Überlebenswort der Verzweifelten durch: Gott will im Dunkel wohnen.

Dass Gott dieses Finstere hell machen könnte, das rutscht Klepper später weg. Das kommt ihm gnadenlos abhanden. Aber an dem Gott, der sich auf die Nacht einlässt, hält er fest. Damit wird er, der doch meinte, keine Worte mehr zu haben, zum Sprachfinder der Zeit nach dem Holocaust. Gott will im Dunkel wohnen – das ist gewiss nicht das beliebte fromme Sahnehäubchen oder das große »Trotzdem«, das wir wie Deckel auf kalte Töpfe legen. Gott will im Dunkel wohnen. – Das ist ein unter dem Einsatz des ganzen Lebens errungenes Hoffnungswort. Daran wohl hat sich Jochen Klepper festgehalten, als er am 11. Dezember 1942 gemeinsam mit Frau und Tochter ganz sicher nicht freiwillig, aber sehr bewusst, in den Tod ging.

Thomas Perlick

Advent
Advent heißt:
Erwartung und Ankunft des Herrn.
Heutzutage bedeutet es etwas anderes:
Erwartung und Ankunft
neuer Waren zum Verkauf!

Willy Meurer

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