Sind Babyklappen eine Hilfe?

3. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

PRO:

PRO: Margot Käßmann, Landesbischöfin  der Evangelisch-­Lutherischen ­Landes­kirche ­Hannovers und ­Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland

PRO: Margot Käßmann, Landesbischöfin der Evangelisch-­Lutherischen ­Landes­kirche ­Hannovers und ­Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland

Wenn auch nur ein Kind gerettet wird, hat sich die Babyklappe gelohnt! So haben wir seit der Einrichtung des »Babykörbchens« vor acht Jahren in unserer Landeskirche immer argumentiert. Und es hat sich gelohnt: Neun Säuglinge wurden anonym abgegeben, sieben haben wir im Körbchen gefunden, ein Kind wurde vor dem Diakoniekrankenhaus abgelegt. Drei der »Babykörbchen-Kinder« sind heute wieder bei ihren Müttern, die anderen leben in Adoptivfamilien. Ein tot aufgefundenes Kind, dessen Schicksal viele sehr bewegt hat, haben wir in Verantwortung des Netzwerks Mirjam, das für das Babykörbchen zuständig ist, würdevoll bestattet.

Das zentrale Argument des Deutschen Ethik-Rates ist die Annahme, dass eine Art Entsorgungsmentalität entstehen könne, wenn es den jungen Müttern durch die Babyklappen oder anonyme Geburten so einfach gemacht werde, ihre Kinder loszuwerden. Weiter geht der Ethik-Rat davon aus, dass die Probleme gelöst werden können, wenn die Schwangeren in Not nur die legalen Hilfen besser als bisher nutzten, wenn die Aufklärung über die Hilfsangebote verbessert und die Zusammenarbeit der freien Träger mit den öffentlichen Hilfsangeboten verstärkt würden. Für alle diese Annahmen gibt es keine gesicherten empirischen Belege.

Entgegenhalten will ich die achtjährige Erfahrung unseres Netzwerkes Mirjam, dessen 24-Stunden-Notdienst mehr als 10500 Anrufe erhalten hat, woraus die intensive Begleitung und Beratung von 54 Frauen entstanden ist. Wir wissen: kaum eine der Schwangeren wollte ihr Kind einfach »entsorgen«. Das lässt sich dadurch belegen, dass 41 der Frauen ihre Anonymität aufgegeben haben. Trotzdem bleibt: 13 Frauen gebaren anonym oder gaben ihr Kind im Babykörbchen oder im Kreißsaal ab. Selbstverständlich hat es ein anonym geborenes Kind später nicht einfach, wenn es von seinem Schicksal erfährt. Psychologen sagen aber, dass eine liebevolle Pflegefamilie durchaus die Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit kompensieren kann.

Der Ethik-Rat hat sicher Recht, wenn er bessere Beratung und effiziente Hilfsangebote fordert. Aber es ist unsinnig, deshalb nun die Babyklappen ganz abzuschaffen. Es bleiben junge Frauen, die keinen anderen Weg in ihrer Verzweiflung sehen und die Möglichkeit bekommen müssen, ihr Kind in sichere Hände zu legen. Babyklappen sind die Ultima Ratio in einem Netzwerk von Beratung und konkreter Hilfe, das sich in meiner Landeskirche sehr gut bewährt hat. Ein Konzept übrigens, dass unsere Kirchen schon seit Jahrhunderten als letzten Ausweg kennen – im Zweifel für das Leben.

CONTRA:

KONTRA: Prof. Dr. med. Frank Emmrich, ­Leiter des ­Fraunhofer-Instituts für Zelltherapie und Immunologie  in Leipzig und ­Mitglied im ­Deutschen Ethikrat

KONTRA: Prof. Dr. med. Frank Emmrich, ­Leiter des ­Fraunhofer-Instituts für Zelltherapie und Immunologie in Leipzig und ­Mitglied im ­Deutschen Ethikrat

In der Hoffnung, dass dadurch Tötung und Aussetzung von Neugeborenen verhindert werden können, werden seit etwa zehn Jahren in Deutschland zunehmend Babyklappen eingerichtet. Derzeit gibt es etwa 80 davon. Ihre Zahl nimmt zu. Allerdings ist es damit nicht gelungen, die Zahl der Kindestötungen zu vermindern, die nach wie vor bei etwa 20 bis 30 pro Jahr liegt. Dafür aber sind neue Probleme entstanden. Nicht allen Betreibern von Babyklappen ist bewusst, dass diese illegal sind, da eine regelrechte Erfassung der Neugeborenen im Personenstandsregister nicht erfolgen kann und die Rechte des Kindes auf Kenntnis seiner Abstammung und seiner Familie, sowie möglicherweise auch die Rechte des Vaters nicht berücksichtigt werden. Es ist nicht einmal sicher feststellbar, ob die Mutter selbst oder eine andere Person das Kind in der Babyklappe abgelegt haben. Damit sind Babyklappen und anonyme Geburten selbst zum Problem geworden, das mittlerweile über 500 Kinder betrifft.

Der Deutsche Ethikrat empfiehlt daher mit großer Mehrheit, dass die staatliche Duldung der Einrichtung und des Betriebes von Babyklappen und Angeboten der anonymen Geburt nicht mehr fortgesetzt wird. Stattdessen empfiehlt er verschiedene Maßnahmen, um die öffentliche Information und die Zusammenarbeit der Behörden zu verbessern, damit allen Frauen in schwierigen familiären und sozialen Situationen rasch, unbürokratisch und auch mit hohem Vertrauensschutz geholfen werden können. Der Ethikrat empfiehlt überdies, durch Schaffung eines speziellen Gesetzes die Möglichkeit zur »vertraulichen Kindesabgabe mit vorübergehender anonymer Meldung« zu schaffen. Damit würde den Beratungsstellen ein neues Instrument in die Hand gegeben, um ein besonderes Vertrauensverhältnis zur Mutter zu begründen und sie schrittweise entweder zur Annahme ihres Kindes oder zur Zustimmung in eine geregelte Adoption zu bewegen.

Wer sich für Einzelheiten interessiert, dem sei die ausführliche Stellungnahme des Deutschen Ethikrates zu diesem Problembereich empfohlen, die entweder direkt über den Deutschen Ethikrat oder über das Internet (www.ethikrat.org) bezogen werden kann. Dort sind sowohl die bisher gemachten Erfahrungen wie auch Argumente für und wider die anonyme Kindesabgabe wie auch die speziellen Empfehlungen des Deutschen Ethikrates und ihre Begründungen im Einzelnen nachzulesen. Auch das Sondervotum von sechs der 26 Mitglieder des Ethik­rates kann dort nachgelesen werden, die an der bisher geübten Duldung von ­Babyklappen und anonymer Geburt ­festhalten möchten.

Das aktuelle Stichwort: Babyklappe

Babyklappen sind öffentlich zugängliche, geschützte Wärmebettchen, in denen Frauen anonym ihr Neugeborenes legen und zur Adoption freigeben können. Über einen Alarm werden eine Klinik oder Hebammen auf das Kind aufmerksam gemacht, so dass sie sich um den Säugling kümmern können. In Deutschland wurde vor zehn Jahren in Hamburg die erste Babyklappe eingerichtet. Seitdem wurden dadurch 300 bis 500 Kinder zu »Findelkindern mit dauerhaft anonymer Herkunft«, heißt es in der Stellungnahme des Deutschen Ethikrats.
Derzeit gibt es bundesweit knapp 80 Babyklappen. Die meisten Babyklappen werden von kirchlichen Einrichtungen getragen. Daneben gibt es rund 130 Krankenhäuser in Deutschland, in denen anonyme Entbindungen vorgenommen werden. Dabei gibt die Frau ihre Identität nicht preis. (epd)

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