Alltag im Licht der Weihnachtsbotschaft

3. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Stressbewältigung im Advent – Wie die Weihnachtsgeschichte alles verändert

Foto: Barbara Neumann / ddp

Foto: Barbara Neumann / ddp

Adventszeit

Die vorweihnachtliche Adventszeit ist eine Möglichkeit,
zur Ruhe zu kommen,
wäre da nicht der Vorweihnachtsstress.

Gudrun Kropp

Es ist Anfang Dezember. Ich kränkele mit einer Erkältung herum. Ich frage mich, warum ich mir auch noch den Stress mit diesem Krippenspiel aufgehalst habe, welches in einer Woche uraufgeführt werden soll und ich keinen Plan habe, wie ich es mit den Kindern bis dahin halbwegs einstudiert haben könnte. Am Wochenende ist zudem mein letzter Kurs der Ausbildung in Karlsruhe und ich weiß schon, dass die Bahnfahrt wieder schrecklich sein wird.
Ich habe noch nicht in den Andachtstext für den Tag geschaut.

Halbherzig und missmutig schlage ich das Buch auf: »Beten ist klagen«. Oh ja, denke ich, das passt gut heute, und werfe Gott meinen geballten Frust vor die Füße: »Alles ist so sinnlos, nichts kriege ich hin, niemanden interessiert, was ich kann und mache. Gott, ich weiß nicht, was ausgerechnet du von mir willst?« – Plötzlich habe ich ganz lebendig die Krippenspielszene mit der kleinen Hirtin Tina vor Augen, wie sie lispelt: »Wenn das wirklich ein Engel war, wieso kommt er dann ausgerechnet zu uns armen Schluckern?« Ganz langsam und ganz warm breitet sich diese Erkenntnis in mir aus. Und während ich nun schon etwas aufgeheitert darüber nachsinne, wie liebevoll Gott mich gerade wieder eingekriegt hatte, legt er noch nach, indem er eine Arie aus dem Elias-Oratorium von Mendelssohn Bartholdy in mir anstimmt, die Worte aus Jesaja 54: »Mögen auch Berge fallen und Hügel weichen, der Bund meiner Gnade wird nicht von dir weichen.« Ich fühle mich unglaublich getröstet.

Plötzlich sind die Widrigkeiten meines Lebens nichts weiter als eben Widrigkeiten, meine Erkältung nur eine Erkältung. Die Deutsche Bahn ein nicht ganz perfektes System, womit man ja immerhin schneller unterwegs ist als mit der Postkutsche. Ich sehe »meine« Kinder mit dem Herzen an. Ich kann wieder alles in diesem anderen Licht, im Licht der Weihnachtsbotschaft sehen. Und ich entwickele eine neue Kreativität, die Botschaft auszubreiten, ein Bedürfnis, Leuten, die es nötig ­haben, etwas zu schenken: ein gutes Wort, eine Karte, eine Kerze. Den Elternzettel mit einer Terminmitteilung ergänze ich spontan um die Bemerkung: »Sie haben großartige Kinder mit tollen Fähigkeiten, es macht uns Freude, mit ihnen zu arbeiten.«

Wieso kommt er dann ausgerechnet zu uns armen Schluckern? Ja, er kommt zu den armen Schluckern dieser Erde, den Menschen, die wirklich am Rand stehen, am Rand der Gesellschaft, am Rand der Akzeptanz: Notleidende, Hartz IV-Empfänger, Verachtete, psychisch Kranke, Einsame, Fremde, Jugendliche, die »Null-Bock« haben, Menschen, die keinen Sinn im Leben sehen. Und er kommt zu diesen Kindern, mit denen ich arbeite und die deshalb so authentisch spielen, weil sie die Botschaft offenbar begriffen haben.

Und – wenn wir es zulassen –, wenn wir unsere eigene Armut sehen und zu den »Arme-Schlucker-Seiten« in uns stehen, kommt Gott auch da hinein. Genau in die Bereiche unseres Lebens, wo wir nicht souverän und großartig sind, wo unsere dunklen Seiten liegen: die Abgründe, die Schwächen, die Schuld, die Verletzungen, unsere Unzulänglichkeiten und Fehler, will er kommen. Mitten in der Nacht unserer zerbrochenen Beziehungen, begrabenen Hoffnungen, geplatzten Träume, kaputten Selbstbilder, niedergeschlagenen Aktionen, vergeblichen Mühen steht der Engel plötzlich da – und strahlt wie Elena mit ihrer Kerze – »Ihr müsst nicht erschrecken! Ich bringe euch eine gute Nachricht! Euch ist der Retter geboren. Ihr findet ihn nicht in einem Palast, nicht in einer Villa (nicht auf der Sonnenseite eures Lebens, nicht auf der Schokoladenseite eures Selbstbildes), sondern im Stall.

Er liegt in einer Krippe und ist ein Baby (klein, hilflos, gibt sich in eure Hände, in eure Dunkelheiten in eure Herzen). »Und übrigens«, sagt Engel Elena, »er heißt Jesus!«

Und in mir singt die Arie aus dem Weihnachtsoratorium: »Herr, dein Mitleid, dein Erbarmen, tröstet uns und macht uns frei …«

Petra Ng’uni

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Reaktionen unserer Leser

2 Lesermeinungen zu “Alltag im Licht der Weihnachtsbotschaft”
  1. ist dieser Web-Seite verfügbar in Englisch?

  2. Gudrun Kropp sagt:

    Liebe Frau Ng’uni,

    war es Zufall, dass ich auf Ihren Artikel gestoßen bin?
    Nein, ich glaube nämlich nicht an Zufälle, eher an Fügungen.
    Ich bin über Google auf diese Seite gekommen und war neugierig geworden.
    Dann habe ich Ihren Artikel (lange nach Weihnachten, eben heute am 22. Februar)
    gelesen und er hat mich sehr angeprochen, ja so getröstet und fast Tränen in meine Augen gebracht.
    So liebevoll und leidenschaftlich haben Sie diesen Text verfasst.
    Mich hat die Stelle besonders angesprochen, dass Jesus auch für die
    Menschen mit zerbrochenen Beziehungen gekommen ist.
    Es ist zwar jetzt schon länger her mit der Trennung von meinem Lebenspartner
    und ich komme immer besser klar damit und merke, dass ich es immer besser
    aushalte auch einmal allein in der Wohnung zu sein.
    Es sind so viele Dinge, die mich auch noch sehr berührt haben, einfach auch Ihre Ehrlichkeit und Ihre Gefühle für die Kinder, mit denen Sie für das Krippenspiel geübt haben, alles das und noch viel mehr …

    So, ich werde jetzt mal schließen. Vielleicht lesen Sie ja mal diesen Beitrag von mir. Das würde mich freuen.

    Eine herzliche Umarmung von der Autorin mit dem obigen Weihnachtsspruch
    Gudrun Kropp