Verhältnis der EKD zur Russisch-Orthodoxen Kirche

Martin Schindehütte, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD, ist als Leiter der Hauptabteilung »Ökumene und Auslandsarbeit« seit September 2006 Auslandsbischof der EKD.  (Foto: EKD)

Martin Schindehütte, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD, ist als Leiter der Hauptabteilung »Ökumene und Auslandsarbeit« seit September 2006 Auslandsbischof der EKD. (Foto: EKD)

Zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK) kriselt es. Was die EKD darüber denkt, erklärt Auslandsbischof Martin Schindehütte im Gespräch mit Benjamin Lassiwe.

Herr Bischof Schindehütte, nach der Wahl der geschiedenen Frau Margot Käßmann zur EKD-Ratsvorsitzenden kündigte der Leiter des Außenamtes der ROK, Erzbischof Hilarion Alfeyev, an, die Kontakte zur EKD abzubrechen. Wie sieht die EKD zurzeit ihr Verhältnis zur Russisch-Orthodoxen Kirche?
Schindehütte:
Unser Verhältnis zur Russisch-Orthodoxen Kirche darf man nicht eindimensional sehen. Wir haben derzeit einen offenkundigen ­Konflikt mit Erzbischof Hilarion und dem Außenamt der ROK, aus dem ein Problem für die Beziehungen mit der ROK insgesamt entstehen kann, aber nicht muss, denn wir hören auch Stimmen aus der Russisch-Orthodoxen Kirche, die an einer Fortsetzung des Dialogs interessiert sind. Dabei ist uns klar, dass wir keinen Dialog an unserer Ratsvorsitzenden Margot Käßmann vorbeiführen werden. Wenn Hilarion zur Bedingung macht, den Dialog nur mit mir als Auslandsbischof fortzusetzen, um Margot Käßmann zu umgehen, dann geht das nicht.

Was hat denn der Dialog der letzten 50 Jahre eigentlich gebracht, wenn man jetzt in so eine Situation gerät?
Schindehütte:
Was wir jetzt erleben, ist eigentlich nichts Neues. Der Dialog mit der Russisch-Orthodoxen Kirche war immer auch schwierig. Meine Vorgänger Rolf Koppe und Heinz-Joachim Held standen als Auslandsbischöfe der EKD mehrfach vor Situationen, in denen die ROK damit drohte, den Dialog abzubrechen. Aber es ist immer weitergegangen – gerade zuzeiten des Eisernen Vorhangs waren die Gespräche mit der Russisch-Orthodoxen Kirche wichtige Brücken zwischen Ost und West.

Worum geht es denn bei den Dialogen mit der Russisch-Orthodoxen Kirche überhaupt?
Schindehütte:
Ich will mal Beispiele nennen: 2008 haben wir über die Menschenrechte als christliche Verpflichtung gesprochen. Auch die Themen Säkularisierung und Globalisierung waren von Bedeutung. Russland befindet sich zurzeit in einem gewal­tigen Säkularisierungsprozess. Wir in Deutschland haben bereits Erfahrungen damit, wie wir unter diesen Bedingungen unseren Glauben bezeugen können. Wir behandeln auch aktuelle Themen, von denen wir denken, dass wir voneinander lernen können.

Wie stellt sich die EKD eine Fortsetzung dieser Gespräche vor?
Schindehütte:
Wir hoffen, dass die Russisch-Orthodoxe Kirche zur ökumenischen Grundhaltung zurückkehrt, wonach wir als Kirchen trotz ­aller Unterschiede miteinander reden, und akzeptieren, dass der ökumenische Partner manches anders macht als wir selbst. Dass russisch-orthodoxe Bischöfe im Dialog auf Margot Käßmann treffen, heißt ja nicht, dass sie deswegen in der eigenen Kirche Priesterinnen einführen müssen. Aber wir erwarten von ihnen, dass sie akzeptieren, dass wir uns für eine Bischöfin als Ratsvorsitzende entschieden haben – so wie wir es nicht zur Vorbedingung für einen Dialog machen, dass die Russisch-Orthodoxe ­Kirche Frauen im Priesterinnenamt zulässt.

Ende Januar findet vielerorts die Gebetswoche für die Einheit der Christen statt. Wie sollen evangelische ­Kirchengemeinden reagieren, wenn russisch-orthodoxe Geistliche und Gemeinden teilnehmen?
Schindehütte:
Von evangelischer Seite gilt: Wir bleiben einladend und offen und freuen uns über jedes gemeinsame Gebet, das bei dieser Gelegenheit gesprochen wird. Wenn Geistliche der Russisch-Orthodoxen Kirche an der Gebetswoche teilnehmen wollen, sind sie dazu herzlich eingeladen. Wir werden definitiv niemanden in die Ecke stellen – denn wir sind ökumenisch offen, und wollen das auch bleiben, trotz aller Spannungen, die wir zurzeit mit Moskau haben.

Etwas außergewöhnlich

30. Dezember 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Ein Kalender wirft einen neuen Blick auf Kinder mit Down-Syndrom

Juliana Wenk strahlt in die Kamera. Sie ist ein Kind mit Down-Syndrom, und ihr Foto ist Teil des Kalenders »A little extra 2010«. (Foto: epd-bild)

Juliana Wenk strahlt in die Kamera. Sie ist ein Kind mit Down-Syndrom, und ihr Foto ist Teil des Kalenders »A little extra 2010«. (Foto: epd-bild)

Samira breitet die Arme aus und »fliegt« auf den Händen ihres Vaters. Das blonde Mädchen verströmt auf dem Kalenderfoto für den Monat Juli eine heitere Lebensfreude, den sich der Betrachter kaum entziehen kann. Man muss schon ­genau auf ihre Augen sehen, um zu ­erkennen: Samira hat das Down-­Syndrom, sie ist geistig behindert.

Das fröhliche Mädchen ist, wie die anderen Kinder in diesem Kalender, für das Jahr 2010 von der Stuttgarter Fotografin Conny Wenk abgelichtet worden. Ästhetische Bilder von Menschen, die von vielen in der Gesellschaft bemitleidet werden.

Der Kalender heißt »A little extra 2010«. Das ist ein Wortspiel, denn übersetzt kann das »ein bisschen ­außergewöhnlich« heißen, aber auch »ein kleines Plus« – eine Anspielung auf ein zusätzliches Chromosom, das Auslöser für das Down-Syndrom ist. Bei der auch Trisomie 21 genannten Krankheit liegt das 21. Chromosom – oder Teile davon – dreifach vor.

Conny Wenk hat vor acht Jahren ihr erstes Kind bekommen, Juliana. Damals war sie 33. Als bei der Tochter das Down-Syndrom diagnostiziert wurde, sei sie in einen Schockzustand verfallen, erinnert sie sich. Völlig falsche Bilder habe sie über diese Menschen im Kopf gehabt, und als ihr eine Krankenhausseelsorgerin aus einem veralteten klinischen Wörterbuch etwas von »mongoloider Idiotie« vorlas, näherte sie sich einer Depression.

Erst der Kontakt zu anderen Frauen mit Down-Syndrom-Kindern hat sie wieder aufgerichtet. »Das waren ganz tolle Mütter, die wirkten gar nicht ­deprimiert – nach dieser Begegnung ging’s bei mir bergauf.« Conny Wenk machte sich an ihr erstes Buchprojekt, fotografierte 15 dieser Mütter mit ­ihren Kindern und brachte es unter dem Titel »Außergewöhnlich« auf den Markt. Rund 25000 Exemplare wurden davon verkauft, einige gingen auch an die Geburtsstationen von Krankenhäusern, um Eltern Neuge­borener mit dieser Behinderung Mut zu machen.

Heute hat Conny Wenk ein völlig anderes Bild von betroffenen Kindern. »Meine Tochter leidet nicht unter Down-Syndrom, sie führt ein absolut lebens- und liebenswertes Leben.« Wenk, die später noch einen Sohn – ohne Down-Syndrom – zur Welt brachte, wehrt sich auch dagegen, Menschen nur nach ihrem Gesundheitszustand zu beurteilen. »Keiner von uns hat die Gewähr, immer gesund zu sein – wir brauchen eine ­andere Einstellung gegenüber Einschränkungen, die jeder von uns hat«, sagt sie.

Tochter Juliana hat dem Leben ihrer Mutter eine ganz neue Richtung gegeben. Ihren Job als Personal-
chefin in einem Medienunternehmen hängte sie an den Nagel und konzentrierte sich aufs Fotografieren. Inzwischen ist sie gefragt, macht Porträts für Businessfrauen wie für Hochzeitspaare, hat 2007 sogar einen Prominentenkalender mit dem TV-Lästermaul Harald Schmidt auf dem Titel produziert. »Dass ich heute Fotografin bin, habe ich meiner Tochter zu verdanken«, resümiert sie.

Ihre Arbeit mit Bildern betrachtet Conny Wenk nicht nur unter künstlerischen, sondern auch unter aufklärerischen Gesichtspunkten. Die Gesellschaft wisse viel zu wenig über die rund 50000 in Deutschland lebenden Menschen mit Down-Syndrom, deshalb könne man Berührungsängste nicht verübeln. Entsetzt ist sie allerdings, dass teilweise nicht einmal Mediziner, die Schwangere beraten, eine Vorstellung von dieser Behinderung haben. »Einmal rief mich ein beratender Arzt an und fragte, ob es denn stimme, dass ein Kind mit Down-Syndrom ein 24-Stunden-Pflegefall sei«, erinnert sie sich.

Die Kinder in Conny Wenks Kalender vermitteln nichts von Pflegefall. Dennis, Giuliana, Jan und Marina und die anderen Mädchen und Jungen versprühen eine positive Einstellung zu ihrem Leben, das die Fotografin weniger als »behindert« und mehr als »außergewöhnlich« betrachtet.

Marcus Mockler (epd)

Wenk, Conny/Rapp, Commy: A little extra 2010, Kalender, Neufeld Verlag, 13 S. mit Farbfotografien, 34×34 cm, ISBN 978-3-937896-85-4, 14,90 Euro

Gegen Gesundheitswahn und Gesundbeterei

30. Dezember 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Dr. Manfred Lütz ist Mediziner, katholischer Theologe und Bestsellerautor. Er leitet als Chefarzt das Alexianer-Krankenhaus in Köln, eine Klinik für Psychiatrie, ­Psychotherapie und Neurologie. (Foto: epd-bild)

Dr. Manfred Lütz ist Mediziner, katholischer Theologe und Bestsellerautor. Er leitet als Chefarzt das Alexianer-Krankenhaus in Köln, eine Klinik für Psychiatrie, ­Psychotherapie und Neurologie. (Foto: epd-bild)

»Der Wunsch ›Hauptsache gesund!‹ ist eine Frechheit« – mit Manfred Lütz im Gespräch über Glaube und medizinische Wissenschaft.


Gesundheit ist ein hohes, aber nicht das höchste Gut. Der Psychiater und ­Bestsellerautor Martin Lütz findet, dass es Wichtigeres gibt als Gesundheit. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.

Herr Dr. Lütz, zum neuen Jahr wünschen wir uns neben Glück und ­Segen vor allem Gesundheit. Ist Gesundheit das Wichtigste im Leben?
Lütz:
Der Ausruf »Hauptsache gesund!« ist eigentlich eine Frechheit gegenüber Menschen, die nicht gesund sind und sich trotzdem ihres ­Lebens freuen können. Auch in den Defiziten und Behinderungen eines Lebens können wir Quellen des Glücks finden und in Krankheit und Leiden Herausforderungen, die einem Leben seinen besonderen Geschmack geben.

Ist es nicht allzu verständlich, dass jemand, der krank ist, wieder gesund werden will?
Lütz:
Natürlich können wir Menschen Gesundheit wünschen. Die Frage ist nur, wie hoch wir den Wert der Gesundheit veranschlagen. Wenn jemand, der Krebs hat, Gesundheit ­tatsächlich für das Wichtigste halten würde, kann man ihn eigentlich nur bedauern.

Gesundheit ist nicht das höchste, aber doch ein sehr hohes Gut …
Lütz:
So ist es und natürlich müssen wir als Christen mit unserem Körper, dem Tempel des Heiligen Geistes, wie der Apostel Paulus sagt, verantwortlich umgehen. Aber wir dürfen die Gesundheit nicht zum Götzen machen und auch nicht zu einem unerreichbaren Ideal nach dem Motto »Gesund ist ein Mensch, der nicht ausreichend untersucht wurde«. Es gibt Menschen, die schwere Krankheitsphasen hinter sich haben und im Nachhinein sagen: Das hat mich reifer gemacht. Aber man darf das Leiden auch nicht verklären. Man muss verstehen, wenn andere Menschen nach schwerer Krankheit finden: Da hätte ich gut drauf verzichten können. Es war einfach nur schrecklich.

Glauben Sie, dass christlicher Glau­be zur Gesundung beitragen kann?
Lütz:
Ich finde es eher amüsant bis ärgerlich, wenn in der journalistischen »Saure-Gurken-Zeit« im Sommer in kirchlichen Zeitungen immer wieder Meldungen abgedruckt werden, man habe festgestellt, dass Menschen, die viel beten, älter werden als Menschen, die nicht viel beten. In Wirklichkeit ist das doch Etikettenschwindel. Die Botschaft soll da ja wohl lauten: Werdet Christen und betet viel, dann geht es euch besser in diesem Leben. Aber das ist nicht die Botschaft Jesu. Jesus selbst hat schwer gelitten und ist früh gestorben, obwohl er viel gebetet hat. Und so wie die Apostel als Märtyrer in den Tod gegangen sind, so ist das Christentum auch heute für die Christen in China und Vietnam nicht gerade lebensverlängernd. Wer den Glauben nur noch von seinen Gesundheitseffekten her sieht, der ist der allgemein herrschenden Gesundheitsreligion auf den Leim gegangen. Beten mag einen gesundheitlichen Nebeneffekt haben. Wer einen Sinn in seinem Leben sieht, der mag vielleicht ein bisschen ruhiger, ein bisschen weniger unstet leben. Das senkt möglicherweise etwas den Blutdruck. Aber was hat man von einer solchen Erkenntnis?

Was halten Sie von Heilungsgottesdiensten und Berichten von Spontanheilungen?
Lütz:
Erstens gibt es natürlich Spontanheilungen. Die passieren auch bei nicht gläubigen Menschen. Andererseits glaube ich selbstverständlich, dass Gott Wunder wirken kann. Allerdings nehme ich nicht an, dass er das am laufenden Band tut. Heilungsgottesdienste sind dann ganz in Ordnung, wenn sie die geistliche Dimension, die bei jeder Krankheit eine Rolle spielt, ansprechen. Es sollte aber nicht der Eindruck erweckt werden, das sei die einzige wahre Dimension. Heilungsgottesdienste können das Heilsame des Christentums ganz konkret ansprechen, aber sie werden dann höchst problematisch, wenn suggeriert wird: Jetzt werden wir über den Krebskranken, der hier unter uns ist, beten und dann kann der schon mal alle Medikamente absetzen, denn ­allein das Gebet hilft. Wer das Gebet ausspielt gegen die Einsichten der Wissenschaft, die edle Früchte der uns von Gott geschenkten Vernunft sind, der versündigt sich aus meiner Sicht am Patienten und am Schöpfergott.

Sie sind Referent beim zweiten Christlichen Gesundheitskongress in Kassel. Sollen medizinische Wissenschaft und Spiritualität näher zusammenkommen?
Lütz:
Natürlich ist es gut, dass beide Sphären umeinander wissen. Dennoch glaube ich, dass man beide Bereiche sorgfältig trennen muss. Ich bin gegen diese gut klingenden Parolen, wir müssten alles möglichst ganzheitlich sehen, Körper, Seele und Geist und daher müsse jeder wahre Arzt quasi zugleich Seelsorger sein und jeder Seelsorger zugleich Arzt. Seelsorge ist viel mehr als Therapie. Sie ist existenzielle Begegnung mit einem Menschen. Wenn man diese beiden Dimensionen vermischt, dann können schnell Guru-Existenzen entstehen. Solche Leute laufen Gefahr, nicht Schüler oder Zuhörer zu haben, sondern Anhänger. Sie wirken dann selbst als Heilsbringer und sind nicht mehr durchsichtig auf Christus. So können gefährliche Abhängigkeiten entstehen. Verantwortungsvolle Psychotherapie aber soll der Freiheit des Patienten dienen. Und verantwortliche Seelsorge soll einladen zur Nachfolge Christi und nicht zur Anhängerschaft an irgendeinen Psychoguru. Gott hat uns den Verstand gegeben, damit wir auch wissenschaftlich mit der Welt umgehen können. Und die Wissenschaft hat einige gut wirksame Therapiemethoden gefunden. Die können Atheisten und Christen anwenden. Man darf nicht einerseits mangelnde wissenschaftliche Kompetenz durch Beten ersetzen und andererseits nicht mangelndes Gottvertrauen durch therapeutischen Aktivismus.

Sie sind nicht der Meinung, dass die einen von den anderen etwas lernen können oder sich bestimmte Methoden aneignen sollten?
Lütz:
Um Gottes Willen! Wenn sich Seelsorger Psychotherapie-Methoden aneignen und die dann anwenden, betreiben sie keine Seelsorge mehr, sondern machen Therapie. Das ist etwas ganz anderes. Psychotherapie ist eine asymmetrische Beziehung zwischen einem methodenkundigen Fachmann und einem Heilung suchenden Patienten, eine künstliche Beziehung auf Zeit für Geld. Man kann nicht auf Zeit für Geld den Sinn des Lebens produzieren. Daher sollten aus meiner Sicht Seelsorge und Psychotherapie streng getrennt sein, was nicht heißt, dass man nicht umeinander wissen sollte. Psychotherapie, die nicht um jene andere Dimension weiß, kann schnell totalitär werden und Seelsorge, die alles nur von sich selbst erwartet, fundamentalistisch. Nur als bewusst getrennte Bereiche können beide Zugänge zum Menschen sich gegenseitig respektieren und mit ihren besten Kräften wirken.

Was ist im Leben wichtiger als Gesundheit?
Lütz:
Dass wir uns geborgen in Gott fühlen können, dass wir mit einem geliebten Menschen zusammenleben und Sinn in diesem Leben erkennen. Wenn wir uns an der Natur, an der Musik wirklich freuen können, wenn wir die Unwiederholbarkeit jedes ­Moments erleben und vielleicht auch genießen können, dann ist die Frage, ob man jetzt schwer krank ist oder nicht, vielleicht zweitrangig.
Wichtiger ist, als Geschöpfe Gottes einen Lebensweg zu gehen, den wir vor unserem Herrn Jesus Christus verantworten können, dass wir ein rechtschaffenes Leben führen, auf Gottes Wort hören und versuchen seine Gebote zu halten.

Der Christliche Gesundheitskongress vom 21. bis 23 Januar in Kassel wird von einer Allianz von Personen, Einrichtungen und Verbänden aus Diakonie sowie Landes- und Freikirchen getragen. Er ist für Fachbesucher mit Fortbildungspunkten zertifiziert.
www.christlicher-gesundheitskongress.com

Buchtipp

  • Lütz, Manfred: Gott. Eine kleine ­Geschichte des Größten, Verlag Droemer Knaur, 320 Seiten, ISBN 978-3-426-78164-7, 9,95 Euro
  • Lütz, Manfred: Irre – Wir behandeln die Falschen, Gütersloher Verlagshaus, 208 Seiten, ISBN 978-3-579-06879-4, 17,95 Euro

Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung:
Telefon (03643)246161

Moritz macht sich hübsch

24. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Familie

Comments Off

Kindergeschichte: Vom größten Weihnachtsbaum und wie er in die Kirche gekommen ist

Illustrationen: Kathrin Gehres-Kobe

Illustrationen: Kathrin Gehres-Kobe

In sechs Ausgaben erzählte Moritz vom Alltag und Sonntag einer Kirche. Zum Abschluss eine lustige Begebenheit.

Auch eine Kirche schmückt sich gerne mal! Zu Pfingsten mit kleinen Birken, zum Erntedankfest mit Obst und Gemüse. Wichtig ist mir außerdem, dass zu jedem Gottesdienst frische Blumen auf meinem Altar stehen. Aber am meisten freue ich mich auf die Advents- und Weihnachtszeit! Und meinen Osterweihern geht’s wohl genauso. Denn nie sind meine Bänke dichter besetzt als am Heiligabend.

Einen neuen Adventsstern hatte ich zu meinem 120. Geburtstag bekommen. Aber was würde aus dem Weihnachtsbaum werden? Um den hatte sich immer Gottfried Liesner gekümmert – und der war ja kürzlich gestorben und auf meinem Friedhof beerdigt worden.

An einem Dezembernachmittag drehte sich der Schlüssel in meiner Eingangstür. Wer kam denn um diese Zeit zu Besuch? Aha – Herr Kunze und Herr Schneider. Die beiden geben ein lustiges Paar ab: Armin Kunze ist lang und dünn, Jochen Schneider ist klein und dick. Sie schauten sich um, und mir wurde klar, dass es um meinen Weihnachtsbaum ging. »In diesem Jahr soll er höher sein als der von Paulus!«, sagte der lange Armin. Was? Höher als der Baum der Pauluskirche?? Die Pauluskirche ist ja doppelt so groß wie ich! »Genau«, bestätigte der dicke Jochen, »die sollen mal richtig neidisch werden auf uns!«

Na, wir müssen uns doch nicht ­gegenseitig übertrumpfen! Obwohl … Höher als der Baum der Pauluskirche … Das wär schon was … Ich wartete ungeduldig auf meinen Baum. Noch nie war mir eine Adventszeit so lang erschienen. Und dann war es soweit! Der lange Armin und der dicke Jochen schleppten einen riesigen Baum durch den Mittelgang auf den Altarplatz. Noch waren seine Zweige mit einem Netz an den Stamm gepresst. Jochen Schneider, der Schmied, hatte einen extra starken Ständer geschweißt. Die beiden wuchteten den Baum hinein, richteten ihn auf und schraubten ihn am Ständer fest. Dann zogen sie das Netz ab – was für ein Baum!! Seine Spitze reichte bis zwei Meter unter die Decke, und seine Äste breiteten sich über den ganzen Altarplatz aus. Der Altar und das Bild vom Guten Hirten waren nicht mehr zu entdecken.

»Vielleicht doch ein bisschen groß?«, fragte der lange Armin. »Zu spät«, antwortete der dicke Jochen.
Die paar Strohsterne, die sonst gereicht hatten, mussten sehr großzügig verteilt werden. An die unteren Äste kam der lange Armin ohne Probleme ran. Aber wie sollte er die oberen schmücken? »Ich nehm dich auf die Schultern«, schlug der dicke Jochen vor. »Geht nicht. Ich hab Höhenangst«, lehnte der lange Armin ab, »aber ich kann dich ja hochheben.« »Geht nicht«, erwiderte der dicke Jochen. »Ich bin zu schwer.« Schließlich kamen sie auf eine geniale Idee. Der dicke Jochen schob den Baum an die Empore und drehte ihn langsam mitsamt dem Ständer. Und der lange Armin stand oben an der Brüstung und hängte die Sterne ran.

Aber noch wartete das größte Problem – die berühmte gläserne Christbaumspitze, die schon seit
50 Jahren meine Weihnachtsbäume krönt. Die Spitze des Baumes war nicht mal von der Empore aus zu erreichen. Was nun? Die beiden hatten wieder eine geniale Idee. In all den 120 Jahren habe ich nichts Lustigeres erlebt. Der lange Armin ließ oben vom Kirchenboden ein Seil durch das Himmelsloch herab, und der dicke Jochen schlang Bergsteigergurte um seinen Bauch und ­befestigte das Seil daran. Mit einer Winde zog der Armin den Jochen samt Christbaumspitze langsam in die Höhe. Der kleine dicke Jochen baumelte am Seil und sah aus wie ein süßes Engelein mit Pausbacken. Armin hastete hinunter, schob den Baum unter Jochen und sauste wieder hoch zur Seilwinde. Inzwischen baumelte Jochen um den Baum herum. Endlich erwischte er einen Ast, hielt sich daran fest und stülpte die Christbaumspitze auf den obersten Zweig. »Was machst du da oben, Armin?«, rief er. »Du musst doch den Baum wieder wegschieben, damit ich runter kann.« »Stimmt ja«, erwiderte Armin durch das Himmelsloch, »hab ich ganz vergessen. Weißt du was, ich zieh dich gleich hoch, sind ja bloß zwei Meter.« Und noch ehe Jochen antworten konnte, drehte Armin an der Winde, und Jochen verschwand im Himmelsloch. Na ja, nicht ganz. Kopf und Arme waren schon oben, aber der Bauch blieb stecken. Ich hatte einen wunderbaren Blick auf dieses Schauspiel. Der dicke Jochen ruderte oben auf dem Kirchenboden mit den Armen und zappelte unten im Kirchenschiff mit den Beinen. »Warte, ich drück dich wieder runter«, schlug Armin vor.

»Nein, nicht, ich fall in den Baum«, rief Jochen. »Zieh mich hoch!« Und dann wurde geächzt und gestöhnt und gezerrt und geschimpft. Plötzlich machte es »Plopp!!« und Jochen schnippte wie eine Sprungfeder aus dem Himmelsloch und riss Armin dabei mit um. Die beiden kugelten durch den Staub auf dem Kirchenboden. ­Armin jammerte »Aua, aua, aua …«, Jochen rieb sich seinen Popo. Aber schließlich mussten beide lachen.

Als Frau Schneider mit den Kindern zur Krippenspielprobe kam und den Riesenbaum sah, schlug sie die Hände überm Kopf zusammen. »Wo sollen wir denn spielen?« Die Kinder fanden’s lustig. In diesem Jahr werden die Hirten eben nicht auf dem Feld, sondern im Wald ihre Schafe hüten. Die Sterndeuter kommen nicht aus dem Morgenland, sondern aus dem Unterholz. Und Maria muss damit klarkommen, dass die Tannennadeln sie ins Genick pieksen.
Ich hoffe, es spricht sich herum, dass der größte Weihnachtsbaum der Gegend in diesem Jahr in der Moritzkirche steht! Ihr solltet euch den unbedingt anschauen, wenn ihr hier vorbeikommt!

Ich wünsche euch eine fröhliche und gesegnete Weihnachtszeit!
Euer Moritz

Mit dieser Geschichte beenden wir unsere Beitragsserie über Moritz.

Von Thomas Reuter

Statt Tanne eine Casuarina

24. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Indien: Weihnachten auf dem Subkontinent – ein Besuch im Mädchenheim der Tamilischen Kirche

Lichtertanz zum Weihnachtsfest: Im Kinderheim »Bethlehem« der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche in ­Südindien wohnen rund 50 Mädchen und erhalten eine Ausbildung. 	Foto: LMW

Lichtertanz zum Weihnachtsfest: Im Kinderheim »Bethlehem« der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche in ­Südindien wohnen rund 50 Mädchen und erhalten eine Ausbildung. Foto: LMW

Indien gilt als ein besonders spirituelles Land. Die Christen bilden dabei nur eine kleine Minderheit. Dennoch gilt Weihnachten als offizieller Feiertag.

Merry Christmas«, ruft es aus den Lautsprechern. Indien feiert Weihnachten. Bei 80,5 Prozent Hindus und 13,4 Prozent Moslems sind die 2,3 Prozent Christen in Indien eine Minderheit. Trotzdem sind die Weihnachtstage von der Regierung anerkannte Feiertage.

Auch das Mädchenheim der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Pattukottai, Südindien, bereitet sich für die Festtage vor. Um die 50 Mädchen leben in diesem Internat, um eine fundierte Ausbildung zu bekommen. Ihre Eltern sind arm, manche sind Waisen. Alle sind aufgeregt in der Weihnachtszeit. Seit Anfang Oktober sind alle mit den Vorbereitungen beschäftigt. Tänze und das Krippenspiel werden eingeübt, die Dekoration wird gebastelt. Sterne und Weihnachtsbilder finden ihren Platz in der Festhalle. Jedes Kind ist in die Vorbereitung mit eingebunden.
Janet und Lili gehören mit einigen anderen Kindern dem Kirchenchor an. Jetzt, zwei Wochen vor dem Fest beginnen die »Choral-Rounds«, das Weihnachtsliedersingen. Der Chor geht von Haus zu Haus und singt Weihnachtslieder. In jedem Haus werden die Sänger bewirtet mit Tee, Kaffee und Süßem. Zehn bis 15 Familien werden pro Abend besucht, so dass die ganze Gemeinde in den Genuss des Mini-Chorkonzertes kommt. Auch wenn Janet und Lili am Ende fast heiser vom vielen Singen sind, genießen sie doch diese Aufgabe.

Die Köchin Radha und drei Mädchen sind für drei Tage Helferinnen des »Sweetmakers«. Der Süßigkeitenhersteller baut den großen Kochtopf auf. Während er schon den Teig anrührt, füllen Radha und die Mädchen 30 Liter Öl in den Kochtopf. Das ­Mysore Pack, ein süßes Konfekt aus Kichererbsenmehl, und die salzigen Murukku aus Reismehl müssen im Öl zum Ausbacken schwimmen. Zu Weihnachten werden die Süßigkeiten nicht nur gegessen, sie werden auch an Nachbarn und Arme, egal ob Christen, Hindus oder Moslems verteilt. Der Geruch im Heim verbreitet sich und allen läuft schon das Wasser im Mund zusammen. Man kann Weihnachten deutlich riechen.
Julie und Malathi dürfen mit anderen Kindern den Weihnachtsbaum schmücken. Natürlich findet sich keine Tanne in Indien, aber der Casuarina-Baum, der einer Kiefer ähnelt, ist ein fantastischer Weihnachtsbaum.

Weihnachtskarten, Luftballons, Girlanden und Sterne aus den Vorjahren finden ihren Platz am Baum.
Dann beginnt die Weihnachtsfeier des Mädchenheimes. Alle Eltern, Lehrer, die Nachbarn sind eingeladen, um die Feier mitzuerleben. Die Mädchen haben seit Oktober für das Programm geprobt. Der Stocktanz, der indische Tempeltanz, der Lichtertanz und die modernen Tänze werden mit Begeisterung vom Publikum aufgenommen. Das Krippenspiel ist der Höhepunkt: Die drei heiligen Könige kommen in goldenen Gewändern zur Krippe und bestaunen die Menschwerdung Gottes. Die Weihnachtsfeier endet mit der Verteilung der Geschenke – Süßigkeiten und ein neues Kleid. In jedem »Weihnachtshaus« in Indien schenken die Eltern ihren Kindern neue Kleidung, so sie in der Lage dazu sind. Die Eltern der Kinder aus dem Heim können das meist nicht. So ist die Freude umso größer, dass die Mädchen vom Kinderheim ein neues Kleid bekommen. Alle zeigen sich stolz untereinander ihre Geschenke.

Dann wird es Zeit für die meisten Mädchen sich von den Erzieherinnen zu verabschieden. Sie gehen in die Weihnachtsferien. Die Waisen bleiben im Heim. Das ist aber nicht nur traurig. Denn auf sie warten eine weitere Weihnachtsfeier im kleinen Kreis und die legendäre Talentshow. Aber das wäre schon wieder eine andere Geschichte.

Von Ute Penzel

Das Griechlein und der Wagenlenker

24. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Ausblick: Das kommende Jahr steht ganz im Zeichen Philipp Melanchthons

Galt schon zu Lebzeiten als "Lehrer Deutschland": Philipp Melanchthon, Urheberangabe: Archiv

Galt schon zu Lebzeiten als "Lehrer Deutschland": Philipp Melanchthon

Zum 450. Mal jährt sich am 19. April der Todestag Philipp Melanchthons. Im Rahmen der Reformationsdekade bis 2017 steht deshalb der theologische Lehrer an der Seite Luthers im Mittelpunkt.

Ach, dahingegangen ist der ­Wagenlenker und Wagen Israels …« Mit diesem poetischen Bild kommentierte Melanchthon den Tod Luthers. Doch war Luther der Wagenlenker, der ideelle Kopf der Reformation, so war Melanchthon ihr theologischer Lehrer. Der eine verkündete das Evangelium von der Kanzel herab, der andere in der Universität. Der eine entwickelte revolutionäre Ideen, der andere formulierte sie als Wissenschaft und sicherte sie auf diplomatischer Ebene. Wird heute der Name des einen genannt, so gesellt sich der des anderen von selber dazu.

Dabei war der »Graeculus«, das Griechlein, wie ihn Luther liebevoll nannte, rein äußerlich zunächst eine Enttäuschung für die Wittenberger: schmächtig, etwa 1,50 Meter groß, wirkte er mit seinen 21 Jahren noch wie ein Knabe. Erst mit seiner akademischen Antrittsrede konnte der neue Professor für Griechisch alle überzeugen. Luther war begeistert: »Melanch­thon hat eine so gelehrte und feine Rede gehalten und damit einen solchen Beifall und solche Bewunderung gefunden … Wir haben schnell die vorgefaßte Meinung aufgegeben und von seiner äußeren Erscheinung abgesehen.« Kurze Zeit später bekannte er: »Unser Philipp Melanchthon, ein wunderbarer Mensch, ja einer, an dem fast alles übermenschlich ist.«

Fruchtbare Zusammenarbeit trotz Unterschiedlichkeit

Die Begeisterung war beiderseits: »Ich würde lieber sterben als von diesem Manne getrennt werden«, schrieb ­Melanchthon, als Luther 1521 auf der Wartburg weilte. Für beide begann mit dem Jahr 1518 eine intensive, produktive und auch streitbare Zusammenarbeit, die erst mit Luthers Tod endete. Über Melanchthon erschloss sich Luther die griechische Sprache und die Philologie als Ganzes. Jener wiederum arbeitete sich in die Theologie und die Erkenntnisse Luthers so ein, dass der neidlos bekannte: Dieser kleine Grieche übertrifft mich auch in der Theologie.

Bei aller freundschaftlichen Kollegialität waren beide ganz unterschiedliche Charaktere. »Ich bin dazu geboren«, so Luther, »daß ich mit den Rotten und Teufeln muß kriegen und zu Felde liegen … Ich muß Klötze und Stämme ausrotten, Dornen und Hecken weghauen, die Pfützen ausfüllen und bin der grobe Waldrechter, der die Bahn brechen und zurichten muß. Aber Magister Philippus fähret säuberlich stille daher, bauet und pflanzet, säet und begießt mit Lust, nachdem Gott ihm hat gegeben seine Gaben reichlich.«

Völlig unterschiedlich ist auch ihre Einstellung gegenüber den Dingen des Lebens. Während Luther die kleinen und unwesentlichen Dinge bewegten und er bei den großen dachte »das ist dir zu hoch, du kannst es doch nicht halten, also laß es gehen«, war es bei Melanchthon umgekehrt: »Durch die Angelegenheiten seines eigenen Lebens … wird er nicht beunruhigt, dafür beunruhigen ihn jene gewaltigen Fragen des Staates und der Religion. Mich drücken immer nur meine kleinen Sorgen nieder: so verschieden sind unsere Anlagen« (Luther).

Melanchthon prägte das »sola scriptura«
Für ihre Zusammenarbeit war diese Verschiedenheit produktiv, glückliche Ergänzung und Bereicherung zugleich. Am deutlichsten wird das am Beispiel der Lutherischen Bibelübersetzung: Es war nämlich Melanch­thon, der aus dem genauen Studium des biblischen Urtextes und der Beschäftigung mit den theologischen Gedanken Luthers heraus – und das zunächst weit klarer noch als Luther – die alleinige Verbindlichkeit der Bibel postulierte. Auf diese Weise erteilte er nicht nur manchem Lehrsatz der ­Kirche und der kirchlichen Tradition eine Absage, sondern er vermittelte Luther damit auch die entscheidende Anregung für die Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche. Denn nur so war es jedermann möglich, die Schrift auch zu verstehen.

Zwar trug Luther den Löwenanteil der Übersetzung, doch standen ihm seine Kollegen stets zur Seite; allen voran Melanchthon mit seinen ausgezeichneten Sprachkenntnissen und seinem Spezialwissen. So gingen z. B. seine Kenntnisse in der Münzkunde, über die Geographie des Heiligen Landes und seine Übersetzung seltener Pflanzennamen in Luthers Text ein. Wenn auch die kraftvolle und bilderreiche Sprache des Bibeltextes zu Recht als Luthers Verdienst gilt, so kommt Melanchthon ein gewichtiger Anteil am richtigen sprachlichen Verständnis des griechischen Urtextes und an der sachlichen Genauigkeit der Übersetzung zu.

Was für die Übersetzung des NT gilt, trifft auch für die des AT zu. Es war vorrangig Luthers und Melanchthons Verdienst, dass im Herbst 1534 die erste deutschsprachige Wittenberger Gesamtausgabe erscheinen konnte, Zeugnis der produktiven Verbindung beider Reformatoren.

Von Silvia Weigelt

Gott ist da, er lässt dich nicht allein

24. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Weihnachten lässt sich nicht ignorieren. Überall ist es präsent, auch auf unserem kleinen Markt vor meiner Lieblingsbibliothek: »Madame, nur ein Euro, dass ist geschenkt!«, strahlt mich der junge, dunkelhäutige Verkäufer an.

Foto:  Harald Krille

Foto: Harald Krille

Kleinigkeiten zu Weihnachten: Klebeband, Tischschmuck, bunte Karten. Ach, ja, Tannenzapfen für den Weihnachtsbaum wie zu Omas Zeiten. Ich habe keinen Weihnachtsbaum, trotzdem kaufe ich, weil die Dinge mich an das Weihnachten meiner Kindheit erinnern. Und so leuchtet für nur ein Euro die Vergangenheit in mir auf.
Alle Jahre wieder die gleichen Rituale: Wohnung herrichten, Märchen schauen. Wenn sich dann die Fenster der gegenüberliegenden Plattenbauten ins Weihnachtslicht tauchen, zünde auch ich meine Kerzen an, höre leise Musik, öffne bei duftendem Kaffee meine gesammelte Weihnachtspost und fühle mich verbunden mit den Menschen, die anderswo ihr Weihnachten feiern.

Nur in diesem Jahr bekam ich nichts so richtig in die Reihe. Meine Wohnung wollte sich nicht schmücken lassen, die Rituale hatten ihre Kraft verloren und Weihnachtsharmonie stellte sich nicht ein.
So war mir ein Anruf, ob ich mit in die Kirche fahren möchte, sehr willkommen. Meistens fällt es mir schwer die Wohnung zu verlassen, wenn ich mich einmal gemütlich eingerichtet habe. So aber dachte ich: Vielleicht ist Weihnachten diesmal für mich vor der Tür.

In den großen Kirchen ist Heiligabend kaum Platz, zu viel Gedränge, zu wenig Raum für Andacht. Also ­entschieden wir uns für eine kleine Gemeinde mitten in Berlin. Die kleine Kirche steht zwischen Berliner Altbauten – Mietshäuser mit Problemfamilien. Sie sah aus wie ein Zweifamilienhaus, dessen Tür weit ­geöffnet und hell beleuchtet ist. Der Innenraum strahlte Wärme und Geborgenheit aus, erinnerte an die gute Stube mit dem großen Weihnachtsbaum und dem Weihnachtsstern.

Der Gottesdienst begann und ich sang voller Freude die mir vertrauten Lieder, lauschte dem Chor, summte leise mit. Ich sehnte mich nach Ruhe. Mein Blick ging zum Weihnachtsstern, zu den großen mit Lichtern geschmückten Fenstern. Diese gaben die Sicht zum Berliner Innenhof frei: Beleuchtete Küchen, hinter denen vermutlich die letzten Handgriffe für das Abendbrot getan werden, Treppenhäuser im Halbdunkel, die sich ab und zu erhellten.

Plötzlich in diese Andacht hinein drei Kanonenböller, mitten hinein in den Hofschacht. Sichtbar erschrocken sangen alle tapfer weiter, die Blicke fest auf den nun wieder im Dunkeln liegenden Hofschacht gerichtet. Mein Herz klopfte, ich hatte Angst, wollte am liebsten aufstehen und weglaufen. Und noch einmal knallte es dumpf. Der Pfarrer war zur Predigt ans Pult getreten. Man konnte auch in seinem Gesicht Beunruhigung erkennen. Ein Mädchen in einem Rollstuhl, körperlich und geistig behindert, wurde vom Vater hinausgefahren.

Ich dachte verzagt: Wo ist mein Glaube, wenn plötzlich die Harmonie gestört ist? Davongeflogen wie ein erschreckter Vogel??

Noch immer schaute ich ängstlich zur Fensterfront. Was ist das für ein Glaube, der in Gefahr davonfliegt? In meine Zweifel hinein hörte ich die leicht verunsicherte Stimme des Pfarrers: »Auch wenn dein Glaube dich längst verlassen hat und du weit weg von Gott zu sein scheinst, er ist da! Er lässt dich nicht allein.« Ich staunte. Die Worte klangen für mich wie eine Antwort von Gott. Langsam wurde ich ruhiger. Auf der Rückfahrt sprachen wir darüber, wie erschrocken alle über das laute Knallen waren. Anschließend besuchte ich eine ­ältere Dame in unserem Haus. Sie lebt ebenso allein. Wir aßen zusammen Abendbrot und sangen Weihnachtslieder aus ihrer Erinnerung.

Als ich am anderen Morgen, dem ersten Weihnachtsfeiertag, erwachte, hatte ich das Gefühl, Weihnachten sei nun doch auch bei mir eingekehrt. Wieder fielen mir die Worte des Predigers ein: »Auch wenn dein Glaube dich längst verlassen hat und du weit weg von Gott zu sein scheinst. Er ist da! Er lässt dich nicht allein.«

Margarete Noack

Wahrheit unterm Tannenbaum

24. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Geschichtlicher Überblick: Je nach Familientradition und konfessionellem Hintergrund unterscheiden sich die Gabenbringer zu Weihnachten

Geheimnisvolle Weihnachtszeit, Foto: epd-bild

Geheimnisvolle Weihnachtszeit (Foto: epd-bild)

Wer bringt die Geschenke? Der Weihnachtsmann, Knecht Ruprecht oder das Christkind? Eine Klärung.

Um es gleich zu sagen: Die Antwort auf die Frage, wer denn nun die Geschenke zu Weihnachten bringt, kann Eltern in Verlegenheit bringen. Denn die Sachlage ist kompliziert. Der Nikolaus oder der Weihnachtsmann? Und was ist mit Knecht Ruprecht? Oder ist das Christkind in Kooperation mit einer Heerschar himmlischer Helfer für die Gaben zuständig? Wer ist das Christkind überhaupt? Ein blond gelockter weiblicher Engel? Und was, bitte schön, hat das Christus-Kind in der Krippe mit dem Christkind tun?

Die Antwort auf die Frage, wer denn die Geschenke bringt, wird je nach Familientradition und konfessionellem Hintergrund unterschiedlich beantwortet.
»Ich dachte, in den Familien, wo der Weihnachtsmann es nicht schafft persönlich vorbeizukommen, da kommt eben das Christkind. So eine Mischung aus Engel und Jesuskind, auf dessen Glöckchenklang wir am Weihnachtsmorgen mit solchem Herzklopfen gewartet haben, dass wir am Abend zuvor eine halbe Baldriantablette bekamen«, erinnert sich Wolfgang (52) an seine Kindheit. Als er versehentlich ein Gespräch der Eltern zum Thema: »Wer kriegt was?«, mitbekam, brach er in Tränen aus. Unwiederbringlich vorbei, der wunderschöne Glaube an einen himmlischen Gabenbringer.

Tröstlich nur, dass der Siebenjährige sich jetzt endlich erklären konnte, warum das Christkind alle Jahre wieder die ungeliebten kratzenden Unterhemden statt des ersehnten Fahrrades brachte.

»Bei uns kamen die Geschenke vom Weihnachtsmann. Ich habe mich irgendwann gewundert, dass er dieselben Schuhe trug wie unser Nachbar«, erzählt Anne (26) und erinnert sich daran, dass sie diese Wahrheit nur sehr widerwillig akzeptiert habe. »Ich wollte so gerne an den Weihnachtsmann glauben.« Allerdings sei sie froh gewesen, dass mit der »Entmythologisierung« des Weihnachtsmanns auch das elterliche Druckmittel: »Wenn du nicht lieb bist, bringt der Weihnachtsmann nichts«, wirkungslos wurde.

»Unsere Eltern haben uns nie vom Weihnachtsmann oder dem Christkind erzählt. Weihnachten feiern wir Geburtstag von Jesus. Weil Gott uns Jesus geschenkt hat, machen wir uns gegenseitig Geschenke«, erzählen Lukas (11) und Lisa (13). »Mir ist wichtig, dass der christliche Grund für Weihnachten deutlich bleibt«, betont ihre Mutter Bettina. Sie fürchtet, dass mit dem Abschied vom Christkind auch der Abschied vom Glauben an das Christus-Kind eingeläutet werden könnte. Nach dem Motto, wenn die Sache mit dem Weihnachtsmann oder dem Christkind nicht stimmt, dann taugt auch der Glaube an Jesus nicht fürs Erwachsenenleben. Geheimnisvoll und schön ist die Zeit vor Weihnachten trotzdem. Heimliche Basteleien und die Spannung, was wohl ­unterm Tannenbaum liegt, schaffen in der Familie eine besondere Atmosphäre.

Knapp vier von fünf Deutschen (78 Prozent) haben nichts dagegen, ihre Kinder an den Weihnachtsmann glauben zu lassen. Das ergab eine Emnid-Umfrage. Dabei liegt der Weihnachtsmann als Gabenbringer weit vor dem Christkind. Ist womöglich die Sehnsucht nach Geheimnissen, nach Spannung und Fantasie bei Eltern mindestens genauso groß wie bei ihren Kindern? Oder ist die mediale Präsenz von Weihnachtsmann und Christkind, die als Werbeträger im Dienste von Kommerz und Konsum unterwegs sind, so übermächtig, dass sich weder Eltern noch Kinder entziehen wollen oder können?

Jenseits von vorweihnachtlichem Kommerz und Kerzenschein kann ein Blick zurück ein wenig Klarheit ins weihnachtliche Gabenbringer-Durcheinander bringen.

Das Christkind – eine Erfindung Martin Luthers
Das Christkind ist, man höre und staune, eine Erfindung von Martin Luther. Der Reformator wollte, weil ihm die Heiligenverehrung ein Graus war, eine Gegenfigur zum heiligen Nikolaus schaffen. In Erinnerung an den Bischof und Kinderfreund aus Myra brachte nämlich zu Luthers Zeiten der Nikolaus am 6. Dezember die Geschenke. Luther, der am Brauch des Schenkens festhalten wollte, ersetzte den Nikolaus flugs durch das Christkind, das die Geschenke am 25. Dezember verteilte.

Wobei das Christkind keineswegs das Jesuskind ist. Wahrscheinlich ist, dass der Name auf Krippenspiele zurückgeht, in denen die »Christkinder« zur Krippe zogen und dem Christus-kind Geschenke brachten. Bis um 1900 herum hielten viele Katholiken am Nikolaustag als Tag des Schenkens fest.

Dann aber wendete sich kurioserweise das Blatt: Die Katholiken übernahmen Luthers Christkind, während in evangelischen Familien der Weihnachtsmann Einzug hielt. Und woher kommt der? Nein, er ist nicht von dem amerikanischen Konzern erfunden worden, der weltweit die koffeinhaltige Limonade verkauft – auch wenn das immer wieder behauptet wird. Im Rahmen einer Weihnachtswerbung verpasste der schwedische Maler Haddon Sundblom 1931 dem Weihnachtsmann lediglich den Rauschebart und das rot-weiße Outfit, das sich weltweit durchsetzte. Vorher trug der Weihnachtsmann mal einen blauen oder braunen Mantel. Sogar in Knickerbocker und breitem Hut wurde er schon gesichtet. Die Figur des Weihnachtsmannes selbst entstand aus der Verschmelzung der Nikolausfigur und des ihn begleitenden Knecht Ruprecht. Der wiederum stammt genau wie der schwarze Piet, der Julbock oder der Bullkater aus heidnischer Zeit, wo sie als dunkle Gestalten um die Jahreswende ihr Unwesen trieben.

Was tun mit der Sehnsucht der Kinder, die so gern ans Christkind oder den Weihnachtsmann glauben? In ­aller Regel kreiden sie es ihren Eltern nicht als »Lüge« an, wenn sie hinter die Wahrheit kommen. Rüdiger Maschwitz, Landespfarrer in der Arbeitsstelle für Gottesdienst und Kindergottesdienst im Theologischen Zentrum Wuppertal, plädiert angesichts einer immer stärkeren Kommerzialisierung von Christkind und Weihnachtsmann dafür, den Glauben an das Christus-Kind ins Zentrum von Weihnachten zu stellen: »Zu Weihnachten feiern wir, dass Gott uns Christus geschenkt hat und deshalb machen wir uns auch gegenseitig eine Freude.« Der Weihnachtsmann habe angesichts der Kommerzialisierung nichts mit der Sehnsucht von Kindern nach Märchen zu tun. Aus seiner Sicht sollten Eltern den Glauben an Christkind und Weihnachtsmann nicht aktiv fördern, sondern den an das Christus-Kind. Dennoch plädiert er nicht dafür, die »Ebene des Geheimnisvollen« vorschnell rational aufzubrechen. »Antworten Sie ehrlich, wenn Kinder nach der Wahrheit fragen«, ist sein Rat.

Von Karin Vorländer

Italien: Eine höchst umstrittene »White Christmas«

17. Dezember 2009 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Bettina Gabbe berichtet für ­unsere Zeitung aus Italien.

Bettina Gabbe berichtet für ­unsere Zeitung aus Italien.

Die norditalienische Kleinstadt Coccaglio hat mit einer Kontrollaktion gegen Zuwanderer unter dem Motto »White Christmas« Proteste von Kirche, Gewerkschaften und Parlamentariern ausgelöst. Die von der Lega Nord regierte Kommune in der Nähe von Brescia kontrolliert mit der »Operation Weiße Weihnachten« bis Heiligabend den Aufenthaltsstatus von Zuwanderern. Falls diese abgelaufene Papiere vorweisen, verlieren sie ihren Wohnsitz.

Nach Auffassung des für Sicherheit zuständigen Stadtrats von Coccaglio, Claudio Abiendi, ist Weihnachten »nicht das Fest des Willkommens, sondern der christlichen Tradition, unserer Identität«. Bürgermeister Franco Claretti äußerte allerdings vorsichtig Verständnis für die Proteste. Die Bezeichnung »Operation Weiße Weihnachten« für Ausländerkontrollen sei »unglücklich«, gestand er ein. Der Name sollte demnach allein auf den Abschluss der Aktion am 24. Dezember hinweisen. Eine Anspielung auf die Hautfarbe derjenigen, die Weihnachten feiern, sei damit keineswegs gemeint. Die Stadtverwaltung setzt sich Claretti zufolge für die Integration von Zuwanderern ein, allerdings »auf der Grundlage genauer Zahlen«. Die Ausländerkontrollen dienen demnach einer statistischen Erhebung und nicht der Diskriminierung.

Claretti verteidigt die »Operation White Christmas« unter Hinweis auf Unterstützung seines Parteifreunds Roberto Maroni aus Rom. Der Innenminister habe die Aktion mit Vorschlägen für eine Umsetzung ohne ­juristische Schwierigkeiten unterstützt. Offenbar warnte er dabei nur vor juristischen Risiken, nicht vor der ungewollten Negativwerbung.

Während der Vatikan das Vorgehen der Behörden in der Kleinstadt kritisierte, verteidigte der örtliche Pfarrer den zuständigen Bürgermeister und den für Sicherheit zuständigen Stadtrat: »Coccaglio ist nicht rassistisch.«
Bürgermeister der Lega Nord machten zuletzt nicht nur durch Ausländerkontrollen in Coccaglio von sich reden, sondern auch durch die Aufforderung in San Martino dall’Argine bei Mantova illegale Zuwanderer anzu­zeigen. Für die Fraktionsvorsitzende der Demokraten im Senat, Anna ­Finocchiaro, demonstriert die ehemalige Separatistenpartei damit ein »ausländerfeindliches, rassistisches und gewalttätiges Bild unseres Landes«.

Auf Druck der Lega Nord hatte Italien erst im Frühjahr gegen heftigen Widerstand aus Opposition und Teilen der Regierung den Straftatbestand der illegalen Einwanderung eingeführt. Nicht erst seitdem stellt sich die politische Stiftung des rechtsnationalen Kammerpräsidenten Gianfranco Fini von der Regierungspartei »Volk der Freiheit«, die Fondatione Farefuturo, in Zuwanderungsfragen auf die Seite der Opposition. Sie bezeichnete die Ausländerrazzia von Coccaglio schlicht als »vulgäre Instrumentalisierung« des Weihnachtsfests.

Bettina Gabbe

»Mit dem Herzen hören«

17. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Seelsorge: Wenn das Weihnachtsfest nicht nur eitel Friede, Freude, Eierkuchen ist

Anonym, professionell, aber dennoch mit dem Herzen engagiert: die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Telefonseelsorge. 	Foto: Maxie Thielemann

Anonym, professionell, aber dennoch mit dem Herzen engagiert: die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Telefonseelsorge. (Foto: Maxie Thielemann)

Weihnachten kommen die ­Gefühle hoch. Nicht bei jedem nur die schönen. Gut, dass es die Mitarbeiterinnen und ­Mitarbeiter der Telefonseelsorge von Diakonie und Caritas gibt.

»Telefonseelsorge, Guten Abend.« Knapp begrüßt Anneruth Klingner* (* Name geändert) die Anrufer mit ihrer warmen tiefen Stimme. Neben dem Telefon brennt eine Kerze, das Büro ist mit Zweigen geschmückt. Die fremden Menschen am anderen Ende der Leitung fühlen sich oft wenig weihnachtlich. Das Fest weckt bei ihnen die immer gleichen Wunschvorstellungen, die auch von der Werbung ­getragen werden: »Da denkt jeder an eine große Familie um einen Tisch herum, an leckeres Essen und tolle Geschenke«, sagt Anneruth Klingner, »aber in Wirklichkeit ist das bei vielen gar nicht gegeben. Da entstehen dann Lücken.« Diese Lücken möchte Klingner füllen.

Zwei bis vier Mal im Monat sitzt die 52-Jährige ehrenamtlich im Büro der Leipziger Telefonseelsorge und ist für Menschen da, die nicht mehr wissen, mit wem sie reden können. Sie ist da und hört einfach zu. Auch jedes Jahr am Heiligen Abend. »Das ist mein Beitrag zu unserer Gesellschaft.«

Ihre Anrufer sind nicht selten überrascht, dass die Telefonseelsorge auch Weihnachten besetzt ist: »Schön, dass ich Sie erreiche« oder »Wie gut, dass jemand da ist«, hört Anneruth Klingner dann oft. Viele wollten einfach eine menschliche Stimme hören – sei es, weil sie den Abend alleine verbringen, weil sie sich trotz ­Familie innerlich einsam fühlen oder weil sie gerade etwas Schweres durchmachen. Weihnachten liegen die Gefühle näher unter der Oberfläche. Dann sind es vor ­allem Anlässe wie Beziehungsprobleme oder Arbeitslosigkeit, die die großen Fragen des Lebens aufwerfen: »Manche denken, ich wüsste, wie das funktioniert mit dem Glück«, erzählt Klingner nachdenklich, »aber das weiß ich natürlich genauso wenig wie alle anderen. Ich glaube nur, dass das Glück nicht von Geld abhängt.«

Geld, das sei das ganze Jahr über Thema, aber besonders zu Weihnachten. Mütter und Väter, Töchter und Söhne fragen sich dann: was ist mein Leben wert, wenn ich mir nichts leisten, wenn ich keine teuren Geschenke machen kann? Manchmal reichen als Antwort ein, zwei gute Ideen. Liebevolle Geschenke müssen eben nicht viel kosten: z. B. ein gemeinsamer Spaziergang im Wald. Doch die Mitarbeiterin der Telefonseelsorge möchte weniger mit Ratschlägen helfen. »Ich löse mich selbst ein Stück weit auf und fühle in den anderen Menschen hinein. Ich höre einfach mit dem Herzen«, versucht Anneruth Klingner zu beschreiben. »Wenn jemand eine schwere Krankheit hat, was soll ich dann auch sagen? Ich kann höchstens fragen: Wollen wir gemeinsam so etwas machen wie Beten?« Dann zünden sich zwei Menschen eine Kerze an. Anneruth Klingner am einen Ende der Telefonleitung, ein verzweifelter Anrufer am anderen. Klingner versucht damit, eine unsichtbare Verbindung zu knüpfen über das anonyme Gespräch ­hinaus. »Manchmal ist mein Gegenüber gerührt, manchmal auch ich.« Allein wenn sie darüber nachdenkt, werden ihre Augen glasig, die Stimme stockt.

Die Mitarbeiter der Telefonseelsorge geben ein Stück aktive Lebenshilfe. Das professionelle Rüstzeug dazu erhalten sie in speziellen Weiterbildungen neben ­ihrem eigentlichen Beruf. Auch Anneruth Klingner hat in ihrem normalen Arbeitsalltag viel zu tun, gerade jetzt vor Weihnachten. »Ich empfinde meine Arbeit als sinnvoll, aber es ist auch eine sehr beschränkte Welt. Bei der Telefonseelsorge entstehen ganz andere Gespräche und das holt mich wieder ein Stück auf die Erde zurück«, so ihr Fazit.

Manchmal fragen die Anrufer an Heiligabend besorgt: »Was machen Sie denn hier? Warum sind Sie nicht zu Hause?« Anneruth Klingner kann dann jedes Mal beruhigen: »Ich bin Ihretwegen hier.« Die vier Stunden Telefondienst an Heiligabend sind ihr ganz persönliches Geschenk.

Von Maxie Thielemann

Die Telefonseelsorge von Diakonie und Caritas ist rund um die Uhr kostenlos erreichbar unter den Rufnummern (0800)1110111 und (0800)1110222.

Es werden weitere ehrenamtliche Mitarbeiter gesucht.
www.telefonseelsorge.de

Ehrfurcht vor dem Leben

17. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Der Weihnachtsfilm 2009: Albert Schweitzers bewegtes Leben kommt Heiligabend in die Kinos

Dem Film »Albert Schweitzer – ein Leben für Afrika« ­gelingt es, Ehrfurcht zu wecken vor dem faszinierenden Menschen

Albert Schweitzer (Jeroen Krabbé) mit den Patienten und Bewohnern von Lambarene. Foto: NFP/Stefan Falke

Albert Schweitzer (Jeroen Krabbé) mit den Patienten und Bewohnern von Lambarene. Foto: NFP/Stefan Falke

Ehrfurcht vor dem Leben‹ bedeutet: Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das ­leben will.« Albert Schweitzer, der »Urwalddoktor« von Lambarene, der Theologe, Musiker, Philosoph und Friedensnobelpreisträger hat diesen Satz als zentrale Botschaft seines Denkens hinterlassen. Neben Gandhi, Einstein und Martin Luther King gehört er zu den bedeutendsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Zu Weihnachten kommt sein Leben ins Kino.

Albert Schweitzer und Albert Einstein – zwei Männer in ihren besten Jahren, das volle weiße Haar nach hinten gebürstet, blitzende Augen unter buschigen Augenbrauen und ein üppiger Seehund-Schnauzbart unter der Nase: Die beiden Ikonen des 20. Jahrhunderts sehen sich zum Verwechseln ähnlich, und genau das beklagt der eine Albert auch: »Ich werde immer mit dir verwechselt«, sagt der Film-Einstein in New York zum Film-Schweitzer, lacht und zieht die Schuhe aus bei seinem Besuch in der New Yorker Hotelsuite.

Mit dem fiktiven Treffen zwischen den beiden bringt der Film »Albert Schweitzer – ein Leben für Afrika« seine Geschichte in Gang. Zwar kannten und schätzten sich Einstein und Schweitzer tatsächlich sehr. Beide sprachen sich auch immer wieder deutlich gegen die atomare Rüstung aus. Doch zu einer persönlichen Begegnung ist es wohl nur vor dem Krieg gekommen.

Die Dramaturgie dieser Geschichte aus dem Haus der Produktionsfirma NFP ist weniger schlüssig als die von deren beiden anderen Spielfilmversuchen über große deutsche Protestanten: »Luther« (2003) und »Bonhoeffer – die letzte Stufe« (1999). Bemerkenswert ist aber, wie sich die NFP und die Brüder Thies für diese Art von eher sperrigen Stoffen engagieren und damit auch auf dem amerikanischen Markt Erfolg haben.

Albert Schweitzer wurde am 14. Januar 1875 in Kayersberg geboren. Theologie- und Philosophiestudium, Militärdienst, nebenher ein Orgelstudium. Mit 27 Jahren ist er zweifach promoviert, habilitiert und Interimsleiter des theologischen Thomasstifts in Straßburg. Intensiv beschäftigt er sich nun mit der Gestalt des historischen Jesus.

Der entscheidende Punkt für Schweitzer: »Zu einer bestimmten Zeit – ob dies Wochen oder Monate nach seinem Auftreten war, wissen wir nicht – hat Jesus die Gewissheit, dass die Stunde des Anbruchs des Reiches gekommen sei. (…) Seine Erwartung verwirklicht sich aber nicht.« Und auch nicht die Erwartung der frühen Christen nach dem Tod Jesu, ihr ­Meister werde bald in unmittelbarer Zukunft wiederkehren, um dann endgültig als Messias über die Welt zu richten.

Schweitzer bringt auf den Punkt, worüber bis heute viele stolpern: Wenn der Mensch Jesus irrte, welche Folgen hat das für die Christen? Seinen eigenen Standpunkt bezeichnet Schweitzer als »konsequente Eschatologie«, als »fortgeführte Endzeitlichkeit«. Gerade »in der Tatsache des Nichteintreffens« der Wiederkunft Jesu, die bis heute andauert und die die Theologen als »Parusieverzögerung« bezeichnen, sieht Schweitzer »das im Sinne Jesu ›historische Faktum‹«. Denn »die ganze ›Geschichte des Christentums‹ bis auf den heutigen Tag beruht auf dem Nichteintreffen der Parusie, dem Aufgeben der Eschatologie, der damit verbundenen fortschreitenden und sich ­auswirkenden Ent-Eschatologisierung der Religion«.

Das bedeutet für Schweitzer aber keineswegs, damit auch die eigene ­Jesus-Beziehung zu lösen oder dessen Ruf zum Reich Gottes preiszugeben: »Im letzten Grunde ist unser Verhältnis zu Jesus mystischer Art. Keine Persönlichkeit der Vergangenheit kann durch geschichtliche Betrachtung oder durch Erwägungen über ihre ­autoritative Bedeutung lebendig in die Gegenwart hineingestellt werden. Eine Beziehung zu ihr gewinnen wir erst, wenn »wir in der Erkenntnis ­eines gemeinsamen Wollens mit ihr zusammengeführt werden (…) und uns selbst in ihr wiederfinden.«

Das ist der Weg, der Schweitzer weg von der kirchlichen Theologie 1913 in sein Urwaldkrankenhaus nach Gabun, ans Ufer des Ogooué-Flusses, nach Lambarene führt. Diesen Weg muss man kennen, um Schweitzers Philosophie der »Ehrfurcht vor dem Leben«, in der sein Denken mündet, richtig zu verstehen.

»Als wir bei Sonnenuntergang gerade durch eine Herde Nilpferde hindurchfuhren, stand urplötzlich, von mir nicht geahnt und nicht gesucht, das Wort ›Ehrfurcht vor dem Leben‹ vor mir. Der Pfad im Dickicht war sichtbar geworden. Nun war ich zu der Idee vorgedrungen, in der Welt- und Lebensbejahung und Ethik miteinander enthalten sind.« So beginnt der Film »Albert Schweitzer« mit einer Andeutung.

Trotz seiner konstruierten Handlung gelingt es dem in diesem Sommer in Südafrika gedrehten Film aber neugierig zu machen: Ehrfurcht zu wecken vor diesem faszinierenden Christenmenschen, gläubigen Skeptiker und tätigen Beter, französischen Deutschen (oder deutschen Franzosen), Musikgenie, praktischem Philosoph und dienendem Patriarchen, dem wir in Gestalt des Niederländers Jeroen Krabbé gerne zusehen.

Von Markus Springer

Buchtipp:

Schorlemmer, Friedrich: Albert Schweitzer.
Genie der Menschlichkeit, Aufbau Verlag,
270 S., ISBN 978-3-351-02712-4, 22,95 Euro

Festvermarkter, edle Schlipse, Hirten und das Christkind in der Krippe

17. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Pastorale Gedanken zur Weihnachtspredigt: Manchmal kommt Gott selbst vorbei und übernimmt sie

Foto: epd-bild

Foto: epd-bild

Eine Kollegin erzählte mir einmal ganz stolz, dass sie ihre Predigten für den Heiligabend immer schon in den Herbstferien im Kasten hat. Damit kann ich nicht dienen. Ich setze mich meistens zwei, drei Tage vorher hin und fange an, Gedanken aufzuschreiben. Wenn es welche gibt. Aber das kommt vor – trotz 13 Jahren im Amt.
In diesem Jahr habe ich, wider Willen, ziemlich früh an meine Heiligabendpredigt denken müssen – auf dem Weihnachtsmarkt. Die Schinkenwurst blieb mir fast im Halse stecken. Der Karusselldreher hatte Punkt 13 Uhr seine Anlage angeworfen, neben mir ertönte mit lautem Schall urplötzlich »Stille Nacht, heilige Nacht!«. Ich stellte mir das Gesicht des Sängers vor und hörte deutlich die Sprüche der Leute hinter der Glasscheibe im Aufnahmestudio: »Los Alter, bring die Kerzen zum Schmelzen!« Ziemlich niederträchtig. Denen hätte ich gern was erzählt, wenn sie unter meiner Kanzel erschienen wären.

Gott sei Dank gibt es für uns Weihnachtsprediger Krückstöcke, mit denen wir ganz passabel durch dieses ­etwas schwierige Gelände der Weihnachtstage kommen können: die wunderbaren Worte aus dem Lukas-Evangelium, mit Frischesiegel: Es ­begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging: Und dann die Weihnachtslieder.

Zum Schluss: »O du fröhliche«. Am Anfang: »Tochter Zion«.
Ich frage in jedem Jahr meine Konfirmanden und meine Leute aus den Oberstufenkursen im Gymnasium, welchen Tonfall sie mir für die Menschen anraten, die nur Weihnachten ihre Füße über die Kirchenschwelle setzen. Die Antwort ist immer eindeutig: freundlich, herzlich, gütig, ein bisschen Humor kann auch sein – aber um Gottes willen keine Strenge, keine ­Ironie, kein pastorales Gebrabbel und kein Frontalangriff auf das schlechte Gewissen. Trotzdem frage ich immer wieder gern, weil die Antworten so überraschend gleich bleiben. Was soll auch anderes möglich sein unter den Worten des Engels: »Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volke widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.«

Ich habe immer ziemliche Mühe, an dieser Stelle nicht ins Singen zu kommen, denn vor Jahren war ich selbst dieser Engel, damals als Thomaner in Leipzig. In der Bank saß mein fieser Staatsbürgerkundelehrer, Herr Dicke, im schwarzen Ledermantel und wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln – der Mistkerl. So schön hatte ich gesungen für diesen Zyniker und Hetzer. Wohl eher aus Versehen. Er ist mein Zuhörer geblieben in meinen Weihnachtsgedanken. Er sitzt zusammen mit all den gönnerhaften Lächlern und schamlosen Festvermarktern auf meiner Hirtenbank. Und es waren Hirten auf dem Felde bei den Herden, die hüteten des Nachts die Schafe.

Das waren Halunken, Diebe, Nachtgestalten, Verbitterte, Verhärtete, Gottlose, die trotz großer Sprüche doch nicht auf der Sonnenseite des Lebens spazieren konnten, weil sie keinen mehr hatten, der sich mit ihnen hätte freuen können. Sie trauten sich nicht mal mehr gegenseitig über den Weg, sondern beklauten sich untereinander. Damals wie heute. Sie alle habe ich im Auge, im Herzen, im Sinn, wenn ich darüber nachdenke, was Weihnachten zu sagen wäre. Und dazu klingt das wunderbare Wort des noch katholischen Eugen Drewermann als Cantus firmus im Ohr: »Entlarven darf nur, wer auch heilen kann.«

Nein, Ochsen und Esel kommen in der original Weihnachtsgeschichte nicht vor und sollten auch unterm Weihnachtsbaum nicht geoutet und an den Pranger gestellt werden. Ja, aber: all das Elend, der Hunger, der Krieg, die Ungerechtigkeit, der Jammer, die Tränen? Was soll damit werden am Weihnachtsabend?
Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe: denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

Da ist es, da liegt es, auf Heu und auf Stroh: all das, was uns auf dieser Erde heimatlos machen kann. Direkt neben dem Kind, dem wehrlosen und alle Hoffnung tragenden Wesen. Nein. Weihnachten ist kein Tag des billigen Abrechnens mit den Kirchensteuersparern, kein Tag des Nachkartens ­gegen irgendwen. All das wissen
die Menschen doch selbst, all das schwingt in ihnen mit, all das lässt sie nach dem verlorenen Paradies seufzen. Deswegen kommen sie ja in die Kirchen, sehnsüchtig, freiwillig, aufnahmebereit. Wie die Kinder. Wie sagt der erwachsen gewordene Jesus: »Wer aber Ärgernis gibt einem dieser Kleinen, die an mich glauben, dem wäre besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist.«

Ein paar Jahre lang musste ich drei Weihnachtspredigten zustande bringen. Verschiedene selbstverständlich. Das war ein Hammer. Deswegen habe ich angefangen, jedes Jahr selber eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben. Die lese ich in einem unserer Gottesdienste vor, zu dem eigentlich gar kein Mensch kommen kann: Heiligabend um 18.30 Uhr. Dazu singt noch unser Gospelchor. Kurz gesagt: Da ist alles anders.

Inzwischen ist ein Wunder geschehen, das alles infrage stellt, was ich mir so über Weihnachten zusammengedacht habe. Die Kirche ist rappelvoll, die Leute klatschen, lachen und umarmen sich! Und ein, zwei, drei, vier Leute verlassen die Kirche unter Protest mit donnernden Schritten.

Einmal ist sogar einer wegen meiner Weihnachtsgeschichte aus der Kirche ausgetreten – weil ich erwähnt hatte, dass ich den frisch geschenkten Schlips schon am Halse hätte. Au war der sauer! Warum? Ich hatte von ein paar Werbeleuten erzählt, die, passend zu Weihnachten, ein neues Geschirrspülmittel auf den Markt werfen wollten und dazu einen Spot gedreht hatten mit Schlösschen im Walde und Rehlein in der Badewanne, mit flauschigem Badetuch. Schon der alte Fuchs Herodes hatte ja Weihnachten für seine finsteren Zwecke einspannen wollen und den Weisen weisgemacht, er wolle auch kommen um das Kind anzubeten. Weihnachten und sein Missbrauch gehören zusammen – von Anfang an. Aus diesem verfilzten Knäuel die Botschaft vom Licht in die begriffsstutzige Finsternis zu bringen, war auch der Sinn dieser ­Geschichte. Aber das war meinem Zuhörer nicht zu vermitteln. Für dieses Jahr habe ich mir vorgenommen, eine ganz zarte Geschichte zu schreiben: ohne Sarkasmus, ohne Bloßstellung, ohne Siegerpose. Das wird ein hartes Stück Arbeit werden.

Meistens denke ich bis zum Tag ­davor: Diesmal fällt dir aber wirklich nur Quark ein – und früh um Fünf am 24. Dezember ist die Geschichte fertig. Ich brauche nur noch aufzustehen und sie aufzuschreiben. Das ist das Weihnachtsgeschenk des Herrgotts an mich. Von den anderen bekomme ich Edelschlipse und Jahrgangs-Bordeaux. Alle Jahre wieder. Deswegen liebe ich Weihnachten und kann auch alle lieb haben, die in unsere Kirche kommen. Besser machen muss sie der Chef persönlich. Christ, der Retter ist da.

Eine Weihnachtsgeschichte werde ich nicht vergessen: Während einer Christvesper ging ein Kind nach vorn und klaute das Christkind aus der Krippe. Unsere Gemeindehelferin wollte es ihm wieder abluchsen – aber das Kind holte es sich wieder. Ungefähr fünf Mal. Dann gab die Gemeindehelferin entnervt auf, und die Gemeinde klatschte begeistert. Die Leute in der Kirche, die vorher so aussahen, als müssten sie möglicherweise gleich betroffen dreinblicken, bekamen nach und nach von diesem Kind glänzende Augen und Lachfältchen. Der Herr ­Jesus persönlich war zu Besuch gekommen und hatte die Predigt übernommen. Beim Lied »O du fröhliche« sahen sich die Menschen an und zwinkerten sich zu. Alle Weihnachtsskeptiker waren bekehrt.

Zu harmonisch? Ja, um Gottes willen: »Es wird am Ende alles gut werden, auch wenn es ganz klein und schief anfängt« – das ist doch die Weihnachtsbotschaft. Bei uns gibt es selbstverständlich Wiener Würstchen am Weihnachtsabend. Und Silent Night von TAKE 6. Kennen Sie nicht? Stille Nacht tut’s auch.

Matthias Neumann

Nur 18 Zentimeter bis zum Untergang

10. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Noch bis zum 18. Dezember tagt in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen der Welt-Klimagipfel. Eine ­Nation allerdings fehlt am Verhandlungstisch, obwohl sie bedroht ist wie kaum eine andere: die Malediven.

Proben für den Ernstfall: Am 17. Oktober stiegen der maledivische Präsident Mohammed Nasheed und sein Kabinett in Taucheranzüge, um eine Kabinettssitzung unter Wasser abzuhalten. Foto: picture-alliance/dpa

Proben für den Ernstfall: Am 17. Oktober stiegen der maledivische Präsident Mohammed Nasheed und sein Kabinett in Taucheranzüge, um eine Kabinettssitzung unter Wasser abzuhalten. Foto: picture-alliance/dpa

Wir können uns die Teilnahme schlicht nicht leisten, unser Haushaltsdefizit war noch nie so hoch wie heute«, begründet der Präsident der Inselgruppe, Mohammed Nasheed, die Entscheidung. Das wenige Geld, das die Regierung trotz der globalen Wirtschaftskrise noch hat, ist wichtigeren Dingen vorbehalten. An erster Stelle einem Fonds, mit dem Nasheed ein neues Land für die rund 300000 Bewohner der Malediven kaufen will.

Denn den Trauminseln im Indischen Ozean, gelegen zwischen dem indischen Subkontinent und Afrikas Ostküste, droht der Untergang. Der höchste Punkt der gut 1000 Inseln liegt nur 2,4 Meter über dem Meeresspiegel. Das UN-Umweltprogramm (UNEP) geht davon aus, dass ein klimabedingter Anstieg des Meeresspiegels von nur 18 Zentimetern bereits weite Teile der Malediven unbewohnbar machen würde – die 60 Zentimeter, die manche Klimaforscher bis zum Jahr 2100 voraussagen, würden die Nation praktisch komplett verschwinden lassen.

Kein Wunder, dass Nasheed zu den lautstärksten Befürwortern eines verbindlichen Klimaabkommens gehört, über das in Kopenhagen verhandelt wird. »Wenn wir uns in Kopenhagen nicht auf eine Begrenzung des Temperaturanstiegs auf 1,5 Grad einigen, werden wir sterben«, warnt Nasheed, der Anfang des Monats einen Appell der vom Klimawandel bedrohten Nationen initiiert hat. »Was wir brauchen, ist ein Überlebenspakt, keinen Selbstmordpakt«, heißt es darin.

Um Öffentlichkeit für sein Anliegen zu schaffen, schreckt Nasheed vor nichts zurück. Mitte Oktober ließ der Präsident sein Kabinett in Taucher­anzüge steigen, um bei einer Sitzung unter Wasser eine Erklärung zu ver-
abschieden, die zur Reduktion von Treibhausgasen in der industrialisierten Welt aufruft. Die Bilder gingen um die Welt. »Wenn die Malediven nicht gerettet werden, glaube ich kaum, dass es für den Rest der Welt noch Hoffnung geben wird«, verkündete der klatschnasse Präsident kurz danach.

Auch wenn die Regierung bereits für Landkäufe in Indien oder Australien spart, um die Bevölkerung notfalls umsiedeln zu können, hat man die Hoffnung auf den Malediven noch nicht aufgegeben. Auf einer kleinen Insel nördlich der Hauptstadt Male’ entsteht in den kommenden anderthalb Jahren die erste Windkraftanlage der Malediven, die die Hälfte des Strombedarfs decken soll.

»Wir tun das, weil wir ein Umweltbewusstsein haben«, so Nasheed, der von allen Entwicklungsländern Kohlendioxid-Neutralität fordert. »Wenn die, die am wenigsten haben, das meiste tun, welche Ausflucht gibt es dann noch für die Reichen, weiter ­untätig zu bleiben?« In zehn Jahren, so Nasheeds Vision, sollen die Malediven der erste CO2-neutrale Staat sein. Die Windanlage allein soll den Treibhausgasausstoß der Inselgruppe um ein Viertel senken.

Allzu groß scheint das Vertrauen der Insulaner auf erfolgreiche Klimaverhandlungen nicht zu sein. Davon zeugt Hulhumale’, eine Insel im Norden der Hauptstadt. Die Bewohner nennen sie schlicht »die Zukunft der Malediven«. Auf fast zwei Quadratkilometern sind hier seit 1997 Korallenschutt und Sand aufgeschüttet worden, bis das Atoll durchgehend auf zwei Metern über dem Meeresspiegel angehoben war. Erste Apartmentblocks, Läden und Moscheen stehen bereits. Bis 2020 soll hier ein Sechstel der Bevölkerung leben, vergleichsweise sicher vor dem Anstieg des Meeresspiegels. Eine Erweiterung ist bereits in Planung: Dann sollen 100000 Menschen auf der Rettungsinsel Unterschlupf finden.

(epd) Marc Engelhardt

Zeugnis barocker Frömmigkeit

10. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

Neuerscheinung beschreibt das Phänomen »Taufengel in Mitteldeutschland«

Einer der beiden Taufengel aus der Bartholomäuskirche im Bördedorf Hötensleben in Sachsen-Anhalt. Foto: Muschke/Kirchliche Stiftung Kunst- und Kulturgut

Einer der beiden Taufengel aus der Bartholomäuskirche im Bördedorf Hötensleben in Sachsen-Anhalt. Foto: Muschke/Kirchliche Stiftung Kunst- und Kulturgut

Bis vor einem Jahr bot er einen traurigen Anblick: Nagekäfer hatten seine Finger zerfressen. Der Kranz, als Halterung für eine Schale bestimmt, war deswegen an den Handgelenken festgebunden. Am rechten Flügel hatte jemand die Spitze abgesägt. Seine Farbe blätterte ab. Erst 2008 erhielt der Taufengel in der Dorfkirche im altmärkischen Dambeck seine alte Schönheit zurück. Nun fallen wieder dicke, gelbe Haarsträhnen in ein freundliches Gesicht mit dunklen Augen, einer kräftigen Nase, rosigen Lippen und Wangen. In Weiß und Gold leuchten Gewand und Flügel, grün schimmert der Kranz.

Die Geschichte dieses Engels und Hunderter seiner Artgenossen wird in Worten und Bildern in dem kürzlich erschienenen Buch »Taufengel in Mitteldeutschland – Geflügelte Taufgeräte zwischen Salzwedel und Suhl« ­erzählt. Die aus Holz oder Stein geschaffenen Skulpturen, die als Helfer bei der Taufe dienten, kamen ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ausschließlich in lutherischen Kirchen vor. Verbreitet waren sie von Norddeutschland bis Oberfranken, auch in Skandinavien lassen sie sich nachweisen. Manche haben die Gestalt eines kleinen Kindes, andere sind fast lebensgroß. Manchmal treten sie in Paaren auf, wie in Emersleben oder Dedeleben, manche gehören zu einer Engelgruppe – zum Beispiel in der Dorfkirche von Altenklitsche. Nach dem derzeitigen Stand der Forschung lässt sich der früheste Taufengel 1614 in der Kirche von Kemberg bei Wittenberg nachweisen. Die steinerne Gestalt kniet auf dem Boden und trägt ein großes Becken im Nacken. Später kamen die schwebenden Taufengel auf, ab 1680 stehende.

Mit der Aufklärung und dem sich wandelnden künstlerischen Geschmack waren Taufengel ab dem Ende des 18. Jahrhunderts nicht mehr gewollt. Mancherorts wurden sie sogar verboten. Überliefert ist ein Schreiben aus dem 19. Jahrhundert, in dem es heißt: »… entstellend für das Innere des Kirchengebäudes sind die an der Decke desselben hängenden sogenannten Taufengel, … die durch ihre gewöhnlich geschmacklosen Gestalten einen unangenehmen Eindruck machen. Es ist daher von den Predigern zu veranlassen, dass … diese aus den Kirchen überall entfernt …« werden. Zwar wurden viele Engel weiterhin verwendet, andere verschwanden jedoch auf Dachböden. In den rund 2300 Kirchen im Gebiet der preußischen Provinz Sachsen sind bislang 270 Taufengel ermittelt. Von ihnen blieben 215 in ihren Kirchen erhalten, einige weitere gelangten in Museen.

In dem Buch sind sie nicht nur ausführlich beschrieben. Der Theologe Peter Poscharsky gibt einen grundlegenden Überblick über Taufengel als Zeugnisse lutherischer Frömmigkeit im Zeitalter des Barock. Mit dem Zustand, in dem sich viele heute befinden, beschäftigt sich der Beitrag von Reinhold Gonschior. Die Herausgeberin schließlich hat ihre Erkenntnisse über Bildhauer und Auftraggeber zusammengefasst.

Das inhaltlich sehr interessante sowie durch Papier- und Bildauswahl schöne Buch »Taufengel in Mitteldeutschland« leistet nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung dieses Phänomens. Es lädt dazu ein, die Engel in den Kirchen zu besichtigen. Dass ihre Geschichte nicht zu Ende geschrieben ist, zeigt das Beispiel des jüngsten Taufengels, den der Künstler Thomas Leu aus Drahtgeflecht schuf. Seit drei Jahren schwebt er in der Nikolaikirche in Wettin.

Angela Stoye

Seyderhelm, Bettina (Hg.): »Taufengel in Mitteldeutschland – Geflügelte Taufgeräte zwischen Salzwedel und Suhl«, Schnell & Steiner, 394 S., ISBN 978-3-7954-2292-9, 24,90 Euro. Zu bestellen bei der Kirchlichen Stiftung Kunst- und Kulturgut in Magdeburg, Telefon (0391)5346560 oder (0391)5346563

www.kskk-online.de

Gott will im Dunkel wohnen

10. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Gedanken zu dem Adventslied »Die Nacht ist vorgedrungen« von Jochen Klepper

Weihnachtsmarkt auf dem Neumarkt  in Dresden mit Blick zur Frauenkirche.  Foto: Steffen Giersch

Weihnachtsmarkt auf dem Neumarkt in Dresden mit Blick zur Frauenkirche. Foto: Steffen Giersch

Wenn wir an Nacht denken, dann vor allem an die eine, die stille und heilige in Bethlehem. Die Nacht als Dunkelfolie für eine Herrlichkeit, die sich im Licht offenbart. Was wäre das auch für ein nutzloser Schein, wenn er nicht in Finsternis fiele? Das Licht verdankt seine Aufmerksamkeit dem Dunkel. Wer beachtet schon eine Kerze in der Mittagssonne?

Aber Advent und Nacht? Wie geht das zueinander? Ankunft und Finsternis? Wer sieht wohl den, der im Dunkeln eintrifft? Kommt der Menschensohn denn nicht, in einer Wolke zwar, aber doch mit großer Kraft und Herrlichkeit, dass wir unsere Häupter in den Nacken werfen können, weil sich unsere Erlösung naht?

Und doch hat einer gewagt, ein ganzes Adventslied in die Nacht zu setzen: Jochen Klepper. Bei ihm ist sie vorgedrungen. Eine Nacht in Bewegung also, eine Nacht, die sich voranarbeitet auf den Morgen zu. Sie ist schon im Schwinden, sie fällt, und zwar auf Menschenleid und -schuld. Kleppers Nacht ist adventlich durch den Stern und durch das Finstere, in dem er strahlen kann. »Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.« Was unsere grellen Lichterketten zu überblinken suchen, macht Kleppers Stern offenbar. Es kommt zur Sprache, dass manche Nacht zum Heulen ist oder unter Tränen alles zur Nacht werden kann: »Auch wer zur Nacht geweinet …«

Dass Nacht im Schwinden ist, wird für Klepper zunächst noch zum Fanal der Hoffnung. Allerdings spricht alles dagegen, als er das Lied im Finsterjahr 1938 dichtet. Die Synagogen brennen, den jüdischen Geschäftsleuten bläst der kalte Wind durch die zerschlagenen Schaufenster. Bald wird die Nacht in Auschwitz und Treblinka lagern.

Schon lange ist sie mitten in die deutsche Bildungsbürgerseele hineingekrochen. Klepper lebt gerade nicht in einer Nacht hirnloser Monster oder dumpfbackiger Kulturbanausen. Die braune Nacht folgt auf das hochgelobte Abendland. Es ist nicht mehr so ganz christlich, aber noch immer von Dichtern und Denkern bevölkert.

Jochen Klepper verzweifelt an diesem Zwiespalt, wie seine Tagebücher zeigen. Er ist ja selbst ein Dichter, und ein Deutscher noch dazu. Er weiß noch nicht, dass ausgerechnet der Stern, den er für sein adventliches Nachtlied wählt, das Verrätersymbol der Gotteskinder sein wird. Seine ­jüdische Frau Hanni wird ihn tragen müssen, die Tochter Renate auch.

Aber unser Lied entsteht noch im Jahr der letzten Hoffnungen, 1938: »Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr, von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.« Das kann, ja, das muss man hoffen, wenn man liebt. Aber die Erfahrung ist eben eine andere. Die Nacht ist vorgedrungen, aber der Tag ist eben doch so fern. Die Nacht ist ganz und gar nicht im Schwinden, sie nimmt noch zu.

Klepper reist in die Höhle des Finsterlöwen Adolf Eichmann und fleht für Frau und Tochter. Ohne Erfolg. Er dichtet keine Lieder mehr. »Lieder vermag ich nicht mehr zu schreiben … Liebe, Lob, Dank, tragen also das Lied nicht; es ist nicht möglich ohne das Vertrauen. Und hier ist dem Widersacher gelungen, mich zu zerstören.«

Das klingt nicht mehr nach: »Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein …« Man hört auch nicht dieses: »Nun hat sich euch verbündet, den Gott selbst ausersah.« Das ist für Klepper zu sehr in Nacht gehüllt seit Kriegsbeginn. Er sieht die Judenkinder in den Judenzügen. Es gehen ihm die Worte aus. Nur seinen Tagebüchern vertraut er den ganzen Jammer noch an. Und da schimmert dann fast auf jeder Seite dieses unglaubliche Überlebenswort der Verzweifelten durch: Gott will im Dunkel wohnen.

Dass Gott dieses Finstere hell machen könnte, das rutscht Klepper später weg. Das kommt ihm gnadenlos abhanden. Aber an dem Gott, der sich auf die Nacht einlässt, hält er fest. Damit wird er, der doch meinte, keine Worte mehr zu haben, zum Sprachfinder der Zeit nach dem Holocaust. Gott will im Dunkel wohnen – das ist gewiss nicht das beliebte fromme Sahnehäubchen oder das große »Trotzdem«, das wir wie Deckel auf kalte Töpfe legen. Gott will im Dunkel wohnen. – Das ist ein unter dem Einsatz des ganzen Lebens errungenes Hoffnungswort. Daran wohl hat sich Jochen Klepper festgehalten, als er am 11. Dezember 1942 gemeinsam mit Frau und Tochter ganz sicher nicht freiwillig, aber sehr bewusst, in den Tod ging.

Thomas Perlick

Advent
Advent heißt:
Erwartung und Ankunft des Herrn.
Heutzutage bedeutet es etwas anderes:
Erwartung und Ankunft
neuer Waren zum Verkauf!

Willy Meurer

»Macht hoch die Tür …«

10. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Wiedereintritte: Evangelische Kirche will Aufnahme neuer und ehemaliger Mitglieder erleichtern

Nur einzeln können Menschen von der Kirche zurückgewonnen werden. Foto: epd-bild

Nur einzeln können Menschen von der Kirche zurückgewonnen werden. Foto: epd-bild

Jährlich verlässt die ­Einwohnerzahl einer ­mittleren Großstadt die evangelische Kirche. Doch es gibt auch ­einen ­bescheidenen ­Gegentrend.

Die Evangelische Kirche will wachsen – gegen den Trend sinkender Mitgliederzahlen. Das Starren auf die Austrittszahlen (immerhin rund 160000 im Jahr 2008) habe zulange den Blick dafür versperrt, dass es auch eine gegenläufige Bewegung in die Kirche gibt. Dieser Befund ist einer der Eckpunkte im ­Impulspapier »Kirche der Freiheit«, mit dem die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) vor drei Jahren die Weichen für Reformen gestellt hat.

Mit dieser Gegenbewegung, die auf Eintritten von Neumitgliedern, Wiederaufnahmen von ausgetretenen Protestanten und Übertritten von Angehörigen anderer Konfessionen beruht, setzt sich die EKD in einer neuen Studie intensiv auseinander. »Macht hoch die Tür«, in dieser Formel lässt sich zusammenfassen, was der EKD-Text als Leitfaden den Kirchengemeinden für den Umgang mit kirchlich Interessierten an die Hand gibt. Die evangelische Kirche soll einladender werden und sich öffnen für Menschen, die sie verlassen haben oder ihr noch nie angehörten, aber wieder Kontakt zur Kirche suchen. Eine ­»Kultur des Willkommens« sollen sie vorfinden, lautet die Empfehlung.

Das Aufnahmeverfahren soll möglichst unkompliziert sein. Wenn Menschen zur evangelischen Kirche gehören wollen, dürften sie nicht den Eindruck bekommen, »einem bürokratischen Apparat mit vielen Anforderungen zu begegnen, sondern einer Atmosphäre der Offenheit und Gastfreundschaft«, wird geraten.

Bei der Mitgliedergewinnung beschreitet die evangelische Kirche schon seit einiger Zeit neue Wege. An immer mehr Orten gibt es spezielle Eintrittsstellen. Häufig sind sie angedockt an »City-Kirchen«, aber auch in Kur- und Ferienorten, oder während der Adventszeit in Einkaufszentren zu finden. Seit 2004 hat sich die Zahl dieser Büros von 50 auf mittlerweile 140 fast verdreifacht. Und offenbar ist dieser Weg eine Erfolgsgeschichte. Denn wo solche Büros bestehen, sind die Beitrittszahlen spürbar angestiegen, ergibt sich aus der Studie »Schön dass Sie (wieder) da sind!«. Hilfreich ist ­zudem eine Regelung, wonach der Eintritt nicht in jedem Fall in der ­örtlichen Kirchengemeinde erfolgen muss, sondern man in den anerkannten Eintrittstellen über landeskirchliche Grenzen hinweg Mitglied werden kann.

Und die Zahlen lassen sich sehen: Der Mitgliederzuwachs von jährlich mehr als 60000 verteilt sich auf Wiedereintritte (26500) Erwachsenentaufen (23000) und Übertritte von ehemaligen Katholiken oder aus anderen Konfessionen. Zwischen 3,5 bis fünf Millionen dürfte sich Schätzungen ­zufolge die Zahl der Menschen bewegen, die zwar evangelisch getauft, aber aus der Kirche ausgetreten sind. In Scharen haben sie die Kirche verlassen, aber nur einzeln können sie zurückgewonnen werden, ist ein Grundtenor der EKD-Studie.

Von Rainer Clos (epd)

Die Studie »Schön, dass Sie (wieder) da sind« ist als Text Nr. 107 in der Reihe der EKD-Texte erschienen und steht im ­Internet als PDF-Datei kostenlos zum ­Herunterladen bereit: www.ekd.de/EKD Texte/2059.html

Sind Babyklappen eine Hilfe?

3. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

PRO:

PRO: Margot Käßmann, Landesbischöfin  der Evangelisch-­Lutherischen ­Landes­kirche ­Hannovers und ­Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland

PRO: Margot Käßmann, Landesbischöfin der Evangelisch-­Lutherischen ­Landes­kirche ­Hannovers und ­Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland

Wenn auch nur ein Kind gerettet wird, hat sich die Babyklappe gelohnt! So haben wir seit der Einrichtung des »Babykörbchens« vor acht Jahren in unserer Landeskirche immer argumentiert. Und es hat sich gelohnt: Neun Säuglinge wurden anonym abgegeben, sieben haben wir im Körbchen gefunden, ein Kind wurde vor dem Diakoniekrankenhaus abgelegt. Drei der »Babykörbchen-Kinder« sind heute wieder bei ihren Müttern, die anderen leben in Adoptivfamilien. Ein tot aufgefundenes Kind, dessen Schicksal viele sehr bewegt hat, haben wir in Verantwortung des Netzwerks Mirjam, das für das Babykörbchen zuständig ist, würdevoll bestattet.

Das zentrale Argument des Deutschen Ethik-Rates ist die Annahme, dass eine Art Entsorgungsmentalität entstehen könne, wenn es den jungen Müttern durch die Babyklappen oder anonyme Geburten so einfach gemacht werde, ihre Kinder loszuwerden. Weiter geht der Ethik-Rat davon aus, dass die Probleme gelöst werden können, wenn die Schwangeren in Not nur die legalen Hilfen besser als bisher nutzten, wenn die Aufklärung über die Hilfsangebote verbessert und die Zusammenarbeit der freien Träger mit den öffentlichen Hilfsangeboten verstärkt würden. Für alle diese Annahmen gibt es keine gesicherten empirischen Belege.

Entgegenhalten will ich die achtjährige Erfahrung unseres Netzwerkes Mirjam, dessen 24-Stunden-Notdienst mehr als 10500 Anrufe erhalten hat, woraus die intensive Begleitung und Beratung von 54 Frauen entstanden ist. Wir wissen: kaum eine der Schwangeren wollte ihr Kind einfach »entsorgen«. Das lässt sich dadurch belegen, dass 41 der Frauen ihre Anonymität aufgegeben haben. Trotzdem bleibt: 13 Frauen gebaren anonym oder gaben ihr Kind im Babykörbchen oder im Kreißsaal ab. Selbstverständlich hat es ein anonym geborenes Kind später nicht einfach, wenn es von seinem Schicksal erfährt. Psychologen sagen aber, dass eine liebevolle Pflegefamilie durchaus die Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit kompensieren kann.

Der Ethik-Rat hat sicher Recht, wenn er bessere Beratung und effiziente Hilfsangebote fordert. Aber es ist unsinnig, deshalb nun die Babyklappen ganz abzuschaffen. Es bleiben junge Frauen, die keinen anderen Weg in ihrer Verzweiflung sehen und die Möglichkeit bekommen müssen, ihr Kind in sichere Hände zu legen. Babyklappen sind die Ultima Ratio in einem Netzwerk von Beratung und konkreter Hilfe, das sich in meiner Landeskirche sehr gut bewährt hat. Ein Konzept übrigens, dass unsere Kirchen schon seit Jahrhunderten als letzten Ausweg kennen – im Zweifel für das Leben.

CONTRA:

KONTRA: Prof. Dr. med. Frank Emmrich, ­Leiter des ­Fraunhofer-Instituts für Zelltherapie und Immunologie  in Leipzig und ­Mitglied im ­Deutschen Ethikrat

KONTRA: Prof. Dr. med. Frank Emmrich, ­Leiter des ­Fraunhofer-Instituts für Zelltherapie und Immunologie in Leipzig und ­Mitglied im ­Deutschen Ethikrat

In der Hoffnung, dass dadurch Tötung und Aussetzung von Neugeborenen verhindert werden können, werden seit etwa zehn Jahren in Deutschland zunehmend Babyklappen eingerichtet. Derzeit gibt es etwa 80 davon. Ihre Zahl nimmt zu. Allerdings ist es damit nicht gelungen, die Zahl der Kindestötungen zu vermindern, die nach wie vor bei etwa 20 bis 30 pro Jahr liegt. Dafür aber sind neue Probleme entstanden. Nicht allen Betreibern von Babyklappen ist bewusst, dass diese illegal sind, da eine regelrechte Erfassung der Neugeborenen im Personenstandsregister nicht erfolgen kann und die Rechte des Kindes auf Kenntnis seiner Abstammung und seiner Familie, sowie möglicherweise auch die Rechte des Vaters nicht berücksichtigt werden. Es ist nicht einmal sicher feststellbar, ob die Mutter selbst oder eine andere Person das Kind in der Babyklappe abgelegt haben. Damit sind Babyklappen und anonyme Geburten selbst zum Problem geworden, das mittlerweile über 500 Kinder betrifft.

Der Deutsche Ethikrat empfiehlt daher mit großer Mehrheit, dass die staatliche Duldung der Einrichtung und des Betriebes von Babyklappen und Angeboten der anonymen Geburt nicht mehr fortgesetzt wird. Stattdessen empfiehlt er verschiedene Maßnahmen, um die öffentliche Information und die Zusammenarbeit der Behörden zu verbessern, damit allen Frauen in schwierigen familiären und sozialen Situationen rasch, unbürokratisch und auch mit hohem Vertrauensschutz geholfen werden können. Der Ethikrat empfiehlt überdies, durch Schaffung eines speziellen Gesetzes die Möglichkeit zur »vertraulichen Kindesabgabe mit vorübergehender anonymer Meldung« zu schaffen. Damit würde den Beratungsstellen ein neues Instrument in die Hand gegeben, um ein besonderes Vertrauensverhältnis zur Mutter zu begründen und sie schrittweise entweder zur Annahme ihres Kindes oder zur Zustimmung in eine geregelte Adoption zu bewegen.

Wer sich für Einzelheiten interessiert, dem sei die ausführliche Stellungnahme des Deutschen Ethikrates zu diesem Problembereich empfohlen, die entweder direkt über den Deutschen Ethikrat oder über das Internet (www.ethikrat.org) bezogen werden kann. Dort sind sowohl die bisher gemachten Erfahrungen wie auch Argumente für und wider die anonyme Kindesabgabe wie auch die speziellen Empfehlungen des Deutschen Ethikrates und ihre Begründungen im Einzelnen nachzulesen. Auch das Sondervotum von sechs der 26 Mitglieder des Ethik­rates kann dort nachgelesen werden, die an der bisher geübten Duldung von ­Babyklappen und anonymer Geburt ­festhalten möchten.

Das aktuelle Stichwort: Babyklappe

Babyklappen sind öffentlich zugängliche, geschützte Wärmebettchen, in denen Frauen anonym ihr Neugeborenes legen und zur Adoption freigeben können. Über einen Alarm werden eine Klinik oder Hebammen auf das Kind aufmerksam gemacht, so dass sie sich um den Säugling kümmern können. In Deutschland wurde vor zehn Jahren in Hamburg die erste Babyklappe eingerichtet. Seitdem wurden dadurch 300 bis 500 Kinder zu »Findelkindern mit dauerhaft anonymer Herkunft«, heißt es in der Stellungnahme des Deutschen Ethikrats.
Derzeit gibt es bundesweit knapp 80 Babyklappen. Die meisten Babyklappen werden von kirchlichen Einrichtungen getragen. Daneben gibt es rund 130 Krankenhäuser in Deutschland, in denen anonyme Entbindungen vorgenommen werden. Dabei gibt die Frau ihre Identität nicht preis. (epd)

Griechenland: Kirchlicher Protest gegen Sondersteuer

3. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Tzimurtas_Giorgio

Giorgio ­Tzimurtas berichtet für unsere Zeitung aus ­Griechenland.

Leere öffentliche Kassen und ein riesiger Schuldenberg – in Griechenland ist die Finanzlage hochgradig dramatisch. Höhere und neue Steuern sollen nach dem Willen der seit Oktober regierenden Sozialisten helfen, den Kollaps abzuwenden. Zu den anvisierten fiskalischen Neuerungen zählt auch eine einmalige Abgabe auf Immobilien. Besonders betroffen hiervon ist die griechisch-orthodoxe Kirche. Sie ist nach dem Staat der größte Land- und Hausbesitzer.

Der Klerus läuft Sturm gegen das »Unrecht«. Die Sondersteuer soll für die Kirche bei Grundstücken mit einem Wert ab 600000 Euro um 0,3 Prozent über dem Normalsatz liegen. »Weder Krieg noch eine Katastrophe« seien die Ursache für die aktuelle Situation, sondern allein eine missglückte Wirtschaftspolitik, sagt Erzbischof Theoklitos von Ioannina, oberster kirchlicher Finanzverwalter. Er stellt klar: »Wir weigern uns, für die Fehler anderer Leute zu zahlen.«

Nach den Plänen von Ministerpräsident Georgios Papandreou soll mit der Immobilien-Steuer die staatliche Unterstützung für arme Familien mitfinanziert werden. Die Regierung rechnet mit rund einer Milliarde Euro an Einnahmen. Die orthodoxe Kirche aber kontert, dass sie bereits »ein großes karitatives Werk« erbringe, dessen Fortbestehen nun bedroht sei. Sie unterhalte mehr als 800 Einrichtungen wie Waisenhäuser, Kindergärten, Kliniken oder Tafeln für Armenspeisungen. Erzbischof Theoklitos wirft der Regierung vor: »Sie nehmen es von den Bedürftigen für die Bedürftigen.«

Wenn schon die Steuer, dann solle die Kirche auch nur den normalen Satz zahlen. Und: Die Abgabe solle nur auf das Immobilienvermögen erhoben werden, das von der Kirche auch genutzt werden könne. Theoklitos erinnert zudem daran, dass der griechische Staat die Kirche schon mehrmals zur Ader gelassen habe. Zuletzt im Jahr 1952, als der bis heute gültige Staat-Kirche-Vertrag geschlossen wurde.

Das aktuelle Immobilienvermögen der orthodoxen Kirche Griechenlands belaufe sich auf rund 702 Millionen Euro, gab Theoklitos bekannt. Das ­Aktienvermögen bezifferte er auf neun Millionen Euro. Sollte es zur Auferlegung neuer Steuern kommen, würden die Körperschaften der Kirche vor dem Bankrott stehen, klagte der kirchliche Chef-Kassenwart. Doch auch der Staat hat gravierende Probleme: Das Haushaltsdefizit beträgt
12 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Die Regierung hält sich mit öffentlichen Reaktionen auf die Position der Kirche noch bedeckt. Doch hitzige Debatten scheinen gewiss.

Giorgio Tzimurtas

Lebendiger Adventskalender …

3. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Feuilleton

Comments Off

… mit Fachwerkromantik in der UNESCO Welterbestadt Quedlinburg

Foto: epd

Foto: epd

Wenn die Dämmerung über den alten Häusern am Quedlinburger Schlossberg hereinbricht, machen sie sich auf den Weg durch die verwinkelten dunklen Gassen. Die Schar geht auf die Suche nach einem ganz besonderen Licht: Ein Stern, der über einem Hauseingang leuchtet und das Datum eines von 24 Dezembertagen trägt. Bei dem Adventskalender in der UNESCO-Welterbestadt im Harz finden die Kinder keine Tür aus Pappe, die sich öffnet, sondern eine aus massivem Holz. Haben sie ein Gedicht oder ein Lied ­vorgetragen, kommen Musiker oder Schauspieler heraus, die in Märchenfiguren geschlüpft sind.

Dieser »lebendige« Adventskalender erstreckt sich über ein ganzes Stadtgebiet. Es war schon ein kleines Jubiläum, als die Aktion am Dienstag zum fünften Mal startete. Die Fläche mit den einbezogenen Häusern misst etwa 1,5 mal 1,5 Kilometer. »Das ist unbestritten der größte Adventskalender in Deutschland, wenn nicht sogar europaweit«, sagt der 62-jährige Initiator Hans-Jürgen Furcht. Die Quedlinburger Altstadt ist mit ihren 1200 Fachwerkbauten seit 1996 UNESCO-Weltkulturerbestätte.

Die Hausbesitzer erhalten zuvor den Adventsstern mit der Nummer des ­Tages, die verkleideten Schauspieler bereiten sich drinnen auf ihren Auftritt vor. Nach dem Klopfen erscheinen etwa Frau Holle oder gar die »Sieben Schwaben«. Beim »Sterntaler« lässt eine Märchenerzählerin aus einem ­Fenster hoch oben glitzernde Fünkchen regnen. Und wie es sich bei einem Adventskalender gehört, werden die Kinder zum Abschluss beschenkt.
Die Nascherei spenden Süßwarenhersteller aus der weiteren Umgebung.

(epd)

Alltag im Licht der Weihnachtsbotschaft

3. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Stressbewältigung im Advent – Wie die Weihnachtsgeschichte alles verändert

Foto: Barbara Neumann / ddp

Foto: Barbara Neumann / ddp

Adventszeit

Die vorweihnachtliche Adventszeit ist eine Möglichkeit,
zur Ruhe zu kommen,
wäre da nicht der Vorweihnachtsstress.

Gudrun Kropp

Es ist Anfang Dezember. Ich kränkele mit einer Erkältung herum. Ich frage mich, warum ich mir auch noch den Stress mit diesem Krippenspiel aufgehalst habe, welches in einer Woche uraufgeführt werden soll und ich keinen Plan habe, wie ich es mit den Kindern bis dahin halbwegs einstudiert haben könnte. Am Wochenende ist zudem mein letzter Kurs der Ausbildung in Karlsruhe und ich weiß schon, dass die Bahnfahrt wieder schrecklich sein wird.
Ich habe noch nicht in den Andachtstext für den Tag geschaut.

Halbherzig und missmutig schlage ich das Buch auf: »Beten ist klagen«. Oh ja, denke ich, das passt gut heute, und werfe Gott meinen geballten Frust vor die Füße: »Alles ist so sinnlos, nichts kriege ich hin, niemanden interessiert, was ich kann und mache. Gott, ich weiß nicht, was ausgerechnet du von mir willst?« – Plötzlich habe ich ganz lebendig die Krippenspielszene mit der kleinen Hirtin Tina vor Augen, wie sie lispelt: »Wenn das wirklich ein Engel war, wieso kommt er dann ausgerechnet zu uns armen Schluckern?« Ganz langsam und ganz warm breitet sich diese Erkenntnis in mir aus. Und während ich nun schon etwas aufgeheitert darüber nachsinne, wie liebevoll Gott mich gerade wieder eingekriegt hatte, legt er noch nach, indem er eine Arie aus dem Elias-Oratorium von Mendelssohn Bartholdy in mir anstimmt, die Worte aus Jesaja 54: »Mögen auch Berge fallen und Hügel weichen, der Bund meiner Gnade wird nicht von dir weichen.« Ich fühle mich unglaublich getröstet.

Plötzlich sind die Widrigkeiten meines Lebens nichts weiter als eben Widrigkeiten, meine Erkältung nur eine Erkältung. Die Deutsche Bahn ein nicht ganz perfektes System, womit man ja immerhin schneller unterwegs ist als mit der Postkutsche. Ich sehe »meine« Kinder mit dem Herzen an. Ich kann wieder alles in diesem anderen Licht, im Licht der Weihnachtsbotschaft sehen. Und ich entwickele eine neue Kreativität, die Botschaft auszubreiten, ein Bedürfnis, Leuten, die es nötig ­haben, etwas zu schenken: ein gutes Wort, eine Karte, eine Kerze. Den Elternzettel mit einer Terminmitteilung ergänze ich spontan um die Bemerkung: »Sie haben großartige Kinder mit tollen Fähigkeiten, es macht uns Freude, mit ihnen zu arbeiten.«

Wieso kommt er dann ausgerechnet zu uns armen Schluckern? Ja, er kommt zu den armen Schluckern dieser Erde, den Menschen, die wirklich am Rand stehen, am Rand der Gesellschaft, am Rand der Akzeptanz: Notleidende, Hartz IV-Empfänger, Verachtete, psychisch Kranke, Einsame, Fremde, Jugendliche, die »Null-Bock« haben, Menschen, die keinen Sinn im Leben sehen. Und er kommt zu diesen Kindern, mit denen ich arbeite und die deshalb so authentisch spielen, weil sie die Botschaft offenbar begriffen haben.

Und – wenn wir es zulassen –, wenn wir unsere eigene Armut sehen und zu den »Arme-Schlucker-Seiten« in uns stehen, kommt Gott auch da hinein. Genau in die Bereiche unseres Lebens, wo wir nicht souverän und großartig sind, wo unsere dunklen Seiten liegen: die Abgründe, die Schwächen, die Schuld, die Verletzungen, unsere Unzulänglichkeiten und Fehler, will er kommen. Mitten in der Nacht unserer zerbrochenen Beziehungen, begrabenen Hoffnungen, geplatzten Träume, kaputten Selbstbilder, niedergeschlagenen Aktionen, vergeblichen Mühen steht der Engel plötzlich da – und strahlt wie Elena mit ihrer Kerze – »Ihr müsst nicht erschrecken! Ich bringe euch eine gute Nachricht! Euch ist der Retter geboren. Ihr findet ihn nicht in einem Palast, nicht in einer Villa (nicht auf der Sonnenseite eures Lebens, nicht auf der Schokoladenseite eures Selbstbildes), sondern im Stall.

Er liegt in einer Krippe und ist ein Baby (klein, hilflos, gibt sich in eure Hände, in eure Dunkelheiten in eure Herzen). »Und übrigens«, sagt Engel Elena, »er heißt Jesus!«

Und in mir singt die Arie aus dem Weihnachtsoratorium: »Herr, dein Mitleid, dein Erbarmen, tröstet uns und macht uns frei …«

Petra Ng’uni