Im Rollstuhl und voll im Geschäft

26. November 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Brot für die Welt: Hilfe zur Selbsthilfe – Mikrokredit verhilft Behindertem in Simbabwe zu Telefonladen

Richman Sinyoro sprüht vor Tatendrang. Dabei haben es Behinderte im politischen und wirtschaftlichen Chaos seiner Heimat Simbabwe besonders schwer.

Mit Energie in ein selbstbestimmtes Leben: Richman Sinyoro auf den Straßen von Bulawayo im südafrikanischen Simbabwe, im Hintergrund seine Frau Ntokozo Ngwenya, die ebenfalls behindert ist. Foto: epd-bild

Mit Energie in ein selbstbestimmtes Leben: Richman Sinyoro auf den Straßen von Bulawayo im südafrikanischen Simbabwe, im Hintergrund seine Frau Ntokozo Ngwenya, die ebenfalls behindert ist. Foto: epd-bild

Oft werden Behinderte in Afrika diskriminiert, und für viele Abergläubische hat Behinderung mit Hexerei zu tun. Doch der 43-Jährige im Rollstuhl, der mit Hilfe der evangelischen Hilfsorganisation »Brot für die Welt« eine eigene Firma in Simbabwe gegründet hat, steckt nicht auf.

Seine Frau Ntokozo Ngwenya mitgezählt, beschäftigt er schon drei Angestellte. »Und das Schulgeld für meine Kinder kann ich auch bezahlen«, berichtet der fünffache Vater bei einem Besuch in Bremen. Als Dreijähriger war Sinyoro an Kinderlähmung erkrankt. Seither kann er nur noch den Oberkörper und die Arme richtig bewegen und einsetzen.

Es wird geschätzt, dass etwa zehn Prozent der rund 12,4 Millionen Menschen in Simbabwe behindert sind. Für sie gibt es unter dem autoritären Präsidenten Robert Mugabe von Regierungsseite kaum Hilfen. Deshalb arbeitet »Brot für die Welt« seit mehr als 20 Jahren eng mit der nichtstaatlichen »Jairos Jiri Association« zusammen, die derzeit landesweit in ­Kliniken, Schulen und Zentren etwa 5000 behinderte Menschen fördert.

Auf seiner Deutschlandreise informiert Sinyoro über Kleinstkredite. Denn es war ein Mikro-Darlehen in Höhe von umgerechnet etwa 80 Euro, der ihm den Aufbau einer neuen Existenz ermöglichte. »Jairos Jiri hat mich ausgebildet und mir einen Job in einer Textilfirma vermittelt. Ich habe dort hart gearbeitet, aber immer zu wenig verdient. Meine Kinder konnten nicht zur Schule gehen«, sagt er.

Sinyoro sitzt zwar immer noch im Rollstuhl, ist aber auch voll im Geschäft: In der Provinzhauptstadt Bulawayo gründete er einen Telefonladen: »Die Menschen haben keine eigenen Anschlüsse zu Hause und wollen trotzdem zu jeder Tageszeit telefonieren. Also muss ich für sie da sein.« Den Call-Shop verband er mit einer Schneiderei und konnte den Kredit bald zurückzahlen. »Spitzenqualität in Schneiderei und Telefonie« steht als Slogan an seinem Geschäft.

Mit dem zurückgezahlten Mikrokredit wurde der nächste Existenzgründer gefördert. Die Lage in Simbabwe ist weiter schwierig, die Regierung gespalten. Nachdem eine galoppierende Inflation den Wert des Simbabwe-Dollars auffraß, zeigen ­Stabilisierungsmaßnahmen erste Wirkung. Gezahlt wird nun mit US-Dollars, dem südafrikanischen Rand oder dem botswanischen Pula. Die Regale vieler Geschäfte sind wieder voll, aber die Waren bleiben für viele Menschen unerschwinglich.

Trotzdem schmiedet Sinyoro Zukunftspläne. Eine weitere Telefonanlage und zwei Industrienähmaschinen stehen bereit. »Sobald Geld da ist, lege ich los«, hat er sich vorgenommen und betont: »Ich will zeigen, dass es sich lohnt, behinderten Menschen eine Chance zu geben.«

Dieter Sell (epd)

www.brot-fuer-die-welt.de

»Essen gehört nicht in den Müllcontainer«
Die 51. Spendenaktion von »Brot für die Welt« startet am 1. Advent mit einem Festgottesdienst in München. Sie steht unter dem Motto »Es ist genug für alle da«. Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass vor allem die Menschen in den Industrieländern ihren ­Lebensstil ändern müssten, so »Brot«-Direktorin ­Cornelia Füllkrug-Weitzel.

Essen gehöre nicht in den Müllcontainer, sondern »in die Bäuche der Hungernden«, setzt sie hinzu.

Spendenkonten:
Diakonisches Werk Mitteldeutschland, Evangelische Kreditgenossenschaft (EKK), BLZ 52060410, Konto 8008000

Diakonisches Werk Sachsen, Landeskirchliche Kreditgenossenschaft (LKG), BLZ 85095164, Konto 100100100

Stichwort »Brot für die Welt« angeben sowie (falls benötigt) Name und ­Anschrift für die Spendenquittung.

Skandal: Jesus als »Judenbengel«

26. November 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Antisemitismus: Eine Berliner Ausstellung dokumentiert den Streit um ein Gemälde von Max Liebermann

Löste einen Kunstskandal aus: »Der zwölfjährige Jesus im Tempel« von Max Liebermann, 1879 gemalt. 	Repro: epd-bild/Liebermann-Villa

Löste einen Kunstskandal aus: »Der zwölfjährige Jesus im Tempel« von Max Liebermann, 1879 gemalt. Repro: epd-bild/Liebermann-Villa

Als Max Liebermann den 12-jährigen Jesus erkennbar als Juden darstellte, gab es einen Sturm der Entrüstung.

Max Liebermanns Bild »Der zwölfjährige Jesus im Tempel«: Im Vordergrund ist ein gestikulierender Knabe mit blonden Locken und pausbackigem Gesicht dargestellt, ihn umringen alte Männer, auf ihren Schultern liegt der Gebetsschal. Direkt neben dem Gemälde hängt das Schwarz-Weiß-Foto eines ganz ähnlichen Bildes: Es ist die gleiche Szene, der Knabe ist jedoch barfuß und trägt dunkle Schläfenlocken, sein Gesicht schmal mit langer Nase. So hatte Max Liebermann 1879 ursprünglich seinen Jesus im Tempel dargestellt und damit einen Sturm der Entrüstung ausgelöst.

Der Wirbel um das Gemälde ist für die Berliner Liebermann-Villa Anlass für die Ausstellung mit dem Titel »Der Jesus-Skandal«. Neben dem zentralen Exponat versammelt sie erstmalig alle erhaltenen Vorstudien in Öl, Skizzen und Zeichnungen. Daneben präsentiert sie auch wichtige Vorbilder und sie präsentiert ausführlich in Zeitungsausschnitten und Dokumenten die Reaktion der Zeitgenossen.

Es ist das einzig bekannte Bild mit religiösem Motiv des späteren Berliner Secessionisten Max Liebermann. »Er war ein Maler, der sich mit seinem Realismus gegen die akademische Kunst seiner Zeit auflehnte«, urteilt Kurator Martin Fass, der Leiter der Liebermann-Villa.

Bilder wie »Die Gänserupferinnen« stießen in konservativen Kreisen auf Ablehnung. Bei dem »Jesus«-Gemälde wirkte das religiöse Thema als zusätzliche Provokation. Liebermann verlegte die Szene in einen Synagogenraum, die Schriftgelehrten sind Rabbiner in sephardischen Gewändern, der Knabe Jesus ist eindeutig ein jüdisches Kind. Martin Fass: »Das reichte, um die Leute auf die Barrikaden zu bringen.«

1879 wurde das Gemälde erstmals in einer Ausstellung im Glaspalast in München gezeigt. Die Kritik sah die christliche Religion durch die realistische Darstellung herabgewürdigt. Dass der Maler zudem selbst Jude war, erzürnte die Besucher umso mehr. Die Leserbriefe, die in der Ausstellung ­zitiert sind, sprechen eine deutliche Sprache: Liebermann zeige »schmierige Schacherjuden«, sein Bild sei »ekelerregend«, Gottes Sohn werde als »Judenbengel« diffamiert, sein Bild sei eine »Verhöhnung des Heilands«, eine »Gotteslästerung« gar. Für Kurator Martin Fass ist die heftige Reaktion auf das Bild Ausdruck eines sich offen äußernden Antisemitismus, der sich im späteren Kaiserreich noch verstärken sollte.

Max Liebermann sah sich schließlich gezwungen, die ursprüngliche Fassung zu übermalen und die Ge-
stalt des Jesus zu verändern. Liebermann seinerseits zog aus dem Wirbel um sein Bild die Konsequenz, dass
er fortan religiöse Themen mied.

Sigrid Hoff (epd)

Die Ausstellung »Der Jesus-Skandal – Ein Liebermann-Bild im Kreuzfeuer der Kritik«
ist bis 1. März in der Liebermann-Villa am Wannsee, Colomierstraße 3, 14109 Berlin,
täglich außer dienstags von 10 bis 17 Uhr zu sehen.

www.liebermann-villa.de

Ein Haus für Gott aus Zeit gebaut

26. November 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Am 1. Advent beginnt das neue Kirchenjahr – seine Feste sind heilsame Unterbrechungen des Alltagslaufes

Foto: István Benedek, sxc.hu

Foto: István Benedek, sxc.hu

Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen. Die Tage werden kürzer, die Nächte kälter. Doch in die letzten Wochen des ausgehenden Jahres ragt schon ein Neubeginn herein – das neue Kirchenjahr, ein wunderbares Haus für Gott aus Zeit gebaut.

Normalerweise sind unsere Gotteshäuser aus Holz und Stein. Sie stehen fest, meist etwas abseits von den belebten Straßen und Wegen unseres Lebens. Wer seinen Schritt dorthin lenkt, unterbricht seinen gewohnten Gang. Solche Unterbrechung ist heilsam. Oft gehen wir anders weiter als wir gekommen sind – ruhiger, getroster und besonnener vielleicht. Wir dürfen neu dem Leben trauen, »weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern Gott es mit uns lebt.« (Alfred Delp).

So sind unsere Gotteshäuser Erinnerungsorte an Gott, der unseres Lebens Mitte ist. Zwar erfüllt Gott allen Raum; und gewiss treffen wir überall auf ihn. Und doch brauchen wir auch solche »heiligen« Räume. Deshalb bekennt der Psalmbeter: »Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt.« (Psalm 26, Vers 8 )

Das Volk Israel hat für Gott aber nicht nur ein Haus in den »Raum« gebaut, sondern auch in die »Zeit«. Auch der Lauf der Zeit braucht Unterbrechungen, um Leib und Seele zu erfrischen. Der jüdische Jahreskreis war von großen Festen geprägt, die allesamt die Erinnerung wachhielten an Gottes Handeln in der Geschichte. Die Grundstruktur dieses Hauses aus Zeit aber war der Sabbat – jene heilsame Erfindung Gottes, an der sich Israel in aller Schmach und Unterdrückung immer wieder aufgerichtet hat. In diesem Sinne schreibt Heinrich Heine von der »Königin Sabbat«:

Hund mit hündischen Gedanken,
ködert er die ganze Woche
durch des Lebens Kot und Kehricht,
Gassenbuben zum Gespötte.
Aber jeden Freitagabend,
in der Dämmrungstunde,
plötzlich weicht der Zauber,
und der Hund wird aufs Neu’
ein menschlich Wesen.

Die christliche Gemeinde ist der Tradition seines »älteren Bruder« gern gefolgt und hat in Anlehnung an den jüdischen Festkalender das Kirchenjahr gestaltet. An die Stelle des Sabbat trat natürlich der Sonntag – der Tag der Auferstehung unseres Herrn. Auch wir sollten ihn »königlich« begehen, uns an ihm freuen und fröhlich sein; ist doch jeder Sonntag ein kleines Ostern, das von der Hoffnung kündet, die mit Jesus Christus in unsere Welt gekommen ist.

Überhaupt war in den ersten Jahrhunderten lange Zeit das Osterfest das einzige christliche Fest; es ist auch bis heute die eigentliche Achse des Kirchenjahres geblieben. Erst aus dem 3. Jahrhundert haben wir Zeugnisse über die Feier der Geburt Christi. Die Entstehung dieses Festes hängt vermutlich mit dem von Kaiser Aurelian im Jahre 275 verfügten Geburtsfest des »unbesiegbaren Sonnengottes« am 25. Dezember zusammen.

Die Christen Roms haben dieses heidnische Fest nicht mitgefeiert; stattdessen haben sie es in kühner Weise »enteignet«, indem sie genau an diesem Tag die Geburt Jesu Christi als der »wahren Sonne« feierten. Rasch fand das Weihnachtsfest Eingang im ganzen Reich; auch wurden weitere Erinnerungen an das ­Leben Jesu in den Jahreskreis eingezeichnet. Das Kirchenjahr entstand – eine wunderbare Gedächtnisstütze an die »großen Taten Gottes« (Apostelgeschichte 2,Vers 11). Wer sich ihm anvertraut, dem wird es zum heilsamen Rhythmus, denn es verbindet das Leben Jesu mit unserem eigenen Leben.

Es ist nun ein tiefes Symbol, dass das neue Kirchenjahr schon in das alte, vergehende Kalenderjahr hineinragt. Das heißt doch: Wir gehen nicht dem Ende entgegen, vielmehr ist alles Vergehen umfangen von dem Neubeginn Gottes in Jesus Christus. Im Dunkel schon leuchtet das Licht, ja die Mitte der Nacht wird zum Anfang des Morgens.

Dabei ist die Adventszeit keine Zeit sinnlosen Wartens. Offenbar brauchen wir diese Zeit, damit die Botschaft wirklich unser Herz erreicht: Christus ist geboren – Licht der Völker, Hoffnung der Welt! Dass solches Erinnern an Gottes Handeln in der Geschichte – sei es im Guten wie im Schweren – immer auch ein Gewinnen von Zukunft ist, zeigt folgende kleine Begebenheit: Als ­Napoleon in die Stadt Akko kam und Juden dort weinen sah, fragte er: »Aus welchem Grunde weint Ihr?« Ihre ­Antwort: »Wir weinen über die Zerstörung des Tempels von Jerusalem.« Da fragte Napoleon: »Wann ist das passiert?« Die Anwesenden antworteten ihm: »Es geschah vor etwa 2000 Jahren.« Da sagte Napoleon: »Vor 2000 Jahren? Und noch heute weint Ihr? Wenn dies so der Fall ist, und wenn ein Volk sich noch heute so an seine Vergangenheit erinnert, dann hat dieses Volk auch Zukunft.«

Johannes Berthold

Der Autor ist Vorsitzender des Sächsischen Gemeinschaftsverbandes.

Die Hexen fliegen wieder

26. November 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Sie gelten vielen als typisch für das ebenso »finstere« wie ferne Mittelalter. Doch im Gefolge von Feminismus, Esoterik und Neuheidentum tauchen sie wieder auf: die Hexen.

Was auf den ersten Blick wie Folklore aussieht, hat einen ernsten Hintergrund: Frauen bezeichnen sich offen als Hexen, üben magische Rituale, organisieren sich in Zirkeln. Foto: ullstein bild/Adolph

Was auf den ersten Blick wie Folklore aussieht, hat einen ernsten Hintergrund: Frauen bezeichnen sich offen als Hexen, üben magische Rituale, organisieren sich in Zirkeln. Foto: ullstein bild/Adolph

Sie hat eine große krumme Nase, einen buckeligen Rücken und der Besen ist ihr ständiger Begleiter. So jedenfalls kennt man die typische Harzer Hexe als Puppe aus dem Souvenirshop oder von der langen Nacht der Hexen, wie sie z.B. in Thale in Sachsen-Anhalt gefeiert wird. Doch Hexen geben nicht nur eine amüsante Kostümvorlage oder historischen Gruselstoff ab. Die ­sagenumwobenen Figuren liefern auch ein magisches Beispiel für ein ganzheitliches Lebenskonzept, wie es heute von modernen Hexen und Magiern in Deutschland gelebt wird.

Auch in Mitteldeutschland treffen sich Anhänger des Hexenkultes regelmäßig zu Hexen- und Heidenstammtischen. Besonders verbreitet sind sie in Sachsen. Sieben solcher Stammtische werden auf der Website www.religion-vor-ort.de unter dem Begriff »Neuheidentum« aufgeführt, die meisten davon in Leipzig, Dresden und Chemnitz. Dr. Harald Lamprecht, Sektenbeauftragter der evangelischen Landeskirche in Sachsen, hat die Website zusammen mit dem Verein interkulturelles Forum Leipzig gegründet.

Die Datenbank ist ein Versuch, die Vielfalt der Reli­gions- und Weltanschauungsgemeinschaften in Sachsen aufzuzeigen. Sie möchte einen Überblick geben, ist jedoch keineswegs vollständig und wird ständig aktualisiert. »Hexen sind strukturell nicht fassbar«, gibt Lamprecht zu bedenken, »man kann da nicht irgendwelche Waldlichtungen ausmachen, wo sie sich treffen«. Auch der Religionswissenschaftliche Medien- und Informa­tionsdienst, REMID, hält sich mit konkreten Zahlen ­zurück. Die Rede ist von einigen Tausend Hexenzirkeln
in Deutschland, sogenannte Covens, die aber nur die stark organisierte Seite der Hexenbewegung wider-
spiegeln. Neben den Gemeinschaften, in die man über Rituale eingeweiht wird, gibt es auch »frei fliegende«, also unabhängige Hexen.

Die Möglichkeiten, als Hexe seinen Lebensweg zu ­begehen, sind daher vielfältig. Während die einen versteckt und unerkannt bleiben wollen, offenbaren sich ­andere mit ihren magischen Angeboten, machen aus dem Hobby ihren Beruf, z.B. als Wahrsager oder Kartenlegerin.

Für Dr. Matthias Pöhlmann von der evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin ist
die Bezeichnung »Hexe« inzwischen zum »Containerbegriff« geworden. Während der Hexenverfolgung konnte
es jeden treffen, als Hexe stigmatisiert zu werden, oftmals verbunden mit Hetze und Tod. »Heute hat der ­Begriff seinen Schrecken verloren«, findet Pöhlmann, der sich seit mehreren Jahren wissenschaftlich mit den neuen Hexen auseinandersetzt.

Die Entwicklung des Hexenkultes verlief seiner Beobachtung nach in mehreren Schüben – in den 1970ern war er Teil der feministischen Bewegung, in den 1980ern wurde er als Naturspiritualität in die Öko-Bewegung integriert – der Kult um das »Kräuterweib« war ein Aspekt des Protestes. Dies änderte sich in den 1990er Jahren. Seitdem steht die Hexe eher für die esoterische Dienstleisterin, die nicht nur die Zukunft vorhersagt, sondern auch Hilfe in allen Lebensfragen anbietet. Dahinter steckt keine Boshaftigkeit, »aber der Nutzer solcher Angebote sollte wissen, in welche Hände er sich begibt«, mahnt Pöhlmann.

Harald Lamprecht findet problematisch, dass mit der Macht der Magie die alltäglichen Probleme des Lebens gelöst werden sollen. Für ihn ein untauglicher Weg, »weil man dann sein Leben nicht mehr selbst in die Hand nimmt. Wer seine Entscheidungen von anderen Mächten, wie dem Tarot oder dem Pendel abhängig macht, ­entzieht sich der normalen argumentativen Ebene. Die Folgen dieser Abhängigkeit kennt man aus Goethes »Der Zauberlehrling«. Sind die bösen Geister erst einmal ­gerufen, werde man sie so schnell nicht wieder los. Im schlimmsten Fall könnten damit auch Angstzustände und Verfolgungswahn einhergehen.

Für Matthias Pöhlmann zeigt sich im Phänomen der neuen Hexen die Sehnsucht des modernen Menschen nach einer neuen Religion. Und tatsächlich finden sich auf den ersten Blick sogar Ähnlichkeiten zu anderen Religionen. Hexen nutzen Altäre, feiern ihre Feste nach dem Jahreskreis, haben bestimmte Rituale. Auch ein Leitspruch aus der Hexenbewegung klingt friedliebend: »Tu was du willst, aber schade niemandem, denn egal was du tust, es kommt mehrfach auf dich zurück.«

Die Hexe ist laut diesem Credo vor allem um ihren ­eigenen Vorteil bemüht. Im Christentum sei das anders, meint Pöhlmann und verweist auf das Gebot der Nächstenliebe aus 3. Mose 19, Vers 18: »Wenn es heißt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, dann begegne ich meinem Nächsten nicht mit Berechnung oder Angst, sondern mit Offenheit. Das ist der große Unterschied.«

Maxie Thielemann

Von der Pleiße auf den Ölberg

19. November 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Begegnung in Jerusalem: Ein Leipziger Malermeister restauriert den Festsaal der Himmelfahrtskirche

Als Leipziger in Jerusalem: Malermeister und Restaurator Wolf-Christian ­Heindorf mit Sohn Peter vor der Auferstehungskirche. Foto: Harald Krille

Als Leipziger in Jerusalem: Malermeister und Restaurator Wolf-Christian ­Heindorf mit Sohn Peter vor der Auferstehungskirche. Foto: Harald Krille

Wolf-Christian Heindorf weiß genau, worauf es ankommt: »Die Farben dürfen nicht decken, sie müssen lasierend wirken.« Und: »Es geht gar nicht um Perfektion im Detail, sondern um den perfekten Gesamteindruck«, erklärt er im hellen Sonnenschein auf dem Jerusalemer Ölberg. Der Leipziger Malermeister und Restaurator gilt in der Messestadt seit Jahren als Spezialist für die Restaurierung von Gebäuden aus der Zeit des Historismus. Die hat Leipzig reichlich zu bieten, so dass Heindorf bisher, ­außer einem Auftrag in Bernburg, noch nie außerhalb gearbeitet hat.

Seit wenigen Wochen aber ist er mit seinem 21-jährigen Sohn Peter und drei weiteren Mitarbeitern in Jerusalem beschäftigt. Ihre Aufgabe: Bis Weihnachten soll der Festsaal der von Kaiser Wilhelm II. als Zeichen der Präsenz des deutschen Protestantismus im Heiligen Land gestifteten Himmelfahrtskirche auf dem Ölberg im alten Glanz erstrahlen. »Mein erster Auslandsauftrag und dann gleich hier, wo sozusagen alles begann«, zeigt sich der Meister begeistert. Für den evangelischen Christen ist es mehr als nur ein gewöhnlicher Auftrag.

Begonnen hatte alles mit einem Anruf der Leipziger Kulturstiftung im Frühjahr diesen Jahres. Deren Geschäftsführer Wolfgang Hocquél hatte anlässlich eines Besuches in Jerusalem dem Leiter des evangelischen Zentrums auf dem Ölberg, Pfarrer Michael Wohlrab, Unterstützung bei der Sanierung des Saales zugesagt. Während die Kirche schon Ende der 80-er Jahre von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) restauriert wurde, zeigte der Saal noch die Folgen des Erdbebens von 1927. In Jerusalem fehlte es vor allem an Spezialisten für die Restaurierung anspruchsvoller Ausmalungen aus der Zeit des deutschen Historismus. Und auch an den benötigten Materialien. Deshalb flog Wolf-Christian Heindorf im Mai nach Israel, erstellte zunächst eine Befundsanalyse, eine Kalkulation – »na und dann wurde da eben ein Auftrag draus«, so der Restaurator.

»Meine Frau hat allerdings erst mal die Hände über den Kopf zusammengeschlagen«, berichtet er. »Sie wissen schon, die Medienhysterie von wegen Gewalt und Terror …« Nach einer gemeinsamen Urlaubswoche in Jerusalem war sie dann aber überzeugt, dass es dort nicht gefährlicher als in Leipzig ist und der Auftrag natürlich eine große Chance bietet. Seitdem hält sie ihrem Mann zu Hause den Rücken frei. »Denn ich musste natürlich auch einige lukrative Aufträge in Leipzig ­absagen«, konstatiert Heindorf.

Der Festsaal soll als Teil des Evangelischen Pilger- und Begegnungszentrums der Kaiserin Auguste Victoria-Stiftung als repräsentativer Raum für Empfänge, Vorträge oder Theaterabende zur Verfügung stehen. Wobei sich die Verantwortlichen der EKD im Heiligen Land besonders dem Gespräch und der Begegnung zwischen Juden, Christen und Moslems verpflichtet sehen. Im restaurierten Saal wird dann auch wieder das inzwischen in Deutschland restaurierte großformatige Barbarossa-Gemälde des Leipziger Künstlers Max Seeliger (1865–1920) seinen Ehrenplatz einnehmen.

Bis dahin ist für die fünf Leipziger Restauratoren allerdings noch viel zu tun. Dennoch: »Wir halten Sonntagsruhe wie in der Heimat«, betont der Meister. Am Sonnabend wird in der Regel ein halber Tag für einen kleinen Kulturausflug in Jerusalem und der Umgebung genutzt, am Sonntag steht meist eine größere Unternehmung auf dem Programm. »Demnächst wollen wir uns mal die Bauhausarchitektur in Tel Aviv ansehen, verrät Heindorf noch, bevor er mit seinem Sohn wieder auf das Gerüst muss. Denn auf Termintreue kommt es dem Meister schließlich auch an.

Harald Krille

Wende-Hit und Gesangbuchlied

19. November 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Hochzeitsgeschenk des Klaus-Peter Hertzsch

Theologe mit lyrischer Ader: der Jenaer Professor Klaus-Peter Hertzsch

Theologe mit lyrischer Ader: der Jenaer Professor Klaus-Peter Hertzsch

Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit« schallte es am 4. August 1989 aus rund 100 Kehlen durch die Annenkirche in Eisenach. An welche Tore mögen die singenden Hochzeitsgäste damals gedacht haben? Vom Patenonkel für die junge Braut gedichtet, überwand der Lied »Vertraut den neuen Wegen« schon am Tag nach der Trauung die innerdeutsche Grenze. Es avancierte im Herbst ’89 zum protestantischen Wende-Hit und ist eines der meistgesungenen neuen Lieder in evangelischen Kirchen weltweit – die Nr. 395 im Evangelischen Gesangbuch (EG).

Mit großem Staunen hat Klaus-Peter Hertzsch verfolgt, auf welch weite Wanderschaft sich sein Liedtext begeben hat, dessen Geschichte an einem sonnigen Hochzeitstag vor 20 Jahren begann. Oder schon am Nachmittag zuvor. Denn da setzte sich der Theologieprofessor in einem Eisenacher Hotelzimmer hin und begann zu schreiben über die neuen Wege und das Aufbrechen, über die Hoffnung und das »gelobte Land«.

Des Abends holte der Brautvater das Werk ab, hektografierte es im Pfarrbüro und verteilte die Liedzettel am Morgen in den Kirchenbänken. »Sehr viele Freunde des Brautpaares waren damals zum Traugottesdienst gekommen«, erinnert sich der Jenaer Theologe, »aus Thüringen und aus Sachsen, aber auch aus der BRD, vor allem aus Hessen. Im Sommer des Jahres 1989 waren die Grenzregelungen ja schon ­etwas gelockert. Sie alle nahmen die Liedzettel mit in ihre Heimatgemeinden.«

»Seit leuchtend Gottes Bogen am hohen Himmel stand, sind Menschen ausgezogen in das gelobte Land.« So endet die erste Strophe und es kamen die Tage, in denen Hertzsch befürchtete, seine Verse können missverstanden werden. Als Hunderte von Menschen in der Jenaer Michaeliskirche den Abschlussgottesdienst der Friedensdekade feierten, es war der 22. November 1989, da sang man den letzten Vers etwas anders. Denn vorsichtshalber hatte der Theologe seinen Text, bevor er ihn zur Verfügung stellte, geringfügig geändert. Nicht »in das gelobte Land«, sondern »in sein gelobtes Land« stand nun auf den Liedzetteln. Er habe verhindern wollen, dass die Menschen »Gottes gelobtes Land« mit der Bundesrepublik verwechseln, so der inzwischen 79-jährige Liedautor.

Dass nunmehr der Originaltext in gedruckter und gebundener Form zu finden ist, verdankt sich der Tatsache, dass Klaus-Peter Hertzsch im Herbst ’89 sein Lied ein weiteres Mal verschenkte. »Mein Freund und Berliner Kollege Jürgen Henkys, er war wie ich Praktischer Theologe, wurde 60. Ich wollte ihm etwas schenken. Also schickte ich ihm den Text«, erinnert sich Hertzsch. Jürgen Henkys war damals Mitglied der Gesangbuch-Kommission, die eigentlich schon längst entschieden hatte, welche Lieder in die neue Sammlung aufgenommen werden. Aber spontan entschloss man sich, dem Vorschlag von Henkys folgend »Vertraut den neuen Wegen« als jüngstem Lied einen Platz einzuräumen.

Christine Kükenshöner

Aber wo sind die Toten?

19. November 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Jeder Friedhofsbesuch weckt Fragen nach den »letzten Dingen« – Versuch einer Antwort von Rolf Wischnath

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Ein viertel Jahr nach der Beerdigung ihres Mannes besuche ich die Witwe und mache mit ihr einen Friedhofsgang. Vor dem schön gepflegten Grab fragt sie plötzlich: »Sieht er uns jetzt, wie wir hier stehen?« – Ein Anderer fragt: »Wie soll Auferstehung praktisch aussehen, wenn doch so viele Verstorbene verbrannt werden?«

Kein Friedhofsgang erspart uns solche Fragen. Aber gibt es eine Antwort? Sind unsere Toten vernichtet? Sind sie »ganz tot«, wie eine Lehrmeinung im Protestantismus sagt? Oder leben sie in einer »unsterblichen Seele«, wie nicht nur die katholische Kirche es seit alters lehrt? Oder sind sie im Tod schon »auferstanden«? Und können sie uns sehen? Aber wie soll ich mir das vorstellen: Völlig tot sein, vernichtet und zerstört? Oder: »auferstanden im Tod«? Oder: Einen Menschen, der sich im Tod halbiert in einen sterblichen Leib und eine unsterbliche Seele?

Unsterblich, so sagt es die Bibel, ist Gott allein, denn er allein ist gut. Darum ist die Lehre von der unsterblichen Seele, die das Gute im Menschen »verkörpert«, so problematisch. Der unsterbliche, gute Gott aber gedenkt in seiner Güte der sterblichen Menschen. Und er tut das in seiner im gekreuzigten Jesus offenbaren Liebe und Barmherzigkeit, die keinen verloren gibt. Und weil er ihrer so gedenkt, geht der sterbliche Mensch auch in seinem Tod Gott nicht verloren, verlöscht er nicht einfach wie das ausgeblasene Licht. Sondern er bleibt – vor Gott
und in der Barmherzigkeit Gottes: im Gegenüber zu Gott.

Dahin ist unser irdisches Leben. Aber die Beziehung Gottes zu uns, sein Erbarmen und seine Liebe zu uns, unser »in Christus« gerettetes ­Leben – das ist gewiss nicht dahin, weil eben dieser Gott nicht dahin ist. Ein Verstorbener kann deshalb nicht als völlig leibfreier Geist, als völlig ­ungeschichtlich, als völlig fern von jeder Materialität gedacht werden, wenn ihm auch nicht die Leiblichkeit des irdischen Daseins und dessen Zeitlichkeit zugeschrieben werden können und er auch noch nicht die verheißene Leiblichkeit der großen Verwandlung – der Auferstehung von den Toten – erreicht hat.

»Wo sind die Toten?«, fragen wir. Sie sind heimgekehrt zu Gott. »Können wir mit ihnen verbunden bleiben?« Ihr könnt mit Gott verbunden bleiben, bei dem sie sind. »Können sie uns sehen?« Das glaube ich nicht. Aber ich glaube von den Toten: »Ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christus in Gott«, so sagt es der Apostel einmal über ­Lebende und Tote im Kolosserbrief, Kapitel 3, Vers 3. Weil unser noch gelebtes Leben und der Toten gestor­benes Leben schon jetzt aufgehoben und bewahrt ist »mit Christus in Gott«, darum bleiben Lebende und Tote in ihm verbunden, auch wenn wir uns nicht mehr sehen können. Das gilt auch von den Toten, deren Leib verbrannt worden ist.

Gewiss ist darum: Die wir »die Toten« nennen, sind nicht verloren. Sie sind aber auch noch nicht endgültig gerettet. Denn »die Auferstehung der Toten«, ihre Leib und Seele umfassende Erneuerung und damit die versprochene Erneuerung von Himmel und Erde ist noch nicht geschehen. Die neue Kreatur, der neue Himmel und die neue Erde sind noch nicht da, auch wenn sie in Christus schon unwiderruflich versprochen, ja gegenwärtig sind. Darum steht die letztgültige Errettung und Heimholung der Toten, unser aller Errettung und Heimholung noch aus.

Aber wie soll ich mir das vorstellen, dass »die Toten mit Christus in Gott verborgen« sind und dass sie – wie wir – auf die endgültige Rettung warten? So mögen wir weiter fragen und ­merken immer mehr, dass wir hier an die Grenze des Aussagbaren kommen. In Bildern redet die Bibel vom »Zwischenzustand« zwischen Tod und Auferstehung: vom »Paradies« oder von »Abrahams Schoß«. Anders als in Bildern geht es nicht. Denn niemand von uns ist bislang auf dieser anderen Seite Gottes gewesen.

Ich finde hilfreich, wie es der Tübinger Theologe Jürgen Moltmann ausgedrückt hat, wenn er von dem »Raum«, in dem die Toten »mit Christus in Gott« sind, sagt: »Ich stelle mir jenen ›Zwischenzustand‹ als einen weiten Lebensraum vor, in dem die Geschichte Gottes mit einem Menschen zur Entwicklung und Vollendung kommt. Ich stelle mir vor, dass wir dann jener Quelle des Lebens nahe kommen, aus der wir hier schon Lebenskraft und Lebensbejahung schöpfen konnten, so dass die Behinderten und Zerstörten jenes Leben leben können, das ihnen bestimmt war, zu dem sie geboren wurden und das ­ihnen (im Tod) genommen wurde.«

Prof. Dr. Rolf Wischnath war Generalsuperintendent in der Ev. Kirche in Berlin-Brandenburg. Er lehrt Systematische Theologie an der Universität Bielefeld.

Zeige deine Wunden

19. November 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Leid: Der krebskranke Christoph Schlingensief will neu mit Krankheit umgehen

Diagnose Lungenkrebs: Der 49-jährige Theaterregisseur Christoph Schlingensief, hier bei einer Preisverleihung vor wenigen ­Wochen, Foto: picture-alliance/APA/Barbara Gindl

Diagnose Lungenkrebs: Der 49-jährige Theaterregisseur Christoph Schlingensief, hier bei einer Preisverleihung vor wenigen ­Wochen, Foto: picture-alliance/APA/Barbara Gindl


Lange, allzu lange wurden Leid, Krankheit und Sterben ­verdrängt. Inzwischen gibt es Beispiele, wie Menschen offensiv mit dem Thema umgehen.

Ein Mann bricht das Schweigen. Er geht öffentlich seinen Kreuzweg. Sein Kreuz heißt Krebs. Lungenkrebs. Er weint öffentlich. Er versteckt sich nicht. Sein Umgang mit der Krankheit ist schmerzhaft offen. Die Rede ist von Christoph Schlingensief. Der 49-Jährige geachtete Theaterregisseur erhielt Anfang 2008 die gefürchtete Diagnose. Kurz darauf wird ihm der linke Lungenflügel entfernt. Er entschließt sich, ganz und gar öffentlich mit seiner Krankheit umzugehen. Er führt Tagebuch. Die quälenden Tage vor der Operation, die bangen Wochen der Nachuntersuchungen, die elenden Chemotherapien, alles Hoffen und Beten, Fluchen und Fürchten hat er ungefiltert aufgeschrieben. Rund 250 Seiten Flüstern und Schreien, Wimmern und Wüten sind seit Mai auf dem Markt. Das Buch findet reißenden Absatz.

Schlingensief bricht ein Tabu. Bislang ging man öffentlich mit Krankheit, Leiden, Sterben so um, dass man nicht damit umging. Kranksein und Sterben stört. Krankheit macht Angst. Die gemeinschaftliche Reaktion: Verdrängung. Das Kämpfen überlässt man den Ärzten, das Leiden denen, die es erwischt hat, das ­Beten den Pfarrern.
Schlingensief macht da nicht mit. Er mutet den Menschen seine Krankheit zu. Er setzt sich aus. Er zwingt zum Hingucken. Denn das Thema geht alle an. Keine Lösung liegt im Abdrängen der Angst. Keine Erlösung bringt das Abschließen der Kranken- und Sterbezimmer.

»Dieses Buch ist eine Kampfschrift für die Autonomie des Kranken und gegen die Sprachlosigkeit des Sterbens«, schreibt er. Schlingensief sieht sein Schicksal als eines unter Millionen. »So viele kranke Menschen leben einsam und zurückgezogen, trauen sich nicht mehr vor die Tür und haben Angst, über ihre Ängste zu sprechen.« Schlingensief spricht darüber. Er will alle Kranken ­einladen, »ihre Erkrankung vor sich zu stellen, sie und sich selbst von außen zu betrachten.«

Er kämpft um die Würde der Kranken. Er ringt um den individuellen Sinn der Krankheit. Er tastet nach Gott, Jesus und Maria. Er leiht seine Sprachmächtigkeit allen, die ihre Gedanken und Gefühle im Angesicht einer Krankheit nicht so ausdrücken können. Darin liegt ein Akt unbeschreiblicher Menschlichkeit.

Bei der Lektüre dämmert einem: Es kann sein, dass wir das Umgehen mit Krankheit verlernt haben. Es kann sein, dass für Schwachheit und Krankheit kein Platz ist in der Leistungs- und Erfolgsgesellschaft. Es kann sein, dass die ­moderne Medizin den Menschen auch entmündigt hat. Es kann sein, dass sich das alles rächt und die Seele der Menschen Schaden genommen hat. Schlingensief steuert dagegen. Er bekennt sich zum Kranksein. Er delegiert nichts. Er will selber mit zuständig bleiben für sich. Es ist, als würde er für uns alle lernen, dass das Kranksein, das Vergänglichsein zum Leben gehört. Es ist vielleicht ein stellvertretendes Kranksein. Sich gegenseitig die Einschnitte, die Wunden zeigen, darin liegt für Schlingensief ein heilender ­Umgang mit Krankheit. »Ja, das ist es ­vielleicht: Wer seine Wunde zeigt, dessen Seele wird gesund.«

Er schenkt uns viele Erkenntnisse. Er lehrt uns den Wert des Lebens: »Es geht um das Gefühl, dass es in der Welt, direkt vor meiner Nase, so viele wunderschöne Sachen gibt. Das Normalste ist das Schönste.« Er bekommt einen gütigen Blick auf die Menschen: »Wenn man die Urteils- und Bewertungsmaschine abschalten könnte, wäre doch schon viel ­gewonnen.« Er lernt wieder beten. Ihn beschäftigt die Welt über ihm. Er sagt: »So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein.« Und ahnt doch: »Es geht nichts verloren.«

Stefan Seidel

Schlingensief, Christoph: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!
Tagebuch einer Krebserkrankung, btb-Verlag, 254 Seiten,
ISBN 978-3-442-74070-3, 9,00 Euro

Bezug über den Buchhandel oder den ­Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­Telefon (03643)246161

Erinnerungen entlang des Todesstreifens

13. November 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Wider die DDR-Verharmlosung – eine Bildungsfahrt auf den Spuren der früheren innerdeutschen Grenze

Nur noch museale Reste: Arno Gleisberg schildert die frühere Grenzanlage. Der ehemalige Bundesgrenzschützer führt heute ehrenamtlich im Eichsfeld Gäste auf dem Grenzlandweg. 	Foto: Andreas Kirschke

Nur noch museale Reste: Arno Gleisberg schildert die frühere Grenzanlage. Der ehemalige Bundesgrenzschützer führt heute ehrenamtlich im Eichsfeld Gäste auf dem Grenzlandweg. Foto: Andreas Kirschke

Den Trend zur Verharmlosung kann nur Aufklärung über die Realitäten der DDR stoppen. Auf Spurensuche an
der ehemaligen Grenze.

Arno Gleisberg (72) erzählt bewegend. »Hier lag das erste Gebiet zur Erprobung von Selbstschuss-Anlagen. Sie waren auf drei Ebenen angebracht. Immer vernetzt. 1972 begann die DDR damit«, schildert der frühere Mitarbeiter des Bundesgrenzschutzes Duderstadt. Die 26 Teilnehmer der Bildungsfahrt »Auf den Spuren der innerdeutschen Grenze« fragen nach. Organisiert von der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung weilen sie hier. In Teistungen (Eichsfeld), nahe des Grenzlandmuseums am ehemaligen Grenzübergang Duderstadt/Worbis, ergründen sie mit Arno Gleisberg den früheren Todesstreifen.

Auf 1400 Kilometer erstreckte er sich insgesamt – von der Lübecker Bucht bis zum Fichtelgebirge. Unsummen gab die DDR dafür. »Die Kosten – ohne Personal – lagen bei 3,5 Milliarden DDR-Mark«, sagt Hubert Salbach (54) vom Verein Grenzland-Museum. »Nur zum Vergleich: für den Sport gab die DDR eine Milliarde aus, für Kunst und Kultur zwei Milliarden …« 3,2 Millionen Minen lagen im Todesstreifen. »Bis heute sind 17 Prozent noch ­immer nicht geborgen«, weiß Gleisberg »Wo sind sie geblieben? Ein Großteil hat sich selbst zerlegt. Ein weiterer Teil durch Wild.«

Arno Gleisberg, gebürtig in Schlesien und heutiger Duderstädter, war von 1957 bis 1997 beim Bundesgrenzschutz. Vom Südharz bis zur Werra reichte sein Verantwortungsbereich. Heute führt er ehrenamtlich Gäste auf dem 4,8 Kilometer ­langen Grenzlandweg mit 18 Stationen. Selten, so erzählt er, gab es Berührung mit DDR-Grenzsoldaten, denen sogar eine Grußerwiderung verboten war. Bis auf die tägliche Sprechprobe direkt am Übergang. »Auf ihrer Seite kam auf einen halben ­Kilometer ein Grenzsoldat. Auf westdeutscher Seite kam auf 13 Kilometer ein Mitarbeiter des Bundesgrenzschutzes oder Zolls …«

»Die Propaganda war wirklich massiv. Keiner traute dem anderen. Weder im Wachdienst noch in den Kasernen«, erzählt Lothar Wandt (52), 1977 bis 1980 an der Grenze stationiert, über das Klima innerhalb der DDR-Grenztruppen. Der Eichsfelder Katholik wollte Förster werden. Er wollte seinen Studienplatz. Er wollte »Ruhe« haben. Das gab es nur für drei Jahre NVA. »Es war ein Glücksumstand, dass ich direkt an der Grenze hier im Eichsfeld zum Einsatz kam«, schildert er. Der Schießbefehl brachte viele in seelische Nöte. Lothar Wandt musste ihn Gott sei Dank nie anwenden.

»Es hätte Menschen aus der Nachbarschaft treffen können«, sagt Anwohnerin Brunhilde Heß (64) aus Böseckendorf nachdenklich. 1967 zog sie mit ihrer ­Familie in die Sperrzone. 1971 in die sogenannte 500-Meter-Zone. Sperrstunde war 23 bis 6 Uhr. Nur mit Passierschein durfte sie in ihr Dorf. Es stand unter besonderer Beobachtung. Am 2. Oktober 1961 waren 53 Böseckendorfer in den Westen geflohen …

Etliche Zwangsumsiedlungen ins Innere der DDR gingen mit der Errichtung der Grenzanlagen seit 1952 einher. Es gab Aktionen wie »Kornblume« oder »Ungeziefer«. Bis 1961 betraf es 1270 Menschen. Auch danach gab es noch punktuell Zwangsumsiedlungen. »Die Begründungen waren sehr fadenscheinig«, erinnert sich Hubert Salbach. »Man verunglimpfte Betroffene als ›Großbauern‹. Oder man warf ihnen unmoralisches Verhalten vor. Mitunter schwärzten Nachbarn, die mit jemandem eine Rechnung offen hatten, den Betroffenen bei der Stasi an.« Hubert Salbach, gebürtiger Riesaer, zog 1983 um der Liebe willen ins Eichsfeld. In der Mittelschule Breitenworbis unterrichtet er heute Geographie und Geschichte. Wie ein Wunder empfindet er noch heute den 9. November 1989. Auch die Reisegäste empfinden Dankbarkeit für das Geschenk Deutsche Einheit.

»Sie war wie eine Befreiung. Wie eine Erleichterung«, schildert Roswitha Weber (69) aus der evangelisch-lutherischen Marienkirchengemeinde Großenhain in Sachsen. 1956 weilte sie mit ihrem Mann Heinz auf dem Brocken. Sie blickten ­hinüber ins niedersächsische Braunlage. »Wir wollten immer die Freiheit sehen.« Das blieb ihnen 1961 bis 1989 abrupt verwehrt. Heinz Weber, gelernter Rundfunkmechaniker und tätig für den Betrieb »Bild & Ton Meißen«, musste drei Jahre ins Stasi-Gefängnis Dresden. »Man warf ihm Wehrdienstverweigerung und staatsgefährdende Hetze vor«, erzählt seine Frau.

Aufklärung über die Unmenschlichkeit des DDR-Grenzsystems hält Roswitha Weber für dringend geboten. »Viele Alte verklären die DDR-Geschichte. Und je größer der Abstand zur DDR wird, umso mehr wird verharmlost«, sagt sie nachdenklich.

Von Andreas Kirschke

Die Sehnsucht nach Vergebung

13. November 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Es ist höchste Zeit: Wie die Beichte wieder einen Platz im Alltag bekommen kann (Schluss)

Foto: Gary Scott, sxc.hu

Foto: Gary Scott, sxc.hu

Evangelische Christen vertreten weithin den Standpunkt: Beichten ist katholisch. Wir Evangelische brauchen es nicht mehr. Andere meinen: Beichten müssen höchstens Verbrecher, die schwere Schuld auf sich geladen haben. Dafür ist der Pfarrer ­zuständig. Wieder andere sind überzeugt, dass Beichten überholt und veraltet ist, seitdem wir durch Psychologie und Therapie weit mehr über die Seele des Menschen wissen als frühere Generationen. Im Alltag wird fast nur noch im Zusammenhang mit der Übertretung von Diätvorschriften und von Verkehrsregeln von Sünde und Schuld gesprochen. All dies hat dazu geführt, dass die Einzelbeichte im evangelischen Raum kaum wahrgenommen wird.

Angesichts dieser Situation war es sicher außergewöhnlich, dass am Anfang meines Theologiestudiums die Erfahrung der Beichte stand. Auf dem Gymnasium war ich mit einer Reihe von Mitschülern durch den Religionsunterricht Christ geworden. In den da­rauf folgenden Jahren wurde mein Gewissen aufgeweckt und beunruhigt von Erkenntnissen und Einsichten über mich selbst, mit denen ich nicht allein fertig wurde. Als Student erfuhr ich von der Möglichkeit des seelsorgerlichen Gespräches und der Beich­te. Der Wunsch danach wurde stark, sodass ich beides nutzte. Meine persönliche Geschichte mit der Beichte begann.

Seit einigen Jahren scheint sich eine Wiederentdeckung der Beichte sowohl innerhalb als auch außerhalb von Theologie und Kirche zu ereignen. Nach Jahrzehnten der Verdrängung der Schuld aus dem öffentlichen Bewusstsein, zeichnet sich eine Veränderung der gesellschaftlichen Gemütslage ab. Es ist geradezu mo-
dern geworden, in der Öffentlichkeit Schuld zu bekennen. Kaum ein Staatsbesuch, ohne dass Schuld bekannt würde. Talkshows mit ihren »Schuldbekenntnissen vor Millionen« sind ein weiteres Beispiel. Sie lassen erkennen, wie groß in unserer Mediengesellschaft das Verlangen nach Vergebung, Erneuerung und Lebenshilfe ist.

Untersuchungen zeigen jedoch, dass vor allem für die unmittelbaren Teilnehmer der Talkshows der dort angebotene Weg keine echte Lösung darstellt. Im Gegenteil ist er bei vielen mit schweren psychischen Folgeschäden verbunden, hervorgerufen durch die auf suggestivem Wege bewirkte Preisgabe intimster Sachverhalte.

Auf diesem veränderten gesellschaftlichen Hintergrund sehe ich eine große Chance, die Beichte wiederzugewinnen. Es ist höchste Zeit, Schulderkenntnis und Schuldbekenntnis als Zeichen der Würde des Menschen zu entdecken. Schuldigwerden gehört zum Menschsein dazu. Diese Erkenntnis bildet eine Brücke zur Psychologie. In der Selbsterkenntnis liegt für nicht wenige Therapieformen ein wichtiges Moment zur Reifung der Persönlichkeit. Indem das ­eigene schuldhafte Verhalten bekannt wird, werden verdrängte Persönlichkeitsanteile integriert.

Dass die Beichte dem Menschen seine Verantwortlichkeit zurückgibt und damit zur Stärkung seines Selbstwertgefühls beiträgt, wird nicht von heute auf morgen im öffentlichen Bewusstsein Eingang finden. Jahrhunderte lang hat die Kirche die Rede von Sünde und Schuld dazu missbraucht, Menschen in Angst und Abhängigkeit zu halten. Darum sind Fantasie und Beharrlichkeit erforderlich, um alte und neue Formen der Beichte im Raum der christlichen Gemeinde zu fördern und in das öffentliche Gespräch einzubringen.

Dazu gehören neue Formen der gottesdienstlichen Beichte. Die Thomasmesse hat viel versprechende ­Riten der persönlichen Beichte im Gottesdienst entwickelt. Dazu gehört auch das Angebot von gemeindlichen Selbsthilfegruppen zu spezifischen Problemen, in denen Menschen in ­einem geschützten Raum offen über ihre Schuld sprechen können. Schon im Konfirmandenunterricht sollten meditative Formen der Beichte eingeübt werden: Die Konfirmanden können dazu begangene Sünden auf ein Blatt Papier notieren, das sie an ein Holzkreuz heften. Die »Sündenzettel« werden dann abgenommen und gemeinsam verbrannt.

Auch die traditionelle Form der Einzelbeichte, die durch das mit ihr verbundene Beichtgeheimnis die Intimität des Einzelnen anders als Talkshows zu schützen vermag, lässt sich wiedergewinnen. Kirchentage und Kommunitäten werden heute von vielen Menschen regelmäßig aufgesucht, um zu beichten. Eine Möglichkeit, die Beichte zu erneuern, stellen schließlich auch regelmäßige Sprechzeiten von Pfarrern und Pfarrerinnen in der Sakristei dar.

Peter Zimmerling

Peter Zimmerling, Professor für Praktische Theologie in Leipzig, ist Autor des Buches »Stu­dienbuch Beichte«. Es wendet sich in erster Linie an ­Pfarrer und Seelsorger und will Mut ­machen, die heilsame Kraft der Beichte endlich auch in der evangelischen Kirche wiederzuentdecken.

Zimmerling, Peter: Studienbuch Beichte,
Verlag Vandehoeck und Rupprecht, Göttingen 2009,
335 Seiten, ISBN 978-3-8252-3230-6, 19,90 Euro

Na Laga’at – Bitte berühren

13. November 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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In der israelischen Hafenstadt Jaffa gibt es ein weltweit einzigartiges Theaterexperiment: Alle Schauspieler sind gehörlos, stumm und blind.

Kommunikation durch Berührung: Das Ensemble der behinderte Schauspieler in der Inszenierung »Nicht vom Brot allein«. Foto: Ulrich W. Sahm

Kommunikation durch Berührung: Das Ensemble der behinderte Schauspieler in der Inszenierung »Nicht vom Brot allein«. Foto: Ulrich W. Sahm

Elf Männer und Frauen sitzen hinter einem langen Tisch. Sie tragen weiße Masken ohne Augen- oder Mundlöcher. »Ich erkenne Menschen durch Berühren. Ohne Hände gibt es keine Kommunikation«, sagte einer. Zwei schwarzgekleidete junge Frauen schlagen auf eine große Trommel. Die Schauspieler nehmen ihre Masken vom Gesicht. Wieder ein Trommelschlag. Die Schauspieler wenden sich einander zu.

»Na Laga’at« (Bitte berühren) heißt das weltweit einzige Theater, bei dem alle Schauspieler nicht nur gehörlos und stumm, sondern noch dazu blind sind. »Nicht vom Brot allein« nennt sich das Stück, das zwei Jahre lang mühsam einstudiert wurde. Die Taubblinden mussten lernen, die Vibrationen der Trommeln zu erspüren. Diese geben das Zeichen für die nächste Szene.

Übersetzungen in hörbare Sprache und Gebärden

Anfangs kneten sie frischen Brotteig. Hefegeruch erfüllt den Theatersaal. Während der Teig in Backformen aufgeht, bieten die Schauspieler Einblicke in ihre stille Welt der Finsternis. Sie tanzen, erzählen ihre Träume, eine Hochzeit wird auf der Bühne gefeiert, ihre Tournee nach Italien wird mit buntem Getöse dargestellt. Wie beim berühmten Bild von Pieter Brueghel »Der Blindensturz« (1568) packen sich die Schauspieler an der Schulter, um von einem der schwarzgekleideten Helfer hinausgeführt zu werden. Die Helfer drücken sie in der nächsten Szene auf einen bereitstehenden Stuhl, den sie selber nicht sehen.

Was die Blinden in Gehörlosensprache zu sagen haben, wird von ­einem Helfer an der Seite der Bühne für das Publikum in hörbare Sprache übersetzt. Gleichzeitig gibt er das ­Gesagte in Gebärdensprache wieder, während oberhalb der Bühne der Text in Arabisch, Hebräisch und Englisch auf eine Leinwand geworfen wird. Nach anderthalb Stunden erfüllt den Saal der Duft frischen Brotes.

Kommunikation ist trotz Gebärden kompliziert

Adina Tal, die aus Zürich stammen­de Regisseurin, erklärt dem Publikum den Sinn und die Problematik dieses Theaterprojekts, ehe die Zuschauer eingeladen werden, auf der Bühne das frisch gebackene Brot zu kosten. »Es gibt Theater mit Blinden und mit Gehörlosen und mit Stummen, aber es gibt kein zweites Theater in der Welt, bei dem die Schauspieler alle drei Behinderungen haben.« Jede Probe und Aufführung sei sehr aufwendig. Die Schauspieler müssen aus allen Teilen des Landes abgeholt werden. Auf der Bühne müsse jeder Schritt, jede Bewegung, eingeübt werden.

Dem Theater im Hafen von Jaffa angeschlossen sind ein Café mit gehörloser Bedienung und ein Restaurant, in dem man in totaler Finsternis von blinden Kellnern bedient wird. Wie sich herausstellt, bietet sogar die Gebärdensprachen der Taubblinden keine Garantie für eine reibungslose Kommunikation unter den arabischen Kellnern und den jüdischen Schauspielern, von denen einige aus Russland eingewandert sind. Die ­hebräische Gebärdensprache ist der ­deutschen ähnlich. Doch Russen und Araber hätten eine eigene Gebärdensprache entwickelt, erzählt die Leiterin des im Jahr 2002 gegründeten Projekts. Itzik verwendet die »Handschuh-Sprache« (Lormen), bei der ­jedes Fingergelenk einen anderen Buchstaben repräsentiert. Und Juri »redet«, indem er mit den Fingern die Braille-Blindenschrift auf die Handfläche seines Partners drückt.

Die Regisseurin Tal war vor einiger Zeit in Berlin, um die Möglichkeit einer Tournee nach Deutschland auszuloten. »Der Transport ist sehr teuer. Jeder Schauspieler benötigt einen eigenen Übersetzer an seiner Seite. Hinzu kommen Bühnenbauten, darunter Backöfen«, erläutert sie. Das Theater finanziert sich zu 80 Prozent selbst. Der Rest wird aus Spenden bestritten. Deshalb müsse sich die Auslandstournee auch finanziell auszahlen. In Jaffa geht es relativ einfach: »Auch ohne Reklame ist unser Saal stets gefüllt. Die Zuschauer kommen dank Flüsterpropaganda, um an diesem einzigartigen ­Erlebnis teilzuhaben.«

Ulrich W. Sahm

www.nalagaat.org.il

Kalaschnikow für einen Sack Mais

13. November 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Berichtet: In Afrikas Kriegen tragen oft Kindersoldaten die AK 47 – Erfinder Michail Kalaschnikow wird 90

Sie ist ein wahrhaft globaler Akteur: Kein bewaffneter Konflikt der letzten Jahrzehnte fand in der Welt ohne das russische Sturmgewehr statt.

»Kinderleicht« zu bedienen: Ein 12-jähriger Junge mit einer AK 47 – das Bild entstand 2003 im Kongo.	Foto: picture-alliance/dpa/dpaweb

»Kinderleicht« zu bedienen: Ein 12-jähriger Junge mit einer AK 47 – das Bild entstand 2003 im Kongo. Foto: picture-alliance/dpa/dpaweb

In Afrikas Bürgerkriegen sind es oft Kindersoldaten, die »seine« Waffe tragen: Junge Kämpfer, vielleicht 14, zwölf oder nur neun Jahre alt, präsentieren mit grimmigem Gesicht das wohl bekannteste Schnellfeuergewehr der Welt: die russische AK-47, benannt nach ihrem Erfinder Michail Kalaschnikow. Der Waffenkonstrukteur äußert sich heute meist bestürzt darüber, dass die AK-47 in blutigen Konflikten so viel Leid über die Menschen bringt. Auch wenn er am 10. November seinen 90. Geburtstag feierte, werden irgendwo auf der Welt Kinder und Erwachsene durch Schüsse aus der Kalaschnikow gestorben sein.

1947 ging das Sturmgewehr in Produktion. Mehr als 60 Jahre später ist es immer noch in fast allen Krisenherden der Erde im Einsatz. »Niemand weiß wirklich genau, wie viele AK-47 im Umlauf sind«, sagt Wolf-Christian Paes vom Internationalen Konversionszentrum (BICC) in Bonn. Denn zahlreiche Länder bauten die Waffe in den vergangenen Jahrzehnten nach. Es gibt Produkte mit Lizenz, ohne ­Lizenz, nachgebaute Gewehre, das Nachfolgemodell AK-74. Schätzungen gehen von 60 bis 100 Millionen Ka­laschnikows auf der Welt aus.

Handfeuerwaffen sind »Massenvernichtungswaffen«

Unter den mehr als 500 Millionen Kleinwaffen weltweit ist sie damit das am meisten verbreitete Sturmgewehr – und beteiligt am Tod vieler Menschen. »Die meisten Opfer in Konflikten werden durch Kleinwaffen getötet«, sagt Andreas Rister, Experte für Kinder in Konflikten bei der Hilfsorganisation »terre des hommes«. Sie seien die eigentlichen »Massenvernichtungswaffen«.

Nach UN-Angaben kommen täglich zwischen 800 und 1000 Menschen durch Kleinwaffen um. Und weil diese Revolver, Gewehre und Maschinenpistolen leicht sind, machen sie auch Kinder zu Tätern: Mehr als 300000 Minderjährige werden weltweit als Kindersoldaten eingesetzt.

Daran hatte Michail Kalaschnikow sicher nicht gedacht, als er 1941 im ­Lazarett lag und grübelte, wie er eine neue Waffe erfinden könnte. Sein ­Panzer war von der deutschen Wehrmacht zerstört, er selbst verletzt worden. Die Zeit der Genesung nutzte er, um ein neues Gewehr zu entwickeln. Er studierte Fachliteratur, diskutierte mit Bettnachbarn über die Vor- und Nachteile verschiedener Waffenmodelle.

Kalaschnikow wurde am 10. November 1919 in dem Dorf Kurja in der Altai-Region geboren. Er war eines von insgesamt 18 Kindern. Die Familie litt unter dem kommunistischen Terror, sie wurde nach Sibirien deportiert. Doch Kalaschnikow gelingt der langsame Aufstieg in der Sowjetunion. Im Zweiten Weltkrieg bringt er es erst zum Oberfeldwebel und Panzerkommandanten, durch die Konstruktion »seiner Waffe« wird er berühmt.

Technisch überholt, aber unverwüstlich

Die AK-47 galt bei den Militärs als perfekt. Sie funktioniert bei Kälte und bei Hitze, im Sumpf und in der Sahara, ist einfach zu bedienen und leicht zu reinigen. »Heute gibt es natürlich längst modernere Waffen, aber die Ka­-
laschnikow ist Jahrzehnte haltbar, und deshalb immer noch so verbreitet«, erläutert Wolf-Christian Paes. Zudem sei sie billig. In einigen Ländern koste die AK-47 1500 US-Dollar, in anderen 300 Dollar oder weniger. Nach Angaben des Kinderhilfswerks UNICEF bezahlt man für eine Kalaschnikow in Nord-Uganda so viel wie für ein Huhn, in Angola bekomme man die Waffe für den Gegenwert eines Sackes Mais.

Michael Swoboda, Geschäftsführer der Firma German Sport Guns in Ense-Höingen bei Arnsberg in Nordrhein-Westfalen, glaubt, dass Kalaschnikow diese Entwicklung nicht ­gewollt habe. Er hat den russischen Konstrukteur im Dezember 2007 selbst getroffen. »Er kam zu uns ins Sauerland, um sich zu überzeugen, dass wir nur für zivile Zwecke produzieren«, erzählt Swoboda. Seitdem darf das Unternehmen unter dem Namen »Kalaschnikow« ein Sportgewehr herstellen.

Es ist die einzige Lizenz für Neuproduktionen weltweit. Auch eine kleine Ironie der Geschichte: Um Deutschland zu besiegen, ersann der von der deutschen Armee verletzte Kalaschnikow im Lazarett die Entwicklung einer modernen Waffe. Jetzt baut eine Firma aus dem Land des einstigen Gegners »sein Gewehr« für zivile Zwecke nach. (epd)

Von Michael Ruffert

Großbritannien: Kirche zwischen Teufel und Beelzebub

6. November 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Karl  Pechatscheck  berichtet  für unsere  Zeitung aus Großbritannien.

Karl Pechatscheck berichtet für unsere Zeitung aus Großbritannien.

Da hat wohl einer in England nicht so genau hingeguckt, bei Matthäus 6, Vers 24. Denn dort heißt es eben gerade nicht: »Ihr sollt Gott und den Menschen durch den Mammon dienen.« Was mag wohl Vertreter der anglikanischen Kirche bewogen haben, sich jetzt öffentlich gegen die neue Europäische Richtlinie zur Regulierung der berüchtigten Hedgefonds zu wenden? Ein echtes Eigentor, möchte man meinen, lädt diese Forderung doch gerade dazu ein, sich des reichen einschlägigen Zitatenschatzes aus Neuem wie Altem Testament mit Empörung oder gar Häme zu bedienen.

Das aber, so verständlich es scheinen mag, ginge genauso am Kern des Problems vorbei, wie die absurde ­Argumentation der Kirchenfinanziers von Canterbury und York selbst. Die fürchten, so sagen sie, dass die Grundlage für ihre kirchliche Wohltätigkeit in Gefahr sei, wenn man kirchliches Geld nicht mehr optimal – will heißen risikoreich – aber mit hohem Zinsertrag anlegen könne, oder wenn gar die besten Fondsmanager aus Europa abwanderten. Deshalb solle man ihnen und eben auch den kirchlichen Managern mehr Spielraum zugestehen, als die EU jetzt vorsieht.

Recht kurz gegriffen, das Argument. War es doch gerade der übergroße und unkontrollierte Spielraum der Manager, der viele Menschen aktuell in Armut brachte, die jetzt womöglich auf die Wohltätigkeit auch der Anglikanischen Kirche angewiesen sind. Womit sich der Kreis schließt: Der Fondsmanager verursacht die Armut, gegen die die Anglikanische Kirche hilft, auf der Basis von Erträgen, die der Fondsmanager optimieren soll. Der sprichwörtliche Teufel also, der durch Beelzebub ausgetrieben werden soll, um noch einmal das Neue Testament (Lukas 11, Vers 15) zu Wort kommen zu lassen.

Das Problem liegt natürlich tiefer. Niemand wird den Kirchen das Recht und die Pflicht bestreiten wollen, mit ihren Geldern sorgsam umzugehen, auch und gerade um da aktionsfähig zu bleiben, wo die Not der Menschen drückend und bedrückend ist. Die Kirchen müssen sich in dieser Welt, so wie sie nun einmal ist, einrichten. Sich nicht der gängigen finanztechnischen Strukturen zu bedienen, wäre sträflicher Leichtsinn. Hat sie aber auch ­etwas zu sagen, zu diesem einen Teufel, dem Mammon, der womöglich schon wieder dabei ist, die nächste Spielrunde an den Börsen dieser Welt zu eröffnen? Die christlichen Kirchen haben sich oft mit viel Mut gegen Strömungen des Zeitgeistes gewendet, wenn es um den Kern ihrer Botschaft ging, die sie bedroht sahen durch ­Hedonismus und Gier, durch Geiz und Rücksichtslosigkeit. Sind es aber nicht gerade diese apokalyptischen Reiter des internationalen Finanzmarkts, gegen die jetzt zu predigen wäre?

Karl Pechatscheck

Ein Hauptthema: Freiheit

6. November 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum 250. Geburtstag Friedrich Schillers am 10. November 2009

Am Ende ein Geschichtspessimist: Schillerbüste im Garten des Schillerhauses in Rudolstadt, Foto: epd-bild

Am Ende ein Geschichtspessimist: Schillerbüste im Garten des Schillerhauses in Rudolstadt, Foto: epd-bild

Hunderttausende arbeitsame Hände trugen die Steine zu den Pyramiden zusammen – aber nicht die Pyramide war ihr Lohn. Die Pyramide ergötzte das Auge der Könige, und die fleißigen Sklaven fand man mit dem Lebensunterhalt ab. Was ist man dem Arbeiter schuldig, wenn er nicht mehr arbeiten kann oder nichts mehr für ihn zu arbeiten sein wird? Was dem Menschen, wenn er nicht mehr zu brauchen ist?« Diese Sätze stehen in Schillers Roman »Der Geisterseher« von 1789. Das ist zwar nicht sein bestes Buch, aber bemerkenswert sind diese Überlegungen im Jahr seines 250. Geburtstages allemal. Der Dichter hielt nicht viel von seinen ­erzählenden Werken. Auch seinen Gedichten gegenüber war er kritisch eingestellt. In einem Brief schrieb er: »Das lyrische Fach sehe ich eher für ein Exilium als für eine eroberte Provinz an. Es ist das kleinlichste und undankbarste unter allen.«

Wenn auch seine größten Leistungen auf dem ­Gebiet der Dramatik liegen, so hat er doch auch in Lyrik und Prosa Werke geschaffen, die zum ­Bestand unserer Nationalliteratur gehören. Seine historischen Schriften, »Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der Spanischen Regierung« (1788) und vor allem »Die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges« (1791/93), hoben die Geschichtsschreibung in den Rang großer Literatur.

Als er am Vorabend der Französischen Revolution den »Abfall der ­Niederlande« schrieb, sah er den Geschichtsverlauf noch optimistisch. Er hoffte zuversichtlich, dass durch Freiheit eine allgemeine Menschenwürde erreicht werden könnte. Freiheit war seit seinem genialen ersten Theaterstück »Die Räuber« (1782) eines der Hauptthemen seines Werkes.

Nachdem er 1789 die Französische Revolution begrüßt hatte, schwand sein Optimismus, als nach seiner Meinung terroristische Banden in Frankreich die Macht an sich gerissen hatten. Dieser Geschichtspessimismus ist in seinem dramatischen Hauptwerk »Wallenstein« (1798–1800) am deutlichsten ausgeprägt. Schiller gab die Forderung nach Freiheit zwar nicht auf, aber er ließ sie tragisch an der Realität scheitern. Von nun an zeigen seine Tragödien (»Maria Stuart«, »Die Jungfrau von Orleans«, »Demetrius«; sein letztes vollendetes Schauspiel »Wilhelm Tell« ist die Ausnahme) eine Geschichte, die undurchschaubar und schicksalhaft zerstörend ist. Dafür machte Schiller nicht nur die Tradition und die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse verantwortlich, sondern auch die menschliche Natur insgesamt.

Als letzte Hoffnung blieb ihm die Kunst, die einen Vorschein des Idealen aufleuchten lasse. Dies wird vor ­allem in den reflektierenden Gedichten und seinen Essays zu Kunst und Literatur sichtbar. Wirklich volkstümlich sind diese Gedichte nicht geworden. Das sind seine großen Balladen (»Die Bürgschaft«, »Der Taucher«, »Der Handschuh«, »Die Kraniche des Ibykus«), die zu den Höhepunkten deutscher Balladendichtung gehören.

Früheren Generationen war auch das Gedicht »Die Glocke« (1800) vertraut. Darin wird eine Auffassung von Familie und von der Rollenverteilung der Geschlechter gelobt, die sich um 1800 bereits aufzulösen begann. Aber vielleicht sollte das dort dargestellte geordnete Familienleben ein Bild für den erwünschten allgemeinen Frieden sein, den die Glocke einläuten soll, »Friede sei ihr erst Geläute«.

Jürgen Israel

Ich zähle aufs Erzählen!

6. November 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Für Sie gelesen: Kinderbibeln – Hinweise und Hilfen zur Einschätzung

Langsam wird es Zeit, an Geschenke für Weihnachten zu denken. Die Bibel ist immer eine Empfehlung wert, auch für die Kleinen. Es gibt viele empfehlenswerte Kinderbibeln.

Interessante Lektüre, Foto: KNA-bild

Interessante Lektüre, Foto: KNA-bild

Seit der Wende sind über 200 neue Kinderbibeln auf den Büchermarkt gekommen. Viele kommen gut an, obwohl die Grenze zum Kitsch manchmal schnell überschritten ist. Andere verkaufen sich weniger gut – dabei haben sie in punkto Bibel Kindern ganz viel zu bieten und sind sowohl pädagogisch als auch theologisch sorgfältig gestaltet. Nicht jede Kinderbibel, die bei Erwachsenen gut ankommt, wird auch von den Kindern angenommen. Die ideale Kinderbibel, die jedem Kind und Erwachsenen gefällt, ist noch nicht vom Himmel gefallen. Am besten ist, wenn ein Kind im Laufe seines Aufwachsens mehrere verschiedene Kinderbibeln zu Hause hat. Dann kann es unterschiedliche Kinderbibeln einsehen und merkt ­dabei, dass jede Kinderbibel nicht die Bibel selbst ist, sondern immer eine Bibel-Bearbeitung.

Auf dem Kinderbibelmarkt fällt auf, dass immer neue Arten von Kinderbibeln kreiert werden. Zusatzangebote wie Malen, Basteln, Hör-CD oder Kinderbibeln als CD-ROM sind keine Ausnahme mehr. Kleinkinder werden verstärkt in Blick genommen. Für sie gibt es Bilderbücher zur Bibel, die man an den Buggy befestigen kann oder die aus extra strapazierfähigen Pappseiten gestaltet sind. Darüber hinaus sind immer mehr Sachbücher zur Bibel für Kinderhände auf dem Büchermarkt. Leider kommt bei den meisten neueren Titeln genau das zu kurz, was Kinderbibeln eigentlich ausmachen: eine gute, kindgerechte Erzählung, begleitet durch eine ansprechende Bebilderung.

Hier einige Hinweise und Hilfen zur Einschätzung neuerer Kinderbibeln:
Die zweibändige Kinderbibel von Martina Steinkühler hat sich inzwischen bewährt und ist auch für ältere junge Menschen ansprechend gestaltet. Seit Kurzem gibt es sie bei www.jokers.de für (eigentlich zu) wenig Geld: Martina Steinkühler: Wie Feuer und Wind/Wie Brot und Wein.

Das Alte/Neue Testament Kindern erzählt, Göttingen 2005. Diese Kinderbibel ist ­sowohl theologisch als auch päda­gogisch ein Juwel unter den neueren Bibeln für Kinder! Wer für seine jüngsten Kinder eine belastbare Kleinkindbibel möchte, liegt mit der »Coppenrath Bibel« von Jutta Bergmoser und Michaela Heitmann (Münster 2009) sicherlich nicht daneben. Sie ist ansprechend gestaltet und hat harte Pappseiten für kleine Kinderhände. Die Auswahl enthält 31 biblische Geschichten und hat seinen Schwerpunkt beim Neuen Testament (ca. 2/3 des Buches). Diese Kleinkindbibel mit ihren beachtlichen acht Zentimetern Dicke besticht durch die farbenfrohen Bilder und den einfachen Erzählstil.

Eine besondere Neuerscheinung unter den aktuellen Kinderbibeln ist die »Große Bibel für kleine Leute« von Vreni Merz und Anita Kreituse (München 2009). Die Schweizer Erzählerin Vreni Merz hat feinfühlige Texte für junge Menschen verfasst, die durch einfühlsame Illustrationen der lettischen Künstlerin Anita Kreituse stilvoll ergänzt werden. Das Besondere dieser Kinderbibel ist, dass es zu jedem Abschnitt kurze Impulse oder Fragen zum Nachdenken oder Nachahmen gibt und die Illustrationen Raum für eigene Interpretationen lassen. In einem mit »Ausklang« überschriebenen Abschnitt wird versucht, Kindern das Entstehen der Bibel selbst nahezubringen. Ein farbiges ­Lesebändchen ergänzt eine hochwertig ausgestattete und sorgfältig ­gestaltete Kinderbibel, die bei Grundschulkindern sicher gut ankommen wird.

»Die große Kinder-Bibel« von Karin Jeromin (Stuttgart 2009) wendet sich an Kinder ab dem 4. Schuljahr und bietet insgesamt 125 Passagen der Bibel mit einer Unmenge an Erklärungen und Erläuterungen. Das reichhaltige Bild-, Foto-, Karten- und Illustrationsmaterial (über 500 Darstellungen!) ist zwar insgesamt überzeugend. Allerdings sind sehr viele historisch-kritische Hinweise einseitig und lassen (zu) wenig Spielraum für eigene Einschätzungen des Textes durch die Kinder. Die Kraft des Erzählens spielt in dieser Kinder­bibel überhaupt keine Rolle, da lediglich der Text der römisch-katholischen Einheitsübersetzung geboten wird. Als Sachbuch zur Bibel allerdings sehr zu emp-
fehlen, nicht jedoch als Kinderbibel …

Überraschend anders ist dagegen »Die Erzählbibel« von Werner Arthur Hoffmann (Wesel, 2009). Mehrere Höspiel-CDs bringen sowohl spannend als auch einfühlsam biblische Erzählungen zur Sprache. Das Arrangement entspricht den Hörgewohnheiten junger Menschen, bietet auch ein Lied und ist dialogisch angelegt: Der Erzähler Jonathan malt Kindern nicht nur die Geschichten vor Augen, sondern beantwortet auch deren Fragen und streut Informationen zur biblischen Lebenswelt ein. Ein eindrückliches Hörerlebnis, das für Kinder schon ab sechs Jahren ausdrücklich zu empfehlen ist. Bisher sind fünf CDs mit alttestamentlichen und Jesus-Geschichten erschienen.

• Steinkühler, Martina: Wie Feuer und Wind. Das Alte Testament Kindern erzählt, 290 S.,
Best.-Nr. 4797204 (unter www.jokers.de)
• Steinkühler, Martina: Wie Brot und Wein. Das Neue Testament Kindern erzählt, 303 S.,
Best.-Nr. 4797213 (8 www.jokers.de)
• Bergmoser, Jutta/Heitmann, Michaela: Die Coppenrath Bibel für die Kleinen. Der kleine Himmelsbote, Coppenrath Münster, 56 S., ISBN 978-3-8157-9273-5, 18,50 Euro
• Merz, Vreni / Kreituse, Anita: Große Bibel für kleine Leute, Kösel Verlag, 319 S.,
ISBN 978-3-466-36844-0, 21,95 Euro
• Jeromin, Karin: Die große Kinder-Bibel: Menschen, Geschichten und Lebenswelten des Alten und Neuen Testaments, Katholisches Bibelwerk, 392 S., ISBN 978-3-460-24506-8, 24,90 Euro
• Hoffmann, Werner A.: Die Erzählbibel für Kinder. Folge 5: Isaak und Rebekka, Kawohl Verlag, ISBN 978-3-937240-86-2, 7,95 Euro

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Von Reiner Andreas Neuschäfer

Beichte hilft zu einem befreiten Leben

6. November 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Praktische Hinweise zur Durchführung der evangelischen Beichte (4)

In einer fünfteiligen Serie beschäftigen wir uns mit der Beichte. Diesmal geht es um deren Praxis.

Nach evangelischem Verständnis kann jeder Christ Beichthörer sein und vollgültige Vergebung der Sünden zusprechen." Bildnachweis: www.bilderbox.com

Nach evangelischem Verständnis kann jeder Christ Beichthörer sein und vollgültige Vergebung der Sünden zusprechen. Bildnachweis: www.bilderbox.com

Ziel des christlichen Glaubens ist die Befreiung von Lebens- und Todesängsten, damit Freude und Friede den Alltag prägen. Viele Menschen berichten, dass sich die Beichte auf dem Weg dahin als große Hilfe ­erwiesen hat. Gewöhnlich geht der Beichte ein längerer Prozess des ­Erkennens und Anerkennens von Schuld voraus. Häufig entsteht das Bewusstsein der Sünde durch die Predigt oder die persönliche Bibellektüre, auch durch ein seelsorgerliches Gespräch. Immer geht es darum, dass im Menschen der Wunsch wach wird, vor Gott, vor sich selbst und vor anderen wahrhaftig zu werden. Dabei besteht ein Unterschied zwischen Seelsorge und Beichte. Die Seelsorge führt zur Erkenntnis der Sünde. In der Beichte aber stelle ich mich der erkannten Schuld, damit Gott sie mir vergeben kann. Wer beichtet, tut das letztlich nicht vor einem Menschen, sondern vor Jesus Christus selbst. Beichthörer bzw. Beichthörerin sind nur Zeugen.

Die folgenden praktischen Hinweise zur Durchführung der evangelischen Beichte orientieren sich an vier einfachen Fragen: Wann, wem, wo und wie beichten?

Die Beichte in Anspruch nehmen, sollten wir dann, wenn uns das Gewissen anhaltend anklagt und wir nicht mehr an die Vergebung glauben können. Eine Hilfe ist die Beichte auch dann, wenn uns das geistliche Leben zur lästigen Routine geworden ist. Vor allem in diesem Fall ist auf dem Weg zur Schulderkenntnis ein sog. Beichtspiegel eine Hilfe. Anhand der Zehn Gebote oder anderer Fragen erfolgt eine Prüfung des Lebens vor Gott. ­Allerdings sollte ein Beichtspiegel nur dann verwendet werden, wenn die Durchleuchtung des Lebens nicht zur Zermarterung des Gewissens oder zum Herumwühlen in seelischem Schmutz verführt.

Nach evangelischem Verständnis kann jeder Christ Beichthörer sein und vollgültig die Vergebung der Sünden zusprechen. Hier wirkt sich das von der Reformation neu entdeckte allgemeine Priestertum aus. Gewöhnlich wird derjenige Beichthörer sein, der selbst die Beichte für sich in Anspruch nimmt. Indem er selbst beichtet, erwirbt er neben Erkenntnis der Sünde zugleich Barmherzigkeit gegenüber der Sünde und Schwäche des Beichtenden. Wichtig ist, dass man ­einen Menschen zum Beichthörer wählt, zu dem man rückhaltloses Vertrauen besitzt.

Klassischer Ort der Beichte war lange Zeit – auch in der evangelischen Kirche – der Beichtstuhl in der Kirche. Heute findet die Beichte an unterschiedlichen Orten statt. Wichtig erscheint mir, dass die Gestaltung des Raumes, in dem die Beichte erfolgt, erkennen lässt, dass sie zwar vor einem menschlichen Zeugen, aber letztlich vor Gott abgelegt wird. Dazu hat sich das Anzünden einer Kerze und ein Kreuz als hilfreich erwiesen. Um anzudeuten, dass Gott zwischen Beichthörer und Beichtendem steht, liegt das Kreuz am besten auf einem Tisch zwischen beiden.

Nach reformatorischem Verständnis sind die Grundkonstanten der Beichte das Bekenntnis der Sünde und der Zuspruch der Vergebung. Wichtig ist, dass konkrete Sünden ­bekannt werden, ohne Einzelheiten auszubreiten. Es fällt zwar leichter, ein allgemeines Sündenbekenntnis abzulegen, dieses ist aber für den Beichtenden auch viel weniger tief greifend. Die Beichte kann ohne jede gebundene Form oder anhand einer liturgischen Ordnung durchgeführt werden. Beide Formen haben Vor- und Nachteile. Christen, die jedem Ritual skeptisch gegenüberstehen, werden eine freie Form der Beichte bevorzugen. Andere nützen die geprägte Form der Beichte als eine Art Geländer, das ­ihnen Sicherheit verleiht.

Die Beichte ist kein isolierter Akt, der zum übrigen Leben keine Beziehung besitzt. Nach dem Motto: Habe ich nur erst meine Schuld gebeichtet, ist aller Kampf beendet. Dadurch wird die Beichte einerseits überfordert, andererseits wird sie auf einen Heilsautomatismus reduziert. Darum sollte die Beichte Bestandteil einer geistlichen Lebensführung sein. Sie ist verbunden mit den übrigen Lebensäußerungen der christlichen Gemeinde, wozu Gottesdienst, persönliches Gebet und Bibellese gehören. Vor allem aber will die Erfahrung der Vergebung den Beichtenden in einen Lebensstil der Vergebung hineinziehen: »Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern!«

Peter Zimmerling

Der Autor ist Professor für Praktische Theologie an der Leipziger Universität.

»Als Kirche glaubwürdig und erkennbar sein«

6. November 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Interview: Margot Käßmann – die erste Frau an der Spitze des deutschen Protestantismus

Sie ist für die nächsten Jahre das »Gesicht« der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Benjamin Lassiwe sprach mit der frischgebackenen Ratsvorsitzenden.

Am Vormittag des 28. Oktobers wählten die EKD-Synodalen mit großer Mehrheit die hannoversche Bischöfin Margot Käßmann zur neuen Ratsvorsitzenden der EKD. Foto: epd-bild

Am Vormittag des 28. Oktobers wählten die EKD-Synodalen mit großer Mehrheit die hannoversche Bischöfin Margot Käßmann zur neuen Ratsvorsitzenden der EKD. Foto: epd-bild

Frau Käßmann, was macht die evangelische Kirche heute für Menschen attraktiv?
Käßmann:
Die evangelische Kirche lebt von der Vielfalt ihrer Glaubensformen. Jeder kann sich bei uns beteiligen: Männer und Frauen, Junge und Alte. Im Eröffnungsgottesdienst der EKD-Synode hat ein 16-jähriger Junge erklärt, wie er Kirchenführungen für Kinder eingeführt hat: Er ist gekommen und hat gesagt: »Ich will eine Initiative gründen.« Das Schlüsselwort ist die Beteiligung, das Priestertum aller Getauften.

In vielen Gemeinden dominiert die Mittelschicht. Was macht denn die evangelische Kirche für eher bildungsferne und ausgegrenzte Menschen attraktiv?
Käßmann:
Vielleicht finden Sie in unseren Gottesdiensten mehr die Mittelschicht, aber wenn Sie sich die Mitgliedschaftsstruktur ansehen, werden Sie in unserer Kirche Menschen aus allen sozialen Schichten finden. Gerade im sozialen Bereich ist die Kirche natürlich sehr engagiert – und das nicht nur durch ihre Diakonie. In Hannover haben wir etwa ein Projekt, mit dem wir Kinder stärken wollen, die kaum Bildungschancen haben. Jedes sechste Kind in Deutschland wächst in Armut auf. Als Kirche wollen wir uns fragen, wie wir diesen Kindern helfen können, dass sie Zugang zum Lesen und zur Bildung haben.

In Ostdeutschland gibt es kaum noch Kinder. Was ist Ihre Perspektive für die Landeskirchen dort?
Käßmann:
Mir ist sehr bewusst, dass es für die Kirchen in Ostdeutschland wesentlich schwieriger ist, als für uns im Westen. Erst einmal würde ich gerne die Mitarbeitenden dort ermutigen: Auch in einer schwierigen Situation können wir glaubwürdig Kirche sein. Dann ist es aber wichtig, dass wir erkennbar sind. Die Kirche ist der Ort, wo es Antworten auf Lebensfragen gibt. Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Denn auch Menschen von heute fragen nach Rechtfertigung, nach Gnade, nach Vergebung der Schuld. Aber sie würden es nicht so ausdrücken. Deshalb müssen wir dafür neue Sprachformen finden.

Die EKD befindet sich in einem Reformprozess. Was ist Ihre Position dazu?
Käßmann:
Ich will den Reformprozess auf jeden Fall fortsetzen, weil ich denke, dass Wolfgang Huber da einen wirklich guten und wichtigen Impuls gesetzt hat. Was mich allerdings bekümmert hat, ist, dass viele Gemeinden Begriffe wie »Mentalitätswandel«, »Qualitätssteigerung« und »Taufquo­te« offenbar als Druck empfinden. Ich möchte gerne überlegen, wie der Reformprozess so aussehen kann, dass er Gemeinden ermutigt. Dass sie sehen, dass man auch mit kleinen Mitteln Kirche sein kann.

Ein Teil des EKD-Reformprozesses ist, dass sich Landeskirchen zusammenschließen – zum Beispiel zu einer Nordkirche. Was halten Sie davon?
Käßmann:
Ich finde es wichtig, regionale Eigenheiten zu bewahren, aber trotzdem zu sagen, in größeren Zusammenschlüssen können wir Kräfte bündeln. Ich respektiere es aber auch, wenn andere Kirchen unabhängig bleiben wollen.

Kritik hat es in den letzten Monaten am Verhältnis zwischen EKD und Evangelikalen gegeben. Was schätzen Sie an den Evangelikalen, was stört Sie an ihnen?
Käßmann:
Ich schätze an den Evangelikalen ihre Treue zu unserer Kirche, und dass sie so fest im Glauben stehen. Das ist eine ganz gewichtige, tragende Kraft für unsere Kirche. Aber es gibt durchaus Auseinandersetzungen dort, wo alles andere schlecht gemacht wird. Was etwa die Gruppe »Jugend mit einer Mission« betrifft, werden wir mit der Evangelischen Allianz ins Gespräch kommen und über das Missionsverständnis diskutieren müssen. Mission, durch die Menschen zum Glauben gedrängt werden, fände ich jedenfalls schwierig. Um klares Zeugnis geht es mir, das andere nachfragen lässt.

Was wird sich durch die Wahl zur EKD-Ratsvorsitzenden in Ihrem persönlichen Leben ändern?
Käßmann:
Als ich in Hannover Bischöfin wurde, habe ich gesagt, dass ich mit dem Fahrrad durch Hannover fahren und um den Maschsee joggen werde. Diese Freiheit möchte ich auf jeden Fall behalten. Ich werde Bischöfin der Hannoverschen Landeskirche bleiben und mich nur da vertreten lassen, wo es unbedingt nötig sein wird. Und in meinem Terminkalender wird es künftig feste Termine für das Joggen geben.