Wer Christ ist, übt die Beichte

30. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Martin Luther hat zeitlebens regelmäßig gebeichtet

In einer fünfteiligen Serie beschäf­tigen wir uns mit der Beichte. ­Diesmal geht es darum, wie der Reformator Martin Luther zur Beichte stand.

Hat zeitlebens die Beichte hochgehalten: der Reformator Martin Luther, Foto: Kriss Szkurlatowski, sxc.hu

Hat zeitlebens die Beichte hochgehalten: der Reformator Martin Luther, Foto: Kriss Szkurlatowski, sxc.hu

Für viele Protestanten sicher erstaunlich, aber trotzdem wahr: Martin Luther hat selber zeitlebens regel­mäßig gebeichtet und gehört zu den großen Beichtvätern der Christenheit. Wir kennen sogar seinen Beichtvater: Es war Johannes Bugenhagen, Stadtpfarrer von Wittenberg. Der Reformator lehnt nicht die Einzelbeichte als solche ab, sondern die in seinen Augen falsche Beichtpraxis der dama­ligen Kirche. Die Beichte darf nicht – wie im Mittelalter – als frommes Werk des Menschen missverstanden werden, das Gott von ihm zu tun verlangt. Genauso wenig darf der Mensch zur Beichte gezwungen werden. Sie ist vielmehr Gottes Angebot, sich das Evangelium ganz persönlich zusprechen zu lassen: »Man soll wohl dazu reizen, aber nit treiben, man soll dazu locken, aber nit zwingen. Frei, willig und gern soll man beichten.« Lange schwankte Luther, ob er die Beichte zu den Sakramenten zählen sollte. Schließlich entschloss er sich, es nicht zu tun, weil ihr ein sichtbares Zeichen fehlt, wie es bei der Taufe im Wasser und beim Abendmahl in Brot und Wein gegeben ist.

Eine Art Leitfaden von Luthers Beichtauffassung liegt im Kleinen und Großen Katechismus vor. Im Kleinen Katechismus wird die Beichte auf ihre beiden wesentlichen Stücke beschränkt: Es geht in ihr allein um das Bekenntnis der Sünde und um den Zuspruch der Vergebung. Damit ist die mittelalterliche Verknüpfung der Beichte mit einer Fülle von Bußleistungen vom Tisch. Weiter weist Luther darauf hin, dass nur bewusste Sünden bekannt werden müssen. Damit ist die Forderung der mittelalter­lichen Kirche nach vollständiger Aufzählung ­aller begangenen Sünden überwunden. Dieser Hinweis ist deshalb so wichtig, weil bis dahin die Wirksamkeit der Vergebung von der vollständigen Aufzählung der Sünden abhängig war. Man konnte also nie ­sicher sein, ob die Vergebung auch gültig war.

Die Beichtpraxis wird durch die neuen Einsichten Luthers von Ängstlichkeit befreit. Er versetzt sie in einen Raum der Freiheit. Dass die Beichte dem Menschen ein befreites Gewissen schenken will, muss sich widerspiegeln in der Art, wie in ihr Schuld bekannt wird. Darum sollen nur konkrete Sünden gebeichtet werden. Es soll auch nicht nach Sünden gesucht werden. Der Beichtende ist frei von der ängstlichen Fixierung auf in Vergessenheit geratene oder unbewusst gebliebene Sünden. Indem Luther den Zuspruch der Vergebung ins ­Zentrum der Beichte rückt, wird sie zu einer freudigen, ja fröhlichen Angelegenheit. »Wer nun sein Elend und Not fühlet, wird wohl solch Verlangen danach kriegen, dass er mit Freuden hinzu laufe.«

Besonders wertvoll ist die Beichte für Luther deshalb, weil in ihr die Absolution durch einen Mitchristen – egal ob Amtsträger oder Laie – zugesprochen wird. Das Evangelium, die gute Nachricht von der Vergebung meiner Schuld und meines Versagens, findet seinen Weg zu mir nämlich nicht anders als durch das Wort des Bruders oder der Schwester. »Denn welchem willst du dein Gebrechen klagen denn Gott? Wo kannst du ihn aber finden denn in deinem Bruder? Der kann dich mit Worten stärken und helfen.«

Martin Luther kann nicht fassen, dass es Menschen gibt, die das Angebot der Beichte ausschlagen. Christsein und Beichte gehören für ihn ­untrennbar zusammen: Wer Christ ist, übt die Beichte. Wer die Beichte übt, ist ein Christ. In solchen Sätzen spiegelt sich Luthers eigene ­Erfahrung. Er war davon überzeugt, dass er gerade seiner ­ regelmäßigen Beichtpraxis das Bleiben im Glauben verdankte. »Aber dennoch will ich mir die heimliche Beichte niemand lassen nehmen und wollte sie nicht um der ganzen Welt Schatz geben. Denn ich weiß, was Trost und Stärke sie mir gegeben hat. Es weiß niemand, was sie vermag, denn wer mit dem Teufel oft und viel gefochten hat. Ja, ich wäre längst vom Teufel erwürgt, wenn mich nicht die Beichte erhalten hätte.«

Peter Zimmerling, Der Autor ist Professor für Praktische Theologie an der Leipziger Universität.

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